Die Frage wird also gestellt: „Wovon wirst Du bewegt?“

Einer zählt das Alphabet, immer von neuem anhebend, laut her, und

jedesmal tickt bei irgend einem Buchstaben das Kästchen dreimal mehr

oder minder stark auf, so daß der Satz zustande kommt: „Von Geist

Heochios.“

Die Anwesenden ergehen sich mit ganzem Aufgebot ihrer philologischen

Kenntnisse in den kühnsten Hypothesen über den Ursprung dieses Namens.

Auf die neue Frage „Woher?“ antwortet der Geist in der Schachtel: „Aus

Südosten.“ Bei dem Wunsche, den genaueren Namen des Landes zu hören,

kommt noch ein M., dann scheint die Leitung gestört, und es erfolgt

nichts mehr.

Man versucht also neue Experimente.

Ich selbst stelle im Nebenzimmer den großen Zeiger meiner Uhr auf

die Ziffer drei, und das Aufticken des Kästchens ergibt für die

Experimentierenden im andern Raume richtig „drei“.

Ein zweiter analoger Versuch, bei dem O. seine Uhr nebenan auf zehn

stellt, mißlingt allerdings, indem der Kasten auch diesmal nur drei

Schläge tut.

Gegen 9 Uhr abends wird die Sitzung infolge äußerster Erschöpfung aller

Anwesenden abgebrochen.

So das Protokoll, das von O. in ähnlicher Fassung festgestellt und

auf seinen Wunsch von sämtlichen Zeugen als richtig anerkannt und

unterschrieben worden ist.

Nun einige kritische Bemerkungen dazu.

Die Beschaffenheit der äußeren Umstände brachte es mit sich, daß es

sich für mich bei dieser ersten Probesitzung in keiner Weise um eine

„Entlarvung“ handeln konnte. Bei den bedenklichen Dingen, die mir O.

von den Experimenten seiner Frau Töpfer erzählte, mußte ich allerdings

an bewußte Täuschung seitens des Mediums denken, wenn gewöhnliche

Erklärungen zulässig sein sollten. Bei unsrem Freunde selbst aber

konnte lediglich unbewußte Selbsttäuschung ins Spiel kommen. Diese galt

es zu beobachten und das erforderte ein sehr vorsichtiges Prüfen.

Während jener ersten halben Stunde, in der, wie erzählt, durchaus

nichts sich ereignete, das Kästchen vielmehr regungslos unter den sechs

Händen von Wille, O. und mir lag, hatte ich hinlänglich Zeit, mir über

einen gewissen Feldzugsplan klar zu werden.

Wenn das Kästchen sich ohne mein Zutun bewegte, so war dreierlei

möglich; entweder es mischte sich wirklich eine fremde Kraft, sagen wir

also einmal, ein „Geist“, in die Sache; oder winzige, mit Bewußtsein

nicht kontrollierbare Zuckungen und Druckdifferenzen aller Beteiligten

brachten in der Weise, wie längst von Physikern (Faraday z. B.) das

Tischrücken erklärt worden ist, allmählich eine Bewegung zustande; oder

Freund O. arbeitete im leidenschaftlichen Drange, Bewegungen bestimmter

Art zu sehen, ohne eigenes Wollen mit und dirigierte den Kasten.

Von Wille durfte ich annehmen, daß er vollkommen passiv blieb und bloß

vermöge der größeren Schwere seiner Hände den zweiten Fall beeinflussen

konnte.

Nun zeigte sich lange Zeit überhaupt nichts. Geister schienen nicht

da zu sein, jene unwillkürliche Muskelbewegung (die ich bei späteren

Gelegenheiten, wo Wille und ich allein experimentierten, in voller

Wirkung gesehen habe) ließ sich wenigstens für diesen Anfang noch nicht

verspüren.

Nunmehr stellte sich bei mir folgender Gedankengang ein.

Es war psychologisch unwahrscheinlich, daß die Selbsttäuschung bei

O. so weit gehen würde, daß er selbständig das Kästchen zu schieben

begann. Dagegen sprach alles dafür, daß er, wenn einmal die geringste

Bewegung sich gezeigt, die Herrschaft über seine Hände so weit

verlieren würde, daß er jetzt auch aktiv eingriff.

Ich beschloß also, einen Anstoß zu geben, gleichsam als psychologische

Falle, und ich hatte dabei zugleich ein lebhaftes Interesse an

Feststellung der größeren oder geringeren Leichtigkeit, mit der man

absichtlich eine Bewegung hervorbringen könne.

Die Leichtigkeit, so zeigte sich sofort, war die denkbar größte.

Ich brauchte nur den minimalsten Seitendruck mit der Fläche irgend

eines Fingers auszuüben, so rückte der Kasten. Mir selbst war

es vollständig unmöglich, an der Oberseite meiner fest auf dem

Deckel schwebenden Hände irgend welche Bewegung bei diesem Drücken

wahrzunehmen. Drückte ich mit dem kleinen Finger der linken Hand, so

rutschte das Kästchen nach rechts, und umgekehrt.

Für O. aber hatte ich absolut richtig gerechnet. Sobald einmal die

Bewegung da war, fühlte ich das lebhafteste Mitarbeiten von seiner

Seite her.

Ich konnte nun die eigenen Hände ganz aufheben, das Kästchen lief doch,

und bei der Leidenschaft, die unsern Freund ergriffen, sah man sogar

deutlich jetzt das Arbeiten seiner Hand darauf.

