früher.
Höchstens ist er noch schärfer geworden, -- schärfer in der unbedingten
Forderung größtmöglichster Zeiträume für die Geologie.
Es gibt eine Hauptquelle für diese Mißverständnisse.
Sie sprudelt, solange wir eine echte Geologie haben.
Immer haben wir von außerordentlich viel Zeit gehört, die dort nötig
sei, -- aber wir haben auch immer das größte Schwanken gesehen
innerhalb der Naturforschung über die eigentlichen Ziffern. Um diese
engeren Ziffern ist jedesmal der erbittertste Zwist geführt worden,
sobald eine genannt war, und so oft der Fernstehende einen solchen
Kampf mit dem Sturz einer Ziffer enden sah, machte er sich seinen Vers,
es sei nun aus dort mit der ganzen Zeitrechnung der Millionen.
Wer aber tiefer in die Karten schaut, dem erscheint gerade als das
Entscheidende, daß jeder Sturz der Ziffer immer nur ein Sieg war des
noch ausgedehnteren Maßes überhaupt. Als zu klein ist noch jede echte
geologische Ziffer verworfen worden.
Das spielt jetzt seit anderthalb hundert Jahren.
Der erste geologische Rechner modernen Stils ist Buffon im achtzehnten
Jahrhundert.
Man muß heute wieder öfter auf Buffon zurückkommen. Von seinen
Zeitgenossen vergöttert, ist er im neunzehnten Jahrhundert durchweg
schlecht behandelt worden. Man hat ihm nachgerechnet, was er im
Detailwerk der Forschung an neuen exakten Tatsachen gegeben habe, und
diese Wage schien immer leichter. Sein Kultureinfluß in seiner Zeit
war aber unberechenbar groß. Er gab diesem allenthalben geweckten,
nach neuen Weltfundamenten lechzenden Jahrhundert der Voltaire,
Rousseau, Lessing, Kant, Herder, Schiller zum ersten Mal das große
geschlossene Weltpanorama des Naturforschers als „Macht“ in den Besitz.
Es entscheidet nicht dabei, wie viel kühne Hypothese war. Die Lücken
füllte er mit glänzenden Hypothesen. Was tun wir heute anderes? Das
Wesentliche war das Einheitliche des Natur-Weltbildes. Er malte es so,
daß jeder gepackt wurde. Keiner bis auf ihn hatte es annähernd noch
gekonnt. Nach ihm sind Humboldt und alle die Kosmologieen gekommen. Er
war der erste.
Man kann behaupten, daß keine große geistige Debatte bis ins Extremste
des Moralischen und Ästhetischen hinein im letzten Drittel des
achtzehnten Jahrhunderts geführt worden ist, ohne daß dieses Panorama
einer vom Naturforscher gefaßten Ganz-Welt, einer ganz gefaßten Welt
auf Naturgesetzen, dabei einen Hintergrund gebildet hätte, mit dem
jeder rechnete; es war aber Buffons Naturgemälde, an das man dachte.
Man braucht allein auf Goethe zu sehen, wo dieses
naturwissenschaftliche Bild schon die ganze Anschauung der Dinge auch
im Ästhetischen beherrscht, um Buffons Einfluß in seiner Kraft zu
fühlen. Ich halte Buffon in allem Naturgeschichtlichen für gradezu
bestimmend bei Goethe. Die unmittelbare Berührung läßt sich durch viele
Stellen belegen. Die feine geistige Beziehung ist aber noch viel weiter
deutlich. Von Buffon hatte auch Goethe zu den überliefert religiösen,
den philosophisch-moralischen, den ästhetischen Weltbildern seiner Zeit
das große Kosmosbild des Naturforschers, das damals eine ganz neue
Kraft war, stählend zugleich, aber auch beängstigend; wie er sich damit
auseinander gesetzt hat, war ja dann sein eigenes Werk.
Nun also: Buffon hatte jenen oben gestreiften Ideengang schon ganz klar.
Die Erde war ein Stück Sonne, das in der Weltraumkälte eines Tages
erstarren mußte. An dem Tage begann auf ihm das Leben wie auf der
nackten Schlacke des Krakatau. Eher konnte es nicht beginnen, denn
es ist kein Salamander der Sage, der im Feuer leben kann. Immerhin
ist es auch nur möglich auf einer noch erwärmten Rinde. Wenn der
Block einst ganz erkaltet und eine ewige Eisperiode anhebt, wird es
wieder verschwunden sein. So stellt es eine Intervall-Erscheinung
des Planeten zwischen zwei Grenzen dar, gebunden an ein
Temperatur-Intervall. Sollten wir aber diese so scharf gegebene
Zeitspanne nicht wirklich ziffernmäßig berechnen können?
Buffon machte ein ganz einfaches, aber zunächst verblüffendes
Experiment.
Er stellte eine Anzahl kleiner Metall- und Steinkugeln auf, erhitzte
sie bis zur Weißglut und ließ sie sich dann bei einer mäßigen
Lufttemperatur allmählich wieder abkühlen. Die Grade dieser Abkühlung
legte er in festen Ziffern nieder, die vor allem zwei Zeitpunkte genau
fixierten: den Augenblick, da man die Kugel zuerst wieder berühren
konnte, ohne daß unsere lebendige Haut Schaden dabei nahm; und den
andern, da die gewöhnliche heutige Temperatur der Kugel bei dieser
bestimmten Luftwärme wieder erreicht war, also die Eisenkugel sich
wieder anfühlte wie jedes Eisen sonst. Diese einfachen Ziffern wurden
dann im Verhältnis umgerechnet für eine Kugel von der Größe der Erde
und sofort erschienen auch hier ganz feste Zahlen.
Wenn der heutige Temperaturzustand dieser großen Erdkugel auch nur ein
Produkt der Abkühlung aus Weißglut war, so ergab das für die Dauer des
Abkühlungsprozesses bei den Größenverhältnissen des Erdballs (unter
Anrechnung einiger kleiner Begleitumstände) im ganzen bis heute genau
74832 Jahre.
In diesen rund vierundsiebzigtausend Jahren bildete wie bei den kleinen
Versuchskugeln einen wichtigen Einschnitt die Jahresziffer, bei der
wir die Erdoberfläche zum ersten Mal hätten berühren können, ohne daß
unsere Haut Brandblasen bekam.
Den entsprechend umgerechneten Experimentziffern nach mußte das vor
genau 40062 Jahren geschehen sein.
Das bedeutete aber dann zugleich ein ungemein wichtiges
Geschichtsdatum. Denn wenn unsere Hand sich damals nicht mehr verbrannt
hätte, so heißt das: Leben war damals möglich geworden auf der Erde.
Vor rund vierzigtausend Jahren hatte das Pflanzen- und Tierleben
begonnen: es war die Krakatau-Ziffer des ganzen Erdfelsens!
Buffon war in Hinsicht der Lebenserscheinungen ein eminent aufgeklärter
Kopf, seiner Zeit weit voraus. Wo die nötigen Temperaturbedingungen
gegeben waren, da nahm er Entstehung von Leben als notwendigen
Naturprozeß an. Wenn zwei Länder ähnliche Wärmeverhältnisse hatten, so
brachten sie auch ähnliche Tiere und Pflanzen ganz von selbst hervor,
ohne daß man an Wanderungen zu denken brauchte. „Die gleiche Temperatur
nährt, erzeugt überall die gleichen Wesen,“ sagt er wörtlich (Ausgabe
von Richard, Paris 1839, Bd. I., S. 463).
Wenn also vor vierzigtausend Jahren die Lebenswärme erreicht war,
so war nicht einzusehen, warum wir nicht mit dieser Ziffer auch den
wirklichen Lebensanfang in Händen hatten.
Buffon schloß aber noch weiter.
Zunächst gab diese Rechnung auch einen scharfen Zukunfts-Grenzwert.
Die Abkühlung der Erde ging weiter, auch über unsern heutigen
Zustand hinaus. In 93291 Jahren mußte die Erdkugel bis auf ein
Fünfundzwanzigstel der heutigen Temperatur abgekühlt sein. Das
bedeutete aber Vereisung, -- endgültigen Kältetod alles Lebens. Es war
die Schlußziffer, mit der die Lebensära nach einer ruhmreichen Dauer
von rund hundertdreiunddreißigtausend Jahren wieder abschnitt, Pflanze,
Tier und Mensch begrabend.
Die zweite Folgerung ging auf die übrigen Planeten und Monde unseres
Systems. Überall dort rechnete Buffon nach der gleichen Methode. Die
kleineren waren früher in ihre Lebensperiode eingetreten, hatten sie
aber auch rascher schon durchlaufen, die größeren umgekehrt folgten
erst langsam nach. Der fünfte Trabant des Saturn war beispielsweise
die erste Welt in unserem System gewesen, die lebensfähig geworden
war, seit mehreren Jahrtausenden aber war sie auch schon wieder zu
Todesstarre vereist. Unser eigener Mond hatte höchstens sechzigtausend
Jahre lang geblüht und war seit über zweitausend Jahren auch im
Lebenssinne wieder erloschen. Auch der Mars war längst gestorben,
auf dem vierten Saturn-Trabanten lag alles in den letzten Zügen der
Verschmachtung, die Venus dagegen war noch etwas wärmer als wir, auf
dem Saturnring stand das Leben in erster Vollkraft und gar der Jupiter
war heute noch überhaupt zu heiß zur Bildung organischer Wesen.
Auch alle diese Angaben kamen in Ziffern bis auf halbe Jahre genau.
Daß auch diese andern Weltkörper ihr Leben entwickelten zu ihrer
Zeit, stand ein für allemal fest. Man darf glauben, sagt Buffon, daß
alle diese gewaltigen Himmelskörper, deren Temperatur in der rechten
Periode ist, „gleich dem Erdball bedeckt seien mit Pflanzen und selbst
bevölkert mit empfindenden Wesen, die den Tieren der Erde ungefähr
ähnlich sind.“
Buffon erfuhr mit diesen kühnen Rechnungen das größte Leid seines
sonst so schönen Denkerlebens. Obwohl die Ziffern gar nicht so
außerordentlich groß waren, stimmten sie nämlich doch nicht mit den
hergebrachten Zahlen der Bibel.
Selbst eine tief religiöse Natur mit innerlich fein geklärtem
Standpunkt, hatte Buffon friedlich losgerechnet, ohne sich etwas
Verfängliches zu denken. Aber man begreift, daß das für seine Zeit
eine starke Zumutung war: über 74000 Jahre Weltexistenz allein für
die Erde gefordert statt der üblichen paar tausend Jahre für das
Ganze, -- Mehrheit bewohnter Welten bis zu empfindenden Wesen von
Tierähnlichkeit, also wohl gar Menschen auf Venus und Saturn --
endlich, wie wir heute sagen würden, unverfälschter Darwinismus, der
den Planeten Leben treiben ließ zu seiner Zeit und Pflanzen- wie
Tierarten sich entwickeln ließ wie ein Kristall unter bestimmten
Umständen naturgesetzlich anschießt ... das war für den Hof Ludwigs XV.
und XVI. denn doch des Guten an Ketzerei zu viel.
Man machte dem harmlosen Gelehrten das Dasein sauer genug. Doch das ist
mit den Zeiten verschollen. Was uns als übrig allein interessiert, ist
die Wahrheitsgrundlage seiner Rechnungen und Ideen selbst. Und da ist
denn auch für uns manches zu sagen.
Wer aus der schlichten Vorstellung der sieben Schöpfungstage kam, dem
mußte gewiß schon Buffons großer Erd-Roman wie etwas Überwältigendes an
Handlung und Verwickelung erscheinen.
Der nächste Fund aber über Buffon hinaus war: er hatte die Dinge +zu
klein+ gesehen.
Wohl schwebte er im Geiste wie ein Herrscher über der Glutkugel,
die sich abkühlte, bis Pflanze, Tier und Mensch auf ihrer Rinde
wohnen konnten. Doch bei dieser „Rinde“ hatte er immer nur an die
Schlackendecke aus Schmelzfluß gedacht, an etwas Einheitliches, wie es
auch seine Metallkugeln im Experiment wiesen. Die Forschung noch neben
ihm und unmittelbar nach ihm besah sich aber die wirkliche Erdrinde,
auf der wir Menschen hausten, etwas genauer und sie geriet auf ein
besonderes Bau-Geheimnis noch in ihr, zu dem Buffons einfaches Modell
des Erdenhauses nicht auslangen wollte.
Gewiß war das, was wir von dieser „Rinde“ im Oberflächenbilde mit
seinem Wechsel von Berg und Tal, Ebene und Wasserbett oder auch im
Aufschnitt und angerissenen Innern zu sehen bekamen, nur ein kleines
Stückchen zu der ungeheuren Kugel, wirklich nur eine Art dünner Haut.
Noch heute, da wir ein paar für unsere Ameisen-Technik ganz kolossal
tiefe Bohrlöcher hineingetrieben haben, geht das längste dieser Löcher
(das von Paruschowitz in Oberschlesien) nur erst 2003 Meter in die
Erde hinab, zwei Kilometer von zwölftausend; die tiefsten natürlichen
Aushöhlungen im Ozeansgrunde reichen immer noch mehr als viermal
tiefer und selbst das wäre schließlich auch nur eine kleine Ziffer.
Nehmen wir den Gaurisankargipfel, den tatsächlich noch keiner wirklich
betreten hat, als oberste Ecke und jene Riesentiefen des Meeres, wie
sie die Challenger-Expedition und neuere gelotet haben (auch von hier
kennen wir nur einige oberflächlichste Schlammproben und die Druck- und
Temperaturziffern), so kommen rund kaum achtzehntausend Meter heraus,
-- als das Äußerste, was wir annähernd von der Erdrinde als idealer
Kante überschauen. Achtzehn Kilometer gegen zwölftausend! Damals, zu
Goethes Manneszeiten, hatte man aber noch viel weniger.
Und doch merkte man etwas.
Dieses Stückchen Rindenerde machte durchaus nicht bloß den Eindruck von
Krakatau-Schlacke. Allenthalben, wo diese Rinde geborsten, aufgewühlt,
in ihre „Eingeweide“ hinein entblößt war, erschien sie wie durchsetzt
mit aller Art Brocken und Fetzenstücken eigentümlicher konzentrischer
Steinhäute, die aus der einfachen Rinde ein so unglaublich
kompliziertes Ding machten, wie wenn einer in eine Zwiebel schneidet
und statt einer einfachen Fruchtschale eine Zwiebelhaut über die andere
losschält.
