der Natur. Heute liebend, geliebt, die Wunden heilend, die Beladenen
aufrichtend, die Dinge regierend nach seiner Seligkeitssehnsucht, die
alle gleich beglücken, verklären sollte. Morgen in Krankheit, die jäh
aus seinem Innern fraß, vom Dämon besessen, unter Leichen hinstürzend,
tausendfach im Bann völlig unverständlicher, unbeherrschbarer,
unberechenbarer „Notwendigkeiten“, die einfach blind, gefühllos ihre
Bahn abklapperten.
Und der Bedrängte, Ratlose konstruierte in der Not einen ewigen
Gegensatz der Dinge: hier das „Ich“, Liebe setzend, einiges
vollbringend, aber dann wieder ohnmächtig, -- dort „die Natur“, die
weltengroße kalte Muß-Maschine, die um der Konsequenz der heiligen
Logik willen alle Gefühle und Sehnsuchten zermalmte.
Auch hier war das Symptom erfaßt, -- bloß der Sinn hinkte.
Es kam die Antwort Hiobs, daß wir den Sinn der Welt nicht verstehen
könnten, weil wir zu klein sind.
Oder die furchtbare Antwort des Harfners bei Goethe:
„Ihr führt ins Leben ihn hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden,
Dann übergebt ihr ihn der Pein,
Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.“
Dieser Vers malt unvergleichlich das reine „Muß“. War das das
Weltprinzip nach wie vor? Der einzige Sinn der „himmlischen Mächte?“
Was Wunder, wenn Prometheus sich dagegen auflehnte, das trotzige Ich,
das, an den Felsen des „Muß“ geschmiedet, doch noch höhnt:
„Ich kenne nichts Ärmeres als Euch Götter.“
Prometheus hat eben tatsächlich etwas mehr als das Muß. Er hat die
Forderung der Liebe.
Aber der Kontrast ist nur der von älter und neuer.
Das Alte ist eine unermeßlich große Masse, -- das Neue ein paar
Lichtpünktchen. Man denke an die paar Menschen, die um Liebe nach den
Sternen blicken -- und diesen Erdball unter ihnen, der kein Gesetz hat
als das des „Muß“, wonach er jährlich 365 Mal um sich und einmal um
die Sonne fällt. Aber gib dem Neuen die ganze Zukunft mit in Kauf und
die Folge der Milliarden Generationen nach ihm, -- und Prometheus wird
Christus, er wird Newton, der den Mond schon fallen sieht wie einen
Apfel, er wird der Erfinder, der mit elektrischen Wellen über Meere
spricht und endlich: nicht er hängt mehr am Kaukasus, sondern dieser
ganze Kaukasus wächst und zerfällt, je nachdem er es zu Zwecken seiner
Liebe will, er, der Herr der Naturgesetze.
Wie bisher über die Einzelheiten dieser Dinge gestritten worden ist, so
wird auch noch weiter darüber gestritten werden müssen. Was ich aber
meine, ist, daß diese Gedankengänge sich +völlig vertragen+ mit
den Dingen, die der moderne Naturforscher lehrt.
Nirgendwo steckt auch nur die geringste Konzession darin, die vom
+Naturforscher+ verlangt würde.
Es wird bloß darin Ernst gemacht mit dem, was gerade dieser Forscher
verlangt und verlangen muß: daß nämlich der Mensch in seinem ganzen
Umfange in die Natur aufgenommen werde. Dieser Mensch muß dabei
bleiben, was er ist. Er wird nicht plötzlich +bloß+ Kraft und Stoff,
oder +nur+ eine Mischung aus ~H₂O~ und einigen anderen Elementen.
Er bleibt Hiob und Prometheus und Christus und Faust, bleibt in
der uralten brennenden Sehnsucht seiner Ideale, bleibt in seiner
Weltverzweiflung und Welthoffnung und Weltüberwindung, bleibt in seiner
Liebe.
Von all diesen Dingen wird man doch wohl nicht glauben, daß der
Naturforscher plötzlich daran rüttle?
Er gerade ist doch der allerletzte, als Beobachter, der Phänomene
scharf auseinander zu halten gelernt hat, -- der einen Unterschied
leugnen sollte zwischen einem Stein, der einfach nach dem
Gravitationsgesetz fällt, oder einer insektenfressenden Pflanze, die
unerbittlich ihr Opfer aussaugt, -- und dann einem Menschen, in dem das
schlichte christliche Gebot auferstanden ist, daß man mit den Armen das
Brod teilen und seinen Nächsten lieben soll wie sich selbst?
Was der Naturforscher in erster Linie verlangt, ist, daß diese
Unterschiede nicht durch Magie erklärt werden, sondern als natürliche
Entwickelungen.
Gerade das aber wollen ja jene Ideengänge, denen +alle+ jene
Vorgänge nur Entwickelungsstufen einer und derselben Natur sind.
Gerade der Naturforscher wird doch auch der letzte sein,
der unabsehbare Zukunftsfernen dieser einmal angeschlagenen
Entwickelungswellen leugnet. Von ihm stammt ja die erste exakte
Fassung des alten Glaubens, daß alles Geschehene für die Ewigkeit
geschehen, in die Ewigkeit hinein geschrieben sei: er lehrt uns, daß
die Kraft nie erlischt und daß der geringste Schlag im Äthermeer
fortzittert durch alle Äonen hindurch in immer weiter sich zerteilenden
Kreisen, -- diesen wunderbaren Gedanken von der Unsterblichkeit
der Wirkungen, auf dem Fechner seine ganze tiefsinnige Philosophie
aufgebaut hat.
Aus der Astronomie und nicht aus der Märchendichtung stammt unseren
Tagen die Idee, daß gleiche Ursachen auch auf anderen Sternen zu
gleichen Wirkungen, nämlich organischer Lebensentfaltung bis zu
intelligenten Wesen hinauf, führen müssen.
Aus unserer Technik, die in allen Zügen angewandte Naturwissenschaft
ist, stammt die schlichte Folgerung, daß unserer Beherrschung des
mechanischen Geschehens keine Grenze gesteckt sei. Dieses Mechanische
hat in sich keinen Riß und das macht es zum kontinuierlichen Bande,
das wir fort und fort weiter aufrollen, nachdem wir einmal fest Hand
angelegt haben. Der größte Unsinn, den der Wilde sich ausdenken konnte,
ist von unserer Technik schon erfüllt: daß wir durch Wände sehen
könnten, daß wir den Blitz zu einem zahmen Haustier machen könnten, das
uns die Stube erhellt, daß wir mit einer Wolke Stoff, die leichter als
Luft ist, durch die Luft fliegen könnten, daß wir das Licht zwingen
könnten, uns Rede zu stehen, wie es in der Glutatmosphäre der Sonne
oder im Nebelfleck der Andromeda aussieht.
Wie anders aber nimmt sich der Naturbegriff aus, wenn wir ihn von
solchen Linien her fassen!
Wie groß erscheint der Mensch darin: der Träger der Naturwende auf
unserem Stern!
Ausgelöscht ist das Minotaurusbild.
Jener Kampf des Herzens gegen die eiserne Logik ist der große
Höhenkampf der Natur selbst, der in uns ringt, -- der zweite
Schöpfungstag, der mit dem ersten streitet.
Über das graue Nebelfeld zuckt ein optimistischer Strahl.
-- -- --
In der Edda kommt ein furchtbares Schlußbild alles Weltgeschehens
vor, zu furchtbar doch, als daß es selbst dort, wo Götter und Welten
sterben, als endgültiger Abschluß gedacht würde. Himmel und Erde sind
verbrannt und über die Stätte hat sich ein uferloses schwarzes Meer
ergossen. Nichts mehr lebt darin. Nur ein gespenstischer Spielmann
zieht darüber und nach dem einförmigen Takt seiner Melodie heben sich
die Wellen unablässig herauf, um wieder zu sinken, -- auf und ab, ein
zweckloses Einerlei -- und das in alle Ewigkeit.
Auf ein solches grauenvolles Phantasiebild lenkt aber als
Wirklichkeitsschluß der falsch angewendete Materiebegriff.
Das Meer ist der abstrakte Stoff, der Spielmann mit seiner unendlichen
Melodie ohne Wechsel die abstrakte Kraft. Und es ist hier nicht bloß
ein Endbild, es ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, alles in
einem. Den Menschen mit seinen Hoffnungen und Idealen in dieses Meer
hinabziehen, heißt ihn schon jetzt vernichten.
Und doch ist nichts nötig, als die Natur-Definition nur auf eine etwas
größere Fülle der Phänomene zu bauen statt auf eine solche einzige
skeletthafte Abstraktion, -- und dieses Meer des gespenstischen
Spielmannes wird zu der blauen Welle, aus der in einer Lotosblume das
Gotteskind Mensch erblüht, das Kind, in dem die Gott-Natur sich selber
fortschreitend neu zur Welt bringt.
Nur etwas mehr Mut braucht es in der Definition des gleichen Dings.
Hat man diese große Linie aber einmal resolut erfaßt, so ist es leicht,
in sie noch eine Menge einzelner Züge hineinzuzeichnen, die jetzt alle
nach der optimistischen Seite weisen.
Die Stufe der Liebe ersteht rein „natürlich“ aus der Urstufe des
Gesetzes, sagte ich. Sie entwickelt sich in dem uns bekannten
Weltausschnitt in der Phase, die allmählich zum Menschen hinleitet und
endlich in diesem selbst gipfelt. Hier aber wird die Frage wichtig, ob
dann nicht in der Stufe des reinen Gesetzes doch +auch schon+ ein
optimistisches Prinzip erkennbar gewaltet haben müsse.
Diese Frage berührt allerdings zunächst das unendlich schwierige
teleologische Gebiet.
Auch auf diesem Gebiete haben wir uns vorweg vor einem Irrtum zu
hüten, der ebenso gefährlich werden kann wie der falsch verstandene
Materie-Begriff.
Wenn ich Ernst mache mit der Behauptung, es sei der ganze Mensch ein
Stück Natur, so darf ich nicht sagen: es gibt in der Natur keine
Zwecke. Der Mensch handelt nach Zwecken, und also handelt die Natur auf
der Stufe Mensch nach Zwecken. In einer Generaldefinition der Natur
muß der Satz stehen, daß sie jedenfalls unter bestimmten Verhältnissen
bewußt zwecksetzend, also im ausgesprochensten Sinne teleologisch
arbeitet. Der Sieg der Liebe, von intelligenten Wesen durchgefochten,
wird auf alle Fälle erreicht werden mit den Mitteln solcher Teleologie.
