Der Thatsache, dass trotz stattgehabter Vereinigung der Genitalien

eine vollständige Immission des Gliedes verhindert worden sein

konnte, z. B. durch ein festes Hymen oder, wie bei Kindern,

durch unverhältnissmässige Enge der weiblichen Genitalien, trägt

das gegenwärtige österr. Strafgesetz dadurch Rechnung, dass es,

wenigstens im §. 127, nicht einen vollendeten, sondern nur einen

„unternommenen“ Beischlaf fordert, und der österr. Entwurf, sowie

das deutsche Strafgesetz dadurch, dass in den auf geschlechtlichen

Missbrauch von Kindern sich beziehenden Paragraphen (§. 187, 2.

österr. Entwurf, §. 176, 3. deutsches Strafgesetz) der Ausdruck

„Beischlaf“ nicht mehr vorkommt, sondern unter den Begriff der

„unzüchtigen Handlungen“ überhaupt subsumirt und mit gleicher Strafe

belegt wird.

Wenn wir nun auch diese Bemerkungen vorausschicken und sie der

Berücksichtigung empfehlen, so werden wir doch bei der Besprechung

der Diagnose eines stattgehabten Beischlafes den vollendeten Coitus

in erster Linie in Betracht ziehen, wobei wir selbstverständlich nur

das weibliche Individuum im Auge behalten, da die Untersuchung des

Mannes, wenn nicht etwa eine specifische Affection vorliegt, wohl nur

ganz ausnahmsweise irgend ein für die vorliegende Frage verwerthbares

Ergebniss liefern wird.

Es sind im Allgemeinen drei Anhaltspunkte, welche behufs einer solchen

Diagnose herangezogen werden können:

_a_) Die Veränderung der anatomischen Verhältnisse der Genitalien

durch den (ersten) Coitus.

_b_) Der Nachweis einer stattgehabten Ejaculation von Sperma an

den weiblichen Genitalien selbst, oder in ihrer Nähe.

_c_) Die etwaige virulente Affection.

A. Anatomische Veränderungen.

Diese lassen sich begreiflicherweise an den weiblichen Genitalien in

der Regel nur dann erwarten, wenn der betreffende Coitus an einem bis

dahin jungfräulichen Individuum verübt wurde, d. h. mit Defloration

verbunden war. War dies nicht der Fall, so dürften wohl nur unter ganz

besonderen Umständen durch den Coitus selbst Veränderungen zu Stande

kommen, und ihre Entstehung wird desto weniger leicht möglich, je mehr

die weiblichen Genitalien durch vorausgegangene Cohabitationen oder gar

Geburten erweitert worden sind.

In der bei weitem grössten Zahl der zur forensischen Untersuchung

gelangenden Fälle sind es angeblich bis dahin geschlechtlich unberührt

gewesene weibliche Individuen, von denen behauptet wird, dass sie in

gesetzwidriger Weise gebraucht worden seien, und es wird sich unter

diesen Umständen zunächst darum handeln, zu untersuchen, ob die

Genitalien des betreffenden Mädchens noch jene Eigenschaften darbieten,

wie sie dem jungfräulichen Status zukommen, oder ob sie Veränderungen

zeigen, die auf bereits stattgehabte Defloration schliessen lassen.

[Sidenote: Signa virginitatis.]

Als Zeichen noch jungfräulicher Genitalien werden angegeben: pralle,

einander eng anliegende grosse Schamlippen, durch letztere bedeckte

rosenrothe Nymphen, enges Vestibulum, unverletzter Hymen und enge,

stark gerunzelte Vagina.

Das Zusammentreffen aller dieser Befunde berechtigt allerdings in der

überwiegenden Anzahl der Fälle zur Annahme, dass die betreffenden

Genitalien sich noch im jungfräulichen Zustande befinden, doch ist

bezüglich der einzelnen Befunde Folgendes zu bemerken:

[Sidenote: Verhalten der Schamlippen.]

