testiculorum -- die +Kryptorchie+ -- bedingt für sich allein keine
Befruchtungsunfähigkeit. +Taylor+ (l. c. II, 294) erwähnt vier Fälle
dieser seltenen[22] Hemmungsbildung, die sämmtlich Männer betrafen,
welche in, zum Theile wiederholter Ehe Kinder erzeugt hatten, und ein
gleicher Fall wird von +Pelikan+ (l. c. pag. 43-50) mitgetheilt; ebenso
konnte +Beigel+ (Virch. Arch. CVIII, pag. 144) in dem ejaculirten Samen
eines 22jährigen Mannes mit doppelseitiger Kryptorchie Spermatozoiden
in normaler Mengen nachweisen. Diese Thatsachen widersprechen den
ältern, insbesondere von +Hunter+, +Curling+ und +Godard+ gemachten
Behauptungen, wonach der nicht erfolgte Descensus der Hoden immer
auch mit verkümmerter Beschaffenheit dieser verbunden sei, und es ist
immerhin beachtenswerth, dass in drei solchen Fällen, die +Taylor+
(l. c. 293) ebenfalls erwähnt, in dem ejaculirten Sperma keine
Spermatozoiden gefunden werden konnten.[23] Bei dem Umstande jedoch,
als, wie wir hören werden, die Aspermatozie auch bei normalem Situs
der Hoden häufig genug vorkommt, erscheint es möglich, dass in jenen
Fällen weniger der nicht erfolgte Descensus der Testikel als andere
Ursachen das Fehlen der Samenfäden bedingt haben, wie ja schon in dem
Umstande, dass überhaupt Spermaflüssigkeit ejaculirt wurde und die
Beischlafsfähigkeit in dieser Richtung nicht gestört war, der Beweis
liegen dürfte, dass die Hoden keineswegs verkümmert waren, wie dies von
+Hunter+ u. A. bei den Testiconden angenommen wird.
Die zur Befruchtung nothwendige Fähigkeit der Testikel, normalen
Samen zu secerniren, wird zunächst von gewissen Altersverhältnissen
beeinflusst.
[Sidenote: Befruchtungsfähigkeit bei Knaben. Pubertät.]
In dieser Beziehung ist es bekannt, dass erst mit dem Eintritte der
Pubertät die Hoden die Fähigkeit erlangen, Sperma zu bilden. In unserem
Klima stellt sich die Geschlechtsreife gewöhnlich zwischen dem 16.-18.
Jahre ein; es ist jedoch klar, einestheils, dass dieselbe nicht mit
einem Schlage auftritt, sondern allmälig sich entwickelt, und dass
ferner eine Reihe der verschiedenartigsten Verhältnisse den früheren
oder späteren Eintritt derselben modificirt. Insbesondere sind Race
und Erziehung von Einfluss, und diese Momente, sowie etwa stattgehabte
frühzeitige geschlechtliche Reizungen, die unzweifelhaft eine Frühreife
bewirken können, werden in dieser Beziehung in Betracht zu nehmen sein,
sowie überhaupt in solchen Fällen, wo die Zeugungsfähigkeit eines
Knaben namentlich wegen angeschuldeter Vaterschaft in Frage kommt,
an dem Grundsatze festgehalten werden muss, weniger das Alter des
Individuums, als seine körperliche Entwicklung in Erwägung zu ziehen.
Dass letztere und mit ihr die Geschlechtsreife früher als sonst, und
mitunter ungewöhnlich frühzeitig sich einstellen kann, unterliegt
keinem Zweifel. Es existiren darüber thatsächliche Beobachtungen.
Ob der von +Klose+ (Syst. der ger. Physik, pag. 250) bezeichnete
Fall von durch einen 9jährigen Knaben bewirkter Schwängerung Glauben
verdient, ist allerdings fraglich; ein solcher, einen 14jährigen Knaben
betreffend, ist uns aber selbst bekannt. Ebenso erwähnt +Taylor+ (l. c.
289) Fälle von Nothzucht, die von 15-16jährigen Knaben verübt wurden
und zur Verurtheilung letzterer führten.
