+Erschiessen+. In der überwiegendsten Zahl der Fälle sind es kurze
Schusswaffen, welche zu diesem Zwecke benützt werden, Pistolen und
der gegenwärtig so beliebte Revolver. Lange Gewehre, wie Jagd- und
Soldatengewehre, kommen seltener zur Anwendung, weil sie weniger
verbreitet und unbequemer zu handhaben sind, weshalb, wenn solche
dennoch benützt werden und der Arm nicht ausreicht, um das Abdrücken zu
bewirken, manchmal Vorrichtungen getroffen werden, die das Abdrücken
ermöglichen sollen. Mitunter werden so eigenthümliche Schiesswerkzeuge
gewählt, dass schon dadurch der Selbstmord ausser Zweifel gesetzt wird.
So haben wir zweimal Selbstmörder obducirt, die sich mit einer aus
einem hohlen grossen Schlüssel roh hergestellten Pistole erschossen
hatten. In einem anderen Falle hatte ein Schlosser einen röhrenförmigen
Maschinenbestandtheil, in welchen er ein Zündloch eingebohrt hatte,
geladen, in einem Schraubstock eingezwängt und gegen sich abgefeuert,
und in einem dritten hatte eine Kinderkanone dazu herhalten müssen.
Manchmal wieder ist das Projectil von solcher Art, dass zunächst
an Selbstmord gedacht werden muss. So haben wir wiederholt bei
der Obduction erschossener Selbstmörder Steinchen, in einem Falle
ausser einem Stück gehackten Bleies Sand, und in einem weiteren ein
messingenes Quentchengewicht im Wundcanal gefunden. Ein origineller
Befund ergab sich bei einem von uns obducirten Schlosser, der sich
mit einem Revolver erschossen hatte. Es fand sich nämlich über der
Herzgegend ein mit einer mit Flanell gepolsterten Pelotte versehenes
Metallrohr, das mittelst eines um den Thorax verlaufenden Riemens
befestigt war. Durch dieses Rohr, welches er sich selbst verfertigt
hatte und welches ihm offenbar die Herzgegend markiren sollte, hatte
der Selbstmörder den Schuss abgefeuert, der auch das Herz durchbohrte,
aber ihn nicht sofort tödtete, worauf sich der Mann noch einen zweiten
Schuss in die rechte Schläfe beibrachte.
[Sidenote: Blinder Schuss.]
Auch jene seltenen tödtlichen Schussverletzungen +ohne
Zusammenhangstrennung+ der äusseren Haut können wohl nur bei
Selbstmördern vorkommen, die vielleicht in der Aufregung vergessen
hatten, mit einem Projectil zu laden. Hierher gehört der in Wien
vorgekommene und im Physikatsbericht vom Jahre 1871, pag. 123,
erwähnte Fall, wo bei einem 40jährigen Manne, der sich durch einen
Pistolenschuss das Leben genommen hatte, in der Gegend der linken
Brustwarze eine handtellergrosse, schwarzbraune, trockene Hautstelle
ohne Trennung des Zusammenhanges sich vorfand. Die hinter dieser
Stelle gelegene Schicht der Brustwand war suffundirt und gequetscht,
die Rippenknorpel gebrochen. Im Herzbeutel 1½ Pfund Blut, das
Herz contrahirt, auf seiner Vorderseite in der Mitte des Sinus
longitudinalis zwei etwa erbsengrosse Risse des Perikardiums, welche
in die Höhlen beider Ventrikel führten.
In einem uns vorgekommenen Falle, wo leider die Section nicht gemacht
werden durfte, fand sich bei dem betreffenden Selbstmörder, der sich
mit einer Doppelpistole erschossen hatte, eine grosse Schussöffnung
unter der linken Brustwarze und nach aussen und unten von dieser eine
handflächengrosse geschwärzte, vertrocknete Stelle mit eingesprengten
Pulverkörnern, die offenbar von einem blinden Schuss herrührte.
