Ein Hauptaugenmerk ist in Fällen, in denen dies noch möglich ist, auf

jene Dinge zu richten, die durch den angeblichen Abortus abgegangen

sind, und es ist, wenn ein derartiger Fall frisch zur Kenntniss des

Gerichtes gelangt, jedesmal die nächste Aufgabe des Gerichtsarztes, in

dieser Richtung Nachforschungen anzustellen, beziehungsweise anzuregen

und sich der betreffenden Objecte zu versichern. Es bezieht sich dies

weniger auf ältere Früchte, die als solche auch für den Laien leicht

kennbar und unter günstigen Umständen auch leichter auffindbar sind,

als vielmehr auf die Abgänge, die bei einem in den ersten Monaten einer

Schwangerschaft eingetretenen Abortus zu erfolgen pflegen und die als

Blutgerinnsel betrachtet und beseitigt werden, während das kundige Auge

des Arztes in diesen mitunter das abgegangene Ei oder Theile desselben

nachweisen und damit die Diagnose des Abortus ausser Zweifel zu stellen

im Stande ist.

Es empfiehlt sich, zu diesem Zwecke die betreffenden Gerinnsel unter

Wasser zu untersuchen und durch fleissiges Erneuern desselben das

anhängende Blut abzuspülen. Es kann bei dieser Untersuchung gelingen,

das ganze Ei nachzuweisen, welches in den ersten zwei bis drei Monaten

in toto abgehen kann, während in der späteren Zeit in der Regel die

Eihüllen zerreissen und zuerst die Frucht und dann die Nachgeburt

ausgestossen wird.

In einem solchen Falle und ebenso, wenn nur die Frucht allein gefunden

wird, ist natürlich die Diagnose klargestellt; nicht so einfach ist

die Sache, wenn blos membranöse Gebilde gefunden werden, welche

nicht ohneweiters als Eihüllen gedeutet werden dürfen, da ähnliche

häutige Gebilde auch ohne Gravidität im Uterus entstehen und durch

Contractionen des Uterus und unter mehr weniger heftigen Blutungen

ausgestossen werden können.

[Sidenote: Decidua menstrualis.]

Wir meinen insbesondere jene häutigen Ausscheidungen, welche bei der

sogenannten Dysmenorrhoea membranacea ausgestossen werden.[170] Es

sind dies Membranen, deren Natur noch nicht vollkommen aufgeklärt

ist. Während Einzelne die Erscheinung blos als eine Steigerung der

bei jeder Menstruation, aber nur partikelweise erfolgenden Abstossung

der fettig degenerirten obersten Schichten der Uterusschleimhaut

auffassen (+Schröder+[171]) und in solchen Membranen ein Analogon der

nach der Conception sich bildenden Decidua sehen, sie als Decidua

menstrualis bezeichnend, betonen wieder Andere den mehr entzündlichen

Charakter solcher Membranen, indem sie für den ganzen Process die

Bezeichnung „Endometritis exfoliativa“ in Vorschlag bringen (+Beigel+).

Derartige Membranen können in toto ausgestossen werden und dann ein in

den ersten Monaten einer Schwangerschaft abgegangenes Ei vortäuschen,

umsomehr, als sie ebenso wie letzteres die Form der Uterushöhle und

gewissermassen einen Ausguss derselben darstellen. In anderen Fällen

gehen solche Membranen stückweise ab und können dann wieder für

Stücke von Eihäuten gehalten werden, eine Täuschung, die umso näher

liegt, als derartige Bildungen unter starker Blutung und wehenartigen

Schmerzen vom Uterus entleert werden und ihrer Bildung in der Regel

Menstruationsstörungen vorhergehen.

[Sidenote: Dysmenorrhoea membranacea.]

