aus dem alles zunächst einmal wuchs und gewachsen war, auch das
„Wirkliche“.
Man vergaß, daß dieses Wirkliche in keinem Moment etwas Absolutes
war, sondern unablässig nur ein schwankendes Lichtfeld innerhalb
der subjektiven Erlebnisse bildete, in das beständig Neues aus der
subjektiven Masse einwuchs und aus dem schon Aufgenommenes beständig
wieder austrat.
Man vergaß, daß man im Subjektiven den wahren seelischen Boden
berührte, der dem Antäus die Mutterkraft gab -- während das „Wirkliche“
sich immerzu einem rein objektiven Werte näherte, für den man in dem
Denken wenigstens, das das neunzehnte Jahrhundert nach seiner großen
Religionskrisis beherrschte, keinerlei höhere seelische Einheit zur
Verfügung hatte.
In der ganzen zweiten Hälfte des Jahrhunderts sinkt in der allgemeinen
Auffassung des Menschen überall das Individuum.
Die „Wirklichkeit“, dieses Gemeinsame der Individuen, gewinnt einen
Zug, bei dem das Einzelne als das sozusagen Überflüssige erscheint.
Sie +umfaßt es+.
Eine Null ist es schließlich vor ihr. Seit man seine Geschichte mit
Werten in ihr belegen kann, scheint sie von allen Seiten ganz um ihn
herumgewachsen zu sein.
Philosophisch kräuselte sich das zu dem Gedanken aus: sie +ist+
überhaupt bloß.
Der einzelne Mensch ist lediglich eine Welle in ihr. Sie dauert, er
vergeht. Allerdings ist sie bloß eine ungeheuere Maschine, gleich den
Sozialorganen des Menschen. Aber diese Maschine eben ist das eigentlich
Seiende. Die Menschen sind nur in ihr geborene und wieder zerstörte
Spiegelplättchen.
Allmählich sinkt das ganze Aktive der Welt mehr und mehr in diese
gemeinsame Wirklichkeit.
Der Mensch ist nur noch Passives.
Er liegt in einer ungeheueren Maschine.
Sie treibt heute ihren Dampf in ihn und läßt ihn laufen. Morgen wirft
sie ihn auf den Schwungriemen und wirbelt ihn gegen die Decke.
In diesem Jahrhundert grandioser technischer Werkstätten nimmt auch
dieses Bild grandiose, monumentale Formen an.
Aber in seiner philosophischen Konsequenz muß es zu einem Pessimismus
der schärfsten Färbung führen: dem Pessimismus, der in allen
Kulturjahrtausenden immer wieder die Reaktion des Individuums gewesen
ist, das von einer Weltanschauung wie eine Schnecke im Weinberg
zertreten wird.
Und dieser Pessimismus wird tatsächlich doch nur verdankt einem
falschen erkenntnistheoretischen Schachzuge.
Das Jahrhundert beginnt sich seinen schönsten Zauberstab, die
„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen, zu versteinern, zu entwerten, zu
einer Geißel gegen sich selbst umzuübertreiben.
Das aber einmal in voller Gährung, fließen die Wellen jetzt
unaufhaltsam auf der schiefen Ebene ab, den Rest des Jahrhunderts mit
ihrem Rauschen durchhallend.
Aus dem wundervollen neuen Menschen, den uns das Jahrhundert aus
Nebelflecken und Urzellen gezogen hatte, diesem Menschen, der einen
Kosmos um ein Paradiesgärtlein eingetauscht hatte, der auch in
der schlichtesten Arbeiterbluse fortan ein Sonnensohn war, dessen
Adelsbaum bis in die Milchstraßen ragte: aus diesem unsagbar prächtig
vergrößerten Menschen ging in der Logik der falschen Doktrin auf einmal
der „Normalmensch“ hervor, ein kleines spaßhaftes Philisterlein mit
einer Nummer vor der Stirn, der nicht zu mucken, sondern nur zu folgen
hatte.
Dieses Menschen-Maschinlein war der Mensch, ausgemünzt bloß noch auf
die bestehenden Allgemeinwerte hin, unter absolutem Niedersäbeln jedes
subjektiven Lebens als einer „Schädlichkeit“.
Von einer blinden Vergottung der heute gerade errungenen
Wirklichkeitswerte aus wurde dieses Menschlein zurückgezahlt als
erstarrte Schablone, die jetzt in die Praxis allenthalben hineingepreßt
werden sollte.
Es war die Entwickelung, die sich selber den Ast absägte, die Quelle
verstopfte, den ewigen Jungbrunnen zuschüttete.
Denn mit der Nichtigkeitserklärung den ganzen rein subjektiven Werten
gegenüber erstickten alle die Keimkristalle des Fortschrittes in der
Erweiterung des Wirklichkeitsbildes, die unablässig in dieser großen
Mutterlauge des Subjektiven anschossen.
Jede große Allgemeinwahrheit war einmal in einem einzelnen Kopf
als heterogene, als ketzerische Subjektivität geboren, jede
Allgemeinnützlichkeit an einem subjektiven Leibe zuerst erprobt worden.
Aber was sollte das, wenn man alles Aktive in diesem nachgeborenen
Produkt, in der schon bestehenden „Wirklichkeit“ selbst suchte, anstatt
in den Individuen mit ihren Subjektivitäten, die unablässig neues
Material aus ihrer Aktivität heraus zur Auslese des sozial Passenden
ins Feld warfen?
Der Normalmensch wuchs wirklich für die Theorie sieghaft auf, so
und so viel tausend und tausend Spiegelplättchen, alle auf dieselbe
omnipotente „Wirklichkeit“ eingestellt und nur gemessen auf die
Korrektheit dieser Einstellung.
Wer im genauesten Winkelmaß ziffernmäßig eingerenkt stand, -- der war
„gesund“.
Jede subjektive Abweichung aber war -- Krankheit.
Obwohl alle letzten Gedankengänge, die schließlich bis hierher geführt
hatten, falsch oder wenigstens übertrieben waren, so tritt doch auch
darin noch die Größe des Jahrhunderts hervor, daß die Verfolgung
dieser Dinge jenseits des schlechten Punktes eine so gewaltige Logik
entwickelte, daß schon das allerstärkste Bollwerk nötig wurde, um sie
endlich doch zum Falle zu bringen.
Es liegt aber ein solches Bollwerk tatsächlich inmitten des unendlich
schwankenden Halbdunkelgebietes des „Subjektiven“ -- und zwar sind
seine Zinnen von alters in ihrer ganzen Cyklopenkraft bekannt.
+Es ist die Kunst.+
-- -- --
Auf einem Höhepunkte der Verwickelung mußte die Kunst das Ilion werden,
vor dessen Mauern der große Kampf zum Stillstande der Entscheidung kam.
Der Kampf zwischen der versteinerten, vergötzten „Wirklichkeit“ -- und
dem Aktiven in der Subjektivität, das neue Werte schuf und den ewigen
Fluß, die ewige Relativität, die ewige Entwickelung vertrat jenes
Ausschnittes aus dem grundlegenden Gesamtergebnisse der Menschheit, den
wir „Wirklichkeit“ nennen.
Die Kunst nimmt in dem Gegensatze zwischen Subjektivem und Sozialem,
zwischen der großen Erlebniswirklichkeit und der engeren, gemeinsamen
„Wirklichkeit“ in Anführungszeichen eine so schlechterdings besondere
Stellung ein, eine so raffiniert verwickelte Grenzstellung, daß jede
Übertreibung hier ein Zwist auf Tod und Leben werden muß.
Nichts ist seltsamer, ist von gewissem Boden aus unwahrscheinlicher und
ist doch tatsächlich wahrer als der Satz, daß in der Kulturgeschichte
noch +jede+ Welle, die +vergewaltigend+ gegen die +Kunst+ anbrandete,
schließlich +zerbrochen und verschäumt ist+, -- als sei hier der
feinste Kern- und Schutzwert der Menschheit berührt, dessen Antastung
jäh alle Alarmsignale auslöst und zum generalen Widerstande bläst.
Auch in der Auffassung des Ästhetischen läßt sich das neunzehnte
Jahrhundert ziemlich gut auf seine zwei Hälften trennen.
Die erste Hälfte steigt herauf geradezu aus einer ästhetischen
Hochblüte. Ästhetisch ist also förmlich aufdringlich zuerst noch ihre
Grundstimmung.
Während die Naturforschung, die Technik, der Realitätssinn in der
Stille schon die ganze Unterströmung beherrschen, liegt das Bewußtsein
doch noch hell im ästhetischen Felde. An den ästhetischen Begriffen
wird zunächst noch gemessen, was aus jener engeren Wirklichkeitswelt
zufließt. Noch kann man von einer ästhetischen Weltanschauung reden,
die selbst Naturforscher ersten Ranges beherrscht.
Aber in dieser Vorherrschaft ist sie allerdings schon in einer
absteigenden Linie. Und der Umschwung wird in der zweiten Hälfte
vollständig sichtbar.
Aus einem ästhetischen Wellenkamm ist nunmehr ein Tal geworden.
Jene Wirklichkeitsstimmung hat die Lichtgrenze des Bewußtseins
allenthalben erobert. An ihr, an Wirklichkeitswerten, wird das
Ästhetische des Tagesgebrauches jetzt umgekehrt gemessen. Und da
alsbald noch mehr als das.
Indem die „Wirklichkeit“ in den Brennpunkt der Übertreibung tritt,
erfolgt etwas, wovor am Ende des achtzehnten Jahrhunderts allen guten
Köpfen gegraut hätte wie vor der Sünde wider den heiligen Geist.
+Die Existenzfrage der Kunst+ wird gestellt.
Die Berechtigungsfrage aus jenen Gedankengängen heraus.
Die Welle auf der schiefen Ebene hat die Mauer erreicht und platzt.
Von der einen Seite kommt eine Strömung, die sich wissenschaftlich
nennt.
Sie wird eingeleitet durch eine gewisse allgemeine Stimmung.
Man weiß in bestimmten Kreisen mit dem Ästhetischen plötzlich nichts
Rechtes mehr anzufangen.
Naturforscher einer ganz bestimmten Färbung, Techniker, Realpolitiker
aller Art, echteste, auf beiden Beinen, wie sie glauben,
unerschütterlich fest stehende Jahrhundertkinder, rufen nach Tatsachen,
immer nur wieder Tatsachen. Tatsachen helfen, Tatsachen machen frei,
gut, glücklich. Künstler aber geben keine Tatsachen in diesem Sinne.
Ob die Kunst also nicht etwas ist, was sich auslebt, wie die Religion?
Etwas Sanfteres, Ungefährlicheres, aber doch auch etwas Epigonenhaftes,
Abblassendes, eine Kinderei und Jugendeselei der Menschheit?
Man konnte ab und zu sagen hören, daß der Mensch wirklich jetzt endlich
und glücklicherweise aus den losen Kinderspieltagen und Phantasiezeiten
heraus und in der Schule sei, wo es lesen, schreiben, rechnen und vor
allem stille sitzen gelte. Wer auf die nützliche Schiefertafel dort,
statt Rechenexempel zu schreiben, Männchen mit humoristischen Nasen
malte, bekam Arrest.
So grob ist das allerdings nur vereinzelt ausgesprochen worden. Aber in
der Zeitstimmung lag es.
Man las es zwischen den Zeilen, wohin man sah.
Und man wird die ganze Realperiode des neunzehnten Jahrhunderts nie
verstehen, wenn man es da nicht mitliest.
Aus der Stimmung erwuchs dann ein +Angriff+.
Ein altes Aperçu Diderots sagte, die Narren, Lumpen und Genies kämen
aus demselben Topf. Das wird eines Tages „naturwissenschaftliche“
Kunsttheorie. Es wird zum Urteil (im juristischen Sinne) über die Kunst.
Man hatte ja jetzt das Gesetzbuch dazu.
Jener famose Normalmensch gab die Grundlage.
Alle subjektiven Werte, die über ihn hinausfielen, waren
Hallucinationen. Hallucination war aber etwas Delirisches, etwas
Pathologisches.
