Endlich haben wir in zwei Fällen von Messerstichen in’s Gehirn statt

eines eigentlichen Stichcanals eine hämorrhagische Höhle gefunden, die

offenbar durch das aus verletzten grösseren Hirnarterien ausströmende

Blut in ähnlicher Weise durch Zerwühlung der Hirnsubstanz entstanden

war, wie dies nach spontaner Berstung dieser Gefässe zu geschehen

pflegt. Ein Steckenbleiben abgebrochener Klingen oder deren Spitzen in

Knochen kommt häufig vor, besonders am Schädel. Sie heilen mitunter

ohne Schaden ein, häufiger kommt es, und zwar manchmal erst nach

längerer Zeit, zu Erweichungen, Abscessbildung etc. und zum Tod.

4. Schussverletzungen.

An einer Schusswunde kann man in der Regel die Eingangsöffnung

(Einschuss) und den Schusscanal unterscheiden, welcher entweder blind

endet oder in eine Ausgangsöffnung (Ausschuss) mündet.

[Sidenote: Nahschüsse.]

Die Beschaffenheit der +Eingangsöffnung+ hängt vorzugsweise von

der Entfernung ab, aus welcher geschossen wurde. Bei Schüssen aus

unmittelbarer Nähe wirkt ausser dem Projectil (und dem Propf) auch die

unmittelbare Gewalt der Explosionsgase und die Pulverflamme.

In Folge der combinirten Wirkung des Projectils und der directen Gewalt

der Pulvergase ist der Einschuss in der Regel unverhältnissmässig gross

und desto grösser, je mehr Pulver geladen war, daher wir nach Schüssen

aus Gewehren oder Pistolen ungleich grössere, mitunter colossale

Eingangsöffnungen finden, als nach einem Revolverschuss, und nach

Schüssen aus sogenannten Taschenrevolvern kleinere als nach jenen, die

aus Revolvern grösseren Kalibers abgefeuert wurden.

[Sidenote: Wirkung der Explosionsgase und der Pulverflamme.]

Die Oeffnung erscheint entweder als Substanzverlust und dann meist

vollkommen rund, wie mit einem Locheisen ausgeschlagen (Fig. 56

und 58) oder unregelmässig sternförmig eingerissen (Fig. 57 und

59). Letztere Form findet sich ungleich häufiger bei Pistolen- oder

Gewehrschüssen als nach solchen aus Revolvern, und am häufigsten

dann, wenn der Schuss eine Stelle traf, an welcher die Haut nahe über

Knochen (Schädel, Rippen) gespannt gewesen war. Die Bildung solcher

Lappen und Einrisse kommt wahrscheinlich dadurch zu Stande, dass die

Explosionsgase sofort nach erfolgter Durchlöcherung der Haut durch das

Projectil des geringeren Widerstandes wegen zwischen dieser und der

festeren Unterlage sich ausbreiten, wodurch die Haut aufgehoben und vom

Lochschuss aus zum Bersten gebracht wird. Dafür spricht die Thatsache,

dass die Ränder sowohl der lappenförmig eingerissenen, als der runden

Eingangsöffnungen fast immer mehr weniger unterminirt sind, und dass

entsprechend diesen unterminirten Partien das Unterhautgewebe im weiten

Umfange vom Pulver geschwärzt erscheint. In seltenen Fällen erfolgt

eine einfache lineare Berstung der Haut, bei welcher die Spaltbarkeit

derselben eine Rolle zu spielen scheint (Fig. 60).

[Illustration: Fig. 56.

Runde Eingangsöffnung eines aus unmittelbarer Nähe gegen das Herz

abgefeuerten Pistolenschusses. (Selbstmord.) Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 57.

Pistolenschuss. (Selbstmord.) Grosse sternförmig zerrissene

Eingangsöffnung. ⅔ nat. Gr.]