Anlässlich solcher Fälle möchten wir jedoch bemerken, dass
geschlechtliche Regungen überhaupt, sowie Erections- und daher
Beischlafsfähigkeit bei Knaben viel früher vorhanden sind als die
Befruchtungsfähigkeit, wie ja die so häufige Masturbation und analoge
Erfahrungen bei jungen Thieren, insbesondere Hunden, zur Genüge
beweisen, dass daher aus der Thatsächlichkeit eines durch einen Knaben
vollbrachten geschlechtlichen Actes nicht auch auf bereits vorhandene
Geschlechtsreife, respective Befruchtungsfähigkeit geschlossen werden
darf.
Wie die Erfahrung lehrt, gibt sich die eingetretene geschlechtliche
Reife in der Regel durch gewisse mehr weniger auffallende Veränderungen
in dem körperlichen Verhalten des betreffenden Individuums zu erkennen.
Der Körper bekommt einen mehr männlichen Habitus, die Schamhaare
kommen zum Vorschein, ebenso, jedoch in der Regel später, die ersten
Spuren der Barthaare; die früher infantilen Hoden schwellen an und
werden gegen Druck empfindlicher, das Glied wird turgescenter und
stärker, die Stimme schlägt um u. s. w. Das Vorhandensein oder Fehlen
dieser Symptome wäre zu constatiren, denn es ist nicht zu leugnen,
dass dieselben sehr gut für die Frage, ob das Individuum bereits
zeugungsfähig sei oder nicht, verwerthet werden können. Eine absolute
Beweiskraft kommt jedoch keiner dieser Erscheinungen zu[24], und nur
dem Befunde ejaculirten Spermas könnte eine solche zugeschrieben
werden. Bei dem Umstande als nächtliche Pollutionen ein frühzeitig
sich einstellendes Zeichen eingetretener Geschlechtsreife bilden
und anderseits gerade in der Pubertätsperiode die Masturbation am
häufigsten vorkommt, wäre in einem derartigen Falle nach Spermaflecken
zu fahnden und der mikroskopische Nachweis der Spermatozoiden
anzustreben.
[Sidenote: Befruchtungsfähigkeit bei Greisen.]
Obgleich im Allgemeinen angenommen werden kann, dass im Greisenalter
mit den Jahren die Befruchtungsfähigkeit abnimmt, so lässt sich doch
kein Zeitpunkt bestimmen, von welchem an dieselbe vollkommen aufhört,
es scheint vielmehr, dass in dieser Beziehung, so lange das Individuum
nicht in hohem Grade marastisch oder anderweitig herabgekommen ist,
von der Natur keine Grenzen gesetzt sind, wie dies bezüglich der
Conceptionsfähigkeit des Weibes der Fall ist. Es sprechen dafür
nicht blos zahlreiche zweifellose Beobachtungen von durch Greise
erfolgten Schwängerungen (+Taylor+, l. c. pag. 291), sondern auch die
Thatsache, dass man auch in Leichen sehr alter Leute ungemein häufig
Spermatozoiden in den Hoden sowohl als in den Samenblasen nachzuweisen
im Stande ist. +Duplay+ (Arch. génér., December 1852) hat das Sperma
der Leichen von 51 Greisen untersucht und konnte in 37 Fällen
Spermatozoiden nachweisen; 7mal war die Menge derselben ungeheuer
gross, wie in früheren Jahren, 16mal war noch in jedem Tropfen eine
grosse Zahl zu finden und 14mal waren nur einzelne nachweisbar.
Aehnliche Untersuchungen hat A. +Dien+ angestellt (Journ. de l’anat.
et de la phys. 1867, 449) an den Leichen von 105 Greisen von 64 bis 95
Jahren. Es fanden sich Spermatozoiden in den Samenbläschen bei Greisen
von 64-70 Jahren (14) bei 64·3%, von 70-80 (49) bei 44·8%, von 80-90
(38) bei 26·3%, während in den Leichen von 90-97jährigen Greisen (4)
keine gefunden wurden. Uebrigens kann auch bei Greisen trotz fehlender
Spermatozoiden Geschlechtslust und Beischlafsfähigkeit bestehen. So
obducirten wir einen 74jährigen, noch ziemlich rüstigen Mann, der bei
einer Prostituirten während des Coitus gestorben war, und zwar an
Herzlähmung in Folge von Endarteriitis deformans und consecutiver
Herzhypertrophie. Im Inhalte der Hoden und Samenblasen fand sich keine
Spur von Samenfäden. Interessant war in diesem Falle auch der Befund
einer ausgeheilten embolischen Erweichung des rechten Kleinhirns,
welche fast ein Drittel desselben betraf (vide pag. 50).
