Jenes Vezère-Tal in der Landschaft Périgord, wo Lartet schon in den

sechziger Jahren sein angebliches Mammut auf Mammutbein aus dem Schutt

prähistorischer Zeiten gezogen, ist eine äußerst liebliche Gegend.

Als Lubbock, heute der Alt-Meister vorgeschichtlicher Forschung,

einst die Vezère hinabfuhr, pries er die Schönheit des Ortes, daß

sie jeden packen müsse, auch abgesehen vom wissenschaftlichen

Interesse. „Da der Fluß bald die eine, bald die andere Seite des Tales

aufsuchte, so hatten wir in einem Augenblick zu beiden Seiten reiche

Wiesenländereien, und in dem nächsten befanden wir uns dicht an dem

senkrechten, fast überhängenden Felsen. Hier und dort kamen wir zu

einigen wallonischen alten Burgen, und obgleich die Bäume noch nicht im

vollen Laubschmuck standen, so waren doch die Felsen an manchen Stellen

völlig grün durch Buchsbaum, Efeu und immergrüne Eichen, und das

harmonierte überaus gut mit der satten gelbbraunen Farbe des Gesteins.“

Hermann Klaatsch, dem wir die neueste anschauliche Ortsschilderung

auf Grund eines Besuches im letzten September verdanken, findet, daß

das Tal „einen intimen Reiz des süßesten Friedens“ besitzt „und einer

Nervenberuhigung, welche die Sorge aufkommen ließe -- es möchte hier

einmal eine Nervenheilanstalt entstehen, wozu die Gefahr nahe läge,

wenn das Terrain in Deutschland sich befände“.

Ohne besondere Spitzfindigkeiten läßt sich ein Bild gewinnen, wie

dieses Haupttal und seine mäandrischen Verzweigungen geologisch

ausgestaltet worden sind.

Das ganze Quellnetz zum Dordogne-Flusse deutet rückwärts auf das hohe

Zentral-Plateau von Frankreich, das alte Vulkanland der Auvergne.

Nachdem diese Krater, mehrere hundert an der Zahl, in der späteren

Tertiärzeit ihre Lavaströme genügend ergossen hatten und mit

erschöpfter Kraft in den Ruhestand der wenigstens auf absehbare Zeit

erloschenen Vulkanruine eingetreten waren, setzte die beginnende

Periode der Eiszeiten die Durchschnittstemperatur lange Reihen von

Jahrtausenden hindurch um so viel herunter, daß diese Gipfel sich durch

Herabsinken der Schneegrenze mit „ewigem Schnee“ und mächtigen, zu Tal

drängenden Gletschern bedecken mußten.

Als diese Gletscher aber zeitweise wieder schmolzen, mußten die

Schmelzwasser sich mit ungeheurer Gewalt zu Tal ergießen. Sie erfüllten

die vorhandenen Flußtäler hoch herauf und wühlten in das weiche

Kreidegestein ihrer Wände tiefe Furchen und Löcher ein, die später,

als die Hochflut verströmt war und die Talsohle wieder als solche

auftauchte, als Nischen und Grotten der Talwände frei wurden.

Erst nach dieser Zeit, nach Ausgang einer ersten

Vergletscherungsperiode und wohl noch während einer zweiten, hat

dann der vorgeschichtliche Mensch sich im Vezère-Tal und seinen

Seitenzweigen angesiedelt.

Er hat die Grotten als willkommene Zufluchtsstätten genau so benutzt,

wie sie spät noch in der geschichtlichen Zeit, ja bis in die neuesten

Tage hinein vorkommenden Falles immer wieder besucht und gebraucht

worden sind.

Einem ausgesprochenen Jägervolk, aber von kleinen Mitteln, bot ja grade

ein Tal von dieser Art die sinnfälligsten Vorteile.

In senkrechten Steilstürzen bricht das Plateau oben vielfach gegen

die Taltiefe ab. Gelang es den steinzeitlichen Jägern, eine Tierherde

dieses Plateaus durch irgendwelche Schreckmittel, etwa künstliche

Feuerbrände in der Nacht, gegen die unheimliche Kante zu hetzen und zum

Absturz zu bringen, so war ein großer Sieg mit verhältnismäßig wenig

Mühe gegeben, und die Opfer lagen gleich vor dem Hause.

Vor Jahren schon hat Boyd Dawkins in England solche Rand-Jagd in

vorgeschichtlicher Zeit als Erklärung aufgestellt für die erstaunlichen

Anhäufungen zerbrochener und zernagter Tierknochen in englischen

Steil-Schluchten. Als die Jäger, die hier den Riesenhirsch und das

Mammut, das Rhinozeros und den Wisent ins Verderben gehetzt, nahm er

zwar, und für seine Oertlichkeiten wohl sicher mit Recht, die Hyänen

an, die damals in Scharen das Land bevölkert haben müssen. Heute noch

jagen ihre lebenden Vertreter so, daß sie starke Beutetiere, die sie

sonst nicht überwältigen könnten, durch Massenangriff erschrecken und

auf einen äußersten Fleck drängen, wo der Absturz unvermeidlich wird.

Doch vom Tier hat der Mensch jagen gelernt: was Wunder, wenn auch er

die grausigbequeme Methode der schwachen, aber klugen Hyäne nachahmte.

Längst kennt man auch eine französische Fundstätte, von Solutré bei

Lyon, wo unter einem hohen Fels mit schauerlichem Steilfall eine an

hundert Meter lange und drei Meter dicke Knochenschicht aufgedeckt

worden ist, die so gut wie ganz aus Knochen diluvialer Wildpferde

besteht. Ueber 20000 Individuen müssen hier immer genau am gleichen

Fleck umgekommen sein! Und in diesem Falle verrät sich der wilde Jäger

sofort: sehr gute Steinmesser, von Menschenarbeit, wahrscheinlich hier

als Lanzenspitzen bei der Verfolgung benutzt, liegen noch zur Hand, und

jeder Pferdeschädel ist künstlich aufgebrochen, um den Leckerbissen des

wilden Menschen, das Gehirn, herzugeben.

In solchen Jagdszenen, bei denen unter rohem Hallo und bei

geschwungenen Fackeln die großen Säugetiere der Diluvialzeit zum

Todessturz genötigt wurden, liegt zweifellos auch das Geheimnis der

Liebe jener Vorgeschichtler für die schroffen Tälchen im Lande Périgord.

Einmal am Fleck zäh eingebürgert, hinterließen diese Steinzeitler aber

nun im Schutt und Kalksinter der Talhöhlen ein wahres Pompeji ihrer

primitiven Kultur.

Geräte und Waffen, Nahrungsreste und Herdfeuerspuren, alles was nur

irgend dauerfähig war aus ihrem äußeren Leben, -- und in diesen harten

Tagen des behauenen Steins und bearbeiteten Rentierknochens war ja

fast alles von einer Solidität für rauschende Jahrtausende. Bloß ein

Teil fehlt, dem es an und für sich sonst nie an weltgeschichtlicher

Solidität gemangelt hat: Topfscherben; die Erfindung des irdenen Topfes

scheint noch nicht in dieser Zeit zu liegen.

Jeder Winkel dieser Flüßchen bewährt sich dem Suchenden als ein Haus

dieses großen Pompeji. Da folgen sich die Stätten, deren Namen durch

alle Lehrbücher und Museen schallen: Le Moustier, La Madelaine,

Laugerie-Haute und -Basse, Cro Magnon -- jede berühmt durch irgend

einen großen Fund.

Bei La Madelaine, einer unerschöpflichen Katakombe dicht am

Vezère-Flüßchen, die von einer Burgruine hoch auf dem überhängenden,

eine Halbgrotte bildenden Fels ihren Namen trägt, hatte Lartet seiner

Zeit das vielberühmte und vielverspottete Elfenbeinplättchen mit dem

angeblichen Mammut-Bilde geborgen.

Auch die es mit Hohn zurückwiesen, sie mußten doch zugeben, daß an

dieser und anderen Stellen Spuren auftauchten von etwas, was irgend

einen ästhetischen Zusammenhang schlechterdings nicht verleugnen

konnte. Da lagen Fußknochen des Rentiers, die unzweideutig zu Pfeifen

gehöhlt und gelocht waren. Röhrenknochen von Vögeln wiesen gar mehrere

Löcher genau so, als sollten es Flöten gewesen sein. Was ferner sollten

die massenhaften Anhäufungen bunter Erden in diesen prähistorischen

Müllhaufen, insbesondere eines lebhaften Färbe-Rotes? Heute bemalen

sich wilde, nackte Menschen mit so etwas den Leib! Was sollten die

durchbohrten Schneckenhäuser, die Amethyst- und Bergkristall-Stücke?

Heute hängt sich der wilde Mensch dergleichen als Schmuck an den

Leib, -- ist doch auch der zahme noch nicht abgeneigt, diese Sorte

ästhetischer Aufbesserung seiner gegebenen Persönlichkeit zu betätigen.

Es war nun für den eingefleischten Zweifler vielleicht ein unbefugt

kühner, für den naiven Besucher aber wirklich nur ein recht nahe

liegender Schritt, wenn einer nicht bloß die Sohle dieser Höhlen nach

prähistorischem Material durchwühlte, sondern auch einmal einen etwas

sorgsamen Blick auf die Wände warf.

Vom Vater Kieselack her besteht im Menschen bekanntlich ein Ur-Zug,

seinen lieben Namen und etwa noch dieses oder jenes erfreuliche

oder nichtsnutzige Umrißprofil auf die Wand einer besuchten Stätte

zu setzen. Wenn diese alten Herrn des Trüffellandes wirklich schon

irgend eine Fähigkeit besessen haben sollten, ähnlich wenigstens

irgend ein Symbol ihres Daseins mit Kunstmitteln zu hinterlassen, so

lag ernstlich nichts näher, als daß sie die Wände ihrer jedenfalls

vielhundertjährigen, vielleicht mehrtausendjährigen Winterquartiere,

der Höhlen, mit verwandten Scherzen bedacht hätten.

Und der „Echtheit“ mußte dabei zu statten kommen, daß die langsame

Arbeit tropfenden Wassers in der Folge diese Wände vielfältig nach

gewohnter Höhlenart wieder mit einer schützenden Decke derben

steinharten Kalksinters überzogen und alles auf ihnen Befindliche also

profanem Blicke gänzlich entzogen hatte bis zum Tage, da der „Rechte“

kam.

Die erste Kunde, daß es auf den Höhlenwänden des Vezère-Gebietes

tatsächlich etwas zu sehen gebe, kam denn auch schon vor Jahren,

verscholl aber wieder in der allgemeinen Mißstimmung gegenüber

prähistorischen „Bildern“.

Das erste Jahr fester wissenschaftlicher Publikation ist 1895.

Professor Rivière beschrieb eine „bemalte Höhle“.

Weiter in Fluß kamen die Dinge seit 1901 dann besonders durch Capitan,

ebenfalls Professor in Paris.

Den neuesten und in jeder Hinsicht instruktiven Bericht über die

vollendeten Fakten verdanken wir Klaatsch, der zugleich seine solide

deutsche Autorität als Augenzeuge am Ort für das Ganze eingesetzt hat,

so daß die großen, verallgemeinernden Zweifel jetzt endgültig abgetan

sind.

In das Haupttal der Vezère mündet bei dem Orte Les Eyzies eine kleine

Seitenader, das Tälchen der Beune.

In einem feinsten Nebenzweiglein wieder dieses Wässerchens liegt die

sogenannte Grotte von Combarelles.

Man darf bei dem Wort nicht an eine der allbekannten Tropfsteinhöhlen

von imposanter Domhöhe denken. Es ist im viel eigentlicheren Sinne

ein Loch. Vor die Öffnung dieses Loches ist denn auch heute noch ein

Bauernhaus quer gelagert, als solle es sich bloß um einen privaten

Kellerschacht handeln. Ein praktischer Mann, hat der Bauer den Anfang

des Schachts sich als Hühnerstall eingerichtet, die „Höhle“ ist also in

gewissem Sinne bewohnt bis auf den heutigen Tag.

Der Hühnerstall ist aber noch der geräumigste Teil. Gleich dahinter

wird jenseits einer Tür der Kellerhals so eng, daß der Besucher auf

allen Vieren kriechen muß.

Freilich erkennt er: so niedrig ist’s hier nicht immer gewesen.

Mindestens ein Meter hoch hat sich auf die alte Sohle eine sogenannte

Stalagmitenschicht, also Kalksintermasse, die das tropfende Wasser

allmählich abgelagert hat, gelegt, den Gang auf die Hälfte des

Ehemaligen verengend. In Mammuttagen konnte ein Mensch hier zweifellos

erhobenen Hauptes noch durchschreiten.