Andererseits bleibt aber ebenso wahr, daß lange Zeit hindurch nichts
verhängnisvoller gewirkt hat, als das Hineindeuten von Zwecken in die
reine Stufe des Muß.
Es war wie ein Aufatmen für die Naturforschung, als aus diesem
Teil der Natur das teleologische Prinzip zunächst einmal nach
Möglichkeit herausgedrängt wurde zu Gunsten einer Betrachtung reiner
Kausalzusammenhänge.
Wenn ich mich überhaupt mit dem „Muß“ beschäftige, so muß dieses auch
+herrschen+.
Jede Einmischung irgend welcher Art wäre Magie, und die zerstört das
Fundament unserer anderen größten Errungenschaft: des Vertrauens in
die absolute Naturlogik, in das ewige: „Gleiche Ursachen, gleiche
Wirkungen.“
Gleichwohl gibt es noch eine dritte Betrachtungsweise, die eben möglich
wird, weil beide Gebiete doch +natürlich+ zusammenhängen.
Das „Muß“, das „Gesetz“, hat den Menschen und die Liebe schließlich
in der von ihm allein beherrschten Welt doch auch hervorgehen lassen.
Es hat eine ungeheure Entwickelungskette erzeugt, die zu diesen
Höhenphänomenen hinführte. Unter diesen Umständen fragen wir uns, ob
nicht mit der ersten Setzung dieses Muß wenigstens doch auch schon
ein optimistisches Grundprinzip mit gesetzt war, das solche Blüten
ermöglichte.
Wohlverstanden: ich will auch jetzt keineswegs die geschlossene Kette
des Naturgesetzlichen durchbrechen mit einer hineingeschmuggelten
Zweckkreuzung, einem Finger aus Numero ~x~, der die Kette beugt.
Ich teile konsequent den Standpunkt Fechners, der immer und immer
wieder seinen Hörern eingepaukt hat: alle Welt-Teleologie muß im
Naturgesetz umschlossen sein, muß gesetzt sein, wenn sie besteht,
+durch+ die Naturgesetze, nicht noch einmal neben oder hinter ihnen;
wenn es einen Zweck im Fall des Steines gibt, so kann er einzig und
allein erfüllt werden durch diesen in der mathematisch genauen Formel
der Gravitation gegebenen Fall und nicht noch einmal extra; in diesem
genauen Wortsinne gibt es keine Meta-Physik, das heißt: nichts noch
einmal +hinter+ der Physik.
Aber wenn das Weltmuß an einer Stelle des uns sichtbaren Bildes in
eine optimistische Linie im Sinne eines Anlaufens auf wachsende
Glückseligkeit einmündet, -- werden wir nicht erwarten dürfen, daß
in der ersten Setzung dieses Muß bereits als ein optimistisches Ziel
irgendwie gegeben war? Mit andern Worten: steckt nicht schon ein
optimistisch zu deutender Faden in der Stufe des Gesetzes?
Ich glaube, daß wir ihn erkennen können. Er offenbart sich in dem
eigentümlichen Zwange der Weltlogik, der +das Harmonischere über das
Disharmonische+ rein mechanisch triumphieren läßt.
Diese Logik hat noch gar nichts direkt zu tun mit Lust oder Schmerz.
Sie trifft Sterne und Steine und Staubteilchen, man kann sie
durchführen durch eine +absolut mechanisch+ gedachte Natur.
Aber innerhalb dieses Mechanismus waltet sie als ganz bestimmtes
Ordnungsprinzip. Sie siebt unablässig das regellose Auftauchen der
Formen durch auf eine ganz bestimmte, fort und fort gesteigerte
Ordnung, eine harmonische „Anpassung“ der Teile aneinander.
Ihr Werk ist, daß die rein gesetzmäßige Natur nicht als ein unendlich
buntes Phantasiestück, sondern bereits als ein „Kosmos“ erscheint.
Es ist die Logik, die Empedokles als Weltordner pries und die in unsern
Tagen Darwin als sein Prinzip der natürlichen Auslese der Passendsten
im Organischen auf den Schild erhoben hat.
Diesem Weltprinzip allein verdanken wir die Möglichkeit eines
mindestens auf Jahrmilliarden stabilen Fixstern- und Planetensystems,
die Grundbedingung also der uns bekannten organischen Entwickelung. Und
diesem Prinzip verdanken wir zweifellos den Menschen selbst, der das
Ideal geradezu einer prachtvollen Anpassungs-Auslese darstellt.
Die gewöhnliche Antwort lautet allerdings, daß dieses Gesetz der
Erhaltung des Passenderen doch ganz selbstverständlich sei.
Ja, warum aber ist es selbstverständlich?
Es ist selbstverständlich, erstens weil eine Logik, eine
Gesetzmäßigkeit überhaupt in der Welt ist. In einer reinen
Kuddelmuddelwelt wäre es gar nicht selbstverständlich. Es ist aber
selbstverständlich zweitens noch, weil in dieser Weltlogik mit ihrer
+ersten Setzung+ eine +optimistische+ Tendenz steckt, etwas
was zu harmonischen, stabilen und immer harmonischeren, stabileren
Verhältnissen in der Welt drängt.
Auch dieser Gedankengang ist ein sehr schwieriger im Ausbau, den ein
paar Sätze gewiß nicht erschöpfen können. Er berührt unter anderem
ja die tiefste philosophische Kernfrage der ganzen Darwinschen Idee.
Aber so viel, meine ich, leuchtet doch schon durch, daß auch er nur
einen optimistischen Zug in das Gesamtbild fügen kann. Gleichzeitig
umfaßt er aber wieder nur ein streng naturwissenschaftliches Gebiet.
Läßt er sich doch sogar die extremste mechanistische Ausnutzung des
Zuchtwahlprinzips im Gebiet des Lebendigen gefallen, die nur möglich
ist, -- ohne ein Titelchen seiner optimistischen Färbung dabei
preiszugeben.
Von den einzelnen Phänomenen der Anpassung aus läßt sich dann wieder
ein sehr klarer optimistischer Faden finden in der „Entwickelung“ der
Dinge, wie sie uns unser Naturausschnitt geschichtlich weist.
Immer, solange man in Linien dieser Geschichte etwas hineinschaut durch
Astronomie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, hat ja der Gedanke
frappiert, daß es da doch eigentlich im ganzen ständig emporgehe: --
vom chaotischen Nebelfleck zum Sonnensystem, von der Glutkugel zur
bewohnbaren Erde, vom einzelligen Urtier zum Menschen. Und im Menschen
vom Mammutjäger zu Plato und Kopernikus und Goethe.
Aber es gibt doch auch gegenteilige Meinungen, anknüpfend an die
Kuddelmuddel-Definition einer völlig sinnlosen Natur.
Da erscheint diese ganze angebliche Entwickelung der Erde bloß als
der Degenerationsprozeß eines erkaltenden, verfallenden Planeten. Das
ganze Leben ist bloß eine Verfallsanpassung, die mit fortschreitender
Erkaltung auch des benachbarten Gestirns wieder verschwinden
wird. Der physikalische Satz aus der Lehre von der Entropie wird
herangezogen, wonach in einer endlich begrenzten Welt schließlich die
Temperaturdifferenzen sich völlig ausgleichen müßten und damit jedwedes
Weltgeschehen endgültig zum Stillstand käme. Die Anpassung wird gefaßt
als etwas völlig zielloses, ein ganz beliebiges Jenachdem, in dem alles
gleichwertig ist, was überhaupt da ist: heute der Bacillus, morgen der
Wurm oder der blinde Olm oder der Mensch.
Und doch steckt auch hier wieder gerade in der skeptischen Auffassung
das eigentlich Gewaltsame, das Vergewaltigende den schlichten
naturgeschichtlichen Tatsachen gegenüber.
Die Skala der Entwickelung in dem uns gegebenen zeitlichen Weltstück
einfach bloß auf das Thermometer hin zu definieren, ist genau so
abstrakt einseitig wie jene Skelettierung des Naturbegriffes auf „Kraft
und Stoff“.
Ich lasse den Entropie-Satz dabei von vorne herein aus dem Spiel, da
er mit einer +endlichen+ Welt rechnet, für die natürlich alle
Ideen von unendlicher Entwickelungsfolge fortfallen, die aber selber
dafür auch völlig aus jedem Beweis fällt. Ich beschränke mich auf
die engeren Tatsachen-Linien. Im Moment, da der Planet seine eigene
Sonnenglut verliert, erwacht nach gangbarer naturwissenschaftlicher
Annahme auf ihm die wunderbare Stufe des uns bekannten organischen
Lebens, wahrscheinlich zuerst in jener Bakterienform, die mit ihrer
gewaltigen Fähigkeit, hohe Temperaturen zu ertragen wie schaurig tiefe,
noch das Kennzeichen einer weiteren, umfassenderen kosmischen Anpassung
verrät. Für die engeren Erdverhältnisse richtet sich dann dieses
Leben mehr und mehr ein, aber keineswegs im Sinne einer bloß passiven
Anpassung.
Immer deutlicher heben sich die Versuche heraus, durch sinnvolle
Ausbildung herrschend zu werden auf der Erde.
Zuerst erscheint das zerteilt über ganze Gruppen von Pflanzen und
Tieren, die mit Hilfe hier dieser, dort jener Leibesorgane bestimmte
Gebiete erobern: das Wasser, die Erde, die Luft, andere Wesen, Licht
und Finsternis, Hochgebirge und Tiefsee, Wärme und Kälte. Wir sehen
solche zersplitterten Anpassungskreise, doch schon von gemeinsamem
Stamm, bei den Insekten; dann wieder den Reptilien; die wieder werden
vom Typus des Säugetiers überboten. Gleichzeitig aber vollzieht sich
ein wunderbares Zweites. Neben die zersplitterten Anpassungsversuche
ganzer Gruppen, in denen jede eine Möglichkeit starr vertritt, stellt
sich ein Bestreben, zahlreichste Möglichkeiten auf eine Form, eine
Art zu vereinigen, eine Art zu konstruieren, die auf jede Bedingung
der Erde zweckmäßig reagiert. Diese Art in ihrer Vollendung muß
Erdherrscher im absoluten Sinne werden. Wir wissen, welche es ist: der
Mensch.