Je schneller der Kasten lief, desto mehr fühlte ich selbst, wie die

Entscheidung, ob ich drückte oder bloß folgte, immer schwerer wurde,

und da es den übrigen Teilnehmern ebenso ging, so hat von einem

bestimmten Punkte ab, wo die Kette größer war, zweifellos jeder bald

mitgeschoben, bald im Wunsche, nicht zu schieben, sondern bloß zu

folgen, unbewußt gehemmt oder dem Gange eine neue Richtung gegeben.

Vollends beim Kreisen der Schachtel kreisten alle Arme und Hände

unwillkürlich derartig mit, daß man die Schachtel getrost hätte

wegnehmen können und doch noch einen Augenblick unsre leeren Hände wie

toll hätte durch die Luft herumwirbeln sehen.

So viel zur Erläuterung des „Ur-Phänomens“, wie es Goethe genannt haben

würde.

Nun zu Einzelheiten.

„Geklopft“ hat es in dem Kasten niemals. Das kam in klassischer

Vollendung erst bei der später zu schildernden Sitzung mit jenem

echten Medium vor, und hier ist es uns zweifellos geworden, daß

bewußter Betrug im Spiele war.

Ein Knistern und Krachen im Holze ließ sich dagegen wiederholt

vernehmen, ich konnte es ebenso wie die Bewegung in jedem beliebigen

Moment durch bewußte Konzentrierung des Druckes erzeugen, und von den

andern ist es unbewußt mehrfach auf die gleiche Weise hervorgebracht

worden.

Wenn Freund O. mit ziemlich bedeutender Kraft seines Zeigefingergelenks

auf den ohnehin an einer Stelle brüchigen Kasten schlug, so war es

durchaus kein Wunder, wenn beim folgenden Hinhorchen ein schwaches

Knistern in den sich wieder aufrichtenden Fasern des dünnen Deckels dem

Ohre bemerkbar wurde.

Das Hinrutschen der Schachtel zu irgend einem der Anwesenden ist

mehrmals von mir selbst bewußt beeinflußt worden.

In andern Fällen hat jedenfalls unbewußtes Ziehen einzelner

stattgefunden, da bei noch soviel Skepsis doch der eine oder der andere

im entscheidenden Moment, wo es sich darum handelte, wen der Geist

für das größte anwesende Medium erklären werde, im Zwange der kleinen

harmlosen Eitelkeit stand, er selbst möchte der Erwählte sein.

Den eklatanten Treffer, daß Julius Hart, den der außerhalb des

Kreises stehende Heinrich sich in Gedanken ausgewählt hatte, vom

Kästchen begrüßt wurde, verdankte man lediglich mir; bei so wenigen

Möglichkeiten war das zufällige Treffen leicht genug gemacht, und ich

hatte auf das Nächstliegende, den Bruder, geraten.

Nachdem ich nun in der genannten Weise genügend auf eigene Faust in die

Phänomene hineinexperimentiert, beschloß ich, für den Rest der Sitzung

bloß noch zu beobachten, und nahm der schärferen Kontrolle wegen an den

nächsten Experimenten überhaupt nicht mehr aktiv teil. Ich schützte

Ermattung vor und trat aus der Kette aus.

Es folgten die Kunststücke an der Tischkante. Wie vorhin das Schieben,

so war jetzt das Überkippen- und Aufschlagenlassen der Schachtel ein

Kinderspiel für jeden Beteiligten, ja es war noch leichter gemacht,

da das Kästchen in der äußersten Schwebe hing und sich niederbog, wenn

einer auch nur den Gedanken hatte, es solle es tun, -- und dabei war

die Nervosität in sämtlichen beteiligten Fingern jetzt eine derartige

geworden, daß die Kontrolle durch das Bewußtsein fast nicht mehr

möglich war.

Folgendes ist im einzelnen zu der seltsamen Antwort „Von Geist

Heochios“ zu sagen.

Das -- den andern ziemlich unerwartete -- „von Geist“ hatte sich

Heinrich Hart, dessen Hände an der kritischen Stelle lagen,

eingestandenermaßen als mögliche Antwort gedacht und nahezu mit

Bewußtsein erzeugt.

Bleibt noch das famose „Heochios“.

Dieses Wort ist nach unserm (d. h. der Beobachter) einstimmigem Urteile

ein Produkt der verschiedensten Einflüsse.

Heinrich Hart gibt an, er habe „Hart“ herausbringen wollen, das „a“

jedoch verpaßt und den Rest dann dem Zufall und den andern überlassen.

Ein Erklärung aus „reinem Zufall“, in dem doch ein gewisser logischer

Zwang steckte, ließe gerade die Entstehung des H., wie ich nebenbei und

für analoge Fälle erwähnen will, auch zu. Man bedenke, daß acht Hände

auf dem lose schwankenden Kasten liegen. Einer zählt laut das Alphabet

her. Jeder erwartet, daß bei irgend einem Buchstaben die Schachtel

sich beugen werde. Anfangs wartet jeder. Die ersten Buchstaben

gehen vorüber, die Spannung wächst. Es liegt eine psychologische

Wahrscheinlichkeit darin, daß gerade in der Gegend vom H., also am Ende

ungefähr des ersten Drittels vom Alphabet, ein Höhepunkt eintritt, bei

dem einem in der Kette die Hände entweder ganz lose oder ganz schwer

werden; sobald das aber erfolgt, klappt das Kästchen auf, und daß es

dreimal klappt, ist unvermeidlich, teils weil jeder erwartet, es müsse

dreimal klappen, und teils schon, weil überhaupt durch den Rückstoß ein

Geschaukel entsteht, das wiederholt sogar zu vier oder fünf Schlägen

führte. Ein oder zwei Schläge mehr gelten aber nur als besondere

Bestätigung seitens des Geistes.

