Schädelverletzungen.“ Friedreich’s Bl. 1884, pag. 241) hat über
solche Fälle geschrieben. +Maschka+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl.
Med. 1884, XLI, 1) berichtet über einen Mann, der Morgens in einer
180 Cm. tiefen gemauerten Grube, in welche er Nachts wahrscheinlich
im berauschten Zustande gefallen war, herumgehend getroffen wurde,
sich auf erfolgtes Anrufen selbst herausschwang, wie ein Betrunkener
taumelte und, nach Hause geführt, noch am selben Tage starb, bei
dessen Obduction eine vom rechten Seitenwandbein durch das rechte
Schläfebein bis zum Türkensattel ziehende Fissur, ein Einriss am
linken Schläfelappen mit starkem Intermeningealextravasat, Fractur
der vierten bis siebenten Rippe und eine kleine Ruptur der rechten
Niere sich ergab. +Jaumes+ (Montpellier méd. 1885, pag. 523) erzählt
von einem 30jährigen Manne, der um 6 Uhr Abends einen Schlag
auf die linke Schläfe mit einem Steine erlitten hatte, ohne das
Bewusstsein zu verlieren nach Hause gegangen war, dort mit seiner
Familie genachtmahlt und sich dann in’s Theater begeben hatte,
wo er bis 11 Uhr blieb und, nach Hause zurückgekehrt, erst um 2
Uhr zu klagen anfing und um 4 Uhr Morgens starb, an dessen Leiche
eine mit Depression verbundene Fractur der linken Schläfeschuppe,
Verletzung eines Astes der Art. meningea media mit grossem Extravasat
zwischen Knochen und Dura und eine, 1 Frank grosse Contusion der
Rinde am linken Scheitel gefunden wurde. Wir selbst begutachteten
mehrere analoge Fälle, darunter einen, der eine Frau betraf, die
in betrunkenem Zustande von ihrem Manne eine Ohrfeige erhielt, so
dass sie hinstürzte und mit dem Kopfe gegen die massive Leiste einer
geschlossenen Thüre fiel. Sie blutete sofort aus einer Wunde am
Hinterkopfe und war bewusstlos, erholte sich aber, nachdem sie der
Mann abgewaschen hatte, war dann noch im Stande, ihre häuslichen
Geschäfte zu verrichten, zu nachtmahlen und Branntwein zu trinken
und starb plötzlich erst am anderen Morgen, nachdem sie ihrem Manne
noch Wasser gebracht hatte. Die Obduction ergab einen mit partieller
Splitterung verbundenen Sprung des Schädels, der sich von der Mitte
der Hinterhauptsschuppe in das rechte Scheitelbein erstreckte.
Verletzung des Gehirns oder intrameningeales Extravasat soll nicht
vorhanden gewesen sein.
[Sidenote: Hirnerschütterung.]
Die Hauptsymptome der Hirnerschütterung, welche die neue Schule als
vasomotorische Neurose auffasst und entweder durch traumatische
Reflexparalyse der Hirngefässe (+Fischer+) oder durch Reizung und
consecutive Lähmung des vasomotorischen Centrums (+Koch+ und +Filehne+)
sich erklärt, wobei die plötzliche, in der Richtung der comprimirenden
Gewalt erfolgende Bewegung (Verdrängung) der Cerebrospinalflüssigkeit
und die dadurch bewirkte mechanische Reizung namentlich des Bodens
der vierten Kammer und der sensiblen Corpora restiformia eine
wichtige Rolle zu spielen scheint (+Duret+, +Gussenbauer+), sind
sofortige Bewusstlosigkeit, Coma, auffallend verlangsamter Puls,
schwache Respiration, träg reagirende Pupillen und Blässe der Haut.
In den meisten Fällen tritt sofort nach dem Insulte Erbrechen ein.
Convulsionen sind selten. Die Bewusstlosigkeit kann nur minuten-, aber
auch tagelang dauern (in einem Falle von +Pirogoff+ sechs Wochen). Sehr
constant ist ferner die zurückbleibende Amnesie.
