In anderen Fällen wieder kann der Abortus eintreten, indem die in

den Organismus der Mutter eingeführte Substanz ein Absterben der

Frucht bewirkt. Da die Ernährung und Respiration des Fötus vom

Mutterleibe aus erfolgt, so können alle toxischen Substanzen, welche

die Ernährungsverhältnisse der Schwangeren herabsetzen, auch den Tod

der Frucht bewirken. Solche für die Frucht fatale Ernährungsstörungen

können sowohl durch die acute Erkrankung gesetzt werden, die das Gift

herbeiführte, als noch mehr durch chronische Inanitionszustände,

die als Folgen der Intoxication zurückgeblieben sind. Weiter kann

die Frucht in Folge der durch vasomotorischen Krampf oder im

Gegentheil durch Gefässlähmung eintretenden Behinderung des fötalen

Gasaustausches zu Grunde gehen, und es hat insbesondere +M. Runge+

(„Ueber den Einfluss einiger Veränderungen des mütterlichen Blutes und

Kreislaufes auf den fötalen Organismus“. Arch. f. experim. Path. X,

324) gefunden, dass jede plötzliche und bedeutende Herabsetzung des

Blutdruckes des Mutterthieres ein tödtlicher Factor für die Frucht

ist, und dass auch eine protrahirte Narcose die Frucht zu tödten

vermag, ohne das Leben der Mutter zu gefährden, wenn durch dieselbe

der Blutdruck auf niedrige Werthe herabgesetzt wird. Daraus dürfte

die von verschiedenen Seiten constatirte Schädlichkeit grösserer

Morphiumdosen für die Frucht sich erklären, während anderseits

vorsichtig geleitete Chloroformnarcosen letztere nicht bedrohen und

auch Beobachtungen vorliegen, wo bei Kreissenden Chloralhydrat bis

zu 4 Grm. pro dosi gegeben wurde, ohne dass daraus ein Nachtheil für

das Kind entstanden wäre (+Müller+). Es kann jedoch das Absterben

der Frucht auch dadurch erfolgen, dass das von der Mutter genommene

Gift in die erstere übergeht und Vergiftung derselben herbeiführt.

Auf diese Möglichkeit wurde bereits von +Adonard+ und +Tardieu+

(l. c.) hingewiesen, und zahlreiche Versuche neuerer Autoren

(+Benicke+, +Zweifel+, +Gusserow+, +Fehling+, +Porak+, +Runge+ u. A.)

haben ausser Zweifel gestellt, dass in den mütterlichen Organismus

eingeführte lösliche Substanzen in die Frucht, beziehungsweise in

die Placenta übergehen können. Insbesondere ist dies von Chloroform,

Salicylsäure, Jodkalium, Ferrocyankalium, Bromkali und Benzoësäure

nachgewiesen. Doch scheinen im Allgemeinen nur verhältnissmässig kleine

Mengen in die Frucht überzugehen und einzelne Substanzen leichter als

andere. Bei Thierversuchen konnte +Walter+ (Med. Centralbl. 1881,

pag. 764) weder Strychnin, noch Morphium, Veratrin, Curare, Secale

cornutum im Fötus nachweisen. Die Diffusionsfähigkeit der Substanz

wird dabei eine wesentliche Rolle spielen, obgleich auch der Uebergang

corpusculärer Elemente (pathogener Mikroben, und nach +Pyle+ auch von

Ultramarin) von der Mutter in die Frucht constatirt worden ist. Ebenso

der Umstand, ob und in welchem Grade dieselbe etwa im Organismus der

Mutter zersetzt oder zurückgehalten wird. So ist es begreiflich, dass

Stoffe, denen eine grosse Affinität zu Eiweisskörpern zukommt, nicht

leicht in die Frucht übergehen können, ebenso auch nicht jene, die, wie

z. B. das Kohlenoxyd, durch das Hämoglobin gebunden werden.[187]

Auch der Umstand kommt in Betracht, ob der toxischen Substanz genügende

Zeit gegönnt war, um in die Frucht überzugehen. Es können demnach

solche Substanzen, die erwiesenermassen langsam aus dem Organismus

ausgeschieden werden, wie z. B. metallische Gifte, eher einen letalen

Einfluss auf die Frucht üben, als Stoffe, die, wie z. B. die Alkaloide

oder flüchtige Gifte, bekanntlich schnell eliminirt werden. Daraus

erklärt sich auch die Beobachtung +Gusserow+’s (Arch. f. Gyn. III,

241), dass er, während er bei acutem Verlaufe die in den Magen der

Mutter gebrachten Substanzen im Fötus nicht finden konnte, im Stande

war, bei schwangeren Frauen, denen er durch längere Zeit (14 Tage)

Jodkalium gegeben hatte, dasselbe im Fruchtwasser und im Harne der

Neugeborenen nachzuweisen.[188]

[Sidenote: Wirkung von Abortivmitteln auf die Frucht. Antisyph. Curen.]