[Sidenote: „Wasserschüsse.“]
Um über die sogenannten +Wasserschüsse+, von denen bei
Selbstmördern häufig die Rede ist, in’s Klare zu kommen, haben wir
Versuche angestellt und darüber in der Wiener med. Wochenschr. 1878,
Nr. 6 und 7, berichtet. Diese Versuche haben ergeben, dass, wenn ein
wasserdichter, z. B. ein gefetteter Pfropf auf das Pulver aufgesetzt
wird, allerdings statt eines festen Projectils auch Wasser geladen
und der Schuss abgefeuert werden kann; dass aber die so verbreitete
Ansicht von der besonderen, jener gewöhnlicher Projectile weit
übersteigenden zerstörenden Wirkung geladenen Wassers jedenfalls
eine übertriebene ist, indem auch bei Wasserschüssen, eben weil
sie Nahschüsse sind[283], der Hauptantheil der Verwüstung, die sie
erzeugen, der unmittelbaren Wirkung der Pulvergase zugeschrieben
werden muss. Grossartig aber wäre die Zerstörung, wenn eine
specifisch schwere Flüssigkeit, insbesondere Quecksilber, geladen
würde. Im letzteren Falle würden die Quecksilberkügelchen in den
zertrümmerten Körpertheil die Diagnose des Vorganges gestatten.
Einen Wasserschuss jedoch zu diagnosticiren, ist wohl in der
Regel unmöglich, höchstens könnte, wie dies bei unseren Versuchen
constatirt wurde, die wie gespritzte Anordnung und in frischen Fällen
noch feuchte Beschaffenheit der Pulverschwärzung um den Einschuss
herum einen Anhaltspunkt gewähren. Aus der Verwüstung allein und
aus dem Nichtauffinden eines Projectils auf einen „Wasserschuss“
zu schliessen, ist ganz unzulässig, da, wie unsere Versuche
gezeigt haben, auch durch Pulver- oder Pfropfladung allein analoge
Verwüstungen, z. B. beim Schuss in den Mund, Auseinandersprengungen
des Schädels erzeugt werden können.[284]
Ein Fall, in welchem ein Selbstmörder sich den Mund mit Pulver
ausstopfte und dieses anzündete, wurde von +Casper+ beobachtet
(l. c. II, 300).
[Sidenote: Sitz der Schusswunde bei Selbstmord.]
Die Stelle, gegen welche Selbstmörder den Schuss abfeuern, ist in der
Regel der Kopf oder die Herzgegend. Am Kopfe wird meistens die Stirn-
und noch häufiger die Schläfegegend gewählt. Sehr häufig sind auch die
Schüsse in den Mund, selten die gegen das Unterkinn oder in das Ohr.
+Draper+ (Boston Journ. 6. März 1890) sah sogar einen Schuss in das
rechte Nasenloch. Nur ausnahmsweise wird die Waffe an Körperstellen
angelegt, die unbequem zu erreichen sind. So hat +Maschka+ in einem
Fall, den auch wir zu sehen Gelegenheit hatten, bei einem zweifellosen
Selbstmörder die Eingangsöffnung des Schusses rückwärts am Kopfe in
der Gegend des Lambdanahtwinkels gefunden, und drei Schädeldächer, an
deren zwei sich der Einschuss auf der rechten Scheitelhöhe und beim
dritten am -- Hinterkopf befindet (das letztere stammt von einem Manne,
der sich coram populo in einem Kaffeegarten erschossen hatte), besitzt
unsere Sammlung. Der Fall wurde von +Haberda+ (Vierteljahrschr. f. ger.
Med. 1893, V, pag. 221) beschrieben und abgebildet. Wiederholt fanden
wir den Einschuss in der Magengrube, die bekanntlich von den Laien
auch mit dem Namen Herzgrube bezeichnet wird und einmal in der linken
Axillarlinie in der Höhe des Herzens.
[Sidenote: Pfropf.]
