Bei der subacuten Vergiftung stellen sich frühzeitig dysenterische

Erscheinungen ein, die nach wenigen Tagen zum Tode führen. Die

Obduction ergibt dann ausser eventuellen localen Verätzungsbefunden

eine dysenterische Entzündung des unteren Ileums, insbesondere aber

des Dickdarmes, die sich in ihrer Erscheinungsform von jener der

gewöhnlichen Dysenterie nicht unterscheidet, namentlich wie diese

vorzugsweise die Höhe der Falten betrifft. Diese Entzündung ist

keineswegs eine Aetzwirkung, da sie sowohl nach Injection per os,

als, und zwar häufiger, nach externer, subcutaner etc. Anwendung des

Sublimats auftritt und auch bei unveränderter Beschaffenheit der oberen

Partien des Verdauungstractes beobachtet wird. Schon +Barthélemy+

(Virchow’s Jahrb. 1880, I, 666) hat diese besondere Wirkung des

Sublimats auf den Dickdarm hervorgehoben. Seitdem ist diese Thatsache

von uns und zahlreichen anderen Beobachtern bestätigt worden, so u.

A. in einer grösseren Zahl von Fällen von +G. Braun+, „Zur Verwendung

des Sublimats in der Geburtshilfe“ (Wiener med. Wochenschr. 1886,

Nr. 21 u. ff.), von +Butte+ (Annal. d’hygiène publ. 1887, XVII,

pag. 167, 20 Fälle), von +Virchow+ (Sitzungsb. der Berliner med.

Ges. vom 23. Nov. 1887; Berliner med. Wochenschr. 1888, Nr. 7) und

+Kaufmann+, „Die Sublimatintoxication“ (Breslau 1888). Ueber die

Ursache dieser Erscheinung ist vorläufig nichts Positives bekannt,

doch werden locale Hyperämien (+Virchow+), embolische, respective

thrombotische Vorgänge (+Kaufmann+) und heftige Contraction der

Darmmusculatur (+Grawitz+) als solche angegeben. +Falkenberg+ und

+Marchand+ (Virchow’s Archiv. CXXIII, pag. 567) konnten bei ihren

Thierversuchen keinerlei Thrombosirungen der Darmgefässe nachweisen,

wohl aber fand +Marchand+ Quecksilber-Albuminatniederschläge in der

Wand der oberflächlichen Schleimhautgefässe, von welcher er die

Necrose des Epithels und der oberen Schleimhautschichten ableitet.

Damit stimmen die Untersuchungen von +Ludwig+ und +Zillner+ (Wiener

klin. Wochenschr. 1890, Nr. 30) überein, welche ergaben, dass in

subacuten Vergiftungsfällen der Quecksilbergehalt im Dickdarm grösser

ist als im Dünndarm. Alle diese Beobachtungen sprechen dafür, dass das

resorbirte Quecksilber durch den Dickdarm ausgeschieden wird. Zu den

häufigeren, jedoch nicht constanten Befunden gehören Kalkablagerungen

in den Nieren (+Senger+, +Virchow+, +Kaufmann+, +Neuberger+). Dieser

anatomische Befund im Darm und in den Nieren findet sich auch nach

Vergiftung mit anderen Quecksilberpräparaten. +Virchow+ hat ihn nach

Intoxication mit Cyanquecksilber, +Kraus+ (Deutsche med. Wochenschr.

1888, pag. 227) nach parenchymatöser Calomelinjection, +Sackur+

(Berliner klin. Wochenschr. 1892, Nr. 25) nach Einreibung von (blos

5 Grm. bei Phlegmone) Unguentum cinereum beobachtet, ebenso wir bei

einer Puerpera, welcher wegen pyämischer Metastase am Humerus der

Ober- und Unterarm mit grauer Salbe eingerieben worden war. Auch wurde

er bei einem im Wiener pathologisch-anatomischen Institut secirten

Falle nach subcutaner Injection von Oleum cinereum constatirt, und

einmal von uns nach Anwendung der Solutio Plenckii zum Aetzen von

breiten Condylomen. Auch fanden wir in einem besonders typischen Falle

von Sublimatvergiftung ausser der Sublimatdysenterie ausgesprochen

Diphtheritis im Rachen und Oesophagus. Es handelte sich um Selbstmord

und der Tod war nach 6 Tagen eingetreten. Eine ähnliche Wirkung auf den

Dickdarm kommt den Beobachtungen von +Steinfeld+ und +H. Meyer+ zufolge

(Arch. f. experim. Path. XX, pag. 40) auch dem Wismuth zu.