Ob die Empfindlichkeit der Früchte gegen Giftstoffe eine

verhältnissmässig gleiche ist wie beim geborenen Menschen, ist

vorläufig nicht sichergestellt. Bisher war man der Meinung, dass

im Allgemeinen bei solchen Früchten, wie bei Kindern überhaupt,

eine relativ höhere Empfindlichkeit gegen Gifte bestehen dürfte,

neuere Beobachtungen scheinen eher für das Gegentheil zu sprechen.

Insbesondere hat +Gusserow+ (Arch. f. Gyn. XIII, pag. 66) gefunden,

dass, wenn er Thierföten innerhalb des Mutterleibes Strychnin

injicirte, dieselben niemals Strychninkrämpfe bekamen, wohl aber das

Mutterthier.

Eine weitere Ursache des Abortus nach Einverleibung toxischer

Substanzen kann in dem durch manche der letzteren hervorgerufenen

heftigen Erbrechen liegen. Wir haben schon erwähnt, dass Irritation

der Magen- und Darmschleimhaut reflectorische Uteruscontractionen

hervorzurufen vermag. Abgesehen von diesem Umstande kann aber auch der

durch das Erbrechen erzeugte mechanische Insult solches bewirken. So

wenig die Möglichkeit von sich gewiesen werden kann, so ist auch diese

nur mit Vorsicht aufzunehmen, da ja von sämmtlichen Geburtshelfern

als Indication zur Einleitung des Abortus oder der Frühgeburt auch

-- unstillbares Erbrechen der Schwangeren angeführt wird, und ein

neuerer Geburtshelfer[189] sogar das bei vielen Schwangeren auftretende

Erbrechen als einen von der Natur eingeleiteten heilsamen Act

bezeichnet und behauptet, dass Emetica drohenden Abortus verhüten.

[Sidenote: Innere Abortiva. Individuelle Disposition.]

Von dem Standpunkte der besprochenen Möglichkeiten werden die einzelnen

in der Praxis vorkommenden „Fruchtabtreibungsmittel“ zu beurtheilen

sein, doch ist niemals zu vergessen, dass auch die individuellen

Verhältnisse hierbei eine wesentliche Rolle spielen. Wer Gelegenheit

hatte, an Thieren das Verhalten des Uterus gegen diverse Reize zu

verfolgen, wird gefunden haben, dass nicht blos die Reizbarkeit des

Uterus bei verschiedenen Thieren eine verschiedene ist, z. B. bei

Kaninchen eine auffallend grössere als bei Hündinnen, sondern er

wird auch bemerken, dass bei einer und derselben Thierclasse die

Erregbarkeit des Uterus je nach dem Individuum vielfach wechselt, und

dass, während z. B, bei einzelnen schon schwache Reize Contractionen

hervorrufen, bei anderen viel stärkere nothwendig sind, um diese zu

bewirken, ja dass man nicht selten auf Thiere stösst, bei welchen

die Reize ganz ohne Effect bleiben. Bei unseren Versuchen glauben

wir bemerkt zu haben, dass im Allgemeinen junge Thiere viel prompter

reagiren als alte, und dass offenbar die Brunstzeit einen Einfluss in

dieser Beziehung äussert, indem sie die Erregbarkeit des Uterus erhöht.