Fast ausnahmslos wird die Schusswaffe unmittelbar an die betreffende
Körperstelle angesetzt, nachdem in der Regel bedeckende
Kleidungsstücke entfernt oder bei Seite geschoben wurden. Die
betreffenden Schussverletzungen tragen daher fast immer jenen
Charakter an sich, den wir für Nahschüsse an einer anderen Stelle
auseinandergesetzt haben. Aus diesem Grunde wird auch, namentlich wenn
ein Vorderlader benützt worden war, ausser dem Projectil in der Regel
der Pfropf oder Reste desselben in dem Schusscanal, beziehungsweise in
der durch den Schuss erzeugten Zertrümmerung gefunden, der seinerseits,
wie wir schon oben bemerkten, wichtige Aufschlüsse geben kann.[285]
Das Auffinden der abgefeuerten Waffe neben der Leiche eines
Erschossenen beweist natürlich für sich allein nicht den Selbstmord, da
dieselbe absichtlich hingelegt worden sein konnte, andererseits ist es
nichts Seltenes, dass die Waffe sich bei der Leiche nicht findet, weil
sie von Denjenigen, die zuerst hinkamen, weggenommen worden ist.
[Sidenote: Schusswaffe in der Hand.]
Von dem Festhalten der Schusswaffe in der Hand des betreffenden
Selbstmörders gilt dasselbe, wie von dem Festhalten des Messers beim
Selbstmord durch Halsabschneiden. Es scheint jedoch, dass dieser Befund
beim Erschiessen häufiger vorkommt, als bei letzterer Selbstmordart.
Selbst das krampfhafte Festhalten der Waffe ist für sich allein nicht
absolut beweisend, da die Erscheinung auch zu Stande gekommen sein
konnte, wenn der Betreffende, während er die Schusswaffe in der Hand
hielt, von einem Anderen einen sofort tödtlichen Schuss erhielt, z. B.
im Duell.
[Sidenote: Pulverschwärzung.]
Die Hände sind jedesmal auf etwa vorhandene Pulverschwärzung zu
untersuchen. Diese kann desto leichter zu Stande kommen, je mehr
Pulver geladen war. Sie rührt theils vom Pulverrauch her, theils
von zurücksprühenden Pulverkörnern, wovon wir uns bei unseren
Schiessversuchen gegen Leichen überzeugt haben. Am meisten entwickelt
sich dieser Befund bei Schüssen aus Pistolen, namentlich kurzen, aber
auch bei grossen Revolvern, während bei kleineren die Schwärzung der
betreffenden Hand entweder nur sehr gering ist oder ganz fehlt. In der
Regel zeigt die rechte Hand die Pulverschwärzung, seltener die linke,
in welchem Falle der Schluss berechtigt ist, dass der Betreffende ein
Linkshänder gewesen. Bereits zweimal sahen wir die Pulverschwärzung
an der linken Hand, während der Schuss die rechte Schläfe betraf, was
vielleicht davon herrührte, dass der Betreffende mit der linken Hand
den Lauf gegen die Schläfe andrückte, während die rechte den Kolben
hielt. Selbstverständlich wäre auch auf andere Schwärzungen, die an den
Händen vorkommen können, Rücksicht zu nehmen.
[Sidenote: Verletzungen an der Hand. Mehrere Schusswunden.]
Ausser der Pulverschwärzung kann man an der Hand, mit welcher ein
Selbstmörder einen Schuss gegen sich abfeuerte, auch Verletzungen
finden, und zwar nicht blos jene meist gröberen Verletzungen, die durch
Zerspringen der betreffenden, häufig überladenen Schusswaffe entstehen
können, sondern häufiger kleine, als Hautaufschürfungen, Risse
u. dergl. sich präsentirende Verletzungen, die meist am Daumen oder
am Zeigefinger der betreffenden Hand ihren Sitz haben und gewöhnlich
als durch den Rückstoss der überladenen Waffe und dann durch das
Anprallen des Bügels oder anderer vorspringender Theile am Schlosse
der Waffe erzeugt, gedeutet werden. Zweifellos können jedoch solche
Verletzungen auch durch Zurückspringen von Knochensplittern gegen die
in unmittelbarer Nähe befindliche Hand entstehen, und es ist uns nicht
blos aufgefallen, dass namentlich nach Schüssen gegen den Kopf, die mit
grossen Zertrümmerungen desselben verbunden waren, solche Verletzungen
vorkamen, sondern wir haben auch in einem Falle ein hanfkorngrosses
Knochenstückchen in der Haut des Daumens eingesprengt gefunden. Auch
kann man, wenn man Schiessversuche gegen Leichen anstellt und die
Waffe unmittelbar anlegt oder aus nächster Nähe abfeuert, fühlen und
sehen, wie kleine, meist aus Pulverkörnchen, aber auch aus Gewebsresten
bestehende Theilchen gegen die Hand zurückprallen, während es bekannt
ist, dass z. B. beim Scheibenschiessen mit Pistolen, Revolvern
u. dergl. von einem Zurücksprühen von Pulver etc. nichts zu bemerken
ist.