[Sidenote: Bleizucker.]

[Sidenote: Vergiftung durch Kupfersalze.]

Von den Bleisalzen ist besonders das essigsaure Bleioxyd, der

+Bleizucker+ (Plumbum aceticum, Saccharum saturni) zu erwähnen, da

sich dieser vorzugsweise zu acuten Vergiftungen eignet. Im Jahre

1862 ist in Köln eine absichtliche letale Vergiftung zweier Personen

durch wiederholt beigebrachten Bleizucker vorgekommen. Zur Erzeugung

acuter letaler Vergiftungen scheinen grössere Dosen des Salzes nöthig

zu sein, wenigstens sind nach +Husemann+ Fälle vorgekommen, in denen

1-2 Unzen Bleizucker ohne tödtlichen Ausgang genommen wurden und es

ist bekannt, dass als Medicament grosse Dosen (10-60 Gran täglich)

gegeben und vertragen werden. Die Bleipräparate werden nur schwer und

langsam aus dem Körper ausgeschieden; fortgesetzte, selbst kleinere

Dosen sind daher im Stande, schliesslich Vergiftungserscheinungen zu

bewirken. Von den Kupfersalzen haben namentlich der +Kupfervitriol+

(schwefelsaures Kupferoxyd) und der +Grünspan+ (essigsaures

Kupferoxyd) vielfach zu ökonomischen Vergiftungen Veranlassung

gegeben. Selbstmorde damit sind in Frankreich häufig, bei uns

ungemein selten. Ebenso verhält es sich mit den Giftmorden. Nach

+Tardieu+ (l. c. 290) steht in der Verbrecherstatistik Frankreichs

Kupfer gleich hinter Arsen und Phosphor, und es wurden allein in den

Jahren 1851-1862 110 criminelle Vergiftungen gezählt, was bei der

bekannten blauen oder grünen Farbe der Kupfersalze und dem intensiven

Kupfergeschmack derselben immerhin auffällt. Kupfervitriol kann

schon in Dosen von 60 Cgrm. angefangen Vergiftungserscheinungen

hervorrufen, Grünspan in Dosen von 2-3 Grm. bedenkliche Zufälle

und selbst den Tod. Die Vergiftungserscheinungen treten sehr

rasch auf. Es werden grüne oder blaue Massen erbrochen. Heftige

Kolik und andauernder Kupfergeschmack, kleiner Puls, Kopfschmerz,

Schwindel, Convulsionen, Icterus werden als Symptome angegeben. Der

Sectionsbefund ist nicht constant. In der Regel findet sich blos

Injection, Ecchymosirung und Schwellung der Magenschleimhaut; in

einzelnen Fällen wurden Ulcerationen und Verschorfungen beobachtet.

Sind noch Kupfersalze im Magen- und Darminhalt vorhanden, so färbt

sich derselbe nach Zusatz von Ammoniak blau, auch belegt sich,

wenn eine blanke Messerklinge oder dergleichen in die angesäuerten

Massen gebracht wird, dieselbe in kurzer Zeit mit einer dünnen

Kupferschichte.

Vergiftung durch chlorsaures Kali.

Das so häufig, insbesondere bei Hals- und Blasenleiden, angewendete

und allgemein als unschädlich angesehene Kali chloricum hat sich in

den letzten Jahren als eine in grösseren Dosen entschieden giftige

Substanz erwiesen. +Hofmeier+ (Deutsche med. Wochenschr. 1880, Nr. 38)

konnte schon 35 solche Vergiftungsfälle aus der Literatur und eigenen

Erfahrung zusammenstellen, und seitdem wird jedes Jahr über weitere,

meist medicinale und nur ausnahmsweise zufällige (Verwechslung mit

Bittersalz, Karlsbader Salz etc.) derartige Vergiftungen berichtet.