Das ästhetische Schauen und Schaffen etwas Krankhaftes! Genie im
ganzen, also auch Künstlergenie, eine Krankheit! Eine Spezialform des
Wahnsinns!
Man behielt die Wahl, ob man den ästhetischen Menschen bloß als eine
Spezies des Epileptikers auffassen wollte, oder ob man wenigstens eine
besondere Irrsinnsgattung ihm zugestand.
Lombroso bevorzugte den Epileptiker, doch blieb das noch Problem.
Es war auch möglich, daß das Genie bloß eine Vererbungserscheinung im
Alkoholismus war. Eine Erbsünde also vom Vater Noah. Der Zwist der
„Forscher“ hierüber ist im neunzehnten Jahrhundert nicht beigelegt
worden.
Einer dieser Irrenhaus-Ästhetiker betonte auch einmal, daß das Singen
und besonders das Denken und Reden in Reimen ein spezifisches Symptom
cerebraler Störungen sei; ich habe dabei immer an den armen Rückert
denken müssen und wie gemeingefährlich dieser Patient ohne Zwangsjacke
eigentlich gewesen ist, ohne daß seine leichtsinnige Umgebung es ahnte!
Gestützt wurde die Debatte mit einem Anekdotenkram ungefähr vom
geistigen Niveau jenes treuen Schulpedanten, der auf die Frage, ob
unter seinen Zöglingen auch einmal ein Dichter gewesen sei, antwortete:
er habe wohl einmal ein solches Monstrum dabei gehabt, es sei aber
wegen Faulheit zum Glück bald wieder aus der Klasse geflogen.
Dabei waren es äußerst ehrenwerte Männer, die diesen Weg gingen,
ehrliche Sucher, die eine Versöhnung zwischen der Idee des Jahrhunderts
und diesem widerspenstigen Dinge, Kunst genannt, ernstlich anzubahnen
glaubten. Eine Versöhnung bloß durch die Guillotine.
Alles in allem war dieser theoretische Kreuzzug aber doch eine kleine
Sache. So klein, daß man ihn eine Mode nennen könnte, obwohl auch er
schon das ganze Jahrhundert in seiner Art in der Sackgasse hatte.
Ein Windstoß der echten, souveränen Kunst, und die Splitter stoben.
Diese Lombrosos waren keine Graalsritter. Sie waren nicht einmal
edle Don Quixotes. Sie waren Hampelmännchen, Liliputchen, die den
schlafenden Riesen zu fesseln meinten, indem sie an jedes Haar ein
spinnwebedünnes Seil banden.
Nicht ihre Handlung gab den Ausschlag, sondern die des Riesen selbst.
Es war nämlich ein ungeheuerlich viel größeres Schauspiel, als eines
Tages +die Kunst selber+ sich ergriffen zu zeigen schien von den
neuen Schätzungen, den neuen Werten.
Sie paktierte nicht mit den Lombrosos der Theorie -- aber sie paktierte
mit der Zeit, mit der Praxis, die auch diese Lombrosos trug.
Der Riese, dessen Befreiung von den lächerlichen Haarseilchen nur ein
Ruck war, ein ärgerliches Kopfschütteln -- er öffnete auf einmal selbst
seine Jacke und bot sein Herz.
Die Kunst selber stellte sich Auge in Auge mit der „Wirklichkeit“ und
allem, was daran hing.
Und das jetzt wurde ein wirklich entscheidender Moment in der
Entwickelung dieses Jahrhunderts selbst.
Die ausübende Kunst stand praktisch damals am Ende einer Krisis.
Es ist gar kein Zweifel, und ich finde, daß es auf alle Kulturländer
im großen trifft: jenes langsame allgemeine Absinken der ästhetischen
Epoche im neunzehnten Jahrhundert war Hand in Hand gegangen mit einem
Wellental auch der unmittelbaren künstlerischen Kraft selbst.
So etwas ist schwer in Bausch und Bogen zu beweisen. Im Detail lassen
sich hundert kräftige Sachen aus allen Kunstgebieten dagegen stellen.
Aber es ist doch etwas daran wahr, das jeder sehen muß, der Höhenschau
hat.
Vor der Kunstepoche, die überall, in der Malerei so gut wie in der
Dichtung, die Epoche des Naturalismus heißt, liegt eine Einbiegung
der Kurve, eine Epoche der Lähmung, des Tastens, des Zweifels, des
bewußten teils und teils des unbewußten Epigonentums. Die Kraft versagt
natürlich nicht ohne weiteres. Aber sie erscheint verzettelt, es fehlt
die Frische des Entwickelungsbewußtseins, es fehlen all die lieben,
grünen, aber triebkräftigen Symptome der Jugend.
In unserer deutschen Dichtung war es die Zeit, die, wie sie sagte,
sich gedrückt fühlte durch Goethes Riesengestalt, die sich um Goethes
Größe willen als Epigonenzeit fühlte -- und die doch ebendadurch
charakterisiert war, daß sie Goethe am wenigsten kannte und seine wahre
„Nachfolge“ immer mehr zu vergessen schien.
Es war in vieler Hinsicht eine kunstvergeudete Zeit, und es bedeutete
ein Aufatmen, als sie, dank einer neue Generation, aufhörte.
Aber nun grade kam das ganz Sonderbare.
Diese neue Generation, geschwellt von frischer Tatkraft, war gesäet und
aufgesproßt schon mitten im neunzehnten Jahrhundert. Dieses Jahrhundert
in seiner ganzen Glorie wuchs über ihr. Es +hatte+ sie und es ließ
sie nicht.
Und im Moment, da sie die nackten Prachtarme recken wollte,
schmetterte es sie nieder mit seinem Generalworte: Wirklichkeit!
In ihrem ganzen Königsmantel stand die Zeit da.
Eine neue Zeit, mit Erfolgen, von denen der ganze uralte Palmbaum der
Menschheit bis in seine Wurzel bebte.
Und das vor einer Kunst, die nach Neuem sich mit der Inbrunst
erwachenden Frühlings, schleierloser Liebe sehnte.
Was tun?
Die Kunst hat Somnambulenaugen.
Sie sah nicht bloß schwirrende Räder, sie sah den Dingen ins Herz.
Sie sah die neue +Weltanschauung+.
In dieser Weltanschauung raste ein furchtbares seelenloses Grundwesen
dahin, eine menschenfressende Maschine: die „Wirklichkeit“. Die
einzelnen Menschen waren bloß noch Glasplättchen, die diese Maschinerie
spiegelten, nichts weiter. Heute herausgestellt, daß sie blitzten;
morgen zersplittert. Was war in diesem Schauspiele die Kunst?
In dieser jungen Künstlerschaft voll gährender Kraft war von Anfang
an gewiß keine Stätte für Lombroserei. Man glaubte hier an die Größe
der Kunst, wenn je. Groß war sie, wie der Mensch selbst. An der Spitze
der Menschheit ging der schaffende Künstler, mit dem Banner dieser
Menschheit in der Faust.
Aber wenn nun der Mensch, wenn die ganze Menschheit nichts andres
war als ein bloßes Spiegelplättchen eines objektiven Mechanismus,
ein Spiegelchen vor einer ungeheuren kollernden, keuchenden Maschine
... mochte die Kunst triumphieren im Menschen von Pol zu Pol seiner
Existenz: +mehr als der Mensch+ konnte sie doch nicht sein!
Und so sank auch der Genius der Kunst in dem Augenblicke, da er seine
Flügel ganz herumwarf um diesen Menschen, ihn umfing, ihn durchdrang
wie eine Geliebte im äußersten Besitz: so sank auch er herab zur Rolle
bloß noch eines Spiegelchens vor diesem Allmechanismus.
In dieser Stunde und vor diesem Gedanken ist nicht die Lombroserei,
sondern die wirkliche künstlerische Idee in echten Künstlerköpfen
geboren worden, daß die Kunst sich zu +erschöpfen+ habe in der
einfachen +Wiedergabe+ der Wirklichkeit.
Die Kunst ist degradiert worden zu einer Kopistin dieser „Wirklichkeit“.
Aus einem Schöpfer, einem Entwickelungsfaktor der Welt zu einem Spiegel.
Nicht liliputische Männlein wie Lombroso standen, wie gesagt, an
der Wiege dieser Idee. Stolze Hochgeister der Kunst beugten sich
in der brennenden Liebe zu ihrem Jahrhundert einem versteinernden
Gorgonengedanken dieses Jahrhunderts.
In der tiefsinnigen griechischen Sage schwingt sich der Pegasus aus dem
Blute der Gorgo. Diesmal versank er darin.
Es macht die Betrachtung dieser Dinge schwer, daß sich eben jene beiden
Fäden ineinander verspannen: eine neu ansteigende, praktisch wieder
junge und lebensstarke Kunst überhaupt -- und eine falsche Kunstidee.
Jedesmal nämlich, wenn der Kunstgenius der Menschheit sich überhaupt
besinnt, sich aufrafft, seine Kräfte zusammen nimmt -- jedesmal dann
erscheint das ganz von selber wie eine Rückkehr zur Wahrheit.
Die innere Logik des Kunstwerkes scheint verstärkt, die Suggestion wird
unvergleichlich gewaltiger, ein Gefühl der objektiven Reinheit des
Schaffenden als eines innerlich Gebundenen, auf die innere Wahrheit
Verpflichteten strömt wie von einer reifen Blüte aus.
Schleier des Nachgeahmten fallen, äußere Motive, mit denen jede
Epigonenzeit die Kunst überwuchert, dorren plötzlich als Unkraut ab.
Und ein Gefühl der Kraft, des Kraftstrotzens gibt unter allen Umständen
einen realistischen Zug, die Kunst tritt wieder jung als Eroberer auf
und wagt sich mit dem kecken Mute dessen, dem die Welt verheißen, in
neue Provinzen dieser Welt. So ist einst Goethe selber gekommen -- als
Wahrheitskünstler.
Auch diese Symptome werden nun immer merkbarer in der Kunst des letzten
Viertels des neunzehnten Jahrhunderts.
Von hier aus blühte ein „Naturalismus“ in ihr auf, der aber tatsächlich
nichts anderes war als ein Zurückbesinnen der Kunst einfach auf
sich selbst, auf ihre echtesten, urältesten Rechte, auf ihren
inneren Wahrheitsgeist im Gegensatze zur Pseudokunst, die bildet um
äußerlicher, kunstfremder Zwecke willen.
Einen Triumph der Kunstnatur möchte man in diesem Sinne hinter das Wort
deuten.
Die gesamte Kunstgeschichte seit grauen Tagen wandelt empor auf solchen
Triumphen, die immer und immer wieder den Erdenstaub durchbrechen und
das unsterbliche Leben der Kunst neu proklamieren auf dem dürren Acker
einer Epigonenzeit.
Aber das alles hatte ganz und gar nichts zu tun mit jener spezifischen
Wirklichkeitstheorie des Jahrhunderts, die eben nur dieses Jahrhundert
so aus sich gebären konnte.
Wohl läßt sich sagen, daß so heroische Irrtümer, wie diese
Wirklichkeitslehre, selbst als Irrtum einer kraftlosen Epigonenzeit
nicht gelungen wäre.
Es bedurfte selbst zur Grundlage dieses großen Irrtums einer großen
Kunst.
Nur eine Kunst, die den Weg ins Herz großer Weltanschauungsfragen
überhaupt wiederfand -- und das ist immer Zeichen echter, ansteigender
Kunst -- konnte sich so tief verwickeln in eine Übertreibung, einen
Irrgarten eben der modernen Weltanschauung hinein.
Aber darum bleibt Irrweg Irrweg.
..... Ich glaube nun aber, daß die Kunst auch hier grade die tiefste
Mission erfüllt hat.
Gerade, indem die Kunst die brausende Welle dieser Wirklichkeitsidee
eine Weile tief und scheinbar bis ins Herz hinein aufnahm, meine
ich, daß sie uns die Augen hat öffnen helfen für die +kolossale
Übertreibung+, die +überhaupt in die ursprünglich so fruchtbare
Idee der Wirklichkeit verheerend hineingeraten war+.
Und so hat sie sich doch als die alte stärkste Schutzmauer bewährt.