Verletzungen an der Hand, eventuell auch anderwärts können bei
einem Selbstmörder auch durch ungeschicktes hastiges Handhaben und
vorzeitiges Losgehen der Waffe zu Stande kommen. Bei einem jungen
Manne, der sich durch einen Schuss in die linke Schläfe umgebracht
hatte, fanden wir die rechte Hohlhand geschwärzt und einen vom
Daumenballen bis zum Capitulum ulnae dringenden geschwärzten Canal, in
dessen blindem Ende eine Spitzkugel von gleicher Beschaffenheit wie
im Schädel stak, ein Befund, der wohl nur auf die obige Weise sich
erklären lässt. Bei einem Anderen ergab sich ausser der Schusswunde in
der rechten Schläfe eine nicht geschwärzte am rechten Darmbeinkamm,
welche in das rechte Hüftgelenk eingedrungen war. Bei diesem Individuum
fanden sich als Spuren eines früheren Selbstmordversuches Narben von
Schnitten an beiden Handgelenken!
[Sidenote: Mehrere Schusswunden.]
Werden mehrere Schussverletzungen an der Leiche gefunden, so kann die
Frage entstehen, ob der Betreffende, da an eine gleichzeitige Zufügung
derselben nicht leicht gedacht werden kann[286], noch im Stande
gewesen sein konnte, sich nach dem ersten Schuss noch einen zweiten
und sogar noch andere beizubringen, eventuell ob er im Stande war, von
Neuem zu laden und zu schiessen.
Es ist in solchen Fällen die Natur der einzelnen Verletzungen zu
erwägen. Finden wir eine darunter, welche sofort das Individuum
ausser Stand setzen musste, noch eine Handlung zu unternehmen, wie
z. B. eine Zerschmetterung des Herzens oder des Kopfes, so ist es
klar, dass diese die letzte gewesen sein musste, die von eigener Hand
hatte zugefügt werden können. Ergibt sich noch eine zweite solche
Wunde oder ein Anhaltspunkt dafür, dass die andere, nicht sofort
tödtliche, erst später zugefügt wurde, dann ist natürlich Selbstmord
auszuschliessen. Da, wie wir oben erwähnten, Pistolenschüsse ungleich
grössere Verwüstungen anrichten als Schüsse aus Revolvern, und aus
diesen rascher und mehrmals hintereinander gefeuert werden kann, so
ist es begreiflich, warum bei ersteren verhältnissmässig seltener
mehrere Schusswunden an +einem+ Selbstmörder gefunden werden, als
bei letzteren und bei diesen desto häufiger, je kleiner das Caliber
des Revolvers gewesen ist und je weniger daher die unmittelbare
Explosionsgewalt des Pulvers, sondern nur das meist kleine Projectil
zur Wirkung gelangte. Dies gilt insbesondere von den Taschenrevolvern
mit ihren winzigen Projectilen, die so enge Schusscanäle erzeugen,
dass der Selbstmörder, selbst nachdem er bereits das Herz getroffen,
nochmals zu feuern vermag. Fig. 73 zeigt die Eingangsöffnungen von
zwei bei einem Selbstmörder gefundenen Revolverschüssen, von denen
der eine durch die linke, der andere durch die rechte Herzkammer
gegangen war, und unlängst kam ein Fall vor, wo an dem Selbstmörder,
einem alten Officier, 6 Schussöffnungen sich fanden. Eine über der
Glabella frontis, welche bis zur äusseren, eine kreisförmige Fissur
zeigenden Tafel des 1 Cm. dicken compacten Schädels führte, der eine
kuchenförmig plattgedrückte Spitzkugel von 7 Mm. Caliber aufsass,
ferner eine zweite am rechten Jochbein, welche, ohne den Schädel zu
eröffnen, in einen quer durch beide Orbiten ziehenden Canal führte, der
beide Nn. optici durchtrennte und am linken Jochbein mit einer grossen
Ausgangsöffnung endete und endlich 3 dicht beisammenstehende Einschüsse
in der Herzgegend, von denen einer die linke Lunge und die zwei anderen
die linke Herzkammer und die Brustaorta durchdrangen. Offenbar waren
die 2 Schüsse in den Kopf die ersten, die Schüsse durch das Herz die
letzten gewesen. Aus dem Gesagten erklärt sich, warum gegenwärtig
ungleich häufiger verunglückte Selbstmordversuche durch Erschiessen
und Heilungen solcher Selbstmörder vorkommen, als dies früher der Fall
war, da sich herausstellt, dass die grösste Mehrzahl dieser Fälle
Verletzungen betrifft, die mit Revolvern zugefügt waren.