Obige Beobachtungen, mit welchen die in unserem Institute gemachten
übereinstimmen, mahnen zur Vorsicht bei der Beurtheilung der
Befruchtungsfähigkeit von Greisen, umsomehr, als Fälle, in denen die
Legitimität von Kindern wegen Alters des Vaters angefochten wird,
verhältnissmässig nicht selten vorkommen. Auch hier wird weniger
das Alter des betreffenden Mannes, als vielmehr sein Körperzustand
zu würdigen sein, und es ist bekannt, dass in dieser Beziehung die
grössten Verschiedenheiten sich ergeben.
[Sidenote: Hodenatrophie.]
Von den pathologischen Processen, welche die Functionsfähigkeit
der Hoden aufheben oder gar nicht eintreten lassen können, sind
insbesondere die +atrophischen Zustände+ zu erwähnen.
Eine angeborene Verkümmerung der Hoden ist verhältnissmässig sehr
selten. Häufiger ist ein Persistiren der Hoden in ihrem infantilen
Zustand, welches insbesondere gleichzeitig mit dem Zurückbleiben der
sonstigen Körperentwicklung, bei gewissen Formen des angeborenen
Blödsinnes, aber auch ohne beides vorkommt.
Wir obducirten kurz hintereinander 3 Fälle einschlägiger Art. Der
erste betraf einen 23jähr. Mann, welcher in Kohlendunst erstickt war.
Es war ein sehr kräftiges, jedoch bartloses Individuum, ein wahres
Modell; der Penis war normal, das Scrotum auffallend klein (kaum
apfelgross), leer. Die Hoden unmittelbar am äusseren Leistenring
knabenhaft klein. Weder in diesen, noch in den Nebenhoden, noch
in den Samenblasen Spermatozoiden. Das äussere Genitale hatte
eine auffallende Aehnlichkeit mit dem des von +Pelikan+ (l. c.)
abgebildeten Kryptorchen. Der zweite Fall betraf einen 40jähr.
herabgestürzten Ziegeldecker von kleinem, zartem Körperbau,
mit ziemlich dichtem Vollbarte, nicht verknöcherten Kehlkopf-
und Rippenknorpeln und offenem Foramen ovale. Die Genitalien
mässig behaart, doch von knabenhafter Kleinheit. Die Hoden blos
haselnussgross, weich. Sowohl in den Samenblasen, als in den
Hoden Spermatozoiden, doch nur sehr spärlich, in ersteren 1-3, in
letzteren 3-5 in einem Gesichtsfelde. Im dritten Falle handelte es
sich um einen 23jähr. Zimmermaler, der auf der Strasse plötzlich
todt zusammengestürzt war. Als Todesursache ergab sich ein Struma
mit hochgradiger säbelscheidenförmiger Compression der Trachea.
Der Körper war 169 Cm. lang, schlank und mager. Die Genitalien
von knabenhaftem Aussehen. Am Schamberg etwa 10 Flaumhaare,
Penis 4 Cm. lang, 1·5 breit, vom Schamberg durch eine niedrige
bogenförmige Hautfalte abgegrenzt. Hodensack klein, flach, leer.
Hoden bohnengross, im Leistencanal unmittelbar hinter dem inneren
Leistenring. Samenbläschen 2·3 Cm. lang, 0·5 breit. Nirgends
Samenfäden. Das Individuum war seit seiner Jugend schwächlich,
soll ein Liebesverhältniss gehabt haben, welches jedoch nach
Coitusversuchen von Seite des Mädchens aufgegeben wurde. Seitdem
soll der Untersuchte stets traurig und verschlossen gewesen sein.