Die Wirkung der Pulverflamme äussert sich durch Versengung der Haare

oder Härchen in der nächsten Umgebung der Eingangsöffnung, eventuell

auch durch Verbrennung der Kleidungsstücke. Auch die an der Leiche

gewöhnlich als lederartiger, vertrockneter Saum sich präsentirende Zone

der Einschussöffnung bringt man mit einer Verbrennung der Haut durch

die Pulverflamme in ursächlichen Zusammenhang, sie als „Brandsaum“

bezeichnend. Doch verdankt derselbe nicht nur einer Verbrennung,

sondern auch der Contusion und Aufschürfung der die Eingangsöffnung

begrenzenden Hautpartie seine Entstehung. Man sieht einen solchen

„Brandsaum“ besonders bei rundlichen und kleinen Schussöffnungen und

kann dann, wie Fig. 58 zeigt, in der Regel zwei, meist scharf von

einander getrennte Zonen unterscheiden, eine innere, verhältnissmässig

schmale und dunkler gefärbte und eine äussere, viel breitere. Letztere

entspricht offenbar der Basis des Luftdruck-, respective Flammenkegels,

der die betreffende Hautpartie getroffen hatte, ersterer dagegen dem

Umfange des Projectils, welches die Haut kegelförmig nach einwärts

stülpte und an der Spitze des Kegels durchriss. Dieser Saum, dessen

Bildung man sehr schön verfolgen kann, wenn man gegen Kautschukplatten

schiesst, entsteht somit nur durch Quetschung und Aufschürfung der

betreffenden Hautpartie und kommt auch bei Fernschüssen zur Entwicklung.

[Illustration: Fig. 58.

Schuss in der Herzgegend mit einem Revolver mittlerer Gattung.

(Selbstmord.) Runde Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 59.

Sternförmige Eingangsöffnung von einem gegen die Stirn abgefeuerten

Revolverschusse. (Selbstmord.) Nat. Gr.]

[Sidenote: Pulverschwärzung.]

Ein weiterer Effect der Pulverflamme ist die Schwärzung der Umgebung

des Einschusses, die theils durch den Pulverschmauch, theils durch

eingesprengte, halbverbrannte Pulverkörner (Pulverkohle) bewirkt wird.

Ersterer lässt sich abwischen, letztere aber nicht. Die eingesprengten

Pulverpartikelchen sind meist schon mit freiem Auge, noch deutlicher

aber mit der Loupe oder unter dem Mikroskop zu erkennen (Fig. 61).

Die Schwärzung ist natürlich am deutlichsten, wenn die Waffe an den

nackten Körper angelegt worden war, kann aber auch in diesem Falle

mitunter sehr unscheinbar ausgebildet sein, dann nämlich, wenn die

Mündung des Laufes fest angedrückt gewesen war und so der ganze Schuss

sofort in das Innere eindrang. Dafür ist dann die Schwärzung unter der

Haut und in der vorderen Partie des Schusscanals desto stärker. War

die betreffende Stelle von Kleidungsstücken bedeckt gewesen, so ist

die Schwärzung um den Einschuss desto weniger entwickelt, je dicker

die ersteren gewesen waren. Schwärzung und der sogenannte „Brandsaum“

sind um die Einschussöffnung, wenn der Schuss senkrecht auf den

betreffenden Körpertheil abgefeuert wurde, concentrisch angeordnet,

excentrisch dagegen, wenn die Waffe schief aufgesetzt war. In diesem

Falle bildet Schwärzung und Brandsaum ein mehr weniger lang-gezogenes

Oval, dessen grösserer Antheil jenseits der Schussöffnung liegt und die

Pulvereinsprengungen erscheinen mehr weniger beistrichförmig, mit dem

dickeren Ende gegen die Mündung der Schusswaffe gekehrt (+Poix+, Étude

médico-légale sur les plaies d’entré par coups de revolver. Lyon 1885).

[Illustration: Fig. 60.

