Nach Abilas Verschwinden redete noch eine grobe Männerstimme, der Geist
eines „Schusters aus Plauen“, durch den Vorhang.
Hier verließen aber Frau Töpfer selbst ihre deklamatorischen
Fähigkeiten, man hörte den Dialektklang ihrer eigenen Stimme störend
deutlich durch.
Ohnehin waren alle des dummen Spiels müde, man weckte das Medium, das
nun zum Schlusse noch einmal in besonderer Weise, durch Ablesen von
einem geschriebenen Alphabet mit Hilfe eines auftickenden Bleistiftes,
einen Geist „Zwibos“ reden ließ. Er bestätigte unter ziemlich
unverhohlener Heiterkeit der Hörer, jener Onkel Willes sei in der Tat
am gelben Fieber gestorben.
Wir hatten genug und gingen nach Hause.
So weit meine alten Aufzeichnungen.
Ich mag sie nicht durch Theorie abschwächen.
Aber ich sage heute wie damals: mir graut vor einer „Weltanschauung“,
die das höchste, heiligste Urteil eines wahrheitsuchenden Menschen
über sich und alle Dinge um ihn her darstellen soll, -- und die
sich aufbauen sollte auf einer solchen Valeska Töpfer und ihren
Möglichkeiten ...
* * * * *
Was wir zur Verständigung im Kampfe moderner Weltanschauungen brauchen,
das sind wirklich gar nicht in diesem Sinne neue Tatsachen. Es sind
neue Deutungen, neue Wertungen, es ist Tiefenschau im schon Vorhandenen.
Das ist der schwere Schaden ja in solchen Versuchen wie dem
Spiritismus: daß er auf ein paar, noch dazu angebliche, neue Tatsachen
sofort die unerhörtesten Schlüsse mit einem methodologischen Leichtsinn
ohne gleichen baut, Geisterhypothesen in einer materialistisch groben
Form, und das alsbald wieder mit starrem Dogmatismus, der nicht zugeben
will, daß diese „Tatsachen“, selbst wenn sie richtig wären, die
verschiedensten Deutungen zulassen würden.
Aber wichtig ist auch, daß er grade diesen methodologischen Schaden
teilt mit Arabesken der modernen Naturphilosophie, die ihm sonst in
allem entgegen sind und nicht einmal seine „Tatsachen“ anerkennen.
Sie steifen sich dafür auf ihre und, geben wir zu, an sich richtige
Tatsachen, -- in der Methode verderben sie es aber ebenso durch starre
Einseitigkeit und Fanatismus für „Eindeutigkeit“.
Umgekehrt aber werden an dieser Ecke Denker für uns wichtig, die
den Tatsachenbau unserer einheitlichen Forschung und den exakten
Beobachterweg als solchen niemals angefochten, sondern sogar als
+Palladium+ verteidigt haben -- und die doch, +mit+ dem und
+trotz+ dem, eine eigene Tiefenschau versucht haben, die ohne
jeden Dogmatismus ihren individuellen Weg ging -- und die uns so das
Tor überhaupt weit aufgetan haben für die Masse der „Möglichkeiten“,
die noch in die Tiefe aller Tatsachen hinein denkbar sind.
Ein solcher Mann war Fechner.
Fechner grade hat aber noch eine besondere Farbe dabei in die Dinge
gebracht, die wieder mein Grundthema berührt.
Man muß sich heute mit Fechner auseinandersetzen. Er wird eine
+Macht+, -- trotz aller oberflächlichen Urteile, die auch mit ihm
„fertig“ zu sein glaubten.
Vor kurzem ist sein naturphilosophisches Hauptwerk, „Zend-Avesta“, neu
herausgekommen. In einem halben Jahrhundert war das Buch nicht wieder
aufgelegt worden, -- überhaupt nicht nach der ersten Ausgabe.
Ich sehe die ursprünglichen Bändchen noch vor mir in dem alten,
schmutzigen, zerfetzten Exemplar der Berliner Universitäts-Bibliothek,
das Jahrzehnte hindurch immer einmal wieder zu erlangen ein Ereignis
war.
Jetzt sind es zwei schöne Bände in Lexikonformat geworden, mit
besonders hellem, freundlichem Druck, man kennt den alten Sonderling
kaum wieder. Kurd Laßwitz, der ausgezeichnete Gothaer Physiker und
Dichter, hat die Vorrede dazu geschrieben, in der er erklärt, daß
dieses Buch zu seiner Neuauflage keiner erklärenden Vorrede bedarf,
sondern daß es einfach wiederkommt, weil es heute wiederkommen
+muß+.
Als der alte Gellert in Audienz beim alten Fritz ist, sprechen sie über
ein Buch, und der alte Fritz sagt: „Das haben sie mir gebracht, aber
das hab’ ich fortgeworfen.“ So hat es das neunzehnte Jahrhundert mit
Zend-Avesta gemacht.
Ich weiß noch heute eine ganze Anzahl trefflicher, kenntnisreicher,
ethisch hochstehender Männer, die es genau so machen. Man braucht
dem Gespräch nur eine bestimmte Wendung zu geben und dann plötzlich
einen Fechnerschen Zend-Avesta-Gedanken mitten aus dem Zusammenhang
dazwischen zu werfen, -- etwa: man spricht über die Spektral-Analyse
der Gestirne im Anschluß an das treffliche Buch unseres Potsdamer
Astrophysikers Scheiner und wirft hinein, daß Fechner noch im Jahre
1851 die Gestirne für „beseelt“ gehalten habe; auch über das Antlitz
eines sehr milden, sehr sachlichen Zuhörers wird ein Lächeln fliegen,
das so viel besagt, wie: werfen wir den Mann fort aus jeder ernsthaften
Debatte.
Vielleicht gibt es in der ganzen Tragödie menschlicher Irrungen nichts
Bittereres als eben dieses Lächeln des Mißverständnisses bei Besten,
-- dieses Lächeln, das doch im Grund der Dinge nur ein Lachen der
tatsächlichen nackten Unkenntnis ist.
Denn nicht um einen solchen einzelnen, aus dem Text gerissenen Satz
geht die wahre Frage, nicht er bildet den echten Hintergrund, vor dem
die den Fechner heute wieder suchen, -- nun die ihn eben suchen.
Das Fortwerfen eines Jahrhunderts ist selber kein End-Urteil.
Dieses gleiche Jahrhundert hatte auch Schopenhauer schon einmal
fortgeworfen, gründlich, bis zum Makulaturwerden eines Hauptbuchs. Es
gab eine Zeit in diesem Jahrhundert, da es ebenso ein Hohn war, wenn
ein paar tüchtige Köpfe beisammen waren und über Physik redeten, etwa
über das eben begründete große Gesetz von der Erhaltung der Energie
-- und wenn da einer dazwischen warf, es habe der Naturphilosoph
Schopenhauer alle Kraftäußerungen der Natur auf den „Willen“
zurückgeführt. Mit diesem Willen im Energiegesetz wäre Schopenhauer nie
über das Achselzucken der Leute hinausgestiegen. Eines Tages aber trat
das Jahrhundert in seine eigentümliche graue Epoche, die Welt erschien
ihm nichtig, der Pessimismus die Lösung. In dieser Stimmung hat es
plötzlich die Ansatzstelle zu Schopenhauer gefunden, die Ansatzstelle,
von der aus es dann auch überhaupt begriffen hat, daß dieser Mann einer
der schärfsten und ehrlichsten Denkerköpfe der Menschheit gewesen ist,
ganz einerlei, wie viel von seiner Willenstheorie oder selbst von
seinem Pessimismus ewige Wahrheit bleiben soll, -- ein Denkerkopf, den
„wegzuwerfen“ eine himmelschreiende Versündigung an dem wahrlich nicht
zum Vergeuden reichen Denkschatze dieser Menschheit gewesen wäre.
Was heute nun wieder zu Fechner zurückdrängt und auch da eine ganz neue
Ansatzstelle öffnet, das ist in gewissem Sinne ja genau das Umgekehrte
an Stimmung von dem, was damals zu Schopenhauer führte.
Aber es ist genau ebenso eine +Gesamtstimmung+.
Das neunzehnte Jahrhundert zwar kann sich in ihr nicht mehr
rektifizieren, denn es ist um. Aber Jahrhundert hebt Jahrhunderturteil
auf, wie es in dem Spruche heißt: „~Nemo contra Deum, nisi Deus
ipse.~“ Es sind nicht ein paar Antiquare und antiquarische Gemüter,
die den fortgeworfenen Schriften Fechners heute wieder nachspüren.
+Optimismus+ sucht unsere Zeit.
Das ist wahrlich ein größeres Wort als Gestirnseele oder als der
antiquarische Buchname Fechner, -- wie Pessimismus ein ander Ding war
als der mystische Wille und Schopenhauer.
Um ihres Strebens, ihrer lang verhaltenen, überall aber elementar
durchbrechenden philosophischen Sehnsucht nach konsequentem Optimismus
willen klammert sich unsere Stimmung an Goethe, der zwar nie
fortgeworfen, aber auch gründlich mißverstanden worden war. Und darum
auch kommt sie auf Fechner zurück.
Sein Name ist ein Zeichen heute, das kein Lächeln und Lachen über
Pflanzenseelen und Gestirnseelen mehr fortschaffen kann. Er ist ein
Symptom einer äußerst charakteristischen Wende, und das muß ernst
genommen werden.
Was Fechner wollte?
Wie der Faden eines großen Kunstwerks läßt sich der Kerngedanke auch
seiner ganzen Philosophie auf eine Nußschale schreiben.
Der Angelpunkt liegt in dem schlichtesten Wort, über das auch im
exaktesten Kreise doch unmöglich als solches gelacht werden kann: in
dem Wörtchen +Natur+.
In diesem Wörtchen steckt eben noch mehr als bloß etwas
Spektral-Analyse oder Energiegesetz. Unsere größte Lebens- und
Herzensfrage steckt allmählich darin. In vierhundert Jahren ist das
langsam über uns gekommen, und es hilft keine Phrase mehr darüber fort.
Das ganze achtzehnte und das ganze neunzehnte Jahrhundert ist eine
einzige fortgesetzte Krisis vor diesem Begriff.
Rekapitulieren wir noch einmal.
Zuerst kam die große Zeit von Kopernikus bis auf Newton mit ihren
überwältigenden äußeren Bildern der Natur. Die ungeheure negative Rolle
des Neuen setzte ein. Vor den Sternen in Galileis Fernrohr verblaßte
ein ganzer alter Lichthimmel. Vor dem Naturgesetz Newtons versank der
Wunderbegriff. Wo einst Überwelt und kleine Erdenwelt eng aufeinander
geprallt waren, da schob sich jetzt das Riesending dazwischen, das wir
eben im neueren Sinne „Natur“ nennen: Myriaden Sonnen im Raum, Äonen
der Vergangenheit, natürliche Entwickelung in der eisernen Hand des
Naturgesetzes -- und diese Welt dem Forscher zugänglich, das leise
Ticken ihres Lebens sich wiederspiegelnd auf seiner Uhr, ihr in allen
Äonen gleichmäßig geregelter Schritt sich aufprägend auf seiner Wage.
Auf einmal ist das da, gigantisch groß, zermalmend für unzählige
altvertraute Vorstellungen, mit nichts mehr fortzudisputieren. Wir
lieben es, das neunzehnte Jahrhundert im engeren hervorzuheben als die
Epoche der Naturforschung, der Naturerkenntnis. In Wahrheit bezeichnet
es nur den Wellenkamm, wo das Bewußtsein des Erreichten einsetzt. Ein
Werk wie Humboldts „Kosmos“ ist charakteristisch für dieses Jahrhundert
als eine Zusammenfassung, ein erster, ganz großer Rechnungsabschluß.
Lange ehe es dazu kommt, setzt aber bereits eine ganz andere Linie ein,
-- eine, die ebenso folgerichtig einsetzen mußte.