-- Beachtenswerth sind auch die durch mehrere Fälle illustrirten
Mittheilungen +Boreli+’s, wonach ein Zurückbleiben der Entwicklung
des Zeugungsapparates auch als Theilerscheinung von Malariakachexie
vorkommt. (Wiener med. Blätter. 1881, pag. 54.)
Bezüglich der senilen Atrophie gilt das, was oben über die
Spermabildung bei Greisen gesagt wurde.
Die übrigen Formen der Hodenatrophie können durch locale oder durch
entfernte Ursachen veranlasst werden.
Zu den ersteren gehören Excesse in venere, entzündliche Processe der
Hoden und Nebenhoden und von den Nachbarorganen ausgeübter Druck.
Dass excessiver Missbrauch der Hoden Atrophie derselben bewirken kann,
unterliegt keinem Zweifel, weniger ist es jedoch die allzuhäufige
natürliche Befriedigung des Geschlechtstriebes, die solche Folgen nach
sich zu ziehen vermag, als vielmehr die frühzeitige und excessiv geübte
Masturbation, die ebenso, wie sie den Gesammtkörper herabbringt, auch
die Leistungsfähigkeit der Hoden zu erschöpfen vermag. +Curling+ (On
sterility in Man, 1846) erwähnt derartige Fälle, und ein solcher, wo
bei einem 29jährigen Onanisten Atrophie der Hoden gleichzeitig mit
Atrophie der Prostata beobachtet wurde, findet sich im Jahresberichte
des Wiener allgem. Krankenhauses pro 1871, pag. 141, von +Albert+
beschrieben.
Von den entzündlichen Processen, welche Hodenatrophie herbeiführen
können, sind die gonorrhoische Orchitis und Epididymitis zu erwähnen.
Doch kommt eigentliche Atrophie und consecutive Aspermasie vorzugsweise
nur in den chronischen indurativen Formen der Hodenentzündung zu
Stande, indem die von dem intralobulären Bindegewebe oder von der
Membrana propria der Samencanälchen ausgehende Bindegewebswucherung das
Lumen der Samencanälchen comprimirt und den zelligen Inhalt derselben
durch Druck zum Schwinden bringt (+Rindfleisch+, +Steiner+). Ungleich
häufiger ist die gleich zu erwähnende Aspermatozie (Azoospermie) ohne
Atrophie des Hodens die Folge der genannten Processe.
In gleicher Weise kann Hodenatrophie nach syphilitischer, sowie nach
traumatischer Hodenentzündung zu Stande kommen.
Fortgesetzter Druck auf die Hoden kann dieselben ebenfalls zum
Schwinden bringen. Es kann dies geschehen durch Hydro- und Varicocele
(+Hunter+), durch grosse Scrotalhernien (+Hunter+) und nach +Virchow+
auch durch Elephantiasis scroti. Die in einzelnen Fällen von
Kryptorchie beobachtete Aspermasie (Aspermatozie) hat man ebenfalls
mit durch Druck bewirkter Atrophie der Hoden in Verbindung gebracht.
Es wäre dies namentlich möglich bei Hoden, die im Leistencanal stecken
geblieben sind. So fanden wir bei einem erstochenen Manne blos den
linken Hoden im Scrotum, den rechten aber im Leistencanal. Ersterer war
normal gross und enthielt reichliche Spermatozoen, während im linken,
um zwei Drittel kleineren, nur isolirte sich nachweisen liessen.
Von den entfernteren Ursachen der Hodenatrophie ist zunächst die von
+Obolensky+ (Med. Centralbl. 1867, pag. 497) experimentell geprüfte
Durchtrennung des Nervus spermaticus zu erwähnen. O. fand, dass bei
Thieren nach Durchschneidung des N. spermaticus progressive Atrophie
des Hodens sich einstelle, dass sie schon 2-3 Wochen nach der Operation
beginne und binnen 4 Wochen in der Regel so weit schreite, dass der
betreffende Hode zu einem erbsengrossen Körper zusammenschrumpfe.