Etwa die halbe Länge hindurch, hundert und einige Meter weit, entdeckt

man allerdings von solchem Ur-Dasein des Menschen gar nichts.

Hat er Knochen oder Steingerät hinterlassen, so muß es tief unter

dieser harten Kalkhülle des Bodens begraben liegen.

Das Licht der Kerze leuchtet an der Wand entlang: auch da zunächst

nichts.

Die ersten hundert Meter sind überschritten. Noch immer nur leere Wand.

Doch das Auge gewöhnt sich. Und endlich findet es jetzt wirklich etwas,

-- etwas höchst Überraschendes.

Der Höhlenhals läuft bis zu seinem Abschluß noch ungefähr 115 Meter

weiter. Fällt auf dieser Strecke der Kerzenschein von links her ein, so

erscheinen in der Höhlenwand eine große Menge flacher Ritzlinien, die

schärfsten bis zu einem halben Zentimeter tief, die schwächeren fast

nur als Oberflächenzeichnung.

Die Kalksintermassen, die auch hier sich unregelmäßig wie

Kesselsteinbrocken angesetzt haben, gehen vielfach, Stücke verdeckend,

über die Ritzungen hin, ein deutliches Zeichen, daß es sich keinenfalls

um etwas ganz neuerdings Eingegrabenes handeln kann.

Einmal erfaßt, schließen sich diese Linien dann dem Auge leicht zu

Gestalten zusammen. Zuerst erkennt man durchweg Beine, endlich ganze

Umrisse von Leibern.

Es sind Tierbilder.

Die meisten nur mittelgroß, kaum viel über ein Meter im selten

äußersten Fall.

Nun aber was für Tiere!

Zunächst ein allbekanntes, das aber doch mit einem Schlage in die

Eiszeit für diese Gegenden versetzt: das Rentier.

Dann Pferde, -- Wildpferde!

Wir haben erst in jüngster Zeit das noch lebende, heute nur in der

asiatischen Steppe noch lebende echte Ur-Wildpferd von Angesicht zu

Angesicht wieder begrüßen können auf europäischer Kulturerde: in dem

Pärchen unseres Berliner zoologischen Gartens. Unverkennbar finden wir

auf diesen alten Bildern seinen unförmlich dicken und großen Kopf,

seine charakteristische hochgesträubte Mähne wieder. Schon hatten es

uns einige jener bestrittenen älteren Gravierungen auf Rentierknochen

aus den Vezèrehöhlen so gezeigt, aber die waren eben bestritten worden,

trotzdem man sich fragte, welcher moderne Fälscher wohl diese äußersten

Feinheiten zoologischer Charakteristik beherrscht und bewährt haben

sollte; war doch die Kenntnis der Wildpferde bis vor kurzem noch einer

der dunkelsten, unsichersten Punkte moderner Fachforschung -- und da

sollte irgend ein pfuschender Dilettant derartig das allein Richtige

getroffen haben?

Die Pferdebilder von Combarelles machen alle weiteren Skrupel dieser

Art überflüssig. Hochinteressant aber ist, daß auf ihnen neben dem

Dickkopf, dem typischen Ur-Wildpferde, schon eine zweite Pferderasse

erscheint, die wesentlich zierlicher gebaut ist. Das wird unserer

Rassenforschung zu denken geben!

Weiter: es treten aus der Wand Steinböcke.

Heute sind das Hochgebirgstiere, die sich da oben ins „Kalte“

zurückgezogen haben, nachdem unten die Eiszeit mit ihren letzten

Kältewehen schwand, eine vertikale Rettung als Seitenstück zu der

horizontalen, die das Rentier nach Lappland verscheucht hat.

Und nun endlich nahen die ganz Fremden, die gänzlich Verschollenen.

Eine einzige Antilopenart haben wir heute noch in Europa, auch sie nur

in einer gleichsam abnormen Lage als Alpentier gerettet: die Gemse.

Hier sind noch sehr verschiedenartige Antilopen, eine mit ganz steil

ragenden Hörnern, eine dem Gnu ähnlich; es könnte sich freilich im

letzteren Falle auch um etwas ähnliches wie die seltsame Gnu-Ziege

(~Budorcas~) von Tibet handeln, deren Gehörn völlig dem des

Weißschwanzgnus entspricht.

Die Hauptmasse der „Verschollenen“ aber bilden -- die Mammute.

Vierzehn an der Zahl!

Grade sie konnte auch Klaatsch aufs entschiedenste feststellen.

Die von Capitan mitgeteilten Bilder sind in der Tat von

durchschlagender Wirkung.

Da steht das Tier, mit seinem hohen Elefantenrücken und den

Säulenbeinen. Der gewaltige Rüssel, mit Doppelzipfel unten statt des

einfachen Fingers, ist in belebter Auffassung nach hinten eingerollt,

die riesigen krummen Stößer streben darüber ins Weite. Selbst das Auge

sitzt sehr gut. Und in wilden Strähnen wallt von Bauch und Kopf die

schwere Mammut-Mähne und Verpelzung, die kein lebender Elefant kennt.

Dieses Tierbild ist keine Klein-Moritz-Karikatur. Es ist der rohe,

aber durch und durch charakteristische Entwurf einer Künstlerhand, --

wie ein echter Tiermaler rasch, um mit einer Umrißskizze das Nötigste

zu füllen, einen Elefanten eben hinsetzt, doch so, daß jeder sofort

weiß: das ist einer; kein Strich zu viel, aber jeder Strich auch eine

feste Charakterlinie. Und das mit einem Stück Feuerstein in eine

Höhlenwand geritzt, bei Fackelschein, in engstem Raum, -- von einem

vorgeschichtlichen Jäger der Eiszeit!

Es war kein Dinotherium- oder Hipparion-Jäger mehr, das zeigen,

abgesehen von den mangelnden Bildern, klärlich die Eiszeit-Tiere Mammut

und Rentier selbst. Und doch noch der Mensch einer anderen, einer

fremden Welt. Aber in diese Welt sahen schon Künstleraugen. Wie nah

uns das nicht nur äußerlich, im Bilde, sondern grade im tiefsten Innern

doch wieder diesen Tag der Mammute bringt!

In einem zweiten jener Beune-Tälchen liegt die Grotte von Font-de-Gaume.

Der Eingang öffnet sich rund 20 Meter über dem Talgrund. Ein großer

Felsblock liegt davor wie ein Tisch.

Zuerst ist es hier, als solle es wirklich in eine hohe Höhle mit dem

bekannten Stalaktiten-Schleier an der Decke gehen. Aber dann folgt

doch noch der unvermeidliche enge Flaschenhals, eine Geheimpforte des

Allerheiligsten von nur 70 Zentimeter Höhe und bedrohlicher Enge.

Als Klaatsch diesen Spalt passierte, mußte er des französischen

Forschers Elie Massénat gedenken, der ihm kurz vorher alle diese

bemalten Grotten als eitel Schwindel und Fälschung bezeichnet hatte.

Da dieser alte Gelehrte sich eines bedeutenden Körperumfanges erfreut,

erschien es Klaatsch schier unbegreiflich, daß der dicke Herr diese

enge Pforte je sollte überwunden haben; und so konnte denn auch alsbald

durch Zeugen festgestellt werden, daß Herr Massénat niemals am Orte

gewesen war und sein Absprechen aus billiger „allgemeiner“ Skepsis

geschöpft hatte -- ein recht lehrreiches Exempel!

Immerhin ist wahr, daß ein eiliger Besucher, der nichts sucht, ein- und

wieder ausgehen könnte, ohne das Entscheidende, nämlich die auch hier

vorhandenen prähistorischen Bilder überhaupt zu entdecken.

Moderne Kieselacks sind ahnungslos gelegentlich dagewesen, haben ihren

Namen auf die Wand gekritzelt, quer über ein Tiergemälde -- und haben

nichts gemerkt.

Ja, über ein „Tiergemälde“! Denn auch hier gibt’s Tiere und sogar

gemalte.

Wahrscheinlich ist es vor allem diesmal ihre Riesengröße gewesen, die

sie versteckt hat, sie erschienen bloß als weite zufällige Felder

unbestimmten Brauns. Durchweg ist nämlich hier jedes Tier ein bis

zwei Meter groß, und das auf drei bis fünf Meter hohen Wänden eines

höchstens zwei Meter breiten Schachts.

Die Technik ist eine raffiniert dauerhafte: die Umrisse und ein Teil

der Einzelheiten sehr tief eingeritzt und der so markierte Tierkörper

dann noch bemalt, der Umriß noch einmal mit Manganschwarz, der Inhalt

mit braunroter Okererde.

Gerade diese letztere Farbe paßt ausgezeichnet, da die Hauptmasse

der dargestellten Tierarten diesmal Wisentstiere (jene sogenannten

„Auerochsen“ unserer zoologischen Gärten) sind, deren Wolle dieses

Braun entspricht.

49 solcher Wisents sind bisher festgestellt, dazu 4 Rentiere, 4 Pferde,

3 Antilopen und (hier nur) 2 Mammute.

Es ist sehr wahrscheinlich, auch aus Gründen verfeinerter Technik, daß

man in dieser Grotte ein etwas jüngeres Kunsterzeugnis vor sich hat,

von der andern durch eine längere Kette der Generationen getrennt; das

Mammut war inzwischen vielleicht seltener geworden, der Wisent-Stier

dagegen jetzt Haupt-Jagdtier.

Erstaunlich über alle Maßen ist, wie die Unebenheiten der Wand in die

Bilder aufgenommen, gleichsam mit verarbeitet sind. Der untere Rand

einer nischenartigen Vertiefung bildet im Bilde einen Rasenhorizont

der weidenden Herde. Das Gras ist mit Strichen markiert, die Tiere der

Herde zum Teil perspektivisch hintereinander geordnet.

Der buckelige, durch die Mähne nach vorne verbreiterte Umriß der

Wildochsen ist geradezu genial erfaßt. Ausgesprochen genau die Füße,

die nach Johannes Ranke kein prähistorischer Zeichner je beachtet haben

sollte (!), sind zoologisch wie künstlerisch bis in jede Einzelheit der

Hufe am korrektesten wiedergegeben.

Zwei Rentiere aber, die mit einander zugekehrten Köpfen

freundnachbarlich weiden, sind nicht nur einzeln realistisch treu,

sondern als belebte Gruppe wirklich „lebendig“ herausgebracht; lebendig

im höchsten Kunstsinne, der mehr gibt, als bloß den Leib: der ein Stück

Seele mitfaßt. Kein modernes „Tierleben“ brauchte sich dieser Köpfe zu

schämen!

Menschenbilder sind nicht dabei. Doch erscheinen sehr deutlich kleine

Zelte, wohl die Sommer-Wigwams des Jägerstammes.

Ich klappe das Bilderbuch wieder zu. Schon hört man aus anderen

Gegenden Frankreichs von ähnlichen „illustrierten Höhlen“. Aus Spanien

ist bereits eine bekannt. Wer ahnt, wie viele wir jetzt noch finden

werden, da der Blick dafür geschärft ist, auf die Suche geht!

Wir stehen jedenfalls erst im Anfang der Veröffentlichungen,

wahrscheinlich erst auch in dem der Entdeckungen.

Wieder einmal erwächst vor uns das Unwahrscheinlichste als das Wahre:

die Mammut-Zeit in Bildern aus der Zeit.

Und wieder einmal erscheint der Mensch schließlich als das Größte in

allem. Ich frage mich: wo ist diese Größe auf ihrem Gipfel: bei ihm,

der schon als Mammut-Jäger diese Bilderchronik in die Wände enger

Höhlen grub -- oder bei ihm, der mit wissenschaftlicher Kenntnis von

diesem Mammut heute, nach vielen Jahrtausenden, in diese Höhlen dringt

und vor dem Bilde ruft: Das ist es!

Schließlich wird die Höhe doch bei +ihr+ liegen, der

Ewig-Proteischen, die in ihm damals war und heute ist, die in der Kunst

und im Menschen und im Mammut war.

Und wie ich mich in diese stille Höhle träume, wo das Licht der

Kerze auf den unberührten Bildern dieser unsagbar fern verschollenen

Kunststunde glänzt, ist es mir, als streife mich durch die heiße

Pfingstnacht der glühende Atem ihrer rastlosen Liebe, die unablässig

zeugt und zeugt durch die Äonen, -- die Goethe spürte, als er sang:

„In der Liebesnächte Kühlung,

Die dich zeugte, wo du zeugtest,

Überfällt dich fremde Fühlung,

Wenn die stille Kerze leuchtet.“

* * * * *

Stimmungen vor der Natur! An ihnen wird man einmal die Charakterköpfe

des neunzehnten Jahrhunderts messen. An ihrer Stellung zum Naturbegriff.

