schönste +Jahreszeit+, und noch merkwürdiger ist es, dass nicht
blos zufolge den Angaben +Majer+’s in Bayern der Mai die grösste
Zahl der Selbstmörder lieferte, sondern auch in Wien durch drei
Jahre hintereinander (1873 bis 1875) die meisten Selbstmorde im Mai
verzeichnet wurden. Ganz besonders auffallend war dies im Jahre
1894, wo im Mai 39 Selbstmorde und 29 Selbstmordversuche vorkamen,
darunter 6 an +einem+ Tage (den 16.). Es scheint, dass ebenso wie
in südlichen Ländern der Sirocco Unbehagen, Kopfschmerzen bewirkt
und einen deprimirenden Einfluss auf die Stimmung ausübt, auch bei
uns gewisse Witterungsverhältnisse (stürmische Perioden, tiefer
Barometerstand) in ähnlicher Weise insbesondere auf neuro- und
psychopathische Personen sich bemerkbar machen und so das periodisch
häufigere Vorkommen der Selbstmorde erklären. -- Es sind dies
Perioden, in denen auch plötzliche Geistesstörung und Exacerbationen
solcher häufiger vorkommen.[276] -- Erfahrungsgemäss werden auch mehr
Selbstmorde am Tage als in der Nacht begangen (nach +Majer+ 60 gegen
40 Procent).
[Sidenote: Verheimlichung des Selbstmordes.]
Die meisten Selbstmorde geschehen heimlich, nicht selten an
versteckten und abgelegenen Orten, in Kellern, am Dachboden, am
Abort oder in anderen von innen verschliessbaren Localitäten.
Mitunter wird aber der Selbstmord auch ganz ostentativ und in der
offenbaren Absicht, Aufsehen zu erregen, vollbracht, so in Theatern,
auf öffentlichen Spaziergängen. Andere geschehen in Hôtels, in
öffentlichen Bädern, in Kirchen, im Wagen u. s. w., mitunter sogar
bei Prostituirten. In einzelnen Fällen bemüht sich der Selbstmörder,
die Sicherstellung seiner Person zu erschweren oder unmöglich zu
machen, und es kommen sogar Fälle vor, in welchen der Selbstmord
als solcher verheimlicht wird, entweder indem das Individuum die
Ursache der noch während des Lebens gefundenen Verletzungen oder
anderweitiger, insbesondere Vergiftungserscheinungen verschweigt oder
absichtlich falsch angibt[277], oder indem dasselbe den Selbstmord in
einer Weise ausübt, dass er für zufällig gewaltsamen (am häufigsten
beim Tod durch Sturz) oder gar natürlichen Tod imponiren soll. So
haben wir einen Mann obducirt, der im Kaffeehause, während er mit
seiner gewohnten Gesellschaft Karten spielte und Kaffee trank,
plötzlich zusammenstürzte und nach wenigen Augenblicken starb.
Alles sprach für natürlichen Tod, die Obduction aber ergab eine
exquisite Cyankaliumvergiftung. Die gleiche Todesart fand sich bei
einem in bedrängten Verhältnissen befindlichen Fabrikanten, der
in einem Tramwaywaggon todt, wie man meinte, vom Schlage gerührt,
zusammengesunken war; ebenso bei einer versicherten Frau, die
im Opernhause in einer Loge während der Vorstellung plötzlich
zusammengesunken und in wenigen Augenblicken gestorben war. Es
gibt verschiedene Gründe, die den Selbstmörder zur Verheimlichung
seiner That veranlassen können, unter denen Rücksichten für die
Hinterbliebenen die Hauptrolle spielen dürften, insbesondere die
Bewahrung derselben vor socialem und materiellem Nachtheile (Verlust
von Pensionen, Versicherungsprämien etc.).