Beim Suchen nach dem zweiten Buchstaben durch erneutes Hersagen des

Alphabetes ist dann mit höchster Wahrscheinlichkeit zu erwarten, daß

ein Vokal und nicht ein Konsonant kommen wird. Jeder hat, er mag wollen

oder nicht, im Kopfe sich irgend eine oder auch mehrere Fortsetzungen

zu dem H gebildet, bei denen allen aber natürlich ein Vokal folgt. Daß

gerade E, der zweite Vokal, kommt, liegt auch wieder nahe, bei A will

jeder noch abwarten, bei E ist die Spannung schon genügend gesteigert,

bei I würde die Wahrscheinlichkeit vollends ganz groß sein, da die

meisten sich kaum noch weiter werden bezwingen können, die Erwartung

„Jetzt muß es kommen“ wird zu stark.

O und C mögen mehr durch Zufall entstanden sein, obwohl die Vermutung,

es komme ein ans Griechische anklingender Name, jetzt bereits

ausgesprochen war und einer laut auf „Henoch“ geraten hatte, womit O in

den Ohren klang.

H nach C ist einfach selbstverständlich, die griechische Endung

erschien unter dem Zwange des laut eingestandenen „Das muß kommen, da

es unbedingt ein griechischer Name ist!“

Dem „Südosten“ ging die Vermutung voraus: es braucht nicht direkt

Griechenland zu kommen, es kann auch Kleinasien oder sonst so etwas

werden.

Bei M mag einer an Makedonien oder Medien gedacht haben, doch

entstanden bei diesem allzu bestätigenden Fortgang jetzt offenbar

selbst bei O. Zweifel, ob unsre Gedanken nicht beeinflussend wirkten,

jeder beeiferte sich, einmal ganz und gar nichts zu tun, und -- sofort

stand die Maschine wirklich still.

Das Experiment mit der Uhr endlich ist ohne alle Beweiskraft, da

in beiden Fällen lediglich der gewohnte Rhythmus der drei Schläge

wiederkehrte; als der Zeiger zufällig auf drei wies, ergab sich eine

Übereinstimmung, bei zehn blieb sie ebenso naturgemäß aus.

Der Leser wird den Kopf schütteln über diese Haarspaltereien.

Und doch ist diese Zergliederung grade der allereinfachsten

spiritistischen Kunststücke das unbedingt Nötige als Vorschule zur

Auflösung der schwierigeren Probleme.

Der Fundamentalfehler, der immer wieder begangen wird und dem dann

selbst gute geschulte Beobachter erliegen, ist, daß man gleich ein

Medium der hohen Schule prüfen will, ein ungeheures Raffinement in

verwickeltsten Kunststücken überwinden zu müssen glaubt und dann

grade durch die ganz einfachen, haarsträubend simplen Sachen, die man

als zu einfach gar nicht in Rechnung zieht, überlistet und gefangen

wird. Fritz Schultze, der ein an Material ziemlich reichhaltiges,

dafür im Raisonnement allerdings schwaches und stellenweise ziemlich

ungeschicktes Buch gegen den Spiritismus geschrieben hat (Die

Grundgedanken des Spiritismus. Leipzig, Günthers Verlag, 1883), hat bei

Gelegenheit dieses Punktes nicht mit Unrecht an eine Kriminalnovelle

Edgar Poes erinnert, in der ein wichtiger Brief gerade deswegen von der

Polizei, die doch jeden Winkel des Hauses durchstöbert, nicht gefunden

wird, weil er gar nicht versteckt ist, sondern offen vor jedermann auf

dem Tische liegt.

-- -- --

Nachdem die Ergebnisse der ersten Sitzung bei O. im engeren Kreise der

unbefangenen Beobachter genügend durchgesprochen waren, kam es acht

Tage später zu einem zweiten Experiment.

Bruno Wille und ich hatten diesmal ein Stichwort „Merkwürdig“

verabredet, das zur Kontrolle für den andern dienen sollte, wenn der

eine mit Bewußtsein und zum Zwecke irgend einer Probe oder Falle in die

Handlung eingriff.

Zunächst wurden noch einmal die meisten Phänomene der vorigen Sitzung

der genaueren Bestätigung wegen wiederholt, wobei zur Abwechslung

an Stelle des Uhren-Experiments das Kästchen heute angeben sollte,

wieviel Kleingeld sich in meinem und in einem zweiten Falle in Willes

Portemonnaie befinde.

In beiden Fällen wußte ich die Zahl nicht genau, habe aber doch durch

leichte Drucknachhilfe einmal genau und einmal beinah das richtige

Resultat hervorgebracht, zum guten Beweise dafür, wie leicht auf

Grund auch nur annähernd richtiger Kombination einiger bekannter

Anhaltspunkte das genau richtige Erraten der Wahrheit gemacht wird und

wie gutmütig der Zufall in solchen Fällen auszuhelfen pflegt, wenn man

nur den Mut hat, überhaupt zu raten.

Der wesentlichste Fortschritt in dieser zweiten Sitzung war aber in

einem Experiment mit dem „spiritistischen Schreibapparat“ gegeben.

Dieser Apparat besteht in einem runden Holzplättchen, das eben gerade

Raum für zwei aufgelegte Handflächen bietet, und an dessen unterer

Seite drei Stützen (gewissermaßen drei Stuhlfüßchen) angeleimt sind;

eine dieser Stützen ist ein Bleistift. Man setzt das Ganze auf einen

großen Bogen weißen Schreibpapiers. Einer legt die Hände auf die

Platte und eventuell noch ein zweiter seine auf die des andern,

und dann erwartet man regungslos das Eintreten einer Bewegung des

Holzapparats, die den Bleistift aufkratzen läßt und so, bei korrekter

„Geisterführung“, eine Schrift hervorbringt, -- eine „Geisterschrift“

mit individueller „Geisterhandschrift“ und einem vom „Geiste“ gewollten

Inhalt.