Und es bedurfte wirklich nur eines ziemlich geringen Durchdenkens der
Sache, so mußte klar werden, daß diese bald aufeinander gepackten,
bald wieder gelösten, zerrüttelten, zerstückelten Zwiebelhäute zum
teil jedenfalls ein Ergebnis von Wasserniederschlägen in einer Reihe
von einander folgenden Zeitabschnitten sein mußten. Nur das Wasser
konnte diese zwar oft nachträglich gestörte, aber immer wieder
durchschimmernde horizontale Butterbrot-Schichtung der Gesteine bewirkt
haben, und auf alten, erst nachher verhärteten Wasserschlamm deutete
allzu klärlich auch die sandige, schieferige, kalkige Natur dieses
Gesteins.
Das war die grundlegende neue Weisheit unseres deutschen geologischen
Altmeisters Werner, der geboren wurde, als der erste Band von Buffons
Naturgeschichte eben heraus war, 1750. Werner saß Zeit seines Lebens
im Erzgebirge, er reiste nicht, er spekulierte wenig mit großen Werten
und er schrieb keinerlei packende Werke in vielen Bänden. Aber er ritt
auf einem Prinzip, und das war in der Tat unendlich wichtig: daß der
Hauptteil mindestens der Gesteine der Erdrinde, die wir heute sehen,
ein Produkt des Wassers sei, angesetzt auf einer Grundrinde, etwa
wie sich nachträglich Kesselstein auf das Metall eines Dampfkessels
auflagert, und, ursprünglich wenigstens, angesetzt in wirklichen
konzentrischen Lagen Schicht auf Schicht in einer Reihe einander
folgender Zeitperioden.
Mochte es nun mit der anfänglichen Glutkugel sein, wie es wollte:
jedenfalls schob sich zwischen ihre erste eigene Erkaltungsrinde und
unsere schließliche, heute greifbare „Oberfläche“ noch ein gewichtiges
Zwischending: diese ungeheure, viele tausende von Metern dicke Lage
steinerner Butterbrote, die den darüber stehenden Meeren verdankt
wurden. Ihre ganze Masse war im Meer einmal einigermaßen aufgelöst,
lose verteilt gewesen und dann langsam abgelagert worden, wie heute
noch allerorten die Schlammteilchen im ruhigen Wasser allmählich
abwärts sinken und einen Bodensatz bilden.
Zu diesem Akt des Wassers aber gehörte -- Zeit.
Buffon hatte gerufen: Zeit für die Temperatur, 74000 Jahre für die
heutige Abkühlung der Ur-Rinde! Werner verlangte: Zeit für das Wasser;
Zeit für seine dicken Kesselsteinschichten auf dieser Rinde; wie viel,
mochte zunächst offen sein, und es brauchte vorläufig auch keine
Debatte zu sein, ob die Buffonsche Ziffer stimmte, auf alle Fälle
handelte es sich jetzt um ein Separatkonto.
Und das ist für die ganze Folge das Entscheidende auch geblieben in
allem Wechsel: daß hier eine +zweite+, von der Wärmerechnung
ganz unabhängige Zeitforderung in die Geologie eintrat. Die ganze
Buffon-Forderung konnte leerer Traum sein: so blieb doch hier von einer
ganz anderen Ecke her eine neue Zeitforderung bestehen, die für sich
bewiesen werden konnte oder widerlegt werden wollte. Aber -- und das
ist das noch wieder Entscheidende -- auch diese Forderung verlangte
viel Zeit.
Es ist nicht Werner selbst, der große alte „Thales der Geologie“, der
Wassergeologe, der diese Forderung des „viel Zeit“ am schärfsten zieht,
sondern ein zweiter Mann der gleichen Tage.
Wer die Geschichte der Geologie in ihrer großen denkwürdigen Genesis
im 18. Jahrhundert knapp aus dem Leitfaden lernt, der pflegt sich
einzupauken: zwei Schulen des Anfangs, zwischen 1750 und 1800;
Neptunisten und Plutonisten; erstere leiteten alle Bildungen der
Erdrinde geschichtlich aus dem Wasser ab, letztere aus dem Feuer;
Haupt der ersten Schule ist Werner von Freiberg; Haupt der letzteren
Hutton in England. Wer das konfus ausdrückt, dem wird es zu einem
wirklichen Wiederaufleben des alten Philosophengegensatzes von Thales
und Heraklit: der eine baut die ganze Erde bloß aus Wasser, der andere
bloß aus Feuer auf. So kahl waren aber die Extreme in Wahrheit nicht.
Hinter beiden Anschauungen stand Buffon mit seinem sich abkühlenden
Glutstern. Werner kam bloß in der Folge zum Ruf des Allverwässerers,
weil er einzelne Gesteine, die wir heute sicher zu den lavaartigen,
aus Glutfluß unmittelbar erstarrten, rechnen, auch noch für
Wasserniederschläge nahm, so den als Exempel und Kampfobjekt berühmt
gewordenen Basalt. Aber an der Basis aller Schichten blieb auch ihm
ein ursprünglicher „Grund der Hölle“ wie Goethe im Faust sagt, als er
seinen Helden mit Mephisto auf dem Granit des Hochgebirges Halt machen
läßt.
Und umgekehrt war James Hutton kein einseitiger Feuermeister, sonst
hätte er nur für den Buffonschen und nicht für jenen anderen, zweiten
Zeit-Begriff in Betracht kommen können.
Huttons umfassende Bedeutung ist erst in späteren, zum Teil erst in
neueren Tagen recht gewürdigt worden. Kürzlich hat Friedrich Ratzel
in einer auch sonst ausgezeichneten Studie (in Ostwalds „Annalen
der Naturphilosophie“) ihn trefflich grade in seiner Rolle auch als
nicht-plutonischer Zeit-Forderer charakterisiert.
Obwohl Hutton die Erdwärme überall brauchte und sich ohne sie das
Stein-Werden alter Schlammschichten überhaupt nicht denken konnte, lag
ihm doch an Buffons Ur-Roman eigentlich noch weniger als Werner. Sein
Blick faßte die Erde viel lieber als etwas von Ewigkeit her Gegebenes,
an dem wir bloß gewisse harmonische, gleichsam rhythmische Kreisläufe
von Erscheinungen beobachten könnten. Zu solchen Erscheinungen gehörte
auch die Bildungsgeschichte jedes Stückes Kalk, jeder Platte Sandstein.
Das Bild, das wir uns von dem Vorgang der Entstehung nach schlichter
Gesetzmäßigkeit machen wollten, bestimmte die dabei verflossene Zeit.
Wo konnte uns aber bei der ewigen Ähnlichkeit dieses Erden-Rhythmus
etwas Besseres ausgesagt sein über jenes Bild als in den +heute+
noch sichtbaren Vorgängen der Kalk-Bildung, der Sand-Anhäufung auf
Erden?
Noch heute häufte der Fluß vor seiner Mündung eine Barre von Sand
auf, noch heute baute sich, erhöhte sich, wanderte, festigte sich
die Sand-Düne am Gestade des Ozeans. Heute auch noch häuften sich im
Seegrunde die Kalkschalen von Tieren, heute noch bauten die kleinen
Korallenwesen hohe Mauern aus solider Kalkmasse auf. Hier und nur hier
konnte der Schlüssel auch zum Verständnis des alten Werdens liegen.
Grade diese Vorgänge von heute aber liefen nicht im
Siebenmeilenschritt: sie verlangten Zeit zuerst, Zeit zuzweit, Zeit
immer wieder.
Sandkörnchen um Sandkörnchen wuchs die Düne. Jahr um Jahr prägte sich
das Stromdelta an der Mündung etwas schärfer aus, aber an der Spule
dieses „Etwas“ spann sich der Faden durch die Jahrtausende, bis ein
großes Bild wirklich da sein konnte.
Die Ewigkeit der Vergangenheit hatte nun weite Arme für solche
Zeitforderung der Gegenwart. Genau so langsam mochten die Sandberge,
die Kalkquadern der Vorwelt sich gebildet haben. Zumal wenn wir uns
dachten, daß all dieses Material, das vom Wasser etwa als Schlamm
abgelagert werden konnte, vorher durch langsames Abnagen und Zerstören
wieder vom Urfels oder von noch älteren, schon landgewordenen
Ablagerungen gewonnen sein mußte. Und der Blick tauchte und tauchte in
geradezu endlose Zeiten allein für diese Wasserarbeit. Es hatte nicht
vom Kosmos her plötzlich vierzig Tage lang Sand geregnet oder der
Erdenschlund hatte nicht Sand gespieen, sondern Teilchen zu Teilchen
war atomhaft winzig in den Wassergrund gesunken wie heute -- und doch
waren jene Butterbrotschichten von vielen Kilometern Dicke geworden,
die heute bald in Brocken durch die zerborstene Rinde verstreut
liegen, bald sich Kilometer um Kilometer noch als einheitliche Fläche
horizontal unter unserem Schritt dahin ziehen.
Zeit war die große Melodie, die aus all diesen grundlegenden Tatsachen
heraufklang. Unabsehbare Zeiträume, allein nötig für die Wasserleistung
und organische Kalkproduktion des Planeten.
Die Veröffentlichung von Huttons Ideen fällt erst ganz in den Ausgang
des Jahrhunderts.
Auch da war die unmittelbare Wirkung gerade seines Werkes geringer, als
wir heute denken sollten, wenn sein Name im Leitfaden als der eines
Kirchenvaters der Geologie, als des scheinbaren Gegenpapstes zu Werner,
erklingt. Als eigentliches Dokument ist es, wie gesagt, erst später
gewürdigt worden. Aber die Gedankengänge, die es ausspricht, müssen
wir in der ganzen Zeit damals als eine (wenn auch nicht so scharf
formulierte) Grundströmung suchen.
Goethe ist das beste Beispiel bei uns.
Goethes Geologie, wie wir sie jetzt in zwei Bänden der Weimarer Ausgabe
vollständig vor Augen haben, besteht nur aus einer scheinbar regellosen
Fragmentenreihe. Aber es geht wie bei allen naturwissenschaftlichen
Studien Goethes. Die Stücke sind alle nur Bruchstücke eines
einheitlichen Werkes, einer Morphologie der Erde. Man fühlt die große
Linie durch, die ihm vorschwebte, und man fühlt auf Schritt und Tritt
das Wehen des geologischen Zeitgeistes dabei von damals.
Goethes Geologie schiebt sich zeitlich fast ziffernmäßig genau zwischen
Buffon und Lyell. Für die Ur-Anfänge seiner Erde schweben ihm Buffons
Bilder vor: die Erde als erkaltender Stern. Das reicht bis auf eine
Ur-Erkaltungsrinde, die er im Granit sucht. Auf ihr (und zeitlich nach
ihr) spielt sich aber dann der ganze Zwischenakt im Sinne Werners und
Huttons ab. Die Sedimentgesteine bilden sich. Langsam, schlicht, nach
Art, wie heute sich etwas ablagert.
Goethe nahm in Plutonismus und Neptunismus anfangs eine sehr besonnene
Vermittlerstellung ein. Später, als die Katastrophen-Lehre sich geltend
machte, war er entschieden gegen das Gewaltsame, die wüste „Polterei“
auf vulkanistischer Grundlage; es war aber nur eine Stellungnahme bei
ihm gegen ein Extrem, und im Untergrunde revoltierte in ihm gerade
das Festhalten an dem Prinzip des Langsamen, der reichen Zeit, des
harmonischen Kreislaufes kleiner, noch heute ebenso zu beobachtender
Wirkungen.
Gerade an den Stellen, wo man von Goethe als Detailforscher reden
kann, äußert sich am durchsichtigsten, wie selbstständig und klar er
sich den Standpunkt auch errungen hatte, an dem man jetzt bei Huttons
Namen denkt. Das Geheimnis der erratischen Blöcke beispielsweise
hat ihn viele Jahre lang beschäftigt, jener Blöcke, die weitab von
der Stelle, da ihr Gestein als Fels ansteht, jäh, unerklärlich
zunächst, als loses Trümmerstück auftauchen, nicht abgerollt durch
Wassertransport, sondern hingeworfen, als habe eine Riesenhand sie
meilenfern vom Gebirge gesprengt und als scharfkantige Scherbe ins
Land gestreut. Goethe löste das Problem in dem Sinne, der heute fester
Besitz unserer Wissenschaft ist, -- es war aber just ein Sinn aus jenem
weiteren Gedankengang heraus. Er suchte nicht mit blühender Phantasie
wirkliche gespenstische Riesenursachen der Vorwelt, die mit hausgroßen
Granitblöcken spielten wie mit Kindermurmeln. Er sammelte Material
über die heute noch sichtbare Art, wie Urgestein fernweg von seiner
Gebirgsader verfrachtet wird. Wasser im gewöhnlichen Sinne, das Sand
verschleppt, paßte nicht. Aber Wasser trat heute auch auf als Eis.
Die Alpengletscher brachten Granitscherben langsam, aber sicher heute
noch vom Firngipfel bis an ihren schmelzenden Fuß im Tal. Eisschollen
trugen eingebackene Gesteinsbrocken als natürliches Schiff sogar
übers Meer. Mit unermüdlichem Eifer sammelte Goethe Material über den
Gletschertransport in den Schweizer Alpen. Eine Nachricht über große
Eisschollen, die mit Granitstücken beladen, durch den Sund geschwommen
seien, versetzte ihn in Entzücken, -- es war gerade, was er brauchen
konnte: eine heute beobachtete Tatsache, die das Vergangene jäh
erhellte. Wo heute erratische Blöcke lagen, da war einst ein Meer mit
solchem blockbeladenen Treibeis gewesen, oder ein Gletscher hatte seine
Moränen gehäuft. Zu all diesen Vorgängen aber war Zeit erforderlich.
Dem Auge des Reisenden war ein Gletscher ein starres Gebilde. Seine
Arbeit konnten erst Generationen gewahren. Gerade von dieser Arbeit
aber sahen wir aus alten Tagen nun die unvergänglichen Spuren,
unvergänglicher als selbst seine eigene Existenz.
Das war nur möglich, wenn man „einer freiwirkenden Natur Jahrtausende
Zeit“ ließ (Worte Goethes, Weimarer Ausgabe Band IX S. 20 in dem
Aufsatze über die „Joseph Müllerische Sammlung“) und mit Thales im
„Faust“ sprach:
„Nie war Natur und ihr lebend’ges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.“
Bedürfte es noch einer Probe für Goethes geologisch-chronologisches
Bekenntnis, so steckt sie, auch dem Skeptischsten offen, in seiner
Stellungnahme zu dem geologischen Werke des deutschen Karl Ernst Adolf
von Hoff in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Es war ihm „ein
Schatz“. Aber mehr als das. Es erging ihm dabei wie bei dem berühmten
vor-darwinistischen Streit Geoffroy St. Hilaires gegen Cuvier, wo
er seine eigenen vieljährigen Überzeugungen über die Entwickelung
des Organischen in einer jungen Generation unabhängig aufleben und
sich durchringen sah. Das Gleiche erlebte er mit Hoff für seine
geologischen Ideen: er fand sein Eigenstes, das Resultat unendlichen
stillen Nachdenkens, im strengsten wissenschaftlichen Gewande jetzt bei
einem Jüngeren vor, der aber nicht wirklich sein Jünger war, sondern
nur durch eigenen Blick vor den Dingen auf das Gleiche gekommen war.