[Sidenote: Spaltförmiger Einschuss.]

Schlitzförmige Schusswunde bei einem Selbstmörder, der sich mit einer

kleinen Pistole in’s Herz geschossen hatte. Darunter eine nachträglich

mit einem conischen Stichel gemachte schlitzförmige Oeffnung, deren

paralleler Verlauf mit dem durch den Schuss bewirkten Wundschlitz

beweist, dass auch bei diesem die Sprengung der Haut in der localen

Spaltbarkeitsrichtung erfolgte. Nat. Gr.]

Schliesslich kann, wie A. +Paltauf+[225] berichtet, auch der

Kohlenoxydgehalt der Pulverflamme, der namentlich bei den feineren und

kohlenreicheren Pulverarten ein ansehnlicher ist, durch Röthung des

extravasirten Blutes und das für Kohlenoxydhämoglobin charakteristische

spectrale Verhalten sich bemerkbar machen.

[Sidenote: Fernschüsse.]

Nach Schüssen aus einiger Entfernung wird desto mehr nur das Projectil

die Beschaffenheit der Eingangsöffnung bedingen und es wird desto mehr

die Wirkung der anderen oben erwähnten Einflüsse entfallen, je grösser

die Entfernung war, aus welcher gefeuert wurde.

[Sidenote: Zündende Wirkung der Pulverflamme.]

Zuerst entfällt die unmittelbare Wirkung der Explosionsgase, deren

Druck schon bei geringen Distanzen und desto früher sich nicht mehr

geltend macht, je geringer die Pulverladung gewesen, also bei Revolvern

früher als bei Pistolen. Dann verschwindet die wegwischbare Schwärzung

durch Pulverschmauch, sowie die sengende und zündende Wirkung der

Pulverflamme, und zwar auch diese bei Revolvern früher als bei Pistolen

und bei diesen früher als bei Gewehren. +Tourdes+[226] konnte mit

Pistolenschüssen (Sattelpistole) noch auf eine Distanz von einem halben

Meter ein Papier entzünden, und wir haben nach Schüssen mit einem

Revolver von 9 Mm. Durchmesser noch auf eine Entfernung von 10-15 Cm.

ein Versengtwerden der Haare constatirt. Bei Pistolen und Gewehren

kann ein Brandeffect auch durch den mitgerissenen brennenden Pfropf

veranlasst werden, und zwar bei Gewehrschüssen noch auf ziemlich weite

Distanzen. Zuletzt schwindet die Schwärzung der Haut durch eingebrannte

Pulverkörner. Letztere stellen gewissermassen winzige Projectile dar,

die ziemlich weit getragen werden können und einen Zerstreuungskegel

bilden, wie wir dies im Grossen bei den Schrotschüssen sehen. +Tourdes+

fand, wenn er mit einer gewöhnlichen Sattelpistole schoss, noch bei

einer Entfernung von 2 Metern Pulverkörner eingesprengt, bei einem

grösseren (amerikanischen) Revolver noch bei einer Entfernung von

1 Meter, nicht mehr aber, wenn diese 1½ Meter betrug; bei einem

gewöhnlichen sechsläufigen Revolver Schwärzung blos bis zu 40 Cm. Mit

letzterer Angabe stimmen auch unsere Versuche überein. Bezüglich der

Schüsse aus Gewehren ist anzunehmen, dass die Pulverkörner ungleich

weiter getragen werden.

[Illustration: Fig. 61.

Eingangsöffnung einer mit einem Taschenrevolver erzeugten Schusswunde

unter der ersten Brustwarze nach Wegwischung des Pulverschmauches.

Eingesprengte Pulverkörner. (Selbstmord.) Nat. Gr.]

[Sidenote: Schüsse aus grösseren Entfernungen. Form der

Eingangsöffnung.]