Die pralle und feste Beschaffenheit der +grossen Schamlippen+ wird

nur durch eine genügende Unterpolsterung derselben mit Fett bedingt,

sie kann demnach bei entschieden jungfräulichen Individuen fehlen,

wenn diese von Haus aus mager oder durch Krankheiten in der Ernährung

herabgekommen sind; sie kann aber auch bei Individuen vorkommen, die

selbst wiederholt den Coitus zugelassen haben, wenn sie im guten

Ernährungszustande sich befinden. Im Allgemeinen ist die pralle und

feste Beschaffenheit der Labien als Jugendzustand aufzufassen und als

Theilerscheinung der im jugendlichen Alter bestehenden Turgescenz der

Gewebe, sowie der Geneigtheit zur Bildung körnigen und festen Fettes

im Unterhautzellgewebe. Sie geht daher im vorgerückteren Alter in

dem Masse verloren, in welchem der Ernährungszustand abnimmt, die

Faser erschlafft und das Fett aus dem Unterhautzellgewebe entweder

verschwindet oder seine feste körnige Beschaffenheit verliert.

Von eben diesen Verhältnissen hängt es auch ab, ob die Labien mehr oder

weniger einander anliegen und so die Schamspalte mehr oder weniger

vollständig schliessen, und es ist daher begreiflich, dass dieser

Befund bei entschiedenen Jungfrauen fehlen und ebenso bei entjungferten

Personen vorhanden sein kann.

Ueberdies ist zu bemerken, dass auch bei jungfräulichen und pralle,

anliegende Labien besitzenden Individuen die letzteren auseinander

weichen, wenn die Oberschenkel weit auseinander gezogen werden, und

dass daher das Kriterium des Anliegens der Labien eigentlich nur bei

mässiger Abduction der Oberschenkel gelten kann.

Das Bedecktsein der +Nymphen+ von den grossen Schamlippen oder

das Prominiren derselben zwischen letzteren ist in vielen Fällen auch

nur durch den Zustand der grossen Labien bedingt. Ebenso, wie wir bei

frühzeitig geborenen Früchten die Nymphen vorstehend finden, weil die

Haut überhaupt und jene der Labien insbesondere noch nicht in jenem

Grade mit Fett unterpolstert ist wie bei ausgetragenen Kindern, ebenso

und aus gleichem Grunde sehen wir manchmal auch bei älteren, aber

abgemagerten Mädchen die Nymphen unvollständig von den Labien bedeckt,

selbst wenn der jungfräuliche Zustand nicht in Zweifel gezogen werden

kann. Da aber die Nymphen nur so lange den Charakter einer Schleimhaut

bewahren, als sie durch die sie bedeckenden Labien vor der Einwirkung

der Luft geschützt und feucht erhalten werden, so können sich bei

entschieden jungfräulichen Individuen mehr weniger braun verfärbte

und trockenen, epidermisartigen Ueberzug zeigende Nymphen finden, ein

Befund, der bei alten, insbesondere in der Ernährung herabgekommenen

Jungfrauen verhältnissmässig häufig ist, wobei allerdings die mit dem

Alter sich vollziehende Erschlaffung und daher Verlängerung dieser

Schleimhautduplicaturen auch in Betracht gezogen werden muss. Auch

durch wiederholtes Zupfen und Ziehen an den Labien, also durch Onanie,

können die Labien verlängert werden.

Anderseits aber ist die Angabe irrig, dass bei Individuen, die den

Coitus zugelassen haben, die kleinen Labien gewöhnlich prominiren,

eine welke Beschaffenheit erhalten u. dergl. Dies ist allerdings

häufig der Fall; Jeder aber, der eine grössere Anzahl von deflorirten

Personen zu untersuchen Gelegenheit hat, wird sich überzeugen können,

dass bei diesen die Nymphen häufig von den Labien bedeckt sind und

jene Beschaffenheit zeigen, wie sie eine der Luft nicht ausgesetzte

Schleimhaut darbietet, und dass man dieses Verhalten auch bei

Prostituirten und selbst bei Personen, die geboren haben, finden kann.