Ich habe Virchow eben mit meinen Gedanken gestreift. Das ist „auch

einer“.

„Indeß war ....“, so sagt einmal Goethe von irgend jemand, „bei all

seinen Verdiensten doch nur einer von den .... Köpfen, die +sich

mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fühlen+ und deßwegen

das komplizierte Paradoxe mehr als das einfache Wahre lieben und sich

am Irrtum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt, ihren Scharfsinn zu

zeigen, da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur,

nicht aber sich selbst zu ehren scheint.“ (Geschichte der Farbenlehre,

in der fünften Abteilung.)

Virchow war Naturforscher in jeder Faser. Aber er hatte +keine Freude

am Anschluß+.

Wie ist das möglich?

Das Wort ist neulich, bei seinem Tode, gefallen von einem „Zeitalter

Virchows“ in der Naturwissenschaft.

Solche Schlagworte sind immer schief, und sie werden schiefer, je näher

man der Arbeit unserer Zeit auf irgend einem Gebiete kommt.

Wenn man von einer Epoche Newtons oder Linnés spricht, so enthält das

schon eine große Ungerechtigkeit gegen gewaltige andere Geistestriebe,

die jene Zeiten im ganzen umfassen, die aber gerade von Newton oder

Linné selber keineswegs umfaßt wurden.

In der Naturforschung unserer Tage ist für die Linie, in der Virchows

Größe liegt, bestimmend, daß sie überhaupt nicht mehr bestimmt werden

kann durch einen einzelnen. Das Band der Methode, das alle Disziplinen

dort umgreift, ist längst gegeben und ist längst unpersönlich. Darüber

hinaus aber steckt die Kraft im Wirken unzähliger Persönlichkeiten, die

in einem weiten Spielraum so heterogen denken mögen wie nur möglich.

Trotzdem ist es interessant, sich einmal für einen Augenblick der

Fiktion hinzugeben, Virchow sei wirklich der einzige Naturforscher in

seiner Zeit gewesen. Wie würde diese Naturforschung der letzten sechzig

Jahre aussehen, angeschaut bloß in ihm?

Man kann die Fiktion ohnehin wagen für eine ganze Menge gebildeter

Leute, die tatsächlich in ihrem Leben keinen anderen Naturforscher

kennen gelernt haben als Virchow. Als Parlamentarier war er „der“

Naturforscher. Parlamentsberichte werden aber von einer Masse gelesen,

die sonst heute noch gar keine Fühlung mit der Naturforschung

besitzt. Und er hatte so noch etwa ein Dutzend anderer öffentlicher

Berufszweige, wo er redete, -- als Naturforscher, der er doch einmal

war, redete, und wieder von soundsovielen gehört werden mußte, auch als

Naturforscher gehört werden mußte, die sonst im weiten Bogen um alle

Naturwissenschaft herumgingen.

In einer Virchowschen Naturforschung würde zunächst hervortreten

der ungeheure Fleiß, die beispiellose Arbeitskraft in der rein

quantitativen Leistung.

Es liegt in dieser Arbeitskraft allgemein heute ein Dank von Seiten der

Methode: ohne die Stütze dieser fest überkommenen und, einmal erlernt,

ewig sich gleichbleibenden Methode wäre diese Ausnützung der Kraft in

der Naturforschung gar nicht möglich.

Aber Virchow war wirklich die Maximalgrenze.

Er arbeitete bis an die letzten Jahre heran (81 ist er geworden!)

wie eines jener prachtvollen astronomischen Instrumente der Neuzeit,

auf denen nie ein Stäubchen, ein Rostfleckchen denkbar ist, deren

Präzision auf Generationen gebaut scheint, blank, leuchtend über die

Köpfe von so und so viel einander ablösenden Sterblichen hinweg. Ein

solches Instrument kennt kein Zittern. Ein einziger Willensakt, der

die Richtung bestimmt: und es steht, es ist eingestellt, absolut

scharf, so weit sein Bau reicht, ohne jeden Zeitverlust des Suchens.

Genau so schoß Virchow auf die Dinge los. Ohne jede Nervosität, alle

vorhandenen Kräfte stets im Brennpunkt beisammen. Darum erschien seine

Leistungsfähigkeit oft noch viel imposanter, ja über die Grenze des

Menschlichen gedehnt, weil sie das Geheimnis besaß, keine Zeitverluste

mit verrechnen zu müssen.

Der zweite Punkt ist die Vielseitigkeit, die qualitative Ausdehnung.

Die gangbare Annahme ist, daß der Heraufgang der Naturforschung vom

Polyhistor zum Spezialisten führt. Eine Naturforschung Virchows hätte

dann die Stufe des Spezialistentums bereits wieder verlassen.

Er fing als Spezialist an, als Mediziner. Aber er brachte schon damals

zwei Gaben mit, die darüber hinauswiesen.

Er gründete eine Zeitschrift und wußte sie hochzubringen, natürlich

zunächst eine Fachzeitschrift.

Und er schrieb einen vornehm-wundervollen Stil. In Zeiten, da man

seine „Cellular-Pathologie“, in wenigen Jahren ein halbes Jahrhundert

alt, des veralteten Stoffes wegen nicht mehr als Lehrbuch benutzen

wird, wird man sie als klassisches Beispiel nehmen, wie ein Mediziner

schreiben soll, der außer dem menschlichen Körper die deutsche Sprache

kennt.

Daß ihn das tolle Jahr mitriß, will ich nicht unter besondere

Vielseitigkeit verrechnen, denn es hat überall bis in die

verknöchertsten Spezialistenkreise tatsächlich hineingeblasen.

Aber wie er in den sechziger Jahren sich dann in den preußischen

Parlamentarismus, in die politische Parteibildung mit all ihrem

Kleinwerk zäh hineinarbeitet, das ist im alten Spezialistensinne

entschieden nicht „naturwissenschaftlich“. Es ist mindestens eine

neue Auffassung von den Rechten, Pflichten und Möglichkeiten des

Naturforschers. Er hatte in der Pathologie das staatsbildende

Sozialleben der Zelle im menschlichen Gewebe als Spezialist zugrunde

gelegt, einen sensationellen Momentfortschritt damit anbahnend.

Aber daß er sich jetzt auch berufen fühlte, als Naturforscher in

den wirklichen Menschenstaat einzugreifen, das erschien den meisten

Kollegen als höchst überraschende Ablenkung vom gewohnten Pfad. Auch

ich wäge hier nicht Virchows politische Erfolge oder Mißerfolge; das

Wort mag die Partei sich wählen, die der Leser hochhält. Ich betone

nur, daß er in der Linie „seiner“ Naturforschung auch das Parlament

sah, wo die Naturgeschichte des Staates praktisch betrieben wurde.

Daß er in den Kriegsjahren im Sanitätswesen tatkräftig mithalf, wird

der gangbare Zünftler auch zugeben: war er doch eben von Haus aus Arzt.

Aber unerwarteter war wieder, daß er den Berliner Handwerkern

volkstümliche Vorträge hielt, daß er sich an der Herausgabe einer

gedruckten Sammlung solcher populärer wissenschaftlicher Vorlesungen

beteiligte, die wenigstens in ihren älteren Jahrgängen viel Gutes getan

und gebracht hat; daß er über Goethe als Naturforscher ein treffliches

Büchlein schrieb und über die Frauenfrage mitredete.

Und doch trat auch das alles zurück gegen seine größte Aufgabe, die er

sich freiwillig wählte und die er mit Energie so weit trieb, daß sie

fast wieder als ein Spezialismus erscheinen konnte, bloß einer, den

bisher niemand in der Naturforschung gesucht hatte.

Die Großstadt entstand bei uns.

Entstand um ihn her, der, obwohl Pommer von Geburt, aus Neigung und

Beruf eigentlich seit seiner Studienzeit und als Hochschullehrer dann

seit den Fünfzigerjahren in Berlin festwurzelte. Ein politisches

und wirtschaftliches Produkt war sie, diese neue Großstadt an der

Spree. Die meisten sahen sie mit einem Gemisch von Grauen und dunklen

Hoffnungen aufwachsen, doch zunächst jedenfalls als ein Phänomen, das

man hinnehmen und von dem man abwarten mußte, was es wollte.

Virchow sah vom ersten Tage die Großstadt an als ein

naturwissenschaftliches Problem!

In der Hand der Naturwissenschaft lag ihm, ob dieser werdende Koloß

eine Kloake werden sollte, vor der der Kleinstädter sich bekreuzte, --

oder eine sanitäre Musteranstalt.

In rastloser Arbeit hat Virchow seit den Sechzigerjahren diesen

Riesenorganismus studiert, hat seine leitenden „Nervenzellen“ beraten

zu Gunsten der Hygiene. Man muß sich an die Schwerfälligkeit eines

solchen Großstadtapparates mit all seinen Instanzen, zumal eines

unreifen, erinnern, um die Leistung zu verstehen. Man muß sich

erinnern, daß dieser junge Riese wieder eingezwängt lag in einem

noch größeren, viel älteren Organismus, dem Staat, und daß dieser

Staat geschichtlich sich aufgebaut hatte ohne Rücksicht auf eine

Naturforschung, ja ohne Kenntnis eines Naturforschers als Berater

-- in Zeiten, da der Naturforscher bei Hof oder in der Polizeistube

noch etwas vom Tropf, von der lächerlichen Lustspielfigur mit der

Botanisiertrommel hatte.

Man kann Virchows gesamte politische Erfolge von bestimmtem Parteiboden

aus als solche für ephemere Dinge ohne höheren Einsatz halten und

wird doch zugeben müssen, daß sie einen ganz durchschlagenden Gewinn

ergeben haben, wenn man Virchows politische Anteilnahme als nötige

Vorschule faßt für jene Kulturarbeit zum Wohle der Großstadt. Bei der

verwickelten Lage staatlicher Dinge von heute wäre er an die gar nicht

herangekommen, hätte er nicht dort sich Kenntnis über die Mittel und

Wege erworben.

Wer die Großstadt wirklich kennt, der verlangt keine kostspieligen

Denkmäler in ihr, dafür ist das Elend hinter den Coulissen zu

namenlos groß. Sonst würde ich sagen, Virchow verdiene ein Denkmal im

eigentlichsten Sinne von der „Großstadt“.

Es bedarf aber des Stückchens Marmor nicht: wer heute durch die

Berliner Straßen geht und an die Rinnsteine von ehemals, an die

Kanalisationen und Rieselfelder und Wasserleitungen von heute denkt,

ich meine, er riecht ordentlich den Geist Virchows und seiner

Mithelfer, und das ist ein feineres, vergeistigteres Monument des

„Naturforschers der Großstadt“.

Von der Zelle zur Großstadt! Dazwischen liegen zwei weite Strecken.

Nach alter Einteilung gehört die eine ganz der Naturforschung, die

andere ganz einem himmelweit verschiedenen Gebiet, nämlich der

Geschichte. Durch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herauf kommt

ein ganz eigenartiger Versuch: die Geschichte, wo nicht zu erobern,

doch zu erweitern durch die Naturwissenschaft.

An die heikle Stelle des Überganges jener beiden Streckenteile,

zwischen „Erdgeschichte“ und „Geschichte“, schob sich die

„prähistorische Wissenschaft“ in jedem Zuge von ihrer Begründung her

ein Kind der Naturwissenschaft, das diese zur Welt brachte zunächst

unter dem heftigsten Protest des offiziellen Geschichtsprofessors.

Und wieder ist es Virchow, der sich hier festsetzt, der, mag man

in hundert Einzelzügen mit ihm rechten, doch im Ganzen diese

prähistorische Zettelsammlung wirklich in eine „Wissenschaft“

verwandelt hat.

Die Stärkste seiner persönlichen Position dabei war, daß er das Wissen

besaß, um auf beiden Gebieten wirklich zu arbeiten, als Naturforscher

und als Historiker. In den rein naturwissenschaftlichen Teilen des

Gebietes suchte er immer einen Zweig zu bessern durch Verknüpfung mit

einem zweiten.

Er drang darauf, die Anthropologie aufzufrischen durch die Anatomie.

In der Rassenfrage drang er auf das Experiment, wozu wieder Statistik

nötig wurde, für die der Staat, die Schule heranmußten: der rein

philologisch gebildete Gymnasialdirektor sah sich plötzlich in diese

ganz neuen Forschungszweige mit hineingerissen, indem man ihm von

oben eine Tabelle über die Haarfarben und Augenfarben seiner Zöglinge

abverlangte; hinter dem „von oben“ stand aber Virchow.