Bei grösseren Entfernungen wirkt blos das Projectil, und es hängt,

allerdings nicht ausnahmslos, so doch in der Regel von seiner Form ab,

wie die Form der Eingangsöffnung ausfällt. Die Kugelschüsse erzeugen

meist rundliche, mit Substanzverlust einhergehende Wunden, während

sich, wenn mit Spitzkugeln geschossen wurde, häufig schlitzförmige

Eingangsöffnungen finden. Letztere Form trifft man insbesondere bei

Revolverschüssen, und bei diesen kann, namentlich wenn das Projectil

klein war, mitunter eine ganz unbedeutende schlitzförmige Trennung der

Haut entstehen, welcher selbst eine Aehnlichkeit mit einer Stichwunde

zukommen kann. In der That ist die Verletzung des +Victor Noir+, der,

wie bekannt, durch +Peter Bonaparte+ mit einem Revolver erschossen

wurde, anfangs für eine Stichwunde gehalten worden, und +Braun+[227]

berichtet über eine Spitzkugelschusswunde, deren Eingangsöffnung

wie eine Kratzwunde aussah und per primam heilte, wie er auch bei

angestellten Versuchen fand, dass die mit Spitzkugeln erzeugten

Wunden mitunter so aussehen, als wären sie mit der Lancette gemacht

worden. Auch +Casper+-+Liman+[228] betonen die Verschiedenheit der

Eingangsöffnung bei Schüssen mit gewöhnlichen Kugeln und solchen mit

Spitzkugeln und erwähnen (pag. 289) eines Falles, wo die durch einen

Spitzkugelschuss veranlasste Eingangsöffnung wie ein Stich aussah.

Uns sind derartige Fälle wiederholt vorgekommen, sowie auch ein Fall,

in dem die durch einen Taschenrevolver erzeugte Wunde der behaarten

Kopfhaut ihrer Kleinheit wegen ganz übersehen und erst bei der Section

entdeckt wurde. Die Fig. 62 bis 67 zeigen die verschiedenen Formen der

Eingangsöffnungen bei Revolverschusswunden, insbesondere die Fig. 65,

66 und 67 Beispiele von solchen, die für Stichwunden gehalten werden

könnten.

[Illustration: Fig. 62.

Revolverschuss. Rosettenförmige Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 63.

Revolverschuss. Dreieckige, von einem contundirten Hof umgebene

Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

Sowohl bei den Kugel- als bei den Spitzkugelschüssen kommt die Dehn-

und Spaltbarkeit der Haut in Betracht, welche der Grund ist, warum die

Oeffnung gewöhnlich kleiner ist als das Projectil. Es ist in dieser

Beziehung, wie auch die Versuche von +Busch+[229] mit Schüssen gegen

Kautschukplatten ergaben, anzunehmen, dass jedes Projectil zunächst

die Haut kegelförmig vor sich hertreibt und dieselbe an der Spitze des

Kegels durchbohrt, worauf sich die Haut wieder retrahirt. +Busch+ fand,

wenn er mit einem Chassepotgewehr gegen eine Kautschukplatte schoss,

nur ein winziges Loch, welches kaum ein Drittel des Durchmessers der

Chassepotkugel hatte, aber einen schwärzlichen, dem Caliber der Kugel

entsprechenden Hof besass. Letzterem Befund entspricht, wie bereits

oben erwähnt, die Hautaufschürfung und Contusion, die als innerste

Zone die Eingangsöffnungen von Kugel- sowohl als Spitzkugelschüssen

einzusäumen pflegt.

[Illustration: Fig. 64.

Revolverschuss. Breite schlitzförmige Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 65.

Revolverschuss. Feine schlitzförmige, von einem contundirten Hof

umgebene Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 66.

Stichwundenähnliche Eingangsöffnung einer Revolverschusswunde. Nat. Gr.]

[Illustration: Fig. 67.

Revolverschuss. Schmale schlitzförmige, einem Messerstich ähnliche, von

einem „Brandsaum“ umgebene Eingangsöffnung. Nat. Gr.]