Wir selbst haben zwei obducirt, von denen der eine durch +E. Zillner+

(Wiener med. Wochenschr. 1882, Nr. 45) publicirt wurde. Auch zwei

Selbstmorde mit chlorsaurem Kali sind schon vorgekommen (+Schuchardt+,

Deutsche med. Wochenschr. 1888, Nr. 41) und in einem von +Lacassagne+

mitgetheilten Falle wurde dasselbe als Fruchtabtreibungsmittel

benützt. Bei Erwachsenen können schon Gaben von 15 bis 20 Grm. schwere

Erscheinungen und den Tod bewirken; in unserem Falle war letzterer

sogar schon nach 11·75 Grm. eingetreten. Kinder sind noch empfindlicher

und es wurde letaler Ausgang schon nach 10, in einem Falle (bei einem

einjährigen Kinde, +Hall+) schon nach 4·37 Grm. beobachtet. +Jacobi+

(Virchow’s Jahrb. 1879, I, 411) fordert daher, dass Kindern unter 3

Jahren nie mehr als 2·0, Säuglingen 1·25 und Erwachsenen höchstens 8·0

Grm. pro die verabreicht werden sollen! Als Einzelngabe wird 0·5 bis

1·0 empfohlen.

Die Ursache der Giftigkeit des Kali chloricum liegt in der Zersetzung

des Blutes, welche dasselbe bewirkt. Letzteres wird, wie zuerst

+Marchand+ (Virchow’s Archiv. 1877, Bd. 77, pag. 455) nachwies, wie

man dies auch ausserhalb des Körpers nach Zusatz von Kali chloricum

sehen kann, nach kurzer Zeit gallertig und braun, indem unter

Ausscheidung von Globulin das Hämoglobin in Methämoglobin umgewandelt

wird. Gleichzeitig findet eine Zerklüftung und ein Zerfall der rothen

Blutkörperchen statt. Durch diese Veränderung des Blutes, welche nach

+v. Mering+’s Untersuchungen (Berlin 1884, Monographie) auf einer

Reduction des chlorsauren Kali zu Chlorkalium durch Oxyhämoglobin

und Oxydation des letzteren zu Methämoglobin beruht[430], kommt es

einerseits zu respiratorischen Störungen, anderseits zu Embolien,

Hämaturie und Albuminurie, Icterus u. s. w. In einzelnen Fällen ist der

Verlauf ein sehr acuter. So wurde in einem unserer Fälle der 31jährige,

kräftige Mann, nachdem er sich einer Tonsillitis wegen durch fast 3

Tage mit Kali chloricum gegurgelt und dieses offenbar auch geschluckt

hatte, plötzlich von Convulsionen befallen, die wie epileptische

ausgesehen haben sollen, und starb bald nach Ankunft des Arztes. In

anderen Fällen tritt violette, fleckige, später icterische Hautfärbung

ein, gastrische Erscheinungen, Hämaturie und Albuminurie, der Harn

enthält bräunliche, aus zerfallenem Blute bestehende Cylinder und

Schollen.