Dieser Mensch ist nicht wieder eine Anpassung neben vielen wie der
Käfer, wie der Olm, wie der Vogel. Er ist die absolute, die erfüllende,
sämtliche Einzelversuche zusammenfassende Anpassung der Erde. Es wird
ihm ermöglicht durch sein Gehirn, das im Werkzeug eine höhere, neue,
überbietende Stufe des Organs schafft. Mit diesem Gehirn und Werkzeug
wird der Mensch +Erdbeherrscher+. Die Erde geht auf in ihn. Seine
Erde ist sie fortan. Ein Stück seiner Maschinen, ein Knochengerüst
seines Werkzeugkörpers.
An jener einseitigen Thermometer-Skala gemessen fällt das
Aufwachsen des Kultur-Menschen in eine Zeit schon vorgeschrittener
Erkaltungssymptome der Erde, -- mag er auch noch so früh in der
Tertiär-Zeit +entstanden+ sein, so fällt doch sein erster
+höherer+ Kulturanstieg, den wir kennen, zusammen gradezu mit der
nachtertiären Eiszeit, -- also auf alle Fälle einem gewaltigen Symptom
jener angeblichen Planetendegeneration. Man sollte meinen, diese
Erdperiode müßte auch die ersten sichtbaren Verfallszeichen des Lebens
einleiten. Statt dessen erfindet jetzt gerade der Mensch die künstliche
Feuererzeugung: der erste Schritt zu der Enträtselung und Beherrschung
der Wärme überhaupt als Naturkraft.
Und nun dieser Mensch (um in den Gedankengang von oben wieder
einzulenken) -- dieser Mensch ist es, der sich zu der Stufe der
Liebe erhebt, dieser Mensch wird Christus! Mindestens scheint das
Intellektuelle ein ganz anderes Tempo seiner Bahn einzuhalten als die
Thermometer-Skala als Absolutwert erwarten läßt.
Wir haben, um es immer wieder zu sagen, nur die eine einzige Naturlinie
bis hierher zur Schau, nur dieses eine Paradigma und Beispiel der uns
bekannten Erdentwickelung.
Aber wer will vor diesem einen Beispiel wirklich leugnen, daß es
in allen seinen Zügen geradezu schreit nach einer optimistischen
Deutung, die diese Liebe als das sichtbare Ziel faßt und die
Naturbeherrschung und alles, was zu ihr führte, samt allen Anpassungen,
Planetenwandlungen und so weiter, als das Mittel?
Wenn sich irgendwo ein reiner Kausalzusammenhang, aufgedeckt von
nüchternen Naturforschern, die jede teleologische Betrachtungsweise
sorgsam vermieden wie den bösen Feind, im Ganzen gedeckt hat mit
diesem Endsinn, so ist es diese Entwickelung vom Nebelfleck bis auf
den Menschen, der die Naturkräfte eine nach der andern in seine Hand
bringt, um auf ihren Schultern ein Reich der verfeinerten Kultur, der
idealen Menschlichkeit, der Liebe zu gründen.
-- -- --
So wanderten meine Gedanken in der stillen Stunde in dem alten
blumenweißen Gletscherbett, während die Tropfen in den schattenkühlen
Felsschrunden leise von dem letzten schmelzenden Schnee fielen.
Ich dachte an die Folgen der Jahrtausende, da Tropfen, klein wie
diese, das ganze Gebirge abtragen würden. Und das hatte die Menschheit
vor sich, -- Zeiten, in denen Gebirge schwanden und neu wurden durch
Tropfen, die ein Sandteilchen herabschwemmen und anderswo wieder
antragen....
Ich dachte an die lieblichen Blütensterne dieser Anemonen -- und wie
viel sonst noch in eine echte Natur-Definition einginge.
Auch ein rhythmisches Kunstprinzip muß in dieser Natur stecken, das
unten diese Blume gebaut hat und oben im Menschen als Raffael und
Goethe und Beethoven herausgeblüht ist.
Und aus dieser Natur sollte sich nicht doch ein beglückendes,
erlösendes Evangelium herauslesen lassen, -- nun wir doch einmal jetzt
endgültig ihr angehören durch Forschungsresultate, die keiner mehr
umwerfen kann?
(Friedrichshagen. Abendstunde daheim.)
Die stille Lampe leuchtet über allerlei bunte Farben. Ein blasses Grün,
ein grelles Orangegelb.
Buchumschläge sind’s. Bücher haben sich angehäuft, während ich im
Gebirge war, neue Bücher, eine ganze Schicht. Unheimlich schnell mahlt
sie, diese große Geistesmühle der Menschheit. Ein paar Monate will man
allein sein, mit Felsen, Bäumen, Tieren. Man schaut auf vom Traum und
das Zimmer ist voll gemahlen von der Rastlosen, -- wie Max und Moritz
steckt man halb im frischen Korn. Alles riecht nach Korn.
Ich blättere. Darwinistisches, Antidarwinistisches. Das letztere
kommt jetzt immer in einer gewissen Prozentziffer. Geht der Strom
wirklich von hier fort? Sind wir so rasch fertig mit dem neunzehnten
Jahrhundert? Mit der Idee schon, die es für seine größte hielt?
Ich muß an ein Gespräch denken, droben in den Bergen, während Rübezahl
seine Wolken warf.
Wir unterhielten uns von den großen Problemen unserer Zeit. Mein Freund
war ein geistvoller, außergewöhnlich kenntnisreicher, echt moderner
Mensch. In allen Hauptpunkten waren wir einig über den Fortschritt,
über den Kampf gegen das Veraltete, Absterbende, über den notwendigen
Sieg der Aufklärung und das Wachstum freiheitlicher Ideen überall.
„Aber die Haupt-Störenfriede, die alles hemmen,“ sagte er schließlich,
„sind doch der Marx und der Darwin.“
Ich wußte, was er an Marx auszusetzen hatte. Wissenschaftliche Details,
wissenschaftlich diskutierbar, jedenfalls auf ernsten Fachstudien
bei ihm beruhend. Ziemlich ebenso war es bei Darwin. Er war auch da
Fachmann und seine eigentliche Kritik setzte wenigstens bei diskutabeln
zoologischen und botanischen Einzelheiten ein.
Aber seit langem polemisierte er so auch allgemein gegen die beiden.
In seinem Kopfe hatten sich die Dinge allmählich so zurecht gestellt,
daß er an diese Namen wie an Symbole dachte für das Äußerste, was
ihm überhaupt befehdenswert schien. Er brachte sie auch jetzt vor,
daß ein unbefangener Zuhörer, der beider Werk nicht genauer kannte,
sie als Trumpf auf unser vorhergehendes Gespräch auffassen mußte,
-- als verkörpere sich in Marx heute etwa alle Unterdrückung,
soziale Unfreiheit, starre Reaktion gegenüber jedem Versuch sozialen
Fortschritts; und als sei Darwin der Typus des Obskurantentums, der
geistigen Vergewaltigung und Rückschrittlerei auf dem Gebiete der
Weltanschauung.
Lassen wir Marx hier auf sich beruhen und bleiben bei Darwin. Leute,
die, vor die Wahl gestellt, unbedingt für freie Ideen etwa gegenüber
dem Kirchendogma eintreten würden, hauen in einer Weise neuerdings auf
den Darwinismus los, als sei er plötzlich der böse Dämon.
Aus der Fachliteratur läuft das dann in die Menge. Bei halben und
flachen Geistern wird der Ton „Mode“, weil er wenigstens Abwechslung
bietet. Die wirklich finstern Kreise aber freuen sich, daß ein
gefährlicher Name plötzlich preisgegeben ist und sie ziehen, selber mit
unverkennbarer Logik, ihren Vorteil davon.
Ich bin in den letzten Jahren auch in guten, aber nicht
naturwissenschaftlichen Schriften mehr und mehr einer Stimmung des
Zweifels, der Unsicherheit gegenüber den Darwinschen Ideen begegnet.
Man weiß nicht recht, wo selber angreifen, aber es kommt wie ein vages
Echo: im Fache selbst sieht man ja schon wieder über die Sache hinaus.
Der eine oder andere „Professor“ wird genannt, der bereits offen den
„Zusammenbruch des Darwinismus“ lehre. Schwerwiegende neue „Tatsachen“
werden natürlich dahinter vom Laien vorausgesetzt, -- Tatsachen, die
Darwins Behauptungen widerlegt oder die sie doch nicht gestützt hätten.
Dabei ist es merkwürdig: der Verdacht scheint sich meist auf das
eigentliche Wort „Darwinismus“ zu konzentrieren, das Wort in
Anführungszeichen.
Der große Entwickelungsgedanke lebt, auch ohne Schlagwort, als das
Lebendigste der ganzen Zeit in uns allen, beherrscht unser ganzes
Denken und Handeln.
Jener Mann, der in Darwin den Hemmschuh sah, war praktisch ein wahrer
Entwickelungsfanatiker.
So scheint es fast, als löse sich nachträglich bloß ein Wort, das
Jahrzehnte hindurch die Bewegung gekennzeichnet, wieder von ihr
ab. Das Wort ist aber gleichzeitig so mit ihr verquickt, daß der
Mißverständnisse kein Ende werden will.
Ist es wirklich möglich, heute „Darwin“ wieder aus der großen
Entwickelungs-Richtung in unserem Geistesleben herauszuwerfen, --
wegen irgend welcher subjektiven Begleitumstände, irgend welcher
naturwissenschaftlichen Fach-Einwürfe?
Oder äußert sich unter der Hülle des Kampfes gegen den „Darwinismus“
am Ende doch eine beginnende Abschwenkung von dieser ganzen
Entwickelungs-Richtung, über die sich bloß manche neueren
Darwin-Angreifer selber in der Tragweite noch nicht klar sind?
Ich gestehe, daß ich in dem ganzen Auftauchen und Weiterverbreiten
solcher Zweifelfragen schon etwas Mißverständliches sehe.
Es ist richtig, daß im engeren Fachgebäude des sogenannten Darwinismus
gegenwärtig wieder einmal besonders lebhafte Kämpfe stattfinden. Diese
Kämpfe sind überaus fruchtbar und segensreich, soweit sie gewisse
allgemeine Gesichtspunkte nicht ganz verlieren und soweit persönliche
Gehässigkeiten herausbleiben. Aber gerade diese echten Kämpfe sind
in jeder Faser etwas total anderes, als der Laie, Freund wie Feind,
dahinter zu suchen beginnt.