Das prähistorische Material begutachtete er nicht bloß im Museum. Er

nahm die Schaufel zur Hand und grub selber aus.

So erschien er, immer pfeilschnell aufs klar vorbedachte Ziel

losstoßend, im Kaukasus, in Ägypten, auf dem Scherbenhügel von

Hissarlik in der Ebene von Troja. Er fühlte, bewährte, predigte

unaufhörlich, wo auf diesem vagen neuen Terrain der Fachmann zunächst

hingehöre: nicht in die Studierstube zum Grübeln über neue Theorien

vor ein paar von anderen hereingebrachten Fundstücken; sondern an die

Fundstelle selbst, damit der Fund selber im Moment seines Auftauchens

zunächst kritisch fixiert werde. Kaum, daß diese junge Wissenschaft da

war, so bewegte sich ihr schon nur zu gewaltsam ja das Terrain.

Eine Eisenbahnstrecke wurde gebaut: sie schnitt eine uralte Stätte

auf, wie etwa den Burgberg im Spreewald. In fliegender Hast galt es an

solchen Stellen einheimsen, die Zettel zu den Dingen schreiben. Für die

Theorien mochten Jahrhunderte folgen, Zeit genug. Aber all ihr Wert

hing unabänderlich ab von dem kleinen Zettel, den wir heute zu dem

Fundobjekt legen. Dieser Zettel mußte ein Meisterstück fachmännischer

Exaktheit sein -- und dann durfte er doch auch noch in gutem Deutsch

geschrieben sein; auf beides hielt Virchow.

Nun, es ist gesorgt, daß die Bäume in diesem defekten Leben nicht in

den Himmel wachsen.

Wenn man bloß auf diese Linien sieht, die sich noch um eine Menge

kleinerer Arabesken bereichern ließen, so erscheint es bedauerlich, daß

Virchow nicht wirklich seine Zeit in der Naturforschung ganz nach sich

bestimmte. In Wahrheit war er in den besten Zügen dieser Zeit voraus,

war der Pionier einer Naturforschung, wie sie allgemein erst kommen

soll.

Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite.

Eine Naturforschung Virchows würde dauernd und herrschend Züge

aufgewiesen haben, die ich wenigstens nicht im Antlitz der

„Naturforschung“ wünschte.

Jetzt, da er selbst fort ist, hat man allgemein auch in den Kreisen,

die ihm nicht als Partei gegenüberstanden, sondern seine Größe

einwandlos ehrten, eine Art Gefühl, als sei doch auch etwas wie ein

Hemmnis hingenommen. Es waren nicht allein die allgemeinen Spuren, wie

sie jede alternde Autorität zeigt, -- nach deren Scheiden die Jüngeren

immer von etwas Druck aufatmen, auch wenn der Mann dahinter noch so

bedeutend gewesen ist. Man empfindet, daß in der ganzen Methode hier

doch bei allem Vorbildlichen auch eine dauernde Fehlerquelle war.

Vielleicht ein kleiner Fehler nur in dem Ganzen des Mannes. Aber in

einer großen Gestalt, die stark auf ihre Zeit wirkt, pflegen kleine

Fehler grade in der Wirkung riesengroß zu werden.

Es war die Kehrseite von Virchows staunenswerter Vielseitigkeit, daß er

für gewisse Dinge so gut wie blind war, die doch überall ihm vor den

Füßen blühten.

Er achtete nicht auf gewisse Imponderabilien, die in der Naturforschung

so gut ihre Rolle spielen wie in jedem anderen großen menschlichen

Denkgebiet.

Was er errungen, dankte er einer eisernen Treue zu einer gewissen

Methode, einem unermüdlichen Fleiß, einer ewigen klaren Beherrschung

seiner selbst, einer fort und fort genährten „Klarheit“.

Die große Intuition, der Lichtblitz des Gedankens, der jäh über Weiten

zuckt, der Geist, der über den Wassern schwebt -- sie waren ihm fremd

und er haßte sie.

Er übersah, daß die größten Leistungen auch der Naturforschung hierher

stammen.

Er übersah, daß die Begeisterung aus dieser Quelle schöpft.

Er übersah, daß an dieser geheimnisvollen Stelle das unendliche Feld

naturwissenschaftlicher Tatsachen beständig strebt und streben muß,

sich zu einer einzigen Knospe zusammenzuschließen: aus dieser Knospe

aber bricht, was allein zuletzt die ganze unendliche Gärtnerarbeit

lohnt -- die Lotosblume einer +Weltanschauung+.

Seine Leistungen kamen nicht von hier. Die Begeisterung war ihm eine

lästige Trübung des kalten Forscherauges. Vor der Weltanschauung zuckte

er die Achseln. Er hatte ein unnachahmliches Gesicht zu solchen Worten.

Diese Skepsis sollte ihm selbst teuer zu stehen kommen.

Er, der sein Leben lang gegen Engen, Schranken, Abgrenzungen der

Geistesgebiete gegeneinander, partikularistischen Fachdünkel,

Autoritätsgelüste und reaktionäre Anwandlungen aller Art sachlich wie

ein Held angekämpft hatte mit einem völlig blanken Schilde --, er kam

in bestimmter Beleuchtung in eine ganz gegenteilige Position.

Es mischte sich da noch ein Zweites ein, das ebenfalls zur Kehrseite

der Medaille gehört.

Er war der Ansicht, daß die Naturforschung bald schon in ihre Epoche

trete, da sie die wahre Weltmacht im Denken der Menschheit wirklich

werde. Sie eroberte der Reihe nach alle Gebiete, wie sie die Großstadt

auf dem Wege einer verbesserten Kanalisation erobert hatte. Das war

sein Ideal, dem das Minimum von Begeisterung diente, dessen er fähig

war.

Aber dieses Ideal sah er nur erreichbar eben auf sehr nüchtern

praktischen Wegen, und er glaubte, seit er im politischen Getriebe

stand, etwas von diesen Wegen gelernt zu haben.

Sie forderten, daß man ein Geringes gab, um viel zu gewinnen.

Um ihre Mission zu erfüllen, mußte die Naturforschung sich in erster

Linie mit dem modernen Staat vertragen. Und eventuell dann auch mit

Mächten, die dieser Staat nicht von sich lösen wollte oder konnte --

wie der Kirche.

Das ging aber nicht ohne Konzessionen.

Gab man also als Ring des Polykrates etwas möglichst Entbehrliches!

Virchow zögerte keinen Augenblick mit dem Geständnis, wo das zu finden

sei: im Gebiet jener Imponderabilien!

Um der „Duldung“ der Naturwissenschaft willen gab er mit leichtester

Hand grade die Stellen preis, wo die moderne Naturforschung sich zur

Weltanschauung krystallisieren wollte.

Aus dieser Stimmung hat er gelegentlich gesagt, daß die „Tatsachen des

Bewußtseins“ vom Naturforscher ruhig preisgegeben werden dürften zum

beliebigen Gebrauch der „herrschenden Kirchen“.

Aus dieser Stimmung hat er die modernen Ideen über den natürlichen

Ursprung des Menschen, die unsere Weltanschauung so bis ins Innerste

aufrütteln müssen, mit einer Leichtigkeit durchstrichen und unter den

Tisch geworfen wie ein Papier, das jetzt nicht hierher gehört, daß

seine besten Mitstreiter sich verdutzt fragen mußten, ob der Mann denn

überhaupt noch für die Wahrheitsideale der Wissenschaft mitfechte.

Es war in der Tat derselbe Mann, der sich für die Wahrheit irgend einer

winzigen Bagatelle-Tatsache, einer Scherbe in einem Grabhügel etwa,

ganz unbedingt hätte verbrennen lassen wie Giordano Bruno -- und der

doch kaum glaublicherweise vor dem ganzen Begriff Weltanschauung eine

so wegwerfende Meinung zeigte, daß er dessen kostbarstes Material als

die einzige Scherbe nahm, die so wertlos sei, daß man sie dem Gegner

ganz ruhig hingeben könne, um nicht verbrannt zu werden.

Das Verhängnis -- man kann aber hier auch sagen: die Nemesis wollte,

daß in den späteren Zeiten seines langen Lebens gerade diese

ketzerischen, zu Weltanschauungsdingen durchaus +drängenden+

Menschheitsfragen sich ihm immer energischer gerade auf dem Gebiet

entgegenwarfen, wo er von allen Sachkundigen mit Recht als Meister,

ja als Altmeister und Bahnbrecher verehrt wurde, -- auf dem

prähistorischen Felde, bei Tertiär-Mensch und Mammut-Mensch. Es war das

fatalste Schauspiel gerade für solche, die jedes Wort aus seinem Munde

auf diesem seinem eigensten Ruf- und Ruhmgebiet durchaus gebührend

aufs Höchste zu achten gewohnt waren, wie er auch hier mit immer

gesteigerter Hartnäckigkeit seinen allgemeinen Ablehnungs-Standpunkt

in allen Detailfragen durchzuführen suchte, -- und wie er schließlich

Verwirrung in solche Fragen trug, bei denen schon viel mittelmäßigere

Köpfe doch die klare Linie gar nicht verfehlen +konnten+, --

er, der Meister der Klarheit und umsichtigen Kritik! Ich weiß wohl,

daß der Glaube noch weit verbreitet ist, Virchow habe in seinem

Kampf gegen den Neandertal-Menschen, den Tertiär-Menschen, den

Menschen als Mammutzeitgenossen und verwandte Fragen bis zu der

Allgemeinfrage der Verwandtschaft des Menschen mit den anatomisch

nächsten Säugetiergruppen, stets den Standpunkt der nüchtern-besonnenen

Kritik gegenüber der waghalsig schweifenden Hypothese vertreten.

Die Dinge lagen in Wahrheit aber bei +diesen+ Spezialfragen

genau umgekehrt. Virchow war es, der schließlich die verwickeltsten,

unwahrscheinlichsten Hypothesen aufeinandertürmte, um Dinge umzudeuten,

die vor der schlicht nüchternen Anschauung nur eine einzige gerade

und einfache Deutung zuließen. Seine Kritik des Neandertal-Schädels,

die heute als endgültig zurückgewiesen gelten kann, ist das

schlagendste Beispiel. Er hatte eben in diesen Dingen den schlichten

Standpunkt vollständig verloren. Er ließ sich an autoritativer

Stelle zu Aussprüchen hinreißen, die allen Elementarergebnissen der

vergleichenden Anatomie ins Gesicht schlugen, -- ein Anfänger, ein

Student, konnte ihn schließlich bei einzelnen Sätzen korrigieren.

Geister, die ihn intensiv liebten, mit ihm gern durch Dick und

Dünn gegangen wären, hat er zur Verzweiflung gebracht mit solchen

unberechenbaren Schachzügen.

Ich will hier ausdrücklich nicht in den Fehler verfallen, daß ich

Virchow deshalb wirklich eine reaktionäre Natur nenne. Das mögen andere

machen, denen es im Parteitreiben selber nicht um ein Wort zuviel zu

tun ist. Er war in einem einzigen Punkte -- nicht ein Reaktionär, aber

ein Diplomat.

Die große Wissenschaft jedoch kennt keine Diplomatie.

Ob die Naturforschung je in unserem Gesamtleben die führende

Rolle übernehmen wird, wie Virchow felsenfest geglaubt hat, sei

dahingestellt. Sicherlich wird sie es nur, wenn sie es je tut, in der

Form einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Aber ebenso sicher

ist, daß sie jetzt und jederzeit sich ihr eigenes Todesurteil fällt im

Moment, da sie Konzessionen macht an irgend eine Macht des Himmels und

der Erden außer ihr.

Virchow war groß genug, daß man ihm +das+ nachrufen kann. Er

hat genug geschaffen, was dauern wird. Gerade vor seinem Gesamtbilde

läßt sich ohne Bitterkeit aussprechen: daß ein Gedanke seines Lebens,

von anderen erfüllt, die Axt gelegt hätte an seine eigene große und

lichtbringende Arbeit, -- weil er nämlich die Axt gelegt hätte an den

Grundpfeiler unbeirrter Wahrheitsforschung.

... Nein, aus diesen entscheidenden Gründen wird man kein Zeitalter der

Naturwissenschaft benennen nach Virchow.

Er ist einer der stärksten Träger der Naturforschung in seiner Zeit

gewesen, sowohl was Arbeit wie was Ansehen betrifft. Aber er ist

+kein Förderer gewesen für uns im Naturbegriff+.