Dass eine solche Verheimlichung nicht blos beim Selbstmord durch
Verletzungen oder durch Gift vorkommen kann, beweist ein von +Perl+
(Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. XXVI, pag. 281) mitgetheilter
Fall, in welchem ein 44jähriger Mann wenige Wochen, nachdem er sein
Leben hoch versichert hatte, in einer Badeanstalt in einer Badewanne
todt gefunden wurde, unter Umständen, die den Vertrauensarzt der
Versicherungsgesellschaft veranlassten, zu erklären, dass ein
Selbstmord durch Ertrinken vorliege und die Vermuthung auszusprechen,
dass die seltsame Art der Ausführung auf das Bestreben hindeute, den
Thatbestand des Selbstmordes zu verschleiern.
Die angedeuteten Gründe können aber auch die Angehörigen veranlassen,
den Selbstmord zu verheimlichen, was unseren Erfahrungen
zufolge namentlich beim Selbstmord durch Gift und beim Erhängen
verhältnissmässig am häufigsten vorkommt. Auch von Seite des
Wartpersonale in Kranken- und Irrenanstalten wird der Selbstmord
von Patienten mitunter verheimlicht, um sich der Verantwortung
zu entziehen. In einem solchen Falle (Erhängen) haben wir den
Sachverhalt erst bei der Section entdeckt.
Beim Selbstmord durch Schuss kommt nicht gar selten die Angabe vor,
dass der Betreffende sich in Folge eines +amerikanischen Duells+
das Leben genommen habe. Solche Angaben dürfen, auch wenn sie vom
Thäter selbst mündlich oder schriftlich gemacht worden sind, nicht
ohne Weiteres als wahr angenommen werden. Häufig sind dieselben
nur eine Form der Dissimulation des gewöhnlichen Selbstmordes, was
umso beachtenswerther ist, als solche Angaben gelegenheitlich zu
strafrechtlicher Verfolgung der Betheiligten, und zwar sowohl des
Selbstmörders, wenn seine That misslingt, als seines angeblichen
Gegners führen können. Thatsächlich ist ein solcher Fall in Wien am
19. Februar 1886 zur Verhandlung gekommen. Auch in einem Falle von
Cyankaliumvergiftung hatte der in Folge eines Traumas geisteskranke
Selbstmörder in einem hinterlassenen Schreiben ein amerikanisches
Duell als Ursache der That bezeichnet, was sich als ganz unwahr
herausstellte.
Wir übergehen zur Besprechung der einzelnen Selbstmordformen, wobei
wir hier nur den +traumatischen+ Selbstmord im Auge haben, da von den
übrigen Selbstmordarten an anderen Stellen gesprochen werden wird.
[Sidenote: Selbstmord durch Halsabschneiden.]
Eine der häufigsten derartigen Selbstentleibungen ist die durch
+Durchschneidung des Vorderhalses+ (Halsabschneiden). In der Regel
werden dazu Rasirmesser genommen, aber auch gewöhnliche Taschenmesser,
seltener andere schneidende Instrumente, wie Schlächtermesser,
Jagdmesser u. dergl. In einem uns bekannten Falle war von einem
Gefangenen das Bruchstück des Bodens eines Glasgefässes benützt
worden. Der Schnitt wird in der Regel beim Stehen (mitunter vor dem
Spiegel) oder im Sitzen und gewiss nur ganz ausnahmsweise im Liegen
geführt. Indem der Selbstmörder den Hals streckt, beziehungsweise den
Kopf zurückbeugt, setzt er, wenn er, wie gewöhnlich, mit der rechten
Hand das Messer hält, dies links und oben am Kopfnicker an und führt
dasselbe in einem Zuge über den oberen Theil des Vorderhalses nach
rechts. In diesem Falle zeigt die Wunde in der Regel einen etwas
schräg nach rechts und abwärts ziehenden Verlauf. Es ist jedoch
nichts Ungewöhnliches, völlig queren Schnittwunden zu begegnen und es
ist begreiflich, dass, wenn der Schnitt mit der linken Hand geführt
wurde, die Wunde schräg von rechts und oben nach links und unten
verlaufen kann. Ist der schräge Verlauf der Wunde gut ausgesprochen,