Der Begriff Natur hat die ganze sichtbare Welt erobert. Streng genommen
sogar die unsichtbare. Wo der alte Glaube Himmel und Hölle jenseits der
Schranke unseres Sehens träumte, träumt er immer noch wieder Sterne. In
die Ewigkeit reicht sein Naturgesetz.
Aber ob nun da oben durch die Fugen der Aetherglocke der Schimmer des
Paradieses blitzt oder ob Sterne kreisen im leeren Raum, getragen vom
Gravitationsgesetz: auf der Erde sitzt der gleiche Mensch, stützt den
Kopf auf die Hand und fragt sich, wie er sich in ein Verhältnis setze
zur Welt.
Ist die Welt „Natur“ geworden, -- wie also zu dieser Natur?
Einen Augenblick, unter dem Krachen der alten Säulen, kann er
vielleicht meinen, mit diesen Säulen sei jenes Anschlußbedürfnis selber
zerstört. Aber das ist nur ein negativ übertäubter Moment. Mensch
bleibt Mensch. In dem alten Tempelbau ließ sich leben. Wie ist’s nun in
der Natur?
Wenn die Flut eine halbe Insel wegreißt und die Leute auf ein Viertel
des alten Raumes drängt; wenn ein Erdbeben, ein Vulkanausbruch eine
ganze Stadt wegtilgen: die verschüchterten Menschen meinen auch zuerst,
jetzt würden sie ewig im Chaos bleiben; in ein paar Jahren haben
sie sich doch wieder eingerichtet, so gut es geht, und die nächste
Generation weiß es schon nicht anders.
Die Naturerkenntnis verhieß nun umgekehrt sogar unendlichen Zuwachs.
Für den engen Tempel eine Sternenwelt. Immerhin lag das alte Haus für
den Moment unter der Lava und es wollte ein neues Dach gebaut sein,
unter dem der Mensch die Sterne ruhig ertragen konnte.
Die Linie, die von hier heraufkommt, darf man gar nicht in der Weise,
wie jene erste, grundlegende, zunächst bei den Naturforschern suchen,
ja nicht einmal bei den Naturphilosophen vom abstrakten Feld.
Die Frage, wie man praktisch, als ganzer Mensch mit allen echten,
unzerstörbaren Menschenbedürfnissen, mit der „Natur“ leben solle, ist
in ihrer eigentlichen Intensität auch von den intensivsten Ganzmenschen
zuerst brennend gestellt worden: den +künstlerischen+ und
+ethischen+ Köpfen.
Ihre größte erste Entladung in der Tiefe des achtzehnten Jahrhunderts
liegt nicht bei irgend einem exakten Naturforscher (nicht einmal bei
Newton), sondern bei Rousseau.
Rousseau kämpfte im Kleinen noch einmal den ganzen Kampf des Alten und
Neuen bei sich aus.
Als eine durch und durch ethische Natur lief er zunächst mit dem
harten Kopf gegen moralische Widersprüche in seiner Zeit. An der
Unmöglichkeit, sie mit dem alten Glauben noch zu lösen, erkannte er die
Krisis des neuen Menschen. Der Mensch mußte sich mit irgend etwas neu
einrichten, um diesen Dampf zu durchdringen.
In dieser Stimmung bot sich ihm das Wort „Natur“.
Die Natur erschien ihm als die Erlösung. Heim ans Herz der Natur!
Rousseau zuerst suchte in der Natur mit der ganzen Inbrunst des
Erlösungsringers nicht die Ziffern irgend einer Naturforscherrechnung,
ja nicht einmal philosophische Spekulation: er suchte in ihr einen
neuen ethischen Grundwert und Urwert, den Fels, an den der neue Mensch
sich klammern könnte, den ruhenden Punkt des Gemütes, das Herz, an das
dieses Gemüt heim wollte.
Es ist die Tragik in Rousseaus Leben, daß der Begriff Natur bei alle
dem ihm selber ein schwankender, halber, phantastisch-unklarer blieb.
Er mußte eine sentimentale Natur erfinden, die in dieser Form für
die nächste Folge dem Fortschritt der echten Naturerkenntnis schroff
entgegenstand. Und selbst darin blieb er halb.
Hätte Rousseau die Kraft des Wissens und der Phantasie gehabt, seinen
Naturbegriff wirklich groß und suggestiv zu machen, so wäre er mit
seiner ethischen Wucht ein Religionsstifter geworden, wozu er in
vielen Zügen das Zeug hatte. So blieb er in der Natur-Krisis stecken,
allerdings mit einer ungeheuren Wirkung innerhalb dieser Krisis. Ein
Gewaltigerer löste ihn ab: Goethe.
Auch Goethes Leben ist ein unausgesetzter Kampf um den Natur-Begriff.
Goethe ist eine unendlich viel positivere Gestalt als Rousseau, schon
weil er viel stärker Künstlernatur ist.
Er geht für sich niemals so herb von dem Riß zwischen Alt und Neu
aus. Viel mehr Naturforscher auch als Rousseau, steht er von Anfang an
fester auf dem Natur-Boden. Von Spinoza her ist er zugleich auf den
Einheitsbegriff gedrillt. Ihm kann der Schnitzer nicht passieren, daß
er nun doch noch wieder den Riß in die Welt hineinprojiziert und einen
Schnitt macht zwischen Natur und Kultur, die Kultur als Abfall ansieht
von einer künstlich konstruierten „Natur“.
Goethe ist es, der, nicht abstrakt wie Spinoza, sondern künstlerisch
schauend, das Wort einführt: „Gott-Natur“.
Wenn ein Wort die Probleme hier wie irgendwo endgiltig lösen könnte, so
wäre die Schlacht für diese ganze Linie damit gewonnen gewesen.
Aber Goethe selbst hat in unablässigem Ringen, Tasten, Versuchen
deutlich genug gezeigt, wie sehr er sich bewußt war, daß das Wort erst
eine Direktive sei, keine Erfüllung. Vielleicht das Größte, was er uns
im Kampfe um den Naturbegriff geleistet hat, war aber der Mut, mit dem
er dem Ding ins Auge schaute, ohne jede Sorge, es könne ihn fressen,
statt ihn zu erlösen.
Es lag schon in der Luft damals, dieses Gefressenwerden durch den
Natur-Begriff. Ganz langsam hatte sich in die große Linie der
Naturforschung der seltsame Faden hineinversponnen, von dem ich schon
gesprochen habe.
Da stand der große neue Lichtbau der Welt, aufgemauert mit cyklopischen
Quadern der Forschung. Aber nun der Mensch sich darin einrichten
wollte, hing über der Tür plötzlich etwas wie ein Gorgonenschild.
Die Natur ist das Absolute; aber dieses Absolute ist ein sinnloser
Blödsinn!
Eine närrische Ausgeburt des Chaos, diesem Chaos wieder verschrieben
mit Leib und Seele!
In herrlichem Siegeszuge hatte die Naturforschung in der Rechnung ein
Mittel erkannt, dem Geheimgewebe der Natur in die Maschen zu rücken;
jetzt hieß es: die Natur selber ist nichts anderes, als eine dürre
Ziffernfolge. Wir selbst sind auch nur gleichgültige Ziffern darin.
Ein wahnsinniger Totentanz rast die Wirklichkeit an uns vorüber. An
uns, -- an ein paar Spiegelplättchen für Momente. Morgen ist alles
aus. Was war im Grunde die ganze Erkenntnisjagd? Ein tappender Gang im
Labyrinth, Kammer um Kammer durch, von Treppe zu Treppe. Bis endlich,
unentrinnbar, in der tiefsten Zelle, der schwarze Minotaurus saß, der
uns alle fraß. Warum? Danach durfte man nicht mehr fragen.
Goethe kannte diese Auffassung ganz genau.
Er hat sein Leben lang Aug in Auge mit ihr gestanden.
Er wußte, daß hier die Stelle war, wo der Natur-Begriff seinen
wildesten Versucher in sich selbst hatte, wo er, mit einem Schritt nur
über die Kante, hoffnungslos abstürzte in den Pessimismus.
Wenn der Natur-Begriff über diese innerlichste Krisis nicht gerettet
wurde, so war seine ganze Zukunftsrolle verspielt. Denn im Pessimismus
dieser absolut hoffnungslosen Art würde die Menschheit sich nicht
dauernd zufrieden geben. Durch irgend eine Spalte würde die alte,
überwundene Weltanschauung, die vor Copernikus und Galilei zersplittert
war, wieder zurückkriechen und von dieser verrannten Ecke aus den
ganzen wundervollen Lichtbau der Naturforschung überhaupt wieder
auseinandersprengen.
Was Goethe sich bei dem Begriffe Gott-Natur dachte, war in allen
Phasen seines Lebens immer der schärfste Protest gegen diese
+Nachtansicht+ der Natur.
Aber obwohl er ein unendliches Stück darin weiter als Rousseau kam,
lag es doch gerade in seiner Art, den ganz festen Formulierungen aus
dem Wege zu gehen. In einzelnen glücklichen Momenten glaubte er an
optimistische Grundfäden der Natur auch als Forscher zu rühren, -- so
wenn er dem Begriff der Steigerung in der Naturentwickelung nachsann.
Am sichersten aber hat er sich immer nur in der Dichtung, als Künstler,
ausgesprochen. Da war er sich völlig klar und goß seine lichte Klarheit
auch über andere aus, ein Apostel eines Natur-Begriffs, der den
Menschen wirklich mit ganzer Erlöserglut wieder emporzog, anstatt ihn
in die Minotaurus-Höhle zu stoßen.
Nur so konnte er, der Naturforscher, der in jeder Faser das echteste
Kind des Natur-Zeitalters nach Copernikus und Galilei war, die
Erlösungsdichtung des Faust schreiben: die Dichtung vom Menschen, der
nicht vom Minotaurus gefressen wird, sondern am Bande eines ehernen
optimistischen Naturgesetzes durch alle Sphären der Welt strebend
emporwandelt, selber ein aktives Stück Welt, nicht ein sinnloses
Spiegelplättchen.
Sehr bezeichnend für die Auffassungen des Natur-Begriffs ist im Engeren
im Faust die Szene mit dem Erdgeist.
In ihrer veredeltsten, abgeklärtesten Form erscheint in des Erdgeists
Worten jene Natur-Definition, die für das einsame Ringen des Menschen
keinen Anschluß hat. Nicht in der Minotaurus-Gestalt, sondern so groß,
daß das Wort auch für sie fallen darf von der Gottheit lebendigem
Kleid. Und doch als absolut fremde, in sich geschlossene Welt, die
auf und ab webt in Lebensfluten und Tatensturm als völlig in sich
stimmende Rechnung, in der nur unsere Qual, unsere Sehnsucht, unser
Erlösungsbedürfnis nicht mitverrechnet sind. Ein kosmisches Schauspiel,
das uns im Grunde gar nicht berührt, das sich abrollt vollkommen ohne
uns.
Mag das eherne Antlitz dieses Erdgeistes ein Ziel sogar für sich haben,
auf das es starrt, -- unser Ziel ist es jedenfalls nicht, nie werden
wir es begreifen; wir werden blutend auf dem Opferstein liegen und
nicht einmal wissen, warum wir geopfert werden. Ein furchtbares Phantom
in all seiner Größe steigt der Erdgeist auf, singt sein Lied und
versinkt; Faust, der ringende Mensch, bleibt auf den Knieen liegen und
ist im Grunde so klug wie zuvor. Schließlich ergibt er sich lieber dem
Teufel, dem Pessimismus, bloß um wenigstens irgend eine Tat zu tun und
damit aktiv in der Welt zu bleiben, -- anstatt sich dort dauernd zum
hilflosen Zuschauer verdammt zu sehen vor dem Tatensturm einer Natur,
die ihn innerlich nichts angeht.
Es liegt nahe, von Goethes Erdgeist auf Fechner zu kommen.
Doch nicht so um des äußeren Wortes willen und weil es gerade auch bei
ihm eine Rolle spielt; sondern wegen jenes tieferen Zusammenhangs in
der Natur-Idee.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde der Anstieg der Naturforschung
zum Triumph, zum wohlberechtigten. Aber auch die Verwickelung des
Natur-Begriffs wurde trotz Goethe eine immer größere.