Und das gibt zuletzt reinlich den Ausschlag.

Man mag noch so eifrig versuchen, die Naturforschung bloß aufzubauen

auf den einsamen, voraussetzungslosen Imperativ des: Du sollst bloß

forschen über einzelne Kausalzusammenhänge der Erscheinungen in der

Natur, nichts weiter, -- es ist Deine Pflicht, -- weiter frage nicht,

.... es hilft schließlich alles nichts, wenn hinter diesem Imperativ

nicht auch der Sinn steht einer Weltanschauung, einer Auffassung von

dieser Natur, aus der alle freudige Arbeit ausfließt und in die alle

fruchtbare Arbeit wieder einfließt.

Auch hier, wenn je, gilt das alte Wort des Paulus: „... und hätte der

Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.“

Diese Liebe +kann+ immer nur aus einer großen, umfassenden

Anschauung der Dinge kommen, aus einer Ecke, wo den Menschen der

heilige Sturm anrauscht, der ihn über sich hinausführt in ein unendlich

Umfassenderes hinein, der ihm seine ganze kleine Person und ihre

Augenblicksinteressen und alle Mittelchen winziger Diplomatie zugleich

wegfegt wie dürre Spreu ...

Virchow selber war ja noch in sich getragen gleichsam von einem

Zehr-Kapital solcher Liebe aus einer älteren großen Epoche der

Naturauffassung, so wenig er es Wort haben wollte, -- in seiner

eigentlichen Forschung, zumal in den besten Jahren, atmete alles an ihm

unbewußt doch noch solche Kern-Liebe; ohne das hätte er überhaupt nie

schaffen können, was er positiv geschaffen hat. Aber eine Generation,

von ihm in seinen Grundsätze, wie er sie +bewußt+ verfocht,

erzogen, würde nichts mehr sein als eine Generation der „klingenden

Schelle“ in der Naturforschung.

Wenn ich auf die ganze philosophische Stimmung der Zeit sehe, in

der Virchow emporgestiegen ist, so meine ich ein tiefstes, von ihm

unabhängiges, aber ihn zwingendes Motiv zu gewahren, das in sein

Widerstreben gegen jede Weltanschauung, jede größere Naturauffassung

zweifellos mit hineingespielt hat und das durch persönliche

Fähigkeitsschranken bei ihm wohl nur unterstützt wurde.

Virchow gehörte der gleichen Denkgeneration an, wie Karl Vogt, wie so

viele andere bedeutende Naturforscher seiner Zeit, die +alle+ in

gewissen Zügen das gleiche Los gehabt haben.

Söhne und Enkel einer durch und durch idealistischen Generation,

Idealisten in jedem Zuge selbst, sahen sie sich in die Naturforschung

versetzt durch stärksten inneren Beruf -- und nun aber in dieser

Naturforschung sahen sie sich in eine Zeitströmung mechanistischer

Denkweise und Forschungsmethode hineingerissen, die jeden Anschluß zu

einer idealistischen Auffassung der Dinge verloren zu haben schien.

Es war das an und für sich ein philosophischer Irrweg, denn es gibt,

wie ich wenigstens fest glaube, eine Art des „Mechanismus“, die sich

durchaus mit einer idealistischen Weltanschauung verträgt. Aber

die Zeitmeinung war damals jedenfalls die genau entgegengesetzte.

Einerseits wurde die mechanistische Methode seltsamer Weise überhaupt

nicht mehr für „Philosophie“ gehalten, sondern sollte einfach identisch

sein mit exakter Naturforschung. Andererseits wurde diese von ihr

durchdrungene Naturforschung eben als „mechanistische“ doch ausgespielt

gegen jeden Idealismus der Welt- und Naturauffassung.

Eine ganze Reihe bester Köpfe dieser Virchowschen Generation ging, ich

möchte wohl sagen, philosophisch von Anfang an +unter+ in diesem

künstlichen Konflikt.

Ihr innerer intuitiver Idealismus, der als eine Art kategorischen

Imperativs in ihnen stand, fand keinen andern Rettungsausweg als den

Ruf: Nieder mit allem Nachdenken über den Naturbegriff! Fort mit aller

Weltanschauung! Nicht denken an das Verhältnis zwischen mechanistischer

Forschungsmethode mit lauter mechanistischen Ergebnissen und dem

Idealismus als Ur-Ansporn aller Wahrheitsforschung! Nicht rühren an

Philosophie, damit wir uns nicht den Widerspruch selber eingestehen

müssen!

Daher das unflätige Schimpfen auf jede Philosophie bei einem so feinen,

so liebenswürdigen, in jedem Betracht so geistreichen, so geistig

feinschmeckerischen Kopf wie Karl Vogt. Und daher das wunderliche

Diplomatenspiel in seiner einen Wurzel, seiner tiefsten am Ende doch,

auch bei Virchow.

Mit klaren Karten hätte sein Bekenntnis etwa gelautet: um in der

Naturforschung etwas zu leisten, brauchen wir mechanistische Methode,

aus dieser Methode resultiert als Weltanschauung ein toter Mechanismus

als Weltbild; mit dieser Weltanschauung verträgt sich unser Idealismus,

das eigentliche treibende Grundmotiv all’ unseres Arbeitens, also auch

des Naturforschens, nicht, also halten wir den Mund, sobald jemand von

Weltanschauung reden will; überlassen wir dieses ganze Feld lieber

offen solchen Mächten, wie der Kirche, -- ein Frieden, für den uns noch

obendrein der Staat lobt und durch seinen Schutz lohnt; mag +sie+

sich damit blamieren oder was sonst: -- besser immer, als wir sägen uns

selber den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Was Virchow +nicht+ fand -- und worin auch er in all’ seiner

Größe eben klein geblieben ist und nicht ein bahnbrechender König und

Meister im Gedankenleben seiner Zeit geworden ist: -- das war eine

wahre philosophische Versöhnung von Mechanismus und Idealismus, eine

wahre Brücke von den Resultaten objektiver Forschung zu den subjektiven

idealistischen Wurzeln und Motiven jeglicher Forschung eben auf Grund

einer noch umfassenderen, beides umfassenden philosophischen +Klärung

und Vertiefung des Naturbegriffs+.

Ein einzelner kann in sich Verstecken spielen ein Menschenleben lang.

Ganze Generationen vermögen das auf die Dauer nicht.

Jener innere Widerspruch, den Virchow mit einer verzwickten Stellung

hinter sich verdeckte, wird unserer Zeit jetzt schon allenthalben im

Ganzen +doch+ sichtbar.

Und je deutlicher sie ihn sieht, desto deutlicher wird ihr auch die

Forderung einer resoluten Lösung in jenem positiven Sinne, in ein Neues

hinein.

Dabei kann ihr eine Übergangsgestalt wie Virchow selbst natürlich

nichts mehr sagen.

Wir haben ganz und gar keine Lust, lieber in den wichtigsten Weltfragen

pro forma zum Kirchendogma zurückzukehren, bloß damit nicht offenbar

werde, daß unsere Forschung ein schwarzes Scheusal heimlich geboren

habe, das unserm Idealismus die Leber ausfrißt.

Wir wollen weder diesen Idealismus einbüßen, noch die Naturforschung

und ihre Ergebnisse.

Das +Wie+ ist eine +Forderung+.

Aber noch keine strebend sich bemühende Zeit ist daran gestorben,

daß sie eine große geistige Forderung hatte. Im Gegenteil. An faulen

Kompromissen und der lähmenden Behauptung des Dogmas, dem alle Fragen

Himmels und der Erden gelöst gelten, sind Zeiten versumpft und

versandet, -- noch nie an der steilen Größe ihrer Ideale.

* * * * *

Man kann nicht an Virchow denken, ohne daß dem Blick auch die andere

Gestalt aus der „Hochburg der Naturforschung Berlin“ vom letzten

Drittel des Jahrhunderts auftaucht: der alte Dubois.

So grundverschiedene Persönlichkeiten Emil Dubois-Reymond und

Rudolf Virchow waren -- der eine so ganz und gar „ohne Sinn für

Feierlichkeit“, wie Fontane sagte, in seinen Schwächen wie in seiner

Größe, der andere der geborene Feier-Redner, immer mit Pomp und auf

einem schweren Piedestal, schon als Lebender der eigenen Absicht nach

wie der Humboldt des Standbilds mit einem riesigen Marmorfolianten,

dem Welt-Gesetzbuch des Naturforschers, auf den Knieen --: in ihrer

Stellung zu der großen Herz-Frage der „Natur“ besaßen sie eine packende

Ähnlichkeit.

Beide waren Naturforscher ersten Ranges, was exakte Arbeit anbelangt:

Dubois in der Gesamtleistung wohl nicht annähernd so vielseitig, so

praktisch nachhaltig und so bahnbrechend wie Virchow, aber doch

intensiv immerhin genug für eine ganz hervorragende Stellung in der

Arbeit seines Jahrhunderts.

Beide waren zweifellos hingebende Idealisten in ihrem innersten Wesen.

Beide haben notwendig nach den größten Gesichtspunkten suchen müssen,

da sie beide den Naturforscher für den berufenen Führer der Zeit

hielten, in der aufsteigenden Naturforschung den Brennpunkt unserer

Kulturentwickelung sahen und beide dabei ein ungewöhnlich starkes

Gefühl für die +Breite+ dieser Kultur über die verschiedensten

Geistesgebiete fort besaßen.

Beide aber sind grade vor dem äußersten, dem höchsten Problem einem

seltsamen Schicksal verfallen.

Die Reaktion, die um jeden Preis von der ganzen Naturforschung

fortwollte, hat sich beider auf gewisser Höhe bemächtigt, um grade sie

als schärfsten Trumpf auszuspielen.

Und so wenig sie selber deshalb Reaktionäre waren, so logisch war doch

diese ungewollte Nachfolge.

Denn Dubois genau wie Virchow ist in der Formulierung und Deutung des

Naturbegriffs hoffnungslos stecken geblieben. Und je gebieterischer

die Zeit, die ja wirklich eine „Zeit der Naturforschung“ war, nach

einem Fortschritt, einer Hülfe, einer Klärung an dieser grundlegenden

Stelle verlangte, desto notwendiger mußte sie durch eine schiefe,

unbrauchbare, irre führende Definition und Auffassung gehemmt und ins

Ungewisse verstoßen werden. Das haben die reaktionären Verächter des

Wortes „Natur“ aber sofort klar herausgefunden.

In der Art, +wie+ beide ihre Stellung bewußt suchten und

zeigten, waren sie ja wieder grundverschieden. Sie waren da

temperamentsverschieden.

Virchow sprach sich eben zu den Grundfragen überhaupt nicht aus. Er

offenbarte seine Anschauung nur in einem konsequenten Verhalten. Es

steckte in dieser Art etwas Zähes, das Mundhalten, aber Handeln eines

verschlossenen, aber innerlich eisig klaren Diplomatenkopfs, das ihn

eben in seiner Art als Charaktertypus eines „Staatsmanns“ bestimmter

Schule (etwa im Ideal Rankes) erscheinen läßt, wenn man von der Sache

absieht und rein die Charaktersilhouette zu fassen sucht.

Dubois im Gegensatz dazu war eine viel naivere Natur. Er hatte einen

ganz bestimmten Form-Ehrgeiz, auch eine Art Form-Eitelkeit, kann

man sagen. In gewissem Reifestand spitzte sich ihm alles zu einem

großen Bonmot zu. Das mußte dann heraus, mußte in einer bengalischen

Beleuchtung heraus; bei sich behalten konnte er es nicht mehr, und wenn

es in die Welt sollte, so setzte bei ihm der Sporn ein, daß es nun auch

in einer verblüffend individuellen Fassung als „von ihm“ kam.

Dubois ging zeitlich genau parallel zu Virchow, und es ist also

kein Wunder, daß seine Denker-Bahn vor dem Naturbegriff in ihren

Voraussetzungen so gut wie genau gleich bei ihm eingestellt war.

Auch bei ihm erfolgt in den besten Jahren ein glattes Einlenken in rein

mechanistische Erklärungsversuche, -- ein Einlenken, das zunächst den

höchsten praktischen Erfolg hat, dem der Zeitgeist zujubelt und vor

dem es gar keinen Bruch, keine Haltstelle zu geben scheint. Trotzdem

aber kommt der innere Ruck, innere Chok, -- eines Tages, -- bei beiden.

Der Moment, da ihnen bei ihrer mechanistischen Naturähnlichkeit bange

wird. Und der Konflikt erwächst gerade aus der ehrlichsten eigenen

Hauptarbeit selbst.