Freund O. hatte seine Hände kaum auf die Holzplatte gelegt, als der

Apparat auch bereits mächtig zu wirbeln begann.

Der Bleistift beschrieb eine große Spirale und raste dann förmlich

über das Papier dahin, den Bogen mit kindlich ungeschickten, aber doch

lesbaren Buchstaben bedeckend.

Aber O. klagte dabei selbst, er fürchte unbewußte Selbsttäuschung, er

„schreibe nur, was er denke“. Ein andrer möge an seine Stelle treten,

vielleicht hätten wir ein noch unerkanntes gutes „Schreibmedium“ unter

uns.

So legte ich denn meine Hände auf, er wollte seine eigenen nur lose

darüber legen, „um die Kraft zu verstärken“. Ohne daß ich im geringsten

bewußt mithalf, kamen auch jetzt mehrmals lange Schriften zu stande.

„Gott zum Gruß“, begann jede der Offenbarungen, dann folgten ein paar

allgemeine Redensarten und zum Schluß, Wunder über Wunder, kam zweimal

mit gewaltigen Lettern die famose Unterschrift „Heochios“!

O. war entzückt, da er diese Fälle, wo seiner Ansicht nach unbedingt

nicht er geschrieben hatte, ich aber bestimmt versichern konnte, auch

nicht absichtlich hineingearbeitet zu haben, für beweisend hielt sowohl

für die Existenz eines uns umschwebenden Geistes Heochios, als auch für

meine Befähigung zum Schreibmedium.

So weit auch hier wieder der rein äußerliche Sachverhalt und Folgendes

zur Aufklärung.

Von den drei oben erwähnten Erklärungsmöglichkeiten: Geist,

unwillkürliche Muskelbewegung, Selbsttäuschung, die äußerlich zum

entscheidenden Mitwirken wird, fällt die mittelste hier von vornherein

fort. Wenn ich -- ich habe es in einer der nächsten Sitzungen bis zur

Dauer von 20 Minuten fortgesetzt -- meine Hände ohne O. auf den Apparat

legte, so ergaben sich nachher die Spuren dieser Muskelzuckungen auf

dem Papier als eine ganz kleine, blitzartig zackige Linie, die aus

einzelnen Punkten gebildet schien und aus der, wie ich annehmen muß,

bei einem gesunden Menschen niemals auch nur ein einzelner Buchstabe

hervorgehen könnte, geschweige denn eine fortlaufende Schrift, die am

Zeilenende von selbst absetzt und eine neue Reihe anfängt.

Mit vollkommenster Deutlichkeit dagegen fühlte ich, sobald O. seine

Hände auf meine legte, wie er drückte, über meine sehr kleine Hand

mit seiner weit größeren weggriff und wie er nach allen Regeln der

irdischen Physik so die Schrift selbst zustande brachte.

Das scheint mir ein Maximum von Selbsttäuschung, das im höchsten Grade

interessant ist.

Freund O., so muß ich mir den Fall erklären, hat bei Frau Töpfer, die

bewußt täuschte, oftmals gläubig dem Schreiben zugesehen. Er hat sich

die traditionellen Formeln des Geisterschreibens (das Beginnen mit der

Spirale etc.) gradezu in Fleisch und Blut übergehen lassen, er hat

jene Beigaben auswendig gelernt, wie das „Gott zum Gruß“, das der wohl

hauptsächlich amerikanischen Verquickung des spiritistischen Versuchs

mit frömmelndem Sektiererwesen seinen Ursprung verdankt. Er hat dann in

Mußestunden mit Bewußtsein Proben angestellt, wie man mit dem Apparat

schreiben muß, -- ohne diese Schulung wäre es nicht möglich, daß er es

überhaupt so glatt fertig brächte.

Das alles hat er getan mit dem sehnsüchtigen Wunsche, eines Tags möchte

nicht seine Hand den Apparat, sondern der Apparat wirklich seine

Hand führen. Als er nun meine Hände statt des Holzdeckels unter sich

fühlte, vollzog sich in der Leidenschaft der psychologische Prozeß

der Selbsttäuschung, er glaubte nicht mehr aktiv zu sein, und dennoch

schrieb er in Wahrheit selbst, er schrieb mechanisch dasselbe nieder,

was er so oft in letzter Zeit zur Probe mit Bewußtsein geschrieben, und

er schrieb den Namen Heochios unter das Ganze, weil ihm dieser seit

acht Tagen beständig auf der Zunge schwebte und weil er fest erwartete,

ein Geist Heochios führe den Apparat.

Unsere kühle Erklärung der Entstehungsgeschichte jenes unglücklichen

Spruchs „Von Geist Heochios“ existierte ja nicht für ihn, ihm war

Heochios ein wirklich erschienener Geist.

Ich habe so viel Worte gebraucht, um für den Fall unseres Freundes, bei

dem ich nicht den geringsten Grund habe, ~mala fides~ vorauszusetzen,

die Selbsttäuschung wahrscheinlich zu machen. Jetzt bedenke man

aber die Chancen, die bewußte Täuschung in analogen Fällen mit

einer zweifelhafteren Persönlichkeit notwendig gerade bei diesem

„Geisterschreiben“ hat. Die Möglichkeiten sind gar nicht auszudenken.