Im Allgemeinen ist zwischen der Structur einer solchen Decidua

menstrualis und einer Decidua vera kein wesentlicher Unterschied;

dieselbe kann demnach auch nicht für sich allein die Diagnose

ergeben, ob die betreffende Membran einer Schwangerschaft oder blos

einer Dysmenorrhoea membranacea ihre Entstehung verdankt. Auch

der Umstand, dass sich eine solche Membran in Schichten trennen

lässt, beweist für sich allein nicht, dass Eihüllen vorliegen, da

eine geschichtete Beschaffenheit auch bei der Decidua menstrualis

beobachtet wurde; wohl werden wir aber dann in der Lage sein, die

betreffenden Membranen als Eihäute zu erklären, wenn wir im Stande

sind, Amnion und Chorion zu unterscheiden, wozu in der Regel eine

genaue makroskopische Besichtigung genügt, die eventuell durch

mikroskopische Untersuchung ergänzt werden kann. In den späteren

Wochen sind die Eihäute bereits so ausgedehnt und differenzirt, dass

eine Verwechslung nicht wohl geschehen kann, umsoweniger, als zu

dieser Zeit bereits die Placenta sich bildet und auch die von ihr

abgehende Nabelschnur unterschieden werden kann.

[Illustration: Fig. 38.

Ei aus der ersten Zeit des 2. Monates.

_A_ Amnion. _Ch_ Chorion. _N_ Nabelbläschen.]

Ist es gelungen, die Frucht oder ihre Anhänge oder das ganze

Ei aufzufinden, dann handelt es sich um die Bestimmung der

Schwangerschafts-Periode, aus welcher sie stammen. Zum Zwecke einer

solchen Bestimmung geben wir folgende Anhaltspunkte[172]:

[Sidenote: Frucht im ersten bis dritten Monat.]

+Erster Monat+: Am Ende dieses Monats ist das ganze Ei etwa

taubeneigross, 1·7-2 Cm. lang, das Chorion an seiner ganzen

Oberfläche gleichmässig zottig. Der Embryo 1 Cm. lang, durch eine

sehr kurze Nabelschnur mit dem Chorion verbunden, stark gekrümmt.

Nase und Mund bilden eine Höhle. Am Halse jederseits 4 Kiemenspalten

zu erkennen. Bauchspalte und Nabelblase noch vorhanden, obzwar

bereits in der Rückbildung begriffen. Die Extremitäten als Stummeln

angedeutet.

+Zweiter Monat+: Dass Ei erreicht die Grösse eines Hühnereies. Der

Embryo ist 2·5-3 Cm. lang und fast 4 Grm. schwer. Er ist nicht

mehr gekrümmt; Mund und Nasenhöhle getrennt, die Kiemenspalten

geschlossen, ebenso die Bauchspalte. Nabelbläschen nicht mehr

vorhanden. Die Extremitäten entwickelt, die Finger und Zehen jedoch

noch nicht geschieden. Der Nabelstrang länger. Die Ossification

beginnt im Unterkiefer, in den Schlüsselbeinen, an den Rippen und an

den Wirbelkörpern.

+Dritter Monat+: Das Ei ist gänseeigross. Die Placenta bereits

entwickelt. Die Frucht 7-9 Cm. lang und 5-20 Grm. schwer, Finger

und Zehen getrennt, Geschlecht beginnt sich zu differenziren.

Ossification findet sich auch in den Schädelknochen und in den

Diaphysen der Extremitäten. Das Durchschnittsgewicht der Placenta

beträgt 36 Grm. Die Durchschnittslänge der Nabelschnur 7 Cm.

[Sidenote: Ei und Frucht im vierten bis siebenten Monat.]

+Vierter Monat+: Die Frucht ist 10-17 Cm. lang und bis 120

Grm. schwer. Das Geschlecht deutlich zu unterscheiden. Haare

beginnen sich zu zeigen und die Nägel sind bereits zu erkennen.

Das durchschnittliche Gewicht der Placenta beträgt 80 Grm., die

durchschnittliche Länge der Nabelschnur 19 Cm.

+Fünfter Monat+: Die Frucht misst 18-27 Cm. und wiegt 225-320

(durchschnittlich 284) Grm. Kopf- und Wollhaare deutlich. Die Haut

ist noch hellroth und dünn, das Meconium erscheint bereits gallig

gefärbt. Das durchschnittliche Gewicht der Placenta stellt sich auf

178 Grm., die Länge der Nabelschnur auf 31 Cm. Die Insertionsstelle

der letzteren, die noch im vorigen Monate nahe der Symphyse lag,

beginnt sich von letzterer zu entfernen.