Die Hirnerschütterung kann für sich allein, d. h. ohne auffällige
anatomische Veränderungen bestehen, noch häufiger ist sie mit
anderweitigen, wenn auch mitunter nur mikroskopischen Verletzungen
des Gehirns, die ebenso wie die Hirnerschütterung als solche, sowie
intermeningeale oder cerebrale Hämorrhagien auch ohne Verletzung des
Schädels vorkommen können.
Zu ersteren gehören die capillaren Apoplexien in der Hirnsubstanz,
die +Rokitansky+ und +Willigk+ nach heftigen Erschütterungen des
Kopfes beobachteten, dann die Rhexis cerebri, die wir bereits bei
Besprechung der Rupturen erwähnt haben, und ferner die so häufige
Contusio cerebri. Den häufigsten Sitz der Contusio cerebri bilden
die Stirnlappen, namentlich ihre untere und vordere Partie und die
Spitzen und Aussenflächen der Schläfelappen, die Scheitelgegend
und die hinteren Enden der Occipitallappen. Sie präsentirt sich in
Form meist violett verfärbter, gewöhnlich zu Gruppen gestellter
Stellen, an welchen die Rindensubstanz erweicht und von zahlreichen
grösseren und kleineren punktförmigen Blutaustritten durchsetzt ist.
Nach +Duret+ ist die Wand und Umgebung der vierten Hirnkammer ein
häufiger Sitz von traumatischen Hämorrhagien, weil bei plötzlichen
Erschütterungen des Kopfes die Ventrikelflüssigkeit vorzugsweise
gegen diese Partien hingedrängt wird. Auch die gewöhnliche
Contusio cerebri entsteht sehr häufig durch Contrecoup und findet
sich namentlich sehr gewöhnlich an jenen der Gewalteinwirkung
entgegengesetzten Stellen. Bemerkenswerth ist die von +Bollinger+
(„Ueber traumatische Spätapoplexie.“ Festschrift zu +Virchow+’s
70. Geburtstag. II. Bd., pag. 233) gemachte Beobachtung von
Erweichungsnecrosen in der Gegend des Aquaeductus Sylvii und am
Boden der vierten Kammer nach Hirnerschütterung, welche Erweichungen
nachträglich zu Apoplexien führen können. In einem Falle trat
letztere am 32., in einem zweiten Falle erst am 52. Tage ein.
Der Grad, in welchem die einfache oder mit Contusio cerebri verbundene
Hirnerschütterung erfolgt, wird einestheils von der Natur des
gebrauchten Werkzeuges, anderseits von der Gewalt abhängen, mit welcher
dasselbe geführt wurde. Bekanntlich sind vorzugsweise wuchtige stumpfe
oder stumpfkantige Werkzeuge geeignet, Hirnerschütterung zu bewirken,
und das plötzliche Zusammenstürzen der Individuen, die heftige Schläge
mit solchen Werkzeugen gegen den Kopf erlitten haben, ist vorzugsweise
auf die erfolgte Commotio cerebri zu beziehen, und zwar desto mehr,
je geringfügiger die Läsionen waren, die das Gehirn selbst erlitten
hatte, und mit je geringerer Blutung in die Schädelhöhle die Verletzung
verbunden war. Bei Stichverletzungen spielt die Commotio cerebri in
der Regel nur eine nebensächliche Rolle, eine wichtige dagegen bei den
Schuss- und noch mehr bei den Hiebwunden. Bei letzteren zeigt sich der
Einfluss der näheren Beschaffenheit des verletzenden Werkzeuges in
exquisiter Weise, da z. B. bei Hieben mit einem Beil die Erscheinungen
der Hirnerschütterung ungleich intensiver auftreten, als nach Hieben
mit Säbeln und da auch bei letzteren ein wesentlicher Unterschied
bezüglich des Auftretens der Symptome von Hirnerschütterung sich
ergeben wird, je nachdem leichte oder schwere Säbel zur Anwendung
gekommen sind. Aus diesem Grunde muss aber, und dies ist forensisch
wichtig, zugegeben werden, dass unter sonst gleichen Umständen Jemand,
der einen Hieb mit einem leichten und flachen Säbel erhielt, eher bei
Bewusstsein bleiben kann oder noch eine Handlung zu unternehmen vermag,
als Jemand, dem eine gleiche Wunde mit einem schweren und breitrückigen
Säbel oder gar mit einem Beile zugefügt worden ist.[309]
[Sidenote: Hirnerschütterung und Rausch.]
