Dazwischen lag jenes Kolumbus-Jahr der neueren Biologie: 1859, da

Darwin auftrat. Was bei Lamarck ein Traum eines einzelnen gewesen war,

das hatte Darwin den Zeitgenossen als höchstes wissenschaftliches

Arbeitsziel beigebracht: die Suche nach dem Werden der Tier-

und Pflanzenarten, das Studium der Wandlungen, Umgestaltungen,

Entwickelungen im Bereich des Lebendigen. Inzwischen waren indessen

wiederum fast dreißig Jahre hingezogen. Die Generation nach Darwin

hielt den Meister hoch in Ehren, aber sie grübelte selber schon wieder

ein Stück weiter, wie das ihr gutes Recht war. „Was du ererbt von

Deinem Darwin hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ De Vries war in den

wesentlichsten Punkten Darwinianer, wie sich das beinahe von selbst

verstand. Er zweifelte keinen Augenblick mehr an einer Entwickelung des

Lebendigen nach natürlichen Gesetzen und an einer Wandelbarkeit der

Arten. Aber der alte Darwin hatte auch jene Sätze über das „Wie“ dieser

Entwickelung und Wandlung gelehrt: -- von Vererbung, Anpassung, Kampf

ums Dasein, Variieren, Zuchtwahl und Verwandtem. Dieser alte Darwin

hatte dabei nie verfehlt, diese seine engeren Ansichten als alles eher,

denn ein Dogma hinzustellen. Er verstand unter dem „Darwinismus“ nichts

mehr und nichts minder als ein schweres Arbeitsprogramm für die Zukunft.

Die Generation, zu der de Vries (geboren 1848) gehörte, fing an, das

mehr und mehr wirklich als Ernst zu fühlen. Man hatte im ersten Feuer

doch etwas viel nur für die äußerliche Ausmünzung der Ideen Darwins

gewirkt. Jetzt besann man sich auf des Meisters innerste esoterische

Kernlehre: daß ja die Hauptsache erst noch zu leisten sei durch

unermüdliche harte Beobachterarbeit. Auch de Vries hatte sich sein

Programm gemacht, wo er arbeiten wollte.

De Vries war Botaniker.

Darwin hatte gelehrt, daß auch bei den Pflanzen die „Art“

+veränderlich+ sei. Neue Arten entwickelten sich aus schon

vorhandenen, und so fort. Ungeheure Linien dieser Entwickelungen

lagen zweifellos in der Vorwelt, der Geschichte. Sie konnten in ihrem

eigentlichen Verlauf, als Vorgang, von uns nicht mehr beobachtet

werden. Aber Darwin neigte dazu, daß die Naturgesetze der Vergangenheit

keine anderen seien als die unserer sichtbaren Gegenwart, -- ein Punkt,

in dem er wohl sicher recht hatte. Dann aber wurde im höchsten Grade

wahrscheinlich, daß die Entstehung neuer Arten +noch weitergehen+

und auch bis zu uns heranreichen müsse.

Darwin zog denn auch, um die Sache aufzuhellen, ganz folgerichtig

die Experimente unserer heutigen Gärtner und Tierzüchter heran, die,

wenn nicht Arten, so doch mindestens Abarten herangezüchtet zu haben

glaubten durch planmäßiges Ausnutzen kleiner natürlicher Veränderungen.

Dieser Weg führte ihn auf gewisse +mögliche+ Gesetze der

wirklichen Artentstehung in der Natur. Aber grade er schien ihm

auch zu beweisen, daß der wahre Naturweg in diesen Dingen ein ganz

unglaublich +langsamer+ sei. Die winzige Zeitspanne, in der wir

beobachten, schien viel zu kurz, um eine wahre Artentstehung, die

Entwickelung einer neuen Pflanzenart aus einer andern ohne menschliche

Nachhilfe, darin schon erleben zu können. Das war denn nun eine

mißliche Zwickmühle. Die eine Beweisinstanz geriet in die unfaßbare

Vergangenheit, die andere in die nebelblaue Zukunft. Dort waren wir

nicht mehr dabei, und hier noch nicht.

Es gab hitzige Köpfe, die da behaupteten, an diesen Dingen hinge ein

großes Stück Weltanschauung. Es war nicht gerade angenehm, von dem

entscheidendsten Ding dann sagen zu müssen, es schwebe wie Mohammeds

Sarg einstweilen zwischen Himmel und Erde.

Leute der jüngeren Generation, wie de Vries, begannen zu fragen,

ob Darwin hier unbedingt Recht behalten solle, -- nicht mit seiner

Entwickelungsidee, sondern mit seiner Skepsis. Wenn es nun bei

sorgsamster Tatsachenprüfung doch einmal glückte, die Natur bei der

Arbeit zu belauschen, wie ihr das Meisterstück gelang, heute noch unter

unsern kritischen Augen eine neue Art zu schaffen?

Gelang es, so mußte ja im „Wie“ der Artbildung einiges +anders+

sein, als Darwin sich gedacht hatte. Aber darauf kam ja grade gar

nichts an. Man arbeitete nicht an einem toten Monument für Darwins

Einzelmeinungen, sondern man arbeitete an einem lebendigen Werk der

Wahrheit, das sein Name als der eines vorbildlichen Wahrheitssuchers

bloß eingeweiht.

In solchen Gedanken schweifte seit Jahren jetzt de Vries Auge über

jeden Fleck Erde, wo Pflanzen bei einander standen.

Wie einst Goethe in Palermo den Blick wandern ließ, ob er nicht in

irgend einem bunten Beet doch die „Urpflanze“ entdecken möchte, die das

reine Urbild des Pflanzenwesens heute noch verkörpere, so suchte de

Vries die Wandelpflanze, die Pflanze, die ihr Artbild durchbricht einem

Neuwerden zu Liebe. Gab es sie, -- gab es sie nicht, mochte er die

Blüten fragen wie Gretchen ihr Blumenorakel nach Fausts Liebe befragt.

Er besuchte auch den Kartoffelacker von Hilversum.

Ein Botaniker bringt seinen sichern Blick in solches Unkraut-Paradies

mit. Er sah den Zusammenhang, wie diese Nachtkerzen-Gesellschaft sich

seit etwa zehn Jahren hier auf die Eroberung begeben. Solcher freie

Einfall in unbenutztes gutes Terrain ist für eine Pflanzenart aber

stets ein Ereignis. Unerhört war ihre Üppigkeit, ihre Individuen-Zahl

in den wenigen Generationen gesteigert worden. Was eine Art konnte,

mußte hier geleistet sein.

Nun weiß man seit Alters, in besonderem Maße aber seit Darwin, daß jede

Pflanzenart, die man in vielen Individuen vergleichen kann, ein solches

Können hat: das sogenannte Variieren.

Die Individuen zeigen in den feinen Einzelheiten ihres Baues kleine

Schwankungen, kleine individuelle Abweichungen von einander. Man lege

beispielsweise eine Anzahl Blätter der gleichen Art nebeneinander und

man findet nicht zwei absolut gleiche. Bei genauerem Zusehen findet

man sogar bestimmte Reihen, in die diese Variationen des vorgesetzten

Grundschemas sich einordnen lassen. Man kann sie unter gewisse

Schwankungsgesetze einordnen, wie das (unabhängig von Darwin) durch

Quetelet geschehen ist.

Darwin selbst war der Ansicht, daß diese kleinen Varianten jeder Art

von großer Bedeutung für die Entstehungsgeschichte ganz neuer Arten

seien, grade darauf aber baute er auch seine Theorie auf, daß diese

Entstehung unendlich langsam in weiten Zeiträumen, also uns unfaßbar,

herankrieche.

Einerlei: wer immer nach Verwandlungsspuren suchte, mußte das Variieren

als interessant beachten. Und diese Nachtkerzen-Kolonie in der Kraft

ihres Könnens wies dem Besucher sogleich solche individuellen Varianten

in verschwenderischer Pracht. Notwendig mußte es ihn fesseln. Er blieb

eine Weile beim Studium der Kolonie. Schade nur, dreifach schade, daß

mit allem Studieren dieses Variierens grade in Darwins Sinn so wenig

für die Grundfrage herauskam! Ging die Artbildung diesen Weg, so war es

eine ewige Zukunftsvertröstung für uns, keine sichere Erkenntnis. Wir

sahen von der Artentstehung nicht mehr als ein Astronom in seinem Leben

von der Wiederkehr eines Kometen sieht, der tausend Jahre braucht, um

wieder in unsere Erdsicht zu kommen. Der Astronom konnte wenigstens

die Ziffern fest errechnen. Wir hatten bloß schwache Vermutungen ohne

festen Halt!

Indessen schon bald geschah etwas Wunderliches, etwas Unerwartetes.

Die Nachtkerzen-Art, die den gelben Blütenteppich des Ackers bildete,

war von dem Botaniker zunächst ohne Skrupel und Mühe im Ganzen als die

Lamarckiana bestimmt worden. Die kleinen Abweichungen der einzelnen

Individuen galten ihm als selbstverständliche Varianten dieser einen

guten Art. Aber in den Sommern 1886 und 1887 stellte er etwas fest, was

hierzu nicht stimmte.

Beim sorgfältigen Durchprüfen aller vorhandenen Einzelnachtkerzen

entdeckte er zwei andere Arten mitten dazwischen, beide scharf

geschieden von der Nachtkerze Lamarcks.

Schon am 20. August 1886 fand er zwei Individuen, eines im dichtesten

Wald der Lamarckskerzen, eines etwas davon entfernt, beide aber

ausgezeichnet durch sehr viel kürzeren Griffel und kleinere Früchte,

auch sonst in Einzelheiten durchaus absonderlich.

Im nächsten Sommer zeigten sich ihm an einer Stelle tief im Felde als

pionierhaft vorgedrungene Nachtkerzen-Kolonie zehn Individuen einer

zweiten Sonderart, die durch sehr viel schönere Belaubung, nämlich

glattere Blätter und durch anders gestaltete schmälere, oben nicht

herzförmig ausgebuchtete Blumenblätter abermals von der Lamarckskerze

grundverschieden war.

Die Sachlage war auffällig über alle Maßen.

Die Individuen der beiden fremden Arten steckten so eingekeilt in der

Kolonistenlinie der Lamarckier, daß schlechterdings nicht zu begreifen

war, wie sie als „fremd“ hier hineingeraten sein sollten. Trotz

ihrer Verschiedenheit saßen sie genau so da, als seien sie schlichte

Abkömmlinge der Lamarcks-Gesellschaft selbst gleich allen andern des

Feldes. Waren sie es nicht wirklich? Und waren sie dann nicht doch bloß

gewöhnliche, nur etwas extreme Varianten der Lamarckskerzen?

De Vries trat dem gegenüber zwei feste Beweise an, beide in sich völlig

gelungen.

Er brachte beide Sonderlinge im botanischen Garten zu Amsterdam zur

Fortpflanzung und stellte fest, daß sie in weiteren Generationen

vollständig konstant bleiben: die kurzgriffelige Form erzeugt weiter

immer nur Kurzgriffler, die glattblätterige nur Glattblättler. Das gilt

im allgemeinen botanisch als Merkmal einer festen Art. Also doch zwei

Arten! Keine Varianten von Lamarckskerzen!

Gleichzeitig aber stellte de Vries aus der Literatur und den

Musterherbarien von Leiden, Paris und Kew fest, daß bisher +weder in

Europa noch in Amerika irgend ein Botaniker diese beiden Arten gesehen

hatte+.

Es waren beides neue Arten!

Zwei bisher unbekannte Nachtkerzen-Arten!

Die eine mußte ~Oenothera brevistylis~, die kurzgriffelige, getauft

werden, die andere ~Oenothera laevifolia~, die glattblätterige.

Was war das?

Hatte jemand in aller Stille in einem undurchforschten Winkel Amerikas

diese beiden Arten gefunden, hatte ihre Samen heimlich nach Holland

gebracht und zwischen die Lamarckier geschmuggelt?

Aber diese ganze Pflanzenkolonie hier war ja grade ein

Verwilderungsprodukt, das Ergebnis einer von Menschenhand unberührten

Auswanderung sich selbst überlassener Pflanzen von einem unbeachteten

Beet auf einen unbenutzten Acker!

Oder welcher unglaubliche Wind sollte diese Samen über den Ozean hinweg

hierher geweht haben, -- da doch vor dem siebzehnten Jahrhundert

niemals offenbar ein einziger Nachtkerzensamen selbst der häufigsten

amerikanischen Art auf solchem freien Naturwege zu uns gekommen war?

Je unwahrscheinlicher, unmöglicher alle diese Erklärungen wurden, desto

deutlicher arbeitete sich aus dem Ganzen eine +Möglichkeit+ heraus.

Auf dem ursprünglichen Beet war nur die Lamarckiana gewesen. Diese

allein war auf den Acker ausgewandert. Dort hatte sie sich üppig

vermehrt. Und bei der Gelegenheit hatte sie plötzlich zwei vollkommen

neue Nachtkerzen-Arten +aus sich erzeugt+.

Plötzlich, -- das heißt immerhin in der kurzen, übersehbaren Spanne

der paar Jahre, seit denen nachweislich die Invasion auf den Acker erst

statt haben konnte.

So wäre denn hier das ungeheure Wunder einer Art-Entstehung nicht von

uns getrennt durch Jahrmillionen der Vergangenheit oder Äonen der

Zukunft, -- ganz dicht wäre es nur hinter uns gewesen, zu messen noch

an ein paar Nachtkerzen-Generationen in ein paar Menschenjahren.

Eine winzige Spanne zurück -- und der Botaniker wäre gradezu drauf

gestoßen, -- gestoßen auf den Schöpfungsakt zweier neuer Pflanzenarten

auf einem Kartoffelacker zu Hilversum ....

De Vries aber sagte sich folgendes. Wenn diese gelbe Kerzenkolonie erst

vor zwei Jahren dieses „Wunder“ hier vollbracht hat, so besteht eine

höchste Wahrscheinlichkeit, daß sie es auch +jetzt noch+ kann.

Und wenn sie es vollbracht hat in der abgeschiedenen Stille dieses

Kartoffelwinkels zwischen zwei Hilversumer Kanälen, so wird sie es auch

vollbringen in der wissenschaftlichen Helle eines botanischen Gartens.