[Sidenote: Schusscanal.]

Auch die Beschaffenheit des +Schusscanals+ gestaltet sich, wenn aus

unmittelbarer Nähe geschossen wurde, in der Regel anders, als wenn der

Schuss aus grösserer Entfernung kam. Im ersteren Falle wirkt ausser dem

Projectil auch die Pulverflamme, welche Schwärzung des Schusscanals in

centripetal abnehmendem Grade bedingt, und die zertrümmernde Gewalt

der Explosionsgase. Letztere meist in noch intensiverer Weise als an

der Haut, weil sich die Explosionsgewalt kegelförmig verbreitert und

weil nun auch die etwa mitgerissenen Gegenstände, wie insbesondere

häufig die von den zunächst getroffenen Theilen herrührenden

Knochensplitter, ebenfalls sich geltend machen. Ueberhaupt ist die

Unterlage der zunächst getroffenen Stelle von wesentlichem Einfluss

auf die Beschaffenheit einer aus unmittelbarer Nähe beigebrachten

Schussverletzung. Wird diese Unterlage von Knochen gebildet, wie

z. B. am Kopfe, so werden entweder Stücke des Knochens lochförmig

herausgerissen und vorwärtsgetrieben oder die Knochen werden durch den

Explosionsdruck auseinandergesprengt, wozu, wenn der Schuss gegen die

Schädelhöhle abgefeuert wurde, auch der hydraulische Seitendruck des

plötzlich auseinander getriebenen Inhaltes der Schädelhöhle hinzukommt,

welche Momente in ihrem Zusammenwirken desto grössere Verwüstungen

anrichten, je grösser die Pulvermenge gewesen ist, mit welcher geladen

war, daher wir, z. B. nach Pistolenschüssen, sehr gewöhnlich den ganzen

Schädel sammt den weichen Schädeldecken auseinandergesprengt und selbst

das ganze Schädeldach abgerissen finden. Unter solchen Umständen ist

ein eigentlicher Schusscanal gar nicht zu unterscheiden, und man

hat mitunter Mühe, die Stelle zu erkennen, die vom Schuss zunächst

getroffen wurde. Mit Revolvern werden so hochgradige Verwüstungen

seltener erzeugt und nur, wenn Revolver grösseren Calibers benützt

wurden. Die kleinen Taschenrevolver bewirken, auch wenn sie gegen den

Schädel abgefeuert wurden, in der Regel nur einen Lochschuss, obgleich

auch bei dieser häufig von der lochförmigen Oeffnung im Knochen

abgehende Risse beobachtet werden.

Auch bei Nahschüssen gegen die Brust begegnen wir, wenn aus Pistolen

oder grossen Revolvern geschossen wurde, bedeutenden Verwüstungen der

inneren Organe, doch pflegt sich häufig die Gewalt in den zunächst

liegenden Organen zu erschöpfen, so dass schliesslich doch nur das

Projectil wirkt und, einen mehr weniger langen Schusscanal bildend,

entweder irgendwo stecken bleibt oder penetrirt.

Bei Schüssen aus einiger Ferne wird der Schusscanal nur durch das

Projectil veranlasst; allerdings ist aber auch in einem solchen Falle

der Effect keineswegs immer der gleiche.

Werden blos Weichtheile getroffen, so findet sich in der Regel

ein einfacher Schusscanal, der entweder blind endet oder zu einer

Ausgangsöffnung führt. Wurden Knochen getroffen, so kommt es wohl

mitunter zu einem einfachen Lochschuss, ungleich häufiger aber finden

sich entweder von einem Lochschuss ausgehende Sprünge und Risse

der Knochen, oder es werden letztere mehr weniger gesplittert und

die Splitter mitgerissen, wodurch die weitere Beschaffenheit des

Schusscanals wesentlich beeinflusst wird.