+Sechster Monat+: Die Länge der Frucht beträgt zwischen 28-34 Cm.,

das Gewicht durchschnittlich 634 Grm. Der Kopf im Verhältniss zum

Rumpfe noch gross, doch nicht mehr so auffallend wie in den früheren

Monaten. Die Haut wird dicker und der Fettpolster beginnt sich

zu entwickeln. Kopfhaare deutlicher, die Wollhaare bereits einen

starken Flaum bildend. Käsige Schmiere tritt auf. Hoden noch in

der Bauchhöhle. Die grossen Schamlippen noch wenig entwickelt, die

kleinen und die Clitoris zwischen ihnen hervorragend. Das Gehirn

zeigt bereits die Urwindungen. Pupille noch durch die Pupillarmembran

verschlossen. Die Lösung der Lidnaht gegen das Ende des Monats in der

Regel vollendet. Gewicht der Placenta durchschnittlich 273 Grm. Länge

der von der Symphyse noch weiter entfernten Nabelschnur im Mittel 37

Cm.

+Siebenter Monat+: Fruchtlänge 35-38 Cm., das mittlere Gewicht 1218

Grm. Kopfhaar reichlich 5-6 Millimeter lang. Die Haut noch immer roth

und mager. Wollhaare dicht. Descensus testiculorum beginnt. Weitere

Hirnwindungen fangen an sich zu bilden, doch sind sie immer noch

spärlich. Die Pupillarmembran zeigt gegen die 28. Woche zu bereits

häufig centralen Schwund, im Fersenbein findet sich meist ein 2-5

Millimeter breiter Knochenkern, dessen Andeutungen man schon in der

zweiten Hälfte des sechsten Monates nachweisen kann. Das mittlere

Gewicht des Mutterkuchens 374 Grm., die mittlere Nabelschnurlänge 42

Cm.

Ursachen des Abortus.

Nach den Ursachen des constatirten Abortus zu forschen ist die zweite

Aufgabe des Gerichtsarztes. Diese Ursachen können entweder solche sein,

die ohne Verschulden der Schwangeren oder eines Andern die Fehlgeburt

bewirkt haben oder letztere ist absichtlich herbeigeführt worden. Auf

die Möglichkeit einer spontanen Fehlgeburt ist in jedem einzelnen Falle

Rücksicht zu nehmen, einestheils wegen der notorischen Häufigkeit

derselben[173], anderseits weil die Diagnose einer Fruchtabtreibung

jedesmal auch auf die Ausschliessung jener Einflüsse sich stützen muss,

die erfahrungsgemäss im Stande sind, auch ohne Absicht der Mutter oder

eines Dritten zum Abortus Veranlassung zu geben.

Ursachen des nicht criminalen Abortus.

Am häufigsten scheint der spontane Abortus in den ersten (zwei bis

vier) Wochen einer Schwangerschaft zu erfolgen, obgleich er sich

begreiflicher Weise in den meisten Fällen der Beobachtung entzieht.

Die noch schwache Haftung des Eies, die in dieser Periode besonders

erhöhte Empfindlichkeit des Uterus gegen Reize, aber auch die zu dieser

Zeit in der Regel häufigen unabsichtlichen Insulte, die den schwangeren

Uterus treffen, worunter insbesondere häufiger Coitus und Nichtschonung

anderer Art gehören, erklären diese Thatsache zur Genüge. Abgesehen

von letzterer findet die grosse Mehrzahl der spontanen Fehlgeburten im

dritten und vierten Monate statt[174], aber auch die späteren Monate

liefern ein starkes Contingent, und wir verweisen in dieser Beziehung

auf den Umstand, dass unserer Erfahrung zufolge die grösste Zahl der

macerirt geborenen Früchte dem Ende des sechsten und noch häufiger dem

siebenten Monat angehören, so dass es uns scheint, dass die Zeit, in

welcher die Lebensfähigkeit der Frucht sich einstellen soll, ebenfalls

als eine kritische bezeichnet werden muss.

Die Ursachen des spontanen Abortus können entweder in der Mutter oder

im Ei selbst liegen.

[Sidenote: Ursachen der nicht criminellen Fehlgeburt.]

Zu den ersteren gehören insbesondere alle schweren acuten

Erkrankungen, von welchen wir als häufiger vorkommend die acuten

Infectionskrankheiten (besonders die exanthematischen) und von den

übrigen die Pneumonie[175] und den acuten Morbus Brightii[176]

erwähnen.