Das individuelle Verhalten der Nymphen ist daher ein verschiedenes,

und mit dieser Thatsache stimmt auch die Beobachtung überein, dass

unter sonst gleichen Verhältnissen die Höhe der die Nymphen bildenden

Schleimhautfalte sehr variirt und dass namentlich die Fälle nicht

selten sind, wo die Nymphen einen ganz niedrigen Saum bilden, der auch

trotz wiederholt geübtem Coitus und trotz stattgehabter Entbindung

niedrig bleibt. Auch bezüglich der Pigmentirung herrschen vielfache

individuelle Verschiedenheiten.

[Sidenote: Hymen.]

Das Vorhandensein des unverletzten +Hymen+ wurde seit jeher für

das wichtigste Kennzeichen noch bestehender Jungfräulichkeit gehalten,

und es ist nicht zu leugnen, dass das Verhalten dieses Gebildes für

die Beantwortung der Frage, ob eine Defloration bereits stattgefunden

habe oder nicht, die hauptsächlichsten Anhaltspunkte gewährt, bei

deren Verwerthung es jedoch zunächst angezeigt ist, sich von jenen

schablonenhaften Anschauungen frei zu machen, die bezüglich des

Verhaltens des Hymen überhaupt und beim ersten Coitus insbesondere noch

immer gang und gäbe sind.

Es gibt keine irrigere Anschauung als die, dass der Hymen im

Allgemeinen so ziemlich immer die gleiche Beschaffenheit zeige und

dass daher sein Verhalten beim ersten Beischlafe ebenfalls sich in der

Regel gleich gestalte. Zunächst überzeugt sich Jeder, der das Verhalten

des Hymen systematisch untersucht -- und bei Kindern ist solches

verhältnissmässig leicht durchführbar -- dass letzterer sowohl in der

Form als in seinen sonstigen Eigenschaften vielfach variirt.

[Sidenote: Form und Grösse der Hymenöffnung.]

Im Allgemeinen kann man den ringförmigen Hymen als die Grundform

ansehen, aus welcher sich die übrigen construiren lassen. In seiner

typischen Erscheinung stellt derselbe eine am Ostium vaginae ringförmig

vorspringende Schleimhautfalte dar, welche überall gleich breit eine

runde centrale Oeffnung umschliesst. Eine solche vollkommene Ringform

des Hymen ist sehr selten (Fig. 9), in der Regel liegt die Oeffnung

excentrisch (Fig. 10), und zwar immer der oberen Peripherie des

Scheideneinganges näher als der unteren. Ein umgekehrtes Verhalten

haben wir bis jetzt noch niemals beobachtet. Durch diese excentrische

Lage der Oeffnung ist bereits der Uebergang zum halbmondförmigen

Hymen (Fig. 11) gegeben, welches in seiner vollkommenen Ausbildung

sich als eine halbmondförmig von der unteren Peripherie des Introitus

sich abhebende Falte darstellt, deren beide Enden, sich allmälig

verschmälernd, oben nicht zusammenstossen, sondern mehr weniger weit

von einander entfernt bleiben. Zwischen diesen zwei Hauptformen gibt es

eine Menge Uebergänge, die theils durch die Grösse der Hymenalöffnung,

theils durch ihre Form bedingt werden. -- Erstere variirt ungemein.

Mitunter findet man Oeffnungen, die kaum für eine Sonde durchgängig

sind, so dass nicht viel fehlt zur vollständigen Atresie. In anderen

extremen Fällen ist die Oeffnung wieder so gross, dass man schon bei

ganz kleinen Kindern mit der Spitze des kleinen Fingers in die Scheide

eindringen kann, ohne den Hymen zu zerreissen, welcher dann nur einen

niedrigen Saum bildet, der halbmondförmig oder ringförmig von der

Peripherie des Scheideneinganges sich abhebt.

[Illustration: Fig. 9.

Ringförmiger Hymen.]

[Illustration: Fig. 10.

Ringförmiger Hymen.]

