Blossen Hautwunden kommt nur ausnahmsweise eine besondere Bedeutung zu.
Die Heilung erfolgt in der Regel, wenn die Wunde nicht vernachlässigt
wurde, per primam, mit Hinterlassung einer feinen linearen Narbe,
deren geradliniger Verlauf und Verschiebbarkeit ihre Provenienz
leicht erkennen lässt. Tiefe Schnittwunden werden insbesondere durch
Verletzung grösserer Gefässe gefährlich, beziehungsweise tödtlich,
und wir erinnern in dieser Beziehung namentlich an die Schnittwunden
am Halse, durch welche häufig Selbstmord, nicht selten aber auch Mord
verübt zu werden pflegt. Ausserdem veranlassen tiefere Schnittwunden
mitunter langwierige oder bleibende Functionsstörungen, und können
namentlich am Halse Sprachstörungen und an den Extremitäten eine
Behinderung oder vollständige Aufhebung der Brauchbarkeit der
betreffenden Extremität zur Folge haben.
[Sidenote: Hiebwunden.]
+Hiebwunden+ werden ebenfalls durch mit einer Schneide versehene
Werkzeuge zugefügt; während jedoch die Schnittwunden durch ziehenden
Gebrauch des einem Körpertheil aufgesetzten schneidenden Werkzeuges
entstehen, geschieht die Zufügung einer Hiebwunde in der Regel in einer
gegen das Organ senkrechten Richtung. Schon diese Art der Anwendung,
die gewöhnlich mit grosser Kraft erfolgt, noch mehr aber die Wucht der
betreffenden Instrumente haben zur Folge, dass sich die Hiebwunden
von den Schnittwunden schon durch eine verhältnissmässig grössere
Tiefe unterscheiden, und dass, während Schnittwunden in der Regel
durch Knochen u. dergl aufgehalten werden, Hiebwunden häufig dieselben
durchdringen und eben dadurch einen viel gefährlicheren Charakter
erhalten, als derselbe durchschnittlich den Schnittwunden zukommt.
[Sidenote: Hiebwunden der Knochen.]
Das äussere Verhalten einer Hiebwunde hängt zunächst von der Richtung
ab, in welcher der Hieb geführt wurde. War dieselbe eine gegen das
Organ senkrechte, so entstehen lineare, gleichmässig keilförmig gegen
die Tiefe sich verjüngende Wunden; wird das Organ schief getroffen,
so bilden sich mehr weniger stark abgeschrägte Lappen, die selbst
vollständig durch den Hieb abgetragen werden können. Die Reinheit der
Hiebwunde hängt von der Schärfe der Schneide ab und von der geringeren
oder stärkeren Dicke des Keiles, der in die Schneide ausläuft,
ausserdem aber auch von der Wucht der Waffe. Scharfe leichte Säbel
erzeugen viel reinere Hiebwunden, als z. B. ein Beil. Namentlich sind
Hiebwunden mit letzterem oder einem ihm ähnlichen Werkzeuge in der
Regel mit Quetschung der Wundränder und mit Knochenbrüchen, sowie
mit Absprengung und Depression von Splittern verbunden, welche sich
allerdings meist von einer spaltförmigen Durchtrennung der Knochen
verfolgen lassen. Bei Knochenwunden, die durch scharfe und nicht
besonders wuchtige Werkzeuge, wie z. B. durch leichte Säbel, erzeugt
wurden, ist Splitterung des verletzten Knochens seltener zu beobachten.
Dagegen sind Splitterungen der Glastafel auch in diesem Falle sehr
gewöhnlich.
[Illustration: Fig. 47.
Hiebwunden des Schädels, mit einem Faschinenmesser erzeugt.]
Eine Hiebwunde des Knochens klafft desto mehr, unter je weniger spitzem
Winkel die Seitenflächen der Hiebwaffe zur Schneide zusammenliefen. Je
dicker aber der schneidige Keil, desto mehr treibt er die Knochenränder
auseinander und desto leichter kommt es zu Absprengungen derselben oder
zu einer Fortsetzung der Enden der Hiebspalten in einen Knochenriss.
Fig. 47 zeigt ein Schädeldach mit zwei mittelst eines sogenannten
Faschinenmessers erzeugten Hiebwunden, wovon die eine den rechten
Scheitelbeinhöcker abgetragen hatte, die andere einen typischen Spalt
darstellt, von dessen vorderem Ende ein Knochenriss abgeht.
Bei der Beurtheilung von Hiebwunden ist nicht blos die Qualität der
getroffenen Theile, sowie der Umstand, ob sie etwa in Körperhöhlen
penetriren, zu berücksichtigen, sondern auch die Wucht der Waffe
und deren Einfluss. Insbesondere hat dieses bei Kopfhiebwunden zu
geschehen, da bei diesen, wenn sie durch wuchtige Werkzeuge, z. B.
durch ein Beil, erzeugt wurden, zu der aus der Trennung der Theile
durch die Schneide des Instrumentes resultirenden Gefahr sich auch jene
hinzugesellt, die durch die Erschütterung des Gehirns bewirkt worden
ist.
3. Stichwunden.
Stichwunden entstehen durch spitzige, im Verhältniss zu ihrer Länge
schmale Werkzeuge, welche in der Richtung ihrer Längsachse eingestossen
wurden. Es sind vorzugsweise messerartige, einschneidige Werkzeuge,
die in Betracht kommen, meistens gewöhnliche Taschenmesser, seltener
dolchartige zwei- oder mehrschneidige oder konische Instrumente.[223]
[Sidenote: Form der Stichöffnung.]
An typischen Stichwunden lässt sich eine Eingangsöffnung und ein von
dieser in die Tiefe sich fortsetzender Stichcanal unterscheiden.
[Illustration: Fig. 48.
Mit einem conischen Dorn zerstochene Haut der Hinterfläche des Stammes.
(Nach +Langer+.)]
[Sidenote: Stichwunden mit conischen Instrumenten.]
Die Form der Eingangsöffnung in der Haut entspricht nur selten der Form
des Querschnittes des betreffenden Werkzeuges. Dies ist eigentlich nur
bei zweischneidigen Instrumenten der Fall, da bei letzteren in der That
die schlitzförmige, beiderseits in einen spitzen Winkel auslaufende
Gestalt der Stichöffnung der Form des Querschnittes der Stichwaffe
gleicht. Man würde jedoch sehr irren, wenn man aus einer solchen Form
der Eingangsöffnung schliessen wollte, dass das betreffende Werkzeug
ein zweischneidiges gewesen war, da auch nach Stichen mit gewöhnlichen,
also einschneidigen Taschenmessern oder solchen mit konischen und
selbst nach jenen mit gewissen kantigen Instrumenten gerade solche
schlitzförmige und an beiden Enden gleiche spitze Winkel bildende
Eingangsöffnungen entstehen, wie sie mit zweischneidigen Stichwaffen
zu Stande kommen. Am auffälligsten ist die Sache bei +conischen+
Instrumenten. Bereits +Dupuytren+ und +Malgaigne+ hatten darauf
aufmerksam gemacht, dass mit solchen Werkzeugen nicht, wie man erwarten
sollte, rundliche, sondern schlitzförmige Trennungen der Haut entstehen
und +Filhos+ (+Briand+ et +Chaudé+, Manuel de médecine légale. 1879, I,
473) hatte schon 1833 constatirt, dass diese Schlitze an verschiedenen
Körperstellen eine verschiedene Richtung besitzen. +Langer+ („Ueber
die Spaltbarkeit der Cutis.“ Sitzungsber. der mathem.-naturw. Classe
der kais. Akademie der Wissenschaften. 1861, XLIV) verfolgte dieses
Verhalten weiter und fand reguläre Spaltbarkeit, indem er constatirte,
dass die mit einem conischen Dorn erzeugten Stichöffnungen nicht
blos immer spitzwinklige Schlitze darstellten, sondern dass die
Längsachse dieser Schlitze an bestimmten Körperstellen immer eine
bestimmte Richtung zeigte, so dass, wenn die gesammte Haut zerstochen
wurde, regelmässige Figuren sich ergaben, die unverkennbar als der
Ausdruck der regelmässigen Faserung und davon herrührenden regulären
Spaltbarkeit der Haut genommen werden müssen (Fig. 48).
[Illustration: Fig. 49.
Schlitzförmige Stichöffnung, durch eine conisch zugespitzte 2·5 Cm.
dicke Eisenstange erzeugt. Nat. Gr.]
Die Form der durch conische Werkzeuge bewirkten Hautspalten ist
ganz gleich derjenigen, wie sie nach Stichen mit messerartigen
Instrumenten gewöhnlich zu Stande kommen, nämlich ein Schlitz mit
scharfen, bogenförmig auseinanderweichenden und beiderseits zu einem
spitzen Winkel zusammenlaufenden Rändern. Die Länge der Spalten ist
proportional der Dicke des Instrumentes, so dass man, wenn sehr
dicke Werkzeuge zur Anwendung kamen, selbst mehrere Centimeter lange
Wundspalten erhalten kann, die dann eben ihrer Länge wegen noch
leichter für Messerstiche gehalten werden können (Fig. 49).
[Sidenote: Stiche von Taschenmessern. Spaltbarkeit der Haut.]
Auch nach Stichen mit einschneidigen Instrumenten, insbesondere mit
gewöhnlichen +Taschenmessern+, zeigt die Stichöffnung nur ausnahmsweise
die Gestalt eines schmalen Keils, dessen Rücken jenem des Messers
entspricht, sondern fast regelmässig die eines Schlitzes, indem die
Wundränder in flachem Bogen auseinander treten und an beiden Enden
spitzwinklig zusammenlaufen (Fig. 50). Die Ursache dieser Erscheinung
liegt einfach in der Thatsache, dass die betreffende Stichöffnung nur
von der Schneide des Messers erzeugt wird, so dass sie eigentlich nur
eine Schnittwunde darstellt. Man kann sich hiervon leicht überzeugen,
wenn man sich an der Leiche eine Linie zieht und nun mit einem Messer
in der Weise zusticht, dass die Spitze des Messers jene Linie trifft
und die Schneide rechts oder links von dieser liegt. Man sieht dann,
dass das eine Ende des erzeugten Wundschlitzes stets in die betreffende
Linie fällt, der Wundspalt aber stets auf jene Seite, gegen welche die
Schneide gekehrt gewesen war. Es folgt daraus, dass es in der Regel
ganz unmöglich ist, aus der Hautwunde allein zu erkennen, wohin der
Rücken und wohin die Schneide des Messers gekehrt gewesen war. Bei
manchen Taschenmessern, z. B. bei den von Raufern besonders häufig
gebrauchten „stellbaren“ Messern, hat auch der Rücken der Klinge
schneidige Kanten. Das Instrument wirkt dann wie ein dreikantiges
und erzeugt pfeilspitzenförmige Eingangsöffnungen, indem auch die
Rückenkanten die Haut etwas einschneiden (Fig. 51).
[Illustration: Fig. 50.
Neun, mit einem zum Schneiden von Kautschuk dienenden einschneidigen
Messer beigebrachte Stichwunden in der Herzgegend. Selbstmord.]
[Illustration: Fig. 51.
Stichöffnung, durch eine Messerklinge mit schneidigem Rücken erzeugt.
Nat. Gr.]
[Illustration: Fig. 52.
Stichöffnungen, erzeugt durch einen dreiseitigen scharfkantigen
Stachel.]
[Sidenote: Stichöffnungen von kantigen Waffen.]
Bei +kantigen+ Werkzeugen, wie z. B. Stiletten, Feilen, gewissen
Bajonetten, ist die Form der Stichöffnung und der Haut wesentlich
bedingt durch die Beschaffenheit der Kanten. Sind dieselben schneidig,
so wird die Haut durch das senkrecht eingestochene Instrument nach so
vielen Richtungen aufgeschlitzt, als Schneiden vorhanden sind, und
es entstehen daher im Allgemeinen sternförmige Wunden, an welchen die
Zahl der Strahlen der Zahl der schneidenden Kanten entspricht (Fig.
52). Man überzeugt sich jedoch bei Versuchen leicht, dass auch bei
scharfkantigen Stichwaffen dem geschilderten Verhalten gewisse Grenzen
gesetzt sind, und zwar durch die Zahl der Kanten. Da nämlich mit der
Zahl der Kanten die Schneidigkeit derselben abnimmt, weil die Winkel,
unter welchen die Seitenflächen zur Schneide zusammenlaufen, wenn
erstere nicht etwa gekehlt sind, immer stumpfer werden, so wird das
Aufschlitzen der Haut durch die einzelnen Schneiden immer undeutlicher
und hört schliesslich ganz auf, so dass vielkantige Stichwaffen
schliesslich nicht mehr schneiden, sondern nur die Hautfasern in der
Spaltbarkeitsrichtung auseinanderdrängen, d. h. in gleicher Weise
einfache Schlitze erzeugen, wie dieses bei conischen Instrumenten der
Fall ist (Fig. 53). Hatte das Instrument stumpfe oder abgerundete
Kanten, dann wirkt dasselbe schon bei geringer Zahl der Kanten nur
wie ein conisches Werkzeug, d. h. erzeugt einen einfachen Schlitz,
doch kann man häufig aus Einkerbungen und Eindrücken der Ränder des
letzteren nachträglich erkennen, dass ein mehrkantiges Werkzeug
eingewirkt habe.
[Sidenote: Atypische Stichspalten.]
Von dem erwähnten typischen Verhalten der Form der Eingangsöffnungen
kommen Abweichungen vor. So bei conischen Instrumenten insoferne, als
an jenen Hautstellen, welche zwischen zusammenstossenden Systemen von
Spaltbarkeitscurven der Haut meist als parabolische Dreiecke der Haut
(Wirbel) zurückbleiben, nicht einfache Schlitze, sondern dreieckige
oder pfeilspitzenförmige Wunden entstehen (Fig. 48).
[Illustration: Fig. 53.
Durch einen achtseitigen scharfkantigen Stachel erzeugte Stichwunden,
von denen einzelne bereits den Uebergang zu einfachen, der Spaltbarkeit
der Haut entsprechenden Schlitzen erkennen lassen.]
Auch Messerstiche zeigen nicht immer die einfache Schlitzform. Nicht
selten erscheinen sie winklig, was wohl dadurch geschieht, dass beim
Herausziehen des Messers die Haut in einer anderen Richtung als der
ursprünglichen aufgeschlitzt wird, wovon wieder die Ursache entweder
in einer unmerklichen Wendung des Messers oder in einer Verschiebung
oder Retraction der Haut selbst gelegen ist. Ebenso kann sich eine
zickzackförmige Eingangsöffnung bilden, wenn der Stich eine Hautfalte
schief getroffen hat. Fig. 54 zeigt diese beiden Formen.
[Sidenote: Länge der Stichöffnungen.]
Die Länge der Wundspalte entspricht nicht immer der Breite der
Stichwaffe an der Stelle, bis zu welcher sie eingestochen wurde. Bei
conischen, schmalen Instrumenten ist sie in der Regel etwas grösser,
bei dicken dagegen mitunter bedeutend kleiner, weil die Spaltbarkeit
der Haut gewisse Grenzen hat und beim Einstich eine Dehnung des
ursprünglich gesetzten Wundspaltes stattfindet.
Mit Messern erhält man nur bei vorsichtigem Einstechen und Ausziehen
derselben Schlitze, die in ihrer Länge der Breite der Klinge an der
Stelle, bis zu welcher sie eingestochen wurde, entsprechen. Meist ist
der Wundspalt länger, indem beim Ein- oder Ausstechen derselbe weiter
aufgeschlitzt wurde. Unter Umständen können auf diese Weise colossale
Wunden, respective Aufschlitzungen erfolgen.
[Illustration: Fig. 54.
Winklige Stichöffnung auf der vorderen Brustwand, mit einem starken
Taschenmesser erzeugt. Links oben eine zickzackförmige. (Todtschlag.)]
Forensisch wichtig ist aber die Thatsache, dass auch bei messerartigen
Instrumenten die Stichöffnung mitunter kürzer ausfallen kann, als die
Breite des Messers. Häufig liegt nur eine Täuschung vor und die Kürze
des Wundschlitzes ist blos bedingt durch die Retraction der, besonders
in der Mitte, auseinander weichenden Ränder, daher solche Schlitze
niemals im klaffenden Zustand, sondern nach Aneinanderlegung der
Ränder gemessen werden dürfen. Unter Umständen kann jedoch der Schlitz
absolut, und zwar mitunter um ein Beträchtliches kürzer ausfallen, und
zwar dann, wenn das Messer eine stumpfe Schneide besass. Dies wird
verständlich, wenn wir uns erinnern, dass jede typische Stichwunde
eigentlich eine Schnittwunde ist, welche durch die Schneide des
Messers entsteht, und dass diese normale Wirkung eines Messers desto
weniger zur Geltung kommen und schliesslich ganz entfallen muss, je
stumpfer die Schneide sich gestaltet. Das Instrument dehnt dann den
durch die Spitze gemachten Wundschlitz einfach aus, wobei sich die
Haut trichterförmig einstülpt und nach Ausziehung des Messers wieder
retrahirt. Bei den plumpkantigen, messerartigen und zugleich breiten
Instrumenten, z. B. bei einem ungeschliffenen sogenannten Haubajonet,
ist das Missverhältniss zwischen Länge des Schlitzes und Breite der
Klinge am auffälligsten, und wenn die Kante bis zur Spitze stumpf
ist, so wirkt auch ein solches messerartiges Instrument schliesslich
nur wie ein conisches, indem es nämlich die Haut nur in der localen
Spaltbarkeitsrichtung auseinander treibt, und es kann dann geschehen,
dass der erzeugte Schlitz eine ganz andere Richtung hat, als die Breite
des Messers, wenn nämlich die Klinge nicht parallel mit der localen
Spaltbarkeitsrichtung, sondern schief oder quer auf diese aufgesetzt
worden war. Im letzteren Falle kommen entsprechende, von den Kanten
des Messers herrührende Eindrücke an den Rändern des Wundschlitzes zu
Stande.[224]
Der Einfluss der Retraction der durchtrennten Haut auf die Form
einer Stichöffnung muss immer im Auge behalten werden. Eine
stärkere Verziehung der Wunde durch dieselbe kann insbesondere dort
stattfinden, wo die Haut über ihrer Unterlage leichter verschiebbar
ist. Auch die Richtung, in welcher die Faserzüge einer Hautstelle
durch einen Stich durchtrennt wurden, ist von Einfluss, weshalb
Stichwunden, welche auf der Längsachse einer Extremität senkrecht
stehen, im Allgemeinen mehr klaffen werden als die, welche mit ihr
parallel verlaufen. Eine Verziehung kann auch dort vorkommen, wo die
Haut, wie z. B. über Gelenken oder am Halse, durch Bewegungen dieser
Theile verschoben wird. Dass durch den Heilungsvorgang, Eiterung etc.
die ursprüngliche Form einer Stichöffnung vielfach verändert werden
kann, bedarf keiner weiteren Besprechung.
[Sidenote: Stichöffnungen in Knochen.]
Ungleich einfacher gestalten sich Stichöffnungen in +Knochen+,
besonders am Schädel, wo Stiche verhältnissmässig häufig vorkommen.
Hier entspricht die Form der Stichöffnung wegen der Plasticität, die
das Knochengewebe bis zu einem gewissen Grade besitzt, in der Regel
genau jener des Querschnittes des gebrauchten Instrumentes, so dass man
in der Regel leicht entscheiden kann, nicht blos ob der Stich mit einem
Messer, oder conischen, oder kantigen Werkzeug beigebracht wurde, und
wohin bei Messern die Schneide gerichtet war, sondern auch mitunter,
welches von zwei oder mehreren vorgewiesenen Messern etc. die
Verletzung bewirkt haben konnte. Aus Anlass eines Falles von Todtschlag
durch Stich in die linke Schläfe hatten wir nachträglich die Frage
zu beantworten, ob das verletzende Werkzeug ein Taschenmesser oder
die spitze Branche einer Schneiderscheere gewesen sei. Ein einfacher
Vergleich der Form der Stichöffnung in der aufbewahrten Schläfeschuppe
mit den vorgelegten Werkzeugen genügte, um die Möglichkeit, dass
die Scheere diese Oeffnung erzeugt haben konnte, vollkommen
auszuschliessen. In dem pag. 288 erwähnten Fall von Mord durch einen
grossen Bilderhaken fanden sich regelmässige viereckige Oeffnungen
im Schädel, in welche der Haken vollkommen genau hineinpasste. Bei
Stichwunden am Schädel (auch bei Messerstichen) sind Absprengungen der
Glastafel sehr gewöhnlich und solche der äusseren Tafel nicht selten.
Weniger häufig setzen sich die Enden des Wundspaltes in Knochenrisse
fort, wovon Fig. 55 ein exquisites Beispiel liefert, bezüglich dessen
näherer Besprechung wir auf das Capitel „Hirnsubstanz auf Werkzeugen“
verweisen.
[Illustration: Fig. 55.
Keilförmige, von einem starken Taschenmesser erzeugte Stichöffnung im
linken Scheitelbein mit von den Enden ausgehenden Knochenrissen. Vor
derselben die abgebrochene Messerspitze im Knochen steckend.]
[Sidenote: Stichöffnungen in Weichtheilen.]
Was die Stichöffnungen in den +Weichtheilen+ anbelangt, so
gestalten sich dieselben im Allgemeinen in gleicher Weise, wie in
der Haut. Auch hier hängt die Beschaffenheit der Stichöffnung von
dem Umstande ab, ob die Stichwaffe eine schneidende war oder nicht.
Im ersteren Falle treffen wir bei ein- und zweischneidigen Waffen
scharfrandige Schlitze, bei mehrschneiden sternförmige Wunden, deren
Strahlenzahl die Zahl der Schneiden erkennen lässt. War das Instrument
ein conisches oder stumpfkantiges, wenn auch vielleicht messerartig
geformtes, so drängt es die Fasern des getroffenen Gewebes einfach,
entsprechend der localen Spaltbarkeitseinrichtung des letzteren,
auseinander. Da nun die Spaltbarkeitsrichtung in den heterogenen
Geweben eine verschiedene ist, so kommt die interessante Erscheinung
zu Tage, dass durch einen und denselben Stich Schlitze zu Stande
kommen, die, ohne dass etwa eine Verschiebung stattgefunden hätte,
nicht blos in der Haut eine andere Richtung haben als in den inneren
Organen, sondern auch in den verschiedenen Stratis der letzteren
verschieden gestellt sind, ja sogar sich unter einem rechten Winkel
kreuzen können. So erzeugt z. B. ein mit einem conischen Instrument
bewirkter penetrirender Stich der Magenwand im Peritonealüberzug einen
Schlitz, dessen Längsachse parallel zu den Curvaturen verläuft, in der
Muscularis einen anderen, der meist quer auf dem erstgenannten steht
und endlich in der Schleimhaut einen dritten, der wieder eine andere
Richtung besitzt.
Inwiefern diese von +Katayama+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med.
1887, XLVI) weiter verfolgte Thatsache für die Erkennung der Natur
des verletzenden Werkzeuges benützt werden kann, liegt auf der Hand,
und wir hatten unter Anderem Gelegenheit, sie in folgendem Fall zu
verwerthen: Ein geisteskranker Optiker hatte seine Frau erstochen,
war dann verschwunden und wurde erst einige Tage darnach als Leiche
aus der Donau gezogen. Bei der Obduction der Frau fanden sich drei
schlitzförmige Stichwunden von 10-12 Mm. Länge. Die eine am inneren
Rande des oberen Antheils des rechten Kopfnickers parallel mit
diesem, die zwei anderen am inneren Ende der linken Clavicula, beide
mit der Längsachse der letzteren gleichlaufend. Die erste war in
die Carotis interna eingedrungen und hatte dieselbe innerhalb ihrer
partiell erhaltenen Scheide vollkommen +quer+ durchtrennt, unter
den zwei anderen fand sich eine vollkommen +quere+ Durchtrennung
der A. subclavia und 0·5 Cm. davon entfernt am centralen Antheil
des durchtrennten Gefässes eine ebenfalls ganz quere schlitzförmige
Durchbohrung der vorderen und hinteren Wand. Da sich somit die
Hautschlitze mit den Trennungen in den darunterliegenden Arterien
kreuzten, so war es klar, dass keine schneidige Stichwaffe, sondern
ein conisches oder ein stumpfkantiges Werkzeug zur Anwendung gekommen
war. In der That ergaben die Erhebungen, dass die Stiche mit einem
myrthenblattförmigen, aus einer Feile (sogenannten Vogelzunge)
gefertigten Polirinstrument mit schmalovalem Querschnitt beigebracht
worden waren.
[Sidenote: Stichcanal.]
Der Verlauf des Stichcanals entspricht nicht immer der Richtung,
in welcher der Stoss geführt wurde, da die Waffe auch abgeglitten
sein konnte. Auch muss der Stichcanal, namentlich wenn er penetrirte
und bewegliche Organe, wie z. B. jene des Thorax oder die Gedärme,
betraf, nicht immer die unmittelbare Fortsetzung der Stichöffnung
bilden, ein Umstand, der namentlich dann, wenn mehrere Stiche
vorliegen, wohl zu beachten ist. Ein eigentlicher, nach allen Seiten
abgeschlossener Stichcanal kann auch fehlen, so z. B. wenn ein Stich
einen Körpertheil blos tangirte und, was natürlich nur bei einer
schneidigen Stichwaffe geschehen kann, die Theile blos aufschlitzt,
wodurch eine Schnittwunde vorgetäuscht werden kann. Am leichtesten
kann dieses an gewölbten Körpertheilen, z. B. an den Extremitäten
oder, besonders wenn das Messer an dem Knochen abgleitet, am Kopfe
geschehen. Aber auch am Halse kann dieses vorkommen und +Pilz+ (Ueber
Stichverletzungen. Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1894, VIII.
Suppl., pag. 192) bildet einen Fall ab, wo die Haut vor dem Kehlkopfe
durch einen Messerstich quer aufgeschlitzt worden war, so dass es
aussah, wie wenn der Versuch einer Halsdurchschneidung gemacht worden
wäre. An inneren Körpertheilen sind solche Aufschlitzungen nicht
selten, so haben wir einen Messerstich gesehen, der zwischen der 7.
bis 8. Rippe in der Axillarlinie eingedrungen war, die linke Kuppe
des Zwerchfells und den unteren Rand der linken Lunge aufgeschlitzt,
an der Hinterfläche des Herzens beide Kammern eröffnet und das Septum
durchtrennt hatte, so dass in keinem der verletzten inneren Organe ein
eigentlicher Stichcanal, sondern rinnenförmige Trennungen gefunden
wurden. Stichwunden, die einen grösseren Körpertheil, z. B. die Brust,
vollkommen durchdringen, sind selten. Es kommt dies nur bei sehr
langen Stichwaffen, z. B. Degen, Bajonetten, ganz ausnahmsweise auch
bei langen Küchenmessern vor, nicht gar selten aber bei peripheren
Körpertheilen, insbesondere an den Extremitäten, wenn sie mehr
tangential getroffen werden. Auch kann dann das Instrument noch in
einen anderen Körpertheil eindringen. +Pilz+ bildet solche Fälle ab,
die eine besondere Bedeutung auch dadurch besitzen, dass die Ausgangs-,
respective secundären Oeffnungen für ebensoviele isolirte Stichwunden
gehalten werden können.