Der Darwinismus mit diesem seinem Namen ist heute genau 44 Jahre alt,
datiert vom Erscheinen des „~Origin of species~“ von Charles
Darwin im November 1859.
Wenn Darwin noch lebend unter uns weilte, so würde er ganz zweifellos
der +erste+ sein, der jenen heute fortbrennenden Fach-Zwist
mit Freuden, ja mit Genugtuung begrüßte. Er würde in ihm nichts
anderes finden als sein eigenes Entwickelungsprinzip, das unablässig
weiterwaltet, -- das sich jetzt auf einen Fels rettet als die endlich
erreichte Feste, -- und das morgen diesen Fels selber anbohrt, um
abermals weiter zu kommen.
Darwin hatte in eigner Bahn die volle Wucht gefühlt, was es hieß,
einen Ideengang umwerfen. Er hatte sich zuerst von der Theologie
freigemacht, immerhin das noch ohne allzuviel Nöte. Dann war er in die
strenge Wissenschaft gekommen, als halber Dilettant zunächst. Seine
ganze Sorge war, sich nur überhaupt als berechtigt zur Fachforschung
zu erweisen. Inmitten dieses Strebens aber geht ihm auf, daß ein
allgemein angenommener Lehrsatz dieser Wissenschaft, der Satz von der
Unveränderlichkeit der Tier- und Pflanzenarten, +falsch+ sei.
Immer ist es ihm als etwas Ungeheures erschienen, daß er gerade berufen
sein sollte, so verwegen den Revolutionär zu spielen.
Sein endloses Zögern, das seinen Ruhm bedroht hat, vielleicht zum teil
selbst seine physische Krankheit hingen damit zusammen.
Doch er wagt es, muß es als ehrlicher Mann wagen, und er bricht
durch. Er erlebt mit einem gewissen Grauen, daß ein einzelner den
Kampf aufnehmen kann mit einer ganzen, über lange Jahrhunderte
heraufkommenden Wissenschaft und daß er +siegen+ kann.
Nie hat er das vergessen. In allem Triumph seiner Lehre, wo mancher
vom Weihrauch erstickt wäre, schaut er beständig sich nach dem Manne
um, der nun +ihn+ wieder umwerfen wird. Er rechnete mit der
Wissenschaft, die er an einer Stauungsstelle entfesselt hatte, und die
ihn dafür verschlang, indem sie auch über seinen Fleck strömte.
Buchstäblich hat er die ganzen Jahre seines rauschenden Erfolges
gegrübelt, wo er sich +geirrt+ haben könnte. Hinter den späteren
Auflagen der „Entstehung der Arten“ glaubt man einen Menschen zu sehen,
der beständig aus dem Schlaf aufschreckt mit dem Gedanken: „Ich habe
etwas vergessen.“
Wenn ich mir heute den Alten von Down denken soll, wie er in irgend
eine zoologische Sektion tritt, zwischen einen Kreis junger,
leidenschaftlich schimpfender Entwickelungs-Mechaniker, er könnte nur
mit den Worten kommen: „Na endlich, Kinder, seid ihr endlich drauf, wo
die Sache hapert!“
Ob er freilich grade diese Einwürfe anerkennen würde, wäre ja eine
andere Frage. Sicherlich aber würde er eins vorweg betonen.
Wenn ich in den Kampf der Meinungen heute offen hinaustrete -- hinaus
aus der Studierstube in die große ringende Welt -- so finde ich zwei
Dinge im Streit, im unversöhnlichen Streit. Zwei Weltanschauungen
mögen wir sie nennen. Man könnte ziemlich ebenso gut auch sagen: zwei
Geschichtsepochen, die heute beide nebeneinander (noch und schon)
Vertreter haben.
Nach der einen Ansicht ist die Welt ein Ding unter einer Käseglocke.
Jenseits der Glocke schaltet und waltet etwas absolut anderes. Es
holt heraus, stellt hinein, macht was es will. Drunten rechnen sie,
inventarisieren sie. Droben wird nicht gerechnet und aus dem Droben
kommt, in das Droben geht ein unbegrenzter loser Inventarbestand.
Wenn das „Droben“ will, so rauscht von der Glocke der Wind, rinnt
der Regen. Und jeder Windstoß, jeder Regentropfen kommt eigentlich
als „Wunder“. Das Droben setzt Tiere herunter, heute Trilobiten,
morgen Ichthyosaurier, übermorgen Menschen. Und zu den Menschen
übermenschliche Wesen noch wieder von jenseits der Glocke. Alles als
unberechenbares Wunder. In der Existenz der Glocke steckt ein ewiger
Riß, eine immer erneute Unfaßbarkeit, ein Hin und Her, das uns Menschen
keine andere Rolle finden läßt, als die Hände in den Schoß legen und
resigniert abwarten, was kommt.
Dem gegenüber steht ebenso schlicht die Anschauung, daß es keine
Käseglocke gibt. Daß alles eins ist im Sinne des Ur-Zusammenhangs. Das
Drüben, das die Schäfchen und die Bäumchen setzt, sind diese Schäfchen
und Bäumchen selbst, es ist nicht noch einmal besonders da. Wir selbst
sind wir selbst. Alle Dinge der Natur, der Welt, sind da bloß als
Ausfluß von Eigenschaften dieser Natur.
Nun blicken diese beiden Ansichten in die Geschichte zurück.
Die eine sieht da dieselbe Willkür. Eingriffe von jenseits der Glocke.
Unberechenbare. Was ist ihr überhaupt die Gewähr des Geschichtlichen?
Jene Übermacht ohne Raum und Zeit könnte auch rückwärts ja noch einmal
hineingreifen.
Die andere aber gerät unabänderlich auf den Begriff natürlicher
Entwickelung. Weil es überhaupt eine Geschichte, eine Zeitenfolge
gibt, die eins an Stelle des andern zeigt; und weil es ihr nichts
gibt als die Dinge selbst; so folgt ihr einfach Wandel dieser
Dinge: Entwickelung. Hier steht etwas. Morgen etwas anderes. Aus der
Versenkung ist nichts gekommen. Folglich hat das eine sich entwickelt
zum andern. Zu den Eigenschaften der Natur gehört auch Werden,
Verwandlung, Entwickelung. Und die Geschichte ist das Reich dieser
Eigenschaft.
Nun denn: in den Kampf dieser beiden Grund-Meinungs-Verschiedenheiten
greift auch nicht +eine einzige+ jener „neuen“ Tatsachen oder
Ideen ein, die heute den Mittelpunkt der +Fachkämpfe um den
Darwinismus+ bilden.
Ob die Zuchtwahl-Theorie richtig ist. Ob ältere Lamarcksche Ansichten
besser sind als die neueren Darwinschen. Ob es eine Vererbung
erworbener Eigenschaften gibt. Was Vererbung ist. Wie die ersten
Varianten entstehen, aus denen der Kampf ums Dasein nach Darwin
ausliest. Ob neue Arten entstehen aus den einfachen Variationen oder
(im Sinne von de Vries) aus plötzlichen Mutationen. Ob die bisher
aufgestellten Entwickelungsgesetze der organischen Welt sämtlich
falsch sind. Ob alle bisher entworfenen Stammbäume verkehrt sind. Ob
der Haeckelsche Zusammenhang von Ontogenie und Phylogenie stimmt oder
nicht. Ob selbst die Methoden, mit denen man bisher solche Gesetze,
solche Stammbäume gesucht, alle grundirrig sind. Ob es ganz neuer
experimenteller Wege bedarf, um nur erst einmal das Anfangsmaterial
dazu notdürftig zu erlangen. Ob wir seit und mit Darwin in einem
Überschwang von geistreichen Konstruktionen geschwelgt oder ob wir, wie
andere meinen, in dürrer Heide uns im Kreise herumgetrieben und das
Nächstnötige noch gar nicht gesehen haben. Ob es in der einheitlichen
Natur als Grundeigenschaften dieser Natur noch zweitausend verschiedene
Entwickelungsgründe, Entwickelungsgesetze, direkte oder indirekte Wege
der Umwandlung gibt, von denen die ganze Darwinsche Richtung keine
Ahnung besessen hat. Und so weiter. Das alles und noch ungezähltes
mehr, das jüngere, besonders höfliche Kritiker heute gelegentlich
veranlaßt hat, Darwin einen Tropf zu nennen und alle seine Schüler
in Haeckel’s Richtung samt diesem unwissenschaftliche Stümper,
+hinter+ die die ganze Entwickelungsforschung erst wieder
zurückgehen müsse, wenn je etwas aus ihr werden solle, -- -- das alles
miteinander hat nämlich +auch nicht+ die +leiseste+ Beziehung
zu jenem General-Zwist der beiden +Weltanschauungen+.
Es kann sie nicht haben, denn dieser Zwist ist viel älter als Darwin,
er ist weder entfacht noch beendet durch Darwin, er ist viel größer,
viel umfassender, viel tiefer als Darwin.
Und in ihm haben noch ganz andere Leute mitzureden als bloß
naturwissenschaftliche Spezial-Forscher.
Im neunten Bande der großen Weimarer Goethe-Ausgabe (S. 268-79) steht
ein loser Entwurf, ein „Schema“, von Goethes Hand, mutmaßlich von 1806.
Er gibt die Grundzüge einer Kosmogonie auf Grund natürlicher
Entwickelung, oder wenigstens des ersten Kapitels einer solchen.
Die Erde erscheint zuerst als Stern. „Als ein Wandelstern. Die
neuen Erfahrungen zeigen das Universum selbst nicht als fertig. Die
Nebelsterne sieht man als Massen werdender Welten an. Ja den Jupiter
als nicht erstarrt. Die Kometen, die man ehemals als Weltenzerstörer
ansah, betrachtet man als werdende Erdkörper.“ So geht das weiter. Die
Erde erstarrt. Die Urwasser schlagen sich nieder. „Sinken des Wassers.
Hervortreten des Soliden. Gebirge im Kreuz.“ Der Granit erscheint
als das frühste Gebirge. Überall ist „eine genetische Betrachtung
wünschenswert.“ „Alles was wir entstanden sehen und eine Succession
dabei gewahr werden, davon verlangen wir dieses successive Werden
einzusehen. So wie die wahre Geschichte überhaupt nicht das Geschehene
aufzählt; sondern +wie sich das Geschehene auseinander entwickelt und
darstellt+.“
Goethe verwarf die Katastrophen in der Erdgeschichte, weil sie ihm
nicht genug Entwickelung enthielten. Er predigte die Lehren Lyells
lange vor Lyell; er begrüßte Lyells großen deutschen Vorgänger, Hoff,
als einen, der endlich in seine (Goethes) Bahn einlenke.