Die Form des Foramen hymenaeum ist nicht immer rundlich, sondern häufig

oval, und dann fast ausnahmslos im sagittalen Durchmesser länger als

im queren, ausserdem nicht selten durch lappenförmiges Vorstehen der

einen oder der anderen Randpartie asymmetrisch. Prävalirt der sagittale

Durchmesser bedeutend über den queren, so dass der obere und untere

Theil des Hymen nur einen schmalen Saum bildet, während die seitlichen

Theile verhältnissmässig breite Lappen darstellen, dann heisst ein

solcher Hymen ein lippenförmiger Hymen, H. labiiformis, welcher, wenn

der obere Saum ganz fehlt und der untere nur angedeutet ist (vollkommen

fehlt letzterer nie), sich beim Auseinanderziehen der Vulva gleichsam

wie ein drittes Paar Schamlippen präsentiren kann.

[Sidenote: Angeborene Kerben an Hymen.]

Ausserdem ist von wesentlichem Einfluss auf die Gestalt der

Hymenöffnung die Beschaffenheit der sie begrenzenden Ränder, und diese

bietet grosse Verschiedenheiten. Bei einer grossen Zahl von Fällen

stellt allerdings der freie Hymenrand, wenn der Hymen gespannt wird,

eine kreisförmige oder elliptische oder halbmondförmige Linie dar; in

einer mindestens ebenso grossen Zahl der Fälle ist aber dieser Rand

eingekerbt oder mehr weniger ausgezackt, eine Thatsache, die forensisch

besonders wichtig ist, da solche von ursprünglicher Bildung herrührende

Einkerbungen und Zacken für traumatische Producte genommen werden

können.

[Illustration: Fig. 11.

Halbmondförmiger Hymen.]

[Illustration: Fig. 12.

Ringförmiger Hymen mit angeborenen symmetrischen Kerben.]

Blosse Einkerbungen des freien Hymenrandes kommen häufig vor, meist an

der oberen Hälfte des Hymen, seltener an der unteren (Fig. 12). Durch

eine grosse Zahl von an Kindesleichen gemachten Beobachtungen haben

wir uns überzeugt, dass insbesondere jene Stelle des Hymen, an welcher

das mittlere Drittel desselben in das obere übergeht, sehr gewöhnlich

den Sitz von angeborenen Einkerbungen bildet, und dass diese dann in

den meisten Fällen, indem an jeder Seite eine Kerbe sich befindet,

symmetrisch gestellt sind. Diese Lage und Stellung der angeborenen

Kerben wird daher bei der Unterscheidung derselben von verheilten

Einrissen zu beachten sein. Die Tiefe solcher Kerben ist verschieden.

Mitunter betreffen sie blos den freien Rand des Hymen, sie können

jedoch, und zwar nicht selten, die ganze Breite desselben bis zur

Insertionsstelle einnehmen, in welchem Falle wir dann eine häufige

Form, den sogenannten gelappten Hymen, vor uns haben, welche meist

darin besteht, dass die oberen Drittel des Hymen beiderseits gesonderte

Lappen darstellen. Wenn zugleich die untere und obere mittlere

Peripherie des Hymen nur einen niedrigen Saum bildet, oder mit anderen

Worten, wenn so tiefe Einkerbungen an einem lippenförmigen Hymen sich

finden, dann sehen wir letzteren aus vier abgerundeten Lappen bestehen,

welche symmetrisch angeordnet sind und von denen die unteren fast immer

grösser sind als die oberen.

[Illustration: Fig. 13.

Hymen fimbriatus.]

[Illustration: Fig. 14.

Deflorirter Hymen fimbriatus.]

[Sidenote: Angeborene Einkerbungen und Fimbrienbildung am Hymen.]

Abgesehen von solchen grösseren Einkerbungen findet sich der freie

Hymenrand nicht selten in seiner ganzen Ausdehnung gleichmässig fein

gekerbt und in einzelnen Fällen wie mit stärkeren, jedoch weichen,

meist kurzen Wimpern besetzt -- Hymen fimbriatus. Letztere Hymenform

hat +Luschka+[54] zuerst beschrieben und abgebildet (Fig. 13).