Hat sie --?
Ich weiß es nicht, inwiefern das schon hinter uns liegt.
Wir stehen, was diese höchsten Gesichtspunkte anbetrifft, ja noch
mitten im Kampfe, und streng genommen kann man doch nur von Anzeichen
reden.
Aber eine Anzahl Menschen fangen doch entschieden schon an, darüber
nachzudenken, ob man nicht über eine Kunsttheorie, deren Schwächen
man nur zu deutlich empfindet, eine Schicht +tiefer+ zurückgehen
müsse auf eine +Revision+ gewisser +Voraussetzungen in der
Weltanschauung+, die uns das neunzehnte Jahrhundert überliefert hat.
Eine Revision, die natürlich nicht wieder zu den Torheiten zurückführt,
die dieses prachtvolle Jahrhundert glücklich antiquiert hat.
Sondern, die uns noch einmal wieder um ein Stück freier macht und dabei
allerdings auch noch mit einigen Spezialgespenstern aufräumt, die
dieses Jahrhundert selbst hinzugebracht hatte.
Befreien wir den Menschen wieder von diesem Wirklichkeits-Gespenst,
das sein Herzblut saugt wie ein Vampyr -- -- und wir haben die Kunst
mitbefreit.
Lernen wir aus den Kunst-Konsequenzen.
Und wir begreifen, daß in der Philosophie etwas falsch war.
(Friedrichshagen. Fest des Geistes.)
Der Wald schimmert im blassen Sonnenglast nach einem Regenschauer.
Wie eine braune Schlange liegt der Bahndamm quer hindurch, vom Geleise
glänzt es wie silberne Schuppen.
Die Telegraphendrähte vor den roten Kiefernstangen und schwarzen
Kronsilhouetten wie glimmerndes goldrötliches Spinngewebe. Einmal ist
es, als spinne dieses feine Netz sich an eine riesige Blume, eine
Rispe weißer Maiglöckchen an, die auf hohem, trockenem Stengel lose
schwebt: das Viereck mit den Porzellanhütchen.
Weißblau liegt der Himmel im Ausschnitt der Bäume.
In der Linie der Bahn aber, wie das Auge ihr folgt, ein wunderbares
Aufflammen von Grün, junge Birken, Flamme um Flamme goldgrün lodernd
vom spiegelnd weißen Schaft.
Ein goldener Vogel huscht scheu hinzu: der Pirol.
Und dieses jungfrische jubelnde Pfingstgrün fließt dem Blick überall
weiter, in die grüngelbe Wolfsmilch und den Fleck grellgelber
Potentillablüten am Bahndamm, in die Akazienbüsche, denen das erste
Laub vor der Sonne wie ein goldiger Heiligenschein um die schwarze
Dornenkrone der Zweige steht, in den tiefen Waldgrund unter den roten
Stämmen, wo der hartgrüne starre Farnteppich sich verliert.
Naturstille.
Nur ein ganz leises Rollen noch, wie aus der feuchten Erde herauf von
dem letzten enteilenden Zug. Hinten im Waldgeheimnis verschwehlt noch
ein letzter bläulicher Nebel seiner Rauchwolke.
Ein fernes helles Läuten von der Wärterstelle, als klängen die
Maiglöckchen da oben im Spinnennetz aneinander.
Und wieder ganz still.
Finken zirpen leise, einförmig aus dem Unbekannten der Kiefernkronen.
Und nun auf einmal, ganz unvermittelt, ein hartes, rohes Geräusch,
mitten aus der Landschaft, als stürze ihr etwas ins Herz.
Ein Ratschen, Knacken, ein Ruck und Fall.
Vor dem Glast hat sich etwas bewegt wie ein Schattenfinger. An dem
plumpen, rot-weiß getünchten Bahnsignal dort ist automatisch der
Galgenbalken heruntergefallen. Eine geheime Zeichensprache eines
automatischen Hampelmanns, an dem ein Schicksal hängt.
Pfingstwehen.
Wie ich auf die grünen Flammen dort schaue, die jetzt wieder in der
großen Stille ein ganz verlorener Lufthauch geräuschlos wiegt, denke
ich an das große alte Symbol der Pfingstgeschichte.
Aus der Urtiefe des Geheimnisses auf einmal der +Geist+
vorbrechend, wild wie ein Feuer, das da ist, niemand weiß, woher, und
uns verzehrt, ehe wir es fest erkennen.
Und in diesem Geist verjüngt sich eine Zeit, eine neue Menschheit wird
mit ihm geboren.
Woher?
Aus dem Unbekannten in uns, aus dem „Werde“ des Entwickelungsrätsels,
aus der ~Natura naturans~, die weltengründend auch in uns weiterlebt,
wie sie in Milchstraßen und Sonnen gewesen ist.
Und der größte Gegensatz taucht mir auf, der durch unsere Zeit geht:
der Gegensatz des +Automatischen+ und des +Elementaren+.
Das Automatische war die Stärke des neunzehnten Jahrhunderts.
Es ist sein Erbe in uns, sein Herrenerbe.
Wie diese Signalstange hier im einsamen Walde automatisch sich senkt,
so sollte ein neuer automatischer Menschheitsleib als Technik den
ganzen Planeten umspinnen. Schon geht der Zeigerdruck durch die Ozeane.
In seinen realistischen Träumen sah das Jahrhundert auch solchen
Metallarm sich bereits heben und senken auf den Eispolen, in den
Erdtiefen, an den Grenzen des Luftmeeres.
Von der Technik kam das aber dann als Bild und Maß aller Dinge.
Ein Kind drückt auf den Knopf einer elektrischen Leitung, und ein Berg
spaltet sich.
Aber, was ist das Kind selbst?
Nicht Ebenbild Gottes, sondern auch nur dieser Technik. Eine höhere
Macht, das Milieu, hat auf einen Knopf gedrückt, und automatisch
entstand dieses Kind. Es wird den Faust dichten und die sixtinische
Madonna malen: automatischer Fall eines Balkens im Gehirn aus
bestimmter Konstellation der Außendinge wie bei jenem Bahnsignal,
nüchtern zu überschauender Außendinge, die wir wohl auch einmal
rechnend beherrschen werden, -- dann, wenn wir jenen Zeiger auf dem
Nordpol haben ...
Schon sehen wir einen ungeheuren Regulator dieser Dinge: die Masse.
Ihr Werkzeug ist der Einzelne. Wo er nicht automatisch reagiert, da
wird er als schlechter Apparat für funktionsunfähig erklärt; er ist
krank.
Diese Masse aber ist selbst wieder Automat, fallender Balken einer
umfassenderen automatischen Welt. Und so fort bis zum letzten
Doppelstern des Alls.
Dieses All ist ein sich selbst tragendes automatisches System,
unveränderlich, absolut tot, ohne Sinn für sich selbst.
In dieser einsamen starren Größe endet das Denken des neunzehnten
Jahrhunderts.
Alles hier um mich her ist ein Automat.
Nicht jener häßlich ratschende Signalbalken bloß, der mich eben
erschreckt hat.
Die grünen Pfingstflammen der jungen Birken dort ebenso.
Und die Sonne.
Und ich selbst.
Und all meine Träume von einer Pfingstlegende.
Aber das neunzehnte Jahrhundert hat uns nicht nur dieses Herrenerbe
hinterlassen, das Erbe seines Herrengedankens.
Auch ein Sklavenerbe haben wir von ihm, das Aufbäumen des unterjochten
+Gedankens vom Elementaren in der Welt+.
Ihm ist der Fortgang der Dinge ein immer neues Fest der Ausgießung des
Geistes.
Pfingsten ist im Erwachen jeder Persönlichkeit, Pfingsten ist in jeder
Geburt.
Und das nicht nur, wenn ein Mensch geboren wird. Auch wenn im
Menschengeiste geboren wird. Wenn jenes tiefere Liebesleben sich
abspielt, aus dem die Fauste und die Sixtinen steigen.
Ohne die Flämmchen dieses Pfingstwunders entsteht kein Kunstwerk,
entsteht kein tiefster Gedanke der Philosophie, entsteht keine
Erfindung der Wissenschaft, erwächst keine geniale Tat des brandenden
Lebens um uns her.
Dieser Pfingstgeist ist es, der die „Wirklichkeiten“ erst baut und der
sie ebenso auch wieder zerschlägt, um höherer Wirklichkeit willen.
Er hängt einsam am Kreuz und er zwingt doch die Masse, daß sich
dreitausend taufen lassen.
Er wandelt ein Zerschlagener durch eine Welt von Disharmonien und durch
diese Welt rauscht fortan die neunte Symphonie.
Beide Anschauungen haben ihren Punkt, wo sie in ihr Gegenteil
umschlagen könnten und beide Male in eine unvollkommene, schlechte Form
dieses Gegenteils.
Das neunzehnte Jahrhundert war so stolz, daß es mit seinem
Automatenideal alle groben Wunder unmöglich gemacht.
Und doch: wenn alles nun Automat ist, die ganze Welt nur eine Kette
elektrischer Klingelanschlüsse ist, wenn es kein Elementarisches mehr
in irgend einer menschlichen Person, in keinem Dichter, keinem Genius
auf Erden mehr gibt -- wird nicht doch am Ende der allerletzten Kette
der eine letzte Finger nötig, der aus dem Urelementarischen auf den
ersten Klingelknopf drückt -- die eine einzige Urperson, der Alldichter?
Je automatischer alles sonst, desto greller dieses letzte Wunder.
Hinter der toten Welt ein einziges Lebendiges im elementaren Sinn.
Und um das doch schließlich zu erkaufen, -- dafür dieses schaurige
Ertöten der ganzen sichtbaren Welt in den fallenden Balken eines
fühllosen Automaten hinein!
Umgekehrt hat der Pfingstglaube selbst aber seine Stelle, wo auch er
erbarmungslos ins Automatische schlagen kann.
Wenn er nämlich das Wunder des Intuitiven, des Elementaren roh faßt,
wie das „Wunder“ so lange gefaßt worden ist: dualistisch als Eingriff
eines Fremden.
Die Natur, die Entwickelung erzeugt dann auch nur, was eine +fremde+
Macht in sie wirft. Der Dichter ist nur armer Stenograph des
überirdischen Diktats, die Person nur Werkzeug eines außerweltlichen
Milieus.
Da hast du nun Wunder auf Schritt und Tritt, es fingert allerorten und
drückt mit Geisterhänden auf die elektrischen Knöpfe dieser Welt -- und
doch bist du nur selber eine armselige Klingel und seist du Goethe und
Beethoven und Rafael.
War dort eine unendliche Automatenkette, so hier lauter
Augenblicksautomaten.
Aber um das automatische Sklaventum kommst du nicht herum.
Es liegen aber zum Glück noch andere Möglichkeiten vor und auch welche,
die nicht ins Alte zurückführen.
Wie stolz ist die automatische Vorstellung auf ihren
Entwickelungsbegriff gewesen!
Er stand unberührt von jeder Möglichkeit, ins Veraltete umzulenken. Und
wahrlich, so steht er auch.
Aber geheimnisvoller Traum, einer Pfingststunde angemessen: wie will
der Entwickelungsbegriff, daß aus Einem etwas Anderes wird, daß
ein Niedrigeres zu einem Höheren steigt, eigentlich logisch leben,
+ohne+ daß sein Königshaupt immer wieder gesalbt sei mit einem
Tropfen elementarischen Oels?
In jedem dieser Uebergänge liegt ja ein elementarischer Geheimniszug!
Ich selbst fasse ihn gewiß nicht als den Finger der Mystik, der
von außen stößt, aber das Wunder in den Dingen bleibt er auch mir
unabänderlich, das Wunder, das auf eine Pfingsttiefe weist zwischen
allem Automatischen -- eben weil dieses Automatische zugleich eine
+Entwickelung+ in sich zeigt.
Durch die goldgrünen Flammenbüsche der Birkenkronen spielt und spielt
leise der Wind, wie eine Hand durch schönes Frauenhaar fährt.