[Sidenote: Splitterungen am Knochen.]

Bedeutende Splitterungen der Knochen werden vorzugsweise durch die

modernen Hinterlader, insbesondere durch die jetzigen Militärgewehre,

verursacht. Bekanntlich waren die Erfahrungen, die man in dem

deutsch-französischen Kriege gegenüber dem Chassepotgewehre machte,

derart, dass anfangs gegen die Franzosen die Beschuldigung

erhoben wurde, dass sie mit Explosionskugeln geschossen hätten.

Versuche aber, die sowohl mit dem Chassepotgewehre, als mit anderen

Hinterladungsgewehren von +Busch+[230], +Wahl+[231], +Küster+[232],

+Richter+[233], +Heppner+, +Garfinkel+[234] und später von +Kocher+

(Virchow’s Jahrb. 1881, II, 319) angestellt wurden, haben ergeben,

dass durch jene von diesen Gewehren, denen eine besonders hohe

Propulsionskraft zukommt, wenn aus nicht sehr weiten Distanzen (20

Schritte, +Busch+) geschossen wird und die Kugel noch mit voller

lebendiger Kraft aufschlägt, mitunter colossale Verwüstungen, z. B.

Auseinanderreissungen des Schädels, erfolgen können.

Bezüglich der Ursache solcher Zerstörungen sind Einzelne (+Busch+)

der Meinung, dass das, meist aus weichem Blei bestehende Projectil

vermöge seiner Geschwindigkeit beim Durchtritt durch den festen

Körper (Knochen) so erwärmt werde, dass von ihm, das schon in Folge

der Reibung im Laufe und in der Luft erhitzt anlangt, Theilchen

abschmelzen, die in einem Zerstreuungskegel auseinanderfahren.

Manche lassen solche Theilchen mechanisch absplittern, während

Andere, insbesondere +Kocher+, sich die Verwüstungen aus dem enorm

schnellen Rotiren der Kugel erklären, dessen centrifugale Wirkung

sich vorzugsweise im Gehirne, beziehungsweise im Knochenmark geltend

macht und Schädel- und Röhrenknochen durch plötzlichen hydraulischen

Druck auseinandersprengt. Höchst interessante und sinnreiche Versuche

von +Reger+ (Die Gewehrschusswunden der Neuzeit. Strassburg 1884),

worüber derselbe auch in der Berliner Naturforscherversammlung

berichtete, und von +Beck+ (Ueber die Wirkung neuerer

Gewehrprojectile etc. Leipzig 1885) bestätigen +Kocher+’s Anschauung,

sowie die Thatsache, dass die Zerstörungen proportional sind mit

der Weichheit des Geschossmaterials. Diese Beobachtungen haben

insbesondere deshalb eine forensische Bedeutung, da man aus so

bedeutenden Verwüstungen leicht schliessen könnte, dass der Schuss

aus unmittelbarer Nähe gekommen sei. Es wäre jedoch anderseits irrig,

zu meinen, dass Derartiges nur bei modernen Gewehren vorkommen

könne. Auch Gewehre alten Systems können mitunter auf ziemlich weite

Distanzen ungewöhnliche Zertrümmerungen, z. B. Auseinandersprengungen

des Schädels, bewirken. Beweis dessen der in Fig. 68 abgebildete

Fall, wo die hochgradige Zertrümmerung des Schädels bei einem Duell

auf 30 Schritte durch den Schuss aus einer glatten Sattelpistole

alten Systems mit fast haselnussgrosser Rundkugel zu Stande kam.

[Sidenote: Militärgewehre.]

[Sidenote: Knochenzertrümmerung durch Fernschuss.]

Eine besonders hohe Durchschlagkraft besitzen die neuen

+Kleinkaliber-Gewehre+. So nach +P. Bruns+ („Die Geschosswirkung

der neuen Kleinkaliber-Gewehre.“ Tübingen 1889) das Mauser-Gewehr

der belgischen Armee. Das 8 Mm. breite, aus einem Weichbleikern und

einem Mantel aus Kupfernickelblech bestehende Geschoss vermag auf 100

Meter Distanz durch 4-5, auf 800-1200 Meter durch 2-3 Glieder einer

Compagnie durchzudringen, selbst wenn hierbei die stärksten Knochen

getroffen wurden. Doch sind die Erscheinungen von Sprengwirkung

entschieden seltener und weniger ausgesprochen wie bisher und lassen

die Schüsse auf den Schädel die höchsten Grade der Höhlenpressung

wahrnehmen. Der Einschuss ist kreisrund und auch bei Nahschüssen

(12-100 Meter) kleiner als der Durchmesser des Projectils, der

Ausschuss stellt meist einen Hautriss dar, der bei Nahschüssen

eine Länge von bis 15 Cm. erreichen kann. -- Analoge Beobachtungen

bezüglich des österr. 8 Mm. Mannlicher-Stahlmantelgeschosses

wurden von dem k. u. k. Regimentsarzt Dr. +Habart+ (Wien 1892)

veröffentlicht.[235]

[Illustration: Fig. 68.

Hochgradige Zertrümmerung des Schädels durch einen aus der Entfernung

von 30 Schritt abgefeuerten Pistolenschuss.]

[Sidenote: Richtung des Schusscanals.]

Die Richtung des Schusscanals entspricht nicht immer der

Schussrichtung, da das Projectil, wenn es auf Knochen aufschlägt,

entweder unter einem Winkel ricochetiren oder im Bogen abgelenkt

werden und selbst entlang dieser um ganze Körpertheile herumgehen

kann (Bogen-, Contour-, Ringelschuss). Eine solche Ablenkung kann

unmittelbar unter dem Einschuss, aber auch erst im weiteren Verlaufe

des Schusscanals stattfinden. Letzteres ist innerhalb des Schädels an

dessen Concavität nicht selten der Fall. Ebenso ist die Möglichkeit

nicht zu übersehen, dass ein Schuss gar nicht gegen die betreffende

Person abgefeuert, sondern die Kugel irgendwo abgeprallt und gegen den

Körper gelenkt worden sein konnte. Auch kann das Projectil in Folge

seiner eigenen Schwere sich nachträglich senken.

[Sidenote: Indirecte Schussfractur.]

Nicht unwichtig ist es ferner, zu wissen, dass am Schädel auch

ausserhalb des Bereiches des Schusscanals Läsionen sowohl der

Weichtheile als der Knochen durch sogenannten Contrecoup sich bilden

können, und zwar sowohl bei Schüssen aus unmittelbarer Nähe, als bei

solchen aus grösserer Entfernung. Von den Verletzungen der Weichtheile

erwähnen wir vorzugsweise die oberflächlichen Contusionen des Gehirns,

die z. B. bei einem Schusse quer durch die Schläfe an der Spitze

der Stirn- oder Hinterhauptlappen sitzen können, von den indirecten

Knochenverletzungen namentlich die indirecten und isolirten Fracturen

der Orbitaldächer. Solche entfernte Verletzungen bilden sich durch

den plötzlich erhöhten Seitendruck im Innern des Schädels, der bei

Schüssen aus der Ferne durch die centrifugale Rotationswirkung des

Projectils, bei Nahschüssen ausserdem durch die seitliche Expansion

der Pulvergase entsteht. Ueber solche indirecte Schussfracturen des

Schädels hat +Messerer+ (Centralbl. f. Chir. 1884, Nr. 19) geschrieben

und zu den in der Literatur bekannten 17 Fällen einen neuen

hinzugefügt. Unseren Beobachtungen zufolge sind dieselben, wenigstens

bei Nahschüssen, keine Seltenheit.

[Sidenote: Formveränderung des Projectils.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 34 / 132 段