-- +Pelikan+ und +Blumberg+ sahen auch nach Durchschneidung der
Samenstränge in toto Atrophie, manchmal aber auch Vereiterung der Hoden
eintreten.
Nach der Operation erfolgte in der Regel Intumescenz des Hodens, in
welchem Zustande derselbe bis zum 16.-20. Tage blieb, worauf sich
derselbe allmälig bis zum Umfange einer Bohne oder Erbse verkleinerte,
so dass der ganze Process in etwa zwei Monaten beendet war. Nach
Durchschneidung des Vas deferens allein trat Atrophie des Hodens
+nicht+ ein, ebensowenig nach Unterbindung desselben.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass ebenso, wie Verletzungen des
N. spermaticus Hodenatrophie bedingen können, letztere auch bei
Erkrankungen des N. spermaticus oder der centralen Nervenorgane,
aus welchen er entspringt, erfolgen kann. Dies wäre insbesondere
bei Erkrankungen der unteren Partien des Rückenmarkes in Betracht
zu ziehen. Möglicher Weise kann eine solche Atrophie auch nach
Erkrankung höher gelegener Rückenmarkstheile und selbst des Gehirns
sich entwickeln, wofür auch die Beobachtung +Larrey+’s spricht, der bei
einem Soldaten, dem in Egypten das kleine Gehirn verletzt worden war,
Hodenatrophie und Impotenz eintreten sah.[25] Weiter kann Hodenatrophie
eintreten nach Thrombose der Art. sperm. interna, welcher für den Hoden
die Bedeutung einer Endarterie zukommt. J. +Mifle+ (Arch. f. klin.
Chir. XXIV, 399) und E. +Niemann+ (Breslauer ärztl. Zeitschr. 1884, Nr.
2) berichten über solche Fälle.
[Sidenote: Impotenz bei Alkoholismus und Morphinismus.]
Die früher behauptete atrophirende Wirkung des Jod auf die Hoden
wurde durch neuere Beobachtungen nicht bestätigt. Gleiches gilt vom
Bromkalium, dem +Huette+ ähnliche Wirkung zuschrieb (+Krosz+, Arch.
f. experim. Path. VI, 3). Dagegen scheint dem Alkoholmissbrauch ein
solcher Effect zuzukommen. Die meisten Säufer sind bekanntlich steril,
und eine Zahl von Leichen derselben, die wir selbst untersucht haben,
hat uns belehrt, dass die Hoden bei diesen Leuten in gleicher Weise
der Verfettung unterliegen wie die übrigen Organe, und dass sich
bei denselben verhältnissmässig selten Samenfäden im Hoden und in
den Samenblasen finden. Anderweitig zu Stande kommende übermässige
Fettbildung wird wahrscheinlich ebenfalls auf die Hoden einen Einfluss
nehmen, wie wir ja wissen, dass sehr fette Individuen seltener Kinder
zeugen als andere.[26]
[Sidenote: Aspermatozie.]
In allen Fällen von Atrophie, resp. Verfettung der Hoden scheint
zuerst die Bildung der Spermatozoiden und hierauf erst jene der
Spermaflüssigkeit zu sistiren. Aspermatozie (Azoospermie) geht demnach
der Aspermie voraus. Es kann jedoch auch Aspermatozie bestehen ohne
jegliche Atrophie, und sie kann sich finden bei Individuen, die
ohne Anstand den Coitus auszuüben im Stande sind und dabei ganz
normal ejaculiren. +Casper+ (l. c. 129), +Mantegazza+ und +Hirtz+
(Prager Vierteljahrschr. 1863, 78. Bd., III) berichten bereits über
solche Fälle, ebenso +Gosselin+, +Curling+ und besonders +Liégeois+
(Virchow’s Jahrb. 1869, I, 257), ferner in späterer Zeit aus unserem
Institute +Schlemmer+[27], dann +Ultzmann+ (l. c.), +Kehrer+ (Beiträge
zur Geburtsk. und Gynäk. Giessen 1879, II, 1 und 1887, pag. 262),
+Duncan+ (Virchow’s Jahrb. 1883, II, 554), +Quedliot+ (Wiener med.