Nur kurz erwähnen will ich die Ergebnisse einer dritten Sitzung, bei

der ich mehrere Stunden lang mit O. allein experimentierte, ohne

nennenswerte Erfolge zu erzielen.

Wir berührten Grenzgebiete des eigentlichen Spiritismus: Gedankenlesen

und Telepathie.

Jene wissenschaftliche, leicht erklärliche Art des groben

Gedankenlesens -- Auffinden eines von A. versteckten Gegenstands durch

B. dadurch ermöglicht, daß B. den A. bei der Hand nimmt und beim

Durchwandern des Zimmers am Zucken dieser Hand und ihrem unbewußten

Ziehen oder Widerstreben den Ort ermittelt, wo der Gegenstand liegt --

gelang auffallend gut, wenn ich der Suchende war und O. der unbewußt

Führende.

Doch hier lag, wie gesagt, absolut nichts Mystisches vor, da diese

Dinge überzeugend auch von Nicht-Spiritisten öffentlich vorgeführt

worden sind.

Eine heiklere Sache ist aber schon die echte sogenannte „Telepathie“

(Fern-Empfindung). Hier denkt einer der Beteiligten sich möglichst

lebhaft eine Figur, eine Zahl oder Ähnliches, und der andre rät

angeblich ohne Handberührung das Gedachte, d. h. es findet der Theorie

nach eine „mystische Fernwirkung von Seele zu Seele“ statt, bei der

das Vorstellungsbild sich ohne Hilfe der physikalischen Wege und der

Sinnesorgane von Gehirn zu Gehirn überträgt, ohne Luft- und Lichtwellen

also und ohne Auge und Ohr.

Für unsern Fall kann ich nur feststellen, daß die Experimente

dieser Art bei O. ebenso mißlungen sind, wie sie vorher und nachher

ausnahmslos mißlangen, als ich mit Wille allein und mit andern Versuche

anstellte.

Zufällige Annäherungen beim Raten sind vorgekommen, beweisen mir aber

gar nichts. Wenn ich mir eine 8 dachte und O. einen ganzen Bogen mit

allerlei Kreisen, Spiralen und sonstigen Krackelfüßen bedeckte und

unter denen in der Tat auch einmal eine brezelartige Verschlingung, die

an eine 8 gemahnte, auftauchte, so wird man nicht verlangen, daß ich

dem irgendwelche Beweiskraft beimesse.

Etwas Besseres aber habe ich nicht gesehen, und die schönen

Figurentafeln in der spiritistischen Zeitschrift Sphinx, die von dem

fabelhaften Glück anderer, spiritistisch gläubiger Beobachter Zeugnis

ablegen sollen, treffen bei mir also vorläufig auf eine unerschütterte

Skepsis.

Doch zurück zur Hauptsache, zu den eigentlichen Medien und ihren

Gespenstern. Eine besondere Einladung von seiten unseres Freundes

versammelte uns an einem Montag in O.s Wohnung, um endlich denn auch

das große Orakel, das altbewährte Medium, Frau Valeska Töpfer, selber

in Augenschein zu nehmen und auf seine Wunderkraft zu prüfen.

Etwa eine Stunde lang hatten wir Zeit, uns auf einen würdigen Empfang

vorzubereiten, da O. sich erst, nachdem wir bereits vollzählig

erschienen waren, auf den Weg machte, um die ehrwürdige Dame zu uns zu

geleiten.

Wir verabredeten uns inzwischen von neuem auf das Stichwort

„Merkwürdig“, und wir schwärzten einen genau bezeichneten Papierbogen

über der Lampe, damit die Geister materialisierte Hände oder Füße in

der Weise, wie es bei Zöllner geschehen, darauf abdrücken könnten.

Der Gedanke ergötzte uns im voraus, es möchte auch heute wieder jener

treffliche „Heochios“ auftreten, was denn wohl dem Faß sofort den Boden

ausschlagen müßte.

Im ganzen aber schuf doch auch heute die zu erwartende Nähe

einer fremden Persönlichkeit eine beklommenere Stimmung, die bei

einigen durch etwas überraschendere Leistungen leicht in höchste

Empfänglichkeit für Mystik hätte gesteigert werden können.

Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit erschien die Seherin, und

zwar nicht bloß von O., sondern merkwürdigerweise auch von ihrem Mann

begleitet.

Sie selbst eine mittelgroße, ziemlich beleibte Dame mit spitzer

Nase, kleinen Augen, das Gesicht gepudert, die ergrauenden Haare

glatt emporgeknotet, -- der Herr Gemahl ein kleiner Berliner

Grünkrambesitzer, dessen erste Äußerung darin bestand, daß er sich ein

Glas Bier erbat.

Wir nahmen in langer Kette um den Tisch, auf dem die Lampe stand,

Platz, leider, wie Frau Töpfer sogleich bemerkte, auf tiefen Sesseln,

die für solche Sitzungen höchst ungeeignet seien.

Die Luft, so wurde im übrigen zugestanden, sei bereits stark

„mediumisiert“, es müßten „kräftige Naturen“ unter uns sein.

In der Tat begann es denn auch, da wir kaum einen Augenblick unsere

Hände auf den Tisch gelegt, sehr vernehmlich irgendwo zu pochen, bald

dumpf, bald lauter, und die Täuschung, der das Gehör in Bezug auf die

Richtung des Schalls unterlag, war eine vollkommene. Der eine riet auf

die Wand hinter dem Rücken der Frau Töpfer, ein andrer auf den Ofen,

bisweilen schienen die ganz dumpfen Laute sogar aus dem Nebenzimmer zu

kommen.