Virchow hat auf der ersten Höhe seiner Bahn den glücklichen

Gedanken, auch im lebenden Organismus des Menschen den Begriff des

„Zellenstaates“ durchzuführen. Wie der tote menschliche Körper

sich anatomisch noch aus den im Mikroskop nachweisbaren einzelnen

Form-Elementen, den „Zellen“, zusammensetzt, so muß auch der

physiologische, der lebendige Mensch ein Produkt, ein Additionsexempel

der Funktionen dieser Millionen von einzelnen Zell-Leistungen sein. Der

Mensch ist ein „Zellenstaat“, sein Handeln die Summe der Leistungen der

einzelnen Staatsbürger, der Zellen.

Bis hierher war die Sache glatt. Man hatte im objektiven Bilde nur die

Zusammenarbeit all’ dieser Millionen subjektiver Zentren, der Zellen.

Aber nun ein Haken im Vergleich. Der aus so und so viel Bürgern

zusammengesetzte Staat hatte doch, gangbarer Auffassung nach,

deshalb noch nicht wieder ein Gesamt-Ich, ein Gesamt-Bewußtsein.

Der Zellenstaat „Mensch“ hatte das dagegen zu seinen Lebzeiten

unanzweifelbar. Gerade von diesem Gesamt-Ich gingen wir ja naiv

beständig aus, von seiner Einheit. Mein -- also etwa Virchows --

Bewußtsein, war dieses Gesamtbewußtsein über einer Pyramide von

Millionen Zellen.

Hier lag etwas Verzwicktes. Steckte doch etwas Falsches in den

Grunddefinitionen? Aber mit denen waren wir ja doch gerade praktisch so

weit gekommen, -- zu dieser Lehre vom Zellenstaat, die eine ganz neue

Pathologie verhieß!

Und Virchow machte seinen Salto mortale. Wir gehen ruhig in der

Bahn weiter. Die „Tatsachen des Bewußtseins“ aber lassen wir für

sich stehen, als existierten sie nicht. Damit sie möglichst aus dem

Versuchungsbereich des Naturforschers verschwinden, liefern wir sie

sogar gelegentlich, bei vorteilhaften Konzessionsmöglichkeiten,

willig ganz anderen, dem Naturforscher an sich gar nicht diskutabeln

„Geistesgebieten“ aus: der Theologie, der „herrschenden Kirche“, der

je nachdem kirchenfreundlichen „Staatsraison“. Je fester sie dort

einregistriert werden, desto sicherer sind wir sie nämlich los. Will

uns Einer in der Naturwissenschaft fortan von „Bewußtsein“ reden, so

rufen wir ihn einfach zur Ordnung wegen Grenzschmuggel, -- er bringe

uns Religion, Theologie, Kirche, Staat hinein; eine Diskussion über die

heikeln Punkte selbst schneiden wir so geschickt vorher ab.

Dem guten Glauben nach war dieser Kompromiß eine Rettung der Reinheit

des Forschungsfeldes für den Naturforscher. In Wahrheit war er der

endgültige Verzicht auf einen echten umfassenden Naturbegriff.

Ein Naturbegriff, bei dessen Definition das Bewußtsein über Bord flog,

als Dublette gewissermaßen verschachert wurde, war ja ein Hohn seiner

selbst. Mit vollem Recht mußte der Theologe alten Stils mit Lachen auf

ihn herabsehen, der er die Grunddinge unserer eigenen Persönlichkeit

aus seiner Anthropologie einfach fortließ.

Aber Virchow blieb ein Menschenalter lang zäh. Er hatte im Eigensten

seine Wegwende gehabt, wo es ihm geheißen hatte: jetzt mußt Du

weitergehen ohne Dich umzusehen; siehst Du Dich um, so versteinerst Du

zur Salzsäule wie Loths Weib; und die Handlung dünkte ihm fortan eine

Lebensaufgabe, die andern auch über diesen kritischen Punkt zu bringen.

Genau auf diesen Punkt aber geriet auf seiner Bahn parallel auch Dubois.

Seine Lösung war die vielberühmte ~Ignorabismus~-Rede.

Keine Handlung bei ihm, sondern eben eine Rede. Er wurde daran nicht

zum schweigenden Schulmeister, der die Zähne aufeinander biß und

handelte, ohrfeigte, lobte, alles aus dem Prinzip, das aber selbst

nicht gelehrt wurde. Er wurde zum Bekenner, der sein Glaubensbekenntnis

offen abgab, mit rednerisch betontem „Ich“.

Die Wirkung war aber ungefähr die gleiche. Denn der Inhalt hatte im

Innersten eine ganz frappante Ähnlichkeit.

Auch hier gab es, und zwar diesmal scharf ausgesprochen, eine

Bankerotterklärung.

Der Naturbegriff müßte, um ein Weltprinzip, die wahre Basis einer

Weltanschauung für uns zu werden, die Frage lösen: +wie Materie

denkt+?

Diese Frage aber, so bekennt Dubois, ist für uns +ewig unlösbar+!

Wir werden das nie begreifen. ~Ignorabimus!~

Die Gegner jubelten.

Also war es nichts mit dem Naturbegriff, mit der ganzen „Natur“! Der

Naturforscher verzichtete auf Weltanschauung. Denn eine Weltanschauung

muß, wenn sie nicht schon eine Lösung irgendwie besitzt, mindestens

doch die Möglichkeit einer solchen Lösung als Arbeitsprogramm

enthalten. Sie muß einem „immer strebenden Sichbemühen“ das Tor frei

lassen. Auf ~Ignoramus~ kann man noch eine Philosophie aufbauen.

Auf ~Ignorabimus~ nicht mehr. Vor ihm hebt sich jeder Wert des

Erkenntnissuchens selbst auf. Wo aber die Werte fortfallen, fällt nach

unerbittlichem praktischem Gesetz, in dem wir so sicher hängen wie im

Gravitationsgesetz, die Sache selbst dahin.

Und das sollte also Ergebnis des grandiosen Höhenfluges der

Naturforschung sein?

Dubois selbst hatte mit der Kirche gar keine Berührungspunkte. Er besaß

auch nicht die äußeren Konzessions-Neigungen des Politikers Virchow. Er

war Zeit seines Lebens nach dieser Seite ein unabhängiger Mann, trotzig

und mutig wie Tyndall, Huxley, Vogt. Sein Naturforscherstolz war so

hoch entwickelt, daß er ein Ding wie einen Theologen gar nicht mehr

unter sich sah, geschweige denn als Rivalen neben sich empfand. Auch

im Moment seines Bekenntnisses sah er sich ganz allein, oder höchstens

im engen Kreise einer Anzahl erster Naturforscher unter sich. Er, oder

wir, waren die Titanen, die den Kopf auf die Hand stützten, in das

schwarze Loch jenes bodenlosen Dilemma starrten und aus tiefster Brust

mit dem Donnerton unserer Stimme bekannten: „Es ist halt nichts. Wir

haben uns verrannt auf ewig.“

Aber wenn die Riesen sich klein machen -- das ist nun so -- dann

werden die Zwerge Riesen. Im Moment, da er sein Bekenntnis preisgab,

als Redner, der auch noch zu einem Bekenntnis der eigenen Ohnmacht den

Beifall für eine prächtige rednerische Wendung brauchte, -- in dem

Moment ragten die verachteten Theologen plötzlich wie die Pilze über

einen gestürzten Baumriesen hinweg, -- sie waren groß im Verhältnis zu

ihm und die Menge sah es und schloß danach.

Dubois kochte vor Wut, als ihm einmal einer vorwarf, er habe dem

Ultramontanismus in die Hände gearbeitet. Nein, es konnte keiner

dem Ultramontanismus innerlich ferner stehen als diese trotzigen

Naturforscher-Gestalten des 19. Jahrhunderts, zu denen Dubois in jeder

Faser gehörte.

Aber ich denke an Fechners schönes Bild von den Taten des Menschen,

die über seine leibliche Person hinaus selber einen neuen Leib bilden.

Der Tatenleib dieses Duboisschen Bekenntnisses war nicht mehr er

selbst, der stolze Physiker und Physiologe auf der Höhe seiner

Wissenschaft, führende Gestalt seiner Zeit im eigenen Glauben; er war

ein kleines gebrochenes Männchen mit den Zügen des Famulus Wagner,

der sich in seine Apotheke verschloß, wo man seine Kleinarbeit eben

duldete; die Faust-Fragen hatte er abgeschworen.

Der Naturforscher war in diesem Männlein wieder zum armen Handlanger

herabgesunken.

Man schickte zu ihm um ein Pülverchen, wenn man keinen Stuhlgang hatte.

Wer Auge in Auge mit den großen Weltfragen stand, der dachte nicht an

ihn, denn er wußte, daß seine Weisheit nicht über die Aufschrift auf

ein paar Dutzend Porzellankruken mit kleinen Hausmittelchen reichte. Er

mußte sich anderswo helfen.

Und wer schon die Natur aufgegeben hat, dem bleiben nicht +viele+

Wege. Die Klingel zum Pfarrer ist gleich nebenan. Und was der nun in

seinen Kruken hege: ~Ignorabimus~ steht gewiß nicht darauf.

.... Und dabei: -- was für ein schwacher Trugschluß bloß steckte auch

hinter diesem Abfall!

Ich kenne in der ganzen Geschichte der neueren Philosophie keine

so grobe Denkfalle, wie die, in die der große Beobachter und

Experimentator Dubois naiv hineingegangen ist.

Blättern wir, um dem Problem ins Herz zu schauen, noch um eine Gestalt

zeitlich zurück.

-- -- --

Was ist das Leben?

Vor der Glasveranda, in der ich sitze, fluten die goldgrünen Wiesen

weit hinaus. Sie branden endlich mit einem krausen, wulstigen Waldsaum

vor einer ungeheuren, tiefblauen Mauer der Kammwand des Riesengebirges.

Mitten im Wiesengrunde hebt sich winzig, aber blendend weiß, eine

ländliche Kirche mit spitzem Turm herauf.

Und ganz vorn, in der ersten Wiese, steht eine alte Frau und mäht mit

sehnigem Armstoß die hohen blauen Glockenblumen um, Stoß um Stoß.

Ich sage mir, daß dieses ganze schöne Bild, diese Farben, diese

wundervolle Gebirgslinie in diesem Moment in einem tiefen, rätselvollen

Zauberbrunnen der Natur schwimmen: meinem lebenden Auge.

Was lebt da?

Und ich sage mir, daß der kleine weiße Spitzturm dort drüben eigentlich

nur das Fragezeichen, das uralte Fragezeichen der Jahrtausende hinter

jenem Satze markiert.

Es ist gewiß einer der wenigen abstrakten Sätze, die in irgend einem

Sinne auch jene schlichte Bauernalte hier vor ihrer Sichel über den

Glockenblumen begreifen würde -- nicht physiologisch, aber aus einer

eisernen Erfahrung von sechzig Lebensjahren voll unzähliger verworrener

Dinge ohne Antwort.

Nur den Titel des Buches verstände sie eben nicht, in dem ich gerade

geblättert habe. Und wie viele verstehen ihn nicht in unserer Zeit, die

mit Bildung prunkt.

Es ist hundert Jahre rund her, daß der Mann geboren worden ist, der auf

dem alten schlechten Löschpapier des Titelblattes aus den Dreißigen des

neunzehnten Jahrhunderts steht: der „Dr. Johannes Müller, ordentlicher

öffentlicher Professor der Anatomie und Physiologie an der Königl.

Friedrich-Wilhelms-Universität und an der Königl. medizin.-chirurg.

Militär-Akademie in Berlin“. Es ist sein „Handbuch der Physiologie des

Menschen für Vorlesungen“. Gedruckt in seiner Vaterstadt Koblenz. Mir

sind zufällig zwei Auflagen zur Hand: auf der vierten von 1844 ist er

schon Geheimer Medizinal-Rat, vierzehn Jahre später war er schon tot,

hingemäht von einer Krisis des allzu intensiven Lebens.

Auch der Mann hat an dem Problem gerüttelt, ist mit dem Kopf gegen das

Fragezeichen gerannt.

An Johannes Müller muß man sich zuerst einen Augenblick klar erinnern,

wenn man die Absturzstelle finden will, von der Dubois in sein

„~Ignorabimus~“ +fiel+. Es schadet aber heute überhaupt

nichts, einen Moment bei ihm stehen zu bleiben.