De Vries sah plötzlich eine Lebensaufgabe vor sich. Er entnahm dem

geheimnisvollen Acker Zuchtpflanzen und Samen der echten Lamarckiana

und der beiden neuen Arten und brachte sie in den botanischen Garten

zu Amsterdam. Wenn diese Abkömmlinge der Schöpfungsstätte unter

genauester Kontrolle aufblühten, wenn sie unter den denkbar günstigsten

Verhältnissen tausende und tausende von Individuen entfalteten, -- ob

dann in diesem goldenen Blütenfelde noch einmal und sichtbar jetzt vor

Menschenaugen das große Mysterium sich vollziehen würde: die Entstehung

einer neuen Pflanzenart?

Es war das eigenartigste Experiment, das der ganze Darwinismus bisher

erlebt hatte. Würde es glücken?

Wir sind im Herbst 1886. Zu dieser Zeit also entnahm de Vries dem

rätselhaften Acker von Hilversum neun besonders schöne, große Rosetten

der echten Lamarckskerze und pflanzte sie in den botanischen Garten zu

Amsterdam.

Das bedeutsame Experiment begann.

Zweijährig, wie diese Pflänzchen waren, kamen sie im nächsten Sommer,

also 1887, in üppige Blüte und lieferten reichlich Samen. Dieser

Samen kam zu neuer Aussaat und lieferte für die Sommer 88 und 89 eine

ungeheure Nachkommenschaft, von der rund fünfzehntausend Individuen

genau geprüft, gleichsam steckbrieflich aufgenommen wurden.

Wenn die Nachtkerze auch im Garten unter Kontrolle eine neue Art zu

erzeugen beliebte, so war jetzt erste Gelegenheit.

Und der Fall ließ in der Tat nicht auf sich warten.

Unter den fünfzehntausend Kerzchen von 88/89 waren genau zehn Stück,

die nicht auf den Steckbrief der Lamarckskerze hören wollten.

Da standen zunächst fünf Individuen, die sich als „Zwerge“ gaben.

Trieb die echte Lamarckiana durchweg erst bei Meterhöhe Blüten,

so sproßten sie diesen Zwergen schon bei zehn Zentimetern ihres

Höhenwachstums. Dabei handelte es sich aber keineswegs um reine

Miniaturausgaben im Sinne einfach schwacher Individuen, etwa wie auf

so und so viel Menschen auch einmal ein Schwächling weit unter dem

Normalmaß kommt. Gleich das erste Blättlein, mit dem die zierliche

Rosette einsetzte, erschien schon anders als die Lamarcksblätter,

breiter in der Basis, kürzer gestielt, kurz art-verschieden. Wiederum

die Blüte, wenn sie kam, war selber gar nicht verkrüppelt, sondern im

Verhältnis der Blätter ganz auffällig groß. Kurz: der Botaniker stand

vor einer neuen Art. Und, wohlverstanden, vor einer Art, die diesmal

nachweislich von echten Lamarcks-Eltern herstammte!

De Vries taufte sie ob ihrer Zwergenhaftigkeit die ~nanella~.

Es erübrigte, sie auf ihre Artbeständigkeit in eigenen, weiteren

Generationen zu prüfen, und auch das gelang. Samen der fünf Zwerge

ergaben zwanzig neue Exemplare, die mit der höchsten Sorgfalt vor

Vermischung mit echten Lamarckiern geschützt wurden. Es ist zur

Abwehr solcher Vermischung ein besonderes Verfahren nötig, das erst

einen rechten Begriff gibt, welche Arbeit überhaupt in solchen

Versuchen steckt. Bekanntlich wird die Befruchtung bei den höheren

Pflanzengruppen durchweg so vollzogen, daß männlicher Blütenstaub der

einen Blüte auf den weiblichen Griffel einer anderen gebracht wird.

Die Vermittler dieser Uebertragung sind bei den höchsten Gruppen (zu

denen auch die Nachtkerze gehört) die ab- und zufliegenden Insekten,

Bienen, Fliegen, Schmetterlinge, die auf ihrer Honigsuche ohne Willen

hier den Staub einer Blüte sich aufpulvern lassen und dort, bei Einkehr

in einer anderen, am rechten Fleck zurücklassen. Bei solcher Post wäre

nun in unserm Falle nur zu leicht möglich, daß ein Insekt mit echtem

Lamarckianastaub bepulvert in eine Nanellablüte kröche. Der Erfolg aber

wäre eine Kreuzung der beiden Formen, die die Einsicht hemmte, ob die

Nanella, allein gelassen, als echter Artanfang wieder reine Nanellae

erzeugte anstatt Lamarckskindern. So mußte denn die Insektenpost hier

vorsätzlich ausgeschaltet werden. Jedes Pflänzchen wurde, wenn es

Blüten setzte, durch transparente Papierhütchen gegen anfliegende Gäste

abgeschlossen, die nötige Befruchtung aber besorgte an Insektenstatt

der Professor selbst und zwar stets so, daß er nur den Staub einer

echten Nanella wieder auf eine Nanella brachte. Resultat war, daß aus

den bewußten zwanzig Nanellae 2463 neue Keimpflanzen hervorgingen, die

ausnahmslos Nanella-Zwerge waren. Das entschied.

Inzwischen waren aber die Wunder in den fünfzehntausend ursprünglichen

Lamarcks-Abkömmlingen noch nicht zu Ende.

Dabei wuchsen nämlich nochmals genau fünf andere Exemplare, die auch

ihren Sonderweg gingen.

Auch sie waren bereits im zweiten oder mindestens dritten Blättchen,

das sie trieben, von den Lamarckiern streng unterscheidbar an der

wunderbaren Breite und oberen Abrundung ihrer Blätter. Kamen sie ganz

herauf, so erwies sich alles an ihnen entsprechend dick und geweitet.

„Dickköpfe“ wurden es, die jeder Laie schon auf den ersten Blick

herauskannte. ~Lata~, die Breite, taufte man also diese zweite

Nachtkerzen-Art, die unter den Augen des unbestechlichen Beobachters

sich aus der echten Lamarckskerze „entwickelt“ hatte.

Von allen bisher erkannten Neu-Arten wich sie am meisten von der

Urform ab. Und schade nur, daß diesmal die Dauerhaftigkeit in weiteren

Generationen nicht festzustellen war aus einem rein äußerlichen Grunde:

diese (und alle später noch beobachteten) Individuen der Lata waren nur

in ihren weiblichen Blütenteilen voll entwickelt, in den männlichen

dagegen so verkümmert, daß eine Befruchtung mit echtem Lata-Staub

unmöglich blieb.

Das Wirtschaften mit solchen Pflanzenkolonieen, die in die vielen

Tausende hinein gehen, ist kein Kinderspiel. Trotzdem folgte de Vries

zunächst unentwegt noch wieder einer Generation weiter. Er erzielte aus

echtem Lamarckssamen der Fünfzehntausend von 88/89 eine Generation für

1890 und 91, die zehntausend gezählte und geprüfte Pflänzchen enthielt.

Unter diesen Zehntausend waren abermals drei Lata-Kerzen und drei

Nanella-Kerzen!

Die Kraft, die zu erzeugen, bestand also bei den Lamarckiern auch jetzt

noch fort.

Aber außerdem war diesmal ausgespart ein einziges Individuum dabei, das

eine dritte Neu-Art darstellte!!

Diese Art war von hervorragender Schönheit. Sie wies rote Blattnerven

und breite rote Streifen auf Kelch und Frucht. Die Blüte war größer

und dunkler gelb. Ganz besonders auffällig aber war ihre Sprödigkeit.

Stengel und Blätter zerbrachen bei jedem derberen Stoß. Schlug man

von oben auf die blühende Pflanze, so zersprang „der Stengel förmlich

in mehrere Stücke mit glatten Bruchflächen“. Den Grund bildete die

sehr schwache Ausbildung der mikroskopischen Bastfasern, -- ein

interessanter Umstand als Beweis, wie tief bis in ihre feinste Struktur

hinein diese Art von der echten Lamarckiana verschieden ist. Im übrigen

war grade sie über allen Verdacht hinaus kräftig und fruchtbar.

~Rubrinervis~, die Rotnervige, nannte sie ihr Entdecker, und diese

Rotnerven-Kerze gab in der Folge, als sie noch einmal und zahlreicher

in einer Lamarckszucht „entstand“, aus acht Individuen Samen für

tausend Nachkommen, von denen 999 echte Rotnerver waren, und nur ein

einziges Exemplar die alte Lamarckierin.

Selbst dieser eine Rückschlag war höchstwahrscheinlich gar kein

echter, sondern Ergebnis einer zufälligen Einschleppung in das

Beobachtungsbeet. Denn eine weitere Samengeneration lieferte 1114

Pflanzen, die samt und sonders rote Blattnerven besaßen.

Leider wurden die Schwierigkeiten der Kultur jetzt so groß, daß für

eine Weile das großartige Experiment ruhen mußte. Drei Jahre ruhten die

Samen der Sommergeneration von 1891 unbenutzt und mit ihnen ruhte so

lange das Schöpfungswunder von Amsterdam.

Endlich 1895 kam es zu neuer Aussaat.

Reichlicher als früher wurde diesmal der Boden gedüngt. In größerem

Stil als je wurde alles aufgenommen. Alle Befruchtungen wurden mit

raffiniertester Gewissenhaftigkeit künstlich unter Dütenschutz

vollzogen, die Statistiken mit polizeilicher Sorgfalt geführt.

Und abermals wuchs eine Generation auf, eine einjährige diesmal,

abermals vierzehntausend Individuen. Und staunenswertes Resultat: die

Artbildung warf abermals Wellen, stärker als je zuvor.

Da standen unter den Vierzehntausend zunächst sechzig Nanella-Zwerge.

Dann dreiundsiebzig Lata-Dickköpfe.

Und endlich acht Rotnervchen.

Wie aber diese Rubrinervis das vorige Mal als einzige ihrer Art

plötzlich aufgetaucht war, so erhob sich diesmal aus seiner Rosette ein

Einzelindividuum je von zwei nochmals völlig neuen Arten.

Der eine dieser Revolutionäre auf eigene Faust war im Gegensatz zu den

Zwergen ein Riese, kräftig, breitblätterig, mit gewaltigen Blüten bei

kurzer Frucht.

Augenblicks, da das gelbe Feld der Vierzehntausend von 1895 in

Flor trat, stachen diese Prachtblüten aus der Menge vor. Nie vorher

konnte ein Exemplar solcher Größe dabei gewesen sein, -- es war

schlechterdings eine Neuheit wieder. Und doch eine Neuheit vom alten

Stamm, -- vom einen Stamm, der jetzt in der vierten Generation streng

nachweislich reine Lamarckiana-Zucht war!

~Gigas~ wurde der Riese mit Recht benannt.

Er erwies sich in 450 weiteren Sprößlingen aus Selbstbefruchtung

konstant insofern, als er keine einzige Lamarckiana wieder

hervorbrachte; dagegen erlaubte er sich schon in der nächsten

Generation eine eigene neue Art in einem einzigen Exemplar zu

zeugen: einen Riesen im Einzelwuchs, der doch in der Gesamthöhe nur

das Zwergenmaß der Nanella erreichte. Weitere Generationen blieben

dagegen unverändert beim Riesentypus, wahrten ihm also sein Art-Recht

ungeschmälert fort.

Der andere Individualist der Vierzehntausend hatte schmale,

langgestielte Blätter von eigenartig glänzender Oberfläche ohne Buckeln

und von einer ganz besonderen dunkelgrünen Färbung, durch die sich die

Nerven weißlich dehnten. Die Blüten waren diesmal klein wie bei der

kleinblütigen Biennis-Nachtkerze, die sich grade in diesem Punkt so von

der Lamarckierin schied.

~Scintillans~, die Glänzende, wurde diese Neu-Art getauft.

Ihre Dauerhaftigkeit unterlag in der Folge Zweifeln, doch ist die Sache

noch nicht klar aufgehellt, weder positiv noch negativ.

Interessierte in diesen beiden Fällen das pionierhaft Vereinzelte der

Neuschöpfung, so wirkte grade umgekehrt, daß eine dritte „Art“ diesmal

sofort in ganzen hundertsechsundsiebzig Exemplaren aufmarschierte.

Schmal waren auch ihre Blätter und langgestielt, aber auffälliger noch

als bei allen andern, und kenntlich dabei durch die breiten, blassen,

oft rötlichen Nerven. Die Größe blieb hinter der Lamarckskerze zurück,

ohne sie doch zum Zwerg zu degradieren. Und auch sonst fehlte es nicht

an Sondermerkmalen. Die Dauerhaftigkeit erhellte sicher aus allen

weiteren Kulturversuchen.

~Oblonga~ wurde Taufname.

Endlich erwiesen sich noch fünfzehn Exemplare der Masse diesmal

sicher als Neukerze, obwohl man ihnen Ähnliches schon in den früheren

Generationen gewahrt, aber nicht als Neu-Art angesprochen hatte.

Es handelte sich um schöne, aber stets sehr hinfällige Kerzen von

weißlichgrauer Blattfarbe, viel kleiner als die Lamarckierin in Wuchs

wie Blüte. Früher erschienen sie nur als Krankheits-Varianten. Jetzt

erkannte de Vries auch in ihnen eine feste Art, deren Dauerhaftigkeit

sich denn auch anstandslos bewährte.

~Albida~, die Weißliche, hieß sie fortan.

Auf vierzehntausend Kerzen aus Lamarckssaat also im ganzen

dreihundertundvierunddreißig abweichende Exemplare in nicht weniger als

sieben von der Lamarckskerze verschiedenen Arten!

Die Versuche in dieser Reihe wurden bis 1899 fortgesetzt, jedes

Jahr mit einer neuen Folge-Generation. Mit der achten Folge war die

ungeheuerliche Ziffer von fünfzigtausend genau untersuchten Individuen

erreicht. Über achthundert hatten eigene Wege in die genannten sieben

Arten eingeschlagen. Eine weitere Art über die sieben hinaus kam in

dieser Reihe nicht mehr hinzu.

Inzwischen waren aber gleichzeitige Kulturen aus andern Samen des

Hilversumer Ackers in Amsterdam durchgeführt worden, zum Beispiel von

jener ursprünglich schon wild in Hilversum entdeckten glattblättrigen

Art, und auch dort waren in langen Generationsketten neue Arten

aufgetaucht, teils die gleichen, schon genannten, teils noch andere.

Endlich war das Hilversumer Wunderfeld selbst fort und fort unter

Aufsicht geblieben und es hatte sich herausgestellt, daß fünf der

Amsterdamer Neu-Arten auch dort im wilden Zustand in den Jahren

erschienen waren, so die Breite und der Zwerg.

