jene Dinge zu richten, die durch den angeblichen Abortus abgegangen
sind, und es ist, wenn ein derartiger Fall frisch zur Kenntniss des
Gerichtes gelangt, jedesmal die nächste Aufgabe des Gerichtsarztes, in
dieser Richtung Nachforschungen anzustellen, beziehungsweise anzuregen
und sich der betreffenden Objecte zu versichern. Es bezieht sich dies
weniger auf ältere Früchte, die als solche auch für den Laien leicht
kennbar und unter günstigen Umständen auch leichter auffindbar sind,
als vielmehr auf die Abgänge, die bei einem in den ersten Monaten einer
Schwangerschaft eingetretenen Abortus zu erfolgen pflegen und die als
Blutgerinnsel betrachtet und beseitigt werden, während das kundige Auge
des Arztes in diesen mitunter das abgegangene Ei oder Theile desselben
nachweisen und damit die Diagnose des Abortus ausser Zweifel zu stellen
im Stande ist.
Es empfiehlt sich, zu diesem Zwecke die betreffenden Gerinnsel unter
Wasser zu untersuchen und durch fleissiges Erneuern desselben das
anhängende Blut abzuspülen. Es kann bei dieser Untersuchung gelingen,
das ganze Ei nachzuweisen, welches in den ersten zwei bis drei Monaten
in toto abgehen kann, während in der späteren Zeit in der Regel die
Eihüllen zerreissen und zuerst die Frucht und dann die Nachgeburt
ausgestossen wird.
In einem solchen Falle und ebenso, wenn nur die Frucht allein gefunden
wird, ist natürlich die Diagnose klargestellt; nicht so einfach ist
die Sache, wenn blos membranöse Gebilde gefunden werden, welche
nicht ohneweiters als Eihüllen gedeutet werden dürfen, da ähnliche
häutige Gebilde auch ohne Gravidität im Uterus entstehen und durch
Contractionen des Uterus und unter mehr weniger heftigen Blutungen
ausgestossen werden können.
[Sidenote: Decidua menstrualis.]
Wir meinen insbesondere jene häutigen Ausscheidungen, welche bei der
sogenannten Dysmenorrhoea membranacea ausgestossen werden.[170] Es
sind dies Membranen, deren Natur noch nicht vollkommen aufgeklärt
ist. Während Einzelne die Erscheinung blos als eine Steigerung der
bei jeder Menstruation, aber nur partikelweise erfolgenden Abstossung
der fettig degenerirten obersten Schichten der Uterusschleimhaut
auffassen (+Schröder+[171]) und in solchen Membranen ein Analogon der
nach der Conception sich bildenden Decidua sehen, sie als Decidua
menstrualis bezeichnend, betonen wieder Andere den mehr entzündlichen
Charakter solcher Membranen, indem sie für den ganzen Process die
Bezeichnung „Endometritis exfoliativa“ in Vorschlag bringen (+Beigel+).
Derartige Membranen können in toto ausgestossen werden und dann ein in
den ersten Monaten einer Schwangerschaft abgegangenes Ei vortäuschen,
umsomehr, als sie ebenso wie letzteres die Form der Uterushöhle und
gewissermassen einen Ausguss derselben darstellen. In anderen Fällen
gehen solche Membranen stückweise ab und können dann wieder für
Stücke von Eihäuten gehalten werden, eine Täuschung, die umso näher
liegt, als derartige Bildungen unter starker Blutung und wehenartigen
Schmerzen vom Uterus entleert werden und ihrer Bildung in der Regel
Menstruationsstörungen vorhergehen.
[Sidenote: Dysmenorrhoea membranacea.]
Im Allgemeinen ist zwischen der Structur einer solchen Decidua
menstrualis und einer Decidua vera kein wesentlicher Unterschied;
dieselbe kann demnach auch nicht für sich allein die Diagnose
ergeben, ob die betreffende Membran einer Schwangerschaft oder blos
einer Dysmenorrhoea membranacea ihre Entstehung verdankt. Auch
der Umstand, dass sich eine solche Membran in Schichten trennen
lässt, beweist für sich allein nicht, dass Eihüllen vorliegen, da
eine geschichtete Beschaffenheit auch bei der Decidua menstrualis
beobachtet wurde; wohl werden wir aber dann in der Lage sein, die
betreffenden Membranen als Eihäute zu erklären, wenn wir im Stande
sind, Amnion und Chorion zu unterscheiden, wozu in der Regel eine
genaue makroskopische Besichtigung genügt, die eventuell durch
mikroskopische Untersuchung ergänzt werden kann. In den späteren
Wochen sind die Eihäute bereits so ausgedehnt und differenzirt, dass
eine Verwechslung nicht wohl geschehen kann, umsoweniger, als zu
dieser Zeit bereits die Placenta sich bildet und auch die von ihr
abgehende Nabelschnur unterschieden werden kann.
[Illustration: Fig. 38.
Ei aus der ersten Zeit des 2. Monates.
_A_ Amnion. _Ch_ Chorion. _N_ Nabelbläschen.]
Ist es gelungen, die Frucht oder ihre Anhänge oder das ganze
Ei aufzufinden, dann handelt es sich um die Bestimmung der
Schwangerschafts-Periode, aus welcher sie stammen. Zum Zwecke einer
solchen Bestimmung geben wir folgende Anhaltspunkte[172]:
[Sidenote: Frucht im ersten bis dritten Monat.]
+Erster Monat+: Am Ende dieses Monats ist das ganze Ei etwa
taubeneigross, 1·7-2 Cm. lang, das Chorion an seiner ganzen
Oberfläche gleichmässig zottig. Der Embryo 1 Cm. lang, durch eine
sehr kurze Nabelschnur mit dem Chorion verbunden, stark gekrümmt.
Nase und Mund bilden eine Höhle. Am Halse jederseits 4 Kiemenspalten
zu erkennen. Bauchspalte und Nabelblase noch vorhanden, obzwar
bereits in der Rückbildung begriffen. Die Extremitäten als Stummeln
angedeutet.
+Zweiter Monat+: Dass Ei erreicht die Grösse eines Hühnereies. Der
Embryo ist 2·5-3 Cm. lang und fast 4 Grm. schwer. Er ist nicht
mehr gekrümmt; Mund und Nasenhöhle getrennt, die Kiemenspalten
geschlossen, ebenso die Bauchspalte. Nabelbläschen nicht mehr
vorhanden. Die Extremitäten entwickelt, die Finger und Zehen jedoch
noch nicht geschieden. Der Nabelstrang länger. Die Ossification
beginnt im Unterkiefer, in den Schlüsselbeinen, an den Rippen und an
den Wirbelkörpern.
+Dritter Monat+: Das Ei ist gänseeigross. Die Placenta bereits
entwickelt. Die Frucht 7-9 Cm. lang und 5-20 Grm. schwer, Finger
und Zehen getrennt, Geschlecht beginnt sich zu differenziren.
Ossification findet sich auch in den Schädelknochen und in den
Diaphysen der Extremitäten. Das Durchschnittsgewicht der Placenta
beträgt 36 Grm. Die Durchschnittslänge der Nabelschnur 7 Cm.
[Sidenote: Ei und Frucht im vierten bis siebenten Monat.]
+Vierter Monat+: Die Frucht ist 10-17 Cm. lang und bis 120
Grm. schwer. Das Geschlecht deutlich zu unterscheiden. Haare
beginnen sich zu zeigen und die Nägel sind bereits zu erkennen.
Das durchschnittliche Gewicht der Placenta beträgt 80 Grm., die
durchschnittliche Länge der Nabelschnur 19 Cm.
+Fünfter Monat+: Die Frucht misst 18-27 Cm. und wiegt 225-320
(durchschnittlich 284) Grm. Kopf- und Wollhaare deutlich. Die Haut
ist noch hellroth und dünn, das Meconium erscheint bereits gallig
gefärbt. Das durchschnittliche Gewicht der Placenta stellt sich auf
178 Grm., die Länge der Nabelschnur auf 31 Cm. Die Insertionsstelle
der letzteren, die noch im vorigen Monate nahe der Symphyse lag,
beginnt sich von letzterer zu entfernen.
+Sechster Monat+: Die Länge der Frucht beträgt zwischen 28-34 Cm.,
das Gewicht durchschnittlich 634 Grm. Der Kopf im Verhältniss zum
Rumpfe noch gross, doch nicht mehr so auffallend wie in den früheren
Monaten. Die Haut wird dicker und der Fettpolster beginnt sich
zu entwickeln. Kopfhaare deutlicher, die Wollhaare bereits einen
starken Flaum bildend. Käsige Schmiere tritt auf. Hoden noch in
der Bauchhöhle. Die grossen Schamlippen noch wenig entwickelt, die
kleinen und die Clitoris zwischen ihnen hervorragend. Das Gehirn
zeigt bereits die Urwindungen. Pupille noch durch die Pupillarmembran
verschlossen. Die Lösung der Lidnaht gegen das Ende des Monats in der
Regel vollendet. Gewicht der Placenta durchschnittlich 273 Grm. Länge
der von der Symphyse noch weiter entfernten Nabelschnur im Mittel 37
Cm.
+Siebenter Monat+: Fruchtlänge 35-38 Cm., das mittlere Gewicht 1218
Grm. Kopfhaar reichlich 5-6 Millimeter lang. Die Haut noch immer roth
und mager. Wollhaare dicht. Descensus testiculorum beginnt. Weitere
Hirnwindungen fangen an sich zu bilden, doch sind sie immer noch
spärlich. Die Pupillarmembran zeigt gegen die 28. Woche zu bereits
häufig centralen Schwund, im Fersenbein findet sich meist ein 2-5
Millimeter breiter Knochenkern, dessen Andeutungen man schon in der
zweiten Hälfte des sechsten Monates nachweisen kann. Das mittlere
Gewicht des Mutterkuchens 374 Grm., die mittlere Nabelschnurlänge 42
Cm.
Ursachen des Abortus.
Nach den Ursachen des constatirten Abortus zu forschen ist die zweite
Aufgabe des Gerichtsarztes. Diese Ursachen können entweder solche sein,
die ohne Verschulden der Schwangeren oder eines Andern die Fehlgeburt
bewirkt haben oder letztere ist absichtlich herbeigeführt worden. Auf
die Möglichkeit einer spontanen Fehlgeburt ist in jedem einzelnen Falle
Rücksicht zu nehmen, einestheils wegen der notorischen Häufigkeit
derselben[173], anderseits weil die Diagnose einer Fruchtabtreibung
jedesmal auch auf die Ausschliessung jener Einflüsse sich stützen muss,
die erfahrungsgemäss im Stande sind, auch ohne Absicht der Mutter oder
eines Dritten zum Abortus Veranlassung zu geben.
Ursachen des nicht criminalen Abortus.
Am häufigsten scheint der spontane Abortus in den ersten (zwei bis
vier) Wochen einer Schwangerschaft zu erfolgen, obgleich er sich
begreiflicher Weise in den meisten Fällen der Beobachtung entzieht.
Die noch schwache Haftung des Eies, die in dieser Periode besonders
erhöhte Empfindlichkeit des Uterus gegen Reize, aber auch die zu dieser
Zeit in der Regel häufigen unabsichtlichen Insulte, die den schwangeren
Uterus treffen, worunter insbesondere häufiger Coitus und Nichtschonung
anderer Art gehören, erklären diese Thatsache zur Genüge. Abgesehen
von letzterer findet die grosse Mehrzahl der spontanen Fehlgeburten im
dritten und vierten Monate statt[174], aber auch die späteren Monate
liefern ein starkes Contingent, und wir verweisen in dieser Beziehung
auf den Umstand, dass unserer Erfahrung zufolge die grösste Zahl der
macerirt geborenen Früchte dem Ende des sechsten und noch häufiger dem
siebenten Monat angehören, so dass es uns scheint, dass die Zeit, in
welcher die Lebensfähigkeit der Frucht sich einstellen soll, ebenfalls
als eine kritische bezeichnet werden muss.
Die Ursachen des spontanen Abortus können entweder in der Mutter oder
im Ei selbst liegen.
[Sidenote: Ursachen der nicht criminellen Fehlgeburt.]
Zu den ersteren gehören insbesondere alle schweren acuten
Erkrankungen, von welchen wir als häufiger vorkommend die acuten
Infectionskrankheiten (besonders die exanthematischen) und von den
übrigen die Pneumonie[175] und den acuten Morbus Brightii[176]
erwähnen.
Von den chronischen Erkrankungen sind in der genannten Beziehung jene
des Herzens und der Respirationsorgane, sowie der Nieren[177] von
Einfluss, da an diese Organe desto erhöhtere Anforderungen gestellt
werden, je weiter bereits die Schwangerschaft gediehen ist, und
daher, wenn diese erkrankt sind, viel eher als sonst Insufficienz
der betreffenden Functionen und dadurch schwere Folgen, sowohl
für die Schwangere als für die Frucht, eintreten können. Gleiches
gilt von solchen chronischen Erkrankungen, die mit hochgradigen
Ernährungsstörungen einhergehen, und endlich von der syphilitischen
Erkrankung der Mutter, welche erfahrungsgemäss ungemein häufig das
Absterben der Frucht und deren vorzeitigen Abgang bewirkt (nach
+Hecker+ unter 40 Fällen 12mal).
Weiter kann spontaner Abortus durch locale Verhältnisse bewirkt werden.
So durch raumbeengende Tumoren oder ähnliche Processe in der Bauchhöhle
und durch Tumoren und Erkrankungen des Uterus selbst. Ebenso wird
den Flexionen des Uterus ein störender Einfluss auf den Verlauf der
Schwangerschaft zugeschrieben. Wie +Howitz+[178] mittheilt, hatten
19 mit Anteflexion behaftete Frauen im Ganzen nur 30 lebende Kinder
geboren, dagegen 98 Unterbrechungen der Schwangerschaft -- 9 vor dem
fünften Monate, 89 später -- gehabt, und von 14 mit Retroflexionen
wurden nur 15mal lebende Kinder geboren, dagegen 37 Unterbrechungen
der Schwangerschaft beobachtet. Nach +Howitz+ ist es in den meisten
Fällen die durch die Knickung behinderte Ausdehnung des Uterus
(Retroflexio uteri gravidi), welche den Abortus veranlasst, ausserdem
aber auch die erhöhte Reflexirritabilität, welche bei an Flexionen des
Uterus leidenden Frauen gewöhnlich constatirt werden kann. Auf eine
etwa aus anderen Gründen (Hysterie, Status nervosus etc.) bestehende
individuell erhöhte Reizbarkeit ist immer Rücksicht zu nehmen, da eine
solche häufig mit dem spontanen Abortus in ursächlicher Verbindung
steht.
Von den im Ei gelegenen Ursachen sind ausser den bereits bei der
Molenbildung besprochenen Erkrankungen der Eihüllen zu erwähnen die
Hämorrhagien der Placenta, vorzeitige Verfettungen und anderweitige,
insbesondere syphilitische Erkrankungen derselben, Processe, die, wenn
das Ei vorliegt, häufig sich durch unmittelbare Untersuchung nachweisen
lassen. Doch muss bemerkt werden, dass die Verfettungen der Placenta
und der Decidua, sowie die Verfettung oder anderweitige (hydropische)
Degeneration der Chorionzotten auch erst secundär, nachdem früher die
Frucht abgestorben war, sich gebildet haben können.
Torsionen der Nabelschnur sind verhältnissmässig häufig Veranlassung
des Absterbens der Frucht und des dann eintretenden Abortus. Sie kommen
in der ersten Hälfte der Schwangerschaft häufiger vor als in der
zweiten, und lassen sich ebenfalls bei Besichtigung der abgegangenen
Frucht mitunter deutlich erkennen, wobei der Umstand zu statten kommt,
dass sie sich vorzugsweise am fötalen Ende der Nabelschnur zu finden
pflegen.[179]
Primäre Erkrankungen der Frucht und consecutives Absterben derselben
kommen -- ausgenommen die verhältnissmässig häufige Syphilis -- wohl
nur ganz ausnahmsweise vor. Der Nachweis derartiger Erkrankungen,
sowie etwaiger Missbildungen der Frucht und ihrer Adnexa, die ein
frühzeitiges Absterben derselben bewirken können, wird ebenfalls leicht
zu führen sein.
Ausser den genannten Ursachen sind es auch manche derjenigen, die wir
bei der absichtlichen Fruchtabtreibung erwähnen werden, welche, wie
z. B. die Erschütterungen und andere mechanische Irritationen des
Uterus, auch ohne böse Absicht der Schwangeren den vorzeitigen Abgang
der Frucht veranlassen können, und thatsächlich lässt sich in vielen
Fällen, wie wir bereits oben angedeutet haben, der so häufige Abortus
zum ersten Male schwangerer Frauen auf derartige äussere Momente
zurückführen.
[Sidenote: Abgang der Frucht beim spontanen Abortus.]
Der Abgang der Frucht und ihrer Anhänge muss nicht sofort oder kurze
Zeit, nachdem die Ursache desselben nicht geltend gemacht hatte,
erfolgen, es kann vielmehr, namentlich wenn früher die Frucht abstarb,
längere Zeit (mehrere Wochen, in seltenen Fällen aber auch Monate)
verfliessen, bevor der Abortus erfolgt.[180] Die Adnexa, insbesondere
die Placenta, können in solchen Fällen noch weiter wachsen, in
der Regel beginnt jedoch in ihnen ein degenerativer Process, der
schliesslich zur Expulsion führt. +Jakob+ (Virchow’s Jahrb. 1881, II,
pag. 562) beobachtete bei einer Frau, die im vierten Monat abortirt
hatte, dass die Placenta erst volle sieben Monate später ausgestossen
wurde. Sie war nicht zersetzt, sondern hart und ohne Geruch. Die
Veränderungen, welche die Frucht erleidet, werden später besprochen
werden. In den frühesten Monaten der Schwangerschaft kann die Frucht
vollkommen durch Auflösung und Resorption verschwinden. Wir hatten
zweimal Gelegenheit, solche Eier aus dem zweiten und dritten Monat zu
beobachten, von denen das eine während des Lebens abgegangen war, das
zweite in der Leiche einer Selbstmörderin gefunden wurde, und beide,
trotzdem die Eihüllen intact sich erwiesen, keine Frucht, das eine aber
eine kurze, in ein Bläschen endigende, dünne Nabelschnur enthielt.
Bemerkenswerth ist die von einzelnen Beobachtern gemachte Erfahrung,
dass die in frühen Schwangerschaftsmonaten abgestorbene Frucht sich
immer trotz längeren Verweilens im Uterus auffallend frisch erhalten
kann. Nach zwei und in einem von +Holst+[181] mitgetheilten Falle
sogar nach sechs Monaten will man diese Erscheinung constatirt haben.
Dass diesem Umstande auch ein forensisches Interesse zukommt, beweist
ein von +Liégey+ (Virchow’s Jahrb. 1881, I, 533) untersuchter Fall,
in welchem die Mutter behauptete, dass der sechsmonatliche Fötus noch
von ihrem vor 11 Monaten durch Selbstmord gestorbenen Manne herrühre.
Wahrscheinlich lagen in solchem Falle einfach ausgewässerte und sonst
nicht weiter veränderte Früchte vor.
Absichtlicher Abortus. Fruchtabtreibungsmittel.
A. Innere Fruchtabtreibungsmittel.
Die Beurtheilung der angeblich durch innere Mittel vollbrachten oder
versuchten Fruchtabtreibung bildet eines der heikelsten Vorkommnisse
in der forensisch-medicinischen Praxis, und diese Thatsache wird umso
fühlbarer, als erfahrungsgemäss die inneren Fruchtabtreibungsmittel
verhältnissmässig am häufigsten in Anwendung gezogen werden.
Unter inneren Fruchtabtreibungsmitteln verstehen wir Substanzen,
welche, in entsprechender Gabe innerlich genommen, im Stande
sind, Abortus zu bewirken. Im gewöhnlichen Leben fasst man diesen
Begriff entschieden enger, indem man sich unter diesen Mitteln
Substanzen vorstellt, welche, in genügender Dosis innerlich genommen,
Contractionen des schwangeren Uterus (Wehen) und dadurch die
Austreibung der Frucht veranlassen, und zwar mit gleicher oder nahezu
gleicher Sicherheit, mit welcher z. B. Brechmittel Erbrechen und
Abführmittel Stuhlgänge bewirken.
Derartige sichere Abortivmittel kennen wir gegenwärtig nicht, dagegen
unterliegt es keinem Zweifel, dass es Stoffe gibt, nach deren Genusse,
wenn auch nicht immer präcis, so doch mitunter der Abortus erfolgen
kann, freilich seltener in Folge einer specifischen Wirkung des Mittels
auf den Uterus, als vielmehr als Theilerscheinung einer Vergiftung, die
durch das betreffende Mittel gesetzt wurde, wie denn überhaupt fast
alle Substanzen, denen eine abortive Kraft zugeschrieben wird, und die
thatsächlich zu Fruchtabtreibungsversuchen missbraucht werden, unter
die Classe der Gifte gehören, so dass man ganz wohl statt von inneren
von toxischen Fruchtabtreibungsmitteln sprechen könnte.
[Sidenote: Wirkungsweise innerer Fruchtabtreibungsmittel.]
Die abortive Wirkung kann dann in der Weise erfolgen, dass das
betreffende Gift ausser den übrigen ihm zukommenden Functionsstörungen
auch Contractionen der Gebärmutter veranlasst, indem es auf jene
Nervencentren einen Reiz ausübt, welche Uteruscontractionen
hervorzurufen vermögen. Ueber den Sitz dieser ist vorläufig noch
wenig bekannt. +Goltz+[182] ist geneigt, das Lendenmark als das
selbstständige Centrum für den Geburtsact anzusehen, indem er eine
Hündin nach vollständiger Durchtrennung des Rückenmarkes in der
Höhe des ersten Lendenwirbels brünstig werden, den Coitus mehrmals
vollziehen und drei Junge werfen sah. Auch +Schlesinger+[183] hat
Reflexcentren für den Uterus im unteren Theile des Rückenmarkes
nachgewiesen und +Röhrig+ („Untersuchungen über die Physiologie der
Uterusbewegung“. Virchow’s Archiv. 76, I. Heft) im untersten Brustmark.
Es entspringen jedoch die motorischen Nerven des Uterus nach +Körner+
nicht blos aus dem Lendenmark, sondern auch aus dem unteren Theile
des Brustmarkes, und wir haben in unseren gemeinschaftlich mit +v.
Basch+ angestellten Untersuchungen über Uterusbewegungen[184] gefunden,
dass insbesondere ein vom Plexus aorticus abgehendes Nervenpaar
(Nerv. hypogastrici), wenn dasselbe gereizt wird, lebhafte Bewegungen
des Cervix bewirkt, die auch, wie schon +Oser+ und +Schlesinger+
beobachteten, durch isolirte Reizung des Gehirnes hervorgerufen werden
können. Ausser den erwähnten Reflexcentren für die Uterusbewegung
gibt es jedoch zweifellos solche, die im Uterus selbst gelegen sind.
+Kehrer+ hat bereits solche angegeben, und wir und +Basch+ haben sie
ebenfalls constatirt, während +Röhrig+ dieselben leugnet. Nach +Dembo+
und +Kurz+ (Virchow’s Jahresb. 1883, II, 564) sitzen solche auch in der
vorderen Vaginalwand.
Die Reizung dieser Centren kann sowohl unmittelbar, als auch auf
reflectorischem Wege erfolgen. In ersterer Weise scheinen nach den
Versuchen +Röhrig+’s am Kaninchen Strychnin, Pikrotoxin, Nicotin,
Carbolsäure, Coffeïn, Extract. Aloës, ganz besonders aber Oleum
Sabinae Uteruscontractionen zu veranlassen, und in letzterer
Beziehung ist es insbesondere möglich, dass heftige Reizung
der Magen- und Darmschleimhaut, wie sie durch irritirende Gifte
hervorgerufen wird, reflectorische Uteruscontractionen auslösen
kann. Am häufigsten scheinen jedoch vasomotorische Störungen die
Reizung zu veranlassen, indem entweder durch vasomotorische Lähmung
oder durch Gefässkrampf die Blutzufuhr zu den Organen vermindert und
die so entstandene Sauerstoffarmuth des Blutes die cerebrospinalen
oder die parenchymatösen oder beide Centren für Uterusbewegung in
Erregung versetzt, in analoger Weise, wie wir den Beobachtungen
+Spiegelberg+’s[185], +Oser+’s und +Schlesinger+’s[186], sowie unseren
eigenen Erfahrungen zufolge lebhafte Uterusbewegungen während der
Erstickung und schon nach Unterbrechung der Blutzufuhr zum Gehirn oder
zur Gebärmutter auftreten sahen.
[Sidenote: Absterben d. Frucht durch Abortivmittel. Ueberg. tox. Subst.
in d. Frucht.]