während des Lebens entstanden sind, dass jedoch der Tod zunächst
in Folge der Durchschneidung des Halses durch Verblutung erfolgte,
die bei der grossen Anämie der Leiche und da der Ermordete in einer
grossen Blutlache gefunden worden war, keinem Zweifel unterlag.
Ferner setzten wir auseinander, dass die Strangfurche offenbar
vor Zufügung der Halswunde entstand, da, nachdem letztere erzeugt
war, die um den Hals gelegte Schlinge keinen Halt mehr an der
Haut des letzteren gefunden hätte. Bezüglich der Schussverletzung
erklärten wir, dass sie zwar im höchsten Grade lebensgefährlich
war, jedoch keineswegs sofort und nothwendig den Tod, wohl aber
zunächst Bewusstlosigkeit herbeigeführt haben musste, und dass
offenbar die Schnittwunde am Halse, erst als der Ermordete in
Folge der Schussverletzung zusammengestürzt war, zugefügt wurde,
da nicht abzusehen sei, warum der Thäter, nachdem er seinem Opfer
eine so ausgedehnte und für jeden Laien als nothwendig und sofort
tödtlich zu erkennende Schnittwunde am Halse zugefügt hatte, in ganz
überflüssiger Weise diesem noch einen Schuss in den Kopf beigebracht
haben sollte, der ihn durch den Knall zu verrathen im Stande war,
während es sich gut denken lässt, warum der Thäter die Reihe der
gegen den Ermordeten ausgeübten Gewaltacte mit einem Schuss gegen
den Kopf eingeleitet haben mochte. In der That gestand der bald
darauf eruirte Mörder, dass er den Briefträger zuerst mit einem
Taschenrevolver niedergeschossen, dann ihn mit der Schnur gedrosselt,
und als derselbe immer noch Lebenszeichen von sich gab, ihm endlich
mit einem Jagdmesser den Hals durchschnitten habe.
3. +Entstehungsursache der tödtlichen Verletzung.+
+Oesterr.+ St. P. O. §. 129: „Werden Verletzungen wahrgenommen, so
ist insbesondere zu erörtern: 1. ob dieselben dem Verstorbenen durch
die Handlung eines Anderen zugefügt wurden -- -- -- --.“
+Preuss. Regulativ+, §. 29: „Auf jeden Fall ist das Gutachten
zuerst auf die Todesursache -- nächstdem aber auf die Frage der
verbrecherischen Veranlassung zu richten.“
Da wir bereits oben über die Punkte gesprochen haben, aus welchen
sich erkennen lässt, mit welchem Werkzeuge und auf welche Art eine
Verletzung beigebracht wurde, und da wir noch bei der Behandlung
der Verletzungen nach ihrem Sitze Gelegenheit haben werden, weitere
Anhaltspunkte in dieser Richtung zu geben, so wollen wir uns hier blos
darauf beschränken, den Selbstmord und seine Unterscheidung von anderen
analogen Tödtungen zu besprechen, und ferner auf jene Untersuchungen
einzugehen, welche geeignet sind, von ärztlicher Seite theils zur
Eruirung des Thäters, theils zur Aufklärung besonderer Umstände des
Falles beizutragen.
Der Selbstmord.
Wie häufig der Selbstmord geübt wird, ergibt die tägliche Erfahrung,
und die Statistik lehrt, dass die Zahl der Selbstentleibungen in
beständiger Zunahme begriffen ist, deren Grund nicht blos in dem
Steigen der Population, sondern auch in anderen Verhältnissen gesucht
werden muss. So kamen in den cisleithanischen Ländern Oesterreichs
im Jahre 1871 in der Civilbevölkerung 1550, im Jahre 1872 1677 und
im Jahre 1874 bereits 2151 Selbstmorde vor; in dem dichtbevölkerten
Böhmen 1871 550, 1872 620 und 1874 767. In Wien allein sind zufolge
den Physikatsberichten in den einzelnen Jahren 1870-1878 99, 132,
141, 152, 214, 205, 210, 198 und 193 Selbstmorde vorgekommen, in den
Jahren 1881-1884 231, 224, 220 und 248, und in den Jahren 1888 und
1889 345 und 366. Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch in anderen
Ländern. So kamen in Bayern[269] in der 7jährigen Periode von 1857-1863
80, in jener von 1864-1870 bereits 90 Selbstmorde auf je eine Million
Einwohner; ebenso kamen auf je eine Million Einwohner in Preussen
1820-1834 88, 1835-1841 103, 1849-1852 108 und 1869 134; in Frankreich
1830-1832 61, 1841-1842 81, 1852 103, 1858 110 Selbstmorde.
Diese steigende Häufigkeit der Selbstmorde verdient auch in
gerichtsärztlicher Beziehung Beachtung bei der Beurtheilung gewaltsamer
Todesarten, umsomehr, als Fälle, in denen die Frage gestellt wird,
ob Selbstmord vorliegt oder gewaltsame Tödtung durch einen Dritten,
verhältnissmässig häufig vorzukommen pflegen.
[Sidenote: Geschlecht.]
Die Statistik aller Länder zeigt unter den Selbstmördern eine
auffallende Prävalenz des +männlichen+ Geschlechtes. So waren
von den im Jahre 1871 in Oesterreich constatirten Selbstmördern
1291 männlichen und blos 269 weiblichen Geschlechtes; von jenen im
Jahre 1872 1365 männlichen, 312 weiblichen Geschlechtes und auch im
Jahre 1874 wurden 1802 Männer und nur 349 Weiber gezählt. In Böhmen
ergab das Jahr 1871 461 männliche, 89 weibliche, das Jahr 1872 490
männliche und 130 weibliche, das Jahr 1874 639 männliche und 128
weibliche Selbstmörder, und in Wien betrug der Antheil des männlichen
Geschlechtes an der Summe der Selbstmorde im Jahre 1871 70·5, 1872
72·4, 1873 68·4, 1874 76·6 und 1875 80 Procent.
Die Ursache dieser Erscheinung liegt vorzugsweise in der grösseren
körperlichen und geistigen Schwäche des Weibes, in der geringeren
Energie desselben, sowie in der grösseren Sanftmuth und Duldsamkeit, in
der grösseren Scheu vor Schmerz und Begehung gewaltsamer Handlungen,
aber auch in der meist secundären Rolle, die das Weib im Kampfe
um’s Dasein spielt und die bewirkt, dass im Ganzen jene Momente
weniger intensiv auf dasselbe einwirken, deren Anstürmen so häufig
das männliche Individuum bewegt, seinem Dasein ein Ende zu machen,
Umstände, die den Grund bilden, warum auch in der Verbrecherstatistik
das Percentualverhältniss der Männer und Weiber in analoger Weise sich
gestaltet.
[Sidenote: Selbstmord in den verschiedenen Lebensaltern.]
Eine Uebersicht über die Zahl der Selbstmorde in den einzelnen
+Lebensaltern+ geben folgende Zusammenstellungen, die wir einerseits
dem bekannten Werke +Quetelet+’s („Physique sociale de l’homme.“ 1869,
Tom. II), andererseits der oben citirten Arbeit +Majer+’s über die
Selbstmorde in Bayern entnehmen, wobei ersterer eine zehnjährige,
letzterer eine vierzehnjährige Beobachtungsperiode zu Grunde gelegt ist.