Auch schwangere Gebärmütter der Thiere verhalten sich verschieden, denn

während in einzelnen Fällen lebhafte peristaltische Bewegungen der

Uterushörner zu beobachten sind, fehlen dieselben in anderen gänzlich

oder treten nur schwach in die Erscheinung.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass auch beim menschlichen Weibe

ähnliche Differenzen der Reizbarkeit des Uterus im nicht schwangeren

sowohl als besonders im schwangeren Zustande bestehen werden. So ist

es bekannt, dass bei manchen Schwangeren schon geringe Veranlassungen

genügen, um Abortus herbeizuführen, und in den meisten dieser Fälle

lässt sich auch eine anderweitig erhöhtere Reizbarkeit (Nervosität,

Hysterie) constatiren, auf deren eventuelles Vorhandensein jedenfalls

zu reagiren sein wird. Sehr wohl ist es auch denkbar, dass in den

einzelnen Perioden der Schwangerschaft die Reizbarkeit des Uterus

sich verschieden verhält, und dass insbesondere, wie +Elsässer+, +Wald+

u. A. bemerkt haben wollen, zu jener Zeit eine erhöhtere Irritabilität

der Gebärmutter besteht, in welcher die Wiederkehr der Menstruation zu

erwarten gewesen wäre.[190]

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen übergehen wir zu einer kurzen

Besprechung derjenigen Mittel, welche erfahrungsgemäss als

Fruchtabtreibungsmittel im Rufe stehen und thatsächlich zu diesem

Zwecke in Anwendung gezogen werden.

[Sidenote: Secale cornutum. Pilocarpin.]

Wir nennen zuerst das +Secale cornutum+ und seine Präparate. Das

Mutterkorn ist der durch einen Pilz (Claviceps purpurea Tul.)

verbildete Fruchtknoten des Roggens, dessen äussere Eigenschaften als

bekannt vorausgesetzt werden können. Die Giftigkeit des Mutterkornes

unterliegt keinem Zweifel. Sie ist bei der frischen Drogue eine

stärkere, als nach längerem Liegen derselben, tritt jedoch auch

im ersteren Falle erst nach grösseren Dosen auf. In solchen von

mehr als 8 Grm. (+Husemann+) tritt Ekel, Erbrechen, Trockenheit im

Halse ein, ferner Eingenommenheit des Kopfes, Erweiterung (seltener

Verengerung) der Pupille, Magen- und Darmschmerzen, Verlangsamung

des Pulses, endlich Delirien, Betäubung, comatöser Zustand, der in

den Tod übergehen kann. Kleinere Gaben von 1·0 Grm. bewirkten nach

+Schroff+ sen. blos Uebelkeit, Aufstossen, ein Gefühl von Völle im

Magen, das sich später in wirklichen Schmerz verwandelt, Verminderung

des Appetits, Trockensein der Zunge, welche letzteren Erscheinungen bis

zum andern Tage anhielten. Auf den Puls wirkte die Gabe nicht. Heftiger

wirkt das Extract des Mutterkorns, das +Ergotin+, von welchem schon

0·2-0·5 Grm. Bauchschmerzen, Eingenommenheit des Kopfes, Erweiterung

der Pupille und constantes Sinken des Pulses um 12-18 Schläge

veranlassen (+Schroff+).

[Sidenote: Wirkung des Mutterkorns.]

Ueber das im Mutterkorn, beziehungsweise im Ergotin, eigentlich

wirksame Princip existiren zahlreiche Arbeiten, so von +Wenzell+,

+Buchheim+, +Draggendorff+ und +Podwissotzky+, +Kobert+, +Lazarsky+

u. A. +Kobert+ (Arch. f. experim. Path. u. Pharm. XVIII, 317) fand

bei seinen ausgebreiteten Versuchen drei wirksame Principien im

Mutterkorn, die Ergotinsäure, die Sphacelinsäure und das Cornutin.

Erstere hat keine ekbolische, aber eine centrallähmende Wirkung,

die Sphacelinsäure ist das eigentliche Ekbolicum, da sie tetanische

Contractionen des Uterus veranlasst. Auch bewirkt sie periphere

Gangrän (Ergotismus gangraenosus). Das Cornutin bewirkt wellenförmige

Bewegungen des Uterus. Von dem Gehalte der Extracte des Mutterkorns

an den zwei letztgenannten Stoffen hängt die Intensität der Wirkung

ab. Sie ist am grössten bei aus frischem Mutterkorn dargestellten

Präparaten, da sowohl das Cornutin als die Sphacelinsäure im älteren

Mutterkorn, und zwar auch im entölten, schwinden.