Man muß dieses Klopfen im eigenen Zimmer mit Muße durchprobiert haben,

um die Erkenntnis zu erlangen, daß das falsche Lokalisieren die Regel

ist, und daß verschieden starke Pochlaute, die unmittelbar vor uns

unter dem Tisch erzeugt werden, in Wahrheit aus den verschiedensten

Richtungen und Entfernungen zu kommen scheinen.

Ich glaube, jeder empfand im Moment, daß Frau Töpfer die Sache äußerst

geschickt mache, aber nichts sprach dagegen, daß sie die einzige --

allerdings bewußt täuschende -- Quelle dieser Geisterstimmen sei.

Ihre eigenen Füße wie die ihres Mannes waren unsichtbar unter der

Tischplatte verborgen, dank dem festen Kettebilden aller, und ob sie

sonst noch besondere Apparate unter den Kleidern verborgen trug, war

selbstverständlich erst recht nicht zu ermitteln.

Unsre Mienen mochten das denn auch ziemlich deutlich erkennen lassen,

denn nach dem günstigen Anfang trat eine Stockung ein, die Pochlaute

blieben dumpf und undeutlich, die Frau erklärte: „So kann ich’s nicht

leiden! Dabei wird mir’s unheimlich!“

Der Tisch machte plötzlich zur Abwechslung einen Ruck auf Wille

zu (Frau Töpfer schob zweifellos kräftig mit dem Fuße), aber auch

hier schien der rechte Mut zu mangeln, vor allem hob sich der Tisch

keineswegs empor, wie es sonst in Sitzungen bei dem Medium nach O.s

Aussage überraschend zu gelingen pflegte.

Nunmehr ergriff aber der Gemahl das Wort, er schalt auf die Geister

energisch ein und rief endlich im derbsten Tone: „Na, wollt Ihr jetzt

oder nicht? Ich verlange, daß Ihr Euch jetzt anständig betragt und was

tut, sonst warten wir nicht mehr.“ Er wurde so grob, daß die Frau ihn

beschwichtigen mußte. „Laß doch, sie werden sonst ganz böse.“

Wozu diese ganze Posse diente, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte sie

auf uns unsäglich lächerlich und als das beste Mittel, jede ernsthafte

Stimmung dauernd zu zerstören.

Die Scherze aus unserm Kreise mehrten sich auch so, daß die

Hexenmeisterin sich wohl bewogen fühlen mochte, rasch etwas

vorzuführen, um wieder Spannung zu wecken.

Sie meinte plötzlich, der große Tisch sei den Geistern (ihren Füßen!)

zu schwer, es wurde also ein kleiner sogenannter stummer Diener

herangeholt, der unter der oberen Platte zwischen den vier Füßen noch

eine zweite Platte zum Tragen von Büchern oder Nippessachen hatte.

Dieser Tisch war denn nun ein wahres Ideal, wenn es sich darum

handelte, durch geschickt verdeckte Bewegungen ruckweises Wandern oder

sogar scheinbares Emporfliegen zu bewerkstelligen.

Der Bodenteppich wurde entfernt, um kein Hemmnis beim Rutschen zu

geben, auf das Tischchen wurden ein Bogen Papier und ein Bleistift

gelegt und unter den Tisch gleiches Material. An dem letzteren geschah

nichts, da wir zu gut kontrollierten. Man sah wohl den Schuh der

Frau T. danach langen, auch erklärte sie einmal, einen Lichtschein

unten zu sehen (wohl um unsere Aufmerksamkeit von irgendetwas anderm

abzulenken), gleichwohl erfolgte nichts.

Theoretisch wäre es ja nicht gerade allzu schwer gewesen, trotz unsres

Aufpassens im guten Moment mit einem schon vorher präparierten und in

die Stiefelsohle geklemmten Bleistiftspitzchen auch diesen Bogen mit

einer lesbaren Schrift zu bedecken.

Über dem oberen, offen aufliegenden Blatt bekam die Hand der Frau

natürlich sofort „Führung“, es entstanden wieder folgerichtig jene

berühmte Spirale, das „Gott zum Gruß“ und ein paar ähnliche alberne

Phrasen, wie sie O. stets geliefert hatte. Die Unterschrift lautete

„Werner“.

Das letztere war offenbar eine Art von Probepfeil. Es wurde

rundgefragt, ob keiner einen Bekannten dieses Namens besitze, was

zufällig einmal nicht der Fall war. Der Name „Müller“ dürfte für dieses

„Experiment ins Blaue“ allerdings noch empfehlenswerter sein.

Wille erhielt im weiteren auf eine Frage nach seinem Bruder durch

Klopflaute den Namen „Gustav“, und die Geisterschrift auf dem Blatte

meldete, Gustav sei auf dem Schlachtfelde gestorben. Beides, Name wie

Tatsache, war unrichtig, der einzige Bruder lebte und hieß anders.

Wille ging indessen mit scheinbarer Erregung auf die Sache ein, und

von da ab verstärkte sich der Mut der Töpfer -- und mit dem Mut kamen

verstärkte Wunder.

Der „Zimmermann“ begann jetzt im Tische zu rumoren.

Um zu verstehen, um was es sich hier handelte, muß man Kenntnis

nehmen von der unsäglichen Einförmigkeit und Enge der Phantasie, die

in diesen spiritistischen Zirkeln herrscht. Wie das berühmte Kölner

Hänneschen-Theater, so hat jedes Medium seine paar stereotypen Rollen,

die immer wiederkehren, seine drei oder vier Spezialregister, auf

die es eingedrillt ist. So bei Frau Töpfer die kleine „Abila“, der

Schutzgeist „Zwibos“ und der „Zimmermann“.