Erst in diesem Jahrhundert, in der Epoche Darwins, geriet der Mensch
endgiltig in den Naturzusammenhang hinein, in einer prachtvollen
logischen Verknüpfung. Und doch, seltsam genug: je fester, je
energischer man den Menschen körperlich und seelisch, geschichtlich
und individuell in die Natur verknotete, in sie ein-, in ihr aufgehen
ließ, desto größer schien die Lust, eben diese Natur so unwirtlich
und unwohnlich für alle praktischen Bedürfnisse des Ganz-Menschen zu
definieren, wie nur irgend denkbar.
Weil ihr Verlauf ein gesetzmäßiger ist, sollte er ein sinnloser sein.
Weil wir eine tiefe Logik der Dinge gewahren, die auch aus einer
scheinbar chaotischen Zertrümmerung aller kosmischen Gebilde dennoch
immer wieder eine der Harmonie sich annähernde Welt heraufentwickeln
würde, sollte der Kosmos in Wahrheit ein Chaos sein.
Weil es die Natur war, die im Menschengeiste sich zu grenzenlosen
Herrlichkeiten der Erkenntnis, der Kunst, der Ethik emporgearbeitet
hatte, sollten alle diese Errungenschaften plötzlich gleichgültige
Seifenblasen eines törichten Spieles sein.
Immerfort hat dieses Jahrhundert dem Menschen einschärfen wollen, daß
er in der Natur als seiner umfassenden Idee aufgehe, -- aufgehen müsse,
weil diese Natur im monistischen Sinne Goethes das wahre All sei, in
dem es nicht ein Außen und Innen gebe. Und immer hat dieses gleiche
Jahrhundert dem Menschen tatsächlich an den Kopf geworfen, daß er in
der Natur unterzugehen habe, unterzugehen wie ein armer Schwimmer, der
sich sträubt und sträubt und den der tückische Strudel endlich doch in
seinen schwarzen Abgrund saugt.
Und der Erfolg ist Pessimismus gewesen, Pessimismus bis über die
Ohren, während draußen alle bunten Triumphraketen der grandiosesten
Naturerschließung prasselten.
Ein Mann aber, der sich gewehrt hat gegen diese Definitionen mit aller
Kraft seines unsagbar reichen und logischen Geistes, war Fechner.
Es ist äußerst bezeichnend für Fechner, daß er gerade das war, was
Goethe Zeit seines Lebens am wenigsten der Anlage nach gewesen ist:
exakter Physiker.
Er kam gleichsam aus der engsten Geheimzelle der modernen
Naturforschung, vom feinsten Räderwerk des ganzen Getriebes. Bei ihm
ist kein Zweifel über richtige Handhabung der Forschungsmethode, kein
Zweifel über die Beherrschung der Forschungsresultate seiner Zeit. Wo
er als reiner Sachforscher im Detail aufgetreten ist, da hat er sich
ausnahmslos den Ruf eines geradezu klassischen Arbeiters erworben.
Wer sich die Mühe gibt, auf Eleganz der Methode bei ihm nachzuprüfen,
der wird den Verfasser der Elemente der Psychophysik unbefangen neben
Gauß, Weber, Faraday und Helmholtz in der Geschichte der modernen
Naturforschung stellen können.
Und doch lag Fechners Denker-Ehrgeiz tatsächlich auf einem anderen
Gebiete, weit darüber hinaus. Auch er wollte den Naturbegriff selbst
reformieren, ihn endlich, angesichts so erdrückenden Naturmaterials der
Forschung, zu einem wirklichen Hause umschaffen, in dem sich für den
ganzen Menschen wieder +wohnen+ ließ.
Und dieser Fechner ist es, der uns heute, nachdem die Krisis des
Begriffs nachgerade wieder einmal fünfzig Jahre gedauert hat, auch erst
recht wieder interessiert.
In drei Werken hat er seine Allgemein-Anschauungen niedergelegt, in
der Mitte seines Schaffens in „Nanna“ und „Zend-Avesta“, im Alter in
der „Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“. Es sind keine leichten
Bücher, die man in einer müßigen Stunde wie einen Roman lesen kann.
Ich denke aber, die Frage, ob es eine Versöhnung von Optimismus und
moderner Naturanschauung geben könne, ist auch nicht die Frage einer
müßigen Stunde.
Was Fechner im ganzen versucht hat, das ist eine +ungeheure
Hilfskonstruktion+ zu dem Satze: was könnte die „Natur“ doch noch
in einem optimistischen, unser Sehnen beruhigenden Sinne sein unter
Achtung aller festen oder fest geglaubten Tatsachen und Lehrsätze der
exakten Naturforschung von heute?
Es ist bei dieser Stellung der Frage von vornherein klar, daß kein
Rückfall mit ihr möglich ist in eine Weltauffassung, die mit diesen
Tatsachen und Lehrsätzen noch nicht gerechnet hatte, als sie entstand,
und die in der Folge sich nur in erklärtem Widerspruch zu ihnen
erhalten hat.
Das unzerstörbare Walten der Logik im Naturgesetz, das jedes „Wunder“
ausschließt; die Einheit aller Dinge Himmels und der Erden im
monistischen Sinne ohne jedes „Hinter der Natur“, die den ganzen
alten Dualismus und die ganze alte, schlechte Sorte der Metaphysik
fortstreicht; das ewige Gebundensein alles Seelischen an einen
materiellen Untergrund, mit dem alle Gespensterei und Theorie der
stofflich unabhängigen Seelen aufhört: -- solche und ähnliche Sätze der
Naturforschung sind für Fechner eherne Säulen, die fertig dastehen, ehe
er seine ganze Konstruktion anfängt, und bei denen eben jene Achtung in
Kraft tritt.
Was er aber behauptet, das ist: daß jenes pessimistische
Minotaurusbild, ja auch schon jenes ganz indifferente Bild einer kalten
Weltenrechnung ohne inneren Anschlußpunkt für uns, eben selber auch nur
eine Hilfskonstruktion innerhalb dieser Säulen sei -- und zwar weder
die einzige, noch auch die logisch beste.
Im Gegenteil.
Es läßt sich eine optimistische Hilfskonstruktion denken, die dem
Harmonie- und Erlösungsbedürfnis des Menschen vollkommen gerecht wird
und den Menschen aktiv an die Natur angliedert als den umfassenderen
Organismus, ohne daß dabei ein Titelchen verrückt zu werden braucht
an jenen Grundsäulen der Forschung. Und es läßt sich gerade diese
Hilfskonstruktion innerlich sogar mit einer konsequenteren Logik
zwischen diese Säulen einbauen, als es für jene andern denkbar ist. Das
ist Fechners wesentlichstes Denkbekenntnis.
Das „Wie“ seiner Konstruktion steht in den drei Büchern. Es läßt sich
darüber streiten, und Fechner verlangte, daß man darüber stritt,
eventuell ihn widerlegte.
Der Schmerz seines Lebens war, daß man ihn statt dessen totschwieg.
Nie hat er das vollauf berechtigte Gefühl überwunden, daß es sich
um Fragen von solcher Heiligkeit, Fragen auf Leben und Tod wie des
modernen Menschen, so der modernen Naturforschung, hier handle, daß
diese Antwort absolut unwürdig sei.
Heute würde er es als einen neuen Beweis seines optimistischen
Naturprinzips selbst hinnehmen, daß die Geistesentwickelung uns ganz
von selber darauf führt, die alte Sünde wett zu machen.
Im Moment, da wir nach so viel abgeflossenen schwarzen Wassern des
Pessimismus wieder Optimismus suchen, sind wir mit drei Schritten
wie bei dem Sänger der Gott-Natur, so auch wieder bei dem stillen
Philosophen im Leipziger Rosental.
Denn so viel Stationen der modernen Geisteswallfahrt nach dieser Seite
haben wir nicht, daß wir im Gedränge fehl gehen könnten.
* * * * *
In dem großen Kampfe um den Natur-Begriff steckt aber noch ein tieferer
Kampf.
Der Kampf überhaupt um die +Wirklichkeit+.
Um Begriff und Sinn und Kraft der Wirklichkeit.
Auch um sie hat das neunzehnte Jahrhundert unablässig gerungen, mit
und ohne Wissen, mit und ohne Segen, aber rastlos, unermüdlich.
Es ist seltsam: ganz andere Erinnerungsfäden spinnen sich mir an, ganz
andere Assoziationen, wie ich an dieses Wort „Wirklichkeit“ denke.
Kampfbilder tauchen mir zunächst auf aus dem ästhetischen Gebiet. Wie
ist in den letzten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts gestritten worden
über den Begriff des Realismus in der Kunst, -- über Wirklichkeitskunst!
Auch von dieser ästhetischen Fehde ist im Persönlichen heute viel
antiquiert.
Da hängt Zola’s Bild an meiner Wand. Zola ist tot.
Dort stehen die grünen Hefte der „Freien Bühne“, der deutschen
Zeitschrift, in der die Rede vom Naturalismus und Realismus der Kunst
so lautes Leitwort war. Das trotzige Frühlingsgrün ihrer Umschläge ist
zum sanften Grau abgeblaßt. Ach ja! Moderne Umschlagsfarben halten kein
Jahrzehnt! Es ist mir aber auch schon wie ein Omen zur Sache.
Und doch war dieser engere ästhetische Zwist eine so notwendige Farbe
in jenem größeren Streit, -- dem eigentlichen Geisteskampfe um die
+Wirklichkeit+.
Durch ihn mußte durchgehen, wer hier auftauchen wollte, auftauchen in
eine freiere Luft.
So lange ich rückschauend mich selbst ernst nehme als Arbeiter, hat das
Problem mich bewegt des Verhältnisses zwischen Naturforschung oder von
ihr getragener Naturphilosophie -- und Kunst. Erste Lösungen, die ich
versucht habe und an denen ich eine Weile einmal Freude hatte wie an
einem braven Funde, sind mir heute bloß Lehrgeld. Erst ganz allmählich
aber ist mir dabei wenigstens +ein+ echter Wert aufgegangen:
nämlich Respekt vor der ungeheuren Wucht und Macht jeder Einmischung
überhaupt des Ästhetischen ins allgemein Philosophische.
Wenn die Kunst sich aufrafft und spricht, so tritt allemale eine Riesin
aufs Schlachtfeld.
Eine Tiefe des Menschen ist aufgewühlt, an die kein Instrument der
Forschung heran konnte. Dieser Quell wird nicht planmäßig erbohrt
und fließt in bequemen Röhren ab: er gährt auf, bringt mit oder
verschlingt, je nachdem. Immer aber ist die Sachlage völlig verändert,
wenn die Kunst darüber gerauscht ist.
Erst von hier aus glaube ich heute auch zu ahnen, was +hinter+
jenem Kunstkampfe um den Realismus stand.
-- -- --
Wie oft ist versucht worden, das neunzehnte Jahrhundert gegen das
achtzehnte durch irgend ein scharfes Ereignis abzugrenzen. Durch die
französische Revolution. Oder durch Goethes Tod. Man gab hier, dort ein
Jahrzehnt, ein paar Jahrzehnte zu. Immer vergebens.
Mit eigentlichen Ereignissen im gewöhnlichen Sinne glücken wahre
weltgeschichtliche Trennungen überhaupt nie. Die Antike schließt so
wenig mit der Absetzung des Romulus Augustulus, wie das Mittelalter
wirklich endet mit der Entdeckung Amerikas.
Man muß den Begriff „Ereignis“ in einer tieferen, einer verfeinert
geistigen Bedeutung fassen.
Ein tiefstes innerliches Erleben, eine langsame Geistesströmung der
Menschheit, lange im Unzulänglichen gehalten, wird endlich „Ereignis“
im Faustischen Sinne. An solchem Ereigniswerden gehen dann in der Tat
Weltalter auseinander, an ihm gliedert sich die Geschichte zu Epochen
voneinander wie ein grandioses Kunstwerk.