Wochenschr. 1884, 78) und +Fürbringer+ (Deutsche med. Wochenschr.
1888, Nr. 28). Die Mehrzahl dieser Individuen betrifft solche, die
eine (meist beiderseitige) Entzündung der Samenstränge und der
Nebenhoden überstanden haben, und es unterliegt mit Rücksicht auf die
Häufigkeit einschlägiger Beobachtungen keinem Zweifel, dass letztere
Processe zu den häufigsten Ursachen der Aspermatozie gehören. Es
kommt zu Verwachsungen der entzündlich erkrankten Leitungswege, und
die Flüssigkeit, welche später beim Coitus entleert wird, ist kein
Sperma im engeren Sinne, sondern nur das Secret der oberhalb der
Obliterationsstelle gelegenen Samenwege, insbesondere der Samenblasen.
Es gibt jedoch auch Fälle von Aspermatozie im engsten Sinne, bei
welchen, ohne dass Erkrankung der Hoden vorausgegangen wäre, das
Secret derselben keine Spermatozoiden enthält. +Casper+ erwähnt
solcher Beobachtungen. Die Ursache dieser Erscheinung ist vorläufig
unbekannt. Es ist möglich, dass vielleicht einzelne Individuen von
Haus aus nicht fortpflanzungsfähig sind, wie wir dies z. B. bei den
Bastarden von Thieren beobachten können. So ist eine Befruchtung vom
Maulesel unmöglich, weil im Samen desselben wohl Epithelialzellen und
Kerne, aber keine Samenfäden vorkommen, wie +De Martini+ und +Hausmann+
nachgewiesen haben. (Vierteljahrschr. für Veterinärk. 1874, XLI, Heft
1, pag. 6, Anal.[28])
Temporäre Abwesenheit der Spermatozoiden nach wiederholt geübtem Coitus
hat +Casper+ bei einem 60jährigen Manne direct beobachtet. Ueber die
forensisch nicht unwichtige Frage, wie sich im Verlaufe gewisser
Krankheiten oder einige Zeit nach diesen die Spermatozoidenbildung
verhält, existiren Beobachtungen von +Liégeois+ (l. c.), aus welchen
derselbe den Schluss zieht, dass solche Processe die Bildung der
Spermatozoiden nicht aufheben. Dagegen lehren die in unserem
Institute an Leichen gemachten Untersuchungen, dass ebenso wie mit
fortschreitendem Altersmarasmus, auch im Verlaufe langwieriger und
erschöpfender Krankheiten die Neubildung der Spermatozoiden abnimmt
und selbst ganz sistiren kann. Damit stimmen neuere Untersuchungen von
A. +Busch+ in München (Ueber Azoospermie beim gesunden und kranken
Menschen etc. Zeitschr. f. Biologie. Bd. 18, pag. 496) überein,
welcher bei 43 an Phthisis pulmonum und bei 37 an anderen chronischen
Krankheiten Verstorbenen 12mal, beziehungsweise 11mal Azoospermie und
20mal, resp. 13mal nur wenige Spermatozoiden zu constatiren vermochte.
Dass in einem Sperma die Samenfäden fehlen, lässt sich nur durch
mikroskopische Untersuchung constatiren. Doch kann ein solches Sperma
schon makroskopisch durch seine wässerige oder stark pigmentirte oder
colloide Beschaffenheit auffallen (+Schlemmer+, +Ultzmann+).
[Sidenote: Samenwege.]
Wie oben erwähnt, ist die Potentia generandi des Mannes ausser an die
Gegenwart leistungsfähiger Hoden auch an die normale Beschaffenheit der
+Samenwege+ geknüpft. Diese Wege sind die Samengänge und die Harnröhre.
Einen vielleicht einzig dastehenden Fall von angeborenem Mangel der
Vasa deferentia beschreibt +Little+ (Dublin. Journ. LVIII, Aug.