Auch um mich, wie ich hier sinne, zieht sich jenes Ödfeld des
Automatischen her. Dort das Signal ist ganz darin. Aber auch diese
grüne Birke und dieser goldene Vogel sind mehr darin als ich selbst,
viel mehr. Wie gering ist der Geistesspielraum in dieser Pflanze,
diesem Tier, den ich sehe!
Und die Sonne dort, die starr in ihren Himmelsgesetzen Jahrbillionen
hängt!
Ist es nicht, als sei die Ausgießung des Geistes über diesen allen
schon äonenlang vorbei?
Ihr Pfingsten lag, als das Gesetz sich in sie schrieb, das sie nun
in unendliche Folge, sei es selbst oder zerspalten in Generationen,
automatisch wiederholen ...
In mir aber wogt der große Kampf mit seinem wunderbaren Gemisch von
reflektierendem Bewußtsein und intuitiv aufsprühenden Geniusflämmchen
des Elementaren fort und fort.
In mir -- dem Menschen!
Ist der Mensch +das Genie der Natur+, -- die große
Aufmerksamkeitsstelle im unendlichen Felde des Elementaren, auf
der seit Jahrtausenden jetzt das ganze Licht liegt, während
um dessentwillen rings die ganze übrige Natur in den halben
Dornröschenschlaf des Automatischen verfallen ist?
Es kann der Mensch dieser Erde nicht allein sein, die Menschenstufe des
ganzen Alls wird dazu gehören, wie immer es mit ihr sei. Bilden doch
schließlich Sterne keine größeren Trennungen als in dieser irdischen
Menschheit die parallelen Individuen.
Pfingstwunder!
So wäre es nichts anderes, als das wandernde Auge der Natur.
Pfingsten wäre Leben, der Automat aber zeitweise weise Kraftersparnis.
Die Welt ein Gewebe aus segensreichem, kraftspeicherndem Schlaf und
konzentrierter, kraftverstürmender Lichtschau!
Ein Gespenst nur wäre der große Weltautomat, auf dessen letzten Knopf
der Finger von außen drückte. Wertlos aber wäre ebenso der Glaube an
das Wunder noch einmal hinter dem Wunder.
Die Natur hätte keine anderen Augen als unsere Menschenaugen -- aber
mit denen sähe sie auch wirklich, sähe nicht bloß durch sie durch.
Und zu diesen Augen gehörte auch der Geist Goethes und Rafaels und
Beethovens, der Geist der großen Religionsstifter und Weltdeuter, der
Geist der Forscher, die unsere Technik geschaffen, und der Geist derer,
die das Evangelium von der Liebe gepredigt haben und gelehrt haben, daß
alle Technik nur einen Sinn habe, wenn sie in der Hand der Liebe und
des Ideals sei, Liebe und die Sehnsucht nach dem Ideal zu säen, so weit
der willige Automat des elektrischen Funkens für uns fliegt.
Wieder schnarrte das Signal da oben.
Ich aber dachte jetzt, wie dieser Metallstab wohl auch kein
Ausgestoßener der Welt sei, sondern ein unveräußerliches Stück Natur.
War er heute auch nicht das Pfingstauge, in dem das elementare
Lichtfeld zu den Sternen und zu der Weltliebe sah -- wer weiß, wozu
seine Metallmoleküle heute schliefen.
Vielleicht, wenn diese Gehirnmoleküle der Menschheit ausgerungen in
Leid und Liebe, in dem großen, aber auch so furchtbar schweren Kampfe
um +das+ Ideal, wenn sie trüb geworden als Auge der Natur --
wer wußte, wohin diese elementare Natur dann wandern würde mit ihrem
Lichtfeld, ihrem Sehnsuchtsfeld, wo sie diesen Metallstab und die
jubelnde grüne Flamme dieses Birkenbusches auferstehen lassen würde aus
dem Automatischen ins Geisthelle hinein, damit sie in den Sternen läsen
und um Liebe kämpften, wie einst wir -- die wir dann vielleicht auf
Äonen in irgendeiner stillen Versorgung des Automatischen ruhten, einem
abermals neuen Rufe ins Aufmerksamkeitsfeld des Bewußtseins bereit.
Ob unsere Zeit den Frieden einer solchen Weltanschauung finden wird,
den Frieden ihres Doppelerbes?
Aus den Kiefern tönte das leise Zirpen der Finken.
Diese Naturstille war vielleicht die Antwort.
Frieden ist nur im Automatischen.
Wir sollen kämpfen.
Und doch steht in den hellsten Idealen dieses Lichtfeldes der Natur,
das wir Mensch nennen, auch schon die Menschenliebe.
Geht auch das Elementarische auf eine höhere Lösung?
Die Pfingstflammen glühen. Gehen wir. Wir werden sehen.
* * * * *
Das eben macht die Geschichte des Menschen so großartig und so
tief, daß sie eigentlich immer Pfingstgeschichte ist, konzentrierte
Pfingstgeschichte.
Der Zeitraum ist auch mit allen Ziffern des Naturforschers für sie so
kurz, und gleichzeitig ist so unglaublich viel Neues in ihr getan, daß
gar kein Spielraum für das Erstarrende, das schon wieder Automatische
zu bleiben scheint. Von einem Pfingstwunder scheint es zum andern zu
gehen. Die Natur schaltet mit einer Kraft plötzlich, daß sie uns wie
ein ganz anderes Wesen vorkommt.
Daher so lange der zähe Glaube: es hebe mit dem Menschen ein ganz
anderes Buch an, das Buch Gottes im Gegensatz zum Buche der Natur.
Aber das ist ja jetzt für uns grade das ganz Große, daß wir das
Göttliche auch in Ichthyosauriern und Planeten und Sonnen sehen und
dafür das Natürliche auch im Menschen.
Nirgendwo empfinde ich das deutlicher, als wenn ich von neuen
Fortschritten der „Urgeschichte“ lese, jenes Grenzgebiets, wo
die sogenannte „Geschichte“ sich gegen die Naturgeschichte, die
Erdgeschichte hin auflöst.
Früher herrschte auf diesen Rand zu immer ein leises Gruseln. Der Atem
Gottes stockte auf einmal und drüben in der Finsternis lauerten die
Fratzen der entgeistigten Natur. Heute ist eine Wanderung dort hinab
wie ein Schritt in eine heiße Sommernacht, es duftet von verborgenen
Blumen und durch das Dunkel ziehen leuchtende Punkte wie Johanniskäfer.
Aber es sind heilige Flämmchen: lauter Pfingstflämmchen; es wird einmal
wieder Pfingsten, +denn der Mensch kommt+.
Eben grade ist ein solches Flämmchen wieder besonders hell
aufgeglüht. Aus tiefem Schacht glimmt es zu uns. Es meldete von einer
Pfingststunde, selbst noch wieder fast ohne gleichen in der Reihe der
Pfingstwunder des Menschengeistes, -- vom +Pfingsten der Kunst+.
Da die Kunst niederstieg auf diesen rollenden Planeten, niederstieg
nicht als das Wunder einer unfaßbaren Überwelt, das als Sternschnuppe
in den Sumpf der Natur fiel; sondern als eine Tat der Natur, die ihr
gelang, weil ihr endlich der Mensch gelungen war.
-- -- --
Auf dem kleinen Delikateßteller vor mir liegt eine Trüffel, zierlich
und rund. Sie duftet nach allen guten Sachen und dem Feinschmecker geht
das Herz auf.
Wenn Du aber nicht bloß ein Esser, sondern auch ein Kenner bist, so
weißt Du, daß dieser schwarze Diamant unter den Edelsteinen der Tafel
einen kleinen Roman hinter sich hat.
In fernem Lande grünte ein Eichenhain. Mit dem feinsten Wurzelgeflecht
einer solchen Eiche verspann sich tief im Erdboden ein Schimmelpilz
zu geheimnisvoller Gütergemeinschaft, von der heute noch nicht völlig
klar ist, ob sie mehr auf gegenseitiger Liebe oder auf einseitigem
Schmarotzertum beruht. Aus dem wohlgespeisten Pilzaderwerk aber erwuchs
ein großer fleischiger Fruchtkörper, mit Sporen gefüllt. Sein Duft
schwoll durch die Erde, daß die Schweine, die ihn verehrten, danach
scharrten. Da die Sporen solcher Pilze durchweg nicht bei der Verdauung
leiden, ist das Gefressenwerden für sie kein Schaden, es hilft nur zur
Weiterverbreitung. Vielleicht ist der Duft, der das Schwein froh macht,
ein wirkliches Lockmittel, wie die rote Kirsche mit ihrer leuchtenden
Farbe zum Naschen und Weitertragen ihrer Kerne lockt. Der Mensch aber,
der unleugbar in Gebiß und Geschmack mehrere Ähnlichkeiten mit dem
Tierlein des heiligen Antonius verrät, nahm dem ehrlichen Finder seinen
Fund ab, und versandte ihn für die Tafeln seiner schlemmenden Mitbrüder
in aller Herren Ländern.
Das Land, wo der Erdenschoß solche Schätze einer Schweineschnauze
beut, ist die alte Grafschaft Périgord im heutigen Departement Dordogne
im südwestlichen Frankreich.
Gering wäre ihr Ruhm in der Welt, wäre die Trüffel nicht. Mit der
Périgord-Trüffel geht er um die Erde, wie der Klang des Namens Teltow
mit seinen Rübchen oder Frankfurt mit seinen Würstchen. Gegen solchen
Ruhm aus dem Kochbuch ist schwer mit anderen Werten anzukämpfen, wie
denn ganz gewiß schon manche naive Seele von Frankfurter Würstchen
gehört hat, nicht aber von dem Frankfurter Goethe.
Der Trüffel-Kenner aber soll doch als wirklich feiner Kenner, der auch
seinen Goethe zu schätzen weiß, über seine Tafelfreude hinweg heute
sich erinnern an die wahrhaftig wunderbaren Schätze, die diese gute
Landschaft Périgord in ihrem Boden birgt, -- Schätze, die zum oberen
Geistesstockwerk der Menschheit gehören, dort, wo eben dieser Goethe
auch hingehört, und die an Geisteswert für unser edelstes Menschentum
doch noch etwas wertvoller sind als die dreißig Millionen, die unsere
welschen Nachbarn alljährlich am Trüffel-Handel verdienen.
Zum Fluß Dordogne geht als Seitenader die Vezère, selbst wieder
gespeist von kleineren Wässerlein.
Dieses Vezère-Netz bildet liebliche Täler im Kalkfels. In diesem
Fels seiner Talwände aber liegen Höhlen. In diesen Höhlen haben
in entlegenen Tagen, jenseits aller unmittelbaren geschichtlichen
Überlieferung, Menschen gehaust.
Ob diese Menschen schon Trüffeln gesucht, wissen wir nicht. Was wir
aber wissen, ist, daß sie die höchste und freieste Tätigkeit werdenden
Edel-Menschentums schon gesucht und gefunden haben: Kunst.
Kunst -- in Tagen, da noch das Mammut ein Charaktertier der
französischen wie der deutschen Landschaft war!
Lange schon ist von den Tierbildern die Rede gewesen, die, eingeritzt
in Rentierhorn und Mammutelfenbein, in diesen Périgord-Höhlen entdeckt
sein sollten. Heute kommt die fest bestätigte Kunde von Funden, die
alles Kühnste in Schatten stellen.
Höhlen sind erschlossen, eng wie ein Flaschenhals, aber auf ihren
Wänden bedeckt mit einer ganzen Gemäldegallerie der wundervollsten
Tierbilder, zum teil in Meter- bis Zweimeter-Größe, zum teil in Farben,
-- prähistorischen Tierbildern von prähistorischer Künstlerhand.
Das Mammut ist dabei.
Was keine Denkmalstradition der großen alten Kulturen, mit denen unsere
„Geschichte“ anhebt, mehr erreichte, das haben wir nun endlich ganz
sicher, mit einer Fülle der Details, die niemand je erwarten konnte.
Es ist ja eine Kenntnis, in die sich das 19. Jahrhundert erst ganz
langsam überhaupt eingewöhnt hat: daß uns Tiere noch innerhalb der Zeit
des Menschen verloren gegangen seien; und daß dieser Mensch selber uns
gelegentlich durch Kunstmittel noch etwas davon gerettet haben könnte.