Da eine grosse Zahl der Raufereien, bei welchen es Kopfverletzungen
setzt, sich in Wirthshäusern und in vom Alkohol erregtem Zustande
ereignen, so ist es nicht überflüssig, auf die Aehnlichkeit aufmerksam
zu machen, die den Symptomen eines schweren Rausches und denen der
Hirnerschütterung zukommt, und zu bemerken, dass sowohl Symptome,
die von Alkoholexcess herrührten, für Hirnerschütterung genommen
wurden, als umgekehrt, und zwar noch häufiger Fälle vorkamen, in denen
letztere als Rauschzustand aufgefasst wurden und dementsprechend mit
dem Verletzten verfahren worden ist. Zur Unterscheidung müssen die
genossenen Alkoholmengen und die eventuellen Rauscherscheinungen, die
schon vor der Verletzung bestanden, erwogen werden, vorzugsweise aber
die Symptome, die in dem Momente auftraten, als der Schlag auf den Kopf
etc. erfolgte, sowie der weitere Verlauf des von diesem Zeitpunkte aus
sich datirenden Betäubungszustandes.
Was die mit einer Kopfverletzung verbundene Blutung in die
Schädelhöhle, beziehungsweise auf die Oberfläche des Gehirns betrifft,
so wird dieselbe desto rascher und desto intensiver Erscheinungen des
Hirndruckes bewirken, je grösser die Menge des ausgetretenen Blutes
war, und je rascher sich das Extravasat gebildet hatte. Es ist daher
nicht blos die Zahl und das Caliber der gleichzeitig verletzten
Meningealgefässe zu berücksichtigen, sondern auch, ob dieselben
arterielle oder venöse Gefässe gewesen sind. Von den grösseren
Arterien, die verhältnissmässig häufig bei den verschiedenartigsten
Kopfverletzungen durchtrennt werden und besonders intensive Blutung
und, wenn nicht etwa eine stärkere Haftung der Dura am Knochen bestand
oder nur kleine Aestchen verletzt wurden, sofortige oder baldige
Erscheinungen schweren Hirndruckes bewirken, erwähnen wir besonders
die Art. meningea media und ihre Verzweigungen, wodurch mächtige
kuchenförmige, die betreffende Grosshirnhälfte muldenförmig abflachende
Extravasate zwischen Dura mater und seitlicher Schädelwand entstehen
und von den venösen Gefässen die grossen Sinus der Dura mater. In
vielen Fällen nimmt die intermeningeale Blutung ihren Ausgang von
Contusionen des Gehirns, über welchen die Meningen mehr weniger
zerrissen sind und kann auch erst nachträglich in Folge Erweichung
eintreten.
Die bei weitem grösste Zahl der Kopfverletzungen, welche zur
forensischen Untersuchung gelangen, ist durch stumpfe oder durch
stumpfkantige Werkzeuge veranlasst worden. Den geringsten Grad des
Effectes des letzteren bilden die Suffusionen der Kopfhaut, von denen
wieder die meisten im lockeren Zellgewebe unter der Galea zwischen
dieser und dem Pericranium und unterhalb des letzteren vorzukommen
pflegen. Zu ihrer Entstehung genügen bei dem Blutreichthum der
Kopfhaut und wegen der harten Unterlage schon geringe Gewalten, wie
wir namentlich an den Blutbeulen der Kinder, die sie sich beim Fallen
zuziehen, sehr gewöhnlich beobachten können, und es ist insbesondere zu
bemerken, dass sie sich häufig auch zufällig bei den verschiedensten,
auch natürlichen, plötzlichen Todesarten beim Niederstürzen des
Körpers und Aufschlagen des Kopfes an harte Gegenstände bilden können.