+=============================+==============================+
| +Quetelet+ | +Majer+ |
+---------------+------+------+----------------+------+------+
| |Männer|Weiber| |Männer|Weiber|
+---------------+------+------+----------------+------+------+
|Unter 16 Jahren| 147 | 45| Unter 20 Jahren| 236 | 54 |
|von 16-21 „ | 862 | 469| von 20-30 „ | 851 | 245 |
|„ 21-30 „ | 3.208| 1.121| „ 30-40 „ | 807 | 204 |
|„ 30-40 „ | 5.729| 1.045| „ 40-50 „ | 923 | 200 |
|„ 40-50 „ | 4.055| 1.270| „ 50-60 „ | 911 | 214 |
|„ 50-60 „ | 3.237| 1.156| „ 60-70 „ | 631 | 103 |
|„ 60-70 „ | 2.473| 889| „ 70-80 „ | 184 | 47 |
|„ 70-80 „ | 1.287| 422| „ 80 und | 38 | 6 |
|„ 80 u. s. w. | 278| 68| darüber | | |
| ===+======+======+ ===+======+======+
| Summe |19.276| 6.485| Summe |4.581 | 1.073|
Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich, dass die meisten Selbstmorde
in die sogenannten besten Jahre fallen, und dass namentlich die Periode
zwischen dem 40. und 50. Jahre die höchste Zahl der Selbstmorde
aufweist, also die Zeit, in welcher zwar die Höhe des Lebens erreicht
ist, aber auch die Sorgen um die eigene und der Familie Existenz
am meisten sich zu häufen pflegen, und häufig auch eine gewisse
Ernüchterung sich geltend macht, die das Erreichte und das noch zu
Erwartende nicht im Verhältniss erscheinen lässt zu den Hoffnungen, die
man in jüngeren Jahren hegte, und zu der Mühe und Arbeit, die darauf
verwendet wurde.
Die grosse Zahl der Selbstmorde bei jungen Leuten resultirt aus der
Prävalenz der Leidenschaften und Triebe, insbesondere aus sexuellen
Einflüssen und aus der gesteigerten Genusssucht, also aus Momenten, die
auch erklären, warum in grossen Städten gerade dieses Alter die grösste
Menge der Selbstmörder liefert, weshalb sich hier das Altersverhältniss
der Selbstmorde etwas anders gestaltet als im Grossen und Ganzen. So
entfiel bei in Wien in den Jahren 1854-1878 vorgekommenen Selbstmorden
das höchste Antheilsprocent (11·9) auf die Altersperiode von 20-25
Jahren; hierauf folgt in absteigender Ordnung die Altersgruppe von
25-30 Jahren (11·5), an welche sich jene von 15-20 Jahren (8·8)
anschliesst. (S. +Sedlaczek+, „Die Selbstmorde in Wien in den
Jahren 1854-1878“. Wiener statist. Monatschrift. 1879, IX u. X.)
Die Zeit vor erreichter Pubertät schliesst den Selbstmord keineswegs
aus, es gibt vielmehr der bisher bekannten Selbstmorde von Kindern eine
verhältnissmässig grosse Zahl.
[Sidenote: Kinder.]
Der jüngste Selbstmörder, den wir zu obduciren Gelegenheit
hatten, war ein 12jähriger Knabe, der sich eines verunglückten
Schulzeugnisses wegen erschossen hatte; in einem anderen Falle
hatte sich ein 13jähriger, wahrscheinlich geisteskranker Gymnasiast
vom zweiten Stockwerk herabgestürzt, und in einem dritten hatte
die 13jährige Tochter eines Officiers sich erschossen -- wegen
unglücklicher Liebe.