Das Nahen des letzteren betätigte sich durch sägende und hobelnde

Geräusche im Tisch, endlich auf Verlangen durch ein gewaltiges

Gepoche, wie wenn jemand einen Nagel einschlüge, -- übrigens keine

einzige Leistung in allem, die nicht Wille und ich später zu Hause

hätten annähernd ebenso täuschend durch unmerkliches Nagelkratzen und

Bewegungen der Füße hervorbringen können.

Schließlich fuhr der Poltergeist noch in die Hand des Mediums und

schrieb mit eckigen Zügen und schlechter Orthographie ein paar Sätze

auf ein Blatt, unterzeichnet: „Hunger, Chemnitz, Neue Gasse“.

Von neuem begann nach diesem der Tisch zu schwanken.

Meine laut ausgesprochene Befürchtung, die Petroleumlampe möchte dabei

zu Schaden kommen, wurde zuerst mit der Versicherung abgewiesen:

„Und wenn der Tisch sich auf den Kopf stellt, die Lampe fällt bei

Geistermanifestationen niemals.“

Gleich darauf, als Wille mit dem Rufe „merkwürdig“ den gegen

ihn anrückenden Tisch selbsttätig etwas herabdrückte, wurde die

Versicherung aber eilfertig eingeschränkt durch Zugeben von

„unberechenbaren Ausnahmen“, und der Mann setzte die Lampe jetzt selbst

vorsorglich auf das Klavier.

Der leichter gewordene Tisch spazierte nunmehr durch das halbe Gemach,

es kam aber auch jetzt nicht zum Fliegen.

Ein sehr gelungenes Kunststück bei dieser Gelegenheit bestand darin,

daß Frau Töpfer, wie mehrere von uns deutlich sahen, mit weit

zurückgerecktem Fuße einen etwas entfernt stehenden Schaukelstuhl

heranriß und gleich darauf höchst verwundert ausrief: „Sehen Sie bloß,

der Stuhl ist uns allein nachgekommen!“

Damit schloß der erste Akt der Sitzung.

Eine Pause wurde benutzt, jenes oben erwähnte geschwärzte Papier unter

das Sofa zu legen und vermittelst eines vorgeschobenen Teppichs gegen

jedes auffallende Licht abzuschließen.

Ich will gleich vorausschicken, daß es dort unversehrt noch gegen

Schluß des Ganzen gelegen hat. Während dieser Zeit hat zwar Herr Töpfer

hartnäckig als unbeteiligter Zuschauer, zeitweise anscheinend sogar

schlafend, seinen Platz auf diesem Sofa behauptet. Ferner ist das immer

längere Zeit hindurch verdunkelt worden und alle Beobachter haben

ihre Aufmerksamkeit andern Dingen zuwenden müssen, die sich entfernt

vom Sofa abspielten. Anfangs hatte ich wohl beschlossen, nicht aus

der gerade über dem Papier liegenden Sofaecke zu weichen, aber das

konsequente Wegrücken des Tisches, auf dem doch meine Hände aufliegen

sollten, hinderte mich an der Durchführung.

So muß ich auch hier konstatieren, daß wohl die infolge andrer, gleich

zu erzählender Umstände wieder wachsende Ängstlichkeit des Ehepaars

es nicht zu einem Versuche dieser Art hat kommen lassen, daß aber

die +Gelegenheit+ zu einem solchen auch diesmal so günstig war

(der Mann konnte beispielsweise im Dunkeln sehr leicht an das Papier

heranlangen und seine Hand oder auch ein im Rock verborgenes Wachsglied

darauf drücken), daß ein wirklicher „Geisterabdruck“ uns kaum hätte

überraschen dürfen.

Die wichtigste wirkliche Episode im zweiten Teil unsrer Sitzung bildete

eine „Dunkelsitzung“.

Mit Ausnahme des Herrn Töpfer saßen wir alle in fester Kette, die Hände

auf der Platte, um den kleinen Tisch. Die Vermutung war ausgestreut, in

der Finsternis würden bei einzelnen in der Kette „Berührungen“ durch

materialisierte Geister-Hände oder -Füße stattfinden, und zum Schluß

werde der Tisch nun endlich emporfliegen.

Es dauerte auch nicht lange, so hörte man Willes Stimme: „Es klopft

dreimal an meinen Stiefel!“ und gleich darauf: „Es hat wieder geklopft,

-- sehr merkwürdig!“

Was sich da, den andern unsichtbar, abgespielt, schildere ich so, wie

es mir Wille unmittelbar nach der Sitzung berichtet hat.

Er, der zur Rechten der Frau saß, ging von dem Gedanken aus, Frau

Töpfer werde versuchen, mit ihren Füßen von unten her den Tisch zu

heben. In aller Stille versuchte er also das dunkle Gebiet unter der

zweiten (unteren) Tischplatte zu kontrollieren, indem er seinen rechten

Fuß bis etwa in die Mitte vorschob. Der linke Fuß blieb lange nahe am

Stuhl -- wie man nicht vergesse: auf der Seite der Frau Töpfer.

An der Spitze dieses linken Fußes nun verspürte er plötzlich eine

Berührung: es klopfte dreimal hörbar auf das Leder. Allem Anschein nach

ging die Berührung aus von dem Fuße der Frau Töpfer. Nicht lange und

das Klopfen kam wieder, diesmal am Absatz von Willes linkem Fuß.

Schnell entschlossen folgte er aber jetzt mit seinem Stiefel dem sich

zurückziehenden Klopfer, er stieß richtig auf einen echten andern

Stiefel, und während er ihm einen leichten Tritt versetzte, fühlte er

mit zweifelloser Deutlichkeit, wie der fremde Fuß unter die hörbar

knitternden Röcke der guten Frau Töpfer zurückfuhr.