Selbstlos freute er sich des immer erneuten logischen Durchbrechens der
Wahrheit.
Was aber lehrte Hoff?
Es gilt hier, die Linie ein Stück weiter geschichtlich heranzuleiten.
Noch in Goethes größten Jahren folgte auf Werner und Hutton eine
Arabeskenkurve des geologischen Betrachtens.
Es folgte die sogenannte Katastrophen-Lehre.
Man hatte jetzt gelernt, eine sichere Reihe geologischer Epochen
diesseits des Buffonschen Rindenabkühlungsmoments wirklich zu
unterscheiden, die Epochen der verschiedenen Gesteinsbildungen durch
Meeresniederschläge. Innerhalb jeder einzelnen dieser Epochen ließ man
das langsame Werden im Sinne der Huttonschen, der Goetheschen Ideen
durchweg zu. Aber zwischen Epoche und Epoche schob man ein Interregnum
besonderer Erdtätigkeit, eine katastrophenhafte Unterbrechung.
Man hatte gemerkt, daß die meisten Tiere mit den Epochen wechselten.
Neue Arten tauchten auf, alte verschwanden. Gerade an diesem
Wechsel der Tierformen in den versteinerten Resten hatte Smith die
ursprüngliche Reihenfolge und Sonderung der Butterbrotschnitten in der
Rinde unterscheiden gelehrt.
Jetzt übertrieb man das, als habe keine Tierart von einer Epoche in die
nächste hinein ausgedauert. Und aus dem Untergang wieder schloß man auf
eine tötende Katastrophe.
Die Voraussetzung war falsch, der Schluß war es entsprechend. Es
handelte sich nicht um gerade Fortschrittsbahn der geologischen
Auffassung, sondern um eine Arabeske.
Immerhin war es, was den Begriff der langen geologischen Zeit anbetraf,
nicht unbedingt nötig, daß er von hier aus litt. Die Zwischenzeiten
zwischen je zwei Katastrophen, also die eigentlichen geologischen
Epochen, mochten als solche eine ungeheure Zeit nach wie vor füllen.
Cuvier dachte an Millionen von Jahren, die uns im ganzen etwa von den
Ichthyosauriern trennen könnten.
Aber es war doch auch wahr, daß das Plötzlichkeits-Element ohne jede
Analogie zum heutigen Geschehen, das in den Katastrophen steckte,
auch innerhalb der ruhigen Epochen schließlich zu Gewalt-Phantasien
verführen mußte, die von den Ideen Huttons und Goethes fortlenkten.
Das jähe, aus keiner Analogie begreifbare Neu-Entstehen der Tiere und
Pflanzen auf der nackten Krakatau-Schlacke jeder neuen Katastrophe
war schon eine solche Verführung. Wenn das möglich gewesen war, dann
möchte die Urwelt auch Kolossalmittel des Moments gehabt haben, um in
einer Stunde eine ganze Sandbarre, groß wie die Sächsische Schweiz,
aufzuhäufen.
Der Maßstab von heute fiel ab als Wahrscheinlichkeitsmaß.
Wenn man also auch in der Katastrophenlehre gern mit Riesenziffern
herumwarf, so geschah das eigentlich nicht mehr auf dem Boden des
gesunden Huttonschen Prinzips. Es geschah vielmehr aus Liebe zum
überhaupt Kolossalischen, in die man die Geologie hineinerzogen.
Riesige Ichthyosaurier und riesige Mammute; riesige Explosionen,
Dämpfe, Lavastöße, Glut- und Wasserfluten; dazu paßten am besten auch
„riesige“ Zeiten. Aber man war aus der beobachtenden Forschung heraus
im Roman.
Der Dichter Goethe, der ein so wundervolles Beobachterauge und so
viel schlichten Respekt vor der nicht zu übertreibenden Majestät des
Einfachen, der „Alltagsnatur“ hatte, sah das klar ein und tat danach:
er verschloß seine Tür vor dieser Polter-Geologie der analogiefreien
Erfindung. Die wissenschaftliche Herrschaft der Katastrophenlehre
dauerte aber offiziell bis zu seinem Ende. Dann brach sie merkwürdig
schnell wieder zusammen.
Der erste Vorbote dieses Zusammenbruchs war aber eben jener deutsche
Geologe zu Gotha, von Hoff, im ersten Bande seiner „Geschichte der
durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der
Erdoberfläche“ 1822. Hoff lenkte durchaus wieder in Huttons besonnene
Bahnen zurück. Mit vollem Nachdruck lehrte er wieder die Gegenwart
mit ihrem alltäglichen geologischen Geschehen als Lehrmeisterin der
Urwelts-Geologie betrachten. Und beredt wußte er zu schildern, daß hier
die ungeheure Länge der geologischen Zeit eine echte Forderung der
strengen Kritik sei, nicht ein phantastisches Riesenspiel. Das war der
Hoff, den Goethe begrüßte.
Anfang der dreißiger Jahre, in Goethes spätestem Abendrot, trat
dann der Engländer Lyell auf, mit dem die Katastrophenlehre wirklich
einstürzt.
Lyell führte die Ansichten von Hutton, von Goethe und von Hoff
hinsichtlich der geologischen Arbeitsart zum vollständigen Siege. Das
heißt: er entwickelte sie für sich und erfocht den Sieg auf seinen
Namen. Hutton verscholl dabei mehr oder minder, Goethe war nie bekannt
geworden, Hoff trat bescheiden bei Seite und ist erst ganz spät gegen
den Wunsch der Lyellianer in seine Prioritätsrechte eingesetzt worden.
Einerlei aber: die Ideen gewannen diesmal endgiltig die Oberhand.
Und damit triumphierte um die Mitte des 19. Jahrhunderts auch jene
zweite Forderung langer geologischer Zeit endgiltig, die tief im 18.
unabhängig von Buffon eingesetzt hatte.
Diesmal sollte sie aber gleich noch eine dritte Quelle auslösen, --
eine auch schon früher geahnte.
Als Darwin 1831 seine Weltreise antrat, war eines der wenigen Bücher,
die er mit in seine Kajüte nahm, der eben erschienene erste Band von
Lyells Geologie.
Auf der Reise selbst wurde er zum Geologen und zum Schüler Lyells. Er
lernte, die Dinge alle im Sinne langsamen Werdens anzusehen. Langsam
hoben sich Küsten, langsam zermalmte der Gebirgsbach den harten
Stein, langsam baute die Koralle sich auf sinkendem Grunde immer
wieder zäh empor, langsam verschleppte der Eisberg Granitbrocken.
Allenthalben arbeitete heute noch die Erde geologisch weiter. Dieser
Arbeit Vergangenheit zugestanden und Zeit, unabsehbare Zeit -- und das
Antlitz der Erde faltete sich und glättete sich, das ganze ungeheure
Wandelpanorama zog und zog vorbei, von dem die Sedimentschichten
erzählten, ohne erdumwälzende Katastrophen.
Wenn es aber keine Katastrophen gab, so mußte auch der Wechsel der
Tierwelt in der Geologie anders begriffen werden. Was verschwunden war,
wie die Mammute, die Ichthyosaurier, mußte allmählich ausgestorben
sein. Wir hatten das unter unsern Augen erlebt, wie Tierarten
sterben, am Vogel Dronte, an der Seekuh von Kamtschatka. Was aber neu
entstanden war, in späteren geologischen Schichten in versteinerten
Resten lag, während es in früheren fehlte, -- das hatte sich auf
natürliche Weise entwickelt. Diese Neu-Entwickelung von Arten hatten
wir allerdings noch nicht gesehen. Aber Darwin suchte und glaubte
zu finden eine erdrückende Fülle von Indizienbeweisen dafür. Es war
das nächstliegende, daß Art sich von Art abgespalten hatte, daß das
Vorhandene stets das Treibbeet des Neuentstehenden gewesen war.
So hatten schon vor Darwin die gedacht, die den alten Buffonschen
Grundgedanken, daß Arten da entstehen, wo ihre Möglichkeit gegeben ist,
sich irgendwie auszudenken, in Bildern zu denken gewagt hatten.
Warum aber erlebten wir diesen Prozeß heute nicht mehr? Darwin fand
jene einfache Antwort auch da, die aber unendlich schwerwiegend sein
mußte für das Zeit-Problem. Der Vorgang der Art-Entstehung war so
langsam, daß wir ihn mit unseren paar Beobachter-Jahrhunderten noch gar
nicht fassen konnten. Eine geologisch im Lyellschen Sinne zweifellos
so gewaltig lange Zeitperiode wie etwa die ganze Tertiär-Zeit mochte
dagegen etwa die höheren Säugetier-Arten alle hervorgebracht haben, sie
langte.
Der alte Huttonsche, Goethesche, Hoffsche, jetzt Lyellsche geologische
Zeitbeweis trat hier in die Kette der biologischen Indizien ein.
Aber dann zahlten Darwin und die Seinen auch zurück von ihrer Seite.
Die älteren geologischen Zeiten verlangten noch ganz andere
Tierumformungen als nur die Zerspaltung des Säugetiers in so und so
viel Ordnungen, Familien, Gattungen, Arten. Das älteste Säugetier
sollte sich einmal vom Reptil, das Reptil vom Molch und Fisch
abgespalten, schließlich das Wirbeltier aus dem Wirbellosen geworden
sein. Das waren so riesige Umwandlungen, daß die Zeiträume selbst
im höchsten geologischen Maß, an das man bisher gedacht, +sich
strecken+ mußten.
Die Biologie, von Darwin inspiriert, ging noch einmal für sich auf
chronologische Maximalziffern.
Erst durch Darwin ist es geläufig geworden, von Jahrmillionen im
größten Stil zu reden, von zwei-, dreihundert Millionen Jahren, die
für das Leben allein auf der Erde nötig seien, -- bis an die tausend
Millionen, also die regelrechte Milliarde heran.
Rechnete man doch jetzt nicht mit dem Krakataufels, zu dem Wind und
Welle und Vogel Geschlecht um Geschlecht schon anderswo vorhandenen
Lebens trägt: auf dem ursprünglichen Fels hatte man nur die primitivste
einzellige Alge etwa und aus der sollten je nach Ort und Gelegenheit
auf dieser Ecke der Erdeninsel diese, auf jener jene Abarten sich
entwickelt haben, die wiederum in Enkel- und Urenkelketten Wandel
erlitten, bis der Fels endlich von immer höherem Leben autochthon
grünte und so weiter bis zur höchsten Krone des Lebens.
Überschauen wir auf dieser Ebene die zweite Hälfte des 19.
Jahrhunderts, so bleiben wir trotz allem, was heute wohl gesagt wird,
auf einheitlichem Boden.
Bei allem Zweifel an den engeren Darwinschen Sätzen ist der
Grundgedanke einer langsamen natürlichen Entwickelung von Form zu Form
immer fester und fester geworden.
Längst ist er nicht mehr bloß ein Anhängsel der rein geologischen
Anschauung, wenn schon er sich nach wie vor aufs beste mit der modernen
Geologie verträgt. Vor allem durch die vergleichende Anatomie, die
heute alle biologische Systematik von Grund aus trägt, ist er zu einer
völlig selbständigen Macht geworden, mit völlig eigenen Beweisketten,
die bestehen blieben, auch wenn es gar keine Geologie gäbe.
Und so läßt sich der Zeitbegriff für die Spanne seit jener alten
Buffon-Grenze, „seit Möglichwerden organischen Lebens auf der Erde“,
heute tatsächlich rein biologisch begründen, ohne Rücksicht noch
wieder auf jene zweite geologische Chronologie, wie sie in der Linie
zwischen Werner und Lyell liegt.
Und wir mögen die Dinge wenden und drehen, wie wir wollen: wir kommen
hier nach wie vor auf die denkbar größte Forderung.
Alle irgendwie sinnvollen Versuche, die ursprünglichen Darwinschen
Erklärungsprinzipien für den Hergang der Entwickelung durch bessere
zu ersetzen, kommen ja doch, wie gesagt, über den einen Punkt nicht
hinaus: daß die Entwickelung langsam, Schritt für Schritt, sich
vollzogen habe.
Immer, wenn man die Formreihen der Lebewesen entlang blickt, kommt
der alte Goethe-Spruch zur Geltung, das Goethesche Gesetz, wie man
es nennen könnte: daß in jeder anatomischen Einzelheit uns die
greifbaren Spuren eines großen geschlossenen harmonischen Kunstwerks
entgegentreten, eines Kunstwerks, in dem es keine abrupten Töne,
sondern nur wunderbar miteinander verknüpfte Tonfolgen, unendliche
Melodieen ohne Lücken gibt. Der Ort, wo der alte Goethe sich seine
Weisheit holte, ist noch immer der geeignetste dazu: ein Gang durch die
Skelettsammlung eines anatomischen Museums führt auch den Ungläubigsten
mitten in das ungeheure Notenblatt dieser biologischen Symphonie. Ein
einzelnes Organ, wie etwa das Handskelett der Wirbeltiere bis zum
Menschen herauf, läßt eine solche Melodie überwältigend erklingen,
zumal, wenn man noch etwas Paläontologie und Embryologie hinzunimmt,
-- ich persönlich verlasse einen solchen Raum und seine Schau nie,
ohne den ganzen tiefen Genuß mitzunehmen wie aus einem Konzertsaal;
der fortreißende Zauber steckt aber in nichts anderem hier wie dort,
als in dem unendlichen harmonischen Hingang von Ton zu Ton ohne Riß
in immer weiter schreitender feinster Verschränkung und Steigerung.