Von den chronischen Erkrankungen sind in der genannten Beziehung jene

des Herzens und der Respirationsorgane, sowie der Nieren[177] von

Einfluss, da an diese Organe desto erhöhtere Anforderungen gestellt

werden, je weiter bereits die Schwangerschaft gediehen ist, und

daher, wenn diese erkrankt sind, viel eher als sonst Insufficienz

der betreffenden Functionen und dadurch schwere Folgen, sowohl

für die Schwangere als für die Frucht, eintreten können. Gleiches

gilt von solchen chronischen Erkrankungen, die mit hochgradigen

Ernährungsstörungen einhergehen, und endlich von der syphilitischen

Erkrankung der Mutter, welche erfahrungsgemäss ungemein häufig das

Absterben der Frucht und deren vorzeitigen Abgang bewirkt (nach

+Hecker+ unter 40 Fällen 12mal).

Weiter kann spontaner Abortus durch locale Verhältnisse bewirkt werden.

So durch raumbeengende Tumoren oder ähnliche Processe in der Bauchhöhle

und durch Tumoren und Erkrankungen des Uterus selbst. Ebenso wird

den Flexionen des Uterus ein störender Einfluss auf den Verlauf der

Schwangerschaft zugeschrieben. Wie +Howitz+[178] mittheilt, hatten

19 mit Anteflexion behaftete Frauen im Ganzen nur 30 lebende Kinder

geboren, dagegen 98 Unterbrechungen der Schwangerschaft -- 9 vor dem

fünften Monate, 89 später -- gehabt, und von 14 mit Retroflexionen

wurden nur 15mal lebende Kinder geboren, dagegen 37 Unterbrechungen

der Schwangerschaft beobachtet. Nach +Howitz+ ist es in den meisten

Fällen die durch die Knickung behinderte Ausdehnung des Uterus

(Retroflexio uteri gravidi), welche den Abortus veranlasst, ausserdem

aber auch die erhöhte Reflexirritabilität, welche bei an Flexionen des

Uterus leidenden Frauen gewöhnlich constatirt werden kann. Auf eine

etwa aus anderen Gründen (Hysterie, Status nervosus etc.) bestehende

individuell erhöhte Reizbarkeit ist immer Rücksicht zu nehmen, da eine

solche häufig mit dem spontanen Abortus in ursächlicher Verbindung

steht.

Von den im Ei gelegenen Ursachen sind ausser den bereits bei der

Molenbildung besprochenen Erkrankungen der Eihüllen zu erwähnen die

Hämorrhagien der Placenta, vorzeitige Verfettungen und anderweitige,

insbesondere syphilitische Erkrankungen derselben, Processe, die, wenn

das Ei vorliegt, häufig sich durch unmittelbare Untersuchung nachweisen

lassen. Doch muss bemerkt werden, dass die Verfettungen der Placenta

und der Decidua, sowie die Verfettung oder anderweitige (hydropische)

Degeneration der Chorionzotten auch erst secundär, nachdem früher die

Frucht abgestorben war, sich gebildet haben können.

Torsionen der Nabelschnur sind verhältnissmässig häufig Veranlassung

des Absterbens der Frucht und des dann eintretenden Abortus. Sie kommen

in der ersten Hälfte der Schwangerschaft häufiger vor als in der

zweiten, und lassen sich ebenfalls bei Besichtigung der abgegangenen

Frucht mitunter deutlich erkennen, wobei der Umstand zu statten kommt,

dass sie sich vorzugsweise am fötalen Ende der Nabelschnur zu finden

pflegen.[179]

Primäre Erkrankungen der Frucht und consecutives Absterben derselben

kommen -- ausgenommen die verhältnissmässig häufige Syphilis -- wohl

nur ganz ausnahmsweise vor. Der Nachweis derartiger Erkrankungen,

sowie etwaiger Missbildungen der Frucht und ihrer Adnexa, die ein

frühzeitiges Absterben derselben bewirken können, wird ebenfalls leicht

zu führen sein.

Ausser den genannten Ursachen sind es auch manche derjenigen, die wir

bei der absichtlichen Fruchtabtreibung erwähnen werden, welche, wie

z. B. die Erschütterungen und andere mechanische Irritationen des

Uterus, auch ohne böse Absicht der Schwangeren den vorzeitigen Abgang

der Frucht veranlassen können, und thatsächlich lässt sich in vielen

Fällen, wie wir bereits oben angedeutet haben, der so häufige Abortus

zum ersten Male schwangerer Frauen auf derartige äussere Momente

zurückführen.

[Sidenote: Abgang der Frucht beim spontanen Abortus.]

Der Abgang der Frucht und ihrer Anhänge muss nicht sofort oder kurze

Zeit, nachdem die Ursache desselben nicht geltend gemacht hatte,

erfolgen, es kann vielmehr, namentlich wenn früher die Frucht abstarb,

längere Zeit (mehrere Wochen, in seltenen Fällen aber auch Monate)

verfliessen, bevor der Abortus erfolgt.[180] Die Adnexa, insbesondere

die Placenta, können in solchen Fällen noch weiter wachsen, in

der Regel beginnt jedoch in ihnen ein degenerativer Process, der

schliesslich zur Expulsion führt. +Jakob+ (Virchow’s Jahrb. 1881, II,

pag. 562) beobachtete bei einer Frau, die im vierten Monat abortirt

hatte, dass die Placenta erst volle sieben Monate später ausgestossen

wurde. Sie war nicht zersetzt, sondern hart und ohne Geruch. Die

Veränderungen, welche die Frucht erleidet, werden später besprochen

werden. In den frühesten Monaten der Schwangerschaft kann die Frucht

vollkommen durch Auflösung und Resorption verschwinden. Wir hatten

zweimal Gelegenheit, solche Eier aus dem zweiten und dritten Monat zu

beobachten, von denen das eine während des Lebens abgegangen war, das

zweite in der Leiche einer Selbstmörderin gefunden wurde, und beide,

trotzdem die Eihüllen intact sich erwiesen, keine Frucht, das eine aber

eine kurze, in ein Bläschen endigende, dünne Nabelschnur enthielt.

Bemerkenswerth ist die von einzelnen Beobachtern gemachte Erfahrung,

dass die in frühen Schwangerschaftsmonaten abgestorbene Frucht sich

immer trotz längeren Verweilens im Uterus auffallend frisch erhalten

kann. Nach zwei und in einem von +Holst+[181] mitgetheilten Falle

sogar nach sechs Monaten will man diese Erscheinung constatirt haben.

Dass diesem Umstande auch ein forensisches Interesse zukommt, beweist

ein von +Liégey+ (Virchow’s Jahrb. 1881, I, 533) untersuchter Fall,

in welchem die Mutter behauptete, dass der sechsmonatliche Fötus noch

von ihrem vor 11 Monaten durch Selbstmord gestorbenen Manne herrühre.

Wahrscheinlich lagen in solchem Falle einfach ausgewässerte und sonst

nicht weiter veränderte Früchte vor.

Absichtlicher Abortus. Fruchtabtreibungsmittel.

A. Innere Fruchtabtreibungsmittel.

Die Beurtheilung der angeblich durch innere Mittel vollbrachten oder

versuchten Fruchtabtreibung bildet eines der heikelsten Vorkommnisse

in der forensisch-medicinischen Praxis, und diese Thatsache wird umso

fühlbarer, als erfahrungsgemäss die inneren Fruchtabtreibungsmittel

verhältnissmässig am häufigsten in Anwendung gezogen werden.

Unter inneren Fruchtabtreibungsmitteln verstehen wir Substanzen,

welche, in entsprechender Gabe innerlich genommen, im Stande

sind, Abortus zu bewirken. Im gewöhnlichen Leben fasst man diesen

Begriff entschieden enger, indem man sich unter diesen Mitteln

Substanzen vorstellt, welche, in genügender Dosis innerlich genommen,

Contractionen des schwangeren Uterus (Wehen) und dadurch die

Austreibung der Frucht veranlassen, und zwar mit gleicher oder nahezu

gleicher Sicherheit, mit welcher z. B. Brechmittel Erbrechen und

Abführmittel Stuhlgänge bewirken.

