übrigen Theilen des Verdauungstractes sind insbesondere diejenigen
wichtig, welche durch Aetzgifte zu Stande kommen. Sie sind zunächst
verschieden, je nachdem die primären oder bereits die secundären
Aetzwirkungen vorliegen. Erstere präsentiren sich in der Regel als
Coagulationsnecrose, als sogenannte graue Verätzung. Die betreffende
Schleimhaut, insbesondere ihr epithelialer Ueberzug, erscheint
weissgrau, getrübt, starrer, wie gekocht. Diese Veränderung ist eine
reine Coagulationserscheinung, zu welcher sich bei jenen Aetzgiften,
denen, wie z. B. der Schwefelsäure, eine starke wasserentziehende
Eigenschaft zukommt, auch die Wirkung dieser hinzugesellt, welche eine
gewisse Brüchigkeit, namentlich der zunächst getroffenen epithelialen
Schichten, erzeugt, während sonst eine Consistenzvermehrung und dadurch
bedingte lederartige Beschaffenheit sich findet. Die Intensität des
Verätzungsbildes hängt zunächst theils von der Natur der ätzenden
Substanz, theils von ihrer Concentration ab. In ersterer Beziehung ist
es bekannt, dass einzelne Säuren viel intensiver ätzen, respective
Eiweiss coaguliren als andere. Von den Mineralsäuren kommt insbesondere
der Schwefel-, Salz- und Salpetersäure eine starke Aetzwirkung zu; auch
unter den organischen Säuren besitzen einzelne eine hohe Aetzkraft,
so die Oxalsäure, insbesondere aber die Carbolsäure, die auffallend
weisse und derbe Schorfe erzeugt. Ebenso ätzt Sublimat und Chlorzink
sehr stark, während Bleizucker, Alkohol, arsenige Säure in dieser
Beziehung ungleich schwächer wirken. Die Intensität des primären
Aetzungsbildes ist keineswegs bei allen corrosiven Giften proportional
der Concentration, sondern nur bei solchen, welche das ausgeschiedene
Eiweiss im Ueberschuss des Fällungsmittels nicht lösen. Bei anderen
aber, die dies thun, kann die weissgraue Färbung bei starker
Concentration der Substanz viel schwächer sich gestalten als nach
Einwirkung diluirter Säure und sogar einer Aufhellung des Gewebes Platz
machen. In exquisiter Weise sieht man dieses bei der Schwefelsäure.
Träufelt man nämlich dieselbe im concentrirten Zustande auf eine
Schleimhaut, so wird die getroffene Stelle aufgehellt und transparent,
ähnlich wie dieses z. B. die Aetzlaugen thun und nur an den Rändern,
wo sie durch den Wassergehalt des Gewebes sich verdünnt, bemerkt man
weissgraue Verätzungen. Begiesst man aber die betroffene Stelle mit
Wasser, so erscheint sofort das typische Verätzungsbild, indem die
von der concentrirten Schwefelsäure gelösten Eiweisskörper durch den
Wasserzusatz wieder ausgefällt werden.
[Sidenote: Verätzung.]
[Sidenote: Primäre und secundäre Aetzwirkung.]
Aetzgifte, welche die Eiweisskörper nicht coaguliren, sondern im
Gegentheil lösen, also die Aetzalkalien (Kali- und Natronlauge,
Ammoniak), können natürlich keine Coagulationsnecrose, respective
die geschilderte graue Verätzung und wie gekochte Beschaffenheit als
primäre Wirkung bedingen, sondern nur eine Quellung und Vermehrung
der Transparenz des getroffenen Gewebes, dagegen können allerdings
die auf diese Art mortificirten Gewebe nachträglich sich trüben und
so ebenfalls das Bild der grauen Verätzung bieten, wenn die durch das
Alkali in Lösung erhaltenen Eiweisskörper wieder ausgefällt werden, was
schon durch Neutralisation oder schwache Ansäuerung geschieht.
Die secundären Erscheinungen, welche an und neben den verätzten Stellen
eintreten, sind theils durch den nachträglich fortdauernden Contact der
ätzenden Flüssigkeit, theils durch reactive Entzündung bedingt. Erstere
werden begreiflicherweise besonders im Magen sich entwickeln.