1874). Er betraf einen kräftigen, gesunden Mann mit äusserlich gut
entwickelten Geschlechtsorganen und normalen Hoden. Epididymis
beiderseits unvollkommen entwickelt, Cysten mit Spermatozoiden
enthaltend. Vas deferens fehlt beiderseits vollständig, ebenso die
Ductus ejaculatorii. Von den Samenbläschen nur Rudimente. In einem von
uns secirten Falle von Agenesie der linken Niere fehlte auch die linke
Samenblase und das linke Vas deferens. Leider wurden die Hoden in der
Leiche gelassen, so dass ihr Verhalten nicht mehr constatirt werden
konnte, doch war an ihnen äusserlich keine Atrophie bemerkt worden.
[Sidenote: Obliteration der Samengänge.]
Obliteration der Vasa deferentia kann sowohl, wie schon erwähnt, durch
entzündliche Processe, als durch Compression erfolgen. +Duplay+ (Arch.
génér. Août-Oct. 1855) will bei älteren Leuten häufig (?) Obliteration
des Nebenhodencanals, seltener der Vasa deferentia beobachtet haben,
wobei es ihm auffiel, dass die Hoden selbst nicht verändert waren
und die Samenbildung noch stattfand. Diese Beobachtung würde mit
der oben erwähnten +Pelikan+’s übereinstimmen, welcher fand, dass
Durchschneidung der Vasa deferentia allein keine Atrophie der Hoden
bewirke.
Seit jeher wurde die Möglichkeit besprochen, dass in Folge des
Seitensteinschnittes durch Verletzung der Ductus ejaculatorii
Sterilität entstehen könne. +Cosmao+-+Dumenez+ (Schmidt’s Jahrb.
1863, 120. Bd., 308) beschreibt einen derartigen Fall. Ebenso (Virch.
Jahrb. 1874, II, 312) werden von +Teevan+ vier solche mitgetheilt, die
sämmtlich im besten Mannesalter stehende Individuen betrafen, welche
vom Zeitpunkte der Operation nicht blos kinderlos blieben, sondern auch
übereinstimmend angaben, dass seit dieser Zeit während des Coitus keine
Ejaculation mehr stattfinde. Anderweitige Verletzungen der betreffenden
Partie der Harnröhre können offenbar Gleiches bewirken. In dieselbe
Kategorie gehört auch der von G. +Schmitt+ (Würzb. med. Zeitschr.
III, pag. 361; Schmidt’s Jahrb. 1863, 119. Bd., pag. 39) erwähnte
35jährige, stets gesunde, sinnlich aufgeregte Mann, der nie, weder beim
Coitus, noch bei nächtlichen Erectionen, Sperma entleert hatte, trotz
Wollustgefühl.
[Sidenote: Hypospadie.]
Von den Anomalien der Harnröhre ist insbesondere die Hypospadie als
die am häufigsten vorkommende zu erwähnen. Bei der Beurtheilung
solcher Fälle muss man zunächst von der alten Anschauung abgehen,
dass, damit Befruchtung eintreten könne, der Same tief in die Scheide
eindringen oder gar gegen den Muttermund gespritzt werden müsse. Diese
Anschauung ist durch eine Reihe von Thatsachen zweifellos widerlegt,
worunter insbesondere die später zu erwähnenden Fälle gehören, in
welchen Schwängerung erfolgte, obgleich eine Immissio penis wegen
fast vollständiger Verwachsung des Scheideneinganges und selbst der
Schamlippen gar nicht möglich war. Bei vielen Formen der Hypospadie,
z. B. bei der verhältnissmässig häufig vorkommenden Ausmündung der
Harnröhre an der Wurzel des Frenulums, in der Eichelfurche (Fig. 1),
ist übrigens weder das tiefe Eindringen des Gliedes, noch das directe
Ausspritzen des Spermas gegen den Muttermund wesentlich gehindert,
denn in solchen Fällen ist der Penis in der Regel normal gebildet
und auch die Entleerung des Harns erfolgt ohne Anstand im Strahle.
+Labalbary+[29] sah eine solche Hypospadie bei einem Vater von zwei
Kindern und erwähnt einer weiteren derartigen Deformität, die einen
Vater von 5 Kindern betraf. P. +Frank+ sah sogar in derselben Familie
Hypospadie bei Vater, Sohn und Enkel.