Aber diesen Vollzug bezeichnet kein Name einer Person, keine
Staatsaktion, keine Explosion und kein Landruf aus dem Mastkorbe eines
Entdeckerschiffs.
Wir finden dafür immer nur eines jener begrifflichen Worte, ein
ideelles Leitwort aus dem begrifflichen Denken heraus, das uns
allerdings in solchem Moment daran mahnen mag, wie dieses begriffliche
Denken des Menschenhirnes selber eine Art geheimnisvollen Sinnesorgans
sei, das gerade da in den innersten Säulenbau der Weltendinge und
Geschichtsdinge schaut, Zusammenhänge, Umfassungen, Trennungen sieht,
wo das gewöhnliche Auge versagt.
Auch das neunzehnte Jahrhundert hat sein begriffliches Leitwort.
Es lautet: Wirklichkeit.
Das Ereigniswerden dieses Wortes in der Menschheitsseele bildet den
eigentlichen Leib, das eigentliche Individuum dieses Jahrhunderts,
-- die Kristallisationsform der Menschheit, die immerhin der äußeren
Ziffer von achtzehnhundert Jahren seit Christi dunkler Geburt am
nächsten steht.
In diesem Wörtchen Wirklichkeit liegt auch alles, was das neunzehnte
Jahrhundert vom achtzehnten trennt. Um dieses Leitwortes willen
erscheint es dem raschen Blick so stark als „Tat“ zu dessen „Gedanken“.
Es lag dieser Tat aber doch in Wahrheit ein anderer, ein eigener
Gedanke zugrunde.
Das achtzehnte Jahrhundert (in diesem Sinne immer jetzt nur als eine
lose Annäherung gefaßt an die Jahresziffer) philosophierte abstrakt,
träumte, dichtete, phantasierte, lebte und schwelgte in Gefühlswelten.
Alle seine Maßstäbe waren ästhetische.
Seine Naturgeschichte war Naturphilosophie.
Seine soziale Besserungssehnsucht wandelte in Utopien, versenkte sich
in mystische Gründe, konstruierte sich eine romantische Geschichte,
die nie existiert hat, und baute darauf in die Wolken hinein eine
märchenhafte Zukunft.
Immer hat dieses Jahrhundert einen Stich ins Ungemessene, ein
Überfliegen der Dinge durch den Gedanken, eine naive Befreiung von der
Schwere.
Das neunzehnte Jahrhundert kennt nur einen Maßstab: den technischen.
Sein Blick ist auf einmal kurz, aber auf diese kurze Spanne
mikroskopisch scharf.
Sein Boden, seine eigentliche Erdwissenschaft, aus der Antäus Kraft
schöpft, ist die Naturgeschichte, aber sie ist jetzt im echten Sinne
Naturwissenschaft und nur solche.
Auf ethischem, auf sozialem Gebiete ist es das Jahrhundert der
kurzen Programme, die nicht die Welt neuschöpfen wollen, sondern
einen einzigen nächsten besseren Schritt eisern ins Auge fassen,
ganz nüchtern, -- für diese Menschheit, für dieses Leben, für diese
Prozentziffer Schlechtigkeit weniger und für diesen konkreten Laib Brot
mehr.
Hinter allen Taten dieses Jahrhunderts scheint obenan der Gedanke zu
stehen: beschränken wir uns.
Beschränkung ist aber keine Beschränktheit. Man nimmt dem Worte die
Spitze, wenn man sich das Wesen jenes Beschränkens aus seinem Kern
heraus klar macht.
Das neunzehnte Jahrhundert hat alle seine Siege erfochten im Zeichen
der Wirklichkeit.
Dieser Begriff gerade in dem Sinne, wie ihn das Jahrhundert am meisten
im Munde geführt hat, kommt aber selbst nur zustande durch eine
Beschränkung.
Das muß erfaßt werden, wenn man den Dingen gerecht werden will.
Wir gebrauchen das Wörtchen „wirklich“ gewöhnlich in einer Auffassung,
über die ein Zweifel nicht möglich scheint.
Wirklich ist das Blatt, ist der Tisch, auf denen ich diesen Satz
schreibe. Wirklich ist die Tapete meines Zimmers, der Ahornbaum vor
meinem Fenster, der Schornstein der Fabrik, der darüber vorlugt, der
Blitzableiter auf diesem Schornstein, und der Vogel, der eben darüber
hin fliegt. Wirklich ist der Atlantische Ozean, ist Amerika, ist die
Stadt New-York. Wirklich war einmal im neunzehnten Jahrhundert, einige
siebzig Jahre lang, der Darwin, dessen Bild dort an der Wand hängt.
Nicht wirklich ist dagegen die Hallucination des Fieberkranken, die
sich als Gestalt im Zimmer dort bewegt, einen bestimmten Teil der
Tapete dort ihm verdeckt, menschliche Worte zu ihm spricht. Nicht
wirklich sind die Sirenen und Cyklopen der homerischen Gesänge. Niemals
wirklich war die Traumlandschaft, in der ich heute Nacht im Schlafe
unwirkliche Abenteuer ausgefochten habe. Niemals wirklich waren Faust
und Gretchen.
Es ist diese Wirklichkeit ~sans phrase~, auf deren Ergründung,
deren Wiedergabe die ganze Forschung, die ganze Naturforschung beruht.
Und es ist jene Unwirklichkeit, deren Ausmerzung bis in den heikelsten
Schlupfwinkel hinein ebenso sehr Ziel und Bedingung dieser Forschung
ist.
Gleich diese erstbesten Beispiele zeigen aber auch aufs klarste, daß
und was für eine Voraussetzung hierbei stillschweigend gemacht ist.
Eine Voraussetzung, die eine Beschränkung ist.
In einem umfassenderen Sinne sind auch die Sirene und das Fieberphantom
„Wirklichkeiten“. Die Sirene hat vor zweieinhalb Jahrtausenden in
der Phantasie von kleinasiatischen Schiffern gelebt. Der redende,
raumfüllende, schattenwerfende Unhold des Fiebernden lebt mindestens
einen Augenblick lang in dieses Einzelnen Phantasie. Die Landschaft
meines Traumes war für mich Realität, solange ich träumte.
Es ist aber zur Klärung gut, das Wort hier zu ändern.
Beides, das sogenannte Wirkliche und das sogenannte Unwirkliche, lösen
sich tatsächlich auf vor einem höheren Begriff.
Vor dem Begriff des +Erlebnisses+.
Ganz zweifellos: der Ahornbaum da draußen, der Tisch hier vor mir, die
Tapete neben mir, der atlantische Ozean, Amerika und die Sirene, der
Cyklop, der Fieberkobold und Fausts edle Denkerstirn: sie sind alle
gleichermaßen Erlebnisse. Ich habe meinen Wald im Traume heute Nacht
erlebt; und der Kleinasiate von so und so viel hundert vor Christo hat
seine Sirene erlebt; und Goethe hat Faust und Gretchen erlebt -- ganz
genau so, wie Kolumbus Amerika erlebt hat, als er den Schaft seiner
spanischen Fahne in den Ufersand von San Salvador stieß, oder wie ich
jetzt und wachend den Ahornbaum mit seinen gelben Herbstblättern dort
draußen erlebe. Erlebnis ist einfach alles.
Aber nun in diesem Erlebnisse die Unterscheidung, die Einschränkung.
Die Hallucination sehe ich als Fieberkranker +allein+.
Wenn ich andern beweisen will, daß dort vor der Wand jetzt eine
schreckhafte Gestalt stehe, so lachen sie mich aus und erklären mich
für krank. Wenn ich erzähle, daß ich heute Nacht in einem bunten
Märchenwalde spazieren gegangen bin, so halten mir andere entgegen, daß
sie mich zu dieser Zeit haben im Bette liegen und schlafen gesehen.
Umgekehrt, den Ahornbaum und den Schornstein da draußen sehen alle
Menschen mit normalen Augen genau so gut wie ich.
Wenn wir zu mehreren sprechen, so rechnen wir mit ihm als etwas
Gemeinsamem. Es liegt eine Identität unseres Erlebens vor. Mag sie auch
keine absolute sein, da jeder schließlich doch den Ahornbaum etwas
subjektiv anders sieht als der zweite und dritte. Aber diese Differenz
ist zu gering, um ein ernstes Hemmnis abzugeben.
Kein Zweifel: es ist in diesem zweiten Falle ein +soziales+ Moment
berührt.
Die „Wirklichkeit“ des Ahornbaumes wird bestimmt durch das
identische Urteil vieler, sie fußt auf einem Kollektiverlebnisse,
sie kommt zustande, man möchte sagen, durch eine Abstimmung, einen
Majoritätsbeschluß. Bei der Hallucination fehlt dieser Beschluß
vollständig.
Das soziale Moment beginnt ja schon in mir selbst.
Jeder einzelne von uns ist doch in sich schon eine Art sozialen Wesens
hinsichtlich seiner Erlebnisse. Bloß kein räumliches, sondern ein
zeitliches.
Ich löse mich zeitlich rückwärts in Tausende und Tausende von Personen
auf, die etwas erlebt haben. Diese Tausende verknüpft allerdings
ein Gemeinsames, Identisches. Schon das Gedächtnis ist ja ein
solches Identisches. Aber hinsichtlich der Erlebnisse stellt sich
gleichwohl eine Kette von Personen dar. Auch diese Personen legen nun
schon ihre Erlebnisse zusammen und erzielen in mir selbst ähnliche
Majoritätsbeschlüsse. Ich selbst werde schon zu einer Unterscheidung
genötigt zwischen dem Ahornbaum und dem Traumwald. Die tausendfache
Prozentziffer des immer erneuten Ahornbaum-Erlebnisses mit allem, was
darum und daran hängt, erhebt sich mit einer schweren Majorität gegen
das einmalige Traum- oder Fiebererlebnis.
So arbeitet aus mir bereits etwas jenem Sozialbeschlusse der vielen
Menschen entgegen.
Aber die innere Unterscheidung des Einzelnen würde in unzähligen Fällen
doch nicht ausreichen.
Man denke an den Zustand eines Irrsinnigen, der subjektive fixe Ideen,
hallucinatorische Erlebnisse viele Jahre lang ebenso regelmäßig haben
kann wie den Anblick des Ahornbaumes. Die eigentliche Entscheidung
fällt erst die soziale Gemeinschaft mehrerer, schließlich, als
Idealziel, +aller+ Menschen.
Die schrankenlose Flut der Erlebnisse wird durchgesiebt auf das
Identische, das Gemeinsame hin. Und so erst entsteht das, was wir
konventionell Wirklichkeit oder Wahrheit nennen.
Durch ein Filtrieren, ein Ausschließen.
Durch einen Akt der Beschränkung!
Je mehr Gleichartigkeit, je mehr Stäte für möglichst viele Menschen
in den Erlebnissen, desto stärker anwachsend der Schatz an
„Wirklichkeiten“, der Wahrheitsschatz der Menschheit in ganz bestimmtem
Sinne.
Es liegt wahrlich nichts in dieser Herkunft, was den
Wirklichkeitsbegriff herabsetzen könnte.
Jene schlichte Tatsache, daß ein gewisser Kreis von Erlebnissen sich
bei mehreren oder gar allen Menschen deckt, ist eine Grundtatsache
überhaupt zum Zustandekommen jedes sozialen Zusammenschlusses der
Menschen gewesen von Anfang an. Auf Grund nur davon haben sie sich
verständigen können. Diese „Wirklichkeit“ ist das eigentliche Band
der Zersplitterten geworden, die größte Identität, in der sie sich
zusammenfanden. Zusammenfanden zu gemeinsamer Arbeit.
Dieses Herausheben einer gewissen Reihe von Erlebnissen aus dem
regellosen Andrange als „Wirklichkeit“ war der erste große Schritt zu
einer +Ordnung+ der Dinge, die dem Menschen eine neue Stellung in
der Welt verhieß.