Das sind die Tatsachen.

Wie die ganze Fülle der Beobachtungen und Experimente in dem de

Vriesschen Prachtwerke „Die Mutationstheorie“ (erster Band, Leipzig,

Veits Verlag) ausführlich und mit schönen Farbentafeln in Wort und

Bild dargelegt ist, macht sie nicht den Eindruck, als wenn an dem

grundlegenden Material noch viel wesentliche Kritik geübt werden könnte.

Was de Vries gesehen hat, scheint fortan zu unserm wissenschaftlichen

Stammstoff zu gehören und jede Theorie muß damit rechnen.

De Vries selber aber hat jedenfalls das erste Recht, auch zu einer

solchen Theorie gehört zu werden.

Nachdem er seine Tatsachen einigermaßen beisammen hatte, verwertete er

sie für folgende verallgemeinernde Sätze.

Diese hier beschriebenen neuen Nachtkerzen-Arten sind +nicht+

gewöhnliche +Varietäten+.

Kleine, individuelle Variantenbildung lief während der ganzen Studie

immer und überall nebenher, ohne die Sache irgendwie zu berühren.

Die ersten Hilversumer Lamarckskerzen variierten so im kleinen, es

variierten ihre fünfzigtausend Nachkommen in Amsterdam, es variierten

innerhalb ihres typischen Bildes wieder die entstandenen Neuarten

selbst in all ihren Reinkulturen, kurz, diese kleinen Schwankungen

gingen immer und überall nebenher, änderten oder taten zur Sache,

um die es sich handelt, aber gar nichts. Es war eben, wie wenn

fünfzigtausend Menschen verschiedene Nasen haben: sie bleiben darum

doch alle Mensch und es wird keiner zu einer außermenschlichen Art.

Solches Werden im letzteren Sinn aber entspräche nach de Vries

tatsächlich dem, was bei Entstehung jener sieben und mehr Neuformen aus

der Lamarckskerze vorliegt. Hier hat irgend ein Innenakt der Pflanze

aus einer Art eine ganze Kolonie neuer Arten plötzlich, von Generation

zu Generation, hervorbrechen lassen, -- echte +Arten+ mit +allen

Merkmalen+ von solchen.

So lautet denn de Vries’ erster Lehrsatz: eine Pflanzenart hat unter

Umständen die Kraft, eine ihr verwandte, aber doch grundlegend

verschiedene neue Art plötzlich, ruckweise aus sich bei der

Fortpflanzung entstehen zu lassen. Im Gegensatz zur gewöhnlichen

Variation bezeichnet er diesen Akt als eine „+Mutation+“, von

~mutare~, verwandeln.

Es handelt sich dabei nicht um eine kleine individuelle Abweichung

in irgend welchen Merkmalen, sondern um einen Ruck, bei dem die

Tochterpflanze in ihrem tiefsten Wesen als Ganzes aufgerüttelt,

umgerüttelt, neu fundiert, verwandelt erscheint.

De Vries gebraucht zur Klarlegung des Unterschiedes zwischen Variation

und Mutation gelegentlich ein sehr hübsches Bild, das von F. Galton

herrührt. Man denke sich ein sogenanntes Polyeder, einen Körper mit

vielen verschiedenen Flächen nach allen Seiten. Als Bild kann gut einer

jener schönen kristallenen Briefbeschwerer mit vielen Schliff-Flächen

dienen, die man öfter sieht. Ein solcher Kristallblock gerate auf eine

schiefe Ebene. Er liegt zunächst fest auf einer seiner Schliffflächen.

Aber die Ebene senkt sich unter ihm und er beginnt zu rutschen, --

zunächst auf dieser seiner Fläche. Die Rutschpartie geht schneller:

er beginnt zu kippen. Er schwankt, balanziert auf der unteren Kante

seiner Grundfläche, neigt sich etwas vor und zurück. Aber noch zwingt

ihn die Schwere in die alte Lage zurück, er fällt wieder in die alte

Basis, entfernt sich nicht dauernd von ihr, sondern oszilliert nun

gleichsam um sie herum. Das wäre die Variation einer Art auf der

schiefen Ebene ihrer Fortpflanzung! Indessen plötzlich jetzt ein

Ruck: unser Kristallblock hat auf einer stärksten Neigungsstelle das

Übergewicht bekommen, ist gekippt -- und liegt jäh auf seiner nächsten

Schlifffläche. Er hat seine Basis verändert. Um die mag er jetzt wieder

schwanken, oszillieren, -- jedenfalls ist es ein Oszillieren um einen

ganz neuen, veränderten Schwerpunkt. Dieser Ruck, dieser Sturz, diese

plötzliche Basisänderung -- ist eine Mutation. Die Art oszilliert,

variiert bei ihr nicht um ihre gegebene Basis, -- sie fällt in sich um

auf eine neue Basis: sie erzeugt eine neue Art.

Die Entdeckung dieser Mutation als einer experimentell gesicherten

Sache hielt de Vries für seine wichtigste Leistung. Aber er blieb dabei

nicht stehen.

Er folgerte weiter, daß die Mutation nicht wie die Variation eine

beständige Begleiterscheinung im Leben der Pflanzenarten sei, sondern

wahrscheinlich +in gewissen Perioden+ sich einstelle.

Eine Art kann lange auf ihrer Fortpflanzungsbahn bloß oszillieren. Dann

plötzlich macht sie Sprünge, bei denen die Basis jäh wechselt: sie

tritt in eine Mutationsperiode.

Für diesen Sachverhalt spricht die Ruhe so vieler Pflanzenarten,

die, lange beobachtet, keinerlei Mutationen zeigen, und umgekehrt

dieser Nachtkerzenfall, wo in kürzester Frist die Neubildungen sich

jagen und überall, oft in verhältnismäßig kolossaler Individuenzahl,

hervorbrechen.

Hier lag ja nun die Frage nahe genug, welches Gesetz denn diesen

Wechsel von Ruhezeit und Mutationszeit bestimme, -- oder mit anderen

Worten: was für ein Grund die Pflanze überhaupt zur Mutation zwinge?

Diese Frage mit irgend einer Theorie zu beantworten, vermaß sich

indessen de Vries vorläufig nicht.

Seine Experimente gaben keinen Anhalt dafür. Seine Nachtkerze war

offenbar schon im wildesten Trubel einer Mutationsperiode, als er sie

fand. Den Anfang der Dinge sah er nicht. Vermuten ließ sich höchstens

ein Zusammenhang zwischen der äußerst üppigen und raschen Vermehrung

durch Eroberung des Hilversumer Ackers und dem Eintritt dieser Periode.

Doch warf das de Vries nur so als Denkbarkeit hin.

Im wesentlichen resignierte er: die äußeren Ursachen der Mutabilität

seien uns noch völlig unbekannt. Um so energischer aber erörterte und

entschied er einen verwandten Punkt.

Die Mutation arbeitet -- +richtungslos+!

Die Lamarckskerze, wie sie gegeben war, erscheint als eine gute

Anpassung an den Daseinskampf. Wir sehen sie in Amerika sich halten, in

Europa fortblühen, sehen sie als Pionier, der sich wieder wild macht,

den Hilversumer Acker erobern, kurz, sie steht ihren Mann.

Wie geht es nun mit den Neuarten? Sind sie noch besser? Sind sie

schlechter? Ist etwas Besonderes in bestimmter Richtung an ihnen

„verändert“? Etwas pro oder kontra?

Der Sachverhalt der vorhandenen Neuarten gibt eine feste Antwort.

Die Abänderungen umfassen alle Organe gradezu und gehen überall in

fast jeder Richtung. Die Pflanzen werden stärker, sagt de Vries, oder

schwächer, mit breiteren und schmäleren Blättern. Die Blumen werden

größer und dunkler gelb, oder kleiner und blasser. Die Früchte werden

länger oder kürzer. Die Oberhaut wird unebener oder glätter; die

Buckeln auf den Blättern nehmen zu oder ab. Die Produktion der Pollen

nimmt zu oder ab; die Samen werden größer oder kleiner, reichlicher

oder spärlicher. Die Pflanze wird weiblich oder fast männlich; manche

hier noch nicht beschriebene Formen waren völlig steril, einige

nahezu ohne Blüten. Einige neigten mehr zur Zweijährigkeit, andere

weniger, eine war fast rein einjährig. Das entscheidet jene Frage.

Diese Abänderungen sind in kunterbunter Reihe teils nützlich, --

teils indifferent -- teils ausgesprochen schädlich. Die Riesenform

~Gigas~ ist der Lamarckiana anscheinend in jedem Betracht über.

Die Zwergform ~Nanella~ und die zerbrechliche ~Rubrinervis~

sind wehrloser als die Lamarckskerze. Eine Neuart, die unfruchtbar

ist, ist selbstverständlich ein unrettbarer Todeskandidat. Also: der

Mutationsprozeß, was er nun auch für eine Triebfeder habe, arbeitet

hinsichtlich der Anpassung, der Kampfstärke im Leben richtungslos, --

bald pro, bald kontra. Er probt blind „Möglichkeiten“ durch, indem er

bessere, schlechtere, gleiche Würfel regellos ausstreut.

Daraus aber mußte sich für de Vries folgerichtig noch ein weiterer Satz

ergeben.

Über die Fortexistenz der regellos geschaffenen Mutationsarten

entschied der Daseinskampf!

Er merzte die schlechteren Neuschöpfungen aus. Bei Gleichheit

im Lebenswert ließ er je nachdem Mutterart und Mutationsarten

nebeneinander bestehen. War dagegen ein Mutationsprodukt +besser+

angepaßt, brauchbarer als alle Mitmutationen und als die Mutterart

selbst, so ließ er diese +beste+ Form +allein+ bestehen und

merzte alle anderen aus.

Die Rolle des Daseinskampfes war in diesem Sinne zwar eine gewaltige,

-- aber sie war rein -- negativ. Er machte nicht die Mutation.

Er konnte an sie als gegebenes „Absolutes“ direkt in keiner Weise heran.

Aber er warf unablässig alle schlechten Mutationen wieder aus dem

Spiel, einschließlich aller überbotenen Stammformen, und reichte einer

besten oder einigen gleichberechtigt besten die Palme der Herrschaft.

Indem er ungeheure Ketten von Mißmutationen und wertlos gewordenen

Stammformen wie welke Zweige beständig abschnitt, trennte er die

überlebenden Sieg-Mutationen durch weite Räume voneinander.

Darum erscheinen uns im Dauerbilde die „Arten“ meist so getrennt,

obwohl die Mutationen sich zunächst immer noch so verhältnismäßig

nahe gestanden hatten, wie die Lamarckiana und ihre Zwergenkinder,

Riesenkinder, Kurzgriffler, Rotnervchen und Glanzblättler.

Ganz scharf tritt in dieser „Mutationstheorie“ die Beziehung wie der

Gegensatz hervor zu der engeren Darwinschen Lehre von den Bedingungen

der Entwickelung.

De Vries nimmt den ganzen +äußeren+ Besitz des Darwinismus

+vollzählig+ in sich auf, er umspannt ihn, wie jede gute neue

Theorie alles Gute der älteren umspannen soll, anstatt künstliche

Unterschiede zu schaffen.

Dem lauten Getriebe, das heute alle darwinistischen Grundtatsachen

wieder aus der Welt reden möchte, steht ein so besonnener Kopf, der

grade beim alten Darwin arbeiten gelernt hat, vollkommen fern.

Die fördernde oder hemmende Macht der äußeren Existenzbedingungen, in

die die lebenden Wesen jedes für sich eintreten -- der „Daseinskampf“,

wie es Darwin nannte, ohne selbst in die Mißverständnisse

überzulenken, die das vieldeutige Wort im Alltagsleben seitdem erfahren

hat -- sie bleibt in voller Wucht bestehen.

Wie sollte sie nicht?

Fällt doch jedes neue Pflänzchen auf dieser alten Erde nicht vom

Blauen ins Blaue, sondern es tritt vom Tage seiner Entstehung an

in ein ungeheures Netz bereits bestehender Verhältnisse, vor denen

es sich ausweisen muß, ob es „lebensfähig“ ist. Wenn ein Fischlein

im Wasser aus dem Ei kriecht und das Wasser rauscht um es her --

und es hat plötzlich durch irgend eine individuelle Veranlagung

keine Kiemen, so muß es augenblicks sterben, es ist untauglich zum

Lebenskampf. Je besser dagegen seine Kiemen sind, desto flotter kann

es das „Leben“, sein Leben in den gegebenen Bedingungen des Fischs im

Wasser, aufnehmen. Die Logik dieses Gedankens ist eine immer wieder

so schlichte, so schlechterdings zwingende, daß einer sich wirklich

schon künstlich in den blinden Zweifel hineinreden muß, um das nicht

mehr zu fassen. Wo immer in einer Tier- oder Pflanzenart individuelle

Veränderungen auftreten, da +muß+ diese logische Mühle weiter

mahlen, da +muß+ eine Selektion, eine Auslese des Besseren, vor

den äußeren gegebenen Bedingungen Zweckmäßigeren, und eine Ausmerzung

des Schlechteren stattfinden. Und das Resultat muß eine beständige

Annäherung sein an eine immer bessere, eine beste „Anpassung“

der Gesamtmenge an diese Bedingungen, -- also genau das, was wir

in so ungezählten Beispielen wirklicher famosester Anpassung und

Zweckdienlichkeit der Lebewesen allerorten auf Erden vor Augen sehen.

Damit ist der Kerngedanke aber der Darwinschen Zuchtwahltheorie immer

und immer wieder gerettet als ein schlicht logisches Grundprinzip,

um das wir außen und oben, auf der Kampffläche der Dinge, nicht

herumkommen.

Was sich aber fragt und von Anfang an schon für alle ernsten Denker,

vor allem Darwin selbst, gefragt hat, das ist: wie es sich mit jenen

„individuellen Veränderungen“ selbst verhalte, also mit dem Korn, das

die Daseinskampfmühle oder das Daseinskampfsieb, wie das Bild besser

lautet, zu verarbeiten bekommt?

Die Darwinsche Schule, so will ich einmal etwas allgemeiner hier

sagen, hat durchweg angenommen, daß für die große Entwickelungslinie

wesentlich jene kleinen individuellen Varianten in Betracht kämen,

die, wie erwähnt, ungefähr unter jene statistischen Schwankungsgesetze

Quetelets fallen, -- also im groben Bilde etwa, was bei uns Menschen

sich als Unterschiede in der Nasenlänge oder so etwas Ähnlichem äußert.