Von diesem Moment an, der eine offenkundige Entlarvung wenigstens für

einen der Beobachter umschloß, war Frau Töpfer vollkommen verstört,

unruhig, traurig, jedermann merkte, daß etwas vorgefallen war, obwohl

wir andern erst später erfuhren, was.

Ein zweites Abenteuer bestand, nachdem die Frau jetzt in der ganzen

Dunkelsitzung absolut nichts mehr zu unternehmen wagte, darin, daß der

vorgeschobene rechte Fuß Willes mit einem plötzlich vorrückenden Fuße

unsres Freundes O. dort zusammentraf.

Hier war nun wiederum charakteristisch, den Grad der unbewußten

Selbsttäuschung bei O. zu beobachten.

O. bebte vor Ungeduld nach einer Geisterberührung. Wahrscheinlich

ohne jede Spur von Willen, bloß im Drange, den Geistern sich als

Objekt darzubieten, schob er seinen Fuß langsam bis in die Mitte des

Raums unter dem Tische vor. Als er dabei auf Willes Stiefel stieß,

durchzuckte es ihn übermächtig: „Jetzt muß es dreimal klopfen!“ Es

klopfte in der Tat, aber sein eigener Stiefel war der Urheber, wie

Wille, der vollkommen passiv blieb, genau feststellte.

So hatten wir auch hier wieder Betrug und Selbstbetrug in schönster

Blüte nebeneinander.

Da aber schlechterdings nichts weiter kommen wollte, gesellte sich der

Scherz hinzu -- der Tisch flog plötzlich empor, so schön, daß jetzt

selbst Frau T. hätte an echte „Geister“ glauben dürfen.

In Wahrheit war der Urheber unser humorvoll veranlagter Freund Heinrich

Hart, dem das Spiel längst zum Ekel geworden und der uns wenigstens den

Gefallen tun wollte, zu zeigen, wie leicht die Sache sei.

Der dritte Akt war der jämmerlichste von allen.

Frau Töpfer, die ihren Boden schwanken sah, wagte ein letztes

Radikalmittel.

Vor eine Ecke des Ateliers wurde ein weißes Leinentuch gespannt, hinter

ihm nahm das Medium Platz. Sie sollte in „Verzückungsschlaf“ verfallen

und Geisterstimmen sollten durch den Vorhang zu uns reden.

Die Zuhörer setzten sich im Halbkreise vor das mystische Theater,

Herr Töpfer hielt sich im Hintergrunde, anscheinend bereit, jeden

Störenfried, der etwa an der Hülle zerren würde, zurückzuhalten; es

bedurfte dessen nicht; was wir hörten, genügte vollauf....

Zuerst ertönte ein zartes Kinderstimmchen: der Geist Abila.

Die Stimme hatte sich Frau Töpfer offenbar bis zu vollkommener

Meisterschaft eingeübt.

„Gott zum Gruß, Brüder!“ begann auch diese Offenbarung. Das Geistchen

redete mit jedem einzeln, bei jedem sah es „unsichtbare Brüder“

(Verstorbene) stehen, die es beschrieb und bei denen es, wenn man

fragte, Antwort holte. Aber die Weisheit Schön-Abilas hatte einen

traurigen Fehler: ihre geistige Urheberin, Frau Töpfer, mußte blind

raten, und sie riet entsetzlich schlecht.

Bei Julius Hart sah Abila den Vater der Gebrüder stehen, er sollte

Adolf heißen und ein leiblich sehr großer Mann sein. Der treffliche

Vater Hart lebte aber, wie die meisten von uns wußten, in Wahrheit noch

fröhlich unter dieser Sonne, er hieß weder Adolf, noch hatte jemals von

ihm, einem kleinen beleibten Herrn, behauptet werden können, daß er ein

Herkules sei.

Bei mir stand meine Großmutter Lottchen und ließ mich an das letzte

Gespräch erinnern, das wir beide miteinander geführt. Und auch hier

paßte der Name nicht und vollends nicht die Tatsache, denn meine beiden

Großmütter sind viele Jahre vor dem Tage gestorben, an dem ich das

Licht der Welt erblickt.

Am meisten von allen interessierte sich Abila für den „dicken Bruder

mit der Brille und den roten Backen“, nämlich Bruno Wille.

Dieser Bruder lohnte nun freilich solche Liebe schlecht, denn

anknüpfend an den famosen Bruder Gustav von vorhin, entlockte er durch

geschickt zugespitzte Fragen der Frau Töpfer einen Kriminalroman voll

grausigster Tatsachen. Ich erwähne nur, daß ein Onkel darin vorkam, der

an „Galle, die ins Blut ging“, gestorben sein sollte. „Das ist in der

Tat merkwürdig“, sagte Wille halblaut, „ein Onkel von mir ist am gelben

Fieber gestorben.“

Von einer Seite her wurde im Zuhörerraum ebenso halblaut, aber auch der

Frau T. vernehmbar, angedeutet, das gelbe Fieber hänge wirklich mit der

Galle zusammen.

Zum Schluß gab sich der „Geist“ dann noch die böseste Blöße, die

möglich war: er ermahnte den Bruder, doch nur ja nicht zu glauben,

in der Dunkelsitzung vorhin habe der Schuh der Schwester Töpfer an

seinen Stiefel geklopft: es sei ein echter materialisierter Geisterfuß

gewesen. Überhaupt sollten wir alle nicht so viel zweifeln, sondern

lesen und dann glauben lernen.

Aus der Schneegrube · 第 10 / 13 题