Den wichtigsten Sectionsbefund bildet, wie sich sowohl bei den von

+Marchand+ vergifteten Thieren, als auch bei den von uns und von

+Lesser+ (Liman’s Handb. 7. Aufl., II, 559) obducirten menschlichen

Leichen ergab, in acuten Fällen die eigenthümliche, durch die

Methämoglobinbildung bedungene Verfärbung des Blutes, die je nach der

Intensität der Blutzersetzung und je nach der Dicke der Schichte, als

eine chocoladebraune, tabaksaft- bis kaffeesatzfärbige erscheinen

kann. Diese Verfärbung des Blutes bedingt ein eigenthümlich graues

Aussehen der ganzen Leiche, insbesondere graue oder grauviolette

Todtenflecke, und eine entsprechende, meist höchst auffällige

Verfärbung sämmtlicher innerer Organe, die theils grau, theils braun

injicirt erscheinen. Insbesondere war bei dem von uns obducirten Mann

das Gehirn wie mit Chocolade injicirt und sogar beide Substanzen

der Knochen, sowie die Gelenksknorpel auffällig grau verfärbt. In

minder acuten Fällen, zu welchen der zweite unserer Fälle, der ein

Kind betraf, gehörte, finden sich charakteristische Infarctirungen

der Harncanälchen mit braunen Blutgerinnseln, die insbesondere den

Pyramiden ein braungestreiftes Aussehen geben, und Icterus, der schon

am zweiten Tage vorhanden sein kann. In einzelnen Fällen starben

die Kranken erst nach mehreren, sogar 14-15 Tagen (+Hofmeier+,

+Wegscheider+). Die Veränderungen in den Nieren und der Icterus

waren dann besonders hochgradig, und es war auch stets ein Milztumor

vorhanden, der sich überhaupt frühzeitig zu entwickeln scheint. Das

Blut zeigt in der Regel den Methämoglobinstreif. Die Zerklüftung und

der Zerfall der Blutkörperchen scheint weniger mit der Schwere der

Vergiftung als mit der Dauer des Verlaufes proportional zu sein.

In gleicher Weise wie das chlorsaure Kali wirkt auch das chlorsaure

Natron (+Marchand+).

Der chemische Nachweis des Giftes gelingt nur in frischen Fällen.

In dem ersten unserer Fälle wurde es durch Professor +Ludwig+ und

+Nowak+ im Mageninhalt und im Harn, nicht aber im Blute nachgewiesen,

im zweiten nur im Magen. In diesem Falle hatte der 2¾ Jahre alte

Knabe innerhalb 2 Tagen wegen Halsentzündung 4 Flaschen von 5·0 Kali

chlor. auf 120 Aq. verbraucht (stündlich 1 Kaffeelöffel). Am 3.

Tage constatirte der Arzt grosse Schwäche, Cyanose des Gesichtes,

livide Flecken in der Kreuzbeingegend, braunschwarzen, trüben, stark

eiweisshaltigen Harn, am 4. spärliche Harnabsonderung, theerartige

Stühle; am 5. Harnabsonderung ganz sistirt, Tod unter Convulsionen.

Kein Icterus.

Vergiftung mit arseniger Säure.

Obgleich Selbstentleibungen mit Arsenik jetzt nicht mehr so häufig

vorkommen, wie dies früher der Fall war, und gegenüber jenen mit

anderen Giften entschieden an Häufigkeit zurücktreten[431], so sind

sie doch auch gegenwärtig keineswegs selten. Die verhältnissmässige

Häufigkeit der Giftmorde durch Arsenik erklärt sich einestheils aus der

Leichtigkeit, mit welcher das Gift, das bekanntlich in vielen Gewerben,

sowie zum Vertilgen des Ungeziefers, gebraucht wird, zu erhalten ist,

anderseits daraus, dass es seiner Geruch- und Geschmacklosigkeit

wegen trotz seiner schweren Löslichkeit leicht heimlich beigebracht

werden kann, und dass es, wie es auch den Laien wohl bekannt, schon

in geringer Menge zu den lebensgefährlichsten Giften gehört. Die

zufälligen Vergiftungen durch Arsenik kommen in Folge der Verbreitung

des Arseniks selbst, insbesondere aber der arsenhältigen Farben,

gegenwärtig noch häufiger vor, als früher.

[Sidenote: Eigenschaften der arsenigen Säure.]

Wir haben hier zunächst die typische Arsenvergiftung, jene mit

arseniger Säure oder mit dem weissen Arsenik (Arsentrioxyd oder

Arseniksäureanhydrid) im Auge und werden anderer Arsenvergiftungen am

Schlusse erwähnen.