Als es allmählich eine Tatsache von betrüblicher Unwiderleglichkeit
wurde, daß der große seltsame taubenähnliche Vogel Dronte, den die
Expedition des Vasco da Gama 1497 auf der Insel Mauritius in ungeheuren
Scharen entdeckt hatte, in der Zwischenzeit bis auf den letzten Kopf
wieder ausgerottet sei, ohne daß man auch nur ein Museumsexemplar für
die Naturgeschichte übrig habe, -- da fing man an, alte Gemälde zu
durchsuchen, auf denen die holländischen Zeitgenossen allerlei Getier
abkonterfeit. Und richtig: auf alten „Paradiesen“ des 17. Jahrhunderts
stand bei anderm Geflügel auch die Dronte noch, in jedem Federchen treu
kopiert mit dem ganzen Realismus der Niederländer und ihrer Liebe grade
für groteske Gesellen.
Als es desgleichen offenbar wurde, daß wir den Auerochsen falsch
getauft hatten und daß auf diesen Namen in Wahrheit ein gewaltiges
deutsches Tier, der echte Ur, stillschweigend irgendwo um das
sechzehnte Jahrhundert herum verschollen sein müsse, -- da kam abermals
hier ein alter Holzschnitt, dort ein mit „Tur“ gezeichnetes altes
Ölgemälde zu Ehren, die den Verlorenen wenigstens noch mit seinem
schwarzen Fell und seinen flach ausgezogenen Riesenhörnern für unsere
Phantasie retteten.
Das Tierbuch des trefflichen Gesner hat uns den deutschen schwarzen
Mauer-Ibis bewahrt, den Waldrapp, der einst unsere Ruinen umflog.
Für unsere Enkel wird es not tun, daß wir unsere Bilder des
südafrikanischen Quagga-Pferdes, unsere Photographien der letzten
Bisons und der letzten Riesenschildkröten an einem recht sicheren
Ort niederlegen, denn lebend werden sie diese ~Morituri~, diese
Zusammenbrechenden, auch nicht mehr zu sehen bekommen.
Die Frage war nur, wie weit man mit solchen zoologisch-historischen
Streifzügen auch in die ältere und älteste Kunst zurückgehen könne.
Sachlich wurde ja der Boden dort immer interessanter. Je weiter in die
graue Vergangenheit, desto mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Künstler
von damals noch von zoologischen Pracht- und Schaustücken wußte, die
uns längst nicht mehr zu Gebote standen.
Und an wunderlichen, höchst fremdartigen Tierformen war in der Tat
in der älteren Kunst immer weniger Mangel, -- nur fingen sie alsbald
an, etwas +zu+ wunderlich zu werden. Da kamen die Sphinxe und
Greife und Chimären, die Einhörner und Basiliske, die Drachen und
Midgardschlangen. Sollte man zu alledem wirkliche Urbilder suchen?
Wir haben aus ganz neuester Zeit wohl ein hübsches Beispiel, wie
vorsichtig man im Ablehnen auch hier sein muß. In Afrika wurde da das
merkwürdigste neue Säugetier der letzten Jahrzehnte entdeckt: das
Okapi, ein großes Huftier, äußerlich einer Antilope ähnlich, an den
Beinen schön schwarzweiß gestreift wie ein Zebra, im Knochenbau aber
das Allerunerwartetste: nämlich ein Verwandter zu der bisher völlig
im System vereinsamten Giraffe und zwar ein noch lebender Sproß eines
giraffen-ähnlichen Geschlechts, das in der Tertiär-Zeit bei uns in
Griechenland existiert hatte und aus Knochenfunden von dort längst
bekannt war. Nun denn: dieses Okapi, das uns nächstens hoffentlich
unsere zoologischen Gärten vorführen werden (ich gönnte unserm so
verdienstvollen Berliner Direktor Heck wohl die Priorität dabei!),
haben die alten Ägypter schon auf ihren Denkmälern völlig kenntlich
dargestellt, -- natürlich wußte bis vor kurzem kein Forscher diese
„Hieroglyphe“ zu deuten, da wir ja selber das Tier nicht hatten.
Aber in der großen Masse der Fälle haben wir es gleichwohl mit dem
„Phantasie-Tier“ zu tun.
Im Drachen steckt nicht der Ichthyosaurus, mit dem der Mensch nie
zusammen gelebt hat, nie hat ein Reptil Feuer gespieen oder ein Pferd
Flügel gehabt.
Auch in das Tierbild hat jene tiefe Kraft des Menschen
hineingearbeitet, die im Grunde so rätselvoll ist und doch so urwüchsig
aus ihm hervorbricht, als stecke seine halbe Seele darin: die Kraft,
die Dinge nicht nur zu sehen und wiederzugeben, sondern sie sofort auch
zu stilisieren, umzudenken, in eigener Andersform neu zu schaffen.
Er ist ein Schöpfer, der Mensch, nicht bloß ein Spiegel. Er hat das
Tier gesehen, dieser Mensch. Es hat ihn gelockt, es wiederzugeben. Aber
wenn er es auf der Tafel hatte, hat ihn jene andere Seite seiner Seele
nicht ruhen lassen: er hat schöpferisch daran herumzuarbeiten versucht.
Wenn der Stier nun Flügel hätte wie der Adler? Wenn er so noch hübscher
aussähe?
Und wenn die Federn dieser Flügel, die schon beim Vogel einen so
guten Anlauf zum Rhythmischen nehmen (ist doch die Natur allerorten
schon voll solcher Anläufe, als habe jene Menschengeisteskraft längst
irgendwo in einem unteren Stockwerk geheimnisvoll in ihr gewaltet!) --
wenn diese Federn nun ganz zu Ornamenten würden, in Spiralen ausliefen,
vollkommen sich in stilisiert „Schönes“ als Kunstform verwandelten?
Eine ungeheure Linie setzt hier ein, die vom ältesten Babylon, von
China und von Mexiko, aus allen noch so getrennten Kulturen und
Kunstanfängen heraufsteigt bis auf den ersten Holzschnitt des
Rhinozeros von Albrecht Dürer, auf dem das ganze Dickhäuterfell dieses
Tierriesen mit all’ seinen Wülsten, Falten und Höckern in lauter
elegante Ornamente hinein stilisiert ist, daß es eine wahre Freude
ist -- oder bis auf die köstlichen Schweine und Maikäfer unseres
lieben Wilhelm Busch, in denen ebenso der ganze Kodex der Zoologie
und Anatomie Fühler für Fühler und Schwänzchen für Schwänzchen in die
Kunstform des humoristischen Ornaments umgedichtet ist.
In dem schönen Buche, das Schliemann über Mykenä herausgegeben hat,
kann man diese Umstilisierung des Zoologischen in recht alten Tagen
aufs Prächtigste noch bei der Arbeit sehen.
Da findet sich auf einem der runden Goldblätter aus dem dritten jener
mykenischen Königsgräber wunderhübsch herausgearbeitet ein Oktopus, ein
Tintenfisch.
Wir wissen aus Homers unsterblicher Schilderung vom schiffbrüchigen
Dulder Odysseus, den die Welle gleich dem zäh angeklammerten
Meerpolypen von dem rettenden Fels reißt, wie genau die alten Griechen
dieses sonderbare Tier mit dem sackförmigen Leib und den Klammerbeinen
oben am Kopf beobachtet hatten. Kannte doch Aristoteles sogar schon die
märchenhaften Liebesspiele und Liebesmethoden der Tintenfische, die
erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden sind.
Nun ist unverkennbar in solchem Polypen mit seinen acht Greifern
eine gewisse rhythmische Kunstgestalt roh gegeben, eine dicke
Wurzel gleichsam und acht gekrümmte Ranken. Aber unser alter
Griechengoldschmied, Agamemnons Hoflieferant, um Schliemanns Redeweise
nachzusprechen, -- er hatte darin erst den Naturansatz zu dem, was
seine Phantasie nun hineinharmonisierte. Ihm wird die Rübe das Herz
eines wunderschönen Ornaments, von dem aus sich in rhythmisch reinster
Steigerung acht eleganteste Spiralen in die Goldplatte hineinrollen,
jede oben stolz eingekrümmt wie ein Bischofsstab. Der Tintenfisch, im
Typus noch auf den ersten Blick erkennbar, ist doch ein Kunst-Mollusk,
ein Mischwesen aus nachahmender Zoologie und selbstherrlich
schaffender Schönheitsschau geworden.
Ganz das Gleiche ist auf einem zweiten Blatt einem Schmetterling
widerfahren, der mit Kopf und Augen und Fühlern, mit der Zeichnung und
dem Geäder seiner Flügel und selbst den Schnitten seines Kerbtierleibes
ein ganzes Gewebe stilvoller Arabesken geworden ist.
Dabei befindet man sich an und für sich grade in diesem Buche noch
auf einem Boden, wo zoologisch Wichtiges direkt in jenem andern Sinne
auch zu lernen ist: in dramatisch belebten Bildern sehen wir diese
Mykenä-Helden im Kampfe mit dem Löwen und wir erinnern uns plötzlich,
daß wir ja hier in der Zeit sind, wo der Löwe wirklich noch in Europa,
in Griechenland, vorkam, was heute wie ein verschollenes Märchen klingt.
Aber dieser Löwe selbst floß bereits gelegentlich ins Ornament, sein
Schwanz bekommt Stil auf den Bildern wie ein Schweinequästlein Buschs.
Und dann faßte die Kunst herrisch und herrischer zu.
Aus dem Polypen, an dessen Armen die beißenden Schröpfköpfe sitzen,
aus dem Polypen, der unter Umständen als Koloß auftrat und dann ein
furchtbarer Gegner wurde, hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zuerst
zeichnerisch und dann rednerisch, in Sage und Epos, die lernäische
Hydra mit den vielen Köpfen und ihre mythische Verwandte, die Scylla,
entwickelt.
Bis in unsere bekanntesten antiken Statuen hinein läßt sich
gelegentlich die Überwindung der Zoologie durch die Ästhetik verfolgen.
Unvergeßlich ist mir der Ausspruch eines Zoologen vor dem vatikanischen
Laokoon in Rom: „Das sind ja keine echten Schlangen, sondern
fett gefütterte Regenwürmer!“ Seit wir die Schlangenmenschen des
herrlichen Pergamenischen Altars in Berlin haben, wissen wir, was für
realistisch treue, zoologisch geradezu packend echte Schlangenleiber
und Schlangenköpfe die griechische Kunst hat liefern können, wenn sie
wollte. Aber gerade diese Laokoon-Gruppe, die in jedem Zuge sich schon
als raffiniertere, abgeglättetere, im abstrakten Sinne vergeistigtere
Kunstarbeit darstellt, hat auch ihre Schlangen schon sehr viel weiter
ins abstrakt Ornamentale hinein verzaubert: es sind zwar keineswegs
Regenwürmer, denn das wäre ja nur wieder ein anderer zoologischer
Schachzug, aber sie sind aus echten Schlangen vom Reptilstamm gleichsam
zu nackten Symbolen bloß der schreckhaften Schnürkraft, zu elastischen
Strangulierungs-Ornamenten geworden.
Erst in den neunziger Jahren des Jahrhunderts haben wir durch das
Verdienst eines deutschen Reisenden und Ethnographen eine wahre
Ur-Schmiede solcher Tier-Verästhetisierung kennen gelernt, die diesmal
nicht aus altem Ruinenschutt gegraben zu werden brauchte, sondern heute
noch bunt und lustig uns vor Augen steht, -- allerdings in einem so
versteckten Winkel der Erde, daß man wohl von einer Art lebendigen
Fossils der Menschheitsentwickelung dabei reden darf.
Karl von den Steinen hat uns unübertrefflich in Wort und Bild das Leben
der südamerikanischen Indianer am Schingû-Flusse geschildert.