In Wien betrug die Zahl der Selbstmörder unter 15 Jahren in den
letzten 25 Jahren 1·8% (+Sedlaczek+). Auch macht sich eine Zunahme
solcher Fälle bemerkbar, da im Jahre 1889 3 Knaben von 14 Jahren sich
erhenkten und 1 Knabe von 7 Jahren (!) und 1 Mädchen von 14 Jahren
sich durch Sturz aus dem Fenster das Leben nahmen. Im Mai 1894 kam
sogar ein Doppelselbstmord zweier Kinder, eines Mädchens von 12 und
eines Knaben von 9 Jahren, vor, welche sich schlechter Schulausweise
wegen in’s Wasser stürzten. Die Kinder gingen entlang des Donaucanals
mit einer anderen 10jährigen Kameradin. Plötzlich entledigten sich
die zwei Erstgenannten der Kopfbedeckungen und das Mädchen auch der
Schuhe; letzteres drückte der Kameradin einen Zettel in die Hand und
Beide liefen gegen den Canal, in den sie sich hineinstürzten und
nicht mehr zum Vorschein kamen. Der Zettel enthielt die Worte: „Liebe
Emilie! Ich danke dir für die Begleitung. Sage der Mutter, dass es
wahr ist. Bitte meine Mutter, dass sie mir verzeihe. Anna.“ Im Hute
des Mädchens fand sich ein zweiter Zettel, lautend: „Wir haben sich
zusammen in die Donau gestürzt. Wohnort Langegasse 39, 1. Stock, Thür
8. Bitte meiner armen Mutter das zu geben.“ (!)
Nach +Durand+-+Fardel+ („Ueber den Selbstmord bei Kindern.“ Annal.
méd. psych. Janv. 1855) fielen von 25.760 in Frankreich vorgekommenen
Selbstmorden 192 in das Alter vor das 16. Jahr. Von diesen hat D.
26 selbst untersucht. Darunter war ein Kind von 5 Jahren, 2 von 9,
2 von 10, 5 von 11, 7 von 12, 7 von 13 und 2 von 14 Jahren. Von
diesen Kindern hatten sich 10 ertränkt, 10 erhängt und 2 erschossen.
Alle Mädchen hatten sich ertränkt. In der Regel sind es die
geringfügigsten Ursachen, die solche Kinder zum Selbstmord bewegen,
so schlechte Schulzeugnisse, Furcht vor Strafe u. s. w. In dem einen
Falle +Durand+-+Fardel+’s tödtete sich ein 9jähriger Knabe aus Kummer
über den Verlust eines Vogels. Es ist in solchen Fällen nicht die
allgemeine Bedeutung der Selbstmordursache zu würdigen, sondern jene,
die dieselbe für das betreffende Kind hatte und zu berücksichtigen,
dass solche in den Augen Erwachsener geringfügige Ursachen Kinder
ganz wohl zu raschen Thaten bewegen können, besonders dann, wenn
diese, wie sich auch in den meisten derartigen Fällen constatiren
liess, schon von Haus aus reizbaren Charakters oder sonst originär
abnorm gewesen sind.
Während die Zahl der Selbstmorde von der Pubertät bis zum 50. Jahre
rasch ansteigt, nimmt sie gegen das hohe Alter zu noch rascher ab.
Dies zeigt sich bei beiden Geschlechtern. Die Abnahme ist jedoch
keine absolute und erklärt sich zunächst daraus, dass im Alter
die Zahl der Individuen bedeutend abgenommen hat. Wenn man aber
das Procentverhältniss der Selbstmorde unter den Individuen der
+einzelnen+ Altersclassen berechnet, so kann man constatiren,
dass das Verhältniss der Selbstmorde zu der Zahl der Lebenden jeder
Altersclasse mit dem Alter beständig zunimmt bis zum 70., ja 80. Jahre,
wodurch die frühere Ansicht, dass der Selbstmord mit dem Alter ab- und
die Liebe zum Leben zunehme, ihre Widerlegung findet.[270]
Von 100.000 Lebenden desselben Alters sind in Preussen durch Selbstmord
gestorben (+Morselli+, l. c. pag. 208):
+==================+============+============+============+
| | 1876 | 1877 | 1878 |
| +------+-----+------+-----+------+-----+
| Im Alter von |männ- |weib-|männ- |weib-|männ- |weib-|
| |liche |liche|liche |liche|liche |liche|
| +------+-----+------+-----+------+-----+
| | Personen | Personen | Personen |
+==================+=====+======+======+=====+======+=====+
|unter 15 Jahren | 3 | 0·2 | 0·7 | 0·3 | 0·8 | 0·3 |
|über 15-20 „ | 13 | 5 | 15 | 7 | 16 | 7 |
| „ 20-25 „ | 29 | 9 | 32 | 8 | 31 | 9 |
| „ 25-30 „ | 23 | 6 | 28 | 6 | 31 | 7 |
| „ 30-40 „ | 33 | 6 | 32 | 7 | 37 | 8 |
| „ 40-50 „ | 46 | 10 | 50 | 10 | 55 | 10 |
| „ 50-60 „ | 58 | 12 | 75 | 9 | 73 | 13 |
| „ 60-70 „ | 72 | 13 | 75 | 14 | 82 | 13 |
| „ 70-80 „ | 72 | 13 | 67 | 13 | 75 | 19 |
| „ 80 u. darüber| 66 | 14 | 46 | 12 | 65 | 6 |
[Sidenote: Wahl der Todesart.]
Was die +Wahl der Todesart+ anbelangt, so lehrt die Erfahrung, dass
gewisse Selbstmordarten gegenüber anderen ungemein prävaliren. Dies
ergibt sich z. B. aus der Selbstmordstatistik für das Königreich
Preussen pro 1869.[271]
+=================+======+======+======+====================+
| |Männer|Weiber|Zusam-| Procentverhältnis |
| +Todesart+ | | |men +------+------+------+
| | | | |Männer|Weiber|Zusam-|
| | | | | | |men |
+=================+======+======+======+======+======+======+
|Erhängen |1.641 | 266 |1.907 | 63·8 | 43·3 | 59·8 |
|Ertränken | 425 | 262 | 687 | 16·5 | 42·7 | 21·6 |
|Erschiessen | 320 | 1 | 321 | 12·4 | 0·1 | 10·1 |
|Schnitt und Stich| 89 | 22 | 111 | 3·5 | 3·6 | 3·5 |
|Vergiften | 61 | 52 | 113 | 2·4 | 8·5 | 3·5 |
|Andere Mittel | 37 | 11 | 48 | 1·4 | 1·8 | 1·5 |
| --------+------+------+------+------+------+------+
| Summe | 2.573| 614 | 3.187| 100 | 100 | 100 |
Von den im Jahre 1871 in Frankreich constatirten Selbstmorden[272]
geschahen 1991 durch Erhängen, 1278 durch Ertränken, 591 durch
Erschiessen, 215 durch Kohlendunst, 152 durch Schnitt und Stich, 143
durch Herabstürzen von Monumenten und anderen Höhen, 70 durch Gift,
50 durch diverse andere Mittel. Von den 1871 in Böhmen vorgekommenen
551 Selbstmördern haben sich 316 erhängt, 107 erschossen, 49 ertränkt,
53 vergiftet, 3 erstochen, 14 haben sich durch Halsschnitt, 3 durch
Aderöffnen, 3 durch Ueberfahren auf der Eisenbahn, 1 durch Ersticken
und 2 durch Sprung in einen Schacht das Leben genommen.
[Sidenote: Statistik der Selbstmordarten.]
In Wien entfielen nach +Sedlaczek+ von der Summe der Selbstmorde
in Procenten:
+==========+======+=====+=======+==========+=======+======+=======+
|Im Quin- |Er- | Gift| Er- | Schnitt- | Herab-| Er- | Andere|
|quennium |hängen| | schie-| u. Stich-| stür- | trin-| Mittel|
| | | | ssen | wunden | zen | ken | |
+----------+------+-----+-------+----------+-------+------+-------+
|1854-1858 | 48·0 | 14·2| 6·7 | 16·1 | 9·2 | 5·0 | 0·8 |
|1859-1863 | 43·6 | 16·6| 9·3 | 13·3 | 9·5 | 5·2 | 2·5 |
|1864-1868 | 35·2 | 30·1| 9·9 | 7·8 | 7·8 | 7·8 | 1·4 |
|1869-1873 | 29·2 | 31·2| 16·3 | 8·3 | 6·8 | 7·1 | 1·1 |
|1874-1878 | 38·0 | 26·9| 20·2 | 7·0 | 5·7 | 6·6 | 0·6 |
Bezüglich des Geschlechtes entfielen von der Gesammtsumme:
von Männern von Frauen
| |
+-----------+---------+
|
in Procenten
Auf den Selbstmord durch Erhängen 40·5 20·4
„ „ „ „ Gift 18·8 47·5
„ „ „ „ Erschiessen 17·9 3·2
„ „ „ „ Schnitt- u. Stichwunden 9·9 7·3
„ „ „ „ Herabstürzen 5·4 13·1
„ „ „ „ Ertränken 6·3 7·3
„ „ „ auf andere Weise 1·2 1·2
Was andere grosse Städte betrifft, so tödteten sich Personen in
+===================+==========+===========+===========+===========+
| |Berlin | Prag | London | Paris |
| |(1869-1872|(1874-1876)|(1860-1878)|(1874-1878)|
| | und | | | |
| |1874-1876)| | | |
+===================+==========+===========+===========+===========+
|Durch Erhängen | 625 | 45 | 1460 | 1016 |
| „ Ertränken | 248 | 27 | 1001 | 723 |
| „ Erschiessen | 230 | 43 | 311 | 334 |
| „ Gift | 217 | 39 | 908 | 149 |
| „ Sturz von | 45 | 5 | ? | 217 |
| einer Höhe | 45 | 5 | ? | 217 |
| „ Schnitt- u. | 40 | 9 | 1141 | 101 |
| Stichwunden | 45 | 5 | ? | 217 |
|Auf andere Weise | 51[273]| 1 | 449 | 845[274]|
Es ergibt sich aus vorstehenden statistischen Daten, dass überall
das Erhängen die häufigste Selbstmordart bildet, dann aber im
Allgemeinen das Ertränken und das Erschiessen folgt. Ferner ergibt
sich, dass Weiber am häufigsten zum Ertränken, in grossen Städten zum
Gift und dann zum Erhängen greifen, während Selbstmordarten durch
Verletzungen, insbesondere durch Erschiessen, verhältnissmässig selten
von ihnen gewählt werden. Die Häufigkeit des Erhängens und Ertränkens
erklärt sich daraus, dass diese Selbstmordarten keiner besonderen
Vorbereitungen und Hilfsmittel bedürfen, leicht auszuführen sind,
den Tod sicher und schnell bewirken und auch als schmerzlos gelten.
Bezüglich anderer Selbstmordarten machen sich verschiedene Einflüsse
bemerkbar. So sehen wir den Selbstmord durch Erschiessen besonders
bei Individuen vorkommen, die mit Feuerwaffen umzugehen verstehen,
und denen sie leicht zur Hand sind. Dies beweist insbesondere
die Selbstmordstatistik beim Militär. So weist der statistische
Jahresbericht über die sanitären Verhältnisse des österreichischen
Heeres vom Jahre 1869 229 Selbstmorde auf, von denen 173 durch
Erschiessen, 44 durch Erhängen, 8 durch Ertränken, 2 durch Sturz
von einer Höhe, 1 durch Vergiftung und 1 durch Ueberfahren auf der
Eisenbahn geschahen. Die Häufigkeit des Selbstmordes durch Vergiftung
in grossen Städten, wie namentlich in Wien, erklärt sich ungezwungen
daraus, dass daselbst Gift ungleich leichter zu haben ist als auf dem
Lande oder in kleineren Städten. Dass auch andere locale Verhältnisse
verschiedener Orte und ganzer Länder sich in dieser Beziehung
geltend machen, ergibt sich u. A. daraus, dass der Selbstmord durch
Kohlenoxydgas (Kohlendunst) in Frankreich stark vertreten ist, während
er in Deutschland (Berlin) nur selten, in Oesterreich, speciell in
Wien, fast gar nicht vorkommt. Auch die Häufigkeit des Selbstmordes
durch Sichherabstürzen von Monumenten und anderen Höhen bei den
Franzosen mag in dem Charakter des Volkes liegen, welcher bewirkt,
dass auch der Selbstmord mit mehr Ostentation ausgeübt wird, als dies
anderwärts zu geschehen pflegt.
[Sidenote: Nachahmung.]
Ebenso ist auch der Einfluss des Beispieles unverkennbar. Es lässt
sich dieser nicht blos an dem bereits im Alterthum beobachteten und
auch gegenwärtig zeitweise vorkommenden epidemieartigen Auftreten der
Selbstmorde erkennen, sondern auch daraus, dass auch bezüglich der Wahl
der Todesart und sogar bezüglich der Wahl der Stelle, wo der Selbstmord
ausgeführt wird[275] und bei Vergiftungen auch in der Wahl des Giftes
sich die Nachahmung bemerkbar macht. So lehrt die Erfahrung, dass die
Selbstmörder sich nicht selten von bestimmten Brücken in’s Wasser
stürzen, und sogar dieselben Stellen der Brücke wählen, die bereits
Andere vor ihnen benützt hatten, und jede grosse Stadt hat bestimmte
Orte, Parke, Wälder etc., wo häufiger als anderswo Selbstmorde begangen
werden.
[Sidenote: Gemeinschaftlicher Selbstmord.]
Psychologisch interessant ist der +gemeinschaftliche Selbstmord+.
Verhältnissmässig am häufigsten ist der Doppelselbstmord von
Liebespaaren. Seltener ist der von Ehepaaren, welcher meist durch
Nothlage bedingt ist und mitunter mit Selbstmord, häufiger mit
Tödtung der Kinder sich combinirt. Noch seltener ist der von
Geschwistern. Doch kam im Mai 1894 ein vierfacher solcher Selbstmord
vor, indem sich ein bekannter Maler mit 3 Schwestern durch Cyankalium
vergiftete. Gemeinschaftlicher Selbstmord von Individuen gleichen
Geschlechtes gehört zu den seltensten Vorkommnissen und betrifft
dann meistens weibliche und nur ausnahmsweise männliche Personen. Vor
einigen Jahren nahmen sich in Wien 4 in Noth gerathene Frauen aus
guter Gesellschaft (Mutter und 3 erwachsene Töchter) gleichzeitig
durch Erschiessen das Leben und vor Kurzem tödteten sich zwei
Freundinnen ebenfalls durch Revolverschüsse wegen unglücklicher
Liebe. Ende 1884 tödteten sich in Wien zwei fallite Kaufleute
(Brüder) in ihrem Geschäftslocal durch Erschiessen. Beide hatten
sich mit einem Revolver in die rechte Schläfe geschossen und man
hatte nur +einen+ Schuss gehört, so dass die That offenbar auf ein
verabredetes Zeichen geschah. Die forensische Bedeutung solcher auf
eine Art „psychischer Infection“ zurückzuführender Fälle liegt,
abgesehen von dem Umstand, dass mitunter die Priorität des Todes
in Frage kommt (s. pag. 377), vorzugsweise darin, dass gegen den
etwa überlebenden Theil die Anklage wegen Mord erhoben werden
kann, was auch dann geschieht, wenn die zweite Person mit ihrer
vollen Einwilligung von der überlebenden getödtet worden ist. Am
häufigsten kommt Gift, Erschiessen und Ertränken in Anwendung,
seltener andere Tödtungsarten. Vor einiger Zeit kam hier ein durch
Halsabschneiden begangener Selbstmordversuch eines Liebespaares vor
die Jury. Der 24jährige Mann hatte in einem Walde seiner Geliebten
mit deren Einwilligung den Hals durchschnitten und dann sich selbst
eine gleiche Wunde beigebracht. Beide waren noch im Stande, sich
nach Hause zu schleppen und genasen nach längerer Krankheit. Der
Mann wurde unter Berücksichtigung der mildernden Umstände nur zu
einjährigem Kerker verurtheilt.
[Sidenote: Ursachen des Selbstmordes.]
Die +nächsten Ursachen+ des Selbstmordes sind sehr verschiedenartig,
und es ist, wie wir schon bezüglich der Kinder angedeutet haben,
ihre Bedeutung nicht vom allgemeinen Standpunkte aus zu beurtheilen,
sondern mit Rücksicht auf die concreten Verhältnisse des betreffenden
Individuums.
Zweifellos begeht eine grosse Zahl der Selbstmörder die
Selbstentleibung im geistesgestörten Zustande, obgleich es irrig
wäre, wenn man, wie dies insbesondere englische Psychiater thaten,
jeden Selbstmord auf Geistesstörung zurückführen wollte. Der Natur
der Sache zufolge sind es besonders melancholische Zustände, die mit
Selbstmordsdrang einhergehen, Zustände, die schon in ihren ersten
Stadien, ohne dass auffallende objective Symptome noch vorhanden wären,
die Idee des Selbstmordes wecken und zur Ausführung bringen können,
aber eben des Mangels objectiv auffallender Erscheinungen wegen nicht
erkannt oder übersehen werden können. Ein grosses Contingent liefern
die Alkoholiker, die Neurasthenischen, die Epileptiker und vielfach
die originär Verrückten (Verfolgungswahn). Bekannt ist das häufige
Vorkommen des Selbstmordes in einzelnen Familien als Theilerscheinung
erblich degenerativer Zustände, neben moralischem Irrsein u. s. w.
In anderen, und zwar häufigeren Fällen lässt sich der Grund der
Selbstentleibung auf Unglücksfälle, Vermögensverluste, drückende
Sorgen zurückführen, die einestheils für sich im Stande sind, ein
genügendes Motiv für die Begehung eines Selbstmordes zu bilden,
andererseits zum Ausbruch von Geistesstörungen und dadurch mittelbar
zum Selbstmord Veranlassung geben können. Weitere Motive bilden Furcht
vor Strafe und Entehrung, heftige Gemüthsaufregungen in Folge von
Familienzwistigkeiten und endlich unglückliche Liebe, die besonders
in den ersten Jahren nach erreichter Pubertät, und namentlich beim
weiblichen Geschlechte, verhältnissmässig häufig zur Selbstvernichtung
führt. In wiederum anderen Fällen sind es körperliche Leiden, die
das Individuum zum Selbstmord bewegen, besonders unheilbare und
schmerzhafte Krankheiten, worunter syphilitische Erkrankungen eine
grosse Rolle zu spielen scheinen.
[Sidenote: Umstände des Selbstmordes.]
Nach +Majer+ tödteten sich von 5654 Selbstmördern 30·4% im Verlaufe
einer Geistesstörung, 20·2 aus unbekannt gebliebenen Motiven, 18·6
wegen Kummer über Vermögensverluste und wegen Nahrungssorgen, 11·3
wegen körperlicher Leiden, 9·9 wegen Furcht vor Strafe, 5·2 aus Zorn
und Rachsucht und 4·4 aus Furcht vor Entehrung. Bei den 4490 im Jahre
1871 in Frankreich vorgekommenen Selbstmorden konnte nur bei 4077 mit
mehr weniger Gewissheit die Ursache des Selbstmordes sichergestellt
werden und es ergaben sich als solche bei 1472 Gehirn- (Geistes-)
Krankheiten, bei 950 schmerzhafte Zustände, bei 651 liederlicher
Lebenswandel und Trunksucht, bei 620 Familienzwistigkeiten und bei
369 Unglücksfälle, ausserdem kam Selbstmord bei 15 Individuen vor,
welche Capitalverbrechen begangen hatten.