Der weisse Arsenik kommt im Handel entweder als weisses

krystallinisches Pulver (Giftmehl) vor oder in amorphen glasartigen,

durchscheinenden, farblosen oder schwach gelblichen Stücken mit

muschligem Bruch, welche durch längeren Contact mit der Luft

undurchsichtig milchweiss, wie Porzellan glänzend werden und eine

krystallinische Beschaffenheit erhalten. Die arsenige Säure ist im

kalten Wasser schwer löslich (1 Theil in etwa 75 Theilen Wasser),

leichter in siedendem Wasser (1 Theil in 10-12 Theilen), woraus sie

beim Erkalten grösstentheils wieder ausfällt. Die glasige arsenige

Säure ist (dreimal) leichter löslich als die krystallinische. Auch

in Säuren oder Alkalien ist das Arsentrioxyd leichter löslich.

Die angesäuerte wässerige Lösung der arsenigen Säure gibt mit

Schwefelwasserstoff sofort eine rein gelbe Fällung von Schwefelarsen.

Bringt man ein Körnchen arseniger Säure in ein in eine Spitze

ausgezogenes Glasröhrchen, schiebt darüber einen Splitter von

Holzkohle und erhitzt zunächst letztere und dann die arsenige Säure

zum Glühen, so wird diese reducirt und es bildet sich am oberen

Theile der Röhre ein Spiegel von metallischem Arsen, gleichzeitig

wird der charakteristische Knoblauchgeruch wahrnehmbar, der sich

auch durch nochmaliges Erhitzen des Spiegels erzeugen lässt. Wird

arsenige Säure gleichzeitig mit Zink und verdünnter Schwefelsäure

im +Marsh+’schen Apparat zusammengebracht, so entwickelt sich

Arsenwasserstoff, aus welchem sowohl durch Glühen des Rohres,

durch welches das Gas entweicht, als durch Einhalten eines kalten

Porzellanscherbens in das aus der Spitze des Rohres entweichende

und angezündete Gas metallisches Arsen in Form des Arsenspiegels

erhalten werden kann, welcher nach Betupfen mit unterchlorigsaurem

Natron (auch Chlorkalklösung) sofort verschwindet (Unterschied vom

Antimonspiegel).

Von arseniger Säure können schon 1-5 Cgrm. Vergiftungserscheinungen

hervorrufen und 10-15 Cgrm. werden schon als letale Dosis angenommen.

Die Maximaldosis der österr. Pharmakopöe beträgt für Erwachsene für

die Einzelngabe 0·006, für die Tagesgabe 0·012, jene der deutschen

Pharmakopöe für die Einzelngabe 0·005, für die Tagesgabe 0·01 Grm.

[Sidenote: Krankheitsbild bei Arsenikvergiftung.]

Die Vergiftungserscheinungen treten selbst bei grossen Gaben nicht

sofort auf, sondern in der Regel erst nach ½ bis 1 Stunde. In seltenen

Fällen, in denen z. B. das Gift gelöst und auf nüchternen Magen

genommen wurde, können die Erscheinungen schon früher auftreten,

und zwar schon innerhalb der ersten Viertelstunde. Häufiger wurden

Fälle beobachtet, in welchen mehr als eine Stunde, nach +Taylor+[432]

3-10 Stunden verflossen, bevor die ersten Intoxicationssymptome sich

einstellten. Die schwere Löslichkeit des in Substanz genommenen

Arseniks und die wahrscheinlich vorhanden gewesene Füllung des Magens

mit genossenen Speisen etc. erklären solche Fälle, obgleich +Taylor+

eines Falles erwähnt, in welchem die Symptome erst nach 3 Stunden

auftraten, obwohl eine Drachme (ungelösten) Arseniks auf nüchternen

Magen genommen worden war. Das klinische Bild der Arsenikvergiftung

ist keineswegs immer gleich. In der Regel ist es das einer heftigen

Gastroenteritis toxica. Es tritt ein brennendes oder kratzendes Gefühl

im Rachen und im Oesophagus ein, dann heftige Schmerzen im Magen und

heftiges Erbrechen schleimiger, selten und nur in den späteren Perioden

blutig gestriemter Massen und profuse Diarrhöen, mit welchen wässerige,

reiswasserähnliche, molkige, d. h. stark mit desquamirtem Epithel und

Schleimflocken gemengte Stühle entleert werden. Dabei Tenesmus und

unauslöschlicher Durst, häufig Kopfschmerz und in der Regel Ziehen im

Kreuze und krampfartige Schmerzen in den Extremitäten (Wadenkrämpfe);

die Haut ist kühl, mit Schweiss bedeckt, anfangs blass, später im

Gesichte, sowie an den Händen und Füssen cyanotisch. Puls schwach und

klein. Grosse Prostration und hierauf Tod unter allgemeinem Collapsus.