Längerer Contact der corrosiven Flüssigkeit mit einer bestimmten
Schleimhautpartie beeinflusst, abgesehen von den gleich zu
besprechenden secundären Wirkungen, auch die Intensität des primären
Verätzungsbildes. Zunächst die Tiefe der Aetzung. An Stellen, über
welche, wie z. B. in den Schlingorganen, das Gift rasch hinweggleitet,
ist auch die Verätzung eine oberflächlichere als an solchen, wo
dasselbe durch einige Zeit verweilt, weil die ätzende Flüssigkeit im
letzteren Falle in die tieferen Gewebsschichten sich imbibirt. Bei
jenen Aetzgiften, welche die Eiweisskörper nur fällen, nimmt natürlich
die Intensität der grauen Verätzung mit der Dauer der Einwirkung der
Substanz zu bis zur Erschöpfung der Aetzkraft der letzteren; bei
denjenigen, welche im Ueberschuss die ursprünglichen Eiweissfällungen
wieder lösen, kann durch längere Einwirkung eine mehr weniger starke
Wiederaufhellung und selbst Transparenz des Gewebes erfolgen, was
namentlich bei der Oxalsäurevergiftung verhältnissmässig häufig zu
geschehen scheint.
Im weiteren Verlaufe kann es durch die überschüssige Aetzflüssigkeit
zu einem Zerfall der gebildeten Aetzschorfe kommen, namentlich bei
Einwirkung von Schwefelsäure, welche, wie von +A. Lesser+[408] ganz
richtig hervorgehoben wurde, weniger durch Zerfall der Gewebselemente,
die in den Schorfen noch nachweisbar sind, als vielmehr durch Auflösung
der Bindesubstanz erfolgt, eine Eigenschaft der (concentrirten)
Schwefelsäure, die bekanntlich in der Mikroskopie schon lange zur
Isolirung von Hornzellen und glatten Muskelfasern benützt wird. Dieser
Zerfall kann für sich allein zum vollständigen Durchbruch der Magenwand
führen, in anderen Fällen ist die Ursache des raschen Zerfalls der
einzelnen geätzten Gewebsschichten die durch die Wasserentziehung
bewirkte Brüchigkeit der Magenwand, die namentlich bei Einwirkung
sehr concentrirter Schwefelsäure eine sehr hochgradige werden kann,
in wieder anderen und vielleicht den meisten werden die necrotischen
Partien einfach verdaut. Letzteres ist deshalb in der Regel möglich,
weil nur ausnahmsweise die ganze Magenschleimhaut verätzt wird, sondern
in der Regel grössere oder geringere Partien intact oder wenigstens
minder lädirt bleiben, insbesondere die Vertiefungen zwischen den
Falten und die etwa durch Mageninhalt geschützt gewesenen Stellen.[409]
Die weiteren Veränderungen, welche überschüssige Aetzgifte im Magen
ausüben, hängen zunächst von der Wirkung ab, welche der betreffenden
Flüssigkeit auf das Blut zukommt, und in dieser liegt die Hauptursache
einestheils der Verschiedenheit des anatomischen Befundes im Magen
bei verschiedenen Vergiftungen mit ätzenden Substanzen, anderseits
der Grund, warum gewisse chemisch differente, ja sogar, wie z. B.
die Säuren und die Aetzalkalien, einander entgegengesetzte Aetzgifte
Befunde im Magen erzeugen, die wenigstens für den ersten Anblick
einander ähnlich sind. In dieser Beziehung kann man zwei Hauptgruppen
der Aetzgifte unterscheiden, die eine, deren Glieder das Blut einfach
ohne Farbstoffentziehung coaguliren, wobei sich meist rothe oder
braunrothe Gerinnsel bilden, die andere, deren Glieder mit oder ohne
vorausgegangene Coagulation den Blutkörperchen den Blutfarbstoff
entziehen, gewissermassen auslaugen und gleichzeitig in Hämatin
in saurer, respective alkalischer, in der Regel schwarzer oder
schwarzbrauner Lösung verwandeln. Zu den ersteren gehört vorzugsweise
die Carbolsäure, das Sublimat, Bleizucker und der absolute Alkohol, zur
zweiten Gruppe die käuflichen Mineralsäuren, von den Pflanzensäuren
insbesondere die Oxalsäure und von den Alkalien insbesondere die
Aetzlaugen und Ammoniak. Bei den Giften der ersten Kategorie erhält
sich das primäre Verätzungsbild verhältnissmässig lange und ist,
insbesondere in acuten Fällen, noch zur Zeit der Obduction deutlich
ausgeprägt. Bei den Giften zweiter Kategorie gestaltet sich die Sache
wesentlich anders. Da nämlich die Auslaugung des Blutes gleich nach
erfolgter Verätzung beginnt, und desto rascher vorschreitet, je
concentrirter die corrosive Flüssigkeit ist, und je grössere Mengen
im Magen zurückbleiben, und da überdies diese Auslaugung nicht blos
das durch die Corrosion ausgetretene, sondern auch das innerhalb der
Gefässe der verätzten Partien zurückgebliebene Blut betrifft, so geht
auch frühzeitig die ursprüngliche weissgraue Farbe der verätzten
Gewebsschichten, wenn sie überhaupt vorhanden war, verloren und
letztere erhalten die Farbe und das sonstige Aussehen, wie es der
Imbibition derselben mit der betreffenden Hämatinlösung entspricht.
Dem entsprechend erscheinen auch die verätzten Partien braun bis
schwarz in verschiedenen Nuancen gefärbt, und es ist insbesondere
die „wie verkohlte“ Farbe der Schorfe, der wir nach Schwefelsäure-
oder Salzsäurevergiftung begegnen, wenn auch nicht ausschliesslich,
so doch vorzüglich durch die Imbibition der verschorften Magenwand
mit Hämatin in saurer Lösung bedingt. Hat die Hämatinlösung in Folge
specifischer Wirkung der corrosiven Substanz eine besondere Farbe,
so kommt diese auch in dem imbibirten Gewebe zur Geltung, was wir
insbesondere häufig bei der typischen Cyankaliumvergiftung sehen,
wo der Mageninhalt und die gequollene Magenwand roth- bis rothbraun
gefärbt, respective imbibirt erscheinen. Von diesen Färbungen sind
diejenigen zu unterscheiden, welche durch directe Färbung der Schorfe
durch gewisse Gifte erzeugt werden, so die Gelbfärbung, wie sie nach
Chromsäurevergiftung und, von Xanthoproteïnsäurebildung herrührend,
durch concentrirte Salpetersäure veranlasst wird.
[Sidenote: Blutveränderung. Durch Aetzgifte bewirkte Localbefunde.]
Eine andere Kategorie von Veränderungen, welche secundär an den
verätzten Partien eintreten, sind reactiver Natur und bestehen zunächst
in reactiver Hyperämie, entzündlicher, respective ödematöser Schwellung
der unter und neben den verschorften Partien gelegenen Gewebe, womit
sich gewöhnlich Ecchymosenbildung verbindet. Von diesen Ecchymosen
sind diejenigen wohl zu unterscheiden, welche durch directe Läsionen
der Gefässe, durch Verätzung bewirkt werden, wie insbesondere die bei
der Schwefelsäurevergiftung, welche bis Walnussgrösse und darüber
erreichen, der Magenwand ein höckeriges Aussehen verleihen und eben
ihrer Grösse wegen nur auf Läsion grösserer Gefässäste zurückgeführt
werden können. Die Brüchigkeit der verätzten Partien, wahrscheinlich
auch die starke Contraction des Magens in Folge des heftigen Reizes
befördert das Zustandekommen solcher Rupturen. Reactive Hyperämie
und Ecchymosenbildung kommen frühzeitig zu Stande, während die
entzündliche Schwellung längere Zeit erfordert. Im weiteren Verlaufe
kommt es zur Abstossung der necrotischen Partien, Geschwürsbildung und
Vernarbung. Nicht gar selten kommt es zu phlegmonösen Entzündungen,
in Folge welcher grosse Partien der Magen-, respective der
Oesophagusschleimhaut, namentlich der letzteren, in Form von Fetzen
oder Röhren abgestossen und ausgebrochen werden können. Noch häufiger
sind croupöse Entzündungen besonders nach blos oberflächlichen
Verätzungen. Insbesondere häufig haben wir sie bei Kindern, welche
Laugenessenz getrunken hatten, im Rachen und am Kehlkopfeingang
beobachtet. Sehr häufig übergreifen solche croupöse Entzündungen auf
die Luftwege und sehr gewöhnlich sind es in beiden Fällen circumscripte
(Aspirations-) Pneumonien, die meist die eigentliche Todesursache
bilden. Auch Croup des Oesophagus und des Magens haben wir nach solchen
Vergiftungen beobachtet, und es kann auch noch, nachdem die verätzte
Schleimhaut abgestossen wurde, auf der blossliegenden Muscularis ein
croupartiger Belag sich bilden.