Einen ebenso schönen Fall aus unserer Sammlung zeigt Fig. 14, der

dadurch noch interessanter ist, dass er von einer jungen Frau stammt,

die zwei Tage nach der Brautnacht an Ulcus ventriculi perforans

gestorben war. Die Fimbrienbildung ist hier besonders ausgezeichnet,

und in der linken Hälfte der unteren Peripherie findet sich ein

seichter Einriss. Geringere Grade von Fimbrienbildung am Hymenrande

sind häufig (v. Fig. 10), und wir haben uns überzeugt, dass eine

derartig gewimperte und auch die gleichmässig gekerbte Beschaffenheit

des Hymenrandes vorzugsweise am gelappten Hymen sich findet, wodurch

dieses, wie +Luschka+ richtig bemerkt, eine gewisse Aehnlichkeit

mit einer Blumenkorolle erhält.

[Illustration: Fig. 15.

Ringförmiger Hymen septus.]

[Sidenote: Hymen lobatus.]

In einzelnen Fällen findet man eine noch complicirtere Lappung,

die dadurch gebildet wird, dass gewisse, und zwar fast ausnahmslos

die oberen Partien der Scheidenklappe aus mehreren hintereinander

liegenden, manchmal vollkommen getrennten, häufiger stellenweise mit

einander verwachsenen und dann taschenartige Einstülpungen bildenden

Blättern bestehen, von denen die hinteren sich mitunter deutlich als

lappenförmige Ausbreitungen der Längsrunzeln der Vagina erkennen lassen.

Dabei sieht man dann häufig auch ein System von Läppchen im Kreise um

die Harnröhrenmündung angeordnet, ebenfalls eine Art kleiner Korolle

bildend, wie dies auch bei den hier abgebildeten Beispielen von Hymen

fimbriatus der Fall ist.

[Illustration: Fig. 16.

Halbmondförmiger Hymen septus.]

[Illustration: Fig. 17.

Ringförmiger sehr fester Hymen mit schief verlaufendem Septum.]

[Illustration: Fig. 18.

Hymen septus mit ungleichen Oeffnungen.]

[Illustration: Fig. 19.

Hymen septus mit ungleich grossen Oeffnungen.]

[Sidenote: Hymen septus. Hymen partim septus.]

Eine eigenthümliche und interessante Form des Hymen ist jene, die

wir schon vor mehreren Jahren als überbrückten Hymen beschrieben

haben.[55] Sie entspricht dem Foramen hymenaeum bipartitum älterer

Autoren und besteht darin, dass ein Band von derselben Structur wie die

Scheidenklappe sich über die Oeffnung derselben, und zwar fast immer in

sagittaler, nur ausnahmsweise in etwas schiefer Richtung, hinwegspannt,

und auf diese Weise dieselbe in zwei seitliche abtheilt (Fig. 15,

16 und 17). Diese Hymenform (Hymen septus) ist keineswegs selten.

Wir hatten sie, als wir unseren Aufsatz schrieben, bereits fünfmal

beobachtet und seitdem sowohl an Lebenden als an Leichen wiederholt

gefunden. Ausserdem ist dieselbe seitdem auch von anderen Beobachtern,

so von H. +Paschkis+, +Delens+, +Heitzmann+, +Dohrn+ und +Fehling+,

gesehen und beschrieben worden. Wir haben dieses Band als den unteren

Saum des in frühen Perioden der embryonalen Entwicklung bestehenden,

den Genitalcanal in zwei Hälften theilenden Septums gedeutet, somit

als den niedrigsten Grad jener Hemmungsbildung, welche in den höheren

Graden als Uterus septus und vagina septa erscheint. Wir wurden in

dieser Anschauung bestärkt durch mehrmals beobachtete Fälle, in welchen

sich die Hymenbrücke thatsächlich in ein in die Vagina aufsteigendes

kurzes und in einem Falle sogar in ein die ganze Länge des

Genitalschlauches durchsetzendes Septum fortsetzte, sowie dadurch, dass

wir zweimal ein solches Hymen bei Uterus unicornis fanden; da jedoch

einzelne Autoren, wie +Schröder+[56] und insbesondere +Dohrn+[57],

das Hymen als eine erst später (in der 19. Woche) sich bildende Klappe

auffassen, so wäre es möglich, dass der Entstehung dieser Hymenform

weniger eine Bildungshemmung, als vielmehr eine excessive Entwicklung

der Hymenanlage zu Grunde liegen könnte.