Einen Fall, in welchem ein Selbstmörder 4 Schüsse gegen seine Brust
abfeuerte und doch mit dem Leben davon kam, hat +Lorinser+ (Wiener
med. Wochenschr. 1871, XXI, 12) veröffentlicht. Die Schusswaffe
war ein vierläufiger Revolver. Ein Schuss war zwischen der 2. und
3. Rippe links neben dem Brustbein, ein zweiter zwischen der 3.
und 4., der dritte zwischen der 4. und 5. und der vierte zwischen
der 5. und 6. Rippe in den Thorax eingedrungen. Alle Wunden waren
in der Umgebung geschwärzt; unterhalb des linken Schulterblattes
eine blau sugillirte Stelle, darunter eine Kugel zu fühlen.
Pneumothorax, Heilung ohne Extraction der Kugeln. Aehnliche Fälle
hat +Kumar+ (Bericht des Rudolfspitales für 1875 und Wiener med.
Blätter. 1879, Nr. 28 u. s. f.) mitgetheilt. Ueber 7 Fälle geheilter
Schussverletzungen des Thorax berichtet +Nedopil+ (Wiener med.
Wochenschr. 1877, Nr. 18 bis 20). Nur in einem einzigen derselben
war die Waffe eine kleine Pistole, in allen übrigen ein kleiner
Handrevolver.
[Illustration: Fig. 73.
Zwei Revolverschüsse, die beide durch das Herz gegangen waren.
(Selbstmord.) Nat. Gr.]
Auch in einem von +Casper+-+Liman+ (l. c. II, 74) mitgetheilten
Falle, wo bei einem Selbstmörder zwei Schüsse in der Brust und
ein Schuss mitten in der Stirne gefunden wurden, handelte es sich
offenbar um Revolverschüsse, da unter dem linken Schulterblatt zwei
Spitzkugeln extrahirt wurden. (Die Obduction wurde nicht gemacht.)
Dagegen wird an einer anderen Stelle (pag. 297) ein Fall beschrieben,
in welchem ein Mann, der sich einen Pistolenschuss in die Brust
beigebracht hatte, der das Zwerchfell und die Milz durchbohrt hatte,
noch im Stande war, den Rock und den Ueberrock bis an den Hals
zuzuknöpfen und sich hierauf in einen wenige Schritte entfernten
Teich zu stürzen.
Die Möglichkeit, dass Jemand, der sich eine perforirende Schusswunde
am Schädel beigebracht, noch einen weiteren Schuss gegen sich abgeben
kann, lässt sich nicht absolut negiren. Eine solche Möglichkeit
ist vielmehr dann gegeben, wenn der Schuss mit keiner stärkeren
Hirnerschütterung und keiner plötzlichen starken Blutung verbunden
war und nur solche Hirntheile traf, deren Verletzung nicht sofort
Bewusstlosigkeit oder Lähmung herbeiführt. Solche Bedingungen sind
wieder bei kleinen Schusswaffen, namentlich kleinen Revolvern, gegeben,
da bei diesen die unmittelbare Gewalt der Pulvergase weniger zur
Geltung kommt und da daher nur das kleine Projectil wirkt, welches
verhältnissmässig schmale canal- oder rinnenförmige Durchbohrungen
erzeugt und der geringen Propulsionskraft wegen häufig genug nur in die
peripheren Partien des getroffenen Hirntheiles eindringt. Nach solchen
Verletzungen kann Handlungsfähigkeit noch bestehen, ebenso wie man
diese, wie später erwähnt werden wird, auch bei anderen umschriebenen
Verletzungen des Gehirnes, z. B. Stichwunden, und selbst nach
Hiebwunden und mit Schädelfractur verbundenen Verletzungen mitunter in
ganz auffälliger Weise beobachtet.