Eine solche kleine Variante sollte gelegentlich schon ein kleines Plus

im Daseinskampfe geben. Durch bessere Erhaltung auf Grund dieses Plus

sollte dieser Daseinskampf sie so zu sagen mehr und mehr in Reinkultur

herausarbeiten und allmählich so steigern, daß sie endlich unter die

Dauermerkmale der ganzen Art geriet. Ein Komplex solcher endlich

fest herangezüchteten Plus-Varianten mochte schließlich das ganze

frühere Art-Bild so verwandeln, daß wir Systematiker die ausgelesene

Varianten-Elite der Ur-Ur-Enkel gradezu für eine neue Art ansprachen.

Und ein Hauptstützmittel dieser Auffassung waren eben die Erfahrungen

unserer Gärtner und Tierzüchter, die mit großer Sicherheit behaupteten,

genau in dieser Weise, durch stete Auslese der passenderen Varianten,

völlig neue Dauerformen „erzeugt“ zu haben.

So die darwinistische offizielle Lehrmeinung.

Nun ist aber in hohem Grade bemerkenswert, daß Darwin selbst mindestens

ursprünglich in diesem heikelsten Punkte gar kein extrem waschechter

„Darwinianer“ war.

Er betonte, daß sich in der „Variation“ +zwei+ Dinge zu verstecken

schienen, zwei nicht ohne weiteres gleiche Dinge.

Erstens nämlich ein stetiges individuelles Wechselspiel von Plus

und Minus im Sinne eben jenes Nasenbeispiels. Zweitens aber gewisse

plötzliche, unvermittelte Abweichungen vom Grundschema der Art,

Varianten, die nicht in die Linie Plus und Minus ausbogen, sondern so

zu sagen in eine neue Dimension hinein, in etwas ganz abrupt Neues.

In der ersten hellsichtigen Genieschau durch das ganze neue Lichtfeld

der Dinge sah das Darwin sehr gut.

Als er sich aber dann mehr in die praktischen Gärtner- und

Tierzüchter-Versuche hineinarbeitete, vermischte sich ihm die Zweiheit.

Dort fielen die beiden Arten der Variation anscheinend für die Praxis

so durcheinander und in eins, daß es unwichtig schien, die Trennung

noch zu betonen.

Es folgte die Hochflut der Darwinschen Schule. Insbesondere Wallace

trieb den Zuchtwahl-Gedanken aufs gedanklich Äußerste hinauf. Hier war

von irgend einer Beachtung des feinen Unterschiedes gar keine Rede

mehr. Die Variation war Eines nur und in diesem Einen war entscheidend

ausgesprochen bloß die Plus- und Minusschwankung. Aus ihr wuchsen die

neuen Arten.

Ist das doch selbstverständlich, meinte Wallace, wenn wir nur etwa ein

so einfaches Beispiel anschauen wie unsere tausend Kulturspielarten

aus der einzigen Ur-Art des wilden Apfelbaums. Dieser Apfelbaum hat

nach Plus und Minus variiert und diese Varianten haben die Gärtner

benutzt, um alle die prächtigen süßen Apfelsorten unserer Obstgärten

allmählich herauszufixieren. Dabei sind die Äpfel aber keineswegs

bloß süß geworden. Es sind so und so viel echte Apfelspielarten von

recht verschiedenem Bau dabei herausgekommen, -- ein Beweis, daß die

ursprüngliche einfache Plus-Variante auch den Keim solcher Artbildung

bot.

Und das schien wirklich schlagend. Eine ganze Generation beugte sich.

Wer da oder dort zweifelte, der geriet in das Dilemma, ob er etwa mit

dem ganzen Darwinismus brechen wollte ob seiner Ketzergedanken. So

unzertrennbar fest schien diese Masche im großen Netz der Theorie zu

stecken, daß man gradezu glaubte, sie trüge das Ganze und der große

Entwickelungsgedanke müsse unten durchfallen, wenn man sie löse.

Nun, meint de Vries, die Entwickelungslehre als solche steht heute

auf so breiten Füßen, daß man diese Skrupel wahrlich abtun kann.

Eine neue Prüfung des Variationsproblems ändert da auch nicht ein

Titelchen. Zumal wir eigentlich nur auf Darwins eigene erste Ideenlinie

zurücklenken. Und so steht denn hier die Lamarcksche Nachtkerze mit

ihren „Mutationen“ und wirft eine ganz neue Farbe ins Bild.

Sie besagt mit ihrer proteisch vielseitigen Person zunächst klipp

und klar, daß es jene Doppelgestalt hinter dem einfachen Wörtchen

„Variation“ wirklich gibt. Es gibt neben dem Variieren im Sinne von

Hin- und Herpendeln der Plus- und Minus-Varianten auf der Art-Kante

noch ein regelrechtes Umkippen in neue Art-Merkmale hinein, eine

Sorte Variation, die eben mit besserem Wort als „Mutation“ von der

gewöhnlichen geschieden wird.

Das aber geklärt, kommt nunmehr ein Vorstoß allerdings über Darwin

hinaus und sogar gegen ihn.

Über diese Mutations-Varianten und nicht über die einfachen

Schwankungs-Varianten läuft nach de Vries und ist immer gelaufen die

wahre Neubildung von Arten. Alle Behauptungen und angeblichen Resultate

der Gärtner und Tierzüchter, alle noch so sicheren Schlüsse und Thesen

der hyperdarwinistischen Theoretiker sind falsch, so weit sie die

Entstehung irgend einer neuen Art durch künstliche oder natürliche

Weiterzüchtung einfacher Plus-Minus-Varianten behaupten.

Wo ein Ergebnis dieser Sorte durch Zuchtwahl mit „Varianten überhaupt“

zustande gekommen ist, da steckten eben Mutationen mit darunter, sie

haben nachgeholfen ganz in der Stille und ein Gewinnlos in die an sich

falsch gestellte Nietenlotterie eingeschmuggelt. Beispiel: eben die

Wallacesche Geschichte der Gartenäpfel.

Die künstliche Gärtnerzuchtwahl konnte wohl aus sauren Wildäpfeln süße

Kulturäpfel durch einfache Ausnutzung der kleinen Schwankungs-Varianten

machen. Hier handelte es sich bloß um Steigerung einer Plus-Variante im

Zuckergehalt bis auf ein extremes Maximum. Das ist genau der gleiche

Erfolg wie bei dem allbekannten Beispiel der Zuckerrüben, über das die

einwandfreieste Statistik vorliegt. Niemals wird so ein eigentlich

konstanter Wert geschaffen. Läßt man die künstliche Auslese ruhen,

läßt die süße Kulturform wieder verwildern, so sinkt sie binnen kurzem

wieder auf den zuckerärmeren Urstand zurück, der Kulturapfel wird

wieder Holzapfel, die Zuckerrübe in unserm Zuchtsinne verschwindet

wieder von der Erde. Vollends aber niemals entsteht bei einfachem

Zuchtprozeß auf diesem Wege der Variantennutzung eine feste neue

Spielart, die sich nicht bloß in einem einseitigen Plusmerkmal von

der Stammart unterschiede und darin in alle Nachkommenschaft hinein

konstant bliebe. Nie ist es bei den Zuckerrüben passiert.

Aber doch bei den Äpfeln? Keineswegs auch da, sagt de Vries. Die wahre

Tatsache ist in diesem Falle, daß schon der wilde Holzapfel eine

gewaltig +mutierende+ Pflanze war, die sich bereits wild in so und

so viel Unterarten zerspalten hatte, in echte Mutations-Varianten also,

die natürlich als solche konstant waren und das schönste Ur-Material

bereits lieferten. Die Gärtner haben sie durch Ausnutzung ihrer

jedesmal „auch“ vorhandenen Plus-Varianten des Zuckergehalts einzeln

zu Kulturäpfeln umgeformt. Dabei sind die Spielarten als solche eben

geblieben, -- niemals aber sind +sie+ erst bei dem Gärtnerprozeß

der Versüßung, den alle parallel erlebten, selber „erzeugt“ worden.

Dieser Fall gibt nach de Vries gradezu den Schlüssel für alle jene

Irrtumsquellen, wo Arten durch Steigerung der einfachen Variation

gewonnen worden sein sollten. Immer war Mutation im Spiel, ungewollte,

unberechenbare, einfach in den Schoß fallende Mutation als Akt des

tiefsten Eigenlebens der Pflanze, -- wenn die Sache gelang! Fehlte

sie als Kräutchen Nießmitlust, so mochte die Pastete hundert Jahre

schmoren, es gab keinen Erfolg.

Daher die Klagen der Gärtner, daß sie mit aller Variations-Nutzung

keine blauen Georginen, großen weißen Kannablüten, hochgelben

Hyazinthen „erzeugen“ konnten. Die stille Helferin Mutation warf eben

diese Nummern bisher nicht ins Spiel. Daher der alte tiefsinnige

Praktikersatz: „Die erste Bedingung, um eine Neuheit hervorzubringen,

ist, sie bereits zu besitzen.“ Zu besitzen: das heißt, vom Glück so

begünstigt zu werden, daß die Mutation, selber unbeherrschbar wie sie

ist, sie einem grade ins Spiel setzt. Sonst hilft alle Zuchtwahl und

alles Rübenglück nichts.

Wenn es aber mit der künstlichen, uns zugänglichen Züchtung so steht,

dann wird es wohl mit der natürlichen, auf die wir ja nur von hierher

schließen, ebenso sein.

Auch der freie Daseinskampf wird nur echte Neuheiten mit Dauerwert

durch die Arbeit der Mutation seit alters zur Verfügung gehabt haben,

von denen er dann die einen bestehen lassen, die andern, unpraktischen

ausroden konnte.

Mit den Varianten der einfachen Sorte aber wird auch er nichts weiter

haben anfangen können, als daß er diese oder jene eine Weile ins Extrem

trieb; zog er die Hand von solchem Schützling, weil sich in seinen

eigenen Bedingungen lokal etwas änderte, so fiel das sofort wieder ab,

ohne daß je eine wirkliche innere Erneuerung damit angeregt gewesen

wäre.

Es ist sehr wichtig, daß im Augenblick, da man bis hierher mitgeht,

ein tatsächliches Sachverhältnis in der Tier- und Pflanzenwelt sich

plötzlich ganz von selbst aufhellt.

So lange die Zuchtwahl-Theorie mit ihrer Anpassungs-Idee jetzt in der

Welt ist, so lange ist auch von Freund, wie Gegner (am schärfsten

wieder von Darwin selbst) erkannt und betont worden, daß ihr ein

Zug im Bilde der Arten, wenn nicht direkt widerspricht, so doch zäh

widerstrebt.

Die charakteristischen Eigenschaften der einzelnen Tier- und

Pflanzenarten lassen sich in ungezählten Fällen in zwei scharfe Gruppen

sondern.

Die einen fallen unter den Anpassungsbegriff.

Sie sind dem lebenden Geschöpf im Lebenskampfe ausgesprochen nützlich,

z. B. wenn ein Laubfrosch, der auf grünen Blättern lebt, grün ist. Zur

Verteidigung der Zuchtwahl-Theorie im ganzen sind diese Fälle stets

sehr hell beleuchtet worden und kein Mensch mit gesunden Sinnen kann

auch wirklich leugnen, daß sie Legion sind und für ihr Teil alles

beweisen, was die kühnste Theorie hier verlangen kann.

Die zweite Gruppe bilden auch daneben nicht etwa umgekehrt

Nichtanpassungen im Sinne von offenbaren Schädlichkeiten, groben

Unzweckmäßigkeiten. Wo solche auffällig beständen, da könnte man ja

sagen, die ganze Anpassungs-Idee sei unmöglich -- aber man könnte wohl

ebenso sicher sagen, das Tier oder die Pflanze mit solchem Selbstgift

der angeborenen Unzweckmäßigkeit sei unmöglich.

Was aber nicht unmöglich ist, vielmehr ebenso tausendfältig wie die

Schutzanpassungen uns vor Augen steht, das ist die Existenz von

völlig indifferenten Merkmalen, bei allen Tier- und Pflanzenarten, --

Merkmalen, die schlechterdings mit Schutz im Lebenskampfe nichts zu tun

haben -- und die doch da sind.

Eine Tiersorte, die auf grünen Blättern lebt, sei im ganzen grün. Gut,

das ist die Schutzseite. Aber jetzt spaltet diese grüne Tiersorte sich

noch wieder in eine Portion Einzelarten, die sich durch allerhand

kleine, meist von fern so gut wie garnicht sichtbare Merkmale

voneinander unterscheiden, -- Merkmale, die mit Anpassung auch im

weitesten Sinne unbedingt nichts zu tun haben, sondern in Hinsicht auf

sie reinweg wie Spielereien der Natur, wie ein unabhängiges Durchproben

von hundert indifferenten Möglichkeiten jenseits von Schutz und

Nichtschutz sich ausnehmen. Bei unserer systematischen Trennung der

einzelnen Arten spielen diese Merkmale vielfältig die Hauptrolle. Und

doch finden wir keinen „Zweck“ in ihnen vom Boden der Anpassungstheorie.

Wie ist es nun gekommen, daß sie sich überhaupt erhalten konnten,

fixieren konnten, wenn +alle+ Eigenschaften der Tiere und Pflanzen

erst durch die Anpassungsmaschine des Daseinskampfes aus kleinen Plus-

und Minus-Varianten langsam heraufgezüchtet worden sind?

Diese Maschine hatte ja nicht das leiseste Interesse an irgend einem

vom Schutzzweck aus indifferenten Plus oder Minus. Wie konnte es

dennoch dahin kommen, daß solche Merkmale konstant wurden, ja sich

schließlich dem Systematiker gradezu strenger aufdrängten als die

Anpassungssachen?

Darwin suchte vor dieser Frage in allen Jahren seines Hauptschaffens

nach Auswegen, kühn und ehrlich mit dem Blick auf den Tatsachen.

Einen Teil jener Merkmale, gewisse rhythmische Gebilde besonders

in Farben und Formen, schob er bei den höheren Tieren auf den

Schönheitssinn bei der Liebeswahl, er führte seine sogenannte

„geschlechtliche Zuchtwahl“ ins Spiel. Er wußte selbst, daß er damit

nur einen ganz bestimmten Ausschnitt packte, niemals die Hauptsache, um

die es ging.