Eine contractionserregende Wirkung auf den Uterus kommt also dem

Mutterkorn thatsächlich zu, und es ist bekannt, dass dasselbe,

insbesondere in der Form des Ergotins, von den Geburtshelfern als

wehenbeförderndes Mittel angewendet wird, wenn der Geburtsact bereits

von selbst in Gang gekommen ist. Aber auch zur Einleitung der

künstlichen Frühgeburt bei geburtshilflicher Indication wurde das

Mittel versucht. +Ramsbotham+ und +Krause+ (+Lex+, l. c. 227) haben

vorzugsweise damit experimentirt. Ersterer gab Secale cornutum bis

zu 1½ Unzen, und es gelang ihm, Frühgeburt zu erzielen, will aber

gefunden haben, dass viel mehr Kinder todt zur Welt kamen als nach

Eihautstich; Letzterer führt 80 Fälle an, in denen +Ramsbotham+’s

Methode zur Einleitung der Frühgeburt in Anwendung gezogen wurde. In

62 Fällen wurden dadurch Wehen erregt, 18mal blieb sie erfolglos; 37

Kinder lebten, 3 Mütter starben. Die Dauer der Geburt betrug 1 bis 12

Tage.

Ueber die Ursache dieser Wirkung ist wenig Positives bekannt.

+Wernich+[191] sucht dieselbe in einer durch das Ergotin bewirkten

Verengerung der Gefässe und der dadurch theils im Uterus, theils

im Gehirn und Rückenmark erzeugten Blutarmuth, welche ihrerseits

die cerebrospinalen, beziehungsweise die parenchymatösen Centren

für die Uterusbewegung in Erregung versetzt, eine Erklärung, die

plausibel erscheint, da Pulsverlangsamung als ein constantes Symptom

der Ergotinwirkung angegeben wird und die therapeutischen Erfolge

des Ergotins bei Blutungen ebenfalls mit Contraction der Gefässe

in Verbindung gebracht werden. Andere Beobachter haben jedoch eine

auffallende Gefässverengerung nach der Application von Ergotin nicht

beobachten können und betonen im Gegentheil eine lähmende Einwirkung

desselben auf das Rückenmark. (+Zweifel+, Arch. f. experim. Path.

und Pharm. 1875, IV, 387.)

Jedenfalls geht aus den bisherigen Beobachtungen an Schwangeren und

aus den an Thieren gemachten Experimenten hervor, dass die Wirkung des

Mutterkorns auf den Uterus keineswegs als eine sichere und regelmässige

bezeichnet werden kann. Namentlich kann dies von kleinen Gaben nicht

behauptet werden, während grössere Gaben allerdings Abortus bewirken

können, aber gleichzeitig auch heftige Vergiftungserscheinungen

erzeugen, so dass der Abortus schon durch letztere erklärt wird,

ohne dass man eine specifische Wirkung des Ergotins auf den Uterus

anzunehmen braucht.[192]

Damit stimmen auch die Beobachtungen überein, die bei thatsächlicher

Fruchtabtreibung mit Secale cornutum gemacht wurden, welche

merkwürdiger Weise, trotz der leichten Zugänglichkeit des Mittels

und trotz seiner so häufigen und daher bekannten Anwendung in der

Geburtshilfe, doch nur ganz ausnahmsweise vorgekommen sind.

[Sidenote: Fruchtabtreibung durch Mutterkorn.]

+Tardieu+ (Annal. d’hygiène publ. 1885, Vol. I, pag. 404) berichtet

über eine 24jährige Frauensperson, welche im vierten Monate ihrer

Schwangerschaft abortirte, nachdem sie Mutterkorn in Pulverform

genommen hatte. Sie starb an Peritonitis nach 24 Stunden. Fragmente

von Mutterkorn wurden im unteren Theile der Gedärme gefunden.

Ein ähnlicher, jedoch sorgfältig beschriebener, von +Richter+

mitgetheilter Fall findet sich in der Vierteljahrschr. f. gerichtl.

