Auch in dieser Beziehung werden sich unzweifelhaft individuelle

Unterschiede geltend machen. Bekanntlich ist nicht Jedermann im

Stande, gleich lange den Athem einzuhalten, die Meisten kaum länger

als 30-40 Secunden, und es ist bekannt, dass selbst geübte Taucher

niemals länger als 50 Secunden unter Wasser auszuhalten vermögen.

Unter den aufregenden Einflüssen einer wirklichen Erstickung wird

diese Frist noch kürzer ausfallen und die Bewusstlosigkeit, die

dann eintritt, wird durch den Ausfall der Oxydationsvorgänge im

Grosshirn veranlasst, welches bekanntlich auf solche Störungen

ungemein rasch und empfindlich reagirt. Die von +Rosenthal+ und

+Czermak+ hervorgehobene Thatsache, dass man ungleich länger den

Athem einzuhalten vermag, wenn man durch vorhergegangene, rasch sich

folgende und tiefe Inspirationen einen Ueberschuss von Sauerstoff

dem Blute zugeführt hatte, als wenn dies nicht geschehen war, ist

in forensischen Fällen vielleicht belanglos, mag aber immerhin als

Beweis dienen, dass die Erstickungsnoth und die alsbald folgende

Bewusstlosigkeit nicht immer gleich schnell eintreten muss.

Die +Convulsionen+ sind sehr constante Begleiter des Erstickungstodes.

Ihr Charakter ist ein vorwiegend clonischer, doch treten nicht selten

in der Acme der Erstickung Anfälle von Opisthotonus auf, mit welchen

das convulsive Stadium meist abschliesst. Die Intensität und Dauer

der Convulsionen ist ebenfalls nicht immer gleich, wird vielmehr

entschieden von individuellen Verhältnissen beeinflusst, namentlich

wieder vom Alter und vom Kräftezustand. Bei sehr erschöpften Thieren

können sie ganz ausfallen; ebenso haben wir den Tod ohne Convulsionen

auftreten sehen, wenn wir Thiere früher narcotisirten oder in ihrer

eigenen Exspirationsluft ersticken liessen. Somit lässt sich erwarten,

dass auch bei der Erstickung von Berauschten oder anderweitig

Betäubten oder bei allmälig, z. B. in irrespirablen Gasen, sich

vollziehender Erstickung die Convulsionen ausbleiben oder nur schwach

ausfallen können.[331]

[Sidenote: Asphyxie.]

Auf die Störungen, welche der Kreislauf während des Erstickens

erleidet, insbesondere auf die Erhöhung des Blutdruckes und die

Stauung im venösen Kreislauf, werden wir bei Besprechung der an

der Leiche sich ergebenden Symptome zurückkommen; hier wollen wir

zunächst nur erwähnen, dass in Folge der Reizung und nachträglichen

Lähmung des Vaguskernes durch das Erstickungsblut die Herzbewegungen

während der Höhe der Erstickung verlangsamt sind, hierauf etwas

frequenter werden, um dann allmälig an Zahl und Intensität abzunehmen

bis zum vollständigen Erlöschen. Letzteres erfolgt jedoch keineswegs

gleichzeitig mit der Sistirung der Athembewegungen, sondern in der

Regel erst einige, und zwar mitunter ziemlich lange Zeit nach dieser.

Bei Thieren ist es nichts Seltenes, das Herz noch ¼-½ Stunde nach

der Erstickung schlagen zu sehen, und auch für den Menschen existiren

solche Beobachtungen, die sich namentlich auf asphyktisch geborene

Kinder beziehen, von denen einzelne, wie wir beim Kindesmorde

erwähnen werden, mitunter überraschend lange Zeit den Herzschlag

darbieten, ein Vorkommniss, auf welches wahrscheinlich die meisten

Fälle von sogenanntem „Leben ohne Athmen“ zu beziehen sind. Bei

einer Justification durch den Strang, über welche wir in der Wiener

med. Wochenschr., 1876, Nr. 52, berichteten, schlug das Herz noch 3

Minuten nach der Suspension deutlich und seine Pulsationen konnten

noch durch weitere 5 Minuten durch Auscultation, freilich immer

schwächer werdend, nachgewiesen werden.[332]

Der Leichenbefund bei Erstickten.

Wir haben hier zunächst nur jene Befunde im Auge, welche durch die

Erstickung im Allgemeinen veranlasst, nicht aber jene, die nur durch

bestimmte Erstickungsformen erzeugt werden, da letztere eine besondere

Behandlung finden sollen.