+Nägeli+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1884, XLI, pag. 231)
berichtet über einen Fall, wo, weil zwei in’s Gehirn gedrungene
Schusswunden sich fanden, an dem Selbstmord gezweifelt wurde. Der
eine Schusscanal begann mit einer erbsengrossen Oeffnung an der
linken Incisura supraorbitalis, und durchbohrte von links nach
rechts ziehend den rechten Stirnlappen, den vorderen Winkel der
rechten +Sylvi+’schen Grube und den vordersten Theil des rechten
Schläfelappens, ohne die innere Kapsel oder die Centralwindungen zu
verletzen, während der andere etwas unterhalb des inneren linken
Augenwinkels beginnend von vorn nach hinten und etwas nach rechts
unter der Schädelbasis bis zur rechten Seite des Clivus verlief,
die Carotis im Sulcus caroticus durchriss und, das rechte Kleinhirn
quetschend, ohne Verletzung der centralen Theile rechts etwa in
der halben Höhe des Hinterhauptbeines endete. +Nägeli+ und alle
anderen befragten Experten sprachen sich dahin aus, dass, wenn der
Schuss, der durch den rechten Stirnlappen drang, der erste war,
die Möglichkeit nicht absolut ausgeschlossen werden kann, dass der
Untersuchte sich noch den zweiten Schuss hat beibringen können.
Complicirend und befremdend war aber der Umstand, dass der Revolver,
der rechts von der Leiche gefunden wurde, wegen Federbruches nur
bei nach abwärts gerichteter Mündung repetirte und sowohl beim
Aufziehen als Abdrücken sehr schwer ging. +Kappeler+, der den Fall
auch begutachtete, erwähnte mehrere Fälle aus der Literatur, wo
nach ähnlichen Schüssen, wie der durch den rechten Stirnlappen,
das Bewusstsein durch einige Zeit erhalten blieb und eine eigene
Beobachtung, wo ebenfalls zwei perforirende Schädelwunden bei einem
Selbstmörder sich fanden. Es war ein kleiner Revolver benutzt worden.
Der eine Schusscanal begann über der Nasenwurzel, drang durch den
oberen Theil der rechten Grosshirnhemisphäre und war mit Blutung
in den rechten Seitenventrikel verbunden; der zweite begann in der
rechten Schläfegegend und endete, den Knochen durchbohrend, mit
einer 2 Francstückgrossen Quetschung des Schläfelappens 3 Cm. hinter
der Spitze desselben. Wir selbst besitzen in unserer Sammlung ein
Präparat, welches eclatant darthut, dass nach einer in’s Gehirn
eingedrungenen Schusswunde Bewusstsein und Handlungsfähigkeit sich
noch durch einige Zeit erhalten können. Dasselbe stammt von einem
Manne, der in seinem Zimmer mit einem Revolver sich zu erschiessen
versucht hatte. Man fand ihn Morgens in seinem Zimmer am Boden
sitzend mit einer Wunde über dem Ohre, von der er angab, dass sie
durch Fall gegen eine Sophaecke entstanden sei. Auf +Albert+’s Klinik
gebracht, war er bei Bewusstsein und gab an, dass er durch Jemanden
gestossen worden und gegen eine Sophaecke gefallen sei. Die Form
der Wunde sprach nicht dagegen, da dieselbe pfeilspitzenförmig war
(ähnlich der in Fig. 59 abgebildeten). Die Versengung der Haare
aber und die Schwärzung charakterisirte die Schusswunde. Noch am
selben Tage trat Bewusstlosigkeit ein und am anderen der Tod. Die
Obduction ergab einen fingerweiten geschwärzten Schusscanal, der am
Zusammenstoss des rechten grossen Keilbeinflügels mit dem Schläfe-
und Scheitelbein begann, quer durch die hintere Partie des rechten
Stirnlappens bis zum grossen Hirnspalt verlief, von dem er nur durch
die Hirnrinde getrennt war, die Spitze des Vorderhorns des rechten