so wird man kaum irren, wenn man als Anfangsstelle des Schnittes das
höher gelegene Ende der Wunde bezeichnet. Bei der Beurtheilung der
Schnittrichtung ist jedoch nicht zu vergessen, dass dieselbe durch die
Retraction der Wundränder, insbesondere aber durch andere Schnitte, die
geführt wurden, unkenntlich werden kann; auch ist nicht zu übersehen,
dass, wenn der Selbstmörder im Momente der Schnittführung den Hals
nicht gleichmässig streckte, sondern, wie es gar nicht überraschen
kann, den Kopf zugleich nach der Seite beugte, welche jener, wo er das
Messer ansetzt, entgegengesetzt ist, der Schnitt nicht blos leichter
eine quere, sondern auch eine gegen das Ende der Wunde zu aufsteigende
Richtung erhalten kann, ein Fall, den wir thatsächlich bei einem
zweifellosen Selbstmord beobachtet haben und in der eben erwähnten
Weise uns erklärten. Der Schnitt dringt in der überwiegendsten Zahl der
Fälle zwischen Kehlkopf und Zungenbein ein oder er trifft den Kehlkopf;
seltener dringt der Schnitt in die Trachea und am seltensten findet er
sich über dem Zungenbein.[278]
Die Tiefe der Wunde hängt zunächst von der Kraft ab, mit welcher der
Schnitt geführt wurde und von der Schärfe des gebrauchten Messers,
wird aber ausserdem durch die Theile beeinflusst, die das letztere auf
seinem Wege traf. Sehr häufig setzt der zunächst getroffene Kehlkopf
dem tieferen Eindringen des Messers eine Grenze, wenn er bereits
verknöchert ist oder zu verknöchern beginnt. Waren solche Hindernisse
nicht vorhanden, so kann auch ein Selbstmörder mit einem scharfen,
kräftig geführten Messer durch sämmtliche Weichtheile des Vorderhalses
bis auf die Wirbelsäule gelangen und selbst noch in diese einschneiden.
Wurde das Messer in einem Bogen und in raschem gleichmässigen Zuge
über die prominenteste Stelle des Halses hinweggeführt, so kann die
Wunde vollkommen symmetrisch ausfallen und in beiden Hälften gleiche
Organe verletzen. Häufiger betrifft die Verletzung vorzugsweise die
eine Seitenhälfte des Halses, besonders wie begreiflich diejenige, an
welcher das Messer zunächst angesetzt und im tangentiellen Zuge über
dieselbe hinweggeführt worden war. Im letzteren Falle sind die Chancen
für eine Verletzung der grossen Halsgefässe günstiger, weil der Schnitt
direct gegen sie tendirt und weil derselbe weniger leicht durch den
Kehlkopf aufgehalten wird, während, wenn der Schnitt gleichmässiger
und tangentiell über die Mittellinie des Halses hinwegging,
verhältnissmässig häufig die grossen Halsgefässe unverletzt gefunden
werden. Die besonders von +Luschka+ hervorgehobene geschützte Lage
der tiefen Halsgefässe erklärt diese häufige Thatsache. Man findet dann
gewöhnlich einen Schnitt, der von einem Kopfnicker zum andern sich
erstreckt, oder auch diese durchtrennt und ausser der Vena jugularis
ext. auf einer oder auf beiden Seiten nur kleinere Gefässzweige,
insbesondere jene der Art. thyreoid. sup., oder diese selbst verletzt.
Der Blutverlust aus diesen Gefässen reicht aber hin, um den Tod zu
bewirken, theils durch Verblutung, theils, was jedesmal bei der
Beurtheilung von Halsschnittwunden berücksichtigt werden muss, durch
Eindringen des ausströmenden Blutes in die durchtrennten Luftwege,
Aspiration desselben und consecutive Erstickung. Letztere kann auch
durch die abgeschnittene und in den Kehlkopf eingetretene Epiglottis
veranlasst werden, wovon mehrere Beispiele beobachtet worden sind. Auch
durch Aspiration von Luft durch die eröffneten Halsvenen kann rascher
Tod erfolgen.
[Sidenote: Zahl und Sitz der Schnitte.]