[Illustration: Fig. 20.

Hymen mit unterem Septumrudiment.]

[Illustration: Fig. 21.

Hymen mit unterem Septumrudiment.]

[Illustration: Fig. 22.

Gelappter Hymen mit unterem Septumrudiment.]

[Illustration: Fig. 23.

Hymen mit oberem Septumrudiment.]

Eine derartige Brücke kann bei allen Hymenformen vorkommen, und

die Grösse der seitlichen Hymenöffnungen kann sich verschieden

gestalten. Sind dieselben sehr klein, so bilden sie den Uebergang

zur vollständigen Atresie des Hymen, doch können bei dieser die

betreffenden Oeffnungen noch durch stärker vorgetriebene und dünnere

Stellen angedeutet sein, wie +Patin+ (Schmidt’s Jahrb. 1858, Bd. 100,

pag. 308) einen solchen Fall beschreibt und +Dohrn+ (l. c.) einen

abbildet. Auch ist es möglich, dass bei einer derartigen Brückenbildung

die eine Oeffnung mehr weniger klein ist als die andere (Fig. 18 und

19), oder dass nur die eine seitliche Oeffnung ausgebildet, die andere

aber verwachsen ist, woraus sich die manchmal zu beobachtende seitlich

excentrische Lage des Foramen hymenaeum erklärt.

[Illustration: Fig. 24.

Hymen mit oberem stachelartig vorragendem Septumrudiment.]

[Illustration: Fig. 25.

Hymen mit oberem und unterem Septumrudiment.]

Auch niedere Grade einer solchen Ueberbrückung der Hymenöffnung kommen

zur Beobachtung. So haben wir mehrmals Fälle gefunden und in unserem

Museum aufgestellt, bei welchen entweder von dem unteren (Fig. 20,

21 und 22) oder vom oberen (Fig. 23 und 24) Hymensaum zapfenartige

Fortsätze in das Lumen der Hymenöffnung hineinragten[58], während in

anderen sowohl von der oberen als von der unteren Hymenperipherie

ein solcher Zapfen abging (Fig. 25). Den Uebergang zu letzterer

Hymenform bilden die Fälle, wo das Septum zwar vollständig, aber in

der Mitte sanduhrförmig verdünnt ist. In einem unserer Präparate

ragt von oben und von unten ein konischer Zapfen in das Lumen der

Hymenöffnung und die Spitzen beider sind durch einen dünnen Faden

verbunden. Dass solche Rudimente eines Hymenseptums mitunter zu langen

polypenartigen Bildungen auswachsen können, zeigt Fig. 26, welche wir

einer interessanten russischen Arbeit über die Hymenformen von L.

+Mierzejewski+[59] entnehmen.

Noch niedere Reste der Brücke finden sich an den meisten

Scheidenklappen und wir betrachten als solche einen dreieckigen mit der

Basis von der hinteren Columna rugarum des Scheideneinganges abgehenden

Pfeiler, welcher, mit der hinteren Wand des unteren Hymentheiles

verwachsen, letzterem gleichsam als Stütze dient. Nicht selten gabelt

sich die Columna rugarum an ihrem untersten Ende und gibt dann zwei,

unter einem spitzen Winkel abgehende Pfeiler an die Hinterfläche des

Hymen ab.

[Illustration: Fig. 26.

Hymen mit fadenförmigem, von dem oberen Rand ausgehendem Fortsatz.]

[Illustration: Fig. 27.

Hymen mit rareficirten symmetrisch gelegenen Stellen, wovon die linke

durchbrochen.]