Derartige sichere Abortivmittel kennen wir gegenwärtig nicht, dagegen

unterliegt es keinem Zweifel, dass es Stoffe gibt, nach deren Genusse,

wenn auch nicht immer präcis, so doch mitunter der Abortus erfolgen

kann, freilich seltener in Folge einer specifischen Wirkung des Mittels

auf den Uterus, als vielmehr als Theilerscheinung einer Vergiftung, die

durch das betreffende Mittel gesetzt wurde, wie denn überhaupt fast

alle Substanzen, denen eine abortive Kraft zugeschrieben wird, und die

thatsächlich zu Fruchtabtreibungsversuchen missbraucht werden, unter

die Classe der Gifte gehören, so dass man ganz wohl statt von inneren

von toxischen Fruchtabtreibungsmitteln sprechen könnte.

[Sidenote: Wirkungsweise innerer Fruchtabtreibungsmittel.]

Die abortive Wirkung kann dann in der Weise erfolgen, dass das

betreffende Gift ausser den übrigen ihm zukommenden Functionsstörungen

auch Contractionen der Gebärmutter veranlasst, indem es auf jene

Nervencentren einen Reiz ausübt, welche Uteruscontractionen

hervorzurufen vermögen. Ueber den Sitz dieser ist vorläufig noch

wenig bekannt. +Goltz+[182] ist geneigt, das Lendenmark als das

selbstständige Centrum für den Geburtsact anzusehen, indem er eine

Hündin nach vollständiger Durchtrennung des Rückenmarkes in der

Höhe des ersten Lendenwirbels brünstig werden, den Coitus mehrmals

vollziehen und drei Junge werfen sah. Auch +Schlesinger+[183] hat

Reflexcentren für den Uterus im unteren Theile des Rückenmarkes

nachgewiesen und +Röhrig+ („Untersuchungen über die Physiologie der

Uterusbewegung“. Virchow’s Archiv. 76, I. Heft) im untersten Brustmark.

Es entspringen jedoch die motorischen Nerven des Uterus nach +Körner+

nicht blos aus dem Lendenmark, sondern auch aus dem unteren Theile

des Brustmarkes, und wir haben in unseren gemeinschaftlich mit +v.

Basch+ angestellten Untersuchungen über Uterusbewegungen[184] gefunden,

dass insbesondere ein vom Plexus aorticus abgehendes Nervenpaar

(Nerv. hypogastrici), wenn dasselbe gereizt wird, lebhafte Bewegungen

des Cervix bewirkt, die auch, wie schon +Oser+ und +Schlesinger+

beobachteten, durch isolirte Reizung des Gehirnes hervorgerufen werden

können. Ausser den erwähnten Reflexcentren für die Uterusbewegung

gibt es jedoch zweifellos solche, die im Uterus selbst gelegen sind.

+Kehrer+ hat bereits solche angegeben, und wir und +Basch+ haben sie

ebenfalls constatirt, während +Röhrig+ dieselben leugnet. Nach +Dembo+

und +Kurz+ (Virchow’s Jahresb. 1883, II, 564) sitzen solche auch in der

vorderen Vaginalwand.

Die Reizung dieser Centren kann sowohl unmittelbar, als auch auf

reflectorischem Wege erfolgen. In ersterer Weise scheinen nach den

Versuchen +Röhrig+’s am Kaninchen Strychnin, Pikrotoxin, Nicotin,

Carbolsäure, Coffeïn, Extract. Aloës, ganz besonders aber Oleum

Sabinae Uteruscontractionen zu veranlassen, und in letzterer

Beziehung ist es insbesondere möglich, dass heftige Reizung

der Magen- und Darmschleimhaut, wie sie durch irritirende Gifte

hervorgerufen wird, reflectorische Uteruscontractionen auslösen

kann. Am häufigsten scheinen jedoch vasomotorische Störungen die

Reizung zu veranlassen, indem entweder durch vasomotorische Lähmung

oder durch Gefässkrampf die Blutzufuhr zu den Organen vermindert und

die so entstandene Sauerstoffarmuth des Blutes die cerebrospinalen

oder die parenchymatösen oder beide Centren für Uterusbewegung in

Erregung versetzt, in analoger Weise, wie wir den Beobachtungen

+Spiegelberg+’s[185], +Oser+’s und +Schlesinger+’s[186], sowie unseren

eigenen Erfahrungen zufolge lebhafte Uterusbewegungen während der

Erstickung und schon nach Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn oder

zur Gebärmutter auftreten sahen.

[Sidenote: Absterben d. Frucht durch Abortivmittel. Ueberg. tox. Subst.

in d. Frucht.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 25 / 132 段