Med. 1861, XX, 177.[193] Ein 22jähriges kräftiges, im sechsten

bis siebenten Monate schwangeres Mädchen hatte eine auf 4-8 Loth

geschätzte Menge von Mutterkorn genommen. Sie war darauf sofort

unter wiederholtem Erbrechen und heftigem Durst erkrankt, welche

Erscheinungen bereits 2 Tage gedauert hatten, als der Arzt gerufen

wurde. Derselbe fand das Bewusstsein ungetrübt, das Gesicht blass,

grosse Unruhe, raschen Puls, Klagen über unlöschbaren Durst,

Schmerzen im Magen und im ganzen Unterleibe, Harnverhaltung. Die

Geburt hatte bereits begonnen und nach wenigen Augenblicken wurde

eine kürzlich abgestorbene Frucht geboren. Enorme Blutung, die

unter fortdauerndem Erbrechen nach einer Viertelstunde den Tod

herbeiführte. Die Obduction ergab hochgradige Anämie; unscheinbare

Injectionen im Magen; hämorrhagische Erosionen an der grossen

Curvatur und am Fundus, chocoladefarbigen Mageninhalt und streifige

Röthung der Speiseröhre. Mikroskopisch und chemisch wurde das

Gift nicht mit voller Bestimmtheit nachgewiesen. -- +Taylor+

(l. c. II, 193) berichtet aus dem Jahre 1864 über ein Weib, welches,

offenbar in der Absicht, die Frucht abzutreiben, durch 11 Wochen

(!) täglich dreimal einen Theelöffel von Ergotintinctur genommen

hatte. Sie starb in der elften Woche, ohne dass Abortus eingetreten

wäre. Ueber die Erscheinungen während des Lebens wird nichts

mitgetheilt. Bei der Section wurden „entzündliche Flecken“ an der

Magenschleimhaut constatirt und ein dreimonatlicher Embryo im

Uterus gefunden. -- Einen weiteren Fall hat +Otto+ (Memorabilien.

1870, Nr. 2, Virchow’s Jahresb. I, 438) publicirt. Eine Magd war

nach mehrmaligem Erbrechen, über Unterleibsschmerzen klagend, unter

geringem Blutverlust von einem 5 Zoll langen Embryo entbunden

worden. Sehr bald (?) starb sie bewusstlos. Im Magen fand man eine

2 Zoll lange braunrothe Stelle, die hintere Seite des Magens am

Cardialtheil stark injicirt. In demselben eine graue Flüssigkeit,

in welcher zahlreiche kleine missfärbige, klumpige Partikelchen

schwammen, welche durch chemische und mikroskopische Untersuchung

„mit grösster Wahrscheinlichkeit“ als durch den Verdauungsprocess

verändertes Mutterkornpulver erkannt wurden. Im Uterus fand sich

noch der faustgrosse Mutterkuchen. -- +Davidson+ (Ibid. 1883, I,

528) obducirte ein Mädchen, welches eingestandenermassen einige

Tage vor ihrem Tode zwei Hände voll Mutterkorn genommen hatte.

Die klinischen Erscheinungen und der Obductionsbefund waren

ähnlich denen bei einer subacuten Phosphorvergiftung. Der Uterus

enthielt einen fünfmonatlichen Embryo. -- Merkwürdig ist ein von

+Pouchet+ (Annal. d’hygiène publ. 1886, pag. 253) mitgetheilter

Fall, betreffend eine Person, die im Verlauf von 8 Jahren sechsmal

abortirte, nachdem sie einen von ihrem Schwängerer bereiteten Trank,

nach Allem einen Absud von Mutterkorn, getrunken hatte. Sie musste

den Trank mehrmals nehmen, worauf Kolikschmerzen, Schmerzen in

den Nieren, Schwindel, Schwäche der Extremitäten und einige Tage

darauf Metrorrhagien und Abortus eintraten. Zwei Monate (sic) nach

dem letzten Abortus wurde die Person von allgemeinem Unwohlsein,

Schwäche und Schmerzen in den Extremitäten befallen, an letzteren

traten +gangränös+ sich ausbreitende +Flecke+ auf und nach etwa vier

Monaten erfolgte unter grosser Prostration der Tod. Die Obduction

ergab nur ödematöse Infiltration der Bauchhaut und Hautgangrän an

den Extremitäten. Morbus Brightii und Diabetes waren ausgeschlossen.

In den Eingeweiden konnte +Pouchet+ chemisch und spectroskopisch

Ergotin nachweisen. Er erörtert, dass eine chronische Vergiftung

mit Mutterkorn stattgefunden, dass die Bestandtheile des letzteren

sich im Körper angesammelt (sich accumulirt) und schliesslich zur

Hautgangrän geführt haben, wie dies auch bei ökonomischen chronischen

Vergiftungen mit Mutterkorn als gangränöse Form der Kriebelkrankheit

beobachtet worden ist.

[Illustration: Fig. 39.

Mikroskopische Schnitte von Secale cornutum. _A_ mit fetthältigen

Zellen, _B_ nach Behandlung mit Aether.]

[Sidenote: Mutterkorn mikroskopisch und chemisch.]