In der Regel führen die erwähnten Symptome im continuirlichen Verlaufe

zum Tode, welcher nach 5-20 Stunden erfolgt.

In anderen Fällen hören zwar Erbrechen und die übrigen acuten

Symptome auf, dafür treten andere ein; darunter die Zeichen acuter

parenchymatöser Nephritis (albumen- und bluthältiger Harn-, Epithelial-

und selbst Fibrincylinder), weiter Symptome zunehmender Muskelschwäche,

erschwertes Athmen, schwache Herzaction, icterische Färbung der Haut

und der Schleimhaut, Symptome, die zum grössten Theile mit der bei

der Arsenikvergiftung rasch sich einstellenden körnigen und fettigen

Degeneration der parenchymatösen Organe und der Musculatur in

ursächlichem Zusammenhange stehen, und unter denen in 3-10 Tagen nach

der Vergiftung der Tod erfolgen kann.

In wieder anderen Fällen prävaliren gleich anfangs, sowie auch im

weiteren Verlaufe weniger die Zeichen der Gastroenteritis, sondern die

Erscheinungen einer Cerebrospinalaffection. Die Erkrankung beginnt

mit Schwindel und Kopfschmerz, Ziehen in den Gliedern, Mydriasis,

hierauf treten Ohnmachten und Betäubung ein, manchmal Delirien, ferner

lähmungsartige Erscheinungen, manchmal aber auch Convulsionen, und zwar

meist clonische, selten tetanische, endlich allgemeine Paralyse und der

Tod, welcher bisweilen in der Zeit von 1-2, häufiger in 6-12 Stunden

erfolgt (+Husemann+). Dieses Bild der Arsenikvergiftung nennt

+van Hasselt+ die paralytische Form der Arsenikintoxication, auch

den Arsenicismus cerebrospinalis zum Unterschiede von dem gewöhnlichen

Vergiftungsbilde, welches als Arsenicismus gastrointestinalis

bezeichnet werden kann. Zwischen den genannten Formen der acuten

Arsenikvergiftung gibt es vielfache Combinationen, und es ist

insbesondere verhältnissmässig häufig, dass mit den Erscheinungen der

Gastroenteritis auch cerebrospinale Symptome sich verbinden.

Es ist bisher nicht constatirt, warum in den einzelnen Fällen

die ersteren und in anderen die letzteren prävaliren. Gegen die

Annahme, dass nur die Menge des Giftes oder nur die Form, in der

es beigebracht wurde (gelöst oder in Substanz), den Verlauf der

Intoxication bedinge, sprechen verschiedene Beobachtungen; doch

scheint es, dass alle jene Momente, welche eine rasche Resorption des

Giftes und daher einen raschen Verlauf der Vergiftung begünstigen,

wie grosse Dosis, flüssiger Aggregatzustand desselben und leerer

Magen, das Prävaliren der cerebrospinalen Symptome bedingen. In einem

unserer Fälle wurde ein Dienstmädchen noch um Mitternacht gesund und

in voller Arbeit gesehen und um 3 Uhr Früh bereits todt und starr

am Abort sitzend gefunden. In einem zweiten Falle hatte sich eine

Försterstochter spät Abends gemeinschaftlich mit ihren Angehörigen

gesund zu Bette gelegt: kurze Zeit darauf hörte man sie stöhnen und

fand sie in Krämpfen liegen und sie gab an, Cyankalium genommen zu

haben. Dann wurde sie „ganz steif“ und starb um ½11 Uhr Nachts. In

ihrem Besitze wurde ein Fläschchen mit Strychnin und in einem Papier

eingewickelt Strychnin und Oxalsäure gefunden. Unter diesen Umständen

wurde zunächst an Strychninvergiftung gedacht. Die chemische

Untersuchung des Mageninhaltes ergab aber keines dieser Gifte, auch

kein Cyankalium, sondern beträchtliche Mengen von Arsenik! Erbrechen

und Diarrhoe waren in keinem dieser Fälle beobachtet worden und die

Obduction ergab auch keine typischen Magen- und Darmbefunde.