Dann betonte er scharfsinnig ein Gesetz, daß, wenn ein Merkmal bei

einer Tierart so und so durch Züchtung werde, so und so viel andere

Merkmale sich auf Grund eines geheimen Zusammenhangs, der aber nicht

im Schutzzweck lag, mit veränderten, -- das sogenannte „Gesetz der

Korrelation“. Wurde ein Tier aus Schutzzwecken grün, so konnte das eine

Portion anderer Merkmale an ihm erwecken, die an sich nichts mit Grün

und Schutz zu tun hatten, aber so lange der Art verbleiben mußten, wie

sie grün blieb.

Aber auch das traf nur gewisse Einzelfälle, in der Masse aber versagte

es, -- ganz abgesehen noch davon, daß es ein „Gesetz“ mit ganz dunklen

Faktoren in sich war. Unzählige Arten waren sämtlich aus Schutzzwecken

grün und hatten dabei erst recht nicht alle übrigen Artmerkmale

gemeinsam und gleich bekommen, sondern sie waren grade sonst so

verschieden, daß man sie als selbständige Arten zählte.

Diese ganze Schwierigkeit aber hebt sich im gleichen Augenblick, da wir

von der Mutationstheorie ausgehen.

Bei ihr züchtet der Lebenskampf nicht erst die Artmerkmale aus kleinen

Schwankungsvariationen allmählich heran. Sondern er merzt bloß aus

dem anmarschierenden Heer ewig neuer Mutations-Arten, die alle

Sortenmerkmale zur Probe mitbringen, alle die aus, die aufdringlich

unzweckmäßige Merkmale zeigen. Alle Mutationen mit nützlichen +oder

mit indifferenten+ Merkmalen läßt er dagegen durchpassieren. Diese

sind sofort als „Art“ da, pflanzen sich konstant fort und bilden das

Material unserer Systeme. Naturgemäß müssen ihre Merkmale sich fort

und fort zusammensetzen aus den beiden Urgruppen: nützlichen -- und

indifferenten, -- genau wie es wirklich im Tatbestande der Fall ist.

In der schönsten Weise ordnet sich der ungeheure Formenreichtum der

lebendigen Natur hier in die Theorie ein, ohne daß alles durch das

Prokrustesbett der reinen „Nützlichkeit“ durch muß. So und so viel

fällt auf die, -- aber es braucht durchaus nicht alles hierher zu

fallen, was da ist. Denn bei freiem Durchmutieren in alle Möglichkeiten

hinein muß mindestens ebenso viel Indifferentes sich einstellen, wie

ausgespart Nützliches, wahrscheinlich sogar sehr viel mehr.

Grade an dieser Stelle aber lenkt die gesamte Frage doch auch wieder

zurück zu jener schon einmal gestreiften Grundfrage: wie es sich mit

den +Ursachen+ der Mutation selbst verhalte und ob es nicht doch

möglich sei, in sie hinein noch ein letztes formbildendes Gesetz zu

verfolgen.

Es ist keine Frage: in der Darwinschen Linie sieht man zunächst mehr

von den treibenden Ursachen des ganzen Hergangs, als bei de Vries.

Die Hauptursache liegt dort im hellen Lichte der Naturzüchtung und

nur ein kleines Sätzchen bleibt als Unbekanntes, als „Sprung“: die

schlichte Plus- und Minus-Schwankung, mit der die Mühle zu mahlen

anfängt. Bei de Vries springt die Mutation allsogleich auf den Plan wie

ein fertiger Ritter -- und alles, was wir sehen, ist bloß der Ausweis,

ob es ein sieghafter Held oder ein armer Don Quixote vor der Praxis sei.

De Vries verwahrt sich zwar gegen den „Sprung“. Es bleibe zu recht,

daß die Natur ~non facit saltus~, keine Saltomortales mache. Ein

Ruck sei die Mutation, kein Sprung. Aber auch der Ruck ist doch ein

herzhafter, auf alle Fälle. Und das gibt mit größerer Dunkelheit auch

erhöhte Grübellust.

Der rein theoretische Gedanke, daß die Entwickelung sich stoßweise

vollziehe, -- von Art zu Neu-Art ohne die Vermittelung einer langen,

langsam gesteigerten Varietätenkette, -- dieser Gedanke brauchte nicht

erst als solcher von de Vries eingeführt zu werden.

Er ist dagewesen, so lange wir überhaupt wissenschaftliche Formen der

Entwickelungslehre haben. So lange wir den Darwin hatten, hatten wir

auch den Kölliker, den trefflichen Anatomen, der die „sprungweise

Entwickelung“, wie er es ruhig nannte, als sein Evangelium lehrte.

Beweise gab es freilich nicht. Aber man hatte die Idee. Und da

man bestritt, daß Darwin scharf beweisbar sei, hielt man sich die

Möglichkeit offen. Bisweilen schien es sogar, als melde sich eine wahre

Tatsache dazu.

Da war ein absonderlicher Molch im See von Mexiko, das „Axolotl“. Die

alten Azteken zu Cortez des Eroberers Zeiten hatten ihn schon als

Leckerbissen in einer Pfefferbrühe verspeist. Heute kennt ihn jeder

Junge, der ein Aquarium hat.

Als man ihn wissenschaftlich beschrieb (Humboldt hatte ihn

mitgebracht), lebte er als sogenannter „Kiemenmolch“ in seinem See,

mit Kiemen zur Wasseratmung wie ein Fisch, und so fortpflanzungsfähig,

-- im übrigen aber doch schon ein Molch aus der Verwandtschaft unserer

lungenatmenden echten „Salamander und Molche“. Im Pflanzengarten

zu Paris nun geschah eines Tages das große Wunder: besagtes

Axolotl kletterte, als man ihm Raum gab, aus dem Wasser aufs Land

und verwandelte sich selber regelrecht in einen echten Land- und

Lungenmolch gleich unserm Feuersalamander. Die Kunde lief also, es habe

sich durch einen (immerhin gradezu riesenhaften) Sprung schon hier

einmal vor Forschers Augen eine völlig neue, höhere Tierform gebildet.

Aber die Freude hat beim Axolotl nicht lange gedauert. Kritische

Köpfe stellten nämlich die triftige Gegentheorie auf, das fischhaft

kiemenatmende Axolotl des Sees von Mexiko sei trotz seiner

selbständigen Fortpflanzung gar kein fertiges Tier, sondern eine noch

unvollkommene Larve. Bekanntlich leben so gut wie alle Amphibien in

ihrer frühen Jugend als Larve ebenso fischhaft kiemenatmend im Wasser,

Molche wie Frösche und Kröten.

Für gewöhnlich entwickelt sich eine solche Amphibienlarve allerdings

schon vor der Geschlechtsreife zum Lungenatmer. Aber es kommen doch

auch Hemmungen vor, wo die Tiere sich so wohl bei ihrer Fischstufe

fühlen, daß sie schon auf dieser in die Liebeszeit eintreten. So

machen es unsere kleinen Teichmolche bereits ab und zu. Das Axolotl

aber hatte, scheint es, das auf eine gewisse Zeit dauernd ins Große

getrieben. Es hatte nämlich seine Gründe dafür.

Ehemals stieß der See von Mexiko an feuchten Urwald, ein Eldorado

für Luft-Molche. Später schwand der Wald, der See schmolz weithin

ein und es bildete sich um sein verkleinertes Wasserfeld ein Kranz

dürrster Salzsteppe. Da zogen es die Axolotl vor, Generation für

Generation fischhaft im Wasser zu verbleiben als „ewige Larven“.

Und erst als man ihnen in Paris wieder die alte Gelegenheit eines

grünen Pflanzenufers bot, besannen sie sich (bildlich gesprochen)

auf ihr altes Schlußkapitel im Lebensroman, krochen ans Land und

wurden zum ersten Mal wieder „fertig“. Das war denn nun durchaus kein

Köllikerscher „Sprung“: -- die angeblich „neue“ Art war in Wahrheit

bloß die Wiederherstellung grade der „alten“, die eine Weile etwas in

Unordnung geraten war.

Solche Fälle mußten erst recht vorsichtig machen, anstatt den kühnen

Sprung-Theoretikern Türen zu öffnen.

Kein Zweifel aber, daß des de Vries Beobachtungen, wenn sie stand

halten, jetzt aus dem allgemeinen Behauptungsheer der Sprung-Theorie

einen gewissen engeren Teil als wirklich brauchbar herauslösen.

Sie geben aber sofort als Gegengift auch die richtige Einschränkung

dazu.

In dem Nachtkerzen-Beispiel von Hilversum ist kein leisester Anhalt für

einen so groben Mutationsstoß wie etwa bei dem Axolotl.

Durchaus nicht etwa hat die Lamarcksche Kerze jählings die Wunderkraft

gezeigt, eine Winde oder Rose zu produzieren. Sie hat zunächst nur

Nachtkerzen, allerdings andere Arten, gebildet. In einer ungeheuren

Kette solcher Mutationen möchte man ja auch vermuten (vermuten!),

daß die Gattung schließlich überschritten, ja endlich der Kreis der

Familie und so weiter von der Mutation Stufe für Stufe gesprengt werde.

Aber immer bliebe eine ungeheure Kette, -- wenn schon keine so ganz

ungeheuerlich lange, wie sie im streng darwinistischen Sinne durch

die jedesmal einzuschiebende Varietäten-Unterkette zwischen je zwei

Hauptkettengliedern gefordert wird.

Mit großem Nachdruck weist de Vries darauf hin, daß eine seiner

„Mutationen“ unter Umständen als eine +geringere+ Abweichung

gradezu vom Urtypus erscheinen könnte als eine extreme Varietät jener

bewußten belanglosen Sorte, -- oder daß sie wenigstens nicht notwendig

abweichender sein „müßte“. Ihre entscheidende Sache bleibt eben allemal

die Dauerhaftigkeit bei der Fortpflanzung und eine gewisse innere

Harmonie ihrer Neuerungen, die uns in jenem guten Bilde sagen läßt:

hier hat der Kristallblock nicht nur im Rollen gezittert, geschwankt,

sondern er ist regelrecht auf eine neue Fläche gefallen, er ist

übergekippt bis zur Basis-Änderung.

Etwas Verschiedenheit ist natürlich immer nötig. Aber es braucht

keineswegs rein summarisch viel zu sein. Damit aber schwindet ein gar

gewaltiges Stück des eigentlich Trennenden für den Anblick zwischen der

also reformierten „Sprung-Theorie“ und der offiziellen darwinistischen

Lehrmeinung.

Auch so bleibt ein Stammbaum der Lebewesen mit relativ ganz kleinen

Ruckstellen des Wachstums, kleinen Schußstellen von Knoten zu Knoten.

Ein ganzes Bisserl „Schuß“ oder „Ruck“ oder „Sprung“ oder wie man

es nun nennen will, war ja wohlverstanden auch jede einfachste

darwinistische Varietätenbildung schon.

Wenn ein Mensch mit einer kurzen Nase plötzlich einen Sohn hat mit

einer langen: ein Sprünglein liegt auch darin.

Fragt sich bloß, wie groß es im äußersten Falle sein darf, -- und das

wieder führt auf die Tiefenfrage: welche mechanische Ursache wir

hinter ihm zu suchen haben und wie viel Kraft wir der schon für das

Ganze beimessen sollen.

Schon aus jenem Kristallflächen-Beispiel erhellt aber sehr nett, wie

schlicht mechanisch de Vries da denkt.

Es ist nicht zu leugnen: in der alten Sprung-Theorie war, besonders

je größer sie ihre Sprünge sich gedehnt dachte, immer ein Zug auf

eine mystische Ausbeutung merkbar. Ob nicht ein „Wunder“ hier lag, so

riesig, daß es ewig über unseren Verstand ging?

In dem Bilde des de Vries wird mindestens bildlich absolut klar, was

er von der Sache hält. Der Kristallblock kommt ins Rollen. Das ist

nichts Mystisch-wunderhaftes, sondern das Bild arbeitet mit einfachsten

mechanischen Voraussetzungen. Der Rollblock fängt an zu kippen, zu

zittern, zu balanzieren, -- abermals nur ein rein natürlicher, im

richtig verstandenen Sinne „mechanischer“ Prozeß. Endlich kommt der

Block gar zum völligen Kippen, aber doch offenbar wiederum nur durch

ein Plus der ursprünglichen naturgesetzlich arbeitenden Kraft, die

schon das Rollen und Balanzieren beherrschte.

Was aber im Bilde gilt, faßt hier zugleich die Sache: auch

Fortpflanzung, Variation und Mutation erscheinen durchaus nur im festen

Banne einer und derselben natürlichen Gesetzlichkeit. Wenn auch unsere

Kenntnis die Einzelheiten noch nicht erfassen kann: das natürliche

Glaubensbekenntnis des Naturforschers, der Glaube an unzerstörbare

Gesetzmäßigkeit ohne Ignorabimus-Lücke, bleibt im Prinzip vollkommen

gewahrt.

Das ist aber für den Fortschritt all unserer Sachweisheit doch

eigentlich wieder die Hauptsache, -- viel wichtiger als etwas

Lehrmeinungs-Sieg oder Nicht-Sieg in darwinistischen Einzelheiten.

Die alte Sprung-Theorie, wie sie vor de Vries schon bestand, hatte

ja stets da noch eine besondere Liebhaberei gehabt. Sie liebäugelte

nämlich mit einem Gedanken, der als solcher wieder noch viel älter als

Darwin ist.

Könnte es nicht doch ein besonderes „Entwickelungsgesetz“ geben in

diesen Sprüngen -- und zwar eines, das der Anpassung schon entgegenkäme?

Nehmen wir wieder das einfachste Beispiel.

Auf einem braunen Boden leben braune Tiere, hübsch als solche durch

ihre gut angepaßte Farbe geschützt. Nun wird durch Wechsel der

Verhältnisse, etwa durch Schnee, der Boden weiß. Braun ist jetzt nicht

mehr Trumpf. Die Tiere müßten weiß sein, wenn ihre Feinde sie nicht

sehen sollen. Tritt nun nicht am Ende doch grade in solchem Moment

prompt der „Sprung“, die Mutation +so+ ein, daß +alle+ nach

„Weiß“ springen und mutieren, also daß die nächste Generation genau dem

neuen Zweck entsprechend schon eine weiße wäre?

Wie schon erwähnt, ist de Vries selbst +radikaler Gegner+ dieser

Meinung.

Seine Nachtkerzen mutierten zwar, aber sie taten es keineswegs nach

+einer+ Seite, wie um irgend einem neuen Anpassungsbedürfnis

entgegen zu kommen, etwa irgend einem Vorteil, den das neu eroberte

Kartoffelfeld bestimmt umgeformten Neuerern gewährt hätte.

Ihr Mutieren verriet nicht das Genie eines Erfinders vor einer äußeren

Forderung.

Es glich einem blinden Darauflos-Phantasieren mit dutzenden von neuen

Motiven, die unmöglich alle zum Zweck passen konnten.

Das ist also genau, was Darwin auch meinte, bloß daß hier die Mutation

trifft, was dort von der angeblich artbildenden Variation galt.

Und wie sollte es denn auch anders sein, meint de Vries. Jedes

entgegenarbeitende Entwickelungsgesetz jener Art wäre „Mystik“. „Die

Annahme,“ sagt er wörtlich, „einer bestimmten Variierungstendenz,

welche das Auftreten zweckmäßiger Änderungen bedingen oder doch nur

begünstigen sollte, liegt außerhalb des Rahmens unserer heutigen

Naturwissenschaft. Darin liegt ja der große Vorzug der Darwinschen

Selektionstheorie, daß sie die ganze Entwickelung des Tier- und

Pflanzenreiches ohne die Hülfe außernatürlicher Voraussetzungen

zu erklären strebt.“ Eine solche Stelle wird alle beruhigen,

die fürchteten, de Vries führe aus dem Darwinismus heraus zu den

+alten+ Zweckursachen zurück. Oder, vorsichtiger und weiter noch

gesagt: sie wird auch denen die Hoffnung abschneiden, die da wünschten

und erwarteten, daß der Ketzer an einigen darwinistischen Grundpunkten,

de Vries, mit seinen Nachtkerzen den ganzen Darwinismus an dieser

teleologischen Stelle umrennen werde. Im Gegenteil.

Hier grade lockt es mich aber wieder, dazu selber noch ein Wörtchen zu

sagen.

Ich möchte nämlich betonen, daß wir mit dem einfachen Sprüchlein von

der „Mystik“ an solcher Stelle allein noch nicht auskommen, soll die

Sache ganz reinlich werden.

Angenommen doch einmal, die Nachtkerzen hätten wirklich das Umgekehrte

bewiesen.

Unumstößlich, so weit ein Einzelbeispiel unumstößlich ist, hätten sie

dargetan, daß die Mutation jedesmal genau auf die äußere Forderung

reagiert, -- also in jenem Exempel von vorhin so, daß etwa der

Forderung „Weiß“ ohne jedes Schwanken nun sofort Weiß als Mutation

überall antwortete.

Ich frage, was dann?

Sollten wir im gleichen Moment auch schon die ganze Naturforscher-Bude

zuschließen müssen und sagen: hier ist ein teleologisches Verhalten,

folglich Mystik, folglich Aufhören der Naturwissenschaft, folglich

legen wir die Hände in den Schoß?

Ich meine, es würde das ganz andere gelten: daß wir nämlich schlicht

auch mit dieser Tatsache naturwissenschaftlich zunächst fertig zu

werden suchten.

Wir haben ja den bekanntesten Fall wirklich und viel näher bei uns

selbst.

Wir Menschen handeln „zweckmäßig“, wir suchen vor einer neuen äußeren

Forderung bewußt nach der zweckmäßigsten Reaktion, -- also in jenem

Bilde, wenn „Weiß“ gefordert wird, so machen wir uns einfach selber

„weiß“. Trotzdem geht unser ganzes neueres Denken dahin, den Menschen

nicht mystisch und unwissenschaftlich, sondern grade erst recht als

Gegenstand innerhalb der besonnenen Naturforschung zu nehmen. Wir

suchen den Menschen einzuordnen in die Natur, suchen ihn mitsamt

seinem Bewußtsein, das dieses teleologische Verhalten ermöglicht, in

einer Natur unterzubringen, die denn allerdings vernünftiger Maßen so

definiert werden muß, daß er auch wirklich mit hinein paßt.

Je nun, die Nachtkerze wäre kein Mensch, also fiele das dort

Heranzuziehende hier fort. Aber wenn nun auch die Nachtkerze bei ihrer

Mutation gewisse anscheinend zweckmäßige Reaktionen zeigte, so müßten

wir wenigstens nach der Analogie doch zunächst auch hier versuchen,

natürlich durchzukommen.

Nun ist interessant, daß wir in der Welt der Tiere wie Pflanzen noch

eine ganze Reihe Vorgänge haben, wo (tief unterhalb schon des Menschen)

eine Art prästabilierter Harmonie zwischen äußerer Forderung und

innerer Entwickelungsreaktion wirklich besteht, -- nämlich in der

Ontogenie, in der Bildung der Tiere und Pflanzen aus Ei und Keim.

Das Hühnchen im Ei entwickelt aus sich heraus Augen, mit denen es

im Moment, da es die Eierschale bricht, sehen kann. Jenes Axolotl

entwickelt nach innerem Gesetz sich zu bestimmter Zeit, wo es aufs

Land soll, die zum Landleben nötigen Lungen. Es ist genau, als sei

im werdenden Wesen, in Eizelle, Embryo, Larve, eine Uhrfeder so

eingestellt, daß zur rechten Zeit grade das zur äußeren Forderung

Zweckmäßigste ausgelöst wird. Im Moment, da das kleine Menschlein das

Licht der Welt erblickt, sind seine Augen da, wirklich zu sehen, sind

seine Lungen da, wirklich zu atmen. Der Schmetterling bildet sich in

der Puppe schon zum Fliegen vor, was die Raupe nicht konnte. Und so ist

der Beispiele Legion.

In all diesen Fällen aber fällt es keinem Naturforscher ein, diese

ausgesprochen teleologischen Vorgänge als „Mystik außerhalb des

naturwissenschaftlichen Denkens“ zu bezeichnen.

Man fühlt bloß das Bedürfnis, zur natürlichen General-Erklärung dieser

wunderbaren „prästabilierten Harmonie“ hier noch eine +besondere+

Hülfskette +natürlicher+ Erklärungen hinzunehmen.

Den Schmetterling in der Puppe bildet individuell weder die zu

durchfliegende Luft draußen, noch bildet ihn eine unfaßbare mystische

Flugsehnsucht ohne Kausalzusammenhang. Sondern es waltet die Vererbung.

Die Eltern haben schon die Flugfähigkeit erworben, einerlei jetzt wie,

das ist Frage für sich. Dem neu werdenden jungen Schmetterling, ihrem

Kinde, haben sie aber durch Vererbung das Uhrwerk so zu sagen schon in

den Leib gesetzt, daß es auf die Flügelentwickelung genau losarbeite

und rechtzeitig wie eine automatische Weckuhr vor dem „Zweck“

abschnurre.

So wunderbar fein die Sache also auch funktioniert: ein wahres „Wunder“

ist sie keineswegs. Kein vernünftiger Naturforscher bezweifelt, daß

bei der „Vererbung“, so verwickelt sie auch sei, alles mit natürlichen

Ursachen zugehe.

Jetzt setzen wir den Fall, solche Anzeichen prästabilierter Harmonie

von Zweckforderung und Reaktion zeigten sich aber nicht bloß in der

Ontogenie, sondern auch in dem bereits, was Haeckel die Phylogenie

genannt hat, nämlich eben in der geschichtlichen Entwickelung der

ganzen Tier- und Pflanzenarten.

Jede Mutation wäre stets eine zweckmäßige, und das arbeitete genau so

wie das kleine teleologische Uhrwerk in der Schmetterlingspuppe. Es

hätte für sein Teil die ersten Flügel der Schmetterlingsahnen schon

ebenso für den „Zweck“ gebaut, wie heute die Vererbung in der Puppe sie

wiederholt.

Der einfache Schluß müßte sein, daß auch das nicht „Mystik“ sei,

sondern bloß auf etwas +noch Früheres+ hinweise.

Auch hier schon waltete irgend eine Art Vererbung. Die ganze Phylogenie

wäre selber schon etwas wie eine versteckte Ontogenie. Der Stammbaum

mit all seinen Arten wäre eigentlich nur die große Auswickelung eines

einzigen Individuums, das von dieser Ur-Vererbung als Zweckuhrwerk

innerlich beherrscht würde, wie den Schmetterling in seiner Puppe

seine Vererbung zweiten Grades beherrscht. Das Leben in den vielen

Millionen Jahren seiner Erdgeschichte wäre bereits das Produkt einer

ungeheuren Vorgeschichte, die in der ersten Urzelle als „Eizelle“ schon

die ganze Zweckmäßigkeits-Uhr für alle folgenden Reaktionen aufgezogen

hätte. Und in jeder Mutation sähen wir diese Uhr bloß laufen.

Die „Erwerbung“ der jetzt automatisch bestimmten Dinge aber läge in uns

unfaßbaren Aeonen einer unbekannten Vorgeschichte.

So würde ich, wenn es eben +not+ täte, jenes seltsame „innere

Entwickelungsgesetz“ zu deuten suchen, nach Analogie des Gegebenen und

ganz ohne Mystik.

Gewiß: es läge in der Sache in gewissem Sinne etwas Mißliches.

Wir hätten die Ontogenie zurückgeführt auf die Phylogenie. Aber die

Phylogenie wäre selber wieder abhängig von einer hypothetischen

Vor-Phylogenie. Immer nur aufgezogene Uhren zweiter Hand. Das

Ursprüngliche schöbe sich historisch ganz über unser Gesichtsfeld

hinaus. Mißlich! Aber noch nicht mystisch. Solcher Mißlichkeiten

haben wir mehr. Auch das Gravitationsgesetz ist für uns „gegeben“

von jenseits unserer Zeit-Weisheit her. Wo hat es sich „entwickelt“

als Eigenschaft der Stoffe? Fragen! Aber doch nur Fragen unserer

Beschränkung im geschichtlichen Blick. Nicht das ewige absolute „Tür

zu!“ der Mystik!

Je nun, die Sache steht trotz mancher gegenteiligen Behauptung

vorläufig tatsächlich +nicht+ so, daß wir auf derartig verwickelte

Straßen müßten, -- mit de Vries weniger als je.

Aber philosophisch sollte man sich darüber klar bleiben, -- das ist

immer ein unendlich wichtiges prophylaktisches Mittel!

Wie man sich, um es noch einmal zum Schluß zu betonen, darüber klar

bleiben muß, daß selbst die strengste Zuchtwahl-Theorie noch nicht

jede Fassung von Teleologie ausschließt. Sie schließt eben bloß eine

ganz bestimmte herkömmlich +grobe+ Form aus, die den Zweck

als spiritistisches Gespensterpferdchen neben den einfachen völlig

ausreichenden braven Gaul des Kausalzusammenhangs einspannen möchte.

+Nicht+ dagegen schließt sie eine +feinere+ Teleologie aus,

die eben bloß auf das faktische Schlußergebnis schaut und aus dem

tatsächlichen schließlichen Herauskommen einer zweckmäßigen Welt,

eines „harmonischen“ Verhältnisses der Dinge die Vermutung entnimmt,

es müsse schon in der Uranlage der Welt eine Anlage mitgegeben gewesen

sein, die das bedingte, -- das Ideal einer zweckmäßigen Welt, das sich

aber dann realisierte auf dem rein natürlichen Wege undurchbrechbarer

Kausalzusammenhänge.

In dieser Betrachtung ist es völlig offen gelassen, welche +Wege+

diese Weltteleologie nahm, es kommt alles bloß auf das +Resultat+

an.

Und es steht nicht das Leiseste entgegen, unter diese Wege auch die

Auslese des Passendsten im Daseinskampfe aufzunehmen.

Wobei ich freilich den Anhängern jener anderen, wie ich es nenne:

groben Teleologie anheimstellen muß, ob sie das, was ich meine,

überhaupt noch Teleologie nennen wollen.

Mir genügt es vollständig zur Rettung einer philosophischen

Weltauffassung, die zwar absieht von jedem Durcheinanderwerfen von

Teleologie und Kausalität, die aber dabei keineswegs auf ein wüstes

Welt-Kuddelmuddel hinauskommt, sondern sich sehr wohl auch etwas denken

kann bei einem +vernünftigen Sinn der gesamten Weltentwickelung+.

* * * * *

Eine Frage aber, die hinter diesen darwinistischen Problemen immer

wieder auftauchen muß, ist die +Zeit-Frage+.

Haben wir Zeit genug in der Weltgeschichte, in der Erdgeschichte für

solche schrittweisen Entwickelungen?

Es ist die Stelle, wo der starre Bibel-Glaube mit seiner

alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte zuerst gescheitert ist, -- bei

dieser Zeit-Frage.

Noch immer aber herrscht über sie trotz dieses wahrlich schon nicht

gering zu achtenden Kampf-Wertes vielfältig eine Unklarheit, wie kaum

über einen zweiten Darwin-Punkt. Auch hier wird -- erst mißverstanden

-- und dann losgeredet.

Ich erinnere mich auch dazu einer kleinen Geschichte, die mir

symbolisch bedeutsam scheint.

Am 27. August 1883 explodierte in der Sunda-Straße zwischen Sumatra und

Java der Vulkan Krakatau.

Er explodierte buchstäblich, als das Meereswasser sich in seinen halb

geschmolzenen Krater ergoß.

Das Wasser wurde an der glühenden Lava zu Dampf, und auf diesen

ungeheuerlichen Druck hin platzte die ganze Krakatau-Insel.

Die Dampfsäule schoß dreißig Kilometer hoch empor.

Eine Sturzwelle, wie die Phantasie sie für die Sintflut sich ausmalt,

bis zu sechsunddreißig Meter hoch, verwüstete die nahen Küsten von Java

und Sumatra und kostete vierzigtausend Menschen das Leben.

Das Gebrüll der Katastrophe hörte man bis Ceylon, bis zu den

Philippinen, bis Perth in Australien, also so weit, wie es etwa von

Berlin bis Kairo ist.

Zehn Stunden nach der Explosion fingen selbst in Berlin die automatisch

registrierenden Barometer an, unruhig zu werden: es war die Luftwelle,

die über Ostindien kam; sechzehn Stunden später folgte die zweite

auf dem längeren Wege über Amerika; so schlug der Stoß um die ganze

Erdkugel. Die aufgeschleuderten Aschenteilchen aber haben noch Jahre

lang als erhöhte Dämmerglut und leuchtende Nachtwolken auch in unseren

Landen die Forscher beschäftigt.

In diesem Sommer wurden es zwanzig Jahre seit diesem Tage der

Schrecken für eine paradiesisch schöne Gegend. Das Paradies hat sich

wieder hergestellt, so gut es konnte, -- in der tropischen Üppigkeit

wurde es ja nicht allzu schwer. Nur auf der See schaukeln da und

dort noch treibende Bimssteinfelder. Und aus der blauen Sunda-Straße

ragt als düstere Ruine das letzte Stück Kesselwand, der bis ins Herz

zerborstene Vulkan. Aber auch auf diese Ruine hat die schaffende Natur

leise schon wieder ihre Hand gelegt mit neuem Leben.

Die Insel Krakatau war bis zum Tage ihrer Explosion dreiunddreißig

Quadratkilometer groß. Diesen Raum bedeckte dichter Wald in

vollkommener Tropen-Üppigkeit. Als sich der furchtbare Qualm später

verzogen hatte, stand von der ganzen Insel nur noch die Südhälfte

des Vulkanpiks. Mehr als die Hälfte des Landes war verschwunden, und

es wäre noch mehr fort gewesen, hätten nicht die vulkanischen Massen

selbst sich wieder angelagert; hatte der Vulkan doch nachweisbar allein

mindestens 18 Kubikkilometer Asche und Bimsstein gespieen. Was stand,

war aber in diesem Moment ausnahmslos und bis aufs letzte Hälmchen

gründlich nackte Schlacke, ohne Pflanzenwuchs, ohne Tierwelt. Ein

soeben aus seiner Urglut erstarrter Planet konnte nicht radikaler vom

Leben frei, gleichsam kosmisch sterilisiert sein.

In den zwanzig Jahren seither aber sind zweimal Botaniker auf den

Ruinenpik geklettert. Und ihnen ist vergönnt gewesen, etwas zu

beobachten, was in dieser Reinheit des Exempels wohl noch nie zeitlich

genau von kundigen Menschenaugen verfolgt worden ist: die stufenweise

Neueroberung einer einsamen irdischen Brandstätte im Ozean durch Flora

auf ihrer Wanderschaft.

Drei Jahre nach der Katastrophe, im Juni 1886, besuchte der

hochverdiente Direktor des prachtvollen botanischen Gartens zu

Buitenzorg (Batavia), Melchior Treub (sprich: Tröb), die Insel.

Er traf den Prozeß der Neubesiedelung durch Pflanzen bereits in vollem

Gange. Zunächst machte sich auf der vulkanischen Zerstörungsdecke aus

Asche, Lava und Bimsstein eine schwarzgrüne, gallertartige Schicht

„Leben“ bemerkbar: Genossenschaften von (einzeln mikroskopisch

winzigen) Algen. Sie waren zweifellos der Urstamm der Pioniere. Sechs

Arten ließen sich unterscheiden, alle aus der Gruppe der Cyanophyceen.

Die Cyanophyceen oder Schizophyceen, zu deutsch Blaualgen oder

Spaltalgen, gehören jener alleruntersten, allereinfachsten Reihe

pflanzenähnlicher Urwesen an, zu denen auch die vielbesagten Bakterien

oder Bazillen gerechnet werden. Im Engeren gehört dazu das wunderliche

Volk der sogenannten Nostoc-Algen, die es in ihrer gemeinsten Sorte

bei uns bis zu handgroßen, hirnartig verfalteten Gallertbrocken

bringen, wenn die nötige Feuchtigkeit sie trifft; gerät solcher

Nostocteller umgekehrt in eine ganz trockene Jahreszeit, so schmilzt

er fast zur Unsichtbarkeit ein, unbeschadet doch seiner fröhlichsten

Lebenszähigkeit. Auch jene allbekannte Erscheinung unserer Seen, die

„Wasserblüte“, ein plötzliches Trüb- und Grünwerden des Wassers, beruht

auf einer jähen grenzenlosen Vermehrung solcher Spaltalgen.

All dieses niedrigste Pflanzenvolk weiß sich nun zum Zweck der

Ausbreitung aufs Wunderbarste zu „verflüchtigen“. Wir kennen das ja

von den Bakterien, den allgegenwärtigen, besser als uns lieb ist.

Als trockene Keime (Sporen) reisen sie mit jedem Luftzug dahin, über

Berg und Tal, Eis und Wasser, -- Herren der Erde, die keine räumliche

Schranke anerkennen.

Ganz zweifellos sind auch jene Algen des Krakatau auf solchem Wege der

Luftpost angesegelt. Das Wunder der „Urzeugung“, von dem wir so wenig

wissen, brauchte sich auf der verbrannten Insel nicht neu einzustellen.

Rings lag ja die weite Erde üppig nach wie vor unter ihrer grünen

Pflanzendecke. Mit dem Winde entsandte sie ihre mikroskopisch kleinen

Boten. Der Botaniker Kerner von Marilaun hat vor Jahren einmal in

einem Tiroler Gebirgstal eine Tafel mit feucht erhaltenem weißen

Filtrierpapier dem Südwinde ausgesetzt: kaum ein paar Stunden waren

herum und an der Tafel haftete schon ein buntes Stück solchen

windgeführten Wanderlebens: Pollenzellen und Sporen von allerhand

Pflanzen, aber immer dabei auch ausschwärmende Zellgruppen jener

Nostoc-Algen.

Wie die künstliche Tafel, so diente aber auch der natürliche nackte

Fels, den der Tropenregen netzte: reisenden Algen bot auch er Quartier.

Die Algen hatten dann mit ihrem Schleimüberzug wieder den Keimboden,

den ersten Humus gleichsam geschaffen für höhere, bereits etwas

anspruchsvollere Pflanzen.

Auch von denen reisten Sporen durch die Luft: die Sporen von

Farnkräutern und Moosen. Sie landeten und gingen auf, wo die Algen

das Bett bereitet. Elf Arten tropischer Farnkräuter beobachtete Treub

bereits an den Abhängen der Vulkanruine.

Solches Farnkraut steht aber selber immer noch wieder tief unter

den eigentlichen Samenpflanzen, den Phanerogamen, wie sie unsere

Wälder und Wiesen in der Masse zusammensetzen. Es war, als wiederhole

dieser kleine Fels im Südmeer noch einmal den uralten Heraufgang des

pflanzlichen Lebens auf der Gesamterde, in dem auch der Farnwald sich

an zweiter Stelle über den Algenteppich erhoben, um selber dann dem

echten Nadelholz- und Laubwald und der bunten Blumenmatte als der

endlichen Krone der Entwickelung zu weichen. Die Insel Krakatau stand

aber bereits auch an der Schwelle dieses höchsten Zeitalters, wie Treub

des weiteren feststellte.

Auch diese obersten Pflanzengeschlechter haben ja noch gar manche

Möglichkeit zu Luftreisen. Bald ist der ganze befruchtete Samen auch

bei ihnen noch so staubhaft winzig, daß er mitgeht gleich Alge und

Farnspore. So glückt es besonders ohne Mühe den schönen farbenfrohen

Orchideen. Bald aber auch hat das Früchtlein allerhand Anhängsel,

wie Flügel, Ruder und Luftschrauben, ich erinnere bloß an die

allbekannten lustigen Luftschifflein des Ahorns. So sammelte unser

Botaniker im Innern des Inselchens zwei Grasarten und vier Arten jener

formenreichsten heutigen Pflanzenfamilie, die zusammengesetzte Blüten

trägt, der Kompositen. Auch für ihre leichten, flugfähigen Samen war

der Wind sicherlich noch Postillon gewesen.

Endlich aber wuchsen am Strande auch noch neun unterschiedliche Sorten

Strandpflanzen, für die es am wahrscheinlichsten war, daß die Welle sie

heranverfrachtet.

Das ist ja auch ein im oberen Pflanzenleben öfter benutzter

Transportweg. Es ist dazu nur nötig, daß die Frucht ihre Keimfähigkeit

im Salzwasser behält und daß sie schwimmen kann. Von manchen Samen

hat man sicher beobachtet, daß sie über ein Jahr im Meerwasser

liegen können, ohne ihre Keimkraft zu verlieren. Ein Muster von

Schwimmfähigkeit bietet beispielsweise die Kokosnuß, die durch ein

luftgefülltes Faserhemd und einen für Wasser unzugänglichen Fettpanzer

wie in einen Schwimmgürtel eingeschnallt ist; ohne Mühe reist sie

denn auch von Strand zu Strand und trägt ihr Paradies in den kahlsten

Tropenwinkel. Die ganze Strandflora des Krakatau war entsprechend in

den drei Jahren angeschwommen, von Meeresströmungen herangelotst und

von der Welle dann als Spülicht abgesetzt wie Muscheln und Tange.

Nach dieser ersten Sondierung vergingen mehr als zehn Jahre.

Erst im März 1897 machte sich abermals ein kleiner Botanikerkreis,

Treub an der Spitze, von Buitenzorg auf, um den Fortschritt vom nackten

Höllengrund zum Paradiese abermals zu messen.

Diesmal war auch der bewährte deutsche Pflanzenkenner Professor O.

Penzig mit von der Partie, der ausführlich und anschaulich darüber

berichtet hat (in den Annalen des botanischen Gartens zu Buitenzorg 2.

III. S. 92-113).

Die kleine Expedition, mit allem wohl ausgerüstet, verweilte auf

der Ruine einen halben Tag. Den Vulkanrest selber zu besteigen --

er ist noch seine 800 Meter hoch wie der stehen gebliebene Zacken

eines abbröckelnden Zahns -- gelang nicht wegen der tiefen Klüfte,

die sich wohl durch Zusammenziehung der erkaltenden Lava wie Risse in

erstarrendem Pech gebildet haben und allenthalben den Weg versperren.

Um so wertvoller aber war die botanische Ausbeute.

An der westlichen Hälfte der Nordseite der Insel zeigt sich die einzige

echte, zum Landen erträgliche Strandstelle. Bimssteinblöcke und

Korallenbruchstücke bauen sie hauptsächlich auf.

Hier ist ein kleines Strandparadies im vollen Werden.

Überall blüht es und treibt es, stellenweise ist das ganze Ufer

völlig pflanzengrün. Da wachsen ein Pandanus, eine Wolfsmilch

(~Euphorbia~), eine Scävola, unverkennbare Stammgäste sandiger und

kiesiger Tropenufer der Gegend. In Massen kriechen die langen Stengel

einer Trichterwinde dahin, dazwischen Vigna-Arten und die giftige, aber

weithin duftende Leguminose ~Canavalia obtusifolia~, die auch eine

typische Strandpflanze ist. Endlich fehlt es nicht an Gräsern (von der

berüchtigt stacheligen Sorte Spinifex) und Cypergräsern.

Neben den schon regelrecht aufgeblühten Gewächsen aber fanden sich eine

Masse frisch angeschwemmter Früchte und Samen, zum Teil in munterem

Keimen begriffen, so daß man recht in die lebendige Werkstatt des

Fortschrittes sehen konnte. Hier lag vor allem die Kokosnuß selber,

dann der Same des Mangobaumes, dessen terpentinartig schmeckende

Goldfrucht jeder Indienfahrer kennt, zweier Eichen, zweier Cäsalpinien

(aus der Gruppe der berühmten Färbholzpflanzen), der Zuckerpalme, von

der der Palmzucker kommt, und vieler anderen mehr.

Das Bild änderte sich, als die Besucher mehr ins Innere drangen.

Sie betraten eine Grassteppe.

Über mannshoch ragten die Grashalme, den Weg versperrend, und in

den Halmwald verspannen sich zu zähem Dschungel die Trichterwinden

und anderen Schlinggewächse. Wieder aus der Steppe aber erhebt sich

der Fels. Noch ist ihm treu, was der erste Besucher einst fand: die

blaugrünen oder schwärzlichen Schleimpolster der Algen und dann

in reichster Fülle die Farnkräuter. Aber schon mischen sich auch

hier oben in die Flora schöne echte Blütenpflanzen höherer Art. Da

leuchtet es von weißen und rosaroten Blumen: es ist eine Erd-Orchidee

(~Spathiglottis plicata~), deren feiner Samen also jetzt wirklich

glücklich auch den Weg über die blaue See gefunden hat. Daneben prangt

eine über meterhohe Composite, die „~Blumea balsamifera~“, die

alles mit ihrem Duft erfüllt.

Den Schluß der Expedition bildete ein Besuch auf einem Inselchen

„Verlaten Eiland“, das ein paar Kilometer entfernt liegt.

Als der Krakatau hier Weltuntergang spielte, mußte das nahe Eiland mit.

Auch auf ihm verbrannte jedes letzte Hälmchen und dicke Schichten von

Asche und Bimsstein begruben die Stätte. Grade hier aber hatte Floras

Hand das höchste Wunder aufgespart, die äußerste Leistung tropischer

Schnellproduktion.

Denn an der Südspitze dieses Friedhofs von 1883 stand bereits wieder

ein ganzes Wäldchen von fünf bis sechs Meter hohen Bäumen. Casuarinen

waren es. „Casuarbäume“, aus jenem seltsamen Geschlecht, dessen

eigentliche Heimat das Wunderland Australien bildet. Wie gerupft, wie

abgefressen hängen die scheinbar ganz blattlosen, düsteren Zweige

herab, eher an Schachtelhalme als an Laubpflanzen erinnernd, eine

echte Staffagepflanze von urweltlichem Habitus zu dem Erdteil der

Schnabeltiere und Molchfische.

Als die Besucher ihre Ausbeute musterten, hatten sie im ganzen

gesammelt: 22 niedere Kryptogamen (Algen und anderes), 12 Farne und 50

höhere Pflanzen (Phanerogamen). Treub bei seiner ersten Fahrt hatte 8

Kryptogamen, ein Farnkraut weniger und nur 15 Phanerogamen erbeutet.

So trat der Fortschritt ganz deutlich hervor, wenn er auch nicht eben

mit Siebenmeilenstiefeln gelaufen war, -- der Fortschritt in elf Jahren

genau gemessener Zeit.

Interessant war dabei noch die weitere Einsicht in die Transportart der

neuen Ankömmlinge.

Penzig verrechnet da alle Algen und Farne nach wie vor auf den Wind.

Von den Phanerogamen gibt er siebzehn Arten mit meist kleinen und

teilweise mit Flugapparaten ausgestatteten Samen den gleichen Weg:

es sind sämtlich Gräser, Compositen oder Orchideen. Zweiunddreißig

Arten dagegen fallen auf Wassertransport: es sind fast durchweg

Strandpflanzen, darunter die Casuarinen, Euphorbien, Canavalien und die

Kokospalme.

Endlich für ein paar Arten (Melastoma und Ficus) kommt noch ein

ganz besonderes Luftschifflein in Betracht, an das man früher gar

nicht für solche Fälle zu denken gewagt hätte: nämlich Verschleppung

durch früchtefressende Tiere, -- Vögel oder Fledermäuse (Flughunde).

Diese Pflanzen haben wohlschmeckende Früchte, deren Samen den

Verdauungsprozeß überstehen. Der Weg ist also kein ungewöhnlicher.

Darwin hat, wie so vieles, auch diese Art der Pflanzenverbreitung

zuerst genau studiert und in unsere Rechnungen eingeführt. Er fand, daß

Körner lustig aufkeimten, nachdem sie Tage lang in einem Vogelinnern

zugebracht hatten; der Vogel konnte in dieser Zeit aber mehrere hundert

Meilen weit geflogen sein.

So viel vom Krakatau, seiner Explosion und seinem neu erblühenden

Garten.

Warum ich aber grade an diese Geschichte mich erinnert habe, damit hat

es diese Bewandtnis. Ein Zeit-Beispiel steht uns hier wirklich vor

Augen von außergewöhnlicher Art. Im Rahmen ganz fester Jahresziffern,

1883, 1886, 1897, erleben wir stufenweise mit einen Naturvorgang

typischer Sorte: die Neuumfassung eines vegetationslosen Landes im Meer

durch die „Biosphäre“, den großen Lebenskörper, der in Gestalt von

Pflanze, Tier und Mensch die Oberfläche unseres Erdplaneten überlagert.

Hätten wir solche Zeitbeispiele, wo sich eine meßbare Zeit mit einem

konkreten „Werden“ für uns füllt und deckt, in größerer Zahl, so träte

jene Zeitfrage der Entwickelungslehre auf ein ganz anderes, ein exaktes

Feld für uns über.

So wie hier, müßten wir dabei gewesen sein bei der Erdgeschichte,

sollten unsere Antworten ganz unmittelbare sein.

Statt dessen sind wir angewiesen auf Indizienbeweise. Tatsächlich sind

aber auch sie wenigstens für die größten Linien von zwingender Gewalt.

Um ihnen zu folgen, ist aber wieder ein verwickelter Weg nötig, der

weit fort führt von allen Schlagworten.

Ein Stück menschlicher Denkgeschichte ist dazu nötig.

-- -- --

Wen man von einem mittelhohen, aber kahlen Berggipfel in die Ebene

schaut -- etwa von der Schneekoppe -- so bekommt man ein gutes

Bild, wie die „Biosphäre“, die Gesamtmasse des „Lebendigen“, zu dem

ungeheuren Erdplaneten sich verhält.

Dunkler Fichtenwald, lichter, grüner Busch, endlich Wiesen und

Kornfelder liegen da nicht mehr plastisch, sondern als Farbflecke. Nur

noch die Unterlage, Hügel, Täler, Erdwellen aller Art steigen auf oder

sinken ab. Die Farbfelder aber gehen mit, eben wie eine einfache Farbe,

an deren Dicke man nicht noch einmal besonders denkt.

So liegt das Leben im ganzen um die Erde.

Der Fels aus Urgestein hier oben hat noch einen Vergleich: an seiner

Flanke klebt die gelbe Flechte, auch sie fast nur ein Farbfleck ohne

Tiefe, aber doch ein „Etwas“, das nicht selber Fels ist, sondern das

man abschaben kann.

Wie eine solche feine bunte Flechtenkruste überzieht das Leben

den rein mineralischen Block des Planeten in seinen kolossalen

Größenverhältnissen eines Kugelberges von mehr als 12000 Kilometer

Durchmesser.

Wer aus dem Weltraum sich der eilig sausenden Kugel näherte, der

würde etwa die Urwälder des tropischen Südamerika sich andeuten sehen

wie einen grünen Schimmel. Näherte er sich von der Nachtseite und

schwebte über dem Ozean, so würde ein solcher Schimmel ihm vielleicht

phosphorisch auf der Fläche zu funkeln scheinen: in der Tat läge auch

hier in den oberen Wasserschichten eine riesige Schicht Leben winziger

Organismen, deren vereinte Kraft das „Meerleuchten“ erzeugt.

Beim tieferen Eindringen merkte er dann die große Leistung, wie dieser

Planetenschimmel der Gliederung der Planetenoberfläche wunderbar folgt.

Wo diese Oberfläche eine Meile tief zum Ozeansgrunde abstürzt, da senkt

sich auch der Teppich mit, tierisches Leben geht bis zur Sohle die

ganze Meile mit hinab.

Aus dem schwarzen Abgrund hebt es sich dann wieder zum Licht: grüne

Tangstämme, wie die ~Macrocystis pyrifera~ der Südsee, recken

sich 200 Meter empor, ein Medusenschwarm dehnt sich über mehrere

Kilometer aus, eine rötliche Alge färbt ein halbes Meer.

Auf der Feste wieder wächst ein einzelner Eukalyptusstamm anderthalb

hundert Meter vom Boden an aufwärts durch die Luft. Knieholz folgt

den viel höheren oberen Gebirgsterrassen. Zuletzt hängt die gelbe

Flechte selbst als äußerstes Faserwerk des Teppichs am Granit. Über

dem schneebedeckten Hochgebirgshorn aber schwebt noch der Geier.

Und vielleicht noch weit über der Meile Gestein, die die höchste

Gebirgserhebung über das Meeresniveau hinausgipfelt, ziehen mit dem

Winde Bakteriensporen.

Dem Vertikalen dieser Doppelmeile wiederum entspricht die horizontale

Eroberung durch alle Zonen. In der Steppe durchmißt der Reisende

wochenlang immer neuen Blumenflor. Selbst über der nackten Wüste

zaubert die Fata Morgana Palmen herauf. Eisberge des Pols färbt die

Volvox-Alge der Karmoisinklippen mit zauberhaftem Rot. Unter 81 Grad 26

Min. nördlicher Breite fand Nansen die Tümpel des schmelzenden Eises

noch mit Diatomeen und Bakterien erfüllt.

Und dieser räumlichen Anschmiegung entspricht eine innerliche,

eine physiologische: die unendlich vielseitige Anpassung an alle

Bedingungen dieses Lebensraumes. Der Tiefseefisch leuchtet, der Käfer

~Leptoderus~ in der finsteren Adelsberger-Grotte ist blind, der

Eisbär ist behaart bis auf die Tatzensohle, und die Haut des Nilpferdes

ist ganz nackt; die Flechte am Fels verträgt das Austrocknen, das

Murmeltier unserer Alpen überschläft die kalte Jahreszeit und der

Tanrek-Igel Madagaskars die ausdörrend heiße, und der Zugvogel

überquert ganze Erdteile, um für sich den Unterschied der Zonen

aufzuheben.

Aber es wird Nacht, und über dieser lebensfrohen Erde beginnen die

Sterne aufzufunkeln.

Du sagst Dir, daß jedes dieser Lichtpünktchen des Fixsternhimmels

eine Welt für sich ist, so groß oder größer als unsere Sonne. Und

sie alle müssen, damit wir sie sehen können, leuchten, müssen eine

Hülle glühender Gase um einen Kern in Weißglut mit sich dahintragen.

Trotzdem sind die Stoffe dort die gleichen wie bei uns. Nur der

Wärmestand ist ein unvergleichlich viel höherer. Das Gewicht unserer

Erde verrät uns, daß sie im Herzen wohl nichts anderes ist, als eine

riesige Metallkugel, vielleicht hauptsächlich aus Eisen, dem gleichen

Element, das auch in dem Meteorblock steckt, der vom freien Raum her

zu uns stürzt und der vielleicht ein solches Herzstück eines anderen

Weltkörpers ist, und dem gleichen, ohne das hier an der Oberfläche in

der Sphäre des Lebendigen kein Pflanzenblatt sein wundervolles Grün

entwickeln könnte. Der Raum aber, aus dem dieses Meteoreisen fällt,

ist selber eiskalt, kälter als die tiefste Polarkälte. Wenn dieser

Meteorblock einst glühend gleich den Sonnen dort hinein geworfen worden

ist, so ist er längst darin bis ins Innerste so kalt geworden, daß

unsere Haut daran kleben bliebe, wollten wir ihn greifen; wohl erhitzt

er sich durch die Reibung unserer Atmosphäre flüchtig noch einmal, aber

im Innern ist noch mehrfach die ganze Kälte festgestellt worden, die

schaurige Weltraumkälte. Was aber dem Zentnerblock geschah, warum nicht

das Gleiche dem ganzen Erdplaneten?

Auch er war einst im Lose derer da oben, sein Metallkern strahlte

Weißglut, und blutrote Wasserstoffdämpfe schossen als Protuberanz

darüber hinaus. Aber die Kälte kroch zäh heran und legte ihre Hand

darauf. Bis die Schlacke eine Rinde hatte. Bis das Eisen sich härtete

und Rost setzte. Und bis der Wasserstoff sich dem Sauerstoff vermählte

zu Wasser. Die großen Sonnen glühen noch fort, -- die kleine Erde ist

schon gestrichen im Chor der Glutatmenden.

So ist der Gedanke schon dem René Descartes im siebzehnten Jahrhundert

aufgestiegen: die Erde ist nur eine verkrustete, eine erloschene Sonne.

Athanasius Kircher in seinem Folianten von der „Unterirdischen Welt“

(~Mundus subterraneus~) hat 1668 auf einer prächtigen Tafel die

ganze Kugel durchschnitten wie eine Apfelsine dargestellt; im Innern,

verborgen unter unermeßlichen Lasten starren Gesteins, zeigt sich nur

noch wie in einem Gefängnis der alte Stern, als Zentralfeuer, von dem

glühende Kanäle mit knotenartigen Feuerinseln durch die Feste sich

schlängeln bis zu den lavaspeienden Feuerbergen der Rinde. Es ist die

Anschauung, die sich bis an die Schwelle der neuesten Geologie fest

erhalten hat.

Hat sie aber recht, so wäre diese gesamte Erdoberfläche, über die sich

heute die Lebenssphäre zieht, einst auch als Ganzes nur ein solcher

nackter Krakatau-Fels gewesen, -- einmal damals, als zum ersten Male

die Glut oben endgültig ausbrannte, die Urlava starr wurde.

Ein Krakatau-Fels der ganze Planet, kahl aufstarrend gegen den öden

Weltenraum. Und dann erst hätte auf ihm irgendwie (worüber denn

Theorien zu bauen wären) das Leben eingesetzt, um allmählich seine

große Eroberung der zwei Meilen vertikalen Teppichspielraums und der

Horizontale von den beiden Polen zum Äquator zu beginnen.

Wann aber war das?

Heute ist die Erde grün und lebensbunt, wie der Krakatau in seinen

zwanzig Jahren noch lange nicht.

Werden wir irgend einen Anhalt finden können, auch bei ihr diese

Besiedelung auf eine Jahresziffer festzulegen, ihre Krakatau-Periode zu

bestimmen, wie es auf der Ruine der Sundastraße Treub und Penzig gelang?

In den achtziger Jahren hörte ich in Bonn ein Kolleg bei dem

trefflichen alten Historiker Arnold Schäfer, -- über Chronologie in

der alten Geschichte. Er ging bis zu den damals noch ältesten Daten

der Ägypter und Babylonier. Immerhin blieb’s ein kleiner Kreis von

Jahrtausenden. Dahinter aber, sagte er, wird’s ganz düster; dort, meine

Herren, beginnt nämlich der Naturforscher, und der hat’s ja sehr viel

leichter, wenn Sie ihn fragen wollen: der spielt mit Millionen; aber

mit Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun.

Das hörte ich vormittags. Nachmittags las der Anthropologe

Schaaffhausen. Er legte uns den Neandertal-Schädel vor, den er damals

für einen uralten, noch ausgesprochen tierähnlichen Menschenrest

hielt; in der Folge ist das stark bestritten worden, heute aber glaubt

man nach Schwalbes Forschungen und nach anderen prähistorischen Funden

wieder entschieden daran.

Nun denn: dieser Schädel und Verwandtes führte so weit vom alten

Babylonier und Ägypter fort, daß man in unfaßbare Zwischenräume zu

sehen glaubte. Und doch war er gewiß nicht älter, als nur erst das

Diluvium. Dahinter erst begannen die großen Epochen der organischen

Erdgeschichte, Tertiär, Kreide, Jura und so weiter. Erdteile

zerspalteten sich da vor dem Blick, Meere überbrückten sich, die großen

Gebirge von heute wurden zu Koralleninseln oder Seeboden und andere

kreuzten die völlig verwandelte Karte. Die klimatischen Grenzen von

heute paßten nicht mehr. Tier- und Pflanzenwelt bekamen einen fremden

Zug. Der Mensch fehlte vollkommen. Vor solchen Änderungen schien das

Wörtchen Million auf einmal ganz klein. Nicht wir waren die Könige,

die mit Millionen spielten. Da drunten wuchs, von uns nicht gewollt,

sondern einfach nur in Empfang genommen, eine Welt der zeitlichen

Riesendimensionen auf, der unsere Nullen hinter der Eins umgekehrt ein

Zwergenspiel wurden, Strohfäserchen, die eine Ameise schleppt, gegen

ein Weltmeer.

Der ganze Kontrast war in den beiden Bildern: des Historikers in seiner

„Weltgeschichte“ alten Schlages, der schon ein Rechnen mit +einem+

Jahrhunderttausend für einen schlechten Dilettantenscherz voll

leichtsinnigster Verwegenheit hält; -- und des modernen Naturforschers,

dem bei sorgfältigster Selbstkritik der eigene Leichtsinn immer wieder

darin steckt, daß er noch +zu kurze+ Zeitmaße ansetzt.

Aber jener Vorwurf ist mir seitdem immer wieder aufgetaucht, er ist

noch jetzt zäh.

Heute, da die Meinung Modefarbe bekommt, die ganze Entwickelungslehre

gehe wieder zurück, kann man auch ihn wieder lebhafter hören. Wenn der

ganze Ideengang Darwins erst wieder abgetan ist, heißt es, so werden

wohl auch diese tollen Ziffern, mit denen wir unsern armen Kopf quälen

sollten, endlich verschwinden.

Aus der Schneegrube · 第 8 / 13 题