Für die Erkennung der Mutterkornpartikel im Erbrochenen oder im

Magen und Darmcanal einer Leiche müsste zunächst die mikroskopische

Untersuchung herangezogen werden. Das Gewebe des Mutterkorns ist,

wenn es nicht durch Quellung oder Verdauung zu sehr verändert wurde,

sehr charakteristisch. Es besteht (Fig. 39) aus polygonalen, sehr

enge und ausserordentlich innig mit einander verbundenen Zellen,

welche als Inhalt ein farbloses Fett führen, weshalb die Structur des

Gewebes besonders deutlich hervortritt, wenn man dasselbe mit Aether

u. dergl. extrahirt. In den Zellen der äussersten Gewebsschichte

findet sich überdies ein violetter Farbstoff, der die bekannte

schwarzviolette Farbe der Oberfläche des Mutterkornes bedingt. Dieser

Farbstoff, den +Draggendorff+ (l. c.) Sclererythrin nennt, lässt

sich durch Alkohol ausziehen, welcher durch Zusatz von Schwefelsäure

sofort sich roth färbt (+Jakobi+ und +Böttcher+). Nach +Draggendorff+

gewinnt die Reaction an Schärfe, wenn man die Substanz mit

säurehältigem Alkohol auszieht, mit Wasser mengt, mit Aether

ausschüttelt, den Aether verdunstet und mit dem Rückstande die

Reaction mit Schwefelsäure (rothe Lösung) und Kalilauge (violette

Lösung) vornimmt. Die saure Lösung gibt vor dem Spectralapparat zwei

blasse und schmale Absorptionsbänder in Grün und eines in Blau, die

alkalische zwei eben solche, nahe bei einander stehende in Grün. Eine

weitere Reaction besteht darin, dass man die betreffende Substanz

mit kalter Kalilauge behandelt. Es entwickelt sich, wenn Mutterkorn

vorliegt, Trimethylamin, welches an seinem eigenthümlichen Geruche nach

Häringslake erkannt werden kann. Der Geruch tritt deutlicher hervor,

wenn man, nachdem die Substanz in einer Eprouvette mit Kalilauge

übergossen wurde, erstere mit einem Pfropfe verschliesst und erst nach

einigen Minuten öffnet.

[Sidenote: Sabina.]

Der +Sadebaum+, +Juniperus sabina+ Linn., steht seit den ältesten

Zeiten in dem Rufe eines Abortivum und ist als solches thatsächlich in

Anwendung gezogen worden. Das wirksame Princip ist ein ätherisches Oel

(Ol. sabinae), welches sich in einer „Oeldrüse“ am Rücken der feinen

Nadeln dieser Wachholderart befindet. Die flüchtige Beschaffenheit

dieses Oels bringt es mit sich, dass besonders die frischen Zweige

eine heftige Wirkung äussern, während sie in dem Grade abnimmt, je

mehr dieselben eintrocknen, so dass schliesslich ganz trockenen und

geruchlos gewordenen Zweigen keine Wirkung mehr zukommt. Das Ol.

sabinae ist zu 1 bis 3 Procent in den frischen Zweigen enthalten und

gehört, wie die meisten ätherischen Oele, zu den local irritirenden

Giften, erzeugt daher vorzugsweise die Symptome der Gastroenteritis

toxica (die Sabinazweige rufen nach +Schroff+ schon auf der Haut

Entzündung und Eiterung hervor) mit mehr weniger ausgesprochener

Nebenwirkung auf das Gehirn und Rückenmark. Die Dosis toxica für

den Menschen ist nicht genau bekannt; bezüglich der Thiere wird von

+Husemann+ (l. c. 417) angegeben, dass 8·5 bis 17 Grm. des Oels

Kaninchen in sechs Stunden und etwa 17·5 Grm. des Pulvers einen Hund

getödtet haben. Jedenfalls scheint die Wirkung auch auf den Menschen

eine sehr heftige zu sein, da fast alle bisher bekannten Fälle, in

denen Sabina, insbesondere die Abkochung der frischen Zweige, zu

Abortivzwecken genommen wurde, letal verliefen. Von den Wirkungen

auf das Urogenitalsystem kann jene auf die Nieren als constatirt

angesehen werden, da bei Thieren Hämaturie und Abgang von nach

Sabina riechendem Harn in der Regel beobachtet wurde, ohne dass man

jedoch die Wirkung als eine specifische bezeichnen könnte. Für die

gewöhnlich angenommene specifisch abortive Wirkung ist noch von keiner

Seite ein Beweis beigebracht worden, doch ist es bei den heftigen

Irritationserscheinungen, die im Unterleibe nach dem Genusse grösserer

Gaben von Sabina auftreten, wohl begreiflich, wenn als Folge dieser

Abortus sich einstellt. Auch hebt +Röhrig+ (l. c.) unter den von ihm

geprüften Substanzen insbesondere das Ol. sabinae als eine solche

hervor, die durch directe Reizung der Centren Uteruscontractionen zu

bewirken vermag.