Denn an diese Ordnung schloß sich die Beherrschung, die Herrschaft über
die Natur, über die „Wirklichkeit“.
In diesem Begriffe, der sozial gedacht war, konnte die Menschheit ihre
Einzelarbeit summieren, vor ihm konnte sie gemeinsam vorgehen, wo der
einzelne ohnmächtig versagte.
Das ganze Wort Kultur hat eine Wurzel hier.
Vielleicht gibt es kein schärferes Trennungszeichen zwischen einem
Naturvolke und einem Kulturvolke, als das Steigen im Wertmesser einer
für alle im Volke gemeinsamen „Wirklichkeit“.
Wo der Begriff mit Bewußtsein erfaßt wird in der Gesamtgeschichte,
da ist es, als überschreite die Kultur eine Wasserscheide ihrer
Entwickelung.
Die Vorstellung einer ganz „objektiven Wahrheit“ wird in dem
Augenblicke geboren und damit eigentlich das Fundament gelegt für alle
höhere Wissenschaft und Forschung.
Ungeheuer freilich ist die Arbeit, die fort und fort getan werden
will, um die rechte Auswahl zu treffen und zu wahren zum Zwecke dieser
objektiven Wahrheit.
Je mehr Völker in den Kulturkreis hineinwachsen, je mehr diese Kultur
sich inhaltlich erweitert, desto strenger die Auslese des Gemeinsamen.
Es gilt nicht mehr bloß das Objektive, das Gemeinsame fort und fort zu
fixieren gegenüber dem bloß Subjektiven, dem Traum, der Hallucination,
kurz alledem, was das Individuum einsam erlebt ohne Übereinstimmung mit
seinen Genossen in der Kultur.
Es müssen auch, wenn das Wort erlaubt ist, ganze
Hallucinations-Genossenschaften immer wieder ausgemerzt werden.
Ein Volk, ein Kreis, eine Zeit einigen sich, daß dieses oder jenes für
sie Wirklichkeit sei. Aber dieser Glaube hält vor einer umfassenderen
Einheit, einer vorgeschrittenen Zeit nicht Stand, sinkt ins Subjektive,
muß wieder ausgesiebt werden aus dem wahren Bestand.
Wo immer ein Ding auf Majoritätsbeschlüssen ruht, da zeigt sich ja
dieser Verlauf als natürliche Folge fortschreitender Entwickelung: die
Majorität wird gelegentlich abgelöst durch eine höhere Majorität.
Aber soviel schwere Arbeit, soviel Erfolg.
Von Jahrhundert zu Jahrhundert wächst den Menschen ihr gemeinsamer
Erfahrungsbestand -- ein eiserner Bestand, in dem sie eine immer
solidere Einheit über alles Schwankende des Individuums hinaus bilden.
Unablässig fallen Millionen von Individuen ab. Aber das Gemeinsame
scheint unsterblich, diese ideale Einheit paralleler Erlebnisse in
soviel Köpfen in soviel Jahrhunderten.
Immer mehr streckt sich ihr Gigantenleib, der Einzelne scheint nur noch
wie ein Punkt in ihr zu schwimmen, -- in der „Wirklichkeit“, diesem
kolossalen Komplex aller gemeinsamen Erlebnisse der Kulturmenschen von
sieben oder acht Jahrtausenden.
Diese Wirklichkeit ist es, von der das neunzehnte Jahrhundert
beherrscht wird.
Und zwar stärker beherrscht als irgendein Jahrhundert zuvor, -- als
sei ein durch die Jahrtausende rollender Schneeball endlich zur Lawine
geworden.
-- -- --
Zwei Linien der Entwickelung arbeiteten sich dazu in die Hände.
Seit rund nun vier Jahrhunderten war die eine in ein verstärktes Tempo
geraten.
Man muß über das achtzehnte Jahrhundert noch weit zurück, um sie in
ihrem Urstamm zu fassen.
Es ist wieder in den Tagen des Columbus, und von denen zunächst
heraufwachsend bis auf die Zeit etwa, da Galilei beobachtet. In dieser
Epoche vollzieht sich für die Menschheit ein grundlegend Neues.
In der Gruppe der Menschheit, die sich als europäische Kultur
zusammenfassen läßt, erfolgt ein großer Ruck hinsichtlich des
Werkzeuges. Die Buchdruckerkunst ersetzt die Schrift. Das Schiff wird
zu einem Werkzeug, das nicht mehr bloß die menschenbewohnten Küsten
eines Flusses, eines Binnenmeeres verknüpft, sondern Weltmeere zur
Brücke nach fernsten Erdteilen macht und eine halbe Erdkugel neu
erschließt. Das Fernrohr schiebt sich zwischen Mensch und Mond,
zwischen Padua und den Jupitertrabanten steht es plötzlich wie
eine wahre Himmelsleiter. Das Mikroskop löst den Schleier über dem
Infusorium und über den Winzigkeiten unseres eigenen Leibes, den
Blutkörperchen und Samenzellen, -- also über einer Welt, die bisher
eingeschachtelt lag wie in einer uns unerreichbaren Dimension.
Ein Ruck hinsichtlich der Werkzeugtechnik bedeutet aber nichts anderes
als einen unmittelbaren Fortschritt gewisser menschlicher Körperorgane.
Es ist der Körper des Menschen mit seinen Organen und Sinnen, der sich
eine Stufe weiter entwickelt.
Seit prähistorischen Zeiten, seit das erste, roheste Werkzeug von
einem Menschen hergestellt wurde, hatte dieses gerade Verhältnis
bestanden. Die Keule war nur eine Fortsetzung des schlagenden Armes.
Das Kleid ein höheres Fell. Der Einbaum, aus dem das Schiff geworden
ist, ein künstlicher Wasserleib mit Anpassung hinsichtlich der Schwere
an das Wasser. Das Neue war bloß, daß diese Werkzeuggestaltung des
Urmenschen nicht mehr am lebendigen Zellenleibe herumformte, sondern
zweckmäßige Projektionen schuf in fremdes, totes, bloß angeeignetes
Material hinein. Der Mensch entwickelte sich keinen zermalmenden
Elefantenfuß, festgewachsen an seinem Leibe. Er behielt die kleine,
einfache, gelenkige Hand mit dem großen Daumen bei, wie er sie von
seinen frühtertiären Säugetier-Ahnen überkommen hatte. Doch mit dieser
Hand faßte er Keule und Streitaxt und zermalmte damit den Schädel des
Gegners. Mit dieser Hand hat er in den späteren Tagen, von denen wir
sprechen, gelernt, ein Fünkchen an das Pulver einer Kanone zu bringen,
und diese Kanonenkugel fällte den stärksten Elefanten. Die Schiffe des
Columbus, Vasco da Gama und Magelhaens waren nichts anderes als solche
projizierten Schwimmorgane, mit denen der Mensch jetzt endlich sogar
den Walfisch überbot und Weltmeere durchquerte. Das Fernrohr Galileis
und das Mikroskop des Leeuwenhoek waren verschärfte Augen, gebaut nach
dem gleichen Linsenprinzip unseres leiblichen Auges, wie wir es als
Säugetier mitbekommen haben -- bloß soviel besser, daß wir jetzt in
die Krater des Mondes und jenes Spiel der Samentierchen und der roten
Blutkügelchen schauten.
Aber damals schon lag und immer liegt in dieser Art des
Organfortschrittes, den wir Werkzeug nennen, etwas Besonderes unlösbar
mit enthalten.
Was hatte die Menschheit, oder sagen wir die Tierheit in ihr,
gezwungen, überhaupt diesen Schritt zum Werkzeug über das angewachsene
Körperorgan hinaus zu tun?
Zwei entscheidende Faktoren der Nützlichkeit hatten dazu gedrängt.
Wenn ich bloß mit der Faust zuschlage und der Gegenstand, nach dem
ich schlage, ist zu hart: so bricht mir der Knochen im Fleische. Ich
empfinde einen ungeheuren Schmerz, weil Fleisch und Knochen unmittelbar
im Bereiche meines subjektiven Nervensystems liegen. Und mehr: die
Faust ist mindestens für lange Zeit, vielleicht für immer, gelähmt, --
ich bin mit einem Schlage in einen Zustand der Wehrlosigkeit gestürzt.
Umgekehrt: die Keule zersplittert. Ich empfinde den Bruch des toten
Werkzeuges nicht als Nervenruck in mir. Ich werfe die Trümmer einfach
fort und greife eine andere auf. Holz wächst ja genug. Ich habe schon
welche auf Reserve geschnitzt. Oder kann sie doch jederzeit schnell
beschaffen.
Und dazu jetzt und gleich hier anknüpfend ein zweiter, unsagbar großer
Vorteil.
Ich verteidige als Mensch der Steinzeit meine Höhle gegen einen grimmen
Bären. Meine Keule zerspällt auf seinem harten Schädel. Jetzt stürzt er
zu. Aber ehe er mich wehrlos findet, hat mir ein Genosse, ein zweiter
Mensch, der hinter mir steht, seine unversehrte Keule gereicht. In
meiner Hand ist sie sogleich meine jetzt, ein vollkommener Ersatz der
früheren. Doch der Kampf dehnt sich. Mein Arm, der die Keule schwingt,
erlahmt. Ich lasse den Freund vor mich treten, gebe ihm meine Keule.
Nun schwingt er sie mit frischer Kraft wieder als seine. Und diesmal
erliegt der Feind.
Das Werkzeug ist einfach ein +soziales Organ+.
Eine Fortentwickelung des Organs mit einem sozialen Zug.
Ich mag ein Menschenleben damit verbringen, eine besonders gute,
eine schier unverwüstliche Keule herzustellen. Aber wenn ich sie nun
geschaffen, so mag meine ganze Familie, mag mein ganzer Stamm damit
wirken. Ich kann zu Hause auf der Bärenhaut liegen, während andere mit
der Keule einen lebendigen Bären fern im Forst bezwingen. Ich kann
sterben und die Keule bleibt. Meine Kinder und Enkel werden sie führen.
Ich bin längst vergessen -- und diese künstliche Faust, die ich mir
geschnitzt, lebt, schützt immer wieder lebendige Menschen, ist eine
soziale Faust geworden, die Generationen überdauert.
Ein solches Sozialorgan ist aber ebenso das Schiff des Columbus: trägt
es doch charakteristischerweise schon ein ganzes Häuflein tapferer
Menschen als gemeinsames Schwimmorgan. Ein solches soziales Sinnesorgan
ist das Fernrohr Galileis. Man wird dem Meister die Sternwarte
verbieten. Er wird erblinden. Aber auf seinen Turm steigen andere
und ihr Auge kriecht in dasselbe Glas, mit dem er die Sichelgestalt
der Venus und die Monde des Jupiter entdeckt hat. Und wenn diese
vergrößernden Linsen hier ihm zerbrechen, so wird Spinoza in Holland
andere schleifen. Das Werkzeug übertrumpft die Vereinsamung und die
Vergänglichkeit des Individuums, -- es ist ein Organ am sozialen Leibe
des Kollektivwesens „Mensch“, erhaben über den Zusammensturz des
Einzelnen in der Zeit, erhaben über die zerspaltende Schranke unserer
Zellenleiber.
Ist nun die „Wirklichkeit“ nur ein grober Ausdruck für das Gemeinsame
in den Erlebnissen der Menschen, so gehört das Werkzeug, dieses ins
Gemeinsame verlegte Organ, zweifellos aufs engste zu ihr.
Jeder Fortschritt im Werkzeug war ein Siebenmeilenschritt zu ihr, in
ihr.
Als die Holländer zuerst durchs Mikroskop schauten, die Italiener
durchs Fernrohr, da stutzten sie einen Moment: sollten die Dinge da
drinnen nicht bloß Hallucinationen sein? Teufelsspuk nannte man das
damals. Aber es war gerade umgekehrt.
Diese neuen Augen waren um einen ganzen Schritt weiter +gesichert+
vor individueller Hallucination: das Sinnesorgan selbst gehörte ja
jetzt schon der Allgemeinheit an.