Man fragt sich, wie jener Entwurf, der leider beim Gestein abbricht,
ohne je ausgeführt zu werden, ins Organische hinein hätte weiter gehen
können. Und es ist nur selbstverständlich, daß er auch da Entwickelung
annahm. Goethe hat ja an anderen Orten seine Ansichten auch darüber
klar genug ans Licht gestellt. Inwiefern seine engeren Ideen über
den Weg dieser Entwickelung von der späteren Darwins abwichen, ist
dabei sehr belanglos. Er dachte sich wohl, daß gewisse Grundtypen
des Lebendigen naturgesetzlich bestimmt zu ihrer Zeit auf der Erde
anschießen wie Krystalle. Die äußeren Umstände, das Milieu, die
Lebensweise modelten dann im Einzelnen während des Werdens an der
Reinheit dieser Krystallformen, bis das unendlich wechselvolle Spiel
der heutigen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten entstand. Man kann
sich bei dieser Auffassung über die Gesetze streiten, nach denen der
Typus sich bildet. Aber man kann sich ja auch in der Mineralogie über
die Gesetze streiten, die dort die anorganischen Krystalle bilden, und
heute noch weiß keiner da Rat.
Das Wesentliche bleibt, daß beides innerhalb der Natur gedacht wird.
Jenes ganze Weltbild, zu dem Darwin nur ein letztes Stiftchen hinzutun
konnte, war unzweifelhaft in Goethes Tagen schon vollkräftig da.
Wie sollte es nicht.
Wenn man das übernatürliche Eingreifen von jenseits der Käseglocke auch
nur auf einen Moment vergißt, so werden Entwickelungstatsachen auch dem
schlichtesten Sinn sofort übermächtig.
Unser eigenes Leben unterliegt der Entwickelung; zwischen Kind und
Mann, Mann und Greis liegt nicht ein göttlicher Wunderakt, sondern eine
kontinuierliche Folge.
Wie unsagbar einfach ist die Lehre der Geschichte. Ist der heutige
Franzose aus dem alten Gallier entstanden durch glatte Entwickelung
oder trennt die beiden ein mystisches Wunder? Sind die romanischen
Sprachen, ist das heutige Schriftdeutsch nicht kontrollierbar
„natürlich“ durch Entwickelung herauf gekommen? Zu solchen
Gedankengängen ist kein Darwin erst nötig gewesen. Man kann die ganze
Ideenunterlage zum „Darwinismus“ in diesem Sinne aus Goethes „Wahrheit
und Dichtung“ oder aus Schlossers Weltgeschichte lernen, ohne den
„~Origin of species~“ je gesehen zu haben.
Aber Bücher sind überhaupt nicht dazu nötig.
Wie oft bin ich gefragt worden, ob mich nicht manchmal ein Bangen
anwandle, wenn ich mir sagen müßte, auf was für verwickeltem,
spitzfindigem, haarspalterischem biologischen Material meine
„darwinistische“ Weltanschauung im Grunde beruhe. Wenn nun ein Stäbchen
wankt, hieß es, eins von den ganz zerbrechlich dünnen der biologischen
Fachforschung, irgend so ein Sätzchen aus der Zellenlehre, ein
statistisches Zifferchen über Variieren der Arten, ein Müschelchen
oder Zähnchen der Paläontologie? Und das immer als Stoß in der
Weltanschauung zu fühlen, im Heiligsten, das man für sich selbst,
über sich selbst hat! Jeden Morgen zittern, wenn der Briefbote kommt
und eine grüne oder blaue Broschüre bringt: ob da nicht der ganze
„Darwinismus“ doch jetzt den Gnadenstoß hat durch ein Knöchelchen in
einer verkehrten Erdschicht, oder eine neueste Superklugheit über den
Zellkern, oder einen Froschembryo, der zwischen zwei quetschenden
Glasplatten aufgezogen ist, -- zittern um den Zusammenbruch der ganzen
Weltauffassung!
Und wie oft habe ich diesem wohlmeinenden Bedauern lachend entgegnen
müssen, daß meine Welt- und Lebensanschauung über Entwickelung im
Gegensatz zum Wundereingriff gar nicht aus dem „Darwinismus“ in diesem
Sinne stamme, also auch nicht mit ihm fallen könne, -- zugestanden
selbst einmal (wozu nicht der geringste Anlaß ist), der ganze
Darwinismus fiele heute oder morgen durch eine solche Einzelheit.
Der Entwickelungsbegriff, auf dem ich nicht meine biologischen
Spezialüberzeugungen, sondern meine Weltanschauung aufbaue, fließt mir
aus der persönlichen Erfahrung meines ganzen Lebens zu, +nicht aus
Büchern+.
Als ich ein Kind war, habe ich gelernt, daß die weiße Blüte, die über
Nacht an den Birnbaum im Garten gekommen war, nicht durch ein Wunder
vom Himmel gefallen war, sondern sich aus der Knospe entfaltet hatte.
Ich habe gelernt, daß die Suppe nicht per Wunder aus einer mystischen
Versenkung kam, sondern aus dem Kochtopf, wo sie sich aus bestimmten
Substanzen unter bestimmten Bedingungen vor meinen Augen entwickelte.
Als ich älter wurde, bildete das ganze Leben nur eine einzige
fortgesetzte Weitererziehung nach dieser Seite.
Ich saß im Hörsaal und hörte griechische Geschichte vortragen.
Ich hätte die Gesichter der Studenten sehen mögen, wenn unser
scharfsinniger Dozent bei der Darstellung des „Peloponnesischen
Krieges aus den Quellen“ plötzlich hätte den klaren Verlauf der Dinge
durchbrechen wollen mit dem Satz: die Armeen in dieser Schlacht, die
Verteidigungsmauern dieser Stadt, die Kasse, die diese Mittel lieferte,
stammten nicht aus den und den gegebenen Verhältnissen, sondern
sie waren plötzlich per Wunder da. Gegen diesen Dozenten wäre eine
Disziplinaruntersuchung eingesetzt worden, die ihn schleunigst seines
Amtes enthoben hätte.
Ich wohnte einer Gerichtsverhandlung bei und hörte die Rede des
Staatsanwalts. Gibt es eine blasseste Möglichkeit auch nur, sich
auszudenken, daß ein Staatsanwalt in der logischen Entwickelungskette
eines Indizienbeweises vor einer Mordtat irgendwo das „Wunder“
einführen sollte anstatt einer ursächlichen Begründung aus den
Verhältnissen und dem Zusammenhang?
Es ist einfach jede Minute und jede Regung meines Lebens, es ist mein
ganzes Ich als objektive Erfahrung aus so und so viel Jahren, was ich
in die Wagschale lege, wenn ich mich für eine natürlich-einheitliche
Weltanschauung und einen natürlichen Entwickelungsbegriff entscheide,
-- nicht ein Paragraph oder eine Figur aus einem modernen biologischen
Lehrbuch.
Gewiß, auch mein ganzes Wissen steckt darin und dabei
selbstverständlich auch mein ganzes Naturwissen. Aber es ist nicht das
Erste, sondern erst das Sekundäre jenseits der unmittelbar eingepaukten
Lebenserfahrung.
Und es ist wieder in diesem Naturwissen zunächst noch lange nicht
Darwin oder irgend etwas mit seinem Gebiet auch nur Zusammenhängendes
der engere Fels, auf den ich das +Stück+ meiner Weltanschauung
baue, das speziell zur Naturforschung gehört. (Ein armer Kopf, der
seine Weltanschauung +bloß+ auf „Naturwissenschaft“ im Fachsinne
bauen wollte!) Lange vor Darwin, Jahrhunderte vor Darwin, hat aber auch
die Naturforschung den Begriff geschaffen, der allerdings ein Pfeiler
jeder einheitlichen Weltanschauung ohne Wunderbegriff sein muß: den
Begriff der +Naturgesetzlichkeit+.
Das simpelste Experiment gelingt nicht ohne ihn, die alltäglichste
wissenschaftliche Rechnung bis in ein so banales Ding wie das Benutzen
einer Uhr hinein ist ein Kinderspott ohne ihn.
Er ist gewissermaßen die exakte naturwissenschaftliche Formel für jenes
große Massenbild unserer Lebenserfahrungen.
Die stärksten Geister der neueren Zeit haben gerungen, diesen Begriff
zu klären, zu festigen als Formel, und sie haben damit allerdings jener
zunächst intuitiv erlebten Weltanschauung einen Bewußtseinsausdruck
gegeben, der heute leicht als ihre festeste Säule erscheinen kann.
Diese Naturgesetzlichkeit ist es, auf der sich Goethes Idee von der
Gott-Natur erhebt, und von der Fechner gesagt hat, daß sie der einzige
strenge Beweis vom Dasein Gottes sei; auch er meinte natürlich Gott
im Sinne der einheitlichen Gott-Natur, und seinem klaren Denkerkopf
mußte folgerichtig das „Wunder“ umgekehrt als Beweis erscheinen, daß es
keinen Gott, d. h. keine Einheit in der Welt gebe.
Das alles steht vor Darwin, wie Newton und Galilei vor Darwin stehen
und so viele, die für diesen Begriff der Naturgesetzlichkeit gelebt,
gefochten, geblutet haben.
Erst auf einem +weiten+ Wege von da komme ich zu Darwin und ich
komme zu ihm mit einer im Prinzip bereits vollkommen +fertigen+
Weltanschauung, an der er im Ganzen nichts mehr ab-, noch zutun kann.
Zweifeln wir doch nicht: er selber ist an seine eigenen Spezialgedanken
über Entwickelung der Tiere und Pflanzen auch schon seiner Zeit ebenso
damit herangekommen als echt moderner Mensch.
Seine Idee war, einen Gedanken, den das Leben und all sein Wissen
ihm sonst genugsam eingepaukt hatten, auch in eine Spezialecke zu
treiben, wo man sich ihm durch eine sonderbare Konstellation der Dinge
bisher hartnäckig verschlossen hatte: nämlich in die Entstehung der
wechselnden Tier- und Pflanzenarten auf Erden bis zur Tierart Mensch
herauf.