[Sidenote: Secundäre Aetzwirkungen.]
Die zurückbleibenden Narben können noch nachträglich schwere
Erscheinungen und selbst den Tod veranlassen, insbesondere durch
Stricturen des Oesophagus.[410]
Eine weitere secundäre Wirkung der Aetzgifte besteht in der
Transsudation derselben durch die Wände des Magens und Imbibition in
die ihm anlagernden Organe. Dieselbe erfolgt meist erst postmortal,
kann aber auch, wie sich +Lesser+ durch directe Beobachtung
überzeugte, schon während des Lebens eintreten. Wir werden auf
dieselben bei den einzelnen Giften zurückkommen. In jenen Fällen, wo
als höchster Grad der Aetzwirkung Durchbruch des Magens erfolgt, sei
es noch während des Lebens oder postmortal, tritt der Mageninhalt
frei in die Bauchhöhle aus und kann dort mehr weniger ausgebreitete
Verätzungen, besonders an den abhängigen Stellen, bewirken.
[Sidenote: Irritationserscheinungen.]
Aetzgifte, die wegen starker Verdünnung wenig oder gar nicht mehr
ätzen, können noch mehr weniger heftige Irritationserscheinungen
hervorrufen. Sehr deutlich kann man dies bei Vergiftungen mit
Mineralsäuren im Darm beobachten, wo verhältnissmässig häufig graue
Verätzung sich findet, die, nach abwärts zu an Intensität abnehmend,
allmälig in catarrhalische Schwellung und Röthung und diese wieder
allmälig in die normale Beschaffenheit der Schleimhaut übergeht, ein
Verhalten, das solche, blos durch locale Giftwirkung entstandenen
Veränderungen wesentlich von jenen diffusen entzündlichen Veränderungen
unterscheidet, die erst secundär durch Resorptionswirkung des
Giftes veranlasst werden. Die irritative Wirkung der Aetzgifte ist
keineswegs proportional der Aetzkraft der letzteren, scheint vielmehr
von anderweitigen Eigenschaften der Substanz abzuhängen. So besitzt
z. B. die arsenige Säure bei unbedeutender Aetzkraft eine hochgradige
Irritationsfähigkeit. Auch gibt es Substanzen, die gar nicht ätzen,
aber auf die Schleimhäute eine mehr weniger intensive Reizwirkung
ausüben. Auch scheint zufolge den Beobachtungen +Lesser+’s die
Irritabilität der einzelnen Schleimhäute eine verschiedene zu sein,
insbesondere die der Magenschleimhaut eine grössere als jene der
Schleimhaut des Darmcanals, was sich aus dem grösseren Gefässreichthum
der ersteren ganz wohl begreift.
[Sidenote: Magenerweichung.]
Von den Befunden im Magen, die irrthümlich auf die Einwirkung
irritirender und ätzender Gifte bezogen werden können und
schon wiederholt bezogen wurden, seien hier erwähnt die
durch katarrhalische Processe oder durch Stauungshyperämie
bewirkten Schwellungen und Röthungen der Magenschleimhaut, die
„Verdauungsröthe“, die Injection und Ecchymosirung, wie sie so häufig
gefunden wird; grosse hämorrhagische Erosionen (hämorrhagische
Necrosen), die diphtheritische und die phlegmonöse Magenentzündung,
endlich die an der Leiche durch Imbibition, sowie durch cadaveröse
Verfärbung und Erweichung zu Stande kommenden Veränderungen, von
denen wir insbesondere die sogenannte „Magenerweichung“ hervorheben
wollen, und zwar sowohl die sogenannte weisse oder graue Erweichung,
welche als reine Leichenerscheinung gewöhnlich bei Säuglingen, die
mit vollem Magen gestorben sind, am Magengrunde sich findet und durch
sauere Gährung des Mageninhaltes bedingt wird, als namentlich die
mit Ecchymosen verbundene und wahrscheinlich aus hämorrhagischen
Erosionen hervorgegangene oder wenigstens auf hyperämischer Grundlage
entstandene sogenannte schwarze oder braune Erweichung, welche auch
bei Erwachsenen, insbesondere häufig bei an schweren Hirnkrankheiten
(auch Verletzungen) Gestorbenen sich findet und wahrscheinlich schon
in der Agone sich zu entwickeln beginnt. Beide Formen können auch
in den unteren Abschnitten des Oesophagus vorkommen und beide zum
Durchbruch und Austritt des Mageninhaltes in die Bauch-, respective
in die Brusthöhle führen. In beiden Fällen reagirt der Mageninhalt
stark sauer, bewirkt opake Trübungen der serösen Häute, mit denen er
in Contact kommt und zersetzt auch das Hämoglobin zu Hämatin, woraus
sich bei der „schwarzen Erweichung“ die kaffeesatzartige Farbe der
Ecchymosen, die braune und schwärzliche Imbibition der erweichten
Gewebe und die schwarze Farbe der in ihr befindlichen Gefässnetze
erklärt. Kommt ein solcher, bereits in saurer Gährung begriffener
oder zu dieser geneigter Inhalt in die Lungen, was sowohl in den
letzten Lebensmomenten als erst postmortal geschehen kann, so bewirkt
er in dieser ähnliche Erweichungen. Wir haben solche wie gangränös
aussehende Stellen insbesondere bei Säuglingen gesehen, denen
Milch, Mehlbrei u. dergl. in die Lungen gerathen war. Auch wollen
wir hier bemerken, dass wir bereits wiederholt ähnlich aussehende,
jedoch nach Essig riechende, mitunter mit schwacher opaker Trübung
der Schleimhäute des Halses verbundene Stellen in den Lungen bei
plötzlich Verstorbenen begegneten, denen offenbar Essigsäure als
Belebungsmittel gereicht worden war.
[Sidenote: Allgemeinbefunde nach Vergiftungen.]
Die durch Resorption von giftigen Stoffen veranlassten +anatomischen
Allgemeinbefunde+ betreffen entweder das Blut oder die Gewebe.
Das Blut spielt neben der Lymphe bei der Resorption von Giften die
Hauptrolle, doch scheint ihm bei den meisten Vergiftungen nur die Rolle
eines Trägers des Giftes zuzufallen, ohne dabei selbst wesentlich
verändert zu werden. In einzelnen erleidet es aber auffallende
Veränderungen, von welchen insbesondere jene forensisch wichtig sind,
welche eine Alteration des normalen Verhaltens des Blutfarbstoffes
des (Hämoglobins) bedingen, die sich theils makroskopisch durch
Farbveränderung des Blutes, theils durch geändertes chemisches
(spectrales) Verhalten kundgibt. Hierher gehört die Umwandlung des
Hämoglobins in Kohlenoxydhämoglobin bei Vergiftungen mit Kohlenoxyd,
ferner die mehr weniger ausgedehnte Zersetzung des Blutfarbstoffes zu
Hämatin bei Vergiftung mit Säuren und Alkalien, mit chlorsaurem Kali
etc.
Eine sehr beachtenswerthe, durch Resorption von gewissen Giften
veranlasste Veränderung in den Geweben ist die +körnige und
fettige Degeneration+ derselben. Wir sehen sie vorzugsweise nach
Phosphorvergiftung und dann nach Vergiftung mit Arsenik, aber auch
bei subacuten Vergiftungen mit Säuren und Alkalien und den meisten
metallischen Giften, dann bei fast allen chronischen Vergiftungen, von
denen in erster Reihe die chronische Alkoholvergiftung zu nennen ist.
[Sidenote: Parenchymatöse Degeneration.]
Wir haben hier vorzugsweise die acuten oder subacuten Degenerationen
im Auge. Die körnige Degeneration zeigt sich besonders im Parenchym
drüsiger Organe, namentlich an der Magenschleimhaut, an den Nieren
und an der Leber. Diese Organe präsentiren in den höheren Graden
der körnigen Degeneration ein Bild, welches +Virchow+ sehr treffend
als „trübe Schwellung“ bezeichnet. Die Magenschleimhaut erscheint
etwas geschwellt, die Leber, insbesondere aber die Nieren, etwas
vergrössert, dabei jedoch schlaff und zeigen sich eigenthümlich
getrübt von matter, grauer oder graugelblicher Farbe, die namentlich
an der Schnittfläche auffällt. Unter dem Mikroskope finden sich die
Labdrüsen, beziehungsweise die Leberzellen und die Nierenepithelien
etwas vergrössert, erstere mehr abgerundet und alle mit einer
feinkörnigen Masse erfüllt, deren einzelne Körnchen das Licht stark
brechen und unter dem Mikroskope schwarz erscheinen. Die körnige
Degeneration ist nur eine Vorstufe der fettigen, bei welcher die
Organe noch mehr an Volum zunehmen, immer deutlicher gelb sich
färben, einen fettigen Glanz, sowie etwas teigige Consistenz annehmen
und unter dem Mikroskop eine mehr weniger reichliche Ablagerung von
Fetttröpfchen in den Drüsenzellen zeigen. Doch erhalten die Organe
nicht jenes pralle Aussehen und jene rein gelbe und transparente
Farbe, wie wir sie z. B. bei der einfachen Fettleber so häufig
zu Gesicht bekommen. In den meisten Fällen begegnen wir den
verschiedensten Uebergängen von körniger zu fettiger Degeneration. In
den ersten Stadien der „trüben Schwellung“ löst sich ein Theil der
die Drüsenzellen erfüllenden Körnchen noch in Essigsäure, später
nur in kaustischen Alkalien, sowie in Alkohol, Aether u. dergl.
Anfänglich sind dieselben daher wahrscheinlich albuminöser, später
zweifellos fettiger Natur.
[Sidenote: Körnige und fettige Degeneration.]
Gleichzeitig wie in den genannten Organen stellt sich die körnige und
dann fettige Degeneration noch in anderen Geweben ein, vorzugsweise
in den Muskeln, besonders im Herzen und in den Gefässwandungen. Das
Herz erscheint in den vorgerückteren Graden schlaff, das Herzfleisch
ist leicht zerreisslich, von eigenthümlich trübem Glanz und grauer,
mitunter lehmartiger Farbe, und das Mikroskop zeigt undeutliche
oder ganz unkenntlich gewordene Querstreifung der Muskelfasern
und letztere in verschiedenen Stadien des körnigen und fettigen
Zerfalles, in deren ersten die Muskelfasern wie bestäubt, in den
späteren von deutlichen Fettkügelchen und das Licht stark brechenden
Körnchen durchsetzt erscheinen. Gleiche Veränderungen, jedoch in
verschiedener Intensität, zeigt die Musculatur des Stammes und der
Extremitäten. Was die Gefässe betrifft, so lässt sich die körnige
und fettige Degeneration vorzugsweise an den kleinen Gefässen der
Pia, der Hirnsubstanz, sowie der serösen Membranen gut verfolgen
und sowohl in der Adventitia als in der Muscularis bemerken. Mit
der fettigen Entartung der Gefässwandungen geht eine grössere
Zerreisslichkeit derselben einher, welche die Entstehung von
Ecchymosen und selbst grösserer Hämorrhagien bedingen kann.
Ueber die +Ursachen+ der acuten körnigen und fettigen Degeneration
bei gewissen Vergiftungen ist man noch nicht vollständig im
Klaren, doch neigt man sich gegenwärtig der Ansicht zu, dass jene
Veränderungen eine partielle Mortification der Gewebe, namentlich
des Inhaltes der Drüsenzellen, bedeuten, die theils durch die
unmittelbare Wirkung des Giftes selbst, theils durch behinderte
Sauerstoffzufuhr veranlasst wird.[411] Das Zusammenwirken beider
Factoren bewirkt ein Missverhältniss zwischen Zersetzung der
Eiweisskörper und Verbrennung der Zersetzungsproducte (worunter
vorzugsweise Fett), welches in der fettigen Degeneration einen
eclatanten Ausdruck findet (+Fränkel+).
Daraus folgt schon theoretisch, dass die betreffenden Veränderungen
nicht ausschliesslich nach gewissen Vergiftungen vorkommen, sondern
auch nach anderweitigen Erkrankungen sich entwickeln können,
die mit Vermehrung des Eiweisszerfalles und Herabsetzung der
Oxydationsvorgänge einhergehen. Thatsächlich finden wir die gleichen
Degenerationserscheinungen sowohl bei einer Reihe natürlicher
Todesarten, wovon wir insbesondere die acuten Infectionskrankheiten,
namentlich die exanthematischen, dann die mit allgemeinen
Ernährungsstörungen einhergehenden Krankheiten (Tuberculose,
protrahirte Anämie) anführen, als auch nach gewissen gewaltsamen
Todesfällen, von denen z. B. der Tod in Folge von Brandwunden und
die septischen und pyämischen Processe zu nennen sind.[412] Auch
die Fäulniss bewirkt Veränderungen, die der „trüben Schwellung“
sehr ähnlich sind, da auch durch sie die Organe anfangs succulenter
werden, sich trüben und selbst einen Stich in’s Gelbliche annehmen
und dann sowohl der Zelleninhalt, als die Musculatur mit körnigen
Massen durchsetzt erscheinen, sie selbst zu kleinen Fetttröpfchen
zusammentreten können.
Nach vielen Vergiftungen, namentlich nach solchen mit organischen
Giften, ergibt die Obduction nichts Auffallendes, noch weniger
aber Charakteristisches. Verhältnissmässig häufig ist der Befund
jenem nach Erstickung ähnlich, was sich daraus erklärt, dass viele
der betreffenden Gifte, so z. B. die meisten Alkaloide, sowie die
gasförmigen und flüchtigen Gifte den Tod durch rasche Lähmung des
Respirationsapparates bewirken.
3. Der chemische Nachweis.
Der chemische Nachweis von Gift in Leichentheilen ist nicht Sache des
Gerichtsarztes, sondern des Gerichtschemikers, dagegen ist es Aufgabe
des ersteren, diesem das Materiale für seine Untersuchung zu liefern.
Wie dabei vorzugehen ist, ist aus den oben angeführten Verordnungen zu
ersehen, aus welchen sich ergibt, dass nebst dem Magen- und Darminhalt
auch der Magen und die Speiseröhre mit einem Stück des Darmes, ferner
Stücke der einzelnen Organe, besonders der Leber und der Nieren[413],
sowie Blut und Harn zur Untersuchung zurückgelegt werden sollen. Es
empfiehlt sich und ist auch theilweise vorgeschrieben, die im Magen
gefundenen verdächtigen Substanzen für sich in einem eigenen Gefässe
aufzubewahren, ebenso den Magen und Zwölffingerdarm sammt Inhalt,
geschieden von den eventuell ebenfalls zu übergebenden unteren
Darmpartien und in gleicher Weise die Stücke der übrigen Organe.
Weshalb das Regulativ die besondere Aufbewahrung des Harnes fordert,
ist aus dem oben über die Ausscheidung der Gifte Gesagten ersichtlich.
Eine gesonderte Reservirung des Blutes wird nur dann gefordert, wenn
eine spectral-analytische Untersuchung angezeigt erscheint.