Ungleich häufiger als einem einzigen begegnen wir an dem Halse solcher
Selbstmörder mehreren Schnitten, und zwar in der Regel neben einem
tiefeindringenden Hauptschnitt mehreren kleinern, die entweder nur die
Haut oder, was noch häufiger beobachtet werden kann, den durch die sich
retrahirende Haut blossgelegten Kehlkopf betreffen. An letzterem lassen
sie sich besonders gut unterscheiden, wobei man bemerken kann, dass
sie ebenso häufig mit einander und der Hauptwunde parallel verlaufen,
als verschiedene Richtungen zeigen oder sich kreuzen. Es kann auch
geschehen, dass ein Schnitt in einen früheren geräth und auf diese
Weise können selbst Schnitte an der Vorderfläche der Wirbelsäule zu
Stande kommen, ebenso wie es geschehen kann, dass erst durch einen
solchen Schnitt tiefere Gefässe verletzt werden, die nach dem früheren
intact geblieben waren. Das häufige Vorkommen mehrerer Schnittwunden
am Halse von Selbstmördern beweist, dass dieselben in der Regel,
nachdem der erste und meist tiefste Schnitt geführt wurde, noch im
Stande sind, sich andere zu versetzen, und dies ist besonders dann
begreiflich, wenn, was, wie oben bemerkt, gewöhnlich geschieht, die
tiefen Halsgefässe anfangs nicht verletzt wurden, obwohl auch in einem
solchen Falle das Bewusstsein nicht sofort schwindet, sondern das
Individuum noch ganz wohl im Stande ist, einige weitere rasche Schnitte
zu führen. Aus der begreiflichen Hast und dem verwirrenden Einflusse
des Momentes erklärt es sich, warum die secundären Schnitte häufig
verschiedene Richtungen zeigen, und selbst andere Stellen als den Hals
treffen können.
Ein Bauer, notorischer Trinker, war in seinem eigenen Keller mit
durchschnittenem Halse todt aufgefunden worden. Es fand sich am
Halse eine 2 Cm. unter dem linken Ohrläppchen beginnende, schief
nach rechts und abwärts über die Mittellinie des Halses verlaufende
13 Cm. lange Schnittwunde, welche den linken Kopfnicker, die linke
Carotis und die ersten Knorpelringe der Luftröhre durchtrennt hatte.
Ausserdem fanden sich 2 je 10 Cm. lange, blos die Haut durchtrennende
Schnittwunden auf der rechten Wange, welche unweit vom rechten
Nasenflügel begannen und mit einander parallel schief zum rechten
Unterkieferwinkel sich herabgezogen, und überdies zwischen sich eine
dritte, blos die Epidermis durchdringende linienförmige Schnittwunde
enthielten. Diese Wunden, sowie der Umstand, dass das neben der
Leiche gefundene Rasirmesser nicht dem Verstorbenen, sondern einem
Nachbar desselben gehörte, hatte den Verdacht erregt, dass nicht
Selbstmord, sondern Mord vorliege.
Wir erklärten in unserem Gutachten, dass der Betreffende zunächst an
Verblutung in Folge der grossen Schnittwunde am Halse gestorben sei,
und dass letztere zufolge ihrer Lage und sonstigen Beschaffenheit
ganz wohl von dem Verstorbenen sich selbst beigebracht worden sein
konnte. Bezüglich der Schnittwunden an der rechten Wange äusserten
wir uns, dass zwar ihr Sitz an einer Stelle, die auch von einem
Laien nicht als lebenswichtige Organe enthaltend angesehen wird,
allerdings eigenthümlich sei, aber der Annahme eines Selbstmordes
nicht widerspreche, da sich dieser Befund dadurch erklären lasse,
dass die betreffenden Wunden erst nach Zufügung jener am Halse und
in der durch das Hervorstürzen des Blutes und die Gemüthsaufregung
verursachten Verwirrung, die eine sichere Schnittführung nicht
gestattete, von dem Verstorbenen erzeugt wurden, was umso leichter
geschehen konnte, als in Folge der vollkommenen Durchschneidung des
linken Kopfnickers der Kopf nach links gedreht und dadurch die rechte
Wange in die Schnittrichtung gefallen sein konnte. Da ferner alle
Schnitte an der Wange parallel verliefen und die gleiche Richtung
zeigten, wie der tödtliche Schnitt am Halse, auch keine Spur einer
geleisteten Gegenwehr bei dem grossen und noch rüstigen Manne
gefunden wurde und für die Annahme, dass er damals berauscht oder
anderweitig bewusstlos gewesen wäre, kein Grund vorlag, so gaben
wir schliesslich unser Gutachten dahin ab, dass der Befund an der
Leiche des Untersuchten der auch durch die Umstände nicht widerlegten
Annahme, dass er einen Selbstmord begangen habe, nicht widerspreche.
[Sidenote: Handlungsfähigkeit.]
In gleicher Weise wie weitere Halswunden, können sich Selbstmörder,
nachdem sie sich einen Schnitt in den Hals beigebracht haben, auch
andere Wunden beibringen; so insbesondere Schnitte in die Ellbogen-
und Handgelenke, eine Combination, die verhältnissmässig häufig sich
ergibt und in der Regel schon für sich allein den Fall als Selbstmord
erscheinen lässt. Häufiger ist es jedoch, dass, nachdem der Selbstmord
früher auf eine andere Weise versucht worden, aber misslungen war,
jener durch Halsabschneiden ausgeführt wird. So haben wir zweimal die
Leichen von Selbstmördern mit durchschnittenem Halse obducirt, die sich
früher durch einen Schuss, und zwar beidesmal in den Mund, zu entleiben
versucht hatten, ohne dass sie mehr als eine Zertrümmerung des Gaumens
erzeugt hätten. In einem dritten Falle war ein Strangulationsversuch
und in einem vierten ein Stich in die Leber vorausgegangen. Ebenso
folgt aus dem Gesagten, dass derartige Selbstmörder keineswegs an
derselben Stelle zusammenstürzen müssen, wo sie sich die Halswunden
beigebracht haben, und es kann selbst dann nicht die Möglichkeit
einer stattgefundenen Locomotion ganz geleugnet werden, wenn die
tiefen Halsgefässe verletzt worden waren, besonders wenn nicht beide
Carotiden, sondern nur eine getroffen worden war.
In dem oben angeführten Falle mit der Schnittwunde an der Wange war
der Todte 14 Schritte von einem mit Blut bespritzten Fasse liegend
aufgefunden worden, und es wurde uns deshalb die Frage vorgelegt, ob
der Untersuchte, nachdem er sich die Halswunde beigebracht, noch 14
Schritte weit gehen konnte. Wir erklärten, dass diese Möglichkeit
umsomehr zugegeben werden muss, als nur die eine Carotis verletzt,
und zwar vollkommen durchschnitten war, so dass sie sich retrahiren
und dadurch die Verblutung verzögert werden konnte, wobei wir
auch erwähnten, dass diese Schritte kaum in langsamen, sondern im
schnellen Tempo und offenbar in der Absicht, um zur Kellerthüre zu
gelangen, zurückgelegt worden sein mochten.
Was Individuen mit durchschnittenem Halse mitunter noch leisten
können, beweist der von +Amos+ (+Fischer+, Verletzungen des Halses,
pag. 72) mitgetheilte Fall, in welchem eine Frau nach Durchschneidung
der Carotis und Jugularis auf einer Seite noch 23 Yards weit zu gehen
vermochte und jener von +Rust+ (+Albert+, Lehrb. der Chirurgie. I,
479) erwähnte: Ein Tischler hatte sich im freien Felde mit einem
Rasirmesser den Hals durchschnitten. Von Reue gequält, warf er das
Messer weg, kroch in einen Schupfen und blieb dort bei grosser Kälte
über Tag und Nacht. Den folgenden Tag begibt er sich in die Stadt
zurück, sinkt dort zusammen, wird in eine chirurgische Officin
gebracht, wo man ihn für betrunken hält und nach Hause führen lässt.
Dort erst wird die Wunde am Halse entdeckt und der Verletzte in’s
Spital gebracht, woselbst er erst nach 14 Tagen starb. Die Section
ergab, dass sowohl Larynx wie auch der Pharynx bis auf die Körper
der Wirbelsäule durchschnitten waren. Trotzdem hatte der Mann einen
weiten Weg zurückgelegt und war sogar in einer chirurgischen Officin
gewesen, ohne dass man eine Ahnung hatte, welche Verletzung das
Halstuch barg.
Mehrere Fälle, in denen trotz solcher tiefer Verletzungen nur ganz
unerhebliche Blutung eingetreten war, werden von +Güterbock+ (l. c.
31) angeführt. Wir glauben, dass hierbei besonders das je nach der
Grösse der Schilddrüse ungemein variirende Caliber der Art. und Vena
thyreoidea superior von Einfluss sein dürfte.
[Sidenote: Mord durch Halsabschneiden.]
+Mord+ durch Halsdurchschneidung ist kein besonders seltenes
Vorkommniss. Am leichtesten ist derselbe bei schlafenden oder
anderweitig bewusstlosen Personen ausführbar, und es ist begreiflich,
dass in solchen Fällen selten Zeichen der Gegenwehr oder andere
anatomische Anhaltspunkte für die Diagnose der durch einen Anderen
bewirkten Tödtung sich ergeben werden. Am wenigsten wird die Richtung
der Wunde am Halse Aufschluss geben, da dieselbe sich ebenso gestalten
kann wie beim Selbstmorde, namentlich wenn der Mörder hinter dem
Kopfe der schlafenden Person steht und das Messer mit der rechten
Hand führt. Doch kann im Allgemeinen eher eine vollkommen quere und
nach beiden Seiten zu symmetrische Wunde entstehen als bei einem
Selbstmorde. Auch gelingt einer fremden Hand das Durchschneiden
sämmtlicher Weichtheile des Vorderhalses mit +einem+ Zuge bis auf die
Wirbelsäule entschieden leichter als der eigenen. Eventuelle Schnitte
in der Wirbelsäule können, wenn sie tief sind und zu ihrer Entstehung
eine Kraft voraussetzen, die bei einem Selbstmörder nicht angenommen
werden kann, für Mord sprechen.
In dem oben erwähnten Falle des ermordeten Briefträgers waren
sämmtliche Weichtheile des Vorderhalses und links beide Gefässe,
rechterseits nur die Carotis durchschnitten, und der Schnitt
war zwischen den linken Querfortsätzen des dritten und vierten
Halswirbels bis in den Canal für die Art. vertebr. sin. eingedrungen,
ohne jedoch diese zu verletzen. Einen ganz gleichen Befund ergab
die Leiche einer durch mehrere Halsschnittwunden ermordeten Frau,
jedoch auf der rechten Seite (sie war im Stehen überfallen worden)
und ausserdem den Umstand, dass blos die Vena jugularis interna und
der N. vagus durchschnitten, von der Carotis aber blos die Adventitia
angeschnitten war, obgleich die Carotis mit der Hälfte ihrer Breite
das innere Ende des Schnittes bedeckte, der sich in der Wirbelsäule
befand. Letztere Thatsache lässt sich daraus erklären, dass der
Kopf im Momente der Schnittführung gegen die entgegengesetzte Seite
gedreht gewesen sein musste, wodurch die betreffende Carotis mehr
nach innen zu liegen kam und von dem über die rechte Halsseite
geführten Schnitte nur tangirt wurde. -- Von drei Kindern, welche ein
Alkoholiker theils durch Hackenhiebe, theils durch Halsdurchschneiden
getödtet hatte, zeigten zwei eine vollkommen durchschnittene
Wirbelsäule, so dass der Kopf nur an der Nackenhaut hing, das eine
Kind überdies einen tiefen Querschnitt in der Hinterhauptschuppe
unmittelbar hinter dem Foramen occipitale!
Auch bei schlafenden oder anderweitig bewusstlosen Personen begnügt
sich der Mörder nicht immer mit einem einzigen Schnitt, sondern führt
nicht selten einen zweiten oder dritten, die jedoch meist in die Wunde
selbst fallen, ähnlich wie dies auch Schächter zu thun pflegen, so dass
in diesem Falle nur eine einzige Wunde vorhanden zu sein scheint, in
deren Grunde jedoch die wiederholte Schnittführung sich erkennen lassen
kann.
Die Ermordung wachender und wehrfähiger Personen ist ungleich
schwieriger ausführbar; von vorne wohl nur unter besonderen
Verhältnissen[279], eher dagegen, wenn der Thäter hinter dem Opfer
steht und unerwartet von hinten den Schnitt führt, wodurch dieser, wie
in unserem unten angeführten Falle, so weit nach rechts fallen kann,
dass schon dadurch die Einwirkung einer fremden Hand und die Stellung
des Thäters erkannt werden kann.
Es ist jedoch zu bemerken, dass Fälle vorkommen, in welchen auch
Selbstmörder sich nicht in „typischer“ Weise den Hals durchschneiden,
sondern den Schnitt seitwärts am Halse direct auf die grossen
Halsgefässe zu führen, so dass der Schnitt wenig oder gar nicht über
die Mittellinie des Vorderhalses hinüber reicht. Wir haben sogar
einen Kellner obducirt, der sich beiderseits fast symmetrisch eine
solche Wunde beigebracht hatte, zwischen deren inneren Enden die
Kehlkopfpartie ganz intact geblieben war. Links war die Vorderwand
der Vena jugularis interna, rechts nur Aeste der Art. und Vena
thyreoidea superior durchschnitten. Es ist nicht unmöglich, dass
bei einer derartigen Schnittführung der Selbstmörder bis zu der
betreffenden Art. vertebralis gelangen und diese verletzen kann.
Von +Lacassagne+ und +Jobert+ (Les +Gauchers+. Lyon 1855) wird
ein solcher Fall erwähnt, wo allerdings die Verletzung mehr eine
Stich- als eine Schnittwunde gewesen zu sein scheint. Der Mann war
ein Linkshänder und hielt, als seine Leiche gefunden wurde, das
Messer noch in der (linken) Hand. Die Wunde selbst sass rechts.
+Flintzer+ (Vierteljahrschrift f. gerichtl. Med. XXXIV, pag. 189)
berichtet sogar über einen kaum glaublichen Fall von Selbstmord, wo
der Schnitt im Nacken (!) sass, 12 Cm. lang war, die Articulatio
atlanto-occipitalis eröffnet und das Rückenmark durchschnitten hatte
(!!). Es lag somit, sagt +Flintzer+, eine halbe Decapitation vor.
Am Rande des linken Unterkiefers fand sich eine seichte, von oben
nach unten ziehende Incision. Die Leiche war in einer von Innen
verschlossenen Bodenkammer gefunden worden, mit dem Messer in der
Hand. Merkwürdig war auch der Befund bei einem 60jährigen, von uns
im März 1888 secirten Manne, welcher sich mit zwei (!) gleichzeitig
angesetzten Rasirmessern den Hals durchschnitten hatte. Es fand
sich beiderseits symmetrisch eine klaffende Wunde, die beide in der
Mittellinie des Nackens, 1 respective 1½ Querfinger unter der
Haarwuchsgrenze begannen. Die rechte, höher gelegene, zog sich bis
zum hinteren Rand des Kopfnickers, durchtrennte die ganze seitliche
Halsmusculatur bis zu den Querfortsätzen der Wirbelsäule und die
Vena jugularis zur Hälfte. Die linke erstreckte sich bis zur Mitte
des hinteren Randes des Schildknorpels und durchschnitt hinten die
ganze Musculatur, vorn aber nur die Haut und den hinteren Rand des
Kopfnickers ohne Verletzung der tiefen Gefässe. Innerlich ergaben
sich geheilte Contusionen und senile Atrophie des Gehirns, sowie
hochgradige Atheromatose.