Zweierlei hat er dann versucht, und im Prinzip also jedenfalls
versucht im Sinne und zu Gunsten einer monistischen
Entwickelungs-Weltanschauung, wenn auch keineswegs als erstes Fundament
einer solchen im Menschheitsdenken.
Zunächst hat er versucht, die natürliche Entstehung
der Tier- und Pflanzenarten nicht bloß als allgemeine
Weltanschauungs-+Folgerung+ zu behaupten, sondern sie in
sich so reinlich herauszuarbeiten, daß sie schließlich selber als
+Exempel+ für die ganze Allgemeinidee gelten und wirken könnte.
Dann hat er im notgedrungenen Zusammenhang damit einen höheren
naturgesetzlichen Zusammenhalt gesucht, der als „Gesetz“ diese
biologische Entwickelungslinie beherrscht und gelenkt haben könnte; das
war für sein Vermuten die natürliche Selektion oder Zuchtwahl.
Fragt sich, ob er in beidem das Rechte getroffen hat.
Das erste könnte ihm mangels ausreichenden Materials mißlungen sein.
Im zweiten könnte er sich über das spezielle Naturgesetz getäuscht
haben, wie es so und so viel Forschern auf andern Gebieten gründlich
und häufig auch passiert ist, ohne daß deshalb jemand Lärm gemacht
hätte, die naturgesetzlichen Prinzipien der Forschung seien überhaupt
erschüttert und die (unter anderm auch hier verankerte) natürliche
Weltanschauung sei bankerott.
Immerhin läßt sich nach 44 Jahren mit kühlem Kopfe diese Doppelfrage
stellen.
Vor diesen beiden Möglichkeiten setzt der heutige Kampf um Darwin ein,
-- +kein+ Weltanschauungs-Kampf mit hie Entwickelung, hie Wunder.
Sondern eine höchst interessante Debatte mit zwei schlichten Fragen:
erstens ob sich von der Entwickelung auch an dieser (über ein paar
hundert Jahrmillionen verzettelten) Ecke heute schon oder noch ein
Bild gewinnen läßt; -- und zweitens, ob in diesem Bilde die natürliche
Zuchtwahl eine Rolle spielt.
-- -- --
Als Darwin, gedrängt von der ganzen Geistesrichtung seiner Zeit,
sich mit dem Entwickelungsgedanken in die Geschichte der Tier- und
Pflanzenwelt wagte, stieß er dort, wie gesagt, auf eine in jeder
Hinsicht außergewöhnliche Situation.
Zwei Dinge waren in unvereinbaren Widerspruch miteinander geraten.
Auf der einen Seite stand das Dogma, daß die Arten in der Geologie und
Botanik unveränderlich, konstant seien.
Auf der andern wies die neuaufgeblühte Geologie nach, daß beim
Zurückgehen in frühere Epochen der Erdgeschichte das Bild der Tier- und
Pflanzenwelt tatsächlich ein anderes wird, daß andere Arten erscheinen
wie heute, während die heutigen durchweg noch fehlen.
In der Not hatte hier, unwissenschaftlich genug, eine Weile wirklich
das „Wunder“ herhalten müssen. Die Art war in sich konstant. Aber
ab und zu im Laufe der Jahrmillionen kam eine Hand von jenseits der
Glocke, brach allem Vorhandenen den Hals und setzte neue Arten herunter.
Darwin trat dem entgegen, nicht eigentlich als Revolutionär, wenn
man die Dinge ganz streng mißt, sondern einfach als Vertreter der
schlichten wissenschaftlichen Methode, wie sie für alle anderen Zweige
der Forschung längst fest eingeführt war.
Vom Boden einer Naturgesetzlichkeit, erklärte er, ist der Ausweg
des Wunders unzulässig. Zulässig ist dagegen, anzunehmen, daß ein
wissenschaftliches Dogma falsch sein könne, -- in diesem Falle das
Dogma von der Konstanz der Arten. Es kann eine natürliche Entwickelung
von Arten zu anderen Arten stattgefunden haben, -- und das würde in
Einklang mit der Geologie sein.
Die Geologie wurde damit von einer Art Ketzerrolle befreit, zugleich
wurde ihr aber auch eine große, neue, positive Aufgabe zugewiesen. Gab
man ihr zu, daß Arten sich entwickelt haben könnten, so schien nun ihr
der Beweis obzuliegen, daß es tatsächlich der Fall gewesen sei.
Mit Forderungen an die Geologie aber ist es eine seltsame Sache.
Es ist das hübsche Los aller Wissenschaften, die auf den Zufall
historischer Dokumente angewiesen sind, daß „Fordern“ in ihnen einen
komischen Beigeschmack hat. Ich suche Daten über Wallensteins Leben
und finde die vollständigen Akten über Herrn Müller oder Schulze, die
+dessen+ Leben bis in jeden Punkt aufhellen. Ich suche schmerzlich
Angaben über das mir größte Ereignis des Altertums, die Taten Christi;
der Vesuv liefert mir eine ganze römische Stadt mit Haut und Haaren aus
und in dieser ganzen Stadt hat man von Christus keine Notiz genommen.
Der Laie sieht ein prachtvolles Museum aufgebaut: geologische
Fundstücke aus dem Leben der Vorwelt. Er kommt mit der Idee Darwins
zwischen die Megatherien und Ichthyosaurier und verlangt, daß ihm die
gesamten Darwinschen Übergangsketten, die in der Entwickelung jede
Tierart mit der nächsten verknüpfen, vorgezeigt werden. Man zuckt die
Achseln, und nun fängt er an zu schmollen. 44 Jahre nach Darwin und
noch immer dieses Material nicht zur Stelle? Da ist es doch wohl mit
dem ganzen Darwin nichts.
In Wahrheit ist unsere gesamte Versteinerungskunde heute wenig über 100
Jahre alt. In den letzten 50 dieser Jahre, also auch in der Ära Darwin,
hat sich trotz alles Aufblühens an gewissen Dingen für sie gar nichts
geändert und es wird sich noch lange nichts, zum teil nie etwas daran
ändern.
In den 50 ersten so wenig, wie in den 50 letzten Jahren des
Jahrhunderts haben ihr, die mit vielen Millionen von Jahren rechnet,
auch entsprechende Millionen von Mark zur Verfügung gestanden.
So ist ihre Materialsuche Stückwerk ohne jedes systematische
Vorgehen geblieben. Ihr Stoff, die ganze Masse dessen, was an alten
Tier- und Pflanzenresten überhaupt erhalten ist, durchsetzt, oft
in homöopathischer Verdünnung, alle jüngeren Schichtgesteine der
Erde. Dieses Musterbuch ganz zugänglich machen, hieße nichts viel
anderes, als die ganze Erdrinde abblättern, aufrollen von den höchsten
Alpengipfeln bis unter die Sohle unserer heutigen tiefsten Bohrlöcher,
-- nicht zu vergessen den Boden aller Ozeane und den Sockel der polaren
Eiskappen.
Erst wenn die Millionen, die Arbeitskräfte, die technischen Erfindungen
da vorhanden und die Sache geleistet wäre, könnten wir von einer ersten
Inventaraufnahme sprechen, die dann auf Darwin zu prüfen wäre.
So, wie die Dinge liegen, sind wir bisher trotz der 100 Jahre auf ein
paar Stichproben angewiesen. Ein Schieferblock etwa wie der Solnhofener
lithographische Stein, der eine prachtvolle ganze Schriftseite der
Jura-Zeit liefert, ist zu technischen Zwecken wirklich im Abbau und
steuert langsam sein Teil zu. Hier, dort hat ein Privatmann sein Geld
und seine Energie ähnlich auf einen einzelnen Punkt konzentriert.
Punkte gegen eine Erde!
Schon diese Stichproben haben aber genügt, um etwas noch viel
Fundamentaleres, selbst mit allen Milliarden aller Staatskassen der
Welt Unverrückbares zu offenbaren.
Das in der ganzen Erdrinde versteinert Erhaltene ist überhaupt
+nur+ wieder eine Stichprobe dessen, was lebendig +da war+.
Sicherste Anzeichen lehren das. An sich ist es ja ein wahres
Wunder anstatt einer dicken Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt
etwas so erhalten ist. Der Laie hat da gut fordern. Wenn ich
ein paläontologisches Museum besuche, so ist mir immer wieder
das staunenswerteste Rätsel, daß das alles die ungezählten
Zerstörungsmöglichkeiten in Jahrmillionen überdauert hat. Um so
selbstverständlicher, daß schließlich Grenzen kommen. Es ist im ganzen
doch nur ein kleiner Bruchteil, eben eine Stichprobe, da.
Das Wort Stichprobe paßt aber wieder in anderem Sinne schlecht dabei.
In so und so viel Fällen geht es wie oben in dem Beispiel: ich steche
auf Wallenstein und dringe in die Käserechnungen des Herrn Schulze.
Wenn die Stichproben mich nun aber gar unzweideutig lehren, daß
Wallenstein überhaupt nicht mehr dabei ist? Diese Sachlage steht fest
für das ganze Altbuch der Paläontologie.
Da liegen ungeheure Schichtgesteine, die sogenannten krystallinischen
Schiefer. Jede Spur von Versteinerungen ist nachträglich darin
gelöscht, -- durch irgend einen seltsamen Prozeß, der das Gestein
durcheinander gearbeitet hat, vielleicht die Wärme, die bei der
nachträglichen Zusammenziehung des Erdballs entstand, es gibt da nur
Vermutungen. Was wir auch wollen: wir müssen bei allen geologischen
Streifzügen abwarten, bis diese verwunschene Schichtenfolge aufhört,
erst dann setzt die Möglichkeit von Versteinerungsfunden ein. Das Leben
der Urzeit selber aber hat offenbar keineswegs die Freundlichkeit
gehabt, für uns so lange mit zu warten. Als der Vorhang für uns
endlich, mit der kambrischen Epoche, aufgeht, ist es schon im vollen
Spiel. Ja, fast hat es den Anschein, als schneiten wir mindestens in
den vierten Akt. Von Entwickelungsanfängen kann keine Rede mehr sein.
Schon treten Muscheln, Stachelhäuter, hoch organisierte Krebse, ja
gar bald bereits Fische auf. Aus den Steinabdrücken werden wir nie
erfahren, durch welche Formreihen hindurch sie sich entwickelt haben
könnten, denn tiefer geht unser irdisches Dokument überhaupt nicht.