[Sidenote: Resistenzfähigkeit des Hymen. Hymen cribriformis.]

[Sidenote: Mehrfache Oeffnungen.]

Das bisher Gesagte bezieht sich blos auf das verschiedene Verhalten

der Form der Scheidenklappe. Aber auch in anderen Beziehungen kommen

vielfache Varietäten vor. So zunächst bezüglich der Festigkeit und

daher Resistenzfähigkeit der betreffenden Schleimhautfalte. In

einzelnen Fällen kommen ungewöhnlich feste, fleischige und selbst

sehnige (+Velpeau+) Hymen vor, und diese sind es, welche schon öfters

operative Eingriffe nothwendig machten, damit die Begattung und

selbst die Geburt erfolgen konnte. Fig. 17 gibt ein Beispiel eines

solchen theils durch die fleischige Substanz, theils durch das fast

sehnige kurze und dicke Septum ungewöhnlich festen Hymens. In anderen

Fällen wieder ist der Hymen sehr dünn, selbst durchscheinend. Diese

Rarefaction kann bis zur Lückenbildung sich steigern, wodurch dann der

von älteren Autoren, +Picolhominus+, +Berengar+ carpensis, +Riolan+

und auch von +Velpeau+ (Gaz. des hôp. 31, 1851) vielfach erwähnte

„siebförmige“ Hymen (H. cribriformis) zu Stande kommt. Wir selbst haben

ein eigentliches „siebförmiges“ Hymen bis jetzt noch nicht gesehen,

dagegen ein solches, bei welchem an einem halbmondförmigen Hymen ausser

der gewöhnlichen Oeffnung noch eine andere in der linken Hälfte

des betreffenden Halbmondes sich fand, die, wie die durchscheinende

Beschaffenheit der Randpartien derselben, sowie eine auffallend

verdünnte, ebenso grosse Stelle in der anderen Hälfte des Halbmondes

erkennen liess, offenbar durch Rarefaction zu Stande gekommen war (Fig.

27). Wäre ein solcher Vorgang auch auf der anderen Seite erfolgt, so

würde sich ein Hymen mit drei Oeffnungen ergeben haben, wie +Delens+

(l. c., ebenso bei +Tardieu+: Attent. aux moeurs, 1878) thatsächlich

einen solchen abbildet. Auch in unserer Sammlung befindet sich ein

von einem Säugling stammender Hymen mit drei Oeffnungen (Fig. 28),

doch ist derselbe kein rareficirter, sondern ein sehr fester. Die

Oeffnungen führen sämmtlich in blinde Taschen, während die Vagina

darüber vollkommen fehlt, statt welcher sich ein dünner, zum Uterus

hinaufziehender ganz solider Strang findet.

[Illustration: Fig. 28.

Hymen mit drei Oeffnungen bei Defect der Vagina. Bl Blase. Ut Uterus. V

St Obliterirte Vagina.]

[Sidenote: Dehnbarkeit des Hymen.]

Die Dehnbarkeit der Scheidenklappe ist von dem Baue derselben abhängig.

Die sehnenförmigen sind nicht dehnbar, dafür sehr widerstandsfähig;

die sehr dünnen, zartwandigen reissen sehr leicht, dagegen ist der

gewöhnlich vorkommende, nicht eine einfache Schleimhautduplicatur

darstellende, sondern auch eine bindegewebige und selbst musculöse

Structur besitzende Hymen (+Velpeau+, +Luschka+, +Dohrn+) sehr dehnbar,

wovon man sich sowohl an der Leiche als am Lebenden oft genug zu

überzeugen in der Lage ist, da man, wenn die Hymenöffnung nicht sehr

klein ist, mit einiger Vorsicht nicht blos mit dem Finger, sondern

manchmal selbst mit einem dünnen Speculum in die Scheide gelangen kann,

ohne den Hymen zu verletzen.

[Sidenote: Zusammenlegung des Hymen.]

Lehrbuch der Gerichtlichen Medicin · 第 12 / 132 段