Wir können äussere und innere Befunde unterscheiden.

A. +Aeussere Befunde.+ Von untergeordnetem Werthe ist die bereits von

+Casper+-+Liman+ hervorgehobene Thatsache, dass die Leichen Erstickter

+langsamer erkalten+ als andere, eine Thatsache, die sich ungezwungen

aus dem Umstande, dass es sich meist um ganz gesunde und gut genährte

Individuen handelt, in deren Körper die ganze Blutmenge zurückbleibt,

erklärt.

Nicht unwichtig ist das frühzeitige Auftreten und die intensive

Ausbildung der +Todtenflecke+. Da bei fast allen Erstickungsformen

(ausgenommen die mit Verblutung sich combinirenden) die ganze

Blutmenge im Körper zurückbleibt und das Blut überdies in der Regel

seine flüssige Beschaffenheit behält, so sind zur Bildung der

Senkungserscheinungen überhaupt, insbesondere aber jener in der Haut,

die wir als äussere Leichenhypostasen (Todtenflecke) bezeichnen,

die günstigsten Bedingungen gegeben. Da aber die volle Blutmenge

und die flüssige Beschaffenheit des Blutes auch bei anderen, nicht

durch Erstickung veranlassten Todesarten sich finden kann, so hat

der Befund frühzeitig und intensiv entwickelter Hypostasen nur einen

unterstützenden Werth, wobei überdies nicht vergessen werden darf, dass

eine Erstickung auch eine anämische oder herabgekommene Person treffen

kann.

Durch dieselbe Ursache, wie das frühzeitige und intensive Erscheinen

der Todtenflecke, ist der frühzeitige Eintritt und rasche Verlauf

der +Fäulniss+ bedingt. Auch diese Erscheinung hat nur einen

unterstützenden Werth und verlangt Berücksichtigung aller anderen,

äusseren sowohl als inneren Umstände, die die Fäulniss zu befördern

vermögen.

[Sidenote: Cyanose des Gesichtes.]

Seit jeher wurden die +Cyanose des Gesichtes+, die vorgetriebenen

Augen und die injicirten Conjunctiven als Symptome des Erstickungstodes

angeführt. Wer aber Gelegenheit hat, eine grössere Zahl von durch

Erstickung Gestorbenen zu sehen, wird sich überzeugen, dass gerade bei

den gewaltsam Erstickten solche Befunde nur ausnahmsweise vorkommen

und das Gesicht in der Regel die gleiche Beschaffenheit zeigt, wie

bei den meisten anderen Leichen. Der Grund dieser Erscheinung liegt

einerseits darin, dass die während des Erstickens bestandene Cyanose

schon während der Agone in Folge der Erlahmung der die Circulation

unterhaltenden Kräfte, noch mehr aber nach dem Tode durch Senkung des

Blutes in die abwärtigen Partien zum grossen Theile oder vollständig

verschwindet, andererseits in dem Umstande, dass die während der

Erstickung eintretende Cyanose keineswegs immer einen gleich hohen Grad

erreicht. Bei Erstickungsversuchen kann man sehen, dass die Cyanose des

Gesichtes, die starke Injection der Conjunctiven und der Exophthalmus

mit dem convulsiven Stadium der Erstickung zusammenfallen, und es ist

offenbar besonders der exspiratorische Krampf des Thorax, welcher,

indem er den Rückfluss des Blutes zum rechten Herzen hindert, diese

Erscheinungen erzeugt. Da nun aber, wie bereits erwähnt, gerade das

convulsive Stadium des Erstickungstodes nicht immer gleiche Dauer und

gleiche Intensität zeigt, so ergibt sich daraus, dass auch der Grad

der Cyanose sich verschieden gestalten kann. Beim Erhängen verhindert

die Compression der Halsgefässe das Zustandekommen einer Cyanose des

Gesichtes desto mehr, je vollständiger sie sich gestaltet. Bei zwei

durch den Strang Justificirten, bei welchen wir die sich einstellenden

Erscheinungen aus unmittelbarer Nähe verfolgten, war die Cyanose

des Gesichtes jedesmal nur eine unbedeutende und beschränkte sich

eigentlich blos darauf, dass das Gesicht eine bleigraue, die Lippen

eine blaue Farbe annahmen, eine Erscheinung, die um so mehr auch nur

auf das Hypervenöswerden des Blutes bezogen werden kann, als ein

Aufgedunsenwerden des Gesichtes nicht zu bemerken war.

[Sidenote: Aeussere Ecchymosen bei Erstickten.]

Aus gleicher Quelle wie die Cyanose selbst stammen die +Ecchymosen

der Bindehäute+, die sich nicht selten an der Leiche von Erstickten

finden und denen eine ungleich höhere Bedeutung zukommt als der

Cyanose, da sie, wenn einmal gebildet, sich erhalten und durch

Hypostase nicht verschwinden können. Man kann bei Versuchen an Thieren

leicht constatiren, dass diese Ecchymosen ebenfalls während des

convulsiven Stadiums des Erstickens entstehen in Folge des gesteigerten

Blutdruckes, der schliesslich Rupturen der Capillaren und dadurch

jene capillaren Hämorrhagien veranlasst, die wir eben als Ecchymosen

bezeichnen. Ihr Befund ist von grosser Wichtigkeit, da er beweist, dass

zur Zeit des Todes eine bedeutende Blutstauung in den Gefässbezirken

des Kopfes bestand, und dies noch zu einer Zeit, nachdem alle anderen

Erscheinungen der Blutstauung gewöhnlich bereits verschwunden sind.

Der Werth eines solchen Befundes ist um so grösser, wenn er sich auf

blassen Bindehäuten findet, da in diesem Falle der in manchen Fällen

berechtigte Einwand entfällt, dass die Ecchymosen erst postmortal als

Theilerscheinung einer durch die abhängige Lage des Kopfes bedingten

Leichenhypostase entstanden seien. Auch an der Schleimhaut der Lippen

findet man mitunter Ecchymosen. In der Nasenschleimhaut scheinen sie

häufig vorzukommen.

Ausser an den sichtbaren Schleimhäuten, insbesondere in den

Conjunctiven, können sich kleine Ecchymosen in der Gesichtshaut

selbst finden, namentlich an den Augenlidern. Sie erscheinen da meist

nur als flohstichförmige, häufig dichtgestellte subepidermoidale

Blutaustretungen und entsprechen offenbar Rupturen, welche die in den

Papillarspitzen der Haut verlaufenden Capillarschlingen erlitten haben.

Ausnahmsweise ist auch Hals und oberer Theil des Brustkorbes mehr

weniger mit ihnen besetzt.

Auch an anderen Hautstellen scheinen Ecchymosen häufiger vorzukommen,

als man gewöhnlich meint, doch fallen sie hier wegen grösserer Dicke

der Haut, insbesondere der Epidermis, weniger in’s Auge. Wir haben

schon in den früheren Auflagen dieses Buches auf Hautecchymosen

aufmerksam gemacht, die sich bei Erstickten an abhängigen

Körperstellen finden. Wir haben dieselben bis dahin als eine blosse

Leichenerscheinung aufgefasst, welche durch Senkung des Blutes

in die abhängigen Partien und durch Ruptur der durch beginnende

Fäulniss bereits morsch gewordenen Hautcapillaren in Folge des

Druckes der über ihnen lastenden Blutsäule entstehen. Seitdem haben

wir uns jedoch durch systematische Verfolgung der Erscheinung und

mikroskopische Untersuchung der betreffenden Hautstellen überzeugt,

dass es sich um wirklich vital entstandene Ecchymosen handelt, die

jedoch, ursprünglich klein und unscheinbar, erst post mortem durch

Nachsickerung des Blutes und später durch Imbibition der Nachbarschaft

sich vergrössern und dann als stecknadelkopf- bis linsengrosse, im

Bereiche der Todtenflecke liegende, doch von diesen sich durch ihre

bedeutend dunklere Farbe abhebende violette Stellen sich präsentiren.

An Stellen, wo die Haut und das Unterhautgewebe ein lockeres Gefüge

besitzt, wie im Gesichte, am Vorderhals und an der Vorderfläche des

Brustkorbes, können bei abhängiger und länger andauernder Lage dieser

Körperpartien die in vivo entstandenen Ecchymosen durch postmortale

Nachsickerung des Blutes eine viel bedeutendere Grösse erreichen. Diese

forensisch sehr beachtenswerthe Erscheinung haben wir wiederholt bei

Leichen plötzlich eines suffocatorischen Todes Verstorbener constatirt,

namentlich aber in ganz exquisiter Weise bei solchen, die in Bauchlage,

mit aus dem Bette heraushängendem Oberkörper gefunden worden waren.

[Sidenote: Verhalten der Pupillen und Spermaaustritt bei Erstickten.]

Das Verhalten der +Pupillen+ an der Leiche von Erstickten zeigt

keine Constanz. Am häufigsten finden sie sich mässig erweitert

und beiderseits gleich. Nicht selten finden sich aber auch stark

erweiterte oder mehr als gewöhnlich verengte Pupillen. Ungleichheit

der Pupillen haben wir ebenfalls, obwohl nur in vereinzelten Fällen,

beobachtet. Während des Erstickens von Thieren bemerkt man anfangs

eine rasch vorübergehende Verengerung, dann während der Dyspnoe

eine meist auffallende Erweiterung, die sich während der Asphyxie

wieder ausgleicht, so dass an der Leiche die Pupillen das gewöhnliche

Verhalten zeigen.

Der +Austritt von Sperma+ aus der männlichen Harnröhre ist eine

bei Erstickten häufige, aber auch bei den mannigfachsten anderen,

sowohl gewaltsamen als natürlichen Todesarten keineswegs seltene

Erscheinung. Sie beruht nicht auf einer förmlichen Ejaculation,

die etwa während des Sterbens stattfand, sondern auf mechanischem

Austritt des Sperma aus den Samenblasen nach Erschlaffung der

betreffenden Sphincteren, weshalb sich auch Spermatozoiden häufiger

im hinteren Theile der Harnröhre und selbst in der Harnblase

nachweisen lassen, als an der Harnröhrenmündung. Bemerkenswerth

ist die Thatsache, dass die Spermatozoiden, sowohl des in den

Samenblasen befindlichen, als des in die Harnröhre ausgetretenen

Spermas noch durch 36-70 Stunden nach dem Tode ihre Beweglichkeit

erhalten können.[333] Sehr gewöhnlich ist bei Erstickten, ebenso wie

bei vielen anderen acuten Todesarten die Entleerung der Excremente

in der Agone, die auf einem Krampf der Blase, beziehungsweise der

Darmmusculatur, zu beruhen scheint, da sie, wie Versuche an Thieren

lehren, mit dem convulsiven Stadium zusammenfällt.

B. +Die inneren Befunde.+ Drei von diesen sind es, denen seit

jeher eine hohe Bedeutung für die Diagnose des Erstickungstodes

zugeschrieben wird: 1. Die dunkelflüssige Beschaffenheit des Blutes; 2.

die Stauungshyperämien in den inneren Organen, besonders in den Lungen,

und 3. die Ecchymosen, insbesondere die der Brustorgane.

[Sidenote: Beschaffenheit des Blutes Erstickter.]

Ad 1. +Die dunkelflüssige Beschaffenheit des Blutes+ ist in den Leichen

Erstickter ein sehr constanter und diagnostisch werthvoller Befund,

bedarf jedoch einer anderen Auffassung, als ihm bis jetzt zu Theil

geworden ist. Was zunächst die +dunkle Farbe+ des Erstickungsblutes

anbelangt, so muss festgehalten werden, dass diese Farbe keineswegs

ausschliesslich dem Erstickungstode zukommt, sondern dass dieselbe als

die +normale Farbe des Leichenblutes überhaupt+ aufgefasst werden muss.

Bekanntlich hängt die Farbe des Blutes, wenn wir von pathologischen

Färbungen, wie z. B. bei der Kohlenoxydvergiftung, absehen, von dem

Sauerstoffgehalt desselben ab, und es erscheint desto dunkler, je

weniger Sauerstoff dasselbe enthält oder mit anderen Worten, die dunkle

Farbe ist die des reducirten, die hellrothe jene des sauerstoffhältigen

Hämoglobins. Da aber bei jeder Todesart schon während der Agone die

Aufnahme von Sauerstoff durch die Athmung immer schwächer wird und

schliesslich ganz aufhört, während die Gewebe nicht blos während der

Agone, sondern, wie durch Versuche nachgewiesen ist, auch noch nach

dem Tode den Sauerstoff dem Blute entziehen und der etwa noch übrig

bleibende durch die im Blute zuerst auftretenden Zersetzungsprocesse

aufgezehrt wird, so muss jedes Leichenblut nur reducirtes Hämoglobin

enthalten und daher die gleich dunkle (hypervenöse) Farbe zeigen wie

Erstickungsblut, eine Thatsache, deren Beweis nicht blos makroskopisch,

sondern auch dadurch geführt werden kann, dass man das Blut unter

solchen Vorsichtsmassregeln der Leiche entnimmt, dass von aussen

kein Sauerstoff in dasselbe zu gelangen vermag, in welchem Falle man

sich dann durch sofortige spectrale Untersuchung überzeugt, dass

jedes Leichenblut, wenn es nicht anderweitige chemische Veränderungen

erlitten hat, nur reducirtes Hämoglobin enthält.[334]

[Sidenote: Flüssigkeit des Blutes.]

Die +flüssige+ Beschaffenheit des Blutes ist bei den acuten

Erstickungsformen ein sehr constanter Befund. Auch dieser Befund ist

für den Erstickungstod nicht absolut charakteristisch, kommt vielmehr

fast allen plötzlichen Todesarten zu, möge die primäre Todesursache

Sistirung der Respiration oder eine andere gewesen sein. Dieses

Flüssigbleiben des Blutes bei plötzlichen Todesarten bezieht sich blos

auf das in den Gefässen verbleibende Blut, während jenes, welches mit

der Luft in Contact kommt oder in Körperhöhlen oder zwischen Gewebe

(als Sugillation) sich ergiesst, gerinnt.

Ueber die eigentliche Ursache des Flüssigbleibens des Blutes in der

Leiche nach plötzlichen Todesarten, insbesondere nach Erstickung,

wissen wir vorläufig nichts Positives. Da das aus den Gefässen,

sowohl während des Lebens, als auch nach dem Tode gelassene Blut

gerinnt (allerdings das erstere rascher und intensiver) und ebenso

eine Gerinnung erfolgt, wenn das Blut innerhalb des Körpers in die

Körperhöhlen[335] oder in das Zwischengewebe sich ergiesst, so liegt

die Annahme nahe, dass erst durch das Hinzutreten eines äusseren

Momentes die Gerinnung veranlasst wird, während unter sonst normalen

Verhältnissen, wie auch neuere Versuche von +Baumgarten+ (Med.

Centralbl. 1877, pag. 131) lehren, das Blut dadurch, dass es in

den Gefässen eingeschlossen ist, vor der Einwirkung jenes Momentes

geschützt und daher flüssig bleibt. In der That hat +Alexander

Schmidt+ durch seine bekannten Untersuchungen über die Blutgerinnung

nachgewiesen, dass zwar im Blute zwei Eiweisskörper vorhanden sind,

welche das Material darstellen, aus dem sich der Faserstoff bildet,

die fibrinogene und die fibrinoplastische Substanz, dass jedoch zum

Zustandekommen der Gerinnung noch ein dritter Körper nothwendig

sei, der die beiden Fibringeneratoren zum Zusammentritt zu Fibrin

veranlasst, und er meint, dass dieses Ferment, welches erst nach

Entfernung aus dem Körper sich im Blute bildet, beim Zerfall der

Blutkörperchen, insbesondere der weissen, entsteht. Da dieser Zerfall

auch in der Leiche, und zwar sehr bald, eintritt, so spricht eben das

Flüssigbleiben des Blutes nach plötzlichem Tode dafür, dass nicht

dieser Zerfall der Blutkörperchen allein, sondern noch ein anderes

Etwas das „Ferment“ sein müsse.

+Brücke+ (Vorlesungen. I, 82) legt das Hauptgewicht auf die auch

noch einige Zeit nach dem Tode wirksamen Lebenseigenschaften der

Gefässwände, die das Blut am Gerinnen verhindern. Diese Ansicht

kann nur für die erste Zeit nach dem Tode gelten, nicht aber noch

nach Tagen, wo von vitalen Eigenschaften der Gefässwände nicht

mehr die Rede sein kann. Aeltere Anschauungen, darunter auch die

frühere von A. +Schmidt+, gingen dahin, dass die im Erstickungsblute

angehäufte Kohlensäure einen der Fibringeneratoren, nämlich die

fibrinoplastische Substanz oder das Paraglobulin, ausfälle und

dadurch das Gerinnen verhindere. Diese Anschauung wird zunächst

dadurch hinfällig, dass zufolge der Gasanalysen, die +Pflüger+

(Arch., „Ueber Dyspnoe“, 1869) sowohl während des Erstickens, als

auch nach demselben anstellte, der Kohlensäuregehalt des Blutes

keineswegs so auffallend sich vermehrt, wie man gewöhnlich annimmt,

sondern dass die CO₂-Menge zwar in der Regel etwas vermehrt, häufig

jedoch nicht grösser als im gewöhnlichen Venenblut, ja sogar in

einzelnen Fällen kleiner als in diesem gefunden wird. Weiter wird

dieselbe aber widerlegt durch Versuche, die wir, um über diese

Frage in’s Klare zu kommen, in der Weise anstellten, dass wir

Thiere unter einer Glasglocke in ihrer eigenen Respirationsluft

ersticken liessen, wo dann, trotzdem das Thier schliesslich eine mit

Kohlensäure hochgradig gesättigte Luft athmete, dennoch das Blut im

Herzen und den grossen Gefässen nicht flüssig, sondern coagulirt

gefunden wurde. Dieser letztere, mehrere Stunden beanspruchende

Versuch, sowie eine Reihe anderer, die wir an diesen anschlossen,

ferner die Beobachtungen an einer grossen Zahl von Leichen Erstickter

oder an anderen, meist gewaltsamen Todesarten Verstorbener brachte

uns die Ueberzeugung bei, dass die bereits von älteren Beobachtern

ausgesprochene, aber in Vergessenheit gerathene Ansicht, dass +der

Grad, in welchem das Blut in der Leiche geronnen sich findet, mit der

Länge des Todeskampfes in geradem Verhältnisse stehe+, die richtige

sein dürfte. Daraus erklärt sich die Thatsache, dass, während in

einzelnen Fällen von Erstickung das Blut vollkommen flüssig bleibt,

in anderen, und zwar die gleiche Erstickungsform betreffenden Fällen

sich mitunter gar nicht unbedeutende Blutgerinnsel im Herzen und auch

in den grossen Gefässen finden können.

Der Grund dieser Erscheinung bedarf noch weiterer Studien, vorläufig

erklären wir uns die Sache so, dass das Blut durch einen länger

dauernden Erstickungsprocess oder überhaupt durch eine länger

dauernde Agone sehr bald gewisse Veränderungen erleidet, die offenbar

als Vorstadien jenes pathologischen Verhaltens des Blutes anzusehen

sind, welche wir in vielen, namentlich in entzündlichen Krankheiten

beobachten, bei welchen dann in der Leiche, sowohl im Herzen als in

den grossen Gefässen, meist massenhafte Fibrinausscheidungen gefunden

werden. Vielleicht hängt die Erscheinung mit der von +Litten+ („Zur

Pathologie des Blutes.“ Berliner klin. Wochenschr. 1883, Nr. 27)

constatirten agonalen Leukocytose zusammen, die seinen Beobachtungen

nach ein constantes, gewissermassen physiologisches präagonales und

agonales Phänomen sein soll, von dem insbesondere die Fälle sehr

kurzer Agonie eine Ausnahme bilden. Es kann auch vorkommen, dass

während des Bestehens einer entzündlichen Erkrankung entweder durch

diese (z. B. Bronchitis) oder auf gewaltsame Weise Erstickung erfolgt

(z. B. Selbstmord im Fieberdelirium), und es ist begreiflich, dass

sich in solchen Fällen der bestehenden Hyperinose wegen auch bei

ganz acuter Erstickung mehr weniger mächtige Fibringerinnsel finden

können.[336]

[Sidenote: Erstickungsblut.]

Die flüssige Beschaffenheit des Erstickungsblutes befördert, wie

schon erwähnt, die Bildung der Hypostasen, sowie den Eintritt und

Verlauf der Fäulniss. Beides gilt nicht blos bezüglich der äusseren,

durch die erwähnten Vorgänge bewirkten Veränderungen, sondern auch

von den inneren Hypostasen und den an diese sich anschliessenden

Processen, wie Imbibitionen, Transsudationen und den bereits der

Fäulniss angehörenden Vorgängen, eine Thatsache, welche sowohl bei

der Beurtheilung von Leichen Erstickter als der meisten plötzlichen

Todesfälle alle Beachtung verdient.

[Sidenote: Venöse Hyperämien bei Erstickten.]

Ad 2. Was die +venösen Hyperämien+ in den verschiedenen Organen,

insbesondere aber in den Lungen, betrifft, so ergeben sich diese

allerdings sehr häufig, doch wussten schon ältere Beobachter, dass sie

nicht constant zur Entwicklung kommen, und man half sich gegenüber

dieser Thatsache dadurch, dass man, wenn Lungen und Hirn gleichzeitig

hyperämisch gefunden wurden, von Stickschlagfluss, wenn blos die

Lungen oder blos das Gehirn eine Blutüberfüllung zeigten, von Stick-,

beziehungsweise von Schlagfluss sprach, wenn jedoch nirgends eine

ausgesprochene Hyperämie vorhanden war, das Individuum am Nervenschlag

gestorben sein liess.

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 58 / 132 段