Was heißt hier „fordern“?
Fordern wir vom Astronomen, daß er uns die Rückseite des Mondes zeige
und machen wir davon den Wert der Astronomie abhängig! So ist es genau
mit dem Darwinismus in der Geologie jenseits der ersten Muscheln und
Trilobitenkrebse.
Auf solche Löcher im Material hat schon Darwin selbst hinweisen müssen.
Geändert hat sich aber in den 44 Jahren seither nicht das Mindeste
daran, -- so wenig wie unsere Astronomie in den Jahren hinter den Mond
gekrochen ist.
Es gibt aber noch mehr Lücken.
Als man zuerst Tier- und Pflanzenabdrücke fand und noch in biblischer
Treue dabei nur an die Sintflut dachte, bürgerte die Idee sich ein,
alles Versteinerte sei das Resultat irgend einer jähen Katastrophe,
einer großen Wandlung im Erdenleben: verschüttete Wälder, in Hekatomben
verunglückte Tiere. Einzeln ist es auch wohl so gewesen, in der Regel
nicht. Die Regel zum Zustandekommen von Versteinerungen war gerade
das Gegenteil: lange Epochen größter Ruhe und Regelmäßigkeit. Wälder
von kryptogamischen Gewächsen grünen Jahrhunderttausende am gleichen
Fleck und bilden eine ungeheure Torfschicht; die bleibt als Steinkohle
erhalten. In eine seichte Bucht (wie die von Solnhofen) rinnen
kalkhaltige Bäche, häufen in endlosen Zeiten immer neue ungestörte
Häutchen feinsten Schlicks übereinander; an diesem Ort muß ein wahres
Paradies an Ruhe gewesen sein und sein Ergebnis ist das wunderbare
Bilderbuch im Schiefer abkonterfeiter Quallen, Libellen, Krebse,
Fische und Urvögel. Gesellige Korallentiere bauen in ungestörter Ruhe
berghohe Riffe; sie tauchen bei Faltungen der Erde in die Tiefe und
liegen unzerstörbar. In den Abgründen der Tiefsee, tausende von Metern
tief, lagern sich die mikroskopischen Schälchen einzelliger Wesen
ab zwischen Seelilien, deren schwanken Stiel hier unten kein Sturm
bedroht, -- auch ein Reich des Friedens, stationär bis zu dem Maße, daß
es seit Jahrmillionen bis heute fast das gleiche Gesicht, immer die
gleichen Anpassungen und Formen, zeigt; aus solchem Tiefseeschlamm ist
die weiße Kreide geworden, die selbst dem Laien durch die Masse ihrer
Versteinerungen auffällt.
Gerade diese Zeiten der Ruhe, des unendlichen gleichartigen Fortzeugens
bestimmter Arten sind es aber +nicht+, die der Darwinismus
+sucht+!
Er möchte die Reste sehen der unruhigen Zeiten, die auch äußerlich,
im Bilde der Erdverhältnisse, sei es lokal oder im ganzen, bewegt, im
Fluß und beeinflussend erscheinen. In solchen Zeiten gab es nach ihm
Wandel der Formen, Zwang zu neuer Entwickelung, veränderte Anpassungen,
Degenerationen und Aufschwung. Aber grade +die+ Spur ist verwischt
-- +wegen+ der Unruhe. Erst nach langer Zeit, wenn alles sich so
in Gleichtakt gesetzt hat, daß wieder viele Jahrtausende lang immer die
gleichen Gewächse ihre Stämme im Torf begraben, dieselben Müschelchen
in Millionen Generationen sich im Teichschlamm ablagern, geht von neuem
in solcher Dauerschicht der Ruhe der Vorhang wieder für uns auf. Wir
sehen dann wohl, daß alles ein Stück anders, ein Stück weiter ist. Aber
grade der Zwischenakt fehlt uns in Spuren, auf die wir die Hände legen
könnten.
Es ist eine bitterernste Wahrheit, daß das, was man hat, hier nichts
beweist und daß man das, was beweisen könnte, nicht hat.
Nicht Darwin, sondern das Dilemma in unserm geologischen Material hat
diese Ironie geschaffen.
Denken wir uns, in der Geschichte fehlte uns die Völkerwanderung. Wir
hätten Pompeji und dann wieder unvermittelt das Reich Karls des Großen.
Oder die Mumie eines römischen Cäsars und unmittelbar darauf das Grab
eines Papstes, ohne Kenntnis des Christentums. Es gibt ja Orte, wo
auch die Geschichtsdokumente ganz ähnlich abrupt aufeinanderliegen:
im Lehmboden von Höhlen geraten einsinkend die Scherben von
Porzellantassen moderner Kulturnomaden, vielleicht von Bahnarbeitern,
die dort einmal bei Regenwetter ihren Kaffee gekocht haben, unmittelbar
zwischen Knochen des Höhlenbären und Steinbeile der Mammutzeit. An
Wunder glaubt aber +hier+ niemand, bloß an +Lücken+ der
+Überlieferung+.
Grade bei solchem Sachverhalt ist es aber doppelt merkwürdig,
doppelt lehrreich, daß sich nun +dennoch+ -- in Umkehrung des
eigentlich Selbstverständlichen -- darwinistische Züge in der Geologie
+haben+ aufweisen lassen.
Das erste, was immer wieder auffallen mußte und muß, ist eben die
nachträgliche Existenz immer wieder so vieler +neuer+ Tier- und
Pflanzenformen von Epoche zu Epoche.
Haben wir auch durchweg nur Dauerbilder, so sind eben doch diese
Dauerbilder stufenweise immer wieder verschieden.
Und dabei sehen wir klar, daß nicht etwa ein +absolutes+ Muß
der Verwandlung vorlag. Einzelne Tierformen sind tatsächlich viele
Jahrmillionen bis heute unverändert stehen geblieben: die Gattung
~Ceratodus~ (Molchfisch) seit der Triaszeit; die Gattung
~Lingula~ (ein wurmartiges Tier in muschelähnlichen Schalen)
gar seit jener kambrischen Epoche, mit der all unser Wissen beginnt.
Warum ist nicht alles in dieser Weise seit Beginn seiner Existenz beim
gleichen Leisten geblieben? Woher neben wenigen solcher Überlebenden
mit jeder Epoche die Unmasse neuer, andersartiger Typen?
Und dabei ein weiterer, jetzt der eigentlich durchschlagende Zug.
Es zeigt sich, hält man Dauerbild zu Dauerbild von Epoche zu Epoche,
ein Ansteigen von Unvollkommenerem zum Vollkommeneren.
Wir können da freilich nicht eigentlich von unten beginnen, da uns ja
der ganze Anfang fehlt. Die kambrische Epoche setzt, wie gesagt, mit
bereits relativ hohen Typen ein. Aber von da erleben wir doch noch ein
Stück wenigstens mit.
Bis gegen die Sekundärperiode sehen wir ungeheure Gebiete der Erde
bedeckt mit Wäldern farrnähnlicher kryptogamischer Pflanzen, also einer
niedrigen Flora. Ganz allmählich erst treten dazu die systematisch
niedrigsten Phanerogamen: Nadelhölzer und Palmfarrne. Erst in der
Kreidezeit kommen auf einmal die höheren Blütenpflanzen.
Ganz ähnlich steigt der höchste Stamm der Tiere stufenweise von Bild
zu Bild an, der der Wirbeltiere. Er erscheint mit Fischen, nur
Fischen. Dann werden höher hinauf amphibische, reptilische Wesen
sichtbar, erst urtümliche, dann vollkommenere. Vögel wie Säuger
treten erst in der Sekundärzeit, viele Millionen von Jahren nach dem
kambrischen Anfang, hervor. Der Vogel ist zuerst Archäopteryx, mit
ausgesprochenen Eidechsenrückständen am Leibe. Das Säugetier ist
Ursäuger und Beuteltier. Erst um die Wende zur Tertiärzeit erscheint
eine Mischgruppe, die nicht mehr Beuteltier ist, aber die Merkmale
von Raubtieren, Huftieren und selbst Halbaffen in sich vereinigt. Die
Krone des Säugerstammes, der Mensch, endlich erscheint mindestens erst
tief in dieser Tertiärzeit, selbst wenn wir ihn mit Klaatsch so weit
zurückdatieren wollen, wie nur irgend zulässig. Er erscheint noch
in der Eiszeit als Rasse mit primitiverem Schädel und erst nach der
Eiszeit setzt seine höhere Kultur ein.
Gleiche Anpassungskreise werden dabei mehrfach in folgenden Epochen
neu ausgefüllt, aber dann von einer im +ganzen höheren+
Organisationsstufe: so ersetzen die Säuger der Tertiärzeit im gesamten
Anpassungsumfang genau die Reptile der Sekundärzeit und wieder der
Mensch mit seinem Werkzeug umgreift die ganze ältere Säugeranpassung.
An diesen großen Linien hat alle Kritik der Jahre seit Darwin aber auch
rein nirgendwo rütteln können.
Versucht worden ist ja jeder Ausweg.
In den Steinkohlen sollten uns bloß die kryptogamischen Moore der
älteren Zeit erhalten sein, wie wir deren aus Moosen heute noch
genug haben, -- die Nadel- und Laubwälder jener Tage aber sollten
bloß zufällig keine Reste hinterlassen haben. Aber diese Farrn-,
Bärlapp- und Schachtelhalmwälder von damals waren kein Moorwinkel
irgendwo, sondern sie überzogen die Erde vom Nordpol bis zum Südpol in
himmelragenden Stämmen. Ein Blick auf die räumliche Größe auch nur der
heute bereits bekannten Kohlendistrikte genügt, um zu beweisen, daß es
sich dabei um die Charaktervegetation der Erde in einer Weise handelt,
wie es von keiner einzigen heutigen Pflanzengruppe behauptet werden
kann. Und das eben ist das Bezeichnende.
Andere nahmen sich die Archäopteryx vor. Man hatte sie (die erst
nach Darwins Auftreten gefunden worden war) als Mittelglied zwischen
Eidechse und Vogel bezeichnet. Nun kommt ein feiner Kenner und zeigt,
daß in der Mischung auf feinster Wagschale die Vogelmerkmale des
Zwitterwesens die Eidechsenmerkmale um etwas überragen. Das wird
ausgemünzt, als seien die Eidechsenzüge damit überhaupt gestrichen.