Jeder grobe Stoß von Form jäh in gänzlich andere Form wäre ein Schlag
ins Gesicht dieser anatomischen Harmonie und zerstörte uns den Genuß
des Herrlichsten, was überhaupt die Biologie bietet, des wahrhaft
Erhabenen, in eine edle Weltenschau Entrückenden, das diese scheinbar
kahlste Wissenschaft des „Beinhauses“ unserm größten Dichter (der
allerdings auch ein großer Kenner war) einst so verklärt hat, daß er
vor ihr sein heiligstes Bekenntnis sprach:
„Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,
Als daß sich Gottnatur ihm offenbare?“
Es ist entscheidend, daß auch alle neueren und neuesten wirklichen
Versuche, über Darwin hinaus die Artentstehung zu deuten, den „kurzen
Schritt“ nicht angreifen. Auch jene Mutationstheorie von Hugo de Vries
trägt doch an ihrer Spitze den Satz: die Natur macht keine Sprünge.
Auch in ihr ist die Umwandlung zwar stets ein fester, aber doch ein
kleiner Schritt.
Und interessant auch ist, wenn man der gemeinsamen Arbeit heute
von Geologie und biologischer Entwickelungslehre folgt, wie beide
sich beständig in die Hände arbeiten zu gunsten noch immer größerer
Zeiträume.
Einerseits dehnt die Geologie ihre Strecken noch beständig.
Die Epochen der echten Sedimentgesteine werden länger und länger.
Vor gar nicht so sehr langer Zeit konnte man noch hören, der Anfang
der Eiszeit sei uns vielleicht ganz nahe gewesen, sie habe sich
möglicherweise im Norden erst abgespielt, als im Orient schon die
alten Kulturreiche blühten, also ein paar Jahrtausende bloß vor
Christus. Heute scheinen den besten Kennern hunderttausend Jahre schon
eine viel zu kleine Ziffer für die Dauer auch nur der eigentlichen
Vergletscherung. Penck rechnet 23000 Jahre vom Ende der Eiszeit
bis heute, wobei er nicht etwa vage astronomische Ziffern, die auf
Ursachen-Hypothesen über die Eiszeit beruhen, zu Grunde legt, sondern
in der streng geologischen Schätzung bleibt. Die Quartärzeit, das
alte „Sündflut-Gebiet“ zwischen dem Ende der Tertiärzeit und unserer
Gegenwart, kommt bei diesen Rechnungen auf seine gute halbe Million
Jahre.
Eine Idee von der Größe dann der Tertiärzeit mag rein geologisch die
jetzt ziemlich sichere Vorstellung geben, daß auf einen engeren
Abschnitt darin die Bildung unserer größten Gebirgserhebungen (Alpen,
Himalaya, Kordilleren) fällt, wohlverstanden im Sinne heutiger Annahmen
kein jäher Polter-Akt, sondern eine ganz allmähliche Bildung.
Die ganze Tertiärzeit ist aber wieder winzig gegen die Kreide- oder
Jura-Zeit. Von der Jura-Zeit hat schon vor Jahren ein feiner Kenner wie
Neumayr gesagt, die ganze Quartärzeit gehe mindestens an die dreißig
Mal in ihre Länge hinein.
Wie man auch mit solchen rein geologischen Maßstäben an die Milliarde
Jahre tatsächlich herankommen kann, mag jene schon einmal von mir
gestreifte Rechnung von Mellard Reade andeuten. Er geht davon aus,
daß zur Bildung einer Kalksteinschicht von einem Meter Dicke auf dem
Meeresgrund über drei Millionen Jahre nötig seien. Nun rechnet er, daß
sämtliche Kalksteine der Erde, die aus den geologischen Epochen übrig
sind, gleichmäßig ausgewalzt eine Schicht von mehr als 160 Metern Dicke
ergeben müßten. Und er schließt also, daß zu deren Entstehung annähernd
600 Millionen Jahre erforderlich seien. Bei der schwimmenden Grenze
solcher Ziffern wird der Weg gegen die tausendste Million, also die
Milliarde, offen!
Auf der anderen Seite aber ist die Entwickelungslehre immer mehr
bestrebt, grade ihre größten, schwersten, also zweifellos längsten
Umformungen organischer Gruppen immer weiter rückwärts in diesen
geologischen Perioden zu schieben.
Daß der Mensch bis hinter die Eiszeit geht, wird nachgerade nicht
mehr ernstlich bestritten werden, -- damit wären wir also einige
Hunderttausend Jahre vor den heute so viel genannten Babyloniern von
vier- oder dreitausend v. Chr. Man kann aber auch schon (von Klaatsch
zum Beispiel) die Meinung lesen, daß der Mensch im mittleren Tertiär,
in der Miocän-Zeit, bereits Steinwaffen hinterlassen habe, ja daß er
ein unmittelbarer Sprößling der urtümlichen eocänen Säugetierwelt sei
und also allen Ernstes selber bis in dieses Eocän, also die älteste
Epoche des Tertiär, zurückreiche.
Diese in der Tat höchst merkwürdige eocäne Säugerfauna, in der
später so himmelweit getrennte Gruppen wie Raubtiere, Huftiere und
gar Halbaffen noch eng in eine Ordnung zusammenfallen, tritt aber
selber schon so im ersten Morgenrot dieser „Morgenrotsperiode“ des
Tertiär auf, daß man ihre eigene Entstehung trotz mangelhafter
paläontologischer Funde unbedingt bis in die Kreide-Zeit, also noch in
die Sekundär-Periode, zurückdenken muß.
Noch wieder aus dieser Periode schieben sich die Säugetiere in ihren
allerfrühesten, noch reptil- oder amphibienhaften Anfängen über die
ältesten Trias-Funde hinaus bis an die Grenze der Primär-Periode zurück.
Wenn aber schon diese Primär-, also die sogenannte Erstlings-Periode
der Geologie, es zu solchem Gipfel gebracht hatte, wie dem Säugetier,
wie lang sollen wir sie allein denken?
Die Sache wird in Wirklichkeit hier noch viel chronologisch
großartiger. Diese Primär-Periode setzt an ihrer untersten
verschwimmenden Grenze, bei oder dicht unter dem sogenannten
Kambrium, ein mit Versteinerungen eines schon damals relativ ganz
hoch entwickelten Lebens, mit echten Vertretern fast aller großen
Tierstämme, und beispielsweise bei den Gliedertieren schon mit einer so
hohen, komplizierten Gruppe wie den Krebsen. Unterhalb dieser Schichten
hören dann, wie gesagt, die Versteinerungen jäh ganz auf. Geschichtetes
Gestein liegt ja da noch weiter in enormster Dicke. Die Geologie für
sich zankt sich aber seit Alters darüber, wie das jetzt entstanden
sei, ob plutonisch oder neptunisch. Einerseits sprechen gute Merkmale
für weitere ungeheure uralte Wasserablagerungen. Andererseits ist die
Struktur so, daß Wärme unbedingt eine Rolle dabei gespielt zu haben
scheint, sei es auch im Sinne nur einer nachträglichen Metamorphose.
Mögen sich aber Pluto und Neptun geologisch in den Haaren liegen, so
lange sie wollen: die biologische Entwickelungslehre fordert hier für
ihr Teil einfach eine unabsehbare chronologische Rückausdehnung der
Lebensmöglichkeit auf Erden noch über das Kambrium hinaus. Denn wenn
auch alle versteinerten Reste zerstört sind: sie fordert Zeit für das
Werden der großen Tierstämme, fordert Zeit für den unendlichen Wandel
solcher Stämme etwa wie dort bis zu den Krebsen hinauf. Da ihr Gebäude
sonst fest steht, darf sie das verlangen. Hinter dem Kambrium kann sich
ihr die Lebenschronologie nicht schon schließen und etwa bereits die
Buffonsche Urerde, die Gluterde ohne Lebensmöglichkeit, geschichtlich
beginnen.
Sieht man aber auf das, was da geleistet worden sein soll, denkt
man, daß alle Anfänge am schwersten sind und daß es ganz gewiß
unvergleichlich viel mehr Mühe gemacht hat und also Zeit gebraucht
hat, daß aus einem einzelligen Urtier ein Trilobiten-Krebs wurde, als
aus dem ein Hummer -- so wird man dieser hypothetischen vorkambrischen
Lebensperiode mit ihren Meeren und sonstigen Lebensbedingungen eine
Zeit ansetzen müssen, viel länger als alles noch, was seit dem Kambrium
und seinen Krebsen verflossen ist.
Mit diesem Zuwachs langt die Milliarde schwerlich.
Und so ist es wirklich wie ein Wettlauf zwischen Geologie und Biologie,
-- wo die eine zögert, reißt die andere mit, und beide zusammen zerren
schließlich den Faden der Chronologie in die Unfaßbarkeit an Länge.
Der Chronologie, wohl verstanden, zwischen dem alten Krakatau-Termin
der oberflächlich erkalteten Erdschlacke Buffons und der Gegenwart!
Eine Milliarde Jahre als kleinste Annäherungsziffer dort, wo Buffon vor
seinen sich abkühlenden Metallkügelchen des Experiments die schlichte
Ziffer Vierzigtausend auf den Schild des Chronos geschrieben, zweifelnd
und verlästert ob des chronologischen Ketzermutes, der Vierzigtausend
gegen die Zahl Sechstausend der Theologie zu setzen wagte!
Aber wir sind mit der einen Linie bis ans Ende des 19. Jahrhunderts
gestiegen. In dieser langen Zeit seit Buffon hatte auch der spezielle
Gedanke jener Buffonschen Rechnung seine Sonderbahn beschrieben und
war tatsächlich sein eigenes Stück auch weiter gekommen.
Eine Weile ist es im 19. Jahrhundert allerdings gewesen, als sei
Buffons Ziffer rein fortgefegt, so stark wurden jene anderen
Zeit-Argumente. Sie war wie erdrückt, erlebte selber das Schicksal der
biblischen Ziffer.
Aber grade in dieser Zeit fügen sich fortgesetzt Züge in das
geologische Bild, die doch merkwürdig gut wenigstens ihre
Voraussetzungen zu bestätigen scheinen.
Die Kant-Laplacesche Theorie wird fast allgemein angenommen und gibt
eine ganz anders anschauliche Grundlage für die Vorstellung einer
Abstammung der Erde von der glühenden Sonne und eines ursprünglich
selber sonnenhaft glühenden Erdballs, als Buffon besessen hatte.
Vulkane, heiße Quellen, die Hebekräfte bei der Gebirgsbildung und vor
allem eine ziffernmäßige Zunahme der Temperatur in den Bergwerken und
Bohrlöchern machen vereint die Meinung wirklich einmal ganz fest, ganz
„exakt“, daß das Innere der Erde noch jetzt glühendflüssig, ja im
Herzen gar gasförmig sei.
Bloß über die Dicke der Erkaltungsrinde von heute bleibt noch Streit,
die Grundangabe dagegen kommt in jedes Schulbuch.
Gelegentlich, schon recht tief im 19. Jahrhundert, wird sogar einmal
von einem Gelehrten auch wieder ein umfangreiches Schmelz-Experiment
gemacht: Bischof läßt große Kugeln geschmolzenen Basalts sich
abkühlen, bohrt Löcher hinein und senkt Thermometer nach, um die
Abkühlungsgesetze zu ergründen.
Schließlich scheint das ganze Material so wundervoll neu da zu liegen
und doch ganz im Rahmen zugleich der alten Voraussetzungen, daß es nur
eines findigen Kopfs braucht, um auch ohne Rücksicht auf den alten
Buffon selbst eine reine Wärme-Rechnung von neuem in der Geologie
auferstehen zu lassen.
Rund ein Jahrhundert nach Buffon nimmt denn auch William Thomson in
England die Sache richtig auf und sucht abermals eine feste Ziffer.
Buffons Angabe ist natürlich in jedem Betracht zu klein. Eine
so ungeheure Differenz kann unmöglich herauskommen zwischen der
Temperatur-Rechnung und jenen Ziffern Lyells und Darwins. Aber Thomson
geht im Übrigen doch wieder seinen Eigenweg, genau wie einst Buffon
selbst.
Er holt die neuen Temperatur-Materialien zusammen und sucht mit ihnen
durchzudringen, indem er sie aneinander reiht. Da merkt er denn
freilich etwas Störendes.
Die Grundziffern sind doch nicht so bequem. Beispielsweise: wie
viel ursprüngliche Erkaltungswärme hat die Erde heute noch? Jene
Thermometer-Steigerung beim Eindringen in Bohrlöcher müßte es lehren.
Wie verläuft sie? Bei welcher Tiefe müssen wir uns denken, daß sie
so hoch wird, daß noch jetzt alle Gesteine im Schmelzfluß sind?
Die Angaben über die Steigerung differierten leider. Es gab eine
Maximalbehauptung und eine Minimalbehauptung, die sich widersprachen.
Ferner: wie hoch war die Anfangstemperatur der Urerde? Und wie stand es
mit der Wärmeleitung der Gesteine? Auch da gab es schwankende Ziffern.
Also beschied sich Thomson, zwei +Grenz+zahlen zu finden.
Eine, wenn jene Grundziffern so hoch, wie es ihm noch zulässig
erschien, angenommen wurden, und eine, wenn sie so tief wie tunlich
gesetzt waren.
Das Resultat war jedenfalls interessant.
Thomson errechnete, daß seit Erstarrung der Erdkruste nicht weniger als
zwanzig Millionen Jahre verflossen sein könnten, -- aber auch nicht
mehr als vierhundert Millionen.
Schlug die Minimalziffer immer noch gründlich Buffons Zahl tot, so war
die Maximalziffer doch immer noch nicht genügend für jene Forderungen
der modernen Geologie und der Entwickelungslehre der Biologie. Vollends
entsprach diesen nicht die von Thomson befürwortete Mittelzahl von
bloß etwas über hundert Millionen. Und später ist Thomson sogar noch
von der beträchtlich heruntergegangen.
Es konnte scheinen, als bereite sich da noch einmal ein ernsthafter
Konflikt trotz allem zwischen der echten Nachfolge Buffons in
der Physik und der Nachfolge Lyells und Darwins vor. Wo man
besonders Darwin etwas am Zeuge flicken wollte, wurde denn auch die
Thomson-Ziffer gelegentlich ausgespielt als Dämpfer.
Andererseits diente sie mit ihrem riesigen Spielraum von hunderten von
Millionen auch wohl wieder denen als Zielscheibe, die über das müßige
„Spiel mit Millionen“ in der Chronologie des Naturforschers wohlfeil zu
scherzen beliebten.
Der wahre Sachverhalt ist, daß auch über diesen heutigen physikalischen
Rechnungen schließlich doch ein Unstern schwebt.
Grade sie wollen uns wirkliche Zahlen „exakt“ geben und verwirren doch
nur das Bild, das Geologie und Biologie aufgerollt haben, dabei ins
ganz Unsichere hinein. Die Voraussetzungen, die Thomson vermeintlich so
sicher vorfand, schwankten nicht nur ihm im Laufe seiner Rechnung: sie
sind überhaupt heute wieder schwankendster Grund, -- so schwankend, daß
sich grade auf sie gar nichts bauen läßt.