Wenn man aus der Perspektive jetzt von hundert Jahren auf Johannes

Müller schaut, so meint man wohl, man könne ihn gar nicht mehr allein

sehen. Er erscheint in einem Gedränge, nur einen Kopf hoch vorragend,

wie die großen Männer auf offiziellen Treppenhaus-Dekorationen, die

gerade so weit vorkommen, daß man noch den Orden ~Pour le mérite~

unter der Halsbinde sieht. Er war das Haupt einer Schule, und das

Charakteristische dieser Schule war, daß die Besten darin doch so auf

eigene Façon selig und berühmt wurden, daß man sie nicht als Schüler

zu verrechnen pflegt. Neben Dubois gehörte Haeckel dazu. Ein dritter,

Schwann, entdeckte in seinen Arbeitsräumen die tierische Zelle, eine

Leistung, nach der man die ganze Physiologie des 19. Jahrhunderts

allein benennen könnte, wenn eine einzelne Entdeckertat den Ausschlag

geben soll.

In unsagbar armseligen Räumen, bei einem Assistentengehalt zum

Verhungern.

Aber es war noch die große Zeit, wo die Leistungen wirklich genau im

umgekehrten Verhältnis zu Größe und Prunk der Institute standen, wie

Haeckel es gelegentlich ausgedrückt hat. Bei Claude Bernard in Paris

sah es noch schlimmer aus.

Nimmt man hinzu, daß Müllers dauerndstes Werk ein zusammenfassendes,

rückschauendes Kompendium seiner Wissenschaft war, so könnte man

versucht sein, ihn bloß für eine Übergangsgestalt zu halten, wie sie

in der offiziellen Geschichte der Wissenschaften imponierende Namen

bewahren, als Vermittler wirklich viel getan haben, aber für die

eigentlich geistige Innenlinie doch zurücktreten. Das trifft aber hier

gerade den Kern nicht.

Johannes Müller war seiner echtesten Art nach ein durchaus einsamer

Mensch. Ein einsamer Kämpfer, Auge in Auge bloß für sich mit dem großen

Rätsel. Seine Wissenschaft, die Wissenschaft vom Leben, war ihm nicht

ein Paragraph, den man elegant weiter gab, sondern dieses Rätsel.

Es ist merkwürdig, wie einstimmig seine großen Schüler ihn alle gelobt

haben, von den verschiedensten Richtungen aus. Das gibt immer eine

starke Wahrscheinlichkeit dafür, daß, streng genommen, keiner mit ihm

intim geworden ist; dauernde Bewunderer finden nur Menschen, deren

Größe etwas Einsames, einen Grund von Undurchdringlichem besessen hat,

der der Auflösung, der Gewöhnung, dem Banalwerden trotzt. Inmitten der

unbegrenzten Achtung wird von seinem dämonischen Blick erzählt, den

niemand ertrug, vor dem die jungen Studenten sich fürchteten. Es war

der Blick des Adepten, des Gezeichneten für die Einsamkeit.

Solche intensiven, vom Rätselhaften der Welt faszinierten

Einsamkeitsdenker sind allemal Weltanschauungsfiguren ihres

Jahrhunderts -- viel mehr als Lehrer oder auch als Spezialforscher.

Das Wissen vom Leben war und ist eine Weltanschauungsfrage. Um die

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Johannes Müller der unbestritten

gründlichste Denker über das Leben. Er war nicht ein Physiologe,

sondern der Physiologe seiner Zeit. Ganz scharf kennzeichnet sich die

Epoche, die sein Name beherrscht, in der Geschichte des menschlichen

Denkens, scharf wie wenige.

Mit „Natur“ als Losungswort hatte das Jahrhundert schon eingesetzt.

Aber es kam zuerst in der Zusammensetzung „Natur-Philosophie“. Das

Abendrot der großen idealistischen, ästhetisierenden Denkperiode, die

tief ins achtzehnte Jahrhundert zurückreicht, flammte darin um das neue

Wort.

Dann wenden sich die Dinge. Es beginnt die umgekehrt scharf

realistische Periode. Zunächst mit einem bleiernen, kreidigen

Morgenvorschein. In ihm prägt sich das Wort um in „Natur-Wissenschaft“.

Auf der Wende dieser beiden Perioden aber steht vor dem Begriffe

„Leben“ Johannes Müller.

Das Typische in ihm ist, daß er seiner Liebe nach noch ganz

Naturphilosoph der Hegel-Schelling-Fichte-Schillerschen Epoche war. Er

wollte dieser Naturphilosophie in der Physiologie bloß einen besseren,

einen dauerhafteren Untergrund bauen. Als der Neubau aber dastand, war

er für die ganze junge Generation, die sich plötzlich unter ihm sah,

ganz etwas anderes als bloß ein neues Fundament.

Das ganze Abendrot schien hinter ihm untergegangen: gerade sein

Schatten selbst aber erzeugte nach vorne in voller Kraft jenes neue

kreidige, unbestimmte Dämmerlicht eines kühlen Frühmorgens.

Müller war seinem innerlichen Ausgangspunkte, seinem Temperamentspunkte

nach noch eine durch und durch religiöse Natur.

Er glaubte an Zwecke, Ziele in der Welt, an einen Sinn der Welt. Die

Teleologie steckte seinem Denken im Blut ohne Hehl.

Aber ebenso konsequent neigte er von Anfang an dazu, diese Zwecke,

Ziele, diesen ganzen „Sinn“ für eine wissenschaftliche Betrachtung

+innerhalb+ des +naturgesetzlichen+ Zusammenhanges der Welt

zu suchen, oder eigentlich noch besser gesagt: identisch damit. Alles

war kausal verknüpft. Aber diese Reihe der Kausalität war von Anfang an

so gelegt, daß ein Ziel, ein Sinn schließlich herauskamen. Teleologie

und Kausalität lagen sich nicht in den Haaren, sondern standen vor

genau der gleichen Sachfolge. Die kausale Betrachtung sah bloß auf die

Art der Verknüpfung, die teleologische auf das Endergebnis. Mochte

man nun im praktischen Bedarf die Teleologie mehr der Philosophie

überantworten und die exakte Naturforschung enger auf die rein kausale

Schau einstellen: das war eine Bequemlichkeitsfrage menschlicher

Arbeitsteilung -- für Müller selbst bedeutete es jedenfalls keinen

ernsthaften Riß.

So weit seine verwickelte Persönlichkeit überhaupt durchsichtig ist,

ist auch diese idealistische Stellung zu den Dingen bei ihm klar.

Und mit solchen Gesinnungen betrat er nun sein Spezialgebiet, -- das

Leben.

Herrschend auf diesem Boden fand er den Begriff der „Lebenskraft“. Der

ganze Johannes Müller als Physiologe taucht auf, wenn man dieses Wort

ausspricht.

Das ungefähr war das Dogma der Physiologie, wie er es erhielt: zwischen

dem Lebendigen und Toten gähnt eine unüberbrückbare Kluft; im Bereich

des Leblosen herrschen die Kräfte der Chemie und Physik; im Lebendigen

gelten diese zwar auch, aber über ihnen steht noch ein Geheimprinzip,

das sie meistert, ein Genius, dem sie untertan sind; und diesem

Prinzip wird das eigentlich Merkwürdige des „Lebens“ verdankt; geben

wir ihm also danach seinen Namen: -- die „Lebenskraft“. Im Büchlein

vom „Rhodischen Genius“ hat der junge Alexander von Humboldt (noch

in Schillers „Horen“!) die Lebenskraft geradezu so als persönlichen

„Genius“ geschildert, der die chemisch-physikalischen Kräfte in

Sklavenfesseln hält, so lange der Organismus „lebt“. Stirbt der Genius,

so fallen die entfesselten rohen Kräfte über den toten Leib her.

Im Grunde war diese Lebenskraft, wie sie Müller erhielt, ein Knäuel

teils sich klärender, teils aber auch noch hochgradig unklarer

Definitionen und Auffassungen. Subjektive und objektive Anschauung,

Seelisches und Mechanisches, Innen und Außen, Zweck und Folge, freier

Wille und kausal gebundene Kraft, alles Mögliche und Unmögliche war in

den Winkel dieses Wortes zusammengekehrt. Es schien fast eine Forderung

über Menschenkraft, aus diesem Wirrwarr praktisch aufzutauchen, das nur

geschichtlich zu begreifen war.

Nun, Müller acceptierte zunächst ruhig das Wort. Was an ihm

naturphilosophisch etwa im Sinne der Schellingschen Epoche war,

schreckte ihn, den Naturphilosophen aus Neigung, ganz und gar nicht.

Kaum einer hat in dieser Hinsicht die Lebenskraft „mystischer“ gefaßt,

als grade er. Als ein unbewußt zweckmäßig schaffendes, dämonisches

Grundprinzip der lebendigen Natur erschien sie ihm, mit dem wir

bei dem absolut Geheimnisvollen standen, das selber überhaupt keine

Diskussion vom exakten Boden aus zuließ. Den leibhaftigen Finger Gottes

glaubt man manchmal aus seinen Definitionen herauslangen zu sehen.

Und doch machte er eine einzige, eine scheinbar ganz kleine Konzession,

eine kleine Bedingung, die aber eigentlich die ganze Schlachtlinie

veränderte.

Lebens-+Kraft+ lautete das Wort. Das Leben sollte etwas sein, was

über den gewöhnlichen Kräften der Chemie und Physik stand. Aber indem

man den Lebensgenius auch selber grade „Lebens+kraft+“ taufte,

hatte man ganz in der Stille dabei ihm doch schon ein eigentümliches

Röcklein angetan. Man hatte dem Leben eben doch auch schon mitten in

allen mystischen Definitionen selber einen gewissen Charakter einer

„Kraft“ beigelegt. Mochte es eine „besondere“ Kraft sein. Eine Kraft,

die stärker war als alle anderen, eine wahrhafte Meisterkraft. Es blieb

die Definition als irgend eine Sorte doch auch von „Kraft“, also im

Sinne bloß eines Gradunterschiedes.

Mochten die Erfinder des Wortes über die Kraftdefinition hinweg

noch so viel Apartes an geistigen Werten hineingebraut haben: das

Wort bewies, daß sie doch nach einer Seite im Innersten schon mit

dem Zuge der Zeit gegangen waren, -- einer Zeit, die dem einfachen

mechanischen Kraftbegriff täglich mehr technische Triumphe und logische

Vereinfachungen auf allen Wissensgebieten verdankte.

Ganz still steckte, halb unbewußt, der Wunsch schon in dem Worte, mit

dem einfachen objektiven mechanischen Kraftbegriff halt doch auch

ins Leben selber hineinzuarbeiten, -- gewisse Vorgänge dieses Lebens

aufzulösen in eine letzte, oberste „Kraft“, die zwar scheinbar über

allen gewöhnlichen Physikkräften stand, aber in Wahrheit die Teufel

doch nur austrieb durch Beelzebub, der Teufel Obersten, -- eben als

Lebenskraft.

Und ohne nun in das Gewebe der Grunddefinitionen selber von hier

weiter einzudringen, zog doch Müller eine wirklich sehr einfache

Wort-Konsequenz.

Die sichtbaren Äußerungen der Lebenskraft, meint er, treten uns

wissenschaftlich exakt doch immer nur wieder in echten mechanischen

Wirkungen vor Augen, bei deren Beschreibung wir keinen Moment die

Sphäre der anderen exakten Wissenschaften zu verlassen brauchen. Und

die einfachste, zweckmäßigste Methode der Forschung bleibt also auch

in der Physiologie die, daß man als das Wahrscheinliche zunächst

stets einen rein mechanischen Sachverhalt im gleichen Sinne wie bei

den Gesetzen der Chemie und Physik annimmt und alle Experimente, alle

Hypothesen auf ihn allein einstellt.

Wo es galt, Schüler nicht für allgemeine Naturphilosophie, sondern im

Laboratorium für die schlichte praktische Arbeit zu erziehen, da hat

Müller stets für diese Konsequenz erzogen.

Einer der „hellsten“ dieser Schüler war aber Emil Dubois-Reymond.

Und seine erste große, an biologische Probleme höherer Ordnung rührende

Tat war, daß dieser Dubois als so erzogener Müller-Schüler noch einen

Schritt in der Konsequenz weiter tat.

Er unterfing sich zu sagen: für diese exakte Arbeit, die nur einfache

mechanische Reihen sucht, ist die Hypothese einer besonderen

Lebenskraft sogar als solche auch noch entbehrlich. Es genügen als

Voraussetzung zunächst die bereits bekannten Naturkräfte der Physik.

Dubois versuchte in einem Einzelfall mit großem Glück den Nachweis,

wie man selbst in der Lehre vom lebendigen Nerv -- die Dinge rein

mechanisch immer angesehen -- glatt so durchkomme.