Man bedenke: bei einem Tier mit Zähnen im Maul, Krallenfingern an den
Flügeln, einem langen Eidechsenschwanz, primitiv geformten Wirbeln,
einer Fülle noch anderer reptilischer Merkmale. Aber es ist nicht
mathematisch genau die Mitte, und so wird geredet, bis der Laie betrübt
abzieht und den Posten überhaupt verloren gibt.
Das Beispiel ist typisch, wie der Stoff von Gegnern behandelt worden
ist und wie wertlos diese Sorte Gegnerschaft ist, die in so unendlich
schwieriger, verwickelter Lage Wortspielereien treibt: ob man
Mittelform, Übergangsform noch nennen dürfe, was nicht mathematisch
genau den Mittelpunkt bezeichnet. Das alte Sophistenspiel, wann ein
Häufchen zum Haufen wird. In dieser Welt der Annäherungswerte, wo es
im abstrakt mathematischen Sinne weder Arten, noch Gattungen, noch
überhaupt irgend etwas gibt!
Am verzweifeltsten ist natürlich um das kleine Endchen Paläontologie
gefochten worden, das auf die Entwickelung des Menschen hinweist.
Ein Dogma häufte sich hier aufs andere. Es gibt keinen fossilen
Menschen. Aber er kam, es half nichts. Zur Reserve, damit die beiden
sich ja nicht begegneten, sollte es auch einmal keine fossilen Affen
geben. In ganzen Reihen stehen sie heute in unseren Museen. Dann blieb:
es gebe wenigstens keinen fossilen Affenmenschen. Ein in Zoologie
dilettierender Theologe schrieb einmal als probates Rezept aus, man
solle jede Erwähnung Darwins niederschmettern mit dem Satz: „Ist er
gefunden, ja oder nein?“ Nämlich der Affenmensch. Jetzt ist er zum
Schluß wirklich noch gefunden worden, ehe das Jahrhundert ausging, der
Pithecanthropus von Java, mit dem Schädelinhalt haarscharf zwischen
Gorilla und Mensch.
Bei manchem der wilden Kämpen in diesem Zwist tritt hier wirklich durch
ihre eigene Schuld der früher erwähnte Fall ein: der Kampf wird um ein
Schädelbruchstück mit der verzweifelten Überzeugung geführt, es hänge
an dem Knöchelchen der Sieg oder Tod einer Weltanschauung.
Der Sieg einer einheitlichen Naturanschauung mit Entwickelungsideen ist
nicht um ein so billiges zu erkaufen!
Aber feststellen darf diese Weltanschauung immerhin mit einiger
Befriedigung, daß bisher auch nicht eine einzige Tatsache der
Paläontologie, auch heute nach 44 Jahren nicht, existiert, die gegen
eine natürliche Entstehung der höheren Tier- und Pflanzenformen aus den
niederen, älteren spräche.
Etwas anderes aber ist heute nach 44 Jahren allerdings zu betonen.
Die Geologie dieser Stunde ist in vielen Zügen nicht mehr die Geologie,
mit der Darwin rechnete. Komplizierter und, wenn man es nur nicht im
alten Wunder-Sinne verstehen will: mysteriöser ist sie geworden.
Darwin sagte: die Tier- und Pflanzenarten haben sich im Laufe der
geologischen Epochen langsam umgewandelt. Wodurch? Durch den Druck der
äußerlichen Umwandlung der Verhältnisse, in denen das Lebendige auf
Erden hing. Sei das einmal genug Erklärung. Jedenfalls dachte Darwin an
Lyells Sätze dabei.
Lyell betonte, wie langsam, successive alles in der äußeren
Geologie sich vollzogen habe: Wandel der Erdteile und Gewässer,
Gesteinsbildungen, Klima, kurz der „Wechsel der Verhältnisse“.
Das war gut und paßte trefflich zu Darwins Selektions-Idee.
Lyell betonte, daß dieselben Kräfte wie heute ausgereicht hätten. Seine
Verhältnisse der Vergangenheit behalten immer in ihrem stillen Strom
eine größte Wesens-Ähnlichkeit mit den heutigen.
Auch das gab damals viel Hülfe. Man studierte die eigene Epoche und
konstruierte danach die verflossenen, wie Mommsen aus der modernen
Politik die Geschichte Cäsars ausgelegt hat.
Aber in der Weise hat sich das doch nur sehr bedingt als dauerndes
Prinzip wahren lassen. Ehrlich gesagt, versagt das Prinzip heute an
ganz auffälligen Stellen auch wieder. Die große Eiszeit hat da zuerst
Bresche gelegt. Hier war ein Vorgang, der aus dem allzu korrekten
Schema grob heraussprang. Die einfache Parole: zunehmende Abkühlung
der einstmals heißen Erde in den geologischen Epochen, langte nicht
aus. Warum lag diese Eiszeit schon wieder hinter uns? Vor ihr war in
Europa Tropenklima. Warum? Heute ist die ganze Klima-Frage in der
Geologie ein Labyrinth ungelöster Probleme. Schon dämmert die Idee
auf, daß es mehrfach auch in früheren Epochen Eiszeiten gegeben habe.
Periodische Erscheinungen der Erdkugel tauchen dahinter auf. Hängen
sie mit periodischen Akten der Erdkugel zusammen? Hängen sie ab von
Periodizitäten unseres Sonnensystems? Fragen.
Die ganze Abkühlungstheorie der Erde ist heute schwankend, wenigstens
in der hergebracht einfachen Form.
Die Klimafrage ist aber nur ein krasses Beispiel. Wie hier sind erste,
scheinbar sichere Schemata überall in der modernen Geologie in die
Brüche gegangen. Ein ungeheurer Zuwachs von Tatsachen hat einen Berg
ganz neuer Fragen aufgetürmt. Wenn wir sagen, die „Verhältnisse“ haben
die Arten geschaffen, so muß uns beständig heute der Zweifel ins Ohr
raunen, +was wir denn von diesen Verhältnissen geologisch eigentlich
wissen+?
Wie viel Möglichkeiten umschließt das Wort noch, und wie wenig Klarheit!
In der Tier- und Pflanzengeschichte sehen wir einzelne besonders
merkbare große Einschnitte. Wir träumen da besonders starke
Umwandlungen. So vor der Trias-Periode und wieder in der Mitte der
Kreide-Periode. Was ist da äußerlich auf Erden vorgefallen? „Wechsel
der Verhältnisse“ ist an solchen Stellen ein Kryptogramm für uns, ein
Deckwort für ein Bündel dunkler Dinge, deren Füße wir bloß gespenstisch
hinter dem Vorhang arbeiten sehen.
Kaum eine einzige große Hypothese der älteren Geologie schließlich, die
im Moment nicht wackelte. Sie ist ein unendlich viel merkwürdigeres
Ungeheuer, diese alte Erde, als wir dachten. Man braucht bloß an
die magnetischen Erscheinungen, die Polschwankungen und anderen
Achsengeheimnisse, den Wechsel des Meeresniveaus, die immer wieder
verwirrten vulkanischen Phänomene, die Geheimnisse der Innenwärme zu
denken, um den Stich zu fühlen, wie wenig wir von diesem Ungeheuer
wissen. Jene unerklärten krystallinischen Schiefer rufen es uns aus der
Mineralogie zu. Von den rätselhaften Periodizitäten der Sonne, deren
Fleckenperiode mit unsern magnetischen Mysterien über 20 Millionen
Meilen hinweg in Kontakt steht, kommt es auf kosmischen Umwegen zu uns
zurück.
Kein geologisch geschulter Mensch denkt daran, die Fäden dieses
dunkelsten Gewebes +außerhalb+ der Naturgesetzlichkeit zu suchen.
Der Wechsel, das Andersartige grade der Bilder predigt aufdringlich
genug Entwickelung.
Nichts also entfernt sich in dieser Geologie der unendlich höher
gespannten Möglichkeiten im Prinzip von Darwin.
Aber wir dürfen uns grade in seinem Sinne nicht dagegen verschließen,
daß nun der Entwicklungsprozeß des Lebendigen in diesem ungeheuren,
kaum erst in seinem Umfang hier und da +geahnten+ Spiel
der geologischen Gesamtdinge, dem gigantischen Gesamtprozeß der
Entwickelung des Erdplaneten, mit allen Fasern +auch+ hängt, -- in
seinen +Rätseln+ hängt.
Phasen dieser Gesamtentwickelung können in ihn eingreifen, von denen
der Anblick der heutigen Verhältnisse wahrscheinlich ebenso wenig
ein Bild gibt wie das enge, einer Uhrfeder gleich sich abrollende
Leben eines kleinen Philisters in einer erstarrten Umgebung ein
psychologisches und kulturgeschichtliches Bild geben würde von der
ideellen Siedehitze eines Kopfes in einer sozialen Revolution oder in
der ungeheuren Stunde einer Religionsgeburt.
Ich glaube zuversichtlich, daß die Geologie in diesem Sinne noch einmal
reden wird, viel reden wird zu Darwin, -- nicht in dem kleinlichen
Sinne, daß sie die paar paläontologischen Daten, die jetzt schon
allgemein eine Entwickelung befürworten, wieder umwerfen sollte, wohl
aber so, daß sie Darwins Programm von den „Verhältnissen“ uns erst
eigentlich +erfüllte+.
Unvermerkt wird dabei freilich auch der +Begriff+ „Verhältnisse“
selbst eine leise, aber schließlich doch wichtige Umwandlung erfahren:
-- eine Erweiterung.
Der Prozeß wird wahrscheinlich ein ganz ähnlicher werden, wie heute
in der von der Nationalökonomie in bestimmtem Sinne beeinflußten
Geschichtsauffassung. Auch da spielt das Wort „Verhältnisse“ eine
überwältigende Rolle. Je mehr die Forschung sich aber vertieft, desto
mehr geht in sie alles, was man früher „Ideen“ nannte, doch auch
wieder als Faktoren ein, man spricht von einem „Milieu der Ideen“ in
bestimmter Zeit, und schließlich zeigt sich hier wie überall als Parole
des Fortschritts, daß es nicht gilt, irgend etwas herauszuwerfen aus
der Betrachtung, sondern nur immer mehr hinzu zu umgreifen.
Ich berühre damit schon etwas, was ich oben als zweite Stufe in Darwins
Werk bezeichnet habe: seine Idee über das eigentliