ergibt sich insbesondere aus dem Verhalten des Grundes derselben.
Während bei Schnitt- oder Hiebwunden die Wunde gegen den Grund zu
sich keilförmig vertieft und auf diesem Wege alle Gewebe gleichmässig
und in +einer+ Ebene durchtrennt, finden wir bei durch stumpfe
Werkzeuge veranlassten linearen Wunden in der Regel trotz scharfer und
geradliniger Beschaffenheit der Ränder eine unregelmässig gequetschte
Basis, und sind nicht selten, da die Wunde in der Regel durch Platzen
der Haut entsteht, im Stande, im Grunde resistentere Gewebstheile,
insbesondere Gefässe, nachzuweisen, welche von einer Seite der Wunde
zur anderen brückenförmig hinweg verlaufen, ein Befund, der für sich
allein genügt, die Entstehungsweise der Verletzung sicherzustellen
(Fig. 46). Ebenso kann der Umfang der der Wunde entsprechenden
Suffusion, der nach stumpfen Werkzeugen grösser auszufallen pflegt und
die etwaige nach mehreren Richtungen sich erstreckende Ablösung der
Wundränder von ihrer Unterlage zur Unterscheidung herangezogen werden.
Eine blos einseitige Ablösung des einen Wundrandes kann sowohl nach
stumpfen Werkzeugen als bei Hiebwunden vorkommen.
[Sidenote: Quetschwunden.]
Gerissene und gequetschte Wunden heilen selten durch erste Vereinigung,
ungleich häufiger auf dem Wege der Granulation und Narbenbildung.
Der Grad der Quetschung der getroffenen Theile, beziehungsweise die
darnach zurückgebliebene grössere oder geringere Lebensfähigkeit
derselben bedingt vorzugsweise den Verlauf, und für den Eintritt
sogenannter accidenteller Wundkrankheiten, wie langwieriger
Eiterungen, phlegmonöser Entzündungen, Erysipele, Eitersenkungen
etc. sind günstigere Bedingungen gegeben als sonst. Aus gleichem
Grunde hinterlassen derartige Verletzungen selten lineare, sondern
meist unregelmässige Narben, die desto grösseren Umfang besitzen,
je ausgedehnter die Abstossung der necrotischen Partien und die
consecutive Eiterung gewesen ist.
[Illustration: Fig. 46.
Lineare, fast scharfrandige Wunde am Hinterhaupt mit Gewebsbrücken in
der Tiefe, durch Sturz auf ebenem Boden entstanden. Gefunden bei einem
Manne mit Cor taurinum, welcher in einem Gasthause plötzlich todt
zusammengestürzt war. Nat. Gr.]
[Sidenote: Bisswunden.]
Eine besondere Art von Quetschungen bilden die +Bisswunden+. Dieselben
können sowohl durch Menschen, als durch Thiere veranlasst werden.
Erstere betreffen in der Regel vorspringende, mit den Zähnen leicht
fassbare Körpertheile, wie die Finger und die Nase. Abbeissen der
letzteren aus Eifersucht oder Rache kommt öfters zur Beobachtung.
In einzelnen Thälern Tirols ist das Abbeissen der Ohrmuschel bei
Raufereien üblich und kam uns während unseres Aufenthaltes in Innsbruck
dreimal zur Begutachtung. Die Ränder solcher Wunden, beziehungsweise
Abtrennungen kleinerer Körpertheile, sind vielfach sugillirt und lassen
nicht selten die Abdrücke der Zähne erkennen, welcher Befund die
Erkennung der Provenienz der Verletzung erleichtert.
Bisswunden durch Thiere können die verschiedensten Körpertheile
betreffen, und wenn sie von grösseren Thieren, z. B. grossen Hunden,
Pferden etc., herrühren, ungleich ausgedehntere Verletzungen
verursachen als die Bisse der Menschen. Ein schrecklicher Fall von
Zerfleischung eines 13jährigen Mädchens durch Hunde kam im Jahre
1878 zur gerichtlichen Obduction. Das Mädchen war, weil es sich
eines Vergehens wegen fürchtete nach Hause zu gehen, spät am Abend
über die Umzäunung eines Bauplatzes gestiegen, der von zwei grossen
Fleischerhunden und einem kleinen Bastardhunde bewacht wurde, und wurde
kurz darauf, nachdem wüthendes Hundegebell und Hilferuf gehört worden
waren, aus zahlreichen Wunden blutend und sterbend aufgefunden. Bei der
Obduction fand sich die ganze Kopfhaut vom Schädel abgerissen, die Haut
der rechten Halsgegend vielfach gequetscht und stellenweise inclusive
des rechten Kopfnickers und der rechten Vena jugularis externa
unregelmässig eingerissen, ebenso die Haut und die oberflächlichen
Muskeln am inneren oberen Theile des rechten Oberschenkels mit
Verletzung der Vena saphena. Ausserdem eine Unzahl von theils
unregelmässigen, theils rundlichen, stellenweise in bogenförmigen
Reihen stehenden Hautaufschürfungen und kleinen Trennungen der Haut,
die deutlich den Abdruck der Zähne erkennen liessen. Einzelne dieser
Wunden hatten eine rundliche Eingangsöffnung und setzten sich in
einen kurzen, nur die Haut durchdringenden, kegelförmig zulaufenden
Canal fort. Dieselben waren offenbar durch die kegelförmigen Eckzähne
der Hunde entstanden und sie boten insoferne ein Interesse, als sie
ursprünglich für Stichwunden gehalten worden waren.[218]
Bei durch Thiere veranlassten Bisswunden kommt ausser der Wunde als
solcher auch die Möglichkeit der Infection mit Wuthgift in Betracht.
Charakteristische Sectionsbefunde gibt es bei Lyssa nicht, doch
kann diese, wie zuerst +Pasteur+ angab, durch subdurale Impfung
trepanirter Thiere mit Medullatheilchen auf diese übertragen und so die
Diagnose sichergestellt werden. In unserem Institute wurde von diesem
werthvollen Hilfsmittel wiederholt und stets mit positivem Erfolge
Gebrauch gemacht. +A. Paltauf+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med.
1889, LI, 312) hat darüber berichtet, sowie über Versuche, die von ihm
mit Rücksicht auf die gegen die Beweiskraft solcher Impfungen erhobenen
Bedenken angestellt wurden.
_d) Erschütterungen wichtiger Nervencentren._
Von diesen kommt insbesondere die Hirnerschütterung, die Erschütterung
des Rückenmarkes und der Bauchgeflechte in Betracht. In eine
nähere Besprechung dieser gedenken wir erst bei der Behandlung der
Verletzungen der einzelnen Körpertheile einzugehen.
_e) Rupturen innerer Organe._
Berstungen innerer Organe können entweder durch directen Stoss oder
durch Contrecoup entstehen. Ihr Zustandekommen setzt in der Regel
eine grosse Gewalt voraus, und man findet sie daher am häufigsten
nach Sturz von bedeutender Höhe, bei Verschütteten und Ueberfahrenen,
bei Individuen, die zwischen die Stossballen von Eisenbahnwaggons
gerathen sind, und nach ähnlichen intensiven Gewalteinwirkungen.
Seltener genügen geringere Gewalten zur Erzeugung derselben, wie z. B.
Fusstritte, Kolbenstösse, Hinschleudern auf den Boden u. dergl. Uns
ist ein Fall bekannt, in dem ein Arzt eine tödtliche Ruptur der Niere
sich dadurch zuzog, dass er, im schnellen Gange begriffen, seiner
Kurzsichtigkeit wegen eine hölzerne Barrière übersah und gegen dieselbe
mit Heftigkeit anrannte.
[Sidenote: Rupturen innerer Organe.]
Vorzugsweise sind es parenchymatöse Organe, die Rupturen ausgesetzt
sind und unter diesen am meisten die Leber, sowohl ihrer Grösse und
Brüchigkeit, als ihrer weniger geschützten Lage wegen.[219] Nächst ihr
kommen die Milz und dann die Nieren, ferner die Lungen und das Herz,
seltener der Magen, die Gedärme oder die Blase, und am seltensten das
Gehirn. Fälle letzterer Art, d. h. Zerreissungen der Hirnsubstanz
bei intactem Schädel, haben +Cooper+, +Adams+, +Casper+-+Liman+
und +Zaaijer+ (Vierteljahrschr. f. gerichtl. Med. 1893, XI, pag.
239) beobachtet. Im letzteren Falle hatte die Ruptur eine Länge von
13·5 Cm. und ging sagittal durch den einen Linsenkern. Centrale
Rupturen des Gehirns bei Schädelbrüchen sind uns wiederholt begegnet.
Selbstverständlich ist für die grössere oder geringere Leichtigkeit der
Entstehung einer Ruptur unter sonst gleichen Verhältnissen auch die
individuelle Resistenzfähigkeit des betreffenden Organes von Einfluss.
Dies gilt insbesondere von der Milz, insoferne als das vergrösserte und
namentlich das acut geschwellte Organ ungleich leichter und schon nach
geringfügigeren Veranlassungen bersten kann, als die normale Milz.
Diese Thatsache ist namentlich in Fiebergegenden zu berücksichtigen.
+Pellereau+ (Annal. d’hyg. publ. 1882, Nr. 2, pag. 223), Polizeiarzt
in Port-Louis (Insel Mauritius), einer bekannten Fiebergegend,
hat von Anfang 1879 bis September 1881 13 Fälle von Milzruptur
beobachtet, von denen 8 zweifellos traumatischen Ursprungs.
Sämmtliche Fälle betrafen fieberkranke und mit weichen Milztumoren
behaftete Männer. In zweien dieser Fälle hatte ein Stoss mit der
Faust, in einem dritten ein Fusstritt die Ruptur bewirkt. In solchen
Fällen kann es, was forensisch sehr wichtig ist, auch zu +spontaner
Ruptur+ der Milz kommen. In 4 der Beobachtungen von +Pellereau+
handelte es sich zweifellos, in einer fünften wahrscheinlich um
eine Spontanruptur. Ueber analoge Vorkommnisse berichtet +Corre+
aus Guadeloupe (Arch. de l’anthrop. crim. 1889). Auch in unserem
Institute ist ein Fall von Spontanruptur der Milz zur Obduction
gekommen und von +Schlemmer+ (Allg. Wr. med. Ztg. 1878, Nr. 11
u. ff.) unter Anführung von sechs anderen Fällen aus der Literatur
beschrieben worden. Weitere Fälle vide Med. Centralbl. 1878, pag. 686
(+Markham+) und 1879, pag. 127 (+Sidney Stone+), sowie +Maschka+,
Allg. Wr. med. Ztg. 1877, pag. 348 (forensischer Fall, angebliche
Misshandlung; in der Milz multiple Angiome, wovon eines geborsten)
und +Schwing+ (Ueber Milztumoren während der Schwangerschaft und
Geburt. Centralbl. f. Gyn. 1880, Nr. 13). Beachtenswerth ist der
Umstand, dass Milzschwellungen auch bei Säuglingen, sogar bei
Neugeborenen vorkommen und gelegentlich sowohl zu spontanen, als
traumatischen Rupturen führen können. +Birch+-+Hirschfeld+ hat einen
und +Steffen+ (Jahrb. f. Kinderheilk. XVII, 1. Heft) zwei Fälle von
Ruptur der kindlichen Milz während des Geburtsactes beobachtet, und
wir haben zwei Säuglinge obducirt, bei welchen sich als Todesursache
innere Verblutung in Folge eines Kapselrisses der acut geschwellten
und sehr blutreichen Milz ergab, müssen jedoch ausdrücklich bemerken,
dass uns wiederholt Fälle vorkamen, wo, wie aus der flüssigen, leicht
abspülbaren Beschaffenheit des in der Bauchhöhle gefundenen Blutes
und aus dem Abgang von Verblutungserscheinungen geschlossen werden
musste, die mitunter ganz unscheinbare Ruptur der sehr zarten und
gespannten Kapsel offenbar erst postmortal entstanden war.
Bezüglich der Leber bestehen analoge, obgleich seltenere Erfahrungen.
+Chiari+ berichtet über eine Ruptur einer mit medullaren Knoten
durchsetzten Leber, die beim Umwenden im Bette entstanden war und
+Heinzelmann+ (Friedreich’s Bl. 1886, pag. 360) über einen ähnlichen
Fall im Verlaufe einer Pleuropneumonie und Pericarditis, wo die acute
parenchymatöse Degeneration das die Ruptur begünstigende Moment
gebildet hatte. Ebenso sah +Tamassia+ eine Ruptur einer verfetteten
und Ecchinococcusblasen enthaltenden Leber nach einem unbedeutenden
Stoss eintreten. Die Ruptur sass über einer Ecchinococcusblase.
[Sidenote: Verlauf der Rupturen innerer Organe.]
Rupturen des Herzens und der grossen Gefässe oder ausgedehnte Rupturen
der Lungen, der Leber und der Milz bewirken in der Regel sofortigen
Tod durch Verblutung. War die Blutung wegen geringerer Ausdehnung des
Risses oder wegen geringerer Bluthältigkeit des Organes nicht sofort
eine profuse, oder wurde dieselbe durch besondere locale Verhältnisse
verzögert, dann kann der Tod auch erst nach einiger Zeit durch innere
Verblutung oder durch secundäre Processe erfolgen. Auch ist es unter
Umständen möglich, dass selbst nach höhergradigen Rupturen innerer
Organe die betreffenden Individuen sich noch zu erheben und weiter zu
gehen vermögen.
So vermochte in einem von +Zühlin+[220] mitgetheilten Falle ein
Individuum, welches durch Auffallen eines Balkens eine Ruptur der
Milz und eine vollständige Zerreissung der linken Niere erlitten
hatte, sich noch zu erheben und 20 Schritte weit zu gehen und
starb erst nach 7½ Stunden, und wir haben einen 30jährigen
kräftigen Eisenbahnarbeiter obducirt, welcher, vom Waggon gegen
eine Wand gedrückt, sofort ohnmächtig zusammenstürzte, sich aber
nach Essigwaschungen wieder erholte, auf sein eigenes Verlangen
in’s Spital gebracht wurde und erst auf dem Transporte starb,
obwohl, wie die Obduction ergab, eine totale Zerreissung der Milz,
mehrfache Leberrupturen (wovon eine 11 Cm. lang und 1 Cm. tief),
vollständige Querruptur der rechten Niere und eine Fractur der linken
sechsten Rippe mit oberflächlicher Lungenverletzung bestand; ebenso
einen Kutscher, der einen Hufschlag in den Bauch und dadurch eine
fast vollständige Abreissung des linken vom rechten Leberlappen,
sowie eine hochgradige Nierenberstung erlitten hatte, aber noch
im Stande war, in den ersten Stock eines Hauses auf den Abort zu
gehen, wo er erst zusammensank. Endlich sahen wir einen Fall, wo
sogar eine Herzruptur erst nach 10 Stunden zum Tode führte. Der
Fall betraf einen 17jährigen Pferdewärter, welcher um 9 Uhr Morgens
einen Hufschlag auf die Brust erhielt und dadurch gegen eine Mauer
geschleudert worden war. Ein sofort herbeigeholter Arzt fand
den Burschen bewusst- und pulslos, cyanotisch, die Extremitäten
kalt, unwillkürlichen Kothabgang. Trotzdem erfolgte der Tod erst
um 7½ Uhr Abends. Die Obduction ergab zwei über bohnengrosse
Hautvertrocknungen am unteren Ende des Sternums, drei Querfinger
von einander entfernt und durch einen ½ Cm. breiten vertrockneten
Streifen mit einander verbunden. Im Herzbeutel eine grosse Menge
theils flüssigen, theils geronnenen Blutes. Das Herz contrahirt,
an seiner Unterfläche unmittelbar unter der Einmündung der Vena
cava ascendens eine über 1 Cm. lange, quere, schlitzförmige,
suffundirte Oeffnung in der Herzwand, welche mit dem rechten Vorhof
communicirt und gerissene Ränder besitzt. Wahrscheinlich war letztere
ursprünglich kleiner und wurde erst nachträglich durch das sich
vordrängende Blut erweitert, woraus die lange Agonie sich erklärt.
Oberflächliche Einrisse der drüsigen Organe können heilen. Namentlich
gilt dies von oberflächlichen Einrissen der Leber, insbesondere
jenen verhältnissmässig häufig vorkommenden, die nur das Peritoneum
betreffen. Wir haben bei einem Säufer, der an einer Hämorrhagie aus
einer pachymeningitischen Membran gestorben war, einen 8 Cm. langen
und blos auf 0·5 Cm. in die Tiefe dringenden Riss der Leber gefunden,
den sich der Betreffende zwei Tage vor seinem Tode durch einen Fall
von der Treppe zugezogen hatte. Der Riss war verklebt und zeigte
keine entzündlichen Reactionserscheinungen in seiner Umgebung, auch
war die aus demselben ausgetretene Blutmenge eine nur sehr geringe,
so dass aller Grund vorhanden war zur Annahme, dass, wenn die
Hirnhämorrhagie nicht eingetreten wäre, der Leberriss wahrscheinlich
geheilt haben würde. Auch +Klob+[221] hat über eine in Verheilung
begriffene, und zwar 6-8 Cm. tiefe Leberruptur berichtet. Zwei in
Heilung begriffene Milzrupturen bewahrt unser Museum. In beiden
Fällen handelte es sich um Sturz von bedeutender Höhe und in beiden
war der Tod durch Schädelfracturen eingetreten, in dem einen Falle
nach 10, im anderen nach 11 Tagen. Mitunter beobachtet man sowohl
nach Leber-, als nach Milzrupturen anämische Necrose mehr weniger
ansehnlicher Partien.
Von der Ruptur des Magens und der Gedärme werden wir bei den
Verletzungen des Unterleibes sprechen.
Beachtung verdient die Thatsache, dass selbst grossartige Quetschungen
der inneren Organe zur Ausbildung kommen können, ohne dass Spuren der
denselben zu Grunde liegenden Gewalt an den Hautdecken zurückbleiben
müssen.
Wir hatten häufig Gelegenheit, die Leichen Verschütteter, von Höhen
Herabgestürzter oder zwischen Puffern Erdrückter zu obduciren, bei
welchen sich keine Spur einer Aufschürfung oder Sugillation der
Haut bemerken liess, obgleich die innere Untersuchung vielfache
Berstungen innerer Organe, Brüche sämmtlicher Rippen etc. ergab.
Insbesondere ergab die Untersuchung eines 20jährigen Mädchens,
welches sich vom dritten Stockwerk auf das Strassenpflaster
herabgestürzt hatte und erst eine Stunde darnach gestorben war, blos
eine Anfangs nicht bemerkte thalergrosse, blau verfärbte Stelle in
der linken Schenkelgefässfalte, sonst aber nicht die geringste Spur
einer äusseren Verletzung. Trotzdem fanden sich Rupturen der linken
Lunge, der Milz und einer Niere, sowie ferner eine Fractur der
Lendenwirbelsäule und eine ausgebreitete Zertrümmerung des Beckens.
Die Abwesenheit äusserer Verletzungen hatte in diesem Falle Zweifel
erregt, ob der Tod wirklich durch Sturz erfolgt sei, weshalb auch die
Obduction veranlasst wurde.
[Sidenote: Resistenz der Haut.]
Derartige Befunde erklären sich aus der grösseren Resistenzfähigkeit
der Haut, die ein Zerdrücktwerden der Organe durch dieselbe ebenso
gestattet, wie wir z. B. einen in ein Tuch gewickelten Apfel ohne
Verletzung des Tuches zerdrücken und selbst mit einem nicht allzu
scharfen Messer zerschneiden können. Auch die in den meisten Fällen
sofort eintretende Verblutung mag die Entwicklung von Sugillationen im
Unterhautgewebe verhindern, da bei einer solchen Todesart zur Bildung
der Blutunterlaufungen sowohl die Zeit als das Material fehlt.
_f) Continuitätstrennungen und Lageveränderungen der Knochen._
Knochenfracturen und Luxationen sind eine häufige Folge der
Gewalteinwirkung stumpfer Werkzeuge. Bezüglich ihrer forensischen
Würdigung verweisen wir auf die Besprechung der Verletzung der
einzelnen Körpertheile, insbesondere auf die des Kopfes und der
Extremitäten.
_g) Zermalmungen und Abreissung ganzer Körpertheile._
In der Regel sind es ganz enorme Gewalten, die solches bewirken.
Wir beobachten sie nach Eisenbahnunglücksfällen, bei von Trains
Ueberfahrenen, bei Individuen, die in Maschinen gerathen sind,
u. dergl. Die grossartigsten Zerstörungen finden sich bei durch
Explosion von Pulverstampfen, Dynamitfabriken etc. Verunglückten, da
bei diesen die Zerreissungen des Körpers mitunter einen so hohen Grad
erreichen können, dass von diesem überhaupt nur noch unkenntliche
Reste aufgefunden werden, und dass es Mühe hält, die Identität solcher
Individuen sicherzustellen.[222] Doch bewährt sich auch gegenüber so
enormen Gewalten die grosse Resistenzfähigkeit der Haut in mitunter
ganz auffallender Weise.
In einem uns mitgetheilten Falle fand sich bei einem durch
Zusammenstoss von zwei Bahnzügen verunglückten Manne der ganze Kopf
zu einem flachen Kuchen zusammengedrückt, sämmtliche Knochen und
Weichtheile zu Brei zermalmt, die Kopf- und Gesichtshaut jedoch, bis
auf einige keineswegs ausgedehnte Einrisse, unverletzt. Wir hatten
wiederholt Gelegenheit, Individuen zu untersuchen, denen Bahnzüge
oder schwere Wägen gerade über den Hals gegangen waren. In einigen
dieser Fälle war der Kopf vollkommen vom Rumpfe getrennt worden, in
andern hatte sich jedoch die stellenweise aufgeschürfte Haut als
Ganzes erhalten und bildete einen schlaffen Sack, durch welchen der
Kopf mit dem Rumpfe in Verbindung stand, obwohl Wirbelknochen und
Weichtheile des Halses zu Brei zerquetscht waren.
Aus dieser grossen Widerstandsfähigkeit der Haut erklärt sich auch die
Seltenheit von isolirten Berstungen der Körperhöhlen nach Sturz von
einer Höhe, Verschüttetwerden und ähnlichen Gewalten.
Wir haben dieselben erst dreimal beobachtet, und zwar einmal
bei einem durch eine Erdmasse Verschütteten, bei welchem die
Bauchhaut ihrer ganzen Breite nach aufgeplatzt war und die Gedärme
sich vorgedrängt hatten, ein anderesmal bei einer geisteskranken
Frau, die sich vom dritten Stockwerke auf das Strassenpflaster
herabgestürzt hatte und offenbar senkrecht auf den Kopf gefallen
war. Letzterer fand sich in sagittaler und vollkommen medianer
Richtung so auffallend geborsten, dass der erste Eindruck ein
solcher war, wie wenn der Kopf durch einen Schwerthieb in zwei
seitliche Hälften gespalten worden wäre, umsomehr, als die mitten
durch Stirn, Nase und Oberlippe geborstene Gesichtshaut und ebenso
der vordere Theil der geborstenen Kopfhaut blos feingezackte Ränder
zeigten. Die Ränder des hinteren Theiles der Berstung waren vielfach
eingerissen, der Schädel in zahllose Stücke zertrümmert, und vom
Gehirne waren nur noch unbedeutende Reste vorhanden. Der dritte Fall
betraf eine Taglöhnerin, welche von einem 19 Klafter hohen Gerüste
herabgestürzt war. Es fand sich nebst Zertrümmerung des Schädels
und mehrfachen Fracturen der Extremitäten eine sagittale Berstung
der Haut von der Mitte der Lendenwirbelsäule bis zum After, aus
welcher das vielfach ecchymosirte und geborstene ganze Jejunum, ein
Theil der =S=-förmigen Schlinge, das der Länge nach gebrochene
Kreuzbein und -- der Uterus in Form eines mannskopfgrossen Klumpens
hervorragten. Auch in diesen Fällen ist es möglich, dass es sich
weniger um eigentliche Berstungen der allgemeinen Decken, sondern nur
um ein Einreissen derselben von Innen aus durch scharfe Knochenkanten
handelte.
2. Schnitt- und Hiebwunden.
Reine Schnittwunden charakterisiren sich durch ihren meist geradlinigen
Verlauf, durch scharfe, nicht gezackte Ränder, durch die meist
bedeutend die übrigen Dimensionen der Wunde übertreffende Länge und das
gegen die Tiefe keilförmig sich verschmälernde Querprofil der durch sie
veranlassten Gewebstrennung.
Der geradlinige Verlauf kann fehlen bei Schnittwunden, die über
gewölbte Körpertheile hinweggeführt wurden, die Beschaffenheit der
Wundränder aber kann modificirt werden durch die Beschaffenheit
des Werkzeuges. War z. B. das betreffende Messer stumpf oder gar
schartig, so können die Ränder einer damit erzeugten Wunde mehr weniger
gezackt, unter Umständen selbst eingerissen ausfallen. Eine gezackte
Beschaffenheit der Wundränder kann sich auch bilden, wenn der Schnitt
über Hautfalten schief hinweggegangen ist. Man erhält in diesem
Falle, wenn man die Falte wieder ausgleicht, eine Z-förmige Trennung
der Haut, die, wenn man die Ränder nicht zusammenfügt, respective
die entstandenen Zipfel nicht richtig zusammenlegt, zwei und selbst
drei Wunden vortäuschen kann, ein Verhalten, welches namentlich bei
Schnittwunden am Halse zu berücksichtigen sein wird. Auch kann bei
der Schnittführung das Faltenthal übersprungen werden, so dass durch
+einen+ Schnitt zwei, eventuell mehrere Wunden entstehen.
Wurde der Schnitt senkrecht auf die betreffende Stelle geführt, so sind
die inneren Flächen der Schnittwunde von gleichmässiger Beschaffenheit;
traf aber der Schnitt schief, dann erscheint der eine Wundrand
abgeschrägt, der andere zugeschärft und der zugeschärfte Wundrand
wird desto spitzwinkliger ausfallen, je schiefer der Schnitt geführt
worden ist; auch kann derselbe bei flacher Führung der Klinge einen
förmlichen Lappen bilden. Vorragende, insbesondere kleine Körpertheile,
wie z. B. Nase, Fingerglieder, können vollkommen abgeschnitten werden
und die Schnittwunde präsentirt dann eine mehr weniger ebene Fläche mit
scharfen Rändern.
Die Tiefe einer Schnittwunde wird ausser durch die bei der
Schnittführung angewandte Kraft und die Schärfe des Instrumentes
auch durch die gegebene Möglichkeit des Eindringens bedingt. Häufig
vereiteln Knochen ein tieferes Eindringen und ebenso nicht selten
am Halse, wo verhältnissmässig am häufigsten und die tiefsten
Schnittwunden vorkommen, der verknöcherte Kehlkopf. Grössere
Körperhöhlen eröffnende Schnittwunden sind selten, häufiger solche, die
in Gelenkshöhlen eingedrungen sind.
Der Grad, in welchem Schnittwunden klaffen, hängt von der
Retractibilität der betreffenden Hautpartie ab, beziehungsweise von der
Richtung der Fasern des Hautgewebes und von der Richtung, in welcher
diese getrennt wurden. So klaffen z. B. Schnittwunden der Kopfhaut
fast gar nicht, wohl aber, wenn sie auch die Galea durchtrennt haben.
Nicht unberücksichtigt darf gelassen werden, dass auch die gestreckte
oder gebeugte Stellung des verletzten Körpertheiles ein grösseres
oder geringeres Klaffen einer Schnittwunde bewirken kann. Dies gilt
insbesondere von Wunden des Vorderhalses und der Gelenksbeugen.