Nackte Wilde, die noch keine Metallwaffen kannten, als die Europäer
sie in ihrer Weltverlorenheit auffanden, also in gewissem Sinne heute
noch lebende, echte Steinzeit-Menschen, -- und dabei doch ein Kunstvolk
ersten Ranges, das keinen leeren Fleck um sich leiden mochte, es habe
denn ein Ornament darauf gesetzt.
Das Kanu-Boot und sein Ruder, die Trinkschale und die Kalabasse aus
Kürbis, der Spinnwirtel aus Schildkrötenpanzer und der tönerne Topf,
die Hauswand und der eigene Leib -- alles muß in Kunstformen hinein,
muß strotzen von Mustern, über die das Auge mit Wohlgefälligkeit läuft.
Fröhliche Völker sind es, mit behaglichen Sitten, ohne groteske und
schaurige Formen der Barbarei, in einem gemäßigten Lebenskampfe, der
Zeit läßt, an die Lustigkeit des Daseins und seine Verzierung zu denken.
Bei diesen Bakairi und Verwandten nun fand ihr Erforscher einen
tiefbezeichnenden Zug, wert in jede Kunstgeschichte an hervorragender
Stelle fortan aufgenommen zu werden gleichsam als eine Stimme aus dem
„Paradiese“.
Die Leute waren zunächst ganz nette Realkünstler, was Wiedergabe von
Wirklichkeitsobjekten anbetraf, und zwar waren es in allererster Linie
Tiere, die sie abbildeten.
Ganz reinlich zeichneten sie einen Fisch im Umriß in den Sand. Saß der
fremde Gast mit ihnen abends beim Mondschein am Boden, so malten sie
ihm mit unverwüstlichem Eifer Jagdtiere und Jagdszenen aus dem Stegreif
im Sande vor. Sie begnügten sich nicht, „die Umrisse zu zeichnen,
sondern sie schaufelten mit der Hand den Sand aus dem Umriß des
darzustellenden Tieres der Fläche nach weg und füllten diese Vertiefung
von der Gestalt z. B. eines Jaguars oder Tapirs mit grauweißlicher
Asche aus: so erhielten sie den Körper mit seinen Extremitäten als
ein weißlich schimmerndes Gemälde. Mit dunklem Sande wurden das
Auge und die Fleckenzeichnung der Haut eingetragen. Da die Figuren
mindestens Lebensgröße hatten, machten sie in dem Zwielicht der Nacht
einen überraschend lebendigen Eindruck; es sah aus, als wenn riesige,
schimmernde und flimmernde Felle über den Boden ausgebreitet wären“.
Mit dem fremden Kulturbleistift zeichneten sie dem deutschen Professor
sein und seiner Leute eigenes Porträt in sein Notizbuch, spaßig, wie
der kleine Moritz bei Oberländer in Strichmanier karikiert, aber doch
auch packend charakterisiert.
Ganz auf der Höhe aber war ihre Kunst im plastischen Modellieren.
Wie sie einen Topf formten in Gestalt einer vom Bauche her gehöhlten
Schildkröte, Eidechse oder Kröte, das war bewundernswert selbst vom
verfeinerten Kulturboden aus. Es war ausschließlich Frauenarbeit,
diese Topfkunst. Wie zierlich zugleich und echt hatte aber solche Frau
das Köpfchen, das Schwänzchen und die eingebogenen Vorderpätschchen
der Schildkröte herausgebracht, wie humoristisch treu die breite
Schnauze der Kröte, wie elegant hatte sie auf die Rückenwölbung
des Schildkrötentopfs die Panzerplatten mit ihrer natürlichen
Schildpattzeichnung eingeritzt!
Schon an diesen Töpfen nun nötigte die Anpassung an die Gebrauchsform
zu einem Anfang von Stilisierung, der denn auch wohl zu merken ist:
geht die Schildkröte, geht das Gürteltier noch fast rein mit seiner
Naturform in der Topfgestalt auf -- man könnte ja aus ihren gewölbten
Hohlschalen unmittelbar einen Topf machen, wenn’s not täte -- so muß
das Waldhuhn, muß die Eule und Fledermaus doch schon abgerundet, muß
topfhaft stilisiert werden.
Prächtig, wie auch das gemacht wird, wie die Flügel der Fledermaus zu
einfachen Ornamentlamellen am Topfrande, abgerundeten Griffen umgedacht
werden, bis das Ganze die Tierform überhaupt fast verläßt und aus
dem Fledermaus-Topf ein einfacher Kunstnapf mit einem rhythmischen
Ornamentenflügel-Kränzlein wird.
Und da denn gibt sich die Brücke zu etwas, was in der Malerei und
Schnitzerei dieser Naturvölker am verblüffendsten wirkt, aber zugleich
am lehrreichsten ist.
Als Fries über die Wand oder sonst über jeden verfügbaren Fleck werden
Ornamente hingezogen, die zunächst rein ästhetisch-mathematisch
ausschauen: dunkle Würfel mit weißen wechselnd, rhombische Felder in
graziöser Folge, Dreiecke sich aneinander schließend, ganz wie auf
unsern Teppichmustern, Parkettböden, Mosaiken und so weiter.
Befragt aber, hat der Schingû-Indianer auch für diese echtesten
Ornamente noch realistische Namen.
Dieses Rautenfeld ist dem Namen nach ein Zug ganz bestimmter
eckiger Fische, der Fischname bezeichnet auch das Ornament. Diese
Doppeldreiecke sind dem Worte nach eigentlich Fledermäuse, jetzt
fliegende, in anderer Stellung hängende. Diese dunklen Quadrate im
weißen Grund sind junge Bienen. Diese einfachen Dreiecke schwarz auf
weiß sind zierliche dreieckige Schamschürzchen der Frauen, das einzige,
winzige Bekleidungsstück dieser glücklichen Naturkinder jenseits von
Korsett, Hose und Schuh.
Das heißt: sie sind es noch im Namen, in der Tradition. Es ist genau
so, wie wenn wir ein bestimmtes Wellenornament als Schlangenlinie
bezeichnen. Die Leute haben ursprünglich Fische, Fledermäuse zu
allerlei Gebrauch, als Jagdzeichen, als eine Art Bildersprache zur
Verständigung, in einfachem Nachahmungstrieb, Reproduktionstrieb
dessen, wovon die Seele voll war, aufgezeichnet, -- notabene sie
konnten es, worin eben schon die eine ganze Wurzel ihrer künstlerischen
Menschheitsgabe steckte! Dann haben sie aber an diesen Bildern
+stilisiert+.
Der zweite Sinn, der Sinn für rhythmisch bequeme, glatte Formen mischte
sich ein, mischte sich schon in die erste Wiedergabe zweifellos mit:
das mathematisch Einfachste, über das der Blick am widerstandslosesten,
mit kleinstem Kraftmaß, lief, wurde bevorzugt, das Rhombische des
Fischs, das Dreieckige der Fledermaus. Das wurde dann selbstschaffend
ausgestaltet, in Wiederholungen aneinandergereiht, die Wiederholungen
gaben wieder neue Wohlgefälligkeiten, ästhetische Bequemlichkeiten und
das Ornament war fertig.
Schließlich ging das Tier als Grundform unter bis zur Unkenntlichkeit
und nur der Name bezeichnete noch, daß es historisch einmal im Ornament
gewesen war.
Unendlich weit lassen sich die rein ästhetischen Gedanken ausspinnen
vor dieser Bakairi-Kunst.
Schauen wir doch vor diesem Doppelspiel von wirklicher Tierwiedergabe
und ornamentaler Stilisierung nicht bloß in das Wurzelwerk eines
kleinen Kunstsprößlings: wir blicken in die Wiege überhaupt der Kunst
und aus dieser Wiege schon sehen uns zwei verschiedene Augen an.
Das eine ist das +ur-realistische+ Auge, das Wirklichkeit zu fassen
und nachzuahmen sucht, -- das andere das +ur-idealistische+, das diese
Wirklichkeit umzuschauen, umzuregeln sucht in harmonische Folgen, in
einen wohlgefälligen Rhythmus hinein.
Und beide Arten künstlerischen Wollens sehen wir bereits bei diesen
nackten Wilden mit ihrer Steinzeit-Kultur in Kraft, -- bloß, daß die
erstere, die realistische, insofern eine gewisse Priorität wahrt, als
sie dem zweiten, dem idealistisch stilisierenden Sinne, das Material
geliefert hat, an dem er seine idealistischen Besserungen erproben
konnte.
Wie eine uralte Weisheitsstimme, der keine grüne Klügellogik gewachsen
ist, klingt diese Bakairi-Ästhetik bis in unsern hellsten ästhetischen
Kampfestag hinein.
Wer denkt nicht an unsern heftigen Hader um den Realismus in der Kunst,
in der dichtenden wie der malenden und steinbildenden!
Wie naiv ist der Gegensatz von nackter Wahrheitswiedergabe und
idealistischem Stilisieren, Rhythmisieren da als ein „Entweder -- Oder“
auf Biegen und Brechen ausgespielt worden, als gelte fortan nur noch
ein unbedingtes Gefressenwerden des einen Prinzips durch das andere,
-- während die kleinste und unscheinbarste dieser Fledermäuse oder das
schlichteste Frauenschürzchen dieser Bakairi-Kunst uns doch schon die
ewige Lehre in Fleisch und Blut pauken kann, daß nur beide Richtungen
vereint die wahre Kunst ergeben.
Jene Kunst, die des Menschen würdig ist, der seine ganze Höhenkraft
als König eines Planeten unabänderlich ebenso auch sonst nur der
Doppelfähigkeit verdankt: einmal die gegebenen Wirklichkeiten dieses
Planeten zu erkennen und zu beherrschen bis ins kleinste Kraftwellchen
hinein -- und dann sie zu wandeln nach seinem Idealbilde, sie zu
vergeistigen, wie ein Denkender sein Antlitz vergeistigt, sie zu etwas
emporzuführen, was in der äußeren Wirklichkeit um ihn her noch gar
nicht sein kann, also von dort auch nicht abgelesen werden kann, weil
ja eben der höchste zeitlich gegebene Entwickelungssproß der Natur
nichts anderes ist, als sein „Inneres“ selbst, sein idealbildender,
neuen und umfassenderen Harmonieen zustrebender Menschengeist selbst....
Erst aus dem unendlich verwickelten und doch stets logisch notwendigen
Hin- und Wiederweben ihres roten realistischen und ihres blauen
idealistischen Fadens entsteht das wunderbare Gewebe der Geschichte der
Kunst, wie wir es in den Kulturjahrtausenden hinter uns sich breiten
sehen.
Der Verlauf wird aber noch versponnener und feiner dadurch, daß die
Wirklichkeitsteile des Ästhetischen unablässig auch gebraucht werden in
jenem riesigen Gesamtgewebe zunehmender menschlicher Weltbeherrschung.
So reklamiert auf einer gewissen Höhe die strenge Wissenschaft als
realistischer Teil der technischen Welteroberung und Weltverbesserung
gerade das Tierbild wieder in seiner möglichst reinen Urform als
Reproduktion der Wirklichkeit für ihre streng zoologischen Zwecke. Wir
erleben die Mützel und Specht und Leutemann, wie sie wissenschaftliche
„Tierleben“ illustrieren, und zuletzt muß gar die Momentphotographie
heran, um ganz unverfälschte Wirklichkeitsbilder (vorläufig gelingt es
ja durchaus noch nicht „ganz“!) zu ermöglichen.
Das führt aber von dem Streifblick in die theoretisch-ästhetische Seite
wieder genau auf unser eigentliches Problem selbst zurück.
Es kann heute keinem Zweifel mehr unterliegen: gesehen hat dieser
Mensch, in dem also nach der einen Seite schon als nacktem
Steinzeit-Wilden eine realistische Kraft der reinen Naturwiedergabe
steckte, noch eine ganz andere Sorte verschollener Tierwelt als jene
immer doch relativ junge der Dronten und mykenischen Löwen.
Denn das wissen wir jetzt endlich mit voller Sicherheit: der Mensch in
einem Kulturzustand, der sich immer noch mit dem jener Bakairi-Indianer
oder auch der heutigen Eskimo vergleichen läßt, ist alt, uralt,
märchenhaft alt.
Der Polarpunkt unseres Nordhimmels, in dem heute der Stern des kleinen
Bären leuchtet, ist so und so oft infolge der Achsenverschiebung der
Erde auf die Wanderschaft gegangen, hat sich die Wega und andere
schöne Sterne als Richtlampe erkoren und ist endlich wieder beim alten
Fleck angelangt, -- und immer war der Mensch schon da. Zeiträume aber,
in denen himmlische Achsenpunkte derartige Sternexkursionen machen
können, müssen auch ganz gewaltige Wandlungen und Verschiebungen der
Tierwelt bedingen, in die wir denn also auch mit diesem Menschen
hineingeraten, sobald wir uns bloß resolut sagen, daß die paar
tausend Jahre unmittelbarer Schriftüberlieferung, die wir haben,
völlig zurücktreten gegen das Gesamtdasein eines mehr oder minder
schon überhaupt „etwas“ kultivierten Menschen auf dem Erdplaneten.
Fallen doch selbst die ältesten jener babylonischen oder ägyptischen
Unmittelbar-Überlieferungen nur in einen kleinen Bruchteil einer
einzigen letzten astronomischen Revolution jener Art!
Noch vor zehn Jahren konnte man sagen, daß mindestens Streit darüber
bestehe, ob Mensch und Mammut sich lebendig begegnet seien.
Autoritäten wie Virchow und Steenstrup waren dagegen. Eine Fundstelle
wie die von Predmost in Mähren, wo die von Menschenhand unzweideutig
bearbeiteten, um die Reste menschlicher Kohlenfeuer gelagerte
Mammutknochen nach tausenden zählten, wurde als Eisfleisch-Station
gedeutet, auf der prähistorische Hungerleider vieltausendjährige
gefrorene Eiskadaver von Mammuten herausgehackt und mit dem Appetit
der heutigen Tungusen-Hunde in Sibirien, die jetzt noch tapfer so auf
Eis-Mammut gehen, verspeist haben sollten.
Diese Skepsis ist heute antiquiert.
Zur Stunde tauchen ganz andere Gemeinschaften als Problem auf,
unendlich viel ältere.
Jene wundervolle Fundstätte vorgeschichtlicher Menschheitskultur in
Taubach bei Weimar, von der nachgerade wohl die Meisten gehört haben,
zeigt uns den Menschen als gewohnheitsmäßigen, offenbar durch lange
Zeiten und Generationen fest eingeübten Jäger schon nicht mehr des
eigentlichen Mammut-Elefanten, sondern des sogenannten Alt-Elefanten
(~Elephas antiquus~), einer riesenhaften Elefanten-Form, die
mindestens in ihrer Blütezeit dem Mammut voraufging.
Kein einziger Mammut-Rest ist auf diesem klassischen Boden gefunden
worden, und gewisse Konfusionen sind bloß vorübergehend durch böse
neuzeitliche Nachhilfe in die wissenschaftliche Beschreibung hinein
geraten.
Es ist nämlich unglaublich schier, aber leider doch wahr, was findige
Geldbeutelbedürfnisse selbst bei solchen Dingen für Unheil anrichten
können. Als die Taubacher Knochen und Menschenreste anfingen, Aufsehen
zu machen, stellten sich Käufer ein, Laien, die bloß allgemein etwas
von den Dingen hatten läuten hören. Sie verlangten von den Leuten
in den Taubacher Brüchen vor allem „Mammut“. So kamen schlaue
Industrie-Genies auf den unglücklichen Plan, besagtes „Mammut“ heimlich
irgendwoher zu beziehen und als Taubacher Material mit Profit am Fleck
zu verkaufen. Nahe, eine Stunde rund von Taubach entfernte Kieslager,
in denen auch Elefantenknochen lagen, wurden geplündert und die Zähne
körbeweise nach Taubach gebracht, der Korb im Zwischenhandel zum
Engrospreise von zehn Mark. Die Interessenten erhielten dann beliebig
„Mammut“ aus diesen Körben zu tüchtigen Detailsätzen.
Um die Verwirrung zunächst auf den Gipfel zu treiben, handelte es sich
auch bei diesen Schmuggel-Elefanten aber erst recht nicht um Mammut,
sondern um eine noch ältere Art als der Alt-Elefant war, nämlich um
einen nahen Verwandten des sogenannten Süd-Elefanten (~Elephas
meridionalis~), der nicht gleich dem Mammut jünger, sondern nochmals
zweifellos ein ganzes Teil älter ist, als der Alt-Elefant. Die
Elefanten- und Nashorn-Jagden der Ur-Taubacher hatten sich, wie die
erhaltenen schönen Reste klärlich zeigen, in einem Walde abgespielt,
in dem Birken- und Haselnußbüsche standen. Das deutet nun zwar auf ein
gemäßigtes Klima, ähnlich dem heutigen am gleichen Ort. Da die Zeit
zweifellos bis in die Grenzen der großen Eiszeit zurückgeht, nimmt man
mit ziemlicher Sicherheit an, daß es sich um eine etwas wärmere Pause
innerhalb dieser wechselreichen, im Wort wenig erschöpften „Eiszeit“
handelte. Der Süd-Elefant aber hat noch vor der ganzen Eisperiode
gelebt und aus voreiszeitlichen Schichten stammte denn auch das
eingeschmuggelte Material.
Die Taubacher Industrie konnte zum Glück noch rechtzeitig aufgedeckt
und wissenschaftlich unschädlich gemacht werden.
Der letzte Trumpf der ganzen Geschichte aber bleibt, daß dieser
Süd-Elefant an und für sich und in seiner eigenen Schicht ganz wohl
+auch noch+ mit menschlichen Kulturresten hätte zusammenliegen
können -- auch ohne Schwindelei. Denn auch ihn hat der Mensch noch
erlebt, oder besser von unten nach oben gesagt: schon erlebt.
Nie werde ich den Eindruck vergessen, den in den achtziger Jahren ein
kleiner Raum des altberühmten Jardin des Plantes zu Paris, der Stätte
Buffons und Cuviers, auf mich machte.
In einer provisorischen rohen Bretterbude hatte man die größten
paläontologischen Schaustücke, meist vollständige Gerippe urweltlicher
Riesentiere, in Erwartung eines (heute längst vollendeten) würdigeren
Museums-Neubaues vereinigt. Nur Auserwählte mit Karten drangen bis
in dieses Heiligtum vor. Ihnen aber ward ein im buchstäblichen Sinne
ungeheurer Anblick zu teil.
Da stand das Skelett des Riesenfaultiers, des Megatherium, da wölbten
sich wie mächtige Tonnen empor die Panzerdecken der Riesengürteltiere,
-- beide aus Tiergeschlechtern, von denen wir heute wissen, daß der
Mensch sie auch noch gejagt und verspeist hat.
Um einen Koloß wie das Megatherium zu überbieten, dessen Oberschenkel
fast dreimal so breit sind wie die des lebenden Elefanten, war in
dieser Versammlung schon ein ganz besonderer Elefant nötig, und den
hatte denn auch eine Ausgrabung in Südfrankreich in Gestalt eines
prachtvoll erhaltenen Riesenexemplars jenes Süd-Elefanten geliefert.
Aufrecht hatte der Koloß im Boden gestanden, als man ihn fand, ein
Beweis, daß er an Ort und Stelle einst im Sumpf versunken sein mußte.
Die Stoßzähne, vollkommen erhalten wie sie sind, zeigen doch nichts von
der abenteuerlichen Krümmung, wie sie den Mammutstößern zukommt.
Dieser Süd-Elefant lebte, wie gesagt, vor der Eiszeit, in das letzte
Drittel der voraufgehenden Tertiärzeit, die sogenannte Pliocänzeit,
hinein.
Wer noch heute auf dem Standpunkt steht, der vor zehn Jahren Mode in
der Anthropologie war: vor jeder Möglichkeit eines Fundes tertiärer
Menschenspuren zunächst ein skeptisches Lächeln wie über eine Art
Dummejungenbehauptung aufzusetzen, der muß diese Altersbestimmung
bestreiten.
Denn es läßt sich nicht mehr fortleugnen, daß mit Knochen des
Süd-Elefanten in ungestörter Schicht zusammen in Frankreich schon
Feuersteinwerkzeuge, bearbeitet von Menschenhand, gefunden worden
sind, -- wenn auch bearbeitet in einer noch etwas roheren Weise, als
es in der Folge geschah. Wiederum aber zweifelt von der Menschenfrage
unabhängig kein unbefangener geologischer Beurteiler heute, daß wir
mit dem Süd-Elefanten wirklich in der echten +tertiären+ Tierwelt
sind, und so wird auch hier nachgerade der allzu skeptischen Skepsis
ihr Stündlein geschlagen haben.
Die eigentliche Kühnheit im Zurückdatieren setzt erst noch wieder eine
ganze Station auch dahinter heute ein, -- und ich kann offen gestanden
auch noch in ihr nichts zu kühnes sehen.
In der Auvergne, dem alten Vulkangebiet Frankreichs, wo noch in jener
Pliocänzeit des Süd-Elefanten eine Unmasse feuerspeiender Berge große
Lavaströme entsandten, sind tief unter solcher alter Lava Feuersteine
mit Bearbeitungsspuren gefunden worden, die der Lage nach in das
mittlere Drittel der Tertiärzeit, die +Miocänzeit+, gehören würden.
Angesehene französische Forscher sowohl, wie unser trefflicher
Heidelberger Anatom und Prähistoriker Hermann Klaatsch, halten die
eigentümlichen Schartungen auch dieser Splitter für Menschenwerk.
Triftige Sachgründe gegen diese Deutung sehe ich nach Klaatschs
scharfsinniger Darlegung nicht mehr. Wenn man dem Teufel einmal den
kleinen Finger gibt und überhaupt auf Grund gewisser feiner Merkmale
sich den Indizienbeweis menschlicher Arbeit auch an den älteren,
roheren Steinsachen gefallen läßt -- und für nachtertiäre Fundstellen
tut das einstimmig die ganze Fachmannschaft, -- so muß man, meine ich,
auch hier die Hand nachschicken.
Dieser Miocän-Mensch also von Aurillac, wie die Fundstätte heißt,
-- er, den wir ohne besondere chronologische Skrupel um anderthalb
Millionen Jahre rückwärts vom heutigen Bewohner der rauhen Auvergne
trennen mögen, muß aber eine Tierwelt noch gesehen haben, die alles
bisher erwähnte an Fremdartigkeit weit hinter sich ließ.
Je tiefer wir in die Tertiärzeit hineingehen, desto mehr nähern wir uns
ja jener merkwürdigen Epoche, da das Klima in Europa, statt eiszeitlich
härter, umgekehrt südländisch wärmer war als heute.
Bis gegen die Mitte der Tertiär-Zeit haben Frankreich wie Deutschland
ein Palmenklima gehabt. In Südfrankreich wuchsen große Fächer- und
Sabal-Palmen, Pisangs, Drachenbäume und Kampferbäume.
Noch der Süd-Elefant hat in seiner Pliocän-Zeit sich durch immergrüne
Wälder von Lorbeern und Magnolien in der Umgegend von Paris
ästeknickend durchgedrängt.
In jenem miocänen Urwald von tropischer Üppigkeit aber hauste auch die
entsprechende Tierwelt.
In ihm muß der Mensch noch leibhaftig mit Augen das Tier gesehen haben,
das anderthalb Millionen Jahre später mit am allermeisten Zwist und
Kopfzerbrechen erzeugen sollte, als seine Gebeine noch einmal aus ihrem
uralten Grabe zum Vorschein kamen.
Im Morgenrot der Versteinerungskunde hatte einst Cuvier ein paar
einzeln gefundene große Backenzähne als dem Tapir angehörig
beschrieben. Uns würde es heute schon seltsam genug anmuten, den Tapir
aus Südamerika oder Indien lebend in die Auvergne versetzt zu sehen.