Tausende konnten die gleiche Linse benützen.
Ein Mittel der Forschung wurden diese Gläser sofort -- der objektiven
Forschung, die sich grundsätzlich nur noch zu den gemeinsamen
Menschheitswerten, also zu der sogenannten Wirklichkeit, bekannte.
So mußte von hierher eine Welle steigen und steigen. Mußte steigen mit
der neuen Epoche der Technik. Eine Welle, die auf die Wirklichkeit, auf
ein ungeheures Übergewicht dieser Wirklichkeit loseilte.
Denn die Werkzeugtechnik begann mit jenen Tagen einen Siegeslauf, der
schlechterdings nicht mehr zu hemmen war.
Das ganze achtzehnte Jahrhundert ist nur eine leichte Kurve in ihm.
Im neunzehnten bricht ein Triumph aus, so überwältigend, daß die
Geschichte der Technik von so und so viel Jahrtausenden sich
auseinander zu spalten scheint in zwei Perioden: alles bis dahin -- und
dieses neunzehnte Jahrhundert.
Technische Fortschritte wie die Verwertung der Dampfkraft und der
Elektrizität lassen sich in der gesamten Kulturgeschichte an Größe
nur noch vergleichen mit den uralten gigantischen Türhütern der
Werkzeugerfindung überhaupt: mit dem ersten Steinmesser, dem ersten
selbst gegossenen Stück Bronze, oder mit jener Tat aller Taten, mit der
künstlichen Erzeugung der roten Herdflamme.
Im eigentlichsten Sinne durchsponnen erscheint dieses ganze letzte
Jahrhundert mit Fäden, mit Netzen der Technik. Ein Geräusch kommt von
ihm herauf wie ein großes Summen, Klirren, Sausen -- ungezählte Räder,
wirbelnde Schwungriemen, stöhnende Metallwände, hinter denen eine
Kraft eingekerkert ist. Eine weiße Dampfwolke liegt darüber, in die
blaue Lichtbänder fließen.
Was aber da rasselt und rauscht und glüht, das sind neue Nerven,
neue Muskeln des Menschen, soziale Muskeln, die als Dampfhammer
niederdröhnen, als Dynamit den Granitberg sprengen, soziale Nerven,
die als Kabel von Kontinent zu Kontinent durch schwarze Meeresschlünde
leiten, das sind Leuchtorgane des millionenköpfigen Kollektivwesens
Mensch, Blitzorgane, ins Erdumwälzende vergrößert aus jener schwachen
Kraft, die den Zitteraal Venezuelas seine elektrischen Schläge
austeilen läßt. Im Zeichen des Sozialorgans wehen bis in jeden Winkel
die Fahnen dieses Jahrhunderts, und alles, was in ihm lebt, von der
steilsten Schneehöhe des reinen Denkens bis in den tiefsten Meeresazur
der Kunst: es fühlt das Fächeln dieser Fahnen über sich.
Und dazu nun eine zweite Welle, auch sie sich rapid steigernd auf das
neunzehnte Jahrhundert zu. Der anderen parallel, oft zum Verschmelzen
eng.
Der soziale Zusammenschluß der Menschheit als solcher.
Auch das rauscht durch die Jahrtausende.
Zuerst die einfacheren Hilfszusammenschlüsse bis zum Volke. Dann der
Begriff des auserwählten Volkes: des Kulturvolkes, der Kultur überhaupt.
Im Orient zuerst, dann bei den Griechen, dann das Mittelmeer umfassend,
endlich im Lichtfelde ganz Europas, als liege hier allein fortan das
Aufmerksamkeitsfeld des Menschenbewußtseins im großen. Eine bevorzugte
Menscheninsel, die Kulturinsel. Unabsehbar um sie, die Erdscheibe
überflutend, der rohe Ozean des Halbmenschentums, des Barbarentums.
Aber kaum, daß sich das konstituiert hat, so gebiert auch diese
Kultureinheit schon mit innerer Notwendigkeit das Ideal einer noch
höheren Umfassung: die Idee einer wirklichen „Menschheit“. Jener ganze
Ozean saugt die Kultur wie eine Farbe, die von einem Fleck ausgeht, in
sich ein, durchfärbt sich damit.
„Menschheit“ fällt zusammen mit „Kultur“.
Das letzte ist nun schon ein Begriff, den wir selbst erst werden,
erst wachsen sehen, blaue Berge vor uns, halb im Nebel noch. Aber in
die große Linie ordnet sich die Arbeit von Jahrtausenden auch hier
stufenweise ein.
Im Grunde ist dieser soziale Gesamtzug die umfassendere Leistung
gegenüber der Technik, der Ausbildung bloß des sozialen Organs.
Dieser allgemeine Sozialverband der Menschen zum Zweck gemeinsamen
Wirkens, gemeinsamer Behauptung, gegenseitigen Schutzes, gegenseitig
gewährten Glückes umspannt viel mehr als bloß den Sozialanteil an
technischen Erfindungen -- viel mehr Säulen des Menschengeistes.
Das sagt ja das Gesamtwort Kultur schon, das zugleich das Gemeinsame
und das Tiefe ausspricht.
Aber in bestimmter Betrachtung ist doch auch wieder jede große
technische Fortschrittsepoche ein Ausgangspunkt dieser allgemeinen
Sozialfortschritte.
In den Tagen zwischen Columbus und Galilei ist es, als lege sich eine
ganze neue Quader unter den Begriff Kultur. Der Kulturmensch ist
fortan der, der gedruckte Bücher besitzt, mit Fernrohr und Mikroskop
beobachtet. Noch ist das im wesentlichen damals der europäische
Mensch. Man denkt an den Spanier, den Portugiesen, der über Meer
fährt und zu nackten Wilden kommt. Aber eben solche Fahrt, ermöglicht
durch technische Hilfen, wie Schiff und Kompaß, ist zugleich eine
Geburtshelferin jenes erweiterten Kulturbegriffes, der an keinem
einzelnen Erdteil mehr haftet. Indem die Kultur Europas nach Amerika
überfließt, geht in jenem Bilde ein Farbstreifen quer durch den
Ozean. Eine halbe neue Erdkugel wird die Kultur einsaugen. Auf den
Schiffen der Columbus und Magelhaens steuert der Idealbegriff einer
Kulturmenschheit, in der es überhaupt keine Wilden, keine Barbaren mehr
gibt, als blinder Passagier mit.
Mit seinem Triumph der Technik war dem neunzehnten Jahrhundert schon
ganz von selbst vorgezeichnet, daß es auch ein soziales Jahrhundert
ersten Ranges werden mußte.
Immer bewußter, hell wie die blauen elektrischen Lichtbänder dieses
Jahrhunderts, tritt die Kultureinheit hervor.
Schon seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mindestens geschieht kein
größeres Werk mehr, ohne daß wir uns direkt mit Worten dieser Einheit
dabei erinnerten.
In einer Welt, die noch unter Kriegsschrecken bebt und in tausend
Ketten knirscht, klingt das Wort wohl oft wie eine Phrase. Aber in
solcher Phrasenform sind alle großen Ideale auf Erden millionenmal und
siebenmillionenmal aufgetaucht -- bis sie endlich doch ein Lebenswort
wurden.
Es ist aber eben jenes achtzehnte Jahrhundert gewesen, das dem
neunzehnten noch ein weiteres soziales Ferment übermittelt hat.
Jenes Bild der älteren Kultur, die auf einer Insel sitzt, weithin um
sich das finstere Meer der Barbarei, des kultursozial noch nicht
angeschlossenen menschlichen Rohstoffes, hat noch eine andere Bedeutung
als bloß eine geographische, bei der Europa die Insel ist.
Es findet sich zum zweiten Mal wieder innerhalb unserer Kulturvölker
selbst.
Da ist ein enger Stand zunächst, der die Bildung, das soziale Werkzeug,
all das andere, Tiefere, Vergeistigte, was die Kultur sonst noch
ausmacht, besitzt und die Glückssonne dieser Errungenschaften über sich
leuchten läßt.
Um diesen Sonnenstand aber nach unten wogt abermals ein ungeheures Meer
nackter, hilfloser, isolierter Feuerländer und Australneger unseres
eigenen Volkes.
Auch nach hier hinab hebt nun eine Mischströmung an, auch in diesen
Ozean stößt Schiff um Schiff allmählich ab, um Farbströme hinter sich
herzuziehen, bis eines Tages auch diese ganze Barbarensee die Kultur
aufgesaugt haben wird und ihrer Vorteile teilhaftig ist.
Wir haben uns gewöhnt, die Arbeit nach dieser Richtung im engeren Sinne
als das soziale Problem zu bezeichnen. Und es braucht nicht mehr
gesagt zu werden, mit welcher wachsenden, orkanartigen Intensität das
neunzehnte Jahrhundert das Jahrhundert dieses sozialen Problems gewesen
ist. Und es braucht auch nicht das Allbekannte erzählt zu werden:
wie gerade das soziale Organ, die Maschine, auch hier die Felsblöcke
in krachenden Sturz gebracht hat, allerdings in besonderer Weise.
Nicht die Geschichte dieser Dinge berührt mich ja hier, sondern das
Gesamtantlitz, das sie dem Jahrhundert geben.
Auf das Soziale deutet dieses Antlitz im neunzehnten, wo immer es uns
anstarrt.
Es sieht nicht den Menschen, sondern die Menschen.
Und wo sich ein einzähliges Wort ihm dennoch auf die Lippe drängt, da
ist es ein Idealwort, geschmiedet aus fünfzehnhundert Millionen Köpfen:
-- +Menschheit+.
Wo dieses bis in jede Faser sozial durchfärbte Jahrhundert Weltenwerte,
Erlebniswerte wog und für seine Bedürfnisse aussonderte: da war es, da
mußte es sein jene Auslese der Erlebnisse, die sozial gemacht werden,
-- also der „Wirklichkeit“ in Anführungszeichen.
Das Blut, von dem es trinken mußte, um zu leben, um nicht ein leerer
Schatten zu sein, rann ihm hier zu.
Wirklichkeit! Wirklichkeit!
Aus den Myriaden individueller Sondererlebnisse durchgesiebt die
übereinstimmenden, die sozial brauchbaren, die, bei denen man Mensch
mit Mensch packen konnte.
Und als brächte der Ruf, das Verlangen danach selber das Blut zum
Strömen, so strömte und strömte dieses rote, nahrhafte, verbindende
Blut der Wirklichkeit nun auch diesem Jahrhundert tatsächlich wie aus
unerschöpflicher Ader zu.
-- -- --
Dem neunzehnten Jahrhundert glückt es, Dinge in den Bereich der
Wirklichkeitswerte ganz oder doch nahezu hineinzuziehen, an deren
Wirklichkeitsmöglichkeit selbst die aufgewecktesten Kulturepochen in
sieben Jahrtausenden nicht in kühnster Hoffnung gedacht hatten.
Ein prachtvoller Eroberungszug bemächtigt sich des Menschen
+selbst+.
Zum erstenmal entsteht eine eigentliche +Naturgeschichte des
Menschen+. Und im Rahmen dieser Naturgeschichte eine erste auf
Tatsachen, auf Wirklichkeiten gestützte „wahre“ Geschichte.
Über den Ursprung der Menschheit enthüllen sich schlechterdings
neue Dinge, die jeder fortan greifen kann. Es ist das Problem aller
Probleme, die Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, die mit diesem Punkte
berührt ist. Das Centralgeheimnis aller Erlebnisse, der Blick ins
eigene Sein.
Seltsam genug: gerade die Geschichte, der Ursprung des Menschen hatte
bis in dieses Jahrhundert hinein mit einer zähen Hartnäckigkeit
außerhalb der sozial kontrollierbaren „Wirklichkeiten“ gelegen.
Der biblische Mensch, der Mensch der uralten babylonisch-jüdischen
Schöpfungslegende herrschte für diesen Punkt, und er beherrschte von
hier aus das Bild des Menschen überhaupt.