[Sidenote: Massenvergiftung.]

Auch in jenen Fällen, in denen mehrere Individuen gleichzeitig und

scheinbar unter gleichen Umständen mit verhältnissmässig kleinen

Mengen vergiftet worden sind, wurden verschiedene Erscheinungen

beobachtet. +Taylor+ (l. c. 227) berichtet über eine Vergiftung von

340 Schulkindern mit arsenikhältiger Milch. Jedes Kind hatte etwa

1 Gran Arsenik bekommen. An fast allen kam Frostschauer, Schmerz

im Magen und in den Eingeweiden, bei den meisten Erbrechen, bei

anderen Kopfschmerzen, Coryza, bei sieben croupartiger Husten

zur Beobachtung. Drei erbrachen Blut und bei einem ging Blut mit

dem Stuhle ab. Eine gleichzeitige Vergiftung von 15 Personen mit

arsenikhältigem Pudding hat +Morley+ (Virchow’s Jahrb. 1873, I,

362) publicirt. Die Hauptsymptome waren bei allen Schwäche,

Magenbeschwerden und intensive Schmerzen im Rücken (welche nach

Anwendung eines Brechmittels nachliessen, aber wiederkehrten

und bei den meisten 10 Stunden anhielten), bei vielen bestanden

Schüttelfröste, bei einem Mädchen trat ein Ohnmachtsanfall ein, in

einem Falle geringe Hämatemese. Injection der Bindehäute kam bei

allen vor. Bei mehreren bestanden noch am zweiten Tage Sehstörungen

(Scotomata), so dass Schreiben und Nähen unmöglich war. Bei

einer Patientin wurde am 3. und 4. Tage excessives Hautjucken

beobachtet. +Leroy de Barres+ (ibid. 1886, I, 560) berichtet über

eine Vergiftung von 270 Personen durch arsenikhaltiges Brod. Der

Tod erfolgte in keinem Falle. Die Symptome waren: Uebelkeit und

Diarrhöe, Durst, Brennen im Halse, entzündliche Röthe im Pharynx

(am 2. Tage), Kopfschmerz, Klopfen in den Schläfen, Kreuzschmerzen,

Abgeschlagenheit. Bei ziemlich vielen trat Anschwellung des

Gesichtes (am 3. Tage), bei den meisten Anschwellung der Augenlider

ein. Später fanden sich Hauteruptionen (4. Tag), Herpes, Erythem,

Urticaria (am 6. Tage), Bläschen, Pusteln, Blasen (am 15. Tag). Ueber

die Vergiftung einer grossen Zahl von Individuen in Hyères durch

arsenikhaltigen Wein, sowie über die wahrscheinlich absichtlich

herbeigeführte, in Havre vorgekommene Vergiftung von 15 Personen

durch wiederholte kleine Gaben von Arsenik wurden von +Brouardel+

und +Pouchet+ (Annal. d’hygiène publ. 1889, XXII, pag. 137 u. ff.)

ausführliche Mittheilungen gebracht. In den protrahirter

verlaufenden Fällen liessen sich vier Perioden unterscheiden. In

der ersten prävalirten die gastrischen, in der zweiten grippeartige

Erscheinungen, in der dritten traten Kopfschmerzen, Ameisenlaufen,

schmerzhafte Haut- und Muskelempfindungen und Sensibilitätsstörungen,

inbesondere in den unteren Extremitäten auf. In der vierten Periode

bestanden paralytische Symptome, Muskelschwäche, Schleudern der

Füsse und Entartungsreaction. Zurückbleiben von Lähmungen nach

Arsenvergiftungen wurde wiederholt beobachtet und von +Mařik+ („Ueber

Arsenlähmung.“ Wiener klin. Wochenschr. 1891, Nr. 31-40) ausführlich

besprochen.

[Sidenote: Sectionsbefund.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 77 / 132 段