In den älteren Tertiärtagen war aber grade an tapirähnlichen Tieren
in ganz Europa kein Mangel. 1835 kam dann in der Pfalz der ganze Kopf
des vermeintlichen Tapirs ans Licht. Mehr als ein Meter lang, trug
er im Unterkiefer zwei abwärts gekrümmte, an das Walroß gemahnende,
stoßzahnartige Hauer. Da der Rest des Körpers fehlte, blühten um dieses
groteske Haupt die buntesten Theorien auf.
„Ich möchte,“ ließ sich 1856 der große Anatom und famose
Fossiliendeuter Burmeister vernehmen, „dem Tiere einen kurzen, dicken
Hals, einen kräftigen, spindelförmigen Rumpf nebst breiten, selbst
zum Kriechen wie beim Walroß tauglichen Flossenfüßen zuschreiben und
dasselbe für ein pflanzenfressendes Seeungeheuer erklären, welches
nach Art der Sirenen gern in die großen Flußmündungen sich begab
und selbst bis in die höheren Teile der Flüsse hinaufstieg. Seiner
vorderen Hakenzähne bediente es sich gleich dem Walrosse wohl mehr
zum Unterstützen seiner Bewegungen am Ufer, wenn es ruhen wollte, als
zur Verteidigung; oder es riß seine vegetabilische Nahrung, dicke
fleischige Wurzeln, damit aus der Tiefe empor.“
In der Tat erschien das Tier in dieser Robbengestalt lange Jahre
hindurch in den populären Geologien.
Dinotherium, das „Schreckenstier“, hatte man es einstweilen getauft.
Welch bitterböses Lachen aber würde der miocäne Auvergnate, der diesem
Waldschratt selber noch gewohnheitsmäßig auf seinen Streifereien
begegnete, vor unserm Naturforscherbilde aufgeschlagen haben!
Denn das Dinotherium war, wie wir heute aus besseren Funden nun auch
glücklich wissen, in Wahrheit ein über vier Meter hoher Elefant mit dem
Rüssel und den Säulenbeinen eines solchen, der bloß diese allerdings
ganz charakteristische Besonderheit bei sich ausgebildet hatte, daß
nicht der Ober-, sondern der Unterkiefer die Stoßzähne lieferte und daß
sie sich nach unten krümmten, statt nach oben.
Bei einem zweiten Elefanten, den jener Miocän-Mensch ebenfalls gesehen
haben muß, dem Mastodon, wuchsen sogar im ganzen vier Stößer, zwei aus
dem Ober- und zwei aus dem Unterkiefer.
Seltsamer Reiz dieser Bilder: der Mensch bei Mastodon und Dinotherium!
Was mag es für ein Mensch gewesen sein?
Wir wissen heute wieder mit voller Sicherheit, daß jene Menschenschädel
vom Neandertal und von Spy, die von der Schule Virchows einmal
so gründlich „totgeschlagen“ schienen und doch so munter wieder
wissenschaftlich „lebendig“ geworden sind, als sei nichts passiert, --
wir wissen aus ihrem Bau mit den vorspringenden Augenbrauen-Wülsten
und anderen Merkmalen, daß es sogar noch nach der Tertiär-Zeit eine
wirklich urtümliche, vom heutigen Menschen charakteristisch abweichende
altdiluviale Menschenrasse in Europa gegeben hat.
Und wenn jener Miocän-Mensch von Aurillac unter die Drachenbäume und
Pisanas und Kampferbäume seines Urwaldes trat, in die natürlichen
Pfade hinein, die, wie heute in Indien, von den schweren Rüsseltieren
ausgetreten waren: dann begegnete ihm, unbeholfen in schwankendem Gang
wohl ein Stück weit auf die Hände gestützt, der große Menschenaffe
Dryopithekus oder durch das Geäst über ihm schwang sich akrobatenhaft
von Zweig zu Zweig der Gibbon-Affe Pliopithekus.
Lag in solcher Begegnung -- für unser Denken heute -- etwas wie ein
Hauch geheimnisvoller Vergangenheit, so rührte ein anderes Bild
umgekehrt an die eigene Zukunft.
Wo der Wald sich auftat und der grüne Plan sich entrollte, da
galoppierten Herden schlanker Huftiere dahin vor dem Blick dieses
Ur-Auvergnaten. Hätte dieser Blick die Jahrhunderttausende der Folge
sich aufrollen sehen, wie diese grüne Steppe sich vor ihm entrollte,
so hätte er eine der denkwürdigsten Metamorphosen der Tierwelt ahnend
geschaut, die sich grade in seiner Nähe und mit unmittelbarster
Beziehung auf ihn ereignen sollte.
Diese schnellen Hufträger waren Hipparions, -- Ur-Pferde.
Heute noch geschieht es ab und zu einmal, daß als „Mißgeburt“ ein
Pferd bei uns geboren wird, das statt des einen einzigen Hufs, mit
dem normaler Weise dieser König unter den Läufern nur mehr den
Boden schlägt, an allen vier Beinen noch drei Hufe trägt, von denen
allerdings die zwei ungewöhnlichen die Erde nicht mehr erreichen.
In Jahrmarktsbuden wird solch ein Dreihufer-Pferd gezeigt. Aus der
Antike kommt die Kunde, daß Alexander des Großen berühmter Bukephalos
diese scheinbar widersinnige Zier besessen habe. Es liegt aber Sinn in
Wahrheit doch in der Zier.
Denn diese Dreihufer sind vereinzelte späte Rückschläge eben auf die
uralte Stammform unseres einhufigen Pferdes, die regulär noch solche
beiden Nebenhufe trug -- auf jenes Hipparion der Miocän-Zeit. Freies
Wildpferd war es zugleich noch, ohne engere Beziehung zum Menschen,
ohne jene Rolle des „Kulturtiers“, die dem Pferde dermaleinst eine so
besondere Stellung auf seinem Planeten geben sollte.
Ich habe das Bild absichtlich so weit aufgetan, wie noch in steilster
Theorie möglich ist. Bis zum Dinotherium und Hipparion könnten im
äußersten Falle menschliche Tierzeichnungen gehen, wenn nichts weiter
dazu nötig wäre als überhaupt ein Mensch mit den frühesten Anfängen
der Werkzeugtechnik. Den Plesiosaurus oder Pterodaktylus, die in die
Tertiärzeit selber nicht mehr hineinreichen aus der großen Saurierzeit,
kann auch die regste Phantasie im Konterfei von zeitgenössischer
Menschenhand nicht mehr erwarten. Aber wie unabsehbar groß ist auch so
noch der Spielraum, -- wie viel könnte unsere wißbegierige Zoologie
noch vom kleinsten Kritzelbildchen auf einer Wand, einem Knochen ernten!
Und das jetzt ist die Stimmung, mit der wir in den finsteren Schlund
jener Höhlen im Vezère-Tale kriechen, spähend beim schwachen
Kerzenlicht, was diese Wände uns offenbaren wollen.
Es war in der ersten Hochblüte der Begeisterung für prähistorische
Kulturfunde.
Gebrochen war der Bann grundsätzlicher Zweifel, mit denen der
treffliche Boucher de Perthes noch gekämpft hatte. Man gab eine
diluviale Urkultur unumwunden zu, achtete die Reste als neue
Quelle, redete zum ersten Mal mit Sicherheit von einer neuen, der
prähistorischen Wissenschaft.
In dieser Zeit wurden die ersten Spuren einer „prähistorischen Kunst“
in Gestalt erkennbarer Tierbilder bekannt.
Zuerst aus Frankreich selbst, woher die frische Weisheit überhaupt
diesmal gekommen. Dann aber auch aus einem der strengen deutschen
Forschung näheren, leichter zu prüfenden Ort: von Thayingen, zwischen
Konstanz und Schaffhausen, aus dem sogenannten Keßler Loch.
Es waren zunächst Gravierungen auf Rentierhorn und ähnlichem alten
Material, und Schnitzereien aus solchem Stoff.
Der rasch berühmteste der französischen Funde war die Zeichnung oder
besser Ritzung eines Mammut-Elefanten auf Mammut-Elfenbein. Man sah
die charakteristische Kopfform, den Rüssel, die Stoßzähne, den aus den
sibirischen Eiskadavern bereits bekannten dicken Wollpelz; selbst die
richtige Gangart war angedeutet.
Auf diese Epoche der enthusiastischen Anerkennung folgte unmittelbar
aber das Wellental jäh absinkender Skepsis.
War jenes Mammutbild immerhin eine eskimohaft rohe Skizze trotz seiner
Naturtreue, so hatten sich im Keßler Loch humoristisch stilisierte
Zeichnungen gefunden, die jeden Unterschied zwischen alt und neu in der
Kunst zu verwischen schienen. Sie muteten an, wie aus einem neuesten
Tierbilderbuch für unsere Kinder.
Und der sachkundige Konservator des Mainzer Altertums-Museums,
Lindenschmidt, bestätigte diese verblüffende Ähnlichkeit eines Tages in
der Tat dergestalt, daß er die -- Originale einiger „prähistorischer“
Tierzeichnungen aus jener Bodensee-Nachbarschaft in einem kürzlich
erschienenen Weihnachtsbuche des Spamerschen Verlages nachwies. Was
Leutemann hier für die reifere Jugend gezeichnet, das war in jenem
famosen Keßler Loch einfach auf altes Rentierhorn kopiert worden.
Und zwar, wie allsogleich erkennbar wurde, nicht in spiritistischer
Umkehrung aller Zeitverhältnisse schon von unsern prähistorischen
Ur-Schwaben, sondern von neuzeitlichen Genossen jener Taubacher
Mammut-Schmuggler: nämlich Arbeitern bei den Ausgrabungen, die sich ein
Stück Geld bei diesem Fischzug der Wissenschaft verdienen wollten.
Der Betrug war so offenkundig, daß das Gericht einschreiten und die
Sünder bestrafen konnte. In der ganzen Frage prähistorischer Kunst aber
bedeutete dieses mißliche Einzelereignis einen allgemeinen Kurssturz.
Jetzt kamen auf einmal die Stimmen derer obenauf, die solche
vorweltliche Zeichnerei überhaupt für unmöglich hielten. Die Faust,
die eben die ersten Steinbeile ordentlich zurecht geschlagen, habe noch
nichts von Zeichnen und Kunst ahnen können! Eitel Schwindel seien eben
alle diese angeblichen Ritz- und Schnitzarbeiten, moderne Fälschung
plumpster Art. Wenn solches Schwindelwerk am grünen Holze, bei uns,
gelungen, -- wie sollte man nicht der Leichtfertigkeit französischer
Halb-Forscher das Bedenklichste unbedenklich zutrauen!
Jenes Mammut-Bild, das Lartet im Vezère-Tal des Trüffel-Landes
entdeckt, sollte gar bloß in der Phantasie dieses Herrn Lartet
und seiner Freunde entstanden sein durch willkürliche Auslese und
Allein-Wiedergabe einiger Krackelstriche in einem wüsten Netz
vielfältiger und regelloser Ritzungen eines stark verschrammten
Elfenbeinstücks.
Die mildesten Kritiker bestritten doch wenigstens alle irgendwie
„besseren“ Bilder. So trat Johannes Ranke den Beweis für Unechtheit
eines Rentiers aus dem Keßler Loch, das sonst nicht in jene
unzweideutige Fälschungsgeschichte verwickelt war, mit der Begründung
an, daß bei diesem Tierbilde die Füße, ja sogar die Afterklauen daran,
genau dargestellt seien; gleich den heutigen zeichnenden Buschmännern
Afrikas hätten aber die prähistorischen Menschen auf „echten“ Bildern
niemals die Füße der Tiere mitgezeichnet.
Je nun, -- diese jungen Wissenschaften haben ihre Umläufe, es wechselt,
um mit dem Prolog im Himmel zu reden: „Paradieseshelle mit tiefer
schauervoller Nacht“, und die Weisheit, die zweimal umgelernt hat, darf
sich nicht scheuen, es auch zum dritten Mal zu tun.
Auch jene skeptische Phase ist heute wieder um, und vor den neuen
Funden der Trüffel-Erde, die wir jetzt besitzen, hebt abermals ein
neues Kapitel dieses tiefsinnigen Lehrbuchs vom Menschen und seiner
Ur-Gabe der Kunst an, ein helles und positives nun doch.