In einem von +Taylor+ (l. c. 187) beobachteten Falle hatte eine im

siebenten Monate schwangere Person drei Tage grüne Massen erbrochen,

die man Anfangs für Galle hielt. Am vierten Tage wurde sie von einem

+lebenden+ Kinde entbunden, welches bald darauf starb. Die Mutter

selbst starb zwei Tage nach der Entbindung. Bei der Section fand sich

Röthung und Ekchymosirung des Schlundes und eine starke umschriebene

Entzündungsröthe im Magengrunde, jedoch keine Erosionen. Der Magen

enthielt eine grünliche Flüssigkeit, in welcher Partikelchen von

Sabina sowohl durch den Geruch, als unter dem Mikroskop erkannt

wurden. Ferner fand sich starke Röthung der Dünndarmschleimhaut und

beginnende Entzündung des Peritoneums und der Nieren. Die Menge der

genommenen Sabina konnte nicht sichergestellt werden.

In einem zweiten nach +Newth+ erzählten Falle wurde die im siebenten

Monate Schwangere acht Stunden, nachdem sie Sabina genommen hatte,

vollkommen bewusstlos und stertorös athmend gefunden, nachdem sie

zuvor wiederholt heftig gebrochen hatte. Sie starb vier Stunden nach

der alsbald erfolgten Entbindung. Der Magen enthielt eine braungrüne,

säuerliche Flüssigkeit, aus welcher Ol. sabinae dargestellt wurde.

Die Schleimhaut war blässer als gewöhnlich und nur an zwei Stellen

unscheinbar ekchymosirt.

In einem dritten von +Tidy+ beobachteten Falle war nach der

Einverleibung des Giftes Trismus und Tetanus eingetreten, so dass,

als die Person einige Stunden darauf starb, an Strychnin gedacht

wurde. Es wurde jedoch im Magen nicht dieses, sondern eine grosse

Menge Sabina nachgewiesen, ebenso in einer Flasche, aus welcher die

Betreffende den grössten Theil ausgetrunken hatte. Bezüglich des

übrigen Sectionsbefundes wird nichts angegeben. Die Frucht war nicht

abgegangen.

Diese Fälle sind deshalb instructiv, als sie die letale Wirkung

grösserer Dosen von Sabina demonstriren, aber namentlich insoferne,

als sie auch zeigen, wie verschieden die Symptome sein können, welche

in Folge einer solchen Vergiftung noch während des Lebens sich

einstellen. Während nämlich im ersten Falle fast ausschliesslich

Symptome der Gastroenteritis toxica auftraten, wurde im zweiten Falle

ausgesprochene Narcose und im dritten wieder Trismus und Tetanus

beobachtet.

+Letheby+ (+Lex+, l. c. 238) sah eine 21jährige Schwangere vier bis

fünf Stunden nach dem Genusse von Sabina unter heftigen Leibschmerzen

und Convulsionen abortiren und gleich darauf sterben. Sabina wurde im

Mageninhalt nachgewiesen.

Dagegen erwähnt +Fodéré+ eines Falles, in welchem, nachdem eine

„starke Dosis“ von Sabinazweigen mit Wein genommen worden war, nur

vorübergehende Symptome der Magenreizung auftraten, die in Genesung

übergingen, ohne dass die Schwangerschaft eine Unterbrechung erlitten

hätte. +Tardieu+ hat Gleiches beobachtet bei einer Schwangeren, die

durch mehrere Tage 10 bis 14 Tropfen „Essence de Sabine“ genommen

hatte. In einem von +Maschka+ (Gutachten, III, 236) mitgetheilten

Falle waren keine Erscheinungen aufgetreten, trotzdem an zwei

aufeinanderfolgenden Tagen eine Abkochung von Sabina genommen worden

war.

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 26 / 132 段