Der Widerspruch in den Angaben über die Zunahme der Wärme in den
Bergwerken und unsern (immer ja noch so winzigen) Bohrlöchern ist nicht
nur innerhalb der Thomsonschen Grenzen da: er ist zur Stunde derartig,
daß sich überhaupt keine Rechnung auf ihn begründen läßt.
Sämtliche Angaben des weitern über einen im Erdinnern noch erhaltenen
Rest ursprünglicher Erdwärme sind gegenwärtig mit Glück angezweifelt.
Das ganze Schulbild der Erdkugel mit einer dünnen Erstarrungsrinde
bloß über einem ungeheuren Glutkern fängt unverkennbar an, in der
Geologie „mythisch“ zu werden. Weder zur Erklärung des Vulkanismus noch
vollends zu der der Gebirgsbildung ist das aufdrängende einheitliche
Innen-Glutmeer mehr nötig -- von dieser Seite hat die Hilfe so gut wie
ganz aufgehört.
Wenn die Erde heute noch Wärme in ihrem Innern hegt, so gibt es
Gedankengänge, die selbst das erklären ohne Rücksicht auf Reste von
Urwärme; auch ein Körper, der sich zusammenzieht, erzeugt mechanisch
Wärme; Wärme entsteht bei allen Gesteinsverschiebungen, Wärme entsteht
aus örtlichen chemischen Prozessen.
Ich will wenigstens mit einem Wort andeuten, daß selbst die
Kant-Laplacesche Theorie heute wieder schwächer in ihrer Beweiskraft
erscheint.
Das soll nicht sagen, daß die Erde nie ein Sonnenstadium gehabt habe.
Aber es kann unendlich viel früher erloschen sein, als alle unsere
Rechnungen erreichen. Wenn die Erde überhaupt heute kein sicher
erweisbares Glutmeer als unmittelbares Erbe jener Sonnenzeit mehr in
sich birgt, erlahmt mit der Gesamtrechnung auch die Vermutung, wie
lange sie schon in diesem Zustande ist. Nichts hemmt dann, zu den
Zahlen der Geologie und Biologe zurückzukehren und sie umgekehrt als
einzigen Anhalt auszuspielen. Wenn das Leben zu seiner Entwickelung
eine Milliarde und mehr brauchte, so muß eben so lange die Erdrinde
schon so sein, daß Leben auf ihr existieren konnte.
Sehr viel Zeit!
Das bleibt das Resultat.
Nicht feste Ziffern, -- grade die trügen am leichtesten. Aber
unendlicher Spielraum!
Und wenn etwas je Ziffern geben könnte, so wären es ganz kleine, eng
umrissene Beobachtungsreihen inmitten des hellen Tages von heute.
Wie ein nackter Fels heute vom Leben erobert wird gleich jener
Krakatauschlacke; und wie dieses isolierte Leben dann lokalen Wandel
vielleicht erfährt in Jahrtausenden; das wäre so eine Reihe. Und wie
zugleich der Boden sich wandelt, wie Zuwachs, Abzug, Hebung oder
Senkung sich zeigt, das wäre echtes geologisch-chronologisches Material.
Bescheiden sein gilt es da, bescheiden vorgehen von Schritt zu Schritt,
um als Krone der Bescheidenheit zu ernten -- die Milliarde.
* * * * *
Ich blättere wieder in den Büchern. Man merkt es noch an anderem, daß
der Darwinismus aus dem Schwabenalter kommt.
Es lösen sich +persönliche+ Beziehungen.
Die Taufpaten, die das Kind aus der Wiege hoben -- Darwin, Lyell,
Huxley -- sind fast alle schon hin. Die zweite große Generation aber
fängt an, ihr Testament zu schreiben. August Weismann gibt seine
„Vorträge über Deszendenztheorie“ heraus, in zwei dicken Bänden.
Haeckel hat seine „Gemeinverständlichen Vorträge und Abhandlungen aus
dem Gebiete der Entwickelungslehre“ ebenso in zwei Bände gesammelt.
Gleich in der Vorrede lese ich da bei Weismann: „Wenn ein
arbeitsfreudiges Leben sich seinem Ende zuneigt, so regt sich wohl
der Wunsch, die Hauptergebnisse desselben zu einem abgerundeten und
in sich harmonischen Bild zusammenzufassen und gewissermaßen als ein
Vermächtnis den nach uns Kommenden zu hinterlassen. -- Das ist der
Hauptgrund, der mich zur Veröffentlichung dieser Vorträge veranlaßte.“
Ein Werk, das solche Sätze an der Spitze trägt, legt eine neue
Verpflichtung auf.
Es verlangt, daß man historisch auf eine Lebensarbeit zurückschaut.
Denke ich allerdings wieder an die Leutchen, die dem ganzen Darwinismus
schon diese „Heiligsprechung des Historischwerdens“ zugestehen
möchten, mit dem behaglichen Gefühl dabei, daß so stillschweigend
auch die klassische Antiquierung mit Absetzung von der Tagesordnung
vollzogen sei, so ist das Weismannsche Buch eine der hübschesten
Widerlegungen dieses frommen Wunsches. Es fixiert, historisch wie
aktuell, eine +Schattierung innerhalb des Darwinismus+, die
spezifische Weismann-Lehre, die im Grunde ebensoviel Anrecht auf einen
Personennamen hat wie die Gesamtschule auf den des Charles Darwin oder
wie die Mutations-Theorie wieder auf den des Hugo De Vries.
Eine Lehre aber ist nach meiner Auffassung in der Vollblüte ihrer
Leistungsfähigkeit als Geistesquelle, wenn sie noch Raum hat für so
verschiedene, jederseits für sich geistvoll-eigenartige Schattierungen.
Wobei es dem Spitzfindigen wirklich ruhig überlassen bleiben mag, ob
er bei dem Wettstreit dieser Schattierungen von Kämpfen im Darwinismus
oder um den Darwinismus reden will. Ich selbst erachte es als eine
Pflicht historischer Anständigkeit, der Gesamtbewegung zu einer
wissenschaftlichen Deszendenztheorie, wie sie eine ungeheure, fort und
fort wachsende Litteratur heute vertritt, den Namen „Darwinismus“ zu
lassen; im übrigen aber wünsche ich dem Kampf der Meinungen innerhalb
dieser Theorie Tür und Tor geöffnet, so weit es geht.
Wir reden ja auch, und reden ganz gewiß mit Recht, von einem
kopernikanischen Weltsystem, obwohl Kopernikus noch keine Keplerschen
Gesetze und kein Newtonsches Gravitationsgesetz kannte, obwohl wir
heute genau wissen, daß auch die Sonne nicht still steht und dadurch
die ganze Figur des Systems beständig verschoben wird, und obwohl
Kopernikus noch an eine Drehung des Achsenwinkels der Erde bei jedem
Jahresumlauf dachte, die in dieser Form völliger Irrtum war.
Wollen wir jeden Zwist um ein engeres Deszendenzgesetz als
Entscheidungskampf um Wohl und Wehe des Darwinismus fassen, so wird
nur eine Verwechslung in die Laienwelt getragen: als wenn nämlich der
Gedanke der Entwickelung im Gebiet der modernsten Biologie selbst
wieder bedroht oder gar wieder in den Hintergrund gedrängt sei, --
eine Behauptung, der kein ehrlicher Mensch, der die Dinge verfolgt,
Verbreitung wünschen kann, da sie den nacktesten Tatsachen widerspricht.
Auch Weismanns eigene Anschauungen haben aber innerhalb der
vierundvierzig Jahre Darwinismus schon ihre besondere Geschichte.
Sie sind zu ihrer Zeit als unvollkommener Keim sichtbar geworden, sind
in vielfältigem Hader gewachsen und sind heute, soweit Weismann als
Person in Betracht kommt, ausgewachsen. Ganz ausgewachsen im ideellen
Sinne sind sie natürlich noch so wenig wie irgend ein menschlicher
Gedanke, der in die vorläufig unserem Blick einmal „ewige“ Menschheit
gesäet worden. Mit Bedauern lese ich, daß August Weismann durch ein
Augenleiden mehr und mehr im praktischen Forschen gehemmt wird, wobei
ich doch von seinem theoretischen Denken mir noch reiche Frucht
verspreche, trotz seines „Testaments“. Inzwischen stelle ich fest, --
und ich denke, hier wird Freund wie Feind des Darwinismus und aller
seiner Schattierungen mir anstandslos recht geben --, daß im ganzen
Darwinismus nächst Darwin selbst kein zweiter so sittlich vornehm, so
liebenswürdig, ja, ich möchte sagen: so graziös zu hadern verstanden
hat wie er. Und das auf einem Gebiete, wo gelegentlich unverkennbar mit
Dreschflegeln und verwandten, nicht völlig einwandfreien Instrumenten
in Sachen der Weltanschauung operiert worden ist -- ~nomina sunt
odiosa~.
Neben diesem Charakter ist zur Sache zu sagen, daß Weismann zwar
nicht im Sinne eines Kampfschlusses objektiv gesiegt hat, -- wer hat
denn in diesen vier Jahrzehnten irgendwo „gesiegt“ vor Problemen, die
mindestens der Beobachtungskontrolle von Jahrtausenden bedürften! Aber
er hat seine „Schattierung“ klar herausgearbeitet. In diesem Buche
feiert das seinen Triumph.
Es ist ein Werk von solcher stilistischen Klarheit, wie der Darwinismus
höchstens noch zwei oder drei besitzt unter seinen allerbesten. Es
ist alles so abgeschliffen und ausgeklärt, jedes Beispiel genau
blankgewischt und an seinen Fleck gestellt, wie bei Schauobjekten einer
am Schnürchen laufenden Schuldemonstration. Sehen muß hier jeder, was
gemeint ist, -- mag er das Begriffene danach schelten.
Von keiner Linie des Darwinismus wird heute mit mehr Eifer behauptet,
daß sie falsch sei, wie von der Zuchtwahl-Theorie. Nun denn: Weismann
ist zur Zeit der extremste Vertreter gerade dieser Zuchtwahl-Theorie.
Das bestimmt eben seine Eigenart.
Man muß, um seine Stellung andeutend zu fixieren, auf den alten
Gegensatz zurückgehen zwischen Lamarck und Darwin, einen Gegensatz,
der überhaupt mit den Jahren wieder immer interessanter geworden ist.
Als Darwin sich an den Entwickelungsgedanken wagte, schien es ihm vor
allem nötig, ihn aus dem Schutt herauszuarbeiten, in den er mit Lamarck
geraten war. Heute haben wir umgekehrt wieder eine feste Schule von
Neo-Lamarckisten, die ungefähr etwas Ähnliches von Darwin sagen.
Umgekehrt ist aber auch aus dem immer noch vorsichtigen Darwinschen
Vorstoß ~contra~ Lamarck eine Lehre erwachsen, die dann erst mit Stumpf
und Stiel den letzten Lamarcksrest austreiben möchte. Und das ist die
Farbe Weismann im Bilde.
Lamarck hatte eines deutlich erfaßt, und das ist übriggeblieben in
+allen+ späteren Meinungen.
In der Entwickelung der Tier- und Pflanzenarten sind zwei Faktoren zu
beachten.
Ein +äußerer+ und ein +innerer+.
Außen wechseln die Bedingungen des Lebens auf Erden. Sie ziehen vorbei
wie ein großes Wandelpanorama.
Innen, in den Lebewesen selbst, reagiert aber etwas darauf. Sie passen
sich diesen Bedingungen an.
Wie aber ist nun das wahre Verhältnis von drüben und hier? Wir suchen
in der Natur Kausalzusammenhänge. Wo sind sie hier?
Lamarck sagte: Außen wirkt auf innen. Die äußeren Bedingungen treten
nach innen auf als Forderungen. Und diese Forderungen finden Gehör bei
einer Eigenschaft des Innern. Sie rufen „Übung“ hervor. Der Arm, der
zum Schlagen gefordert wird, stählt sich, der Hals, der hoch reichen
soll, streckt sich. Das Resultat dieser Übung aber wird auf die
Nachkommen vererbt. Ihr Arm wächst sogleich muskelstärker, ihr Hals
gleich in der nötigen Länge. So fixiert sich die Übung hier bereits als
angeborene Anpassung. Und so fort.
Nun Darwin.
Das langt nicht. Durch Übung wird kein Laubfrosch grün, kein
Blattschmetterling seinem Blatte ähnlich. Und doch haben wir
auch solcher Anpassungen die Fülle. Es muß noch ein besonderes
Wechselverhältnis geben zwischen dem Außen und irgend einer andern
Eigenschaft des Innen, die auch hier entgegenkommt. Und Darwin findet
es in der Zuchtwahl, der Selektion. Neben der Übung gehört zu den
entgegenkommenden Möglichkeiten die Variation. Ein beständiges Spiel
waltet da von allerhand Hervorbringungen, die unabhängig von der Übung
herausgeworfen werden. Diese Variation macht z. B. einen Frosch, der
sonst braun war, auch einmal grün. Und jetzt darauf reagiert das
Äußere nicht erzieherisch, wie bei der Übung, sondern gewaltsam.
Der grüne Frosch wird als zweckmäßige Anpassung auf Grün erhalten,
weitergezüchtet, während alle nicht grünen Formen eingehen müssen. Das
ist die berühmte Auslese der Passendsten.
Ein sinnvoller Gedanke, der zunächst durch seine Einfachheit fortriß.
Aber man sieht: er wirft Lamarck nicht um. Er ergänzt ihn nur für
die unzähligen Fälle, vor denen die Anpassung durch Übung als
Erklärungsgrund versagt.
Aber nun wieder einen Spatenstich tiefer.
Was steckte hinter dieser Variation? Was war ihr Geheimnis, ihr Gesetz?
Mit dieser Frage sind wir mitten in den Kämpfen der Schule Darwins.
Eine Linie beschäftigte sich bloß mit der Schrittweite, dem Maß dieser
Variation. Ob schon winzige, gesetzmäßige Gleichgewichtsschwankungen
zur Artbildung führten oder bloß kräftige, das Innerste erschütternde
Stöße? Hier setzt heute de Vries ein, der experimentell festgestellt zu
haben glaubt, daß stets ein wirklicher Stoß, ein Ruck oder Sprung nötig
sei, eine Mutation. Doch der Darwinsche Grundgedanke bleibt in dieser
Linie unangetastet.
Über Darwin mußte dagegen in irgend einer Weise hinausführen jede
Meinung über die tieferen +Ursachen+ der artbildenden Variation.