Und Müller lebte noch, als man schon hören konnte: der junge Dubois

habe die ganze berüchtigte Lebenskraft endgültig ausgeschaltet.

Ja, als „Kraft“ neben der „Kraft“! Im Grunde hatte Dubois nur eine

letzte Unklarheit aufgehoben. Die Physik war die Lehre von der

„Kraft“. Was im Leben als Kraftwirkung definierbar war, das gehörte

also folgerichtig zu ihr von Anfang an. Die Physiologie, soweit sie

Lehre von Kräften war, mechanischen Kräften, konnte ~eo ipso~

nur ein Zweig der Physik sein. Die „Lebenskraft“ war nichts anderes,

als der Komplex physikalischer Bedingungen, die Physik des Lebens.

Und damit war sie allerdings in ihrer alten Sonderrolle gleichzeitig

mediatisiert, war, streng genommen, beseitigt eben dadurch, daß die

Silbe „Kraft“ in ihrem Namen endgültig +ernst+ genommen wurde.

Bis hierher ist in der Linie von Müller zu Dubois alles logisch

reinlich.

Nun kam aber bei Dubois eine weitere Linie ins Gewebe, die nicht über

Müller lief.

Mit seiner ganzen jüngeren Generation segelte er naiv in ein

Fahrwasser, wohin sich Müller niemals gewagt hätte. Es hieß

plötzlich: Kraft ist das Generalwort der ganzen „Natur“. Es ist ihre

Grunddefinition. Natur ist gleich Kraft. Alle Naturforschung ist bloß

Feststellung von Kraftwirkungen. Es gibt in der Natur nichts als Kraft.

„Kraft und Stoff“ sagte man gewöhnlich, oder auch einfach Materie;

das floß zusammen in kleinen Definitionsschwankungen ohne Belang.

Jedenfalls war für diese Behauptungen Dubois’ Tat noch eine ganz

andere, mußte eine ganz andere sein. Er hatte ihr auch noch das Stück

Natur, das wir „Leben“ nannten, für die Allmacht der Kraft, der rein

kraftbewegten Materie erobert. Man pries ihn, daß er geradezu den Ring

geschlossen habe.

Und er ging zuerst im vollen Eifer mit. Es gab nichts im Felde des

Naturforschers als Kraft und Stoff, in schärfster Definition bloß Kraft

schlechthin, -- wie sollte er das nicht anerkennen, den man als den

Ritter Georg des mystischen Prinzips in der Lebenskraft ehrte, der der

Physik endgültig das Tor auch des Lebens aufgetan!

Und doch. Auch dieser Mann griff sich eines Tages an die Stirn. Alte

Reminiszenzen erwachten.

Die „Lebenskraft“, wie sie Müller lehrte, hatte ja doch noch etwas

+mehr+ umfaßt.

Auch die Tatsachen der Empfindung, des Bewußtseins!

Nicht bloß das: „Es schwingt etwas mechanisch rechts oder links“;

sondern auch „Ich rieche Rosenduft; ich sehe Rosenrot; ich denke Rose.“

Wo war das jetzt?

Die ganze „Natur“ war bloß Materie. Die Definition dieser Materie

sprach bloß von Kräften, Schwingungen, mechanischen Ketten. Auch die

lebenden Wesen steckten als Natur in dieser Definition. Von Empfinden,

von Denken aber war schlechterdings nichts in der Definition gegeben.

Keine Brücke führte von „Es schwingt so oder so“ zu: „Ich denke.“ Dort

war ~A~ = ~A~. Hier ~B~ = ~B~. Aber niemals wurde ~A~ = ~B~. Und nun

diese grenzenlose Kalamität: wir +dachten doch+ ....! „Und dennoch

spukt’s in Tegel,“ heißt es im Faust.

An dieser Stelle kommt Dubois’ Saltomortale. Die Natur ist nur Materie.

Wir sind Natur. Folglich nur Materie. Materie denkt nicht. Wir denken.

Folglich ist hier ~A~ nicht gleich ~A~. ~A~ = ~A~ ist aber der

Grundsatz aller Logik, alles Erkennens. Er liegt hier „unter den Hufen

der Pferde“. Das kann kein Menschenverstand mehr lösen. ~Ignorabimus!~

Unsere Weltdefinition führt auf Ignorabimus. Folglich sind wir große

tragische Nichtweiterkönner, die sich mit Stoizismus, grandios

deklamierend wie Shakespearesche Helden in ihren Gedanken-Dolch stürzen

müssen.

Oder, sagt der Herr Pfarrer, Euer ganzes Naturforschen ist Dunst, mit

Eurer „Natur“ ist es trotz aller Worte nichts, werft die Natur über

Bord, mit der Euch nur der Teufel narrt, und kommt zu -- Mir.

Es gibt eine +noch viel einfachere+ Antwort.

Eure Natur-Definition ist falsch. Natur ist nicht Materie ohne Denken

-- und, weil doch in ihr gedacht wird, ist nicht ~A~ gleich nicht

~A~ und damit der Unsinn Weltregent.

Ihr definiert erst und vergeßt dabei. Alles ist Kraft und Stoff.

Das Empfinden ist vergessen worden. Und nun fällt euch ein. Es gibt

doch Empfinden! Aber von Kraft zu Empfinden ist keine Brücke. Und

nun korrigiert ihr nicht die Ur-Definition, sondern ihr verkündet:

~Ignorabimus~. Was ist das für eine Manier!

Ich sehe einen Vogel und erkenne, er hat einen Kopf und einen Schwanz.

Ich sage: ein Vogel ist ein Ding, das aus Kopf und Schwanz besteht. Nun

schaue ich durchs Fernrohr und sehe, er hat auch noch Beine. Wie ist

das möglich, sage ich? Ein Vogel hat nur Kopf und Schwanz. Ein Ding,

das bloß Kopf und Schwanz hat, kann nicht Beine haben. Und doch ist

es dasselbe Ding. Hier ist dasselbe also nicht dasselbe. Das ist der

Bankerott der Logik. Das werden wir nie begreifen. ~Ignorabimus.~

Gewiß werden wir nie begreifen, wie eine nicht als subjektiv

empfindend, sondern bloß als objektive Kraftwelle definierte Materie

empfinden und denken kann! Wir werden es so wenig begreifen, wie wir je

begreifen werden, daß blau rot ist oder zweimal zwei fünf.

Wenn ich die Tatsachen des Bewußtseins ausschließe aus meiner

Generaldefinition der Natur, kann ich natürlich nicht nachher

verlangen, sie darin wiederzufinden, außer durch ein Wunder, das die

Logik durchbricht. Und wenn ich unsere ganze Naturforschung (mit

Recht) auf der Logik aufbaue, so kann ich +dann+ allerdings nicht

verlangen, daß sie je an dieses Problem außerhalb der Logik heranreiche.

Damit sind aber die ganzen Tatsachen des Subjektiven, des Empfindens

und Bewußtwerdens, dieser Naturforschung entrückt.

Wir stehen im Grunde an der gleichen Stelle wie bei Virchow.

Auf der einen Seite fragt sich, wem dieses ungeheure, uns selber

allenthalben zunächst angehende „außernaturwissenschaftliche“ Feld denn

in der geistigen Arbeitsteilung ausgeliefert werden soll.

Auf der andern Seite ist fest damit ausgemacht, daß die Naturerkenntnis

uns +niemals+ zu einer +Welt+anschauung führen kann, denn mit

einer solchen Lücke umfaßt und deutet man keine „Welt“.

Virchow für sein Teil entschied die erste Frage durch Auslieferung

des ganzen Bewußtseinsgebiets an „herrschende“ Mächte wie Kirche und

Staat zu beliebigem Gebrauch; die zweite durch eine tatsächliche

Achterklärung über jedes Reden von Weltanschauung innerhalb der

Naturforschung. Dubois ließ es bei der heroischen Bekennerstellung,

dem an sich vollkommen ehrlichen „Hier stehe ich, ich kann nicht

anders“ bewenden, konnte aber nicht hindern, daß die Gegner jedes

Versuchs eines naturwissenschaftlichen Weltbildes an Stelle des

alten kirchlichen sein Bekenntnis nur noch energischer und extremer

ausnutzten und ausnutzen in jenem +reaktionären+ Sinne einer

Umkehr zum Kirchendogma und einer Bankerotterklärung jeder echten

Weltanschauung auf dem Wege der Naturforschung und Naturerkenntnis.

-- -- --

So stehen diese beiden großen Gestalten im Ausgang des 19. Jahrhunderts

vor uns als Exempel schließlich des gleichen Irrweges.

Beide sind gescheitert im Experiment einer idealistischen

Natur-Definition, mit der der +ganze+ Mensch mit all seinem

Können und Sehnen wieder leben könnte, und beide haben letzten

Endes nur fortgelenkt von dem großen Ziel einer wirklich positiven

Natur-Anschauung als der neuen, uns alle wieder erfüllenden und

befriedigenden Welt-Anschauung.

Lassen wir es uns noch einmal fest gesagt sein: es +ist nichts+

mit einer solchen Weltanschauung, solange wir beständig uns etwas

+abziehen+ sollen.

Nie und nimmer kommen wir mit der „Natur“ zu einer Weltanschauung, wenn

wir die Menschen erst gewöhnen wollen, etwas +aufzugeben+, sich an

etwas Halbes, Lückenhaftes, Fragmentarisches anzupassen.

Eine neue Weltanschauung kann immer nur siegen, indem sie +etwas

mehr+ gibt, als alle früheren, indem sie sie alle umgreift und

überbietet.

Das ist der verhängnisvolle Irrtum, der uns aus den negativen Kämpfen

gegen das Alte heute noch nachschleift: daß wir fortan in einer

kahleren, einer kälteren, einer selber vom Negativen allenthalben

eroberten Weltanschauung hausen sollten.

Gewiß: wenn wir in ihren Mittelpunkt ein +Stück+ Natur bloß

setzen, ein abgezehrtes Gerippstück, gewonnen durch lauter Abzüge,

anstatt des Ganzen, was das Wort geben kann und geben soll, dann ist

davor kein Ausweg. Der Begriff Natur muß aber für alles Wohnungen

haben, was uns bewegt.

Denn unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse sind nicht verändert, nicht

plötzlich tot.

Einerlei woher wir stammen: wir +sind+ Menschen. Kunst, Sitte,

Liebe, Ideale -- das alles +ist+, so gut wie Logik ist.

Und wem Du die Welt deuten willst, seine Welt, -- dem darfst Du

nicht beliebig bald das, bald jenes herauswerfen auf Grund eines

Prokrusteswortes „Natur“.

Dieses Wort, wenn es ganz decken soll, mußt Du auch dem Ganzen wirklich

anpassen.

Das Subjektive und das Objektive muß hinein, das konventionelle

„Wirkliche“ und die ständige Möglichkeit des Elementaren, das Jetzt und

das Empor, das Unvollkommene und der ewige Harmonien-Weg, die Stufe und

das Ideal, die Folge und der Sinn, der Mensch, der aus glühenden Sonnen

des Alls sich entwickelt hat und der sich fortentwickelt auf Sonnen des

Denkens, des höheren Zwecksetzens, des Weltordnens und Weltgenießens,

des künstlerischen Harmonienschaffens zu.

Wirf das alles über Bord, stelle Dich auf einen großen Sandhaufen,

sage: in diesem Sande liegen pulverisiert alle Säulen und Statuen

Griechenlands, und predige dann von diesem neuen Offenbarungshügel

unter den kalten Sternen als Deine Bergpredigt: ~Ignorabimus~.

Du wirst weit kommen.

Der ärmste Mensch, der auch nur eine einzige tiefe Stunde des

Innenlebens gehabt hat, da das Elementarische der Dinge auch durch ihn

gegangen ist -- in irgend einer Form, als Liebe oder Kunstintuition

oder Idealschau oder dämonisches Schicksal: -- er wird lachen über Dich

mit all Deinen Sonnen.

Wenn Du es aber fertig bekommst, ihm in diese Stunde +auch+ noch

die Sonnen des Firmaments hineinglühen zu lassen, ihm die goldenen

Fäden der Entwickelung zu zeigen, die sich von denen spinnen bis

zu ihm, ihn selber erhöhend bis zu Sternenweiten über alle alten

Verheißungen seines dunklen Lebens hinaus, -- +dann+ darfst Du ihm

die Hand auf die Schulter legen und ihn fragen: ob er Dir nicht einmal

vertrauen will und mit Dir einen neuen Weltengang versuchen will in der

Hut eines neuen Begriffs, -- ob er es einmal versuchen will mit der

Natur.

Aus der Schneegrube · 第 13 / 13 题