Dieser biblische Mensch reichte seiner eigenen Schöpfung im
Menschengeist nach aber in Zeiten zurück, die an Wirklichkeitswerten
und an Sehnsucht nach solchen noch unendlich viel ärmer gewesen waren
als auch nur etwa das Jahrhundert des Columbus.
Einzelne objektive, von vielen erlebte Tatsachen mögen ja immerhin
bei seinem Uranfang mitgewirkt haben. Der Glaube an die Sintflut hat
zweifellos an die versteinerten Muscheln auf Berghöhen angeknüpft,
die man anders nicht zu erklären wußte. Die Entstehung des Menschen
aus einem Lehmkloß schloß sich an die angebliche Beobachtung, daß
kleine Tiere, Flöhe, Maden und Mäuse, unmittelbar aus toter Substanz
hervorzukommen schienen.
Aber diese Erfahrungen traten später so gut wie ganz in den
Hintergrund. Der biblische Schöpfungsmythus lebte fort einfach als
Überlieferung. Irgend einem, etwa Moses, sollte das so offenbart worden
sein. Dieses innere Erlebnis wurde aber sozial gemacht, zu einem
Erlebnis für alle, also zu einer „Wirklichkeit“ gemacht nur durch eine
Art Machtgebot, eine künstliche +Sanktion+.
Glaube wurde verlangt, Beweise nicht mehr für nötig erachtet.
Und anderthalb Jahrtausende hielt sich das wirklich so in einer
notdürftigen Balance.
Aber jene innere Logik der Dinge, die alle Sozialwerte, auch die
scheinbar fest errungenen, immer wieder durchsiebt, mußte langsam
endlich durchsickern lassen, wie sehr in diesem überlieferten
Glaubenswerte die Gefahr eben doch einer +bloß+ subjektiven
Annahme, sagen wir: einer Hallucination, steckte. Mochte es die
Hallucination einer ganzen Kulturepoche sein. Auch solche werden, wie
gesagt, schließlich ausgemerzt, wenn die Kultur weiter steigt.
Um den Sozialwert der biblischen Menschengeschichte und
Menschenauffassung dauernd und in immer wirklichkeits-energischere
Zeiten hineinzuretten, mußte man ihn schließlich doch mit gewöhnlichen
Wirklichkeitswerten wieder zu stützen versuchen.
Der Glaube suchte endlich doch einen Halt bei der Forschung.
Es ist aber im ganzen achtzehnten Jahrhundert schon ein öffentliches
Geheimnis der besten Köpfe, daß dieser Rettungsversuch scheitern müsse.
Es war unmöglich, wirkliche Tatsachengründe, die jeder greifen konnte,
für die Bibeltradition zu finden.
Der biblische Gott in seiner Gestalt eines bloß vergrößerten
Übermenschen, Adam und Eva, das Paradies, der Sündenfall, Noahs Arche
in der Flut, sie verschwebten im Blau, unfaßbar, ohne Akten und Siegel
im Sinne sonstiger greifbarer Tatsachengeschichte, im Sinne von
„Wirklichkeit“.
Dieses Ergebnis war ja zunächst ein rein negatives.
Und im Zeichen dieses Negativen steht das ganze achtzehnte Jahrhundert.
Die Bibel sinkt in die Rolle eines subjektiven Erlebnisses ohne
Sozialwert, ohne Gebrauchswert für viele, hinab. Die wahre Geschichte
des Menschenursprunges ist jetzt ein nacktes weißes Blatt.
Das Jahrhundert geht ins nächste mit Stimmen, die jede Möglichkeit
anzweifeln, daß je noch Schrift der Wirklichkeit auf dieses Blatt
kommen werde. Ist all das bunte Märchenspiel seiner biblischen Wiege
dem Menschen ins Blaue verdampft -- so scheint sein Ursprung, scheint
er selbst in seiner zeitlichen Dehnung rückwärts erst recht jetzt im
Nebelblau des absolut Unbekannten.
Das hier einsetzende neue Jahrhundert aber bringt gerade das
Unerwartete: den Bruch grade dieses Geheimschlosses nun doch durch die
Wirklichkeit.
Die Technik wieder ist es, die den Spaten gibt.
Der Spaten wird eingesetzt -- und jetzt kommen Erlebnisse realster Art
zustande, Erlebnisse für alle, die der Kultur angehören.
Ein solcher Spaten ist das künstliche Auge des Fernrohres, das in die
Nebelflecke schaut. Das Thermometer, das die Wärmeverhältnisse des Alls
mißt, eine verfeinerte Haut gleichsam des Menschen. Das Spektroskop,
ein nochmals neues, chemisches Auge, das Sternenlicht in seine Elemente
zerspaltet.
Jedes dieser erweiterten Sinnesorgane eröffnet erweiterte
Wirklichkeitswerte.
Im unendlichen Raume erscheint die Urmaterie nebelhaft zerstreut. Sie
glüht auf als Fixsterninsel. Als Sonne. Diese Sonne entläßt feurige
Reifen, die sich zu Planetenkugeln aufrollen. Eine solche Kugel
saust Trillionen Jahre lang im eiskalten Raume und sie erstarrt. Ein
metallischer Eisblock, läßt sie sich nur noch von der Sonne erwärmen.
Aber ihre Rinde wird das Spiel unzähliger chemischer Prozesse. Im
milden Sonnenatem erhält sich der Sauerstoff, gemischt mit andern
Gasen, als Luftschicht, verbunden mit Wasserstoff dauert er als
flüssiges Meer. Dieses Meer umwogt Länder. Und so baut sich, schon
eine Folge von Aeonen, die Urerde auf, noch einmal herausgesehen
aus der heutigen Wirklichkeitswelt mit Hilfe jener gesteigerten
Wirklichkeitsorgane der Technik.
Diese Technik wandelt aber wieder einen anderen Weg.
Zu den Gemeinsamkeitserfahrungen der Menschheit gehören gewisse
Gesteinsmassen der Erde. In diese Gesteinsmassen dringen technische
Organe vor, sie bohren Tunnels hinein für einen künstlichen Muskel-
und Nervenstrang des Kolossalwesens Mensch, sie bauen die Steinkohle
heraus, damit sie selber ein Leuchtorgan, ein Wärmeorgan dieses
Menschen werde, sie tragen Schiefer Platte um Platte davon ab,
um eine Form ihres sozialen Gedächtnisses, die Bilderschrift des
lithographischen Druckes, damit herzustellen.
Dabei aber kommen neue Erfahrungen zustande: versteinerte Baumstämme,
Abdrücke und Knochen seltsamer Tiere. Handgreiflich gemeinsame
Erfahrungen, die, in öffentlichen Museen aufbewahrt, durch
photographische Platten jenseits aller Hallucinationsmöglichkeit
fixiert, von allen fünfzehnhundert Millionen Menschen der Erde gesehen
werden können und den nachgeborenen Generationen ebenso unverändert
erhalten bleiben.
In die Jahrmillion der Urwelt auf dem erkalteten Planeten zeichnen
sich damit neue Bilder ein. Am Ufersande entlegenster Zeit regt sich
gallertiges Gewürm. Durch die blaue Flut ziehen Schwärme bunter
Medusen. Der Wind knattert durch die Schachtelhalmwälder sumpfiger
Inseln. In diesem Sumpfe kriechen gepanzerte Molche auf dem feuchten
Moosboden. Der Farrnwald wird zum Nadelgehölz. Gigantische Saurier,
turmhoch auf den Hinterbeinen, watscheln hindurch. Der erste Vogel,
noch mit einem langen Eidechsenschwanz hinter sich, flattert darüber.
Dann ein Palmenwald in Sachsen, mit Affen und Antilopen. Urwaldfichten,
deren Harztränen zu Bernstein werden. Groteske Dinotherien mit
Walroßhauern bei Mainz. Ein Menschenaffe auf der schwäbischen Alb.
Endlich Eisgletscher über ganz Norddeutschland, auf denen schwedischer
Granit, als Moräne verfrachtet, bis nach Berlin rutscht.
Und jetzt in diese nie geahnten Wirklichkeitspanoramen eingehend -- der
Mensch.
Eines jener neuen gemeinschaftlichen Werkzeugaugen, das Mikroskop, löst
ihn in winzige Urelemente des Lebens, die Zellen, auf. Aus solchen
Zellen baut sich auch jedes Tier, baut ich jede Pflanze. Aus einer
einzigen Zelle, der Eizelle, entsteht geschichtlich als einzelner jeder
Mensch. Auf Wesen, nur aus einer Zelle bestehend, läßt sich auch die
ganze Fülle des Tier- und Pflanzenlebens auf Erden zurückführen, wenn
man zu ihren geschichtlichen Wurzeln zurückgreift.
Die Fülle der Gesichte, über jene ganze Urwelt ausgebreitet, ordnet
sich dann hintereinander.
Aus dem Niederen das Höhere.
Einzellige Urwesen am ersten Strand. Niedrige Pflanzen, später niedrige
Tiere. Doch der Stammbaum wachsend, Ast um Ast, bis zur Rose, bis zum
Säugetier. Und dieses Säugetier wird an einer letzten Stelle Mensch.
Mensch nach oben -- nachdem es nach unten Eidechse, Molch, Fisch, Wurm
wie Häute seiner Entwickelung durchgemacht und abgestreift hat. Noch im
Säugetier steigt eine ganze Skala an, Schnabeltier, Beuteltier, zuletzt
gibt es eine Gabelung, die hier den Affen entläßt, dort unaufhaltsam
in den Menschen empor sich steigert. Nicht in einen Paradieses-Adam,
sondern einen harten Kämpfer. Unter Eis stöhnt die Erde, als er noch
jung ist. Der Höhlenlöwe brüllt vor seinem Versteck. Aber in diesem
Versteck entzündet er sich die Herdflamme und bei ihrem Schein schlägt
er sich den Stein immer vollkommener zur Waffe.
Hier hebt das andere, höhere Epos an: die Kultur.
Immer aber, in jedem Zuge, ist diese neue Schöpfungsgeschichte getragen
von gemeinsamem Erfahrungsmaterial: von „Wirklichkeiten“.
Noch jetzt leben Tierformen vor jedermanns Blick, die bis zu jenen
Einzellern hinunter seinen Ahnen gleichen.
Sein Embryo im Mutterleibe, der heute noch die Kiemenbogen des
Fisches, das Wollkleid, die spitzen Ohren und den Schwanz des niederen
Säugetieres wiederholt, steht im Museum.
Greifbar zieht ein Forscher gar aus einem Flußbett Javas die Hirnschale
und den Schenkelknochen des Pithekanthropus, der halb Gibbonaffe und
halb Mensch vor mehr als einer halben Million Jahren gewesen ist.
An der Stätte, wo Goethe gewandelt ist, dicht bei Weimar, in den
Kalktuffen der Ilm, speit der Boden Steinwerkzeuge aus, gemischt
mit den von Menschenhand bearbeiteten Knochen des Elefanten und des
Rhinoceros. Auf dem Felsen von Rüdersdorf folgt die Hand der Glättung
und Ritzung des Gesteines, die dem alten Riesengletscher jener Eiszeit
verdankt werden.
Nicht eine Hand bloß, von der dann die Tradition allein bleiben müßte
wie einst von den Gesichten des mosaischen Schöpfungsdichters.
Hundert, Millionen Hände, immer wieder, wenn sie sich bloß die Mühe
machen wollen.
Von „Wirklichkeiten“ ist diese neue Schöpfungsgeschichte umspannt,
umklammert wie von einer Eisenhand.
Von Wirklichkeiten in eine ganz bestimmte, nicht mehr erschütterbare
Gestalt gepreßt, schreitet der Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Eine Kette klirrt hinter ihm her aus diesen Wirklichkeiten, eine eherne
Nabelschnur, die ihn, wohin er auch schreite und was er nun sei, fortan
rückwärts angeschmiedet hält an einem ungeheueren weltallsschweren
Granitblock übereinstimmender Erlebnisse der Menschheit selbst über
ihren Ursprung.
+Ein Jahrhundert, das einen solchen Triumph mit der Wirklichkeit
erlebt hatte -- ist es ein Wunder, wenn es allmählich wie in Ekstase
geriet vor diesem Begriffe?+
-- -- --
Es läßt sich sehr gut verfolgen, wie das Jahrhundert zwei Phasen in
sich durchläuft, was diesen Punkt anbelangt.
Grob kann man es genau auf seine Mitte, auf den Umschwung zu den
Fünfzigerjahren, durchschneiden, um sie zu erhalten.
In der ersten Hälfte ist es, als seien Zwerge schweigend bei einer
Nachtarbeit.
Blöcke werden noch geräuschlos aufgetürmt. Die Technik wächst langsam
empor. Die erste Lokomotive dampft. Der erste Telegraphendraht
spannt sich. Das zusammengesetzte Mikroskop beginnt zu arbeiten.
Neue Wissenschaften blühen auf, alle mit der Färbung nach der
naturwissenschaftlichen Seite. Das allgemein Soziale reckt sich und
zeigt mehr und mehr Fühlung mit der Technik. Der alte Goethe stirbt
schon mit dem Gefühle, daß eine neue Zeit dabei sei, sich zu erfüllen,
eine Zeit der sieghaften Realwerte.
Aber bei alledem haben diese ersten fünf Jahrzehnte im ganzen doch noch
etwas Intuitives, etwas dumpf im Mutterleibe Wachsendes, etwas bloß im
dunklen Drange geradeaus Gehendes ohne Nachdenken.
Das eigentliche Bewußtsein all der Dinge blitzt erst mit der Wende zur
zweiten Hälfte auf. Die Nebel fallen über dem Zwergenschlosse und es
steht auf einmal da, vor aller Welt Augen, und es zwingt diese Augen zu
sich.
Nach fünfzig Jahren stillen aber steten Ringens um die „Wirklichkeit“
kommt in den ersten beiden Jahrzehnten der zweiten Phase mit Übergewalt
gerade jetzt auch jener stolzeste Eroberungszug wie eine reife
Frucht: die neue Lehre vom Menschen, das neue Weltbild, aufgebaut auf
Wirklichkeit. Lange schon hat diese Frucht ungesehen im dichten Laube
gehangen, jetzt fällt sie, und ihr Poltern zieht die ganze bewußte
Aufmerksamkeit auf sich. So und so viel noch fest Schlafenden fällt
sie auf den Kopf -- und sie +müssen+ aufwachen, +müssen+
begreifen.
Um das Ende der Fünfziger und den Anfang der Sechziger erfolgt nach
dieser Seite ein Hauptschlag um den anderen.
Die Spektralanalyse, die die Gestirne enträtselt.
Darwin.
Das Gesetz von der Erhaltung der Energie fest begründet.
Boucher de Perthes’ prähistorische Funde bestätigt.
Zum ersten Mal läßt sich der Faden einer Kosmogonie auf Grund von
lauter Wirklichkeiten spinnen, wie es Haeckel in ewig unvergeßlicher
Weise versucht hat.
Der Kampf gegen die Bibel, durch Strauß angebahnt, nimmt unter
dem Druck dieses positiven Ersatzmaterials den Charakter eines
Vernichtungskampfes an. Alles, was mit dogmatischer Religion
zusammenhängt, kommt ins Bröckeln. Die Autorität der Tradition wankt in
ihr im Verhältnisse, wie die Autorität der Wirklichkeit, das Vertrauen
zur Wirklichkeit überall wächst.
Andererseits ist dieser gleiche Zug gegen die alte Autorität bloßer
Überlieferungen im allgemein Sozialen wie ein Frühlingssturm merkbar.
Wie in der Philosophie, so in der Politik. Abkehr vom Phantastischen
zugleich und minderer Glaube an alte Bücher, alte Titel, alte Verträge,
zweifelhafte Dokumente von lediglich traditioneller Heiligkeit. Die
wachsende soziale Bewegung sucht sich auf greifbare Realwerte hin neu,
solider, weltgerechter zu ordnen.
Scheinbar fliegt eine ungeheuere Masse Pietät über Bord.
Aber in Wahrheit nur, weil eine einzige ganz bestimmte Pietät
überwiegend, erdrückend, alles verschlingend geworden ist: die Pietät
vor den „Tatsachen“, vor der „Wirklichkeit“.
Der darwinistische Mensch und der sozialistische Mensch reichen sich in
diesem Pietätsgefühl brüderlich die Hand.
Und all diese Dinge, dieser ganze Zug der Zeit haben einen so
greifbaren +Glücksinhalt+!
Es liegt wie ein großes Aufatmen in der Entlastung von soviel
schweren Berglasten der Illusionen, Glaubenssätze, Vertröstungen,
Subjektivitäten mit Autoritätsmacht. Das Feld für neue Entwickelungen
scheint endlich wieder frei, und das Bewußtsein davon gießt junge Kraft
in alle Adern.
Wo immer die Wirklichkeit resolut erfaßt wird, philosophisch,
technisch, sozial -- es fließt und fließt ein überwältigender Strom von
Glück zu.
All sein körperliches Glücksbedürfnis eines ungeheuer sinnlich
kräftigen Organismus wirft das Jahrhundert nach dieser Seite, all seine
brennende Seelensehnsucht.
Die Kirche sank, der Himmel schloß sich mit seinen Belohnungen,
seiner außerweltlichen Bestimmung des Menschen, seiner unmittelbaren
Gotteshilfe. Das ganze alte Gefüge der Autoritäten, Traditionen,
Moraltafeln, privilegierten Stammbäume krachte.
Aber die Wissenschaft schenkte einen neuen Himmel mit Millionen
Sternen. Sie schenkte einen neuen Menschen, der in ganz neuer, solider
Weise auf der Erde stand. Und die Technik, Schöpferin zugleich und
Kind dieser Erkenntnis, würde Brot und Muße für alle aus diesem Boden
zaubern, hier auf dieser Erde -- eines Tages.
Noch verwirrten ja ihre Maschinen eher, als daß sie halfen. Aber das
war nur der letzte Nebel vor Sonnenaufgang. Die soziale Neuordnung und
Gesamtkonstituierung der Menschheit würde ein irdisches Reich der Liebe
und Gerechtigkeit gründen, aufgebaut auf Arbeit im richtigen Maße.
Keine Herrschenden und Unterdrückten mehr, nur der freiwillige Arbeiter
triumphierend.
Und das alles schließlich verdankt dem großen Umschwung in der
Wertschätzung der Wirklichkeit. Sie war der Fels endlich im Meer, wo
die Arche landen konnte ....
Man kann die Dinge bis hierher ruhig in ihrem ganzen Königsmantel
rauschen lassen, ohne auch nur ein Wort einschränkender Kritik
hinzuzusetzen.
Die vollkommene Größe des neunzehnten Jahrhunderts erscheint wirklich
so, die ihm nie wieder irgend eine Zukunft entreißen wird.
Das Jahrhundert der Dampfmaschine und des Telegraphendrahtes, Darwins
und der beginnenden Umwandlung des alten Christuswortes von der
Nächstenliebe in reale soziale Tat -- es hat mit seiner „Wirklichkeit“
in Wahrheit Berge versetzt, Berge, an denen sich der Strom der
Menschheitsentwickelung gestaut hätte, wenn nicht eine Hand sie endlich
wegriß und die Wasser schäumen ließ.
-- -- --
.... Aber es wird kein Kind geboren, auch kein Heiligenkind, ohne daß
edles Mutterblut dabei verströmte.
Jede große Entwickelungserweiterung der Menschheit, bei der ein neues
Flußbett sich gräbt, hat seine gewissen Züge auch des Dammbruches, der
Überschwemmung, der entfesselten Gewalt, die Fruchtbäume bricht und
Ackerboden verschüttet.
Auch in der größten Tat des Genius erscheint unabänderlich der
Erdenrest bestimmter Unterdrückungen, Vergewaltigungen, Übertreibungen.
Im Grunde, wenn man tiefer blickt, ist dieser scheinbare dunkle
Fleck eigentlich nichts anderes als der schwarze Schnittpunkt der
Entwickelung selbst, die auch in der erhabensten Leistung nicht ganz
erfüllt, nicht ganz zum Stillstand gebracht sein darf, sondern ihre
Ecke behalten muß, wo sie auch diese Leistung wieder zersetzen, wieder
überwinden wird -- zum Nutzen des unablässigen Weiterganges.
Auch das neunzehnte Jahrhundert hat diesen Schnittpunkt. Und es hat
ihn genau mitten in dem, was seine Größe ausmacht: in dem Begriffe der
„Wirklichkeit“. Dieser Begriff ist seine Sonne -- aber es ist auch sein
größter Sonnenfleck darin.
In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts treten mit dem wachsenden
Bewußtsein von jener großen Fügung auch ganz allgemach die Spuren einer
gewissen Verschiebung auf.
Der Begriff Wirklichkeit nimmt in einer Menge von Köpfen eine
eigentümliche Schwere an.
Er bekommt etwas von einem Block, der sich nicht mehr recht bewegen
lassen will, der selber wieder lastet, drückt.
Die Wirklichkeit hatte zu solchem Triumph geführt, eröffnete solche
Glücksbilder. Wie nahe lag es, sie für das +einzige+ zu erklären,
was für den Menschen überhaupt in Betracht kam, was +Wert+ für ihn
besaß!
Wir erinnern uns jener Grunddefinition: daß „Wirklichkeit“ eine Auslese
der für viele, eventuell alle Menschen gemeinsamen Erlebnisse darstelle.
In dieser Definition ist noch kein Werturteil enthalten, was besser
sei: diese sozialen Erlebnisse in ihrer Ganzheit oder der Rest des
tausendfältig Subjektiven, der daneben schwimmt, ohne aufgelöst zu
werden, all der individuellen Erlebnisse, die jeder zunächst für sich
hat ohne Parallelen bei andern.
Höchstens konnte man sagen: die Wirklichkeit wurde jedenfalls etwas
zweiten Grades, -- eben als Auslese.
Jetzt aber wird der Spieß umgekehrt.
Die Frage taucht auf, ob das Subjektive nicht bloß ein wertloser Rest,
etwas Überzähliges ohne Sinn sei?
Die Wirklichkeit allein das echte Erlebnis, das erlebenswerte!
Das Subjektive dagegen, das mit ihr nicht zusammenfällt, bloß ein
gleichgültiges Schaumgekräusel -- Schnitzelwerk des Erlebens, das
nebenherlaufend nicht immer zu vermeiden ist, aber jedenfalls eine
Luxusproduktion darstellt!
Ja, war es bloß die?
Der Schritt in der Logik ist äußerst klein vom Wertlosen zum
Widerwärtigen, zum Schändlichen.
Man hatte so deutliche Beweise, wo das Subjektive geschadet hatte,
indem es das Wirkliche fälschte, zum Beispiel in religiösen Dogmen.
Der eigentliche Schaden hatte zwar strenggenommen in solchen Fällen
immer in der blinden Tradition bestanden, in der Nachlässigkeit, die
Subjektives für allgemeine Wahrheitswerte einfach leichtfertig hinnahm,
und in der Autorität, die solche Verwirrungen heiligte und gewaltsam
durchdrückte.
Aber war es nicht doch die nackte Existenz des Subjektiven in der
großen Menschheitsrechnung gewesen, die den Anlaß gab, daß dergleichen
überhaupt in Szene treten konnte?!
Jede Zeit hat ihren Versucher, der als kleines Schlänglein hinter dem
Apfelbaume hervorkriecht. Für das neunzehnte Jahrhundert steckte er in
dieser harmlosen Frage. Es kroch eigentümliche Wege, das Schlängelchen,
aber mit der ganzen schwarzen Teufelslogik.
Alles Subjektive, das nicht in das Gemeinsame paßte, war also tauber
Schuß, Rankenwerk, das besser abgeschnitten wurde.