Seitenventrikels eröffnet und das vordere Ende des rechten Corpus
striatum gestreift hatte. Der Canal enthielt ein stark deformirtes,
nahezu gespaltenes Spitzgeschoss von beträchtlicher Grösse (der
betreffende Revolver hatte ein Caliber von 11 Mm.!). Das Projectil
hatte offenbar den ziemlich dicken Schädel schief durchbohrt, war
an der scharfen Kante der vorderen Peripherie der Schussöffnung im
Knochen nahezu vollständig gespalten worden und hatte dadurch so viel
an Propulsionskraft verloren, dass es nur bis zur Falx vorzudringen
vermochte. In einem anderen 1888 obducirten Falle war ein junger
Mann, nachdem er seiner Geliebten einen Schuss in den Kopf und in’s
Herz und sich selbst einen in die Vorderohrgegend beigebracht hatte,
welcher die Unterfläche des rechten Stirnlappens streifte, noch im
Stande, sich zum Fenster zu begeben und sich herabzustürzen. Analoge
Fälle werden von +Hayes+-+Agnew+ (Virchow’s Jahrb. 1887, I, pag. 508)
mitgetheilt.
[Sidenote: Combinirter Selbstmord durch Schuss.]
Combination von Selbstmord, respective Selbstmordversuch durch
Schuss mit anderen Tödtungsarten kommen nicht gar selten vor.
Jene mit Ertrinken, wie der oben erwähnte Fall von +Liman+, sind
verhältnissmässig am häufigsten, insbesondere solche, wo die
Betreffenden im oder am Wasser sich erschiessen. Diese Fälle können
am ehesten Verdacht erwecken, dass eine Einwirkung fremder Hand
und nachträgliche Beseitigung der Leiche stattgefunden hat. Andere
Combinationen sind in der Regel derart, dass sie als solche den
Selbstmord ausser Zweifel stellen. In einem unserer Fälle hatte
ein Mann einen blinden Schuss in den Mund abgefeuert und hierauf
sich den Hals durchschnitten; in einem anderen hatte sich der
Selbstmörder einen bis in das Herzfleisch dringenden Stich und einen
Schnitt am linken Handgelenk beigebracht, worauf er sich durch einen
Revolverschuss in die rechte Schläfe tödtete; in einem dritten
wurde der Erschossene unter einem Baume mit einer Schlinge um den
Hals gefunden, hatte sich daher entweder früher oder gleichzeitig
zu erhängen versucht. Am seltensten ist die Combination von
Erschiessen mit Vergiftung. Von +Bělohradsky+ (Zeitschr. d. böhm.
Aerzte. 1880, pag. 85) werden zwei solche Fälle aus dem Prager
medicinisch-forensischen Institute mitgetheilt. In einem dieser
Fälle ergab sich ausser der tödtlichen Schusswunde Phosphor-, im
anderen Cyankaliumvergiftung. Anderseits berichtet +Blumenstok+
(Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1890, L, pag. 81) über einen
Gensdarmen, bei dem ausser einer Schusswunde durch den Mund eine
frische Hiebwunde am Kopfe gefunden wurde. Es war ihm kurz vor der
That der Säbel entrissen und damit letztere Wunde beigebracht worden,
worauf aus Kränkung darüber der Selbstmord erfolgte.
[Sidenote: Selbstmord durch Sturz.]
Nicht selten ist die absichtliche Selbsttödtung durch
Sich-+Herabstürzen von einer Höhe+. In Wien betrug die Zahl solcher
Fälle in den Jahren 1870-77 durchschnittlich 6·5 Procente aller
Selbstmorde. In der Regel handelt es sich um Sturz aus dem Fenster,
seltener besteigen Selbstmörder zu diesem Zwecke Höhen (Thürme,
Monumente) oder stürzen sich in Abgründe. Der Sectionsbefund zeigt in
der überwiegenden Zahl der Fälle keine auffallenden Verletzungen der
allgemeinen Decken, mitunter sogar gar keine äusseren Verletzungen, ein
Beweis der grossen Resistenzfähigkeit der Haut.