Die eine Richtung grub ausschließlich nach innen, ins Innerste des
Innern hinein weiter. Gab es nicht doch ein festes inneres Hausgesetz
der Variation, das schon der ersten Urzelle eingeprägt war?
Hier wurde Nägeli bedeutend. Er verknüpfte die Frage mit einem älteren,
vordarwinistischen Gedanken. Er suchte ein „Entwickelungsgesetz“ schon
in der Variation. Aber er ließ es teleologisch arbeiten. Es drängte
selber schon, in einem allerdings schwer definierbaren „Hellsehen“,
auf nützliche Anpassungsvarianten, wie sie außen gefordert wurden,
direkt hin. Damit wurde die Selektion überflüssig. Und so führte Nägeli
allerdings folgerichtig wieder aus Darwin heraus, ohne zu Lamarck
zurückzukehren, -- in ein Drittes hinein.
Aber das hatte man ja gerade an Darwin geschätzt, daß er keine
teleologische Grundveranlagung brauchte, sondern das Zweckmäßige
erst vor unseren Augen entstehen ließ. Die ganze Hauptmasse der
Schule schwenkte also hier nicht mit. Aber wo lag denn das Gesetz der
Variation?
Im „Zufall“?
Das ist oft als Hilfs- und Notwort gesagt worden. Jeder wußte aber, daß
Zufall einen eigentlichen Sinn in einem Spiel von Kausalzusammenhängen,
wo alle Karten aufgedeckt sind, gar nicht besitzt. Und nach solchem
Spiel suchte man doch.
So sah man sich unhemmbar wieder ins „Außen“ gedrängt.
Steckten die Anstöße zur Variation nicht doch irgendwie im Druck der
Verhältnisse, im Milieu selbst, -- also außen?
Hier lag eine unverkennbare Möglichkeit, in äußerster Schwenkung doch
noch wieder auf einen +vertieften Lamarck+ zu kommen. Darwin hat
in späteren Jahren selbst etwas paktiert mit dieser Richtung. Die
Neo-Lamarckisten haben sie offen proklamiert.
Das jetzt ist aber die Stelle, wo Weismann vor Jahren zuerst in die
Debatte mit einem wahren Blitzschlage eingegriffen hat.
Er versuchte, den ganzen Lamarckismus nachträglich in Grund und Boden
zu schlagen durch die Behauptung, daß die Ergebnisse dieser ganzen
direkten Einflüsse von außen auf innen, wie Übungsstärkung u. s. w.,
also jene vom Individuum +erworbenen+ Eigenschaften, +nicht
vererbt werden könnten+.
War das richtig, so konnte auf dem Lamarckswege niemals eine neue
Art entstanden sein, denn jeder Anlauf zu einer Anpassung blieb
individuell und starb mit dem Tode des Individuums wieder aus, ohne
in die Unsterblichkeit der Generationenfolge durch Kinder und Enkel
einzutreten.
Mochte das nun bestritten werden -- und wie ist es bestritten worden
bis auf diesen Tag nicht bloß von Lamarckisten, sondern auch von
engeren Darwinisten und auch von ganz indifferenten Physiologen und
Vererbungstheoretikern --: für Weismann war damit seine weitere
Bahn endgültig gegeben. Ihm galt es, den Darwinismus vom letzten
Rest Lamarckismus reinzuputzen. Da er kein drittes Prinzip im Sinne
Nägelis hatte, blieb schlechterdings nichts übrig, als die natürliche
Zuchtwahl auch in allen Fällen, wo Darwin noch Lamarck Raum gelassen,
für die absolute Macht zu erklären. Es wurde die +Allmacht der
Naturzüchtung+ proklamiert.
Das für sich vollzogen, wurde aber nun wieder etwas hochinteressant.
Nämlich: wie endlich Weismann ohne Nägeli und auch ganz ohne Lamarck
den geheimen Mechanismus der Variation für sich deuten werde.
Abermals wird hier eine neue, zunächst unabhängige Linie der
Darwinschen Schule wichtig: der Ideengang von Wilhelm Roux.
Roux faßte den Gedanken -- einen der genialsten nach Darwin, -- daß es
nicht bloß eine äußerliche Zuchtwahl geben müsse, sondern auch eine im
Innern. Eine Zuchtwahl nicht bloß des Milieus gegenüber den Individuen,
sondern auch eine Zuchtwahl durch den Kampf ums Dasein der Teile im
Individuum selbst.
Wir wissen ja, daß jedes Individuum, jedes echte Einzeltier, jede echte
Einzelpflanze, aus Teilen besteht, die mehr oder minder jeder für sich
etwas Selbständiges in ihm darstellen. Das einfachste Beispiel in allen
etwas entwickelteren Lebensformen sind die Organe. Goethe stand schon
tief bewegt vor diesem Geheimnis. In dem ersten seiner morphologischen
Hefte sagt er: „Jedes Lebendige ist kein Einzelnes, sondern eine
Mehrheit; selbst insofern es uns als Individuum erscheint, bleibt es
doch eine Versammlung von lebendigen, selbständigen Wesen, die der
Idee, der Anlage nach gleich sind, in der Erscheinung aber gleich oder
ähnlich, ungleich oder unähnlich werden können. Diese Wesen sind teils
ursprünglich schon verbunden, teils finden und vereinigen sie sich. Sie
entzweien sich und suchen sich wieder und bewirken so eine unendliche
Produktion auf alle Weise und nach allen Seiten.“ Einundzwanzig Jahre,
nachdem diese Stelle gedruckt, einunddreißig, nachdem sie geschrieben
war, wurde in der „Zelle“ ein noch viel fundamentaleres Bauelement der
Lebewesen entdeckt. Seit Schleiden, Schwann und vor allem seit Virchows
bahnbrechenden Arbeiten wissen wir, daß alle höheren Pflanzen wie Tiere
ungeheure Komplexe, Genossenschaften, Staaten solcher Zellen sind.
Erst tief an der Wurzel alles Lebendigen fällt Zelle und Individuum
zusammen. Aber selbst vor der Zelle macht die Auflösung noch nicht
Halt. Selbst sie noch erscheint als ein verwickeltes Sozialgebilde aus
einer ungeheuren Masse noch einfacherer Lebensträger.
Nun denn: auch diese Teile und Teilchen bis ins Winzigste, Unsichtbare
hinein, sie müssen in einem unausgesetzten Konkurrenzkampfe stehen.
Besser gelagerte, besser genährte überwinden die minderwertigen.
Bestimmte Gruppen siegen und unterliegen; eine große Zuchtwahl waltet.
So weit im Kern der Ideengang Roux’. Nun darüber hinaus wieder Weismann.
Dieser Kampf der Teilchen mit seiner inneren Auslese findet auch in
dem Allergeheimnisvollsten statt, was die lebenden Wesen besitzen: in
ihrem körperlichen „Unsterblichkeitsteil“, nämlich dem sogenannten
Keimplasma, dem Kraftreservoir, das bei der Fortpflanzung mitgegeben
wird. Und sein Resultat ist die Variation der neu entstehenden
Gesamtindividuen, die natürlich erblich sein +muß+, da es sich
ja um Resultate sozusagen im Herzen aller Vererbung, im ewigen
Keimplasma, handelt. Bei den Ergebnissen dieser Variation mag dann die
Zuchtwahl höheren Grades, die Darwin zunächst nur gesehen hatte, sie,
die feste Arten mit zweckmäßigen Anpassungen bildet, einsetzen.
Erst in diesem „Testament“ kommt Weismanns Gedankengebäude zum ersten
Mal völlig klar heraus. Erst jetzt wird deutlich, was der Satz von der
Allmacht der Zuchtwahl schließlich doch für Wahrscheinlichkeiten selbst
wieder öffnet.
Wohl: außen ist jetzt Zuchtwahl, innen Zuchtwahl, Zuchtwahl überall.
Doch gerade dabei zeigt sich plötzlich erst recht eine feine, aber
sichere Brücke von „außen“ nach „innen“.
Das Milieu, das außen die Individuen ausliest, wirkt doch auch in ihnen
als Ernährung mit. Wenn dieser Einfluß lange Zeit ein gleichartiger
ist, so muß er im inneren Kampf der Teile bis in das entscheidende
Keimplasma hinein schließlich auch schon eine ganz bestimmte Auslese,
einen bestimmten Sieg, eine bestimmte Richtung der Variation dort
bewirken.
Und damit ist die endgültige „Möglichkeit“ wenigstens geschaffen, daß
der äußeren Zuchtwahl bestimmte nützliche Varianten schon +in die
Hände arbeiten+. Äußere und innere Zuchtwahl, im letzten Ende vom
Gleichen bewegt, können aufeinander losarbeiten wie in einem Ansatz
wenigstens zu einer „prästabilierten Harmonie“.
Man sieht, was das bedeutet.
Es ist der beste Kern des Nägelischen Gedankens gerettet, ohne daß doch
ein unklares teleologisches Entwickelungsgesetz nötig würde, und auch
ohne daß die Zuchtwahl überflüssig würde; die äußere Zuchtwahl wird nur
in etwas entlastet durch die innere.
Zugleich aber ist trotz aller Allgewalt des Zuchtwahlprinzips doch
auch wiederhergestellt und anerkannt der wichtigste Kerngedanke des
Lamarckismus, daß nämlich zuletzt der Druck der äußeren Verhältnisse
die Anpassung schafft.
In dieser Form umfaßt der Weismannismus alle kräftigen Triebe, die das
Deszedenzprinzip bisher hervorgebracht hat und genügt damit formal
zweifellos den Anforderungen an eine Schlußhypothese. Weismann selber
muß das genügen; er darf mit Befriedigung auf eine Bahn blicken, die
für sein Teil konsequent durchlaufen ist. Den Fortgang mögen andere
suchen, meinetwegen auch den Rückgang. Die Geschichte der Wissenschaft
hat etwas von Penelope, die in der Nacht trennt, was sie am Tage gewebt
hat. Darum kann einer doch den Ruhm eines guten Webers behalten.
Was ich hier angedeutet habe, ist nur der größte Gerüstbalken
des Buches, roh wie die Tragbalken in der Goldelfenbeinmasse des
olympischen Zeus. Das Werk selbst wirkt so ungemein fesselnd, weil es
sich breiter und breiter vor dem Leser aufbaut. Man fühlt mit, wie
Weismann sich allmählich die ganze Deszendenzlehre neu aufzimmern,
mit ihrem gesamten Apparat neu ordnen mußte. Dann aber kam er
wirklich an die Grenze, wo es eine individuelle Biologie zu schaffen
galt und schließlich eine ganze Weltanschauung mit der spezifischen
Weismann-Farbe. Das letzte Kapitel verrät davon wenigstens noch
einiges. Ein Gedanke sehr allgemeiner Art taucht dabei noch auf, der
mir wert scheint, daß man ihn bespricht, vielleicht auch, daß man ihm
widerspricht.
Weismann empfindet, was jeder vor jedem ganz tief gefaßten Problem
zuletzt empfinden muß: man kommt auf die +Urfragen+.
Hinter außen und innen, Vererbung und Zuchtwahl erwachsen die großen
Türhüter des ganz Rätselhaften. Was ist Leben, was Materie, Geist,
Zweck, Zeit, Kausalität?
Und er meint, wir müssen da ewig +resignieren+.
Muß es nicht so sein? fragt er.
Auch wir sind Anpassungsprodukte jener großen Lebensmühle, angepaßt an
ganz bestimmte Forderungen des Lebens. Zu diesen Forderungen gehört
aber nicht, daß unser Verstand etwas ergrübelt über jene letzten
Fragen. Lassen wir also den Versuch, über uns selbst hinausgreifen zu
wollen; bescheiden wir uns.
Ich kann diesem Schluß Weismanns nicht zustimmen.
Seit drei Jahrtausenden mindestens besteht eine ganz bestimmte
Beziehung zwischen dem Glück grade der edelsten, denkenden,
voranschreitenden Menschen und diesem innigen Ringen um die Grundfragen
der Philosophie, diesem immer erneuten Ringen um das „du segnest mich
denn“ an dieser Stelle.
Das Glück der Menschheit verlangt +nicht mehr bloß+ nach Anpassung
an die äußeren Bedingungen der Welt im Sinne einer immer mehr
vervollkommneten Technik -- fester und fester verspinnt es sich mit
jenen Fragen nach Sinn und Wesen der Welt, mit der einfachen Frage der
+Philosophie+.
Es gibt sich nicht mit der Resignation allein zufrieden. In ihr muß der
Mensch hungern, wie nur je ein schlecht angepaßtes Tier gehungert hat.
Aber gerade in Weismanns Buch wird so hinreißend deutlich gemacht, wie
der Hunger, das Bedürfnis das Ideal, die vollkommnere Anpassung selbst
herausgezogen, heranentwickelt hat -- damals, bei den Pflanzen und
Tieren, so tief da unten.
Und oben bei uns soll das nicht mehr so gehen?
Bei unserem Geisteshunger ...?
* * * * *
Haeckel hat mit seiner Person zu lange im Brennpunkte des Darwinismus
gestanden, um +bloß+ eine Schattierung zu spiegeln. Bei ihm macht
man den ganzen Kampf der ersten vier Jahrzehnte auf den Vorposten mit.
Für mich hat es vor seinem Buche einen unwillkürlichen Reiz, eigensten
Erinnerungen nachzuhängen. Sie haben etwas Charakteristisches, ich
weiß, wie vielen in der Generation, die mit Darwin aufgewachsen ist,
ich ihre eigenen Erlebnisse erzähle.
Meine frühesten Erinnerungen gehen zurück auf Darwins Porträt. Ich war
zu jung, um das Buch von der „Entstehung der Arten“ lesen zu können.
Aber der eigenartige Kopf mit der fast abnormen, tiefgefurchten Stirn
und dem weißen Patriarchenbart prägte sich ein. Es war ein Kopf, den
auch ein Knabe nicht vergaß. Als Schuljungen stritten wir uns, ob der
Name D=a=rwin oder Darw=i=n auszusprechen sei.
Die neue Gedankenwelt kam mir zum ersten Mal äußerlich in gewissen
Schlagworten wie „Affenmensch“ nahe, als in meinem Elternhaus die
Falstaffgestalt Karl Vogts auftauchte. Er reiste schon in Darwinismus,
hielt zwischen einem Menschen- und einem Gorillageripp seine bekannten
geistsprühenden Vorträge und war nebenher nicht abgeneigt, sich die
brave volkstümliche und wissenschaftliche Arbeit durch reichliche
Festessen versüßen zu lassen, was er dann wieder seinerseits mit
den köstlichsten Bonmots vergalt. Das war noch der Darwinismus der
sechziger Jahre, für Vogt genau damit abgegrenzt, daß er nach 1870
als öffentlicher Redner sich aus politischen Gründen nicht mehr in
Deutschland hat sehen lassen.
In dieses erste Jahrzehnt weisen noch die vier ersten Vorträge des
ersten Haeckelschen Bandes. Mit dem frühesten, am 19. September 1863
auf der Naturforscherversammlung in Stettin gehalten, setzte die
Entwickelungslehre in Deutschland ein. Die alten Schul-Zoologen und
-Geologen schüttelten die Köpfe, als der hübsche junge Herr aus Jena
mit dem Blondkopf und den strahlenden Blauaugen in hohem Stimmton eine
neue Ära für eingeleitet erklärte. Das zähle in eine Sorte mit der
berüchtigten Od-Lehre und anderem spiritistischen Unfug, meinten sie,
daß Arten sich verändern könnten und wohl gar der Mensch vom Affen
abstammen solle! Unter den Kollegen aber saß damals Virchow und stimmte
mit Haeckel. Bloß für das menschliche Bewußtsein wollte er schon ein
Separatkonto gewahrt wissen, die natürliche Entwickelung gab er ruhig
zu.
Drei Jahre darauf erschien Haeckels bestes biologisches Werk, die
„Generelle Morphologie“, so schwer für den Laien aus Fachgründen,
daß es dort niemand las, und so fremdartig für den Fachgelehrten
aus philosophischen Gründen, daß es dort nahezu niemand verstand.
In einer guten Stunde aber schmuggelte nochmals zwei Jahre später
Haeckel seine ketzerischsten und verwegensten Ideen in ganz schlicht
populärer Form an einem Orte ein, wo man sie am wenigsten vermutete:
in der Virchow-Holtzendorffschen „Sammlung gemeinverständlicher
wissenschaftlicher Vorträge“. Es sind die Nummern II und III des neuen
Buches: „Über die Entstehung des Menschengeschlechtes“ und „Über den
Stammbaum des Menschen“.
Darwin hatte sich gerade über dieses heikelste Thema noch nicht
entscheidend geäußert. Auch jetzt war es aber noch Virchow selbst,
der ohne jeden Skrupel das bedenkliche Manuskript passieren ließ, ja
sogar Haeckel persönlich seine Freude darüber aussprach. Auf alle
Fälle war der Ort, wo die Bombe sich diesmal barg, in der allgemeinen
Geltung der denkbar harmloseste. Diese Hefte waren ob ihres friedlichen
Deckschildes tatsächlich das erste von Haeckel, was ich als Junge in
die Hand bekam und wirklich las.
Inzwischen war die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ rasch nachgefolgt,
in der ersten, noch kalenderhaft primitiv illustrierten Ausgabe. Zu
ihrer Lektüre bildeten wir als Gymnasiasten einen Geheimbund mit den
rigorosesten Satzungen wie Vehme oder Freimaurer. In der verborgenen
Hinterstube einer ziemlich anrüchigen Kölner Bierwirtschaft hielten
wir Sitzungen ab, deren Mittelpunkt „das Buch“ bildete, mit seinen
Embryo- und Monerenbildern, seinen Kühnheiten gegen Himmel und Kirche
(wir wurden zwischendurch konfirmiert!), nebenbei tranken wir das erste
verbotene Glas Wirtshausbier, was den Reiz der Situation erhöhte.
In den Debatten aber steckte eine jugendlich-frische Inbrunst der
Anteilnahme an einem jäh eröffneten unendlichen Gedankenreich, daß ich
mich heute noch an der Erinnerung wärme und mit Dank auf diesen kleinen
Kreis echter „Leser“, wie man sie Büchern wünscht, zurückschaue.
Das waren die siebziger Jahre des Darwinismus.
Die Vorträge Haeckels über „Zellseelen und Seelenzellen“, „Perigenesis
der Plastidule“, „Urkunden der Stammesgeschichte“ und „Ursprung und
Entwickelung der Sinneswerkzeuge“ in der Sammlung gehören alle
hierher. Den letzteren Vortrag hielt Haeckel auch einmal in Köln.
Der Kulturkampf hatte in der Stadt der Kirchenglocken eine mächtige
darwinfreundliche Strömung geschaffen; nicht nur Schüler, sondern
auch eisgraue Oberlehrer fingen an, der neuen Ketzerei zu folgen.
Unser Religionslehrer an einem Kölner Gymnasium, ein trefflicher,
hochgebildeter Mann, gab sein Amt auf, da er sich zum Darwinismus
bekehrt hatte, und wesentlich durch Anteilnahme tüchtiger Gymnasial-
und Realschullehrer entstand der naturwissenschaftliche Verein, der
Haeckel zu einem Vortrag einlud. Hier habe ich ihn zum erstenmal
gesehen. Wir wunderten uns, daß der „junge“ Darwinianer schon einen
Anflug von grauen Haaren hatte, er hatte schon ein ernsteres Stück
schwerer Lebenspilgerschaft hinter sich, als wir ahnten. Aber er machte
doch auch ein paar gute Witze, wie es immer seine Art gewesen ist,
bis in die „Welträtsel“ hinein, wo es ihm als besonders frivole Sünde
angekreidet worden ist. Glücklich, wer auf solcher Vorpostenstellung in
vier Jahrzehnten wildesten Kampfes gegen alle Sorten roher und feiner
Geschosse die Naturgabe hat, daß ihm der gutmütige Gelegenheitswitz
nicht ausgeht! Damals warf er mitten im tiefernsten Vortrag die Frage
hin, ob die Wagnersche Musik uns wohl neue Gehörwerkzeuge anzüchten
werde. Der dicke Komponist Ferdinand Hiller, der schon die Wassersucht
hatte und nur mühsam, aber tapfer im Saale aushielt, lachte sich
zu Tränen darüber. Es ist lange her heute, man fühlt es in jeder
Kleinigkeit.
Am Ende dieses Jahrzehnts steht dann der große Zwist mit Virchow
auf der Naturforscherversammlung in München. Auch zu ihm liegen die
Dokumente jetzt für Haeckels Seite vollzählig in dem zweiten Bande der
Sammlung: zuerst der Vortrag „Über die heutige Entwickelungslehre im
Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“, dann die ganze Streitschrift „Freie
Wissenschaft und freie Lehre“ mit ihren sieben Kapiteln und ihrem
Anhang.
Die Dinge hatten auf dieser Zeithöhe wieder ein etwas anderes Gesicht.
Die Kirchenangst war allgemein für eine Weile auch bei den zartesten
Gemütern zurückgetreten. Dafür begann jetzt die Sozialistenangst zu
herrschen. Die Frage kam, ob nicht jeder Darwinianer schließlich „gar
ein Sozialdemokrat“ werden müsse. Virchow warf das in seiner Münchener
Rede so hin, wie den gelegentlichen Einfall einer schlaflosen Nacht. Er
wußte aber gut genug als alter Praktiker, wie sehr er damit ein Signal
gebe: das Signal für eine ganz neue Sorte Reaktion dem Darwinismus
gegenüber. Der Darwinismus staatsgefährlich, gesellschaftsgefährlich!
Das wurde plötzlich Parole, und es wird immer fatal in der Geschichte
der modernen Naturforschung bleiben, daß ein Naturforscher grade die
Stirn gefunden hatte, diese Parole auszusprechen zu einer Stunde, da
selbst die reaktionärsten Kreise außerhalb der Naturforschung sich
+so weit+ noch nicht getraut hatten.
Für mich selbst setzte es einige Jahre später wie eine Offenbarung
ein: welche wunderbare Anteilnahme sich bei der Arbeiterschaft
für darwinistische Probleme zeigte. Ich lernte das kennen bei den
Vorträgen über Entwickelungslehre, die ich Jahre hindurch in Berliner
Arbeitervereinen selbst gehalten habe, vor ungezählten Massen immer
neuer Zuhörer und immer vor einem gleich dankbaren und aufmerksamen
Publikum.
Dem eigentlichen politischen Wirken stets fern, verzeichne ich diese
Tatsache gerade erst recht als eine der erfreulichsten Erfahrungen
meines Lebens. Sie bewies natürlich nicht, daß Darwinismus und
Sozialdemokratie identisch seien, aber sie war ein Beweis für
das unaufhaltsam machtvolle Aufblühen eigener Geisteskeime und
Geistesbedürfnisse in der Arbeiterschaft in diesen Jahren. Eine
neue Schicht Menschen begann nachzudenken über die Welt, über sich
selbst, über Bedingungen wie Möglichkeiten ihres Daseins. In solcher
Stimmung und Stunde führt jedes beliebige Material, das aus der freien
Geisteswerkstatt kommt, zu freieren Ausblicken und hilft schließlich
mit zu aktiven Freiheitsbewegungen, mag auch der stille Denker im
Kämmerlein noch so wenig daran gedacht haben. Wie sollte die große
Lehre es nicht tun, die von einem unaufhaltsamen Flusse aller Dinge
sprach, eine Entwickelung predigte, die Sonnen und Planeten und den
Menschen selbst gebaut hatte?
Diese Erlebnisse geben mir in der Rückschau heute ein so lebhaft
jungfrisches Bild, daß es mir Mühe macht, mich in die Greisenhaftigkeit
jener Virchow-Aussprüche gerade für diese Jahre auch nur noch
historisch hineinzufinden. Was Haeckel damals geantwortet hat und was
für Polemik sich an seine Definition des Verhältnisses von Darwinismus
und Sozialdemokratie wieder anknüpfte, braucht heute nicht wiederholt
zu werden. Er hat es nach vierundzwanzig Jahren wörtlich wieder so
abdrucken lassen, und im Grunde mit Recht. Es hat heute auch den Wert
eines historischen Aktenstücks. Und der schärfste Gegner findet ja auch
den Satz wieder mit abgedruckt: „Ich bin nichts weniger als Politiker.“
Ich blättere noch ein paar Seiten in dem zweiten Bande weiter und
zugleich ein paar in meiner Erinnerung.
Das achtziger Jahrzehnt ist in der Sammlung nur vertreten durch den
Vortrag auf der Eisenacher Naturforscher-Versammlung von 1882 über „Die
Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck“. Fünf Monate vorher
war der alte Darwin gestorben. Der Darwinismus stand im Zeichen seiner
Siegessonne. In diesem Augenblick interessierte nur noch als Sensation,
wie weit Darwin selber in den äußersten Konsequenzen mitgegangen sei.
Das Zugstück dieser Rede war also eine Briefstelle, in der der Alte
von Down den Begriff der „Offenbarung“ mit kühler Gelassenheit über
Bord warf und die Unsterblichkeit der Seele unter die „widersprechenden
unbestimmten Wahrscheinlichkeiten“ verwies.
In diesen achtziger Jahren brannte aber an einer ganz anderen Ecke des
geistigen Lebens ein Leuchtfeuer für sich auf: die naturalistische
Bewegung in der Kunst. Am Schlusse des Jahrzehnts führte sie zu
stürmischen Theaterszenen, -- bei der armseligen Rolle, die das Theater
heute bei uns leider spielt, an und für sich Stürme im Glase Wasser.
Aber auch hier brach das Politische, die soziale Färbung der Zeit, sich
Bahn. Über die Bühne rauschten die „Weber“, aus der naturalistischen
Bühne für neue Kunst entwickelte sich für eine Weile die Zeitschrift
„Freie Bühne“, die wenigstens für ein paar Jahre den Versuch machte,
weit über das Litterarische hinauszugreifen. Hier, bei der Leitung
dieser „Freien Bühne“, die ein unruhiges, aber doch an Anregungen
reiches Kapitel für mein eigenes Leben bedeutet, bin ich wieder stark
mit Haeckel in Berührung gekommen.
Diesmal hatten sich persönliche Beziehungen angesponnen, die ungetrübt
dauern sollten, mir zu reichem Gewinn, denn jenseits all seiner
Leistungen, wie sie die Bücher geben, und jenseits alles Streites
um diese Meinungen steckt in Haeckel ein Persönlichkeitszauber, den
alle empfunden haben, denen er je einmal die Hand gedrückt hat.
Viele Dinge haben in ihm zusammengewirkt: das kleine Jena und die
ungeheure Tropenferne, die seine Reisen ihm erschlossen, die Linie
strenger Gelehrtenarbeit und die Arabeske des Künstlertemperamentes,
das Schlichte eines halben Menschenlebens vor dem Mikroskop und die
Romantik einer solchen Geistesrevolution, wie sie der Darwinismus
in die Zeit warf, der Ernst eines einsamen Vorkämpfers für ein
selbstgestelltes Programm über die höchsten Dinge des Himmels und der
Erden und die burschikose Studentenheiterkeit bis unters weiße Haar.
Von den beiden Aufsätzen, die Haeckel damals für die „Freie Bühne für
den Entwickelungskampf der Zeit“ geschrieben hat, hat besonders der
erste: „Die Weltanschauung des neuen Kurses“ starkes Aufsehen gemacht.
Wieder einmal hatte die Front sich etwas verschoben: die Kirche wurde
von oben begünstigt. So sind die Dinge hin- und hergependelt in den
vierundzwanzig Jahren, immer wieder mit anderen Gesichtern gegen den
Darwinismus, aber im Grunde immer die gleichen Feinde.
Es hatte wenig Aussicht, zum Frieden läuten, während die Parteiwellen
gegeneinander brandeten. In jenen „Freie Bühne“-Jahren wurde in
Berlin die Gesellschaft für „Ethische Kultur“ gegründet, von ethisch
und intellektuell hochstehenden Männern, deren Liebe nicht bloß eine
klingende Schelle war, aber mit einem praktischen Unstern, der bis
heute darüber geblieben ist und auch aus gewissen innersten Gründen
meiner Ansicht nach bleiben mußte.
Die Kunde davon ging aber damals weit herum. Auch Haeckel kam von Jena
herüber und hoffte. Doch schon die Anfangsverhandlungen stießen ihn
ab. Man konnte sich über seine Weltanschauung schließlich streiten
-- aber was sollte er in einem Kreise, wo es von der Weltanschauung
überhaupt hieß, daß man von ihr in der Praxis absehen könne und daß es
eine „absolute Ethik“ zu finden gälte, die auf alle verschiedensten
Weltanschauungen passe, -- auf den Jesuitismus schließlich wie auf das
Glaubensbekenntnis Goethes oder die Toleranzlehre Lessings? Es war
nicht Haeckel allein, der die Existenzmöglichkeit dieses ethischen
Universalzugtiers bestritt.
Aber eine gewisse Sehnsucht nach Vertragen, nach Frieden kennzeichnet
doch auch bei ihm den Eintritt in das vierte Jahrzehnt des Darwinismus,
die neunziger Jahre.
Aus ihr heraus ist, unabhängig von der „Ethischen Kultur“-Bewegung,
das „Glaubensbekenntnis eines Naturforschers“ entstanden, das zuerst
in der „Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes“ zu Altenburg
1892 abgelegt wurde und das mit den Worten schloß: „Das walte Gott,
der Geist des Guten, des Schönen und der Wahrheit“. Für Haeckel war
es das Maximum, was er an Versöhnlichkeit von seinem Naturell und
Standpunkt aus geben konnte. Zum Lohne der guten Absicht und zur Kritik
der unabhängigen Ethik ist es mehr und gröber befehdet worden als
frühere Schriften weit polemischeren Inhalts. Und die Gegenstimmung
von dieser Ecke hat dann wieder viel mitgewirkt bei dem herben Ton des
nachfolgenden Buches „Die Welträtsel“.
Dieses Werk bildet den Abschluß gewiß nicht des Darwinismus, aber in
mancher Hinsicht doch wirklich seiner ersten Vierzigjahresepoche in
ihrer entscheidendsten philosophischen Färbung. Ich beurteile es hier
absichtlich nicht, die großen Fragen mögen für sich selbst sprechen,
so und so. Aber ich meine, daß es +einen+ Zug hat, den ihm
Freund +wie+ Feind in der Folge danken werden. Die konsequente
Klarheit meine ich, mit der eine ganz bestimmte Weltanschauung darin
bis auf das letzte Tipfelchen herausgearbeitet ist. In einer Reinheit
der Linienführung, die ich so bei keinem zweiten Naturforscher und
Naturphilosophen unserer Zeit kenne, gibt sich Haeckel als das, was er
sein will.
Es erscheint sein Zug zum Materialismus, der doch vom gewöhnlichen
Schulmaterialismus sich wieder eigenartig abhebt durch seine Schwenkung
in der Seelenfrage zum Panpsychismus, zur Urbeseelung der Materie.
Es erscheint seine unbedingte Verwerfung dessen, was sich heute für
„christliche“ Philosophie ausgibt, und seine individuelle Abneigung
wenigstens gegen alle kühneren Feldzüge der rein spekulativen
Erkenntnistheorie auch außerhalb der christlichen Dogmatik. Mögen heute
die Leute sagen, Haeckel sei gar kein Philosoph. In der Dauergeschichte
der menschlichen Geistesarbeit haben sich von jeher nicht die Werke an
hellster Stelle gehalten, die am meisten reine Wahrheit enthielten. Wer
wollte das auch schon nach so kurzen Fristen, wie sie unsere Geschichte
gibt, abwägen. Und die alte Pilatusfrage lebt immer noch: Was ist
Wahrheit? ...
Aber immer sind es +die+ Werke gewesen, die irgend ein System der
Welterklärung ganz klar +dargestellt+ haben, es herausgearbeitet
haben zum blanken Kristall, daß fortan jeder darnach greifen konnte
wie nach einem Hausgerät, so oft er darnach greifen +wollte+. Und
das hat Haeckel gemacht, es gibt seinen Werken den monumentalen Bezug
zum Geschichtlichen, es erhebt sie zu Quellen, die dermaleinst Freund
+und+ Feind als solche schätzen werden.
* * * * *
Was wollt Ihr an die Stelle der darwinistischen Grundideen setzen?
Immer kann es doch nur eine Vertiefung sein, die das Große, was da
geleistet worden ist, voraussetzt und anerkennt, um +dann+
weiterzukommen, -- und nicht eine wirkliche Umkehr.
Umkehr, -- ja wohin?
Unter meinen Papieren finde ich ein altes Blatt, das ich mir selber als
Mene Tekel gelegentlich aufgezeichnet habe.
Heute habe ich Lust, es noch einmal ganz zu veröffentlichen, -- als
ein Kapitelchen, klein aber mein, zu diesem großen Schlagwort Umkehr.
Inhaltlich ist es entschieden noch nicht vergilbt.
Es ist das Protokoll einer eigenen Sitzung mit dem Medium Valeska
Töpfer aus den achtziger Jahren, wie ich es mir selber zu späterer
Kontrolle und Beruhigung damals sofort niedergeschrieben.
Sachliches Interesse für alles, was mit Weltanschauungsfragen
zusammenhängt, und der Wunsch zugleich, für eine bestimmte dichterische
Arbeit Stoff zu sammeln, veranlaßten mich damals zu Studien über den
Spiritismus. Was ich sonst da an Materialien erlangt, ist in meinem
Roman „Die Mittagsgöttin“ (Zweite Auflage, 1902, im Verlage von Eugen
Diederichs in Leipzig) enthalten und kritisch verarbeitet. Diese
Töpfer-Sitzung aber blieb als solche dort unbenutzt.
Sie ist auch kein „großer Fall“.
Trotzdem glaube ich, daß sie gerade mit ihren ganz +schlichten+
Angaben einen gewissen Beitrag zur Klärung bieten kann.
Sie führt in die Anfangsgründe dieser Dinge ein -- wenn aber irgendwo,
so gilt vom Spiritismus dieser groben Art der Satz: Es ist nur der
erste Schritt, der etwas kostet.
Ich lasse den Wortlaut genau so, wie er damals niedergeschrieben wurde.
-- -- --
Unsere spiritistischen Wortführer behaupten zwar mit besonderer
Energie, jedem Zweifler werde täglich an allen möglichen Orten
ausreichend Gelegenheit gegeben, Augenzeuge der seltsamsten und
überzeugendsten Geistermanifestationen zu werden, man brauche nach dem
Worte Richard Wagners „nur zu wollen“ und man werde schon die neue
Kunst sehen. In Wahrheit ist es nicht ganz so leicht, als irrende Seele
im Chaos einer Weltstadt wie Berlin die Pforte einer Gespensterkammer
aufzuspüren; Vereine für diese Sachen sind ja vorhanden und lassen
sich auch finden, aber man ist dort unter Gläubigen und entbehrt der
wichtigsten Freiheit: in bekannten Räumen und im Verein mit Freunden,
auf die man vollkommen rechnen darf, Experimente anzustellen.
Der Zufall ist in solchem Falle der Glücksgott.
Er ließ mich und ein paar gleichgesinnte Freunde einen Mann finden,
der, selbst begeisterter Jünger der neuen Lehre, uns trotz unsrer
zugestandenen Skepsis mit vollendeter Liebenswürdigkeit seine geräumige
Wohnung zur Verfügung stellte, viele Nachmittage seiner kostbaren Zeit
-- er war ausübender Künstler von Beruf -- widmete und schließlich die
Bekanntschaft eines weiblichen Mediums verschaffte, von dem ich nach
späteren Erfahrungen nicht annehmen darf, daß es von uns allein ohne
eine Verstellungskunst, die wir kaum besessen haben dürften, hätte
gewonnen werden können.
Unser freundlicher Gastgeber, den ich O. nennen will -- der Name tut
ja nichts zur Sache -- war noch nicht lange Spiritist, aber er war mit
desto glühenderem Eifer bei der Sache. Seine Bibliothek umfaßte die
spiritistische Literatur in einer Vollzähligkeit, wie ich sie noch
nicht in Privatbesitz gefunden, und seine Kenntnis der „Theorie“ war
eine entsprechend erschöpfende.
Dazu kam der praktische Stolz, selbst ein werdendes Medium zu sein.
Es war ihm das von einem alten Manne, der die Rolle eines Taxators in
mediumistischen Kräften zu spielen schien und die Stärke eines jeden
für solche Leistungen in Ziffern anzugeben wußte, ausdrücklich zugesagt
worden. Und Ereignisse seines früheren Lebens schienen diese Diagnose
zu bestätigen.
Er berichtete, daß seine Hände nicht nur den Pinsel zu führen
verständen, sondern nicht selten auch eine übernatürliche „Führung“
hätten, bei der sein Wille aufhöre und die Finger Bewegungen, Griffe
und Stöße ausübten, die vollkommen „unbewußt“ seien.
Uns war es, nachdem die Bekanntschaft einmal gemacht war,
selbstverständlich vor allem um Vorführung eines ausgereiften,
einwandfreien Mediums selbst zu tun, und er versprach auch diese zu
bewerkstelligen, da er ein starkes weibliches Medium, das bereits
Hellenbach und Zöllner ins nachhaltigste Erstaunen versetzt, kenne und
besuche. Vorher aber müßten wir eine Reihe einleitender Sitzungen mit
ihm allein abhalten, da erst ein „magnetischer Austausch“ stattfinden,
ein harmonischer Kreis geschaffen werden müsse.
Da er selbst schon das Medium in sich wachsen fühlte und möglicherweise
auch in uns unerwartete Keime zu einem solchen stecken konnten, so
war die Wahrscheinlichkeit gegeben, daß auch in diesen vorläufigen
Studiensitzungen bereits seltsame Sachen aus dem Gebiete jener „Mehr
Dinge“ sich ereignen würden.
Vor Beginn des ersten Experiments wurden große weiße Bogen mit
Geisterschrift vorgezeigt, die aus Sitzungen bei jenem weiblichen
Medium (eben der heute noch vielgenannten und bekannten Frau Valeska
Töpfer) stammten, denen O. beigewohnt hatte.
Die Wahrheit der Sache zugestanden, eröffnete sich hier anscheinend
ein neues Forschungsgebiet für die Goethe-Philologie, nämlich
die transcendentale Goetheforschung. Die Blätter waren mit der
Unterschrift des Altmeisters versehen, eine gewisse Verwandtschaft
mit echten Autographen ließ sich nicht leugnen, nur fand sich die
Schreibweise des Namens mit ö statt mit oe, die bekanntlich Goethe
selbst nicht anwandte. Der Inhalt der Offenbarung selbst war leider der
allertieftraurigste Blödsinn; Goethe mußte zur Strafe seiner Sünden
wohl im spiritistischen Jenseits vollkommen versimpelt sein oder sich
der Flasche ergeben haben.
Das zweite, was uns vorgelegt wurde, war ein viereckiges, sehr dünnes
und gebrechliches Holzkästchen ohne Boden.
Solche Kästchen und Pappschachteln sind der Theorie nach gewissermaßen
die Tür des Geisterlandes. Sobald Menschen mit hinreichender
mediumistischer Veranlagung ihre Hand lose darauflegen, öffnet sich
diese Tür, die bereitstehenden Geister fahren in das Kästchen, lassen
es nach Belieben auf einer größeren Tischplatte herumkriechen und
beantworten Fragen vermittelst hörbarer Klopflaute im Holz oder
regelmäßigen Auftickens der einen Seite des Kästchens bei schwebender
Stellung an der Tischkante.
Der Dinge harrend, die da kommen wollten, nahmen mein Freund Bruno
Wille, unser freundlicher Gastgeber O. und ich zunächst jetzt am Tische
Platz und legten unsre sechs Hände lose auf das Deckbrett der Schachtel.
Lange Zeit ereignete sich absolut nichts.
Die bunte Ausstattung des Ateliers um uns her mit ihren fertigen und
halbfertigen Studienköpfen, Staffeleien und Paletten versank allmählich
in Dämmerung.
Die Spannung bei uns war trotz aller Vorurteile immerhin eine ziemlich
bedeutende.
Zuweilen, wenn einer von uns sich etwas bewegte, krachte das Kästchen.
O. geriet dann in lebhafte Erregung, beschrieb wilde Kreise mit den
Händen in der Luft, um den magnetischen Strom überzuleiten, und begann
schließlich in einer Weise mit der Holzschachtel zu reden, als handle
es sich allen Ernstes um ein lebendiges Wesen. „Liebes Kästchen, willst
Du uns etwas sagen? Bitte, bitte, liebes Kästchen, sei so gut, antworte
uns, bewege Dich, rücke auf einen von uns zu, den Du auszeichnen
willst“ etc.
Dann, und, nachdem inzwischen auch noch die Gebrüder Heinrich und
Julius Hart erschienen waren und damit unser Beobachterkreis vollzählig
geworden, begannen denn allerdings die ersten seltsamen Vorgänge, alle
für heute lokalisiert auf das bewußte Kästchen.
Ich will sie zunächst bloß dem Tatsächlichen gemäß beschreiben und die
aufklärenden Bemerkungen, die ich machen kann, zusammenhängend folgen
lassen.
Die Schachtel fängt also an, sich unter unseren Händen zu bewegen, nach
rechts, nach links, bald rascher, bald langsamer, bald auf Momente
wie angenagelt verharrend, um dann in kurzen krachenden Stößen wieder
weiter zu rücken -- endlich kommt es zu einer tollen Wirbelbewegung,
der die einzelnen kaum folgen können.
Nachdem diese Sache so glänzend gelungen, versucht die vergrößerte
Kette den ganzen Tisch zu bewegen, was aber mißlingt.
Freund O. pocht wiederholt kräftig auf den Deckel des Kästchens und
wenn dann alles hinhorcht, um antwortende Klopflaute zu vernehmen, so
hört man mehrfach ein unendlich feines Knistern im Holz.
Nun wird mit dem Kästchen experimentiert, um zu ergründen, ob es unter
den Händen auf einen in der Kette (etwa ein besonderes starkes Medium)
über den Tisch wegkriechen könne.
Es rutscht in der Tat auf mehrere zu, zuletzt besonders nachdrücklich
auf mich, und klappt mehrfach an der Tischkante auf. Nach O.s
Interpretation bedeutet das einen „Geistergruß“.
Nunmehr soll ein Anwesender, der nicht in der direkten Kette ist, also
die Hände nicht auf dem Kästchen liegen hat, sich einen in der Kette
Befindlichen denken, zu dem die Geisterschachtel hinrücken soll.
Neben mehreren mißlungenen Versuchen tritt ein eklatantes Gelingen ein
in einem Falle, wo Heinrich Hart in Gedanken seinen Bruder Julius als
den Betreffenden bezeichnet hat und das Kästchen tatsächlich und mit
förmlicher Leidenschaft auf Julius zusteuert.
Der Höhepunkt der Sitzung wird schließlich erstiegen, als die
Holzschachtel sich hartnäckig an der Tischkante in schräg schwebender
Lage festsetzt. O. stellt in gesellschaftshöflicher Form die laute
Anfrage an den Geist, ob er uns jetzt bestimmte Fragen durch Aufticken
beantworten wolle. Das Kästchen schwankt gegen die Tischplatte herunter
und tickt sehr vernehmbar dreimal auf. Drei Schläge bedeuten im
spiritistischen Geistervolapük „Ja“!