Bezüglich der Wunden der Schädeldecken wurde bereits oben (pag. 278)
hervorgehoben, dass dieselben nicht immer unregelmässige und gezackte
Ränder besitzen müssen, sondern der Spannung und harten Unterlage wegen
häufiger als an anderen Körperstellen auch lineare Trennungen bilden
können, und es wurden zugleich jene Momente erwähnt, welche in einem
solchen Falle trotz der linearen Beschaffenheit der Hautwunde doch die
Diagnose gestatten können, dass dieselbe nicht mit einem schneidigen,
sondern durch ein stumpfes Werkzeug entstanden sei.
[Illustration: Fig. 83.
Lochfractur im l. Scheitelbein durch einen sogen. „Todtschläger“
veranlasst. Nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 84.
Hintere Seite von Fig. 83. Nat. Gr.]
[Sidenote: Wunden der Schädeldecken. Lochfracturen des Schädels.]
Das „Nullum vulnus capitis contemnendum“ der älteren Chirurgen bezog
sich vorzugsweise auf die Wunden der Schädeldecken und auf die
Häufigkeit der accidentellen Wundkrankheiten im Gefolge derselben,
welche die Prognose solcher Wunden so trügerisch gestaltete. Die
Warnung der alten Praktiker verdient auch heutzutage alle Beachtung,
insoferne als erfahrungsgemäss bei Kopfwunden besonders günstige
Bedingungen für den Eintritt gefährlicher septischer Processe
(Erysipelas, Meningitis etc.) gegeben sind. Da wir jedoch gegenwärtig
wissen, dass diese Processe, wenn auch nicht immer, so doch in der
Regel durch correcte (antiseptische) Behandlung vermieden werden
können, so werden wir bei der gerichtsärztlichen Begutachtung solcher
Verletzungen die ursprüngliche Bedeutung und den weiteren ungünstigen
Verlauf derselben wohl auseinanderhalten, beziehungsweise dem Richter
auseinandersetzen, dass die Ursache der ungünstigen Complication
keineswegs in der „allgemeinen Natur der Verletzung“, sondern in
äusseren Schädlichkeiten begründet war, deren Hinzutreten in der
Regel durch richtige Behandlung verhindert werden kann.
Ein sehr häufiger Effect stumpfer Gewalten sind Continuitätstrennungen
des Schädels. Besass das betreffende Werkzeug nur eine kleine, zufolge
der Untersuchungen von A. +Paltauf+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med.
XLVIII) 4 Quadratcentimeter nicht überschreitende Oberfläche, so können
lochförmige Verletzungen, sogenannte +Lochfracturen+, entstehen, aus
deren Form sich mitunter die nähere Natur desselben vermuthen lässt.
So besitzen wir in unserer Sammlung einen Schädel, an welchem eine
3 Cm. breite, kreisrunde Scheibe aus der äusseren Tafel des linken
Scheitelbeines herausgeschlagen und kegelstutzförmig deprimirt sich
findet, während von der gegenüberliegenden Glastafel ein noch einmal so
grosses und vielfach gesplittertes, aber ebenfalls kreisrundes Stück
abgesprengt erscheint. Das verletzende Werkzeug war ein sogenannter
Todtschläger -- Life preserver -- gewesen (Fig. 83 u. 84).
[Illustration: Fig. 85.
Lochfractur im linken Scheitelbein, durch einen runden Maurerhammer
veranlasst, der mit voller Fläche getroffen hatte. ½ nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 86.
Terrassenförmige Lochfractur links von der Pfeilnaht, durch einen
runden Hammer entstanden, der mit der unteren Kante des Hammerkopfes
getroffen hatte. Der Hieb wurde von rechts geführt. ½ nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 87.
Mit einem viereckigen Hammer erzeugte Lochfractur. Die im Bilde rechts
gelegene durch die Fläche, die linke durch eine Ecke des Hammerkopfes
entstanden. ¼ nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 88.
Viereckige Lochfractur, durch den Kopf einer beilstockartig geformten
Hacke erzeugt, mit eingebrochenen, von der äusseren Knochentafel
gebildeten Rändern. Etwas über ¼ nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 89.
Dieselbe Lochfractur von Innen. Die von der Glastafel gebildeten Ränder
in Form eines regelmässigen Rahmens abgeknickt und deprimirt. Etwas
über ¼ nat. Gr.]
Eine ähnliche Verletzung bewirkt der runde Kopf eines Schusterhammers,
wenn derselbe mit der vollen Fläche die betreffende Schädelstelle traf.
Fig. 85 zeigt hiervon ein Beispiel. War letzteres, wie häufig, nicht
der Fall, so entsteht, indem die untere runde Kante des Hammerkopfes
zuerst in den Knochen eindringt, die in Fig. 86 abgebildete
Lochfractur, die wir als die terrassenförmige bezeichnen möchten,
weil das deprimirte Knochenstück parallele bogenförmige Sprünge zeigt,
die ihre Concavität der Stelle zukehren, wo die Kante des Hammers
eingedrungen ist und die zugleich am meisten deprimirt erscheint. Es
liegt nahe, dass eine solche Beschaffenheit der Verletzung auch für die
Bestimmung der Stellung des Thäters zum Getroffenen verwerthet werden
kann.
Als Seitenstück zeigt Fig. 87 zwei Lochfracturen, die durch einen
vierkantigen Hammerkopf veranlasst wurden, welcher einmal mit voller
Fläche, das anderemal mit einer Ecke den Schädel getroffen hatte, und
Fig. 88 und 89 eine andere, welche mit dem viereckigen Kopfe einer
beilstockartig geformten Hacke bewirkt wurde, und zwar bei einem der
zwei Knaben des Wechslers +Eisert+, die bekanntlich sammt ihrem Vater
im Jahre 1884 durch Anarchisten ermordet worden sind. Bemerkenswerth
ist hier der regelmässige Einbruch der Ränder des viereckigen Loches,
welche wie ein Rahmen ein inneres kleineres, ebenso geformtes Loch
umgeben. Ob und in welchem Grade die Form der Angriffsfläche des
verletzenden Werkzeuges an der Lochfractur zur Ausprägung kommt, hängt,
wie die Versuche von A. +Paltauf+ (l. c.) ergaben, ausser von den
bereits erwähnten Momenten auch von der Schärfe der Ecken und Kanten
des Werkzeuges und von der Dicke des Knochens, insbesondere aber von
der Dicke der den Schädel bedeckenden Zwischenlagen (Schädeldecken,
Haarwuchs, Kopfbedeckung) ab, welche desto mehr die Ausprägung der Form
des Werkzeuges verhindern, je dicker sie sind.
[Sidenote: Zertrümmerungen des Schädels.]
[Sidenote: Fracturen und Fissuren des Schädels.]
An die Lochfracturen schliessen sich die Zertrümmerungen grösserer
Partien des Schädels oder des ganzen Schädels an, wie sie durch
mit breiter Fläche einwirkende grosse Gewalten zu Stande kommen.
Verhältnissmässig häufig sind die Fracturen des Planum temporale, so
nach Sturz, Stoss oder Schlag auf oder gegen dieses. Sehr gewöhnlich
kommt es dabei zu Rupturen von Aesten der Arteria meningea media und,
wenn die Dura unverletzt bleibt, zu einem meist mächtigen Bluterguss
zwischen diese und die Innenfläche des Schädels, wodurch die Dura
abgehoben und die betreffende Grosshirnhälfte muldenförmig abgeflacht
wird. Die grossartigsten Zertrümmerungen des Schädels finden sich
nach Sturz von bedeutenden Höhen, Ueberfahrenwerden, besonders durch
Waggons, und ähnlichen grossen Gewalteinwirkungen. Sehr häufig sind
dann die Fracturen complicirte, indem mehr weniger zahlreiche
Fragmente die Schädeldecke durchdringen. Ob letzterer Vorgang auch nach
einem mit den Händen geführten Schlag, mit einem Knüttel, schweren
Stein u. dergl. geschehen kann, ist zweifelhaft, nach wiederholten
Schlägen wäre dieses nicht unmöglich. Dagegen ist zu beachten, dass
auch nach einem einzigen Schlag mit einem solchen Gegenstande ein
dünner oder spröder, z. B. seniler Schädel in zahlreiche Stücke
auseinander gehen kann. So konnten wir 21 Scherben zählen bei einem
Individuum, das einen einzigen Hieb mit einem dicken, schweren Prügel
über den Kopf erhalten hatte und haben bei einem Manne, der in der
Trunkenheit auf vorspringende Steine gefallen war, das Planum temporale
in 12 grössere und mehrere kleinere Stücke zerbrochen gefunden, mit
zwei einestheils in das betreffende Scheitelbein, anderseits durch
die mittlere Schädelgrube bis zur Sella turcica sich erstreckenden
Fissuren. In beiden Fällen war der Schädel dünn und compact. Ebenso
fand +Buchner+ (Lehrb. 1867, pag. 224) nach Schlag mit einer Zaunlatte
den kaum 2 Linien dicken Schädel in 25 Stücke zerschlagen und in einem
von +Bujalsky+ (+Bergmann+, Kopfverletzungen, pag. 71) erwähnten Falle
war ein im höchsten Grade verdünnter Schädel durch den Hufschlag eines
Pferdes in 96 Fragmente getrennt. +Bergmann+ selbst bildet den Schädel
eines 13jährigen Mädchens ab, welcher durch Auffallen eines Steines in
mehrere Stücke zerbrochen war. Auch +Messerer+ (Friedreich’s Bl. 1888,
pag. 374) berichtet über eine hochgradige Schädelzertrümmerung bei
einem alten Manne, der sich nach einem Versuch der Aderndurchschneidung
aus einer Höhe von nur 3 Meter auf eine Tenne herabgestürzt hatte.
Eine andere Kategorie von Schädelverletzungen entsteht durch Berstung
des Schädels in Folge plötzlicher Compression. Die meisten Fissuren
entstehen auf diese Weise. Interessante Versuche von N. +Hermann+,
+Schranz+, insbesondere aber von +Messerer+[310] haben ergeben, dass
nach plötzlich comprimirenden Gewalten der Schädel einfach berstet,
etwa in ähnlicher Weise, wie man dieses z. B. bei einer comprimirten
Haselnuss beobachten kann. +Messerer+ fand dabei, dass solche
Berstungen vom getroffenen Orte aus am Schädelsphäroid in der Richtung
von Meridianen verlaufen, wobei Ablenkungen durch schwächere Stellen
vorkommen können. Vom Scheitel aus können solche Fissuren sowohl quer
als sagittal zur Basis ausstrahlen, dagegen entstehen Querfracturen
der Schädelbasis, wie +Messerer+ übereinstimmend mit +Hermann+ fand,
hauptsächlich durch eine seitliche, sagittale aber durch eine auf das
Hinterhaupt oder die Stirn gerichtete Gewalt. Basisfracturen können
aber auch durch plötzliche Einwirkung oder Eintreibung der Schädelbasis
in das Lumen des Schädels, wie es beim Auffallen eines Gegenstandes
auf den Kopf oder bei einem Fall auf den Scheitel, mitunter aber auch
auf das untere Körperende erfolgt, zu Stande kommen. Eine besondere
Kategorie derartiger Basisbrüche bilden die „Ringfracturen“, bei
welchen die das Hinterhauptsloch umgebenden Partien herausgebrochen und
nach einwärts getrieben wurden. Mitunter ist nur ein Theil des Ringes
ausgebildet.
Combinationen von Fracturen und Fissuren sind häufig, insbesondere
in der Art, dass von umschriebenen Einbrüchen eine oder mehrere
Fissuren ausgehen. Die sogenannten Sternbrüche sind meistens solche
Combinationen, indem von einer Stelle strahlenförmig Fissuren ausgehen
und die um den Ausgangspunkt dieser Strahlen gelegenen Knochenpartien
eingebrochen sind, mitunter in deutlich concentrisch angeordneter
Weise. Auch bei einfachen Fissuren ist der Angriffspunkt der Gewalt,
welche sie veranlasste, gewöhnlich durch mehr weniger ausgebildete
umschriebene Fracturen oder Infractionen markirt, mitunter nur durch
Absprengungen der Glastafel.
[Sidenote: Indirecte Fissuren und Fracturen.]
Durch Druck und Stoss können, wie die Versuche von +Hermann+ und
+Messerer+ ergaben, auch indirecte, d. h. mit der Angriffsstelle der
Gewalt nicht zusammenhängende Brüche entstehen. Zu ihrem Zustandekommen
ist nach +Messerer+ nöthig, dass die Gewalteinwirkung auf relativ
starke Schädeltheile statthat, welche den Angriff auszuhalten und
auf entferntere Theile zu übertragen vermögen, wo dann der indirecte
Bruch entsteht. Unserer Meinung nach sind alle durch Berstung des
Schädels veranlassten Fissuren indirecte, da die Berstung bei der
plötzlichen Compression des Schädels nicht an dem Angriffspunkte der
Gewalt, sondern entfernt davon an der Stelle der grössten Krümmung
und Spannung der betreffenden Schädelpartie beginnt und erst von
da aus in meridianer Richtung zur Stelle der Gewalteinwirkung sich
fortsetzt. Daher klaffen auch solche Fissuren am meisten an den von
dem Angriffspunkt der Gewalt entfernten Stellen, sind auch dort häufig
am meisten suffundirt, während sie gegen letztere zu, sowie gegen das
andere Ende der Zusammenhangstrennung zu sich verschmälern und in
bis haarfeine Sprünge auslaufen.[311] Es kommen aber auch, obgleich
bei Erwachsenen selten, Fissuren vor, die mit der Angriffsstelle
der Gewalt in gar keiner Verbindung stehen. So haben wir bei einem
34jährigen Manne, dem ein Mörtelschaff gerade auf den Scheitel gefallen
war und auf diesem eine 2·3 Cm. lange, bis zum Knochen dringende
Quetschwunde erzeugt hatte, unter der getroffenen Stelle äusserlich am
Scheitel keine Verletzung gefunden, dagegen einestheils eine Diastase
des vorderen Drittels der Pfeilnaht, welche in einen bis über die
Nasenwurzel reichenden und dort gegen die Augenhöhlen ziehenden Sprung
überging, anderseits eine Diastase der linken Lambdanaht, von welcher
am Uebergang des mittleren in das äussere Drittel ein Sprung senkrecht
zur linken Hinterhauptsgrube zog und am Boden der letzteren endete. An
der Innenfläche des Schädels war die vom Mörtelschaff getroffene Stelle
durch eine 21 Mm. lange, senkrecht zur Pfeilnaht ziehende feine Fissur
des linken Scheitelbeines markirt.
Verhältnissmässig am häufigsten kommen derartige indirecte Brüche
bei Neugeborenen vor, bei welchen sich des radiären Baues der
Schädeldeckknochen wegen, nach Fall oder Schlag auf den Scheitel
sehr leicht „Compressionssprünge“ bilden, die in der Regel vom Tuber
des Knochens, namentlich der Scheitelbeine ausgehen und zwischen
den Ossificationsstrahlen verlaufen und häufig genug entweder gar
nicht bis zur zunächst getroffenen Stelle reichen oder überhaupt gar
nicht meridian, sondern, wenn man sich den Angriffspunkt als Pol des
Schädelsphäroids denkt, in der Richtung von Breitekreisen verlaufen.
Von solchen Fracturen sind solche zu unterscheiden, die in der That
durch Contrecoup entstehen. Hierher gehören die indirecten Brüche der
Orbitaldächer durch Schuss (pag. 307), die auch durch einen heftigen
Schlag oder Fall auf den Hinterkopf oder den Scheitel veranlasst
werden können, aber auch dadurch, dass, während der Kopf auf einer
festen Unterlage aufruht, auf die entgegengesetzte Seite eine Gewalt
ausgeübt wird. Es kann darum geschehen, dass überhaupt nur an der dem
Angriffspunkt der Gewalt entgegengesetzten Stelle eine Fractur entsteht.
[Sidenote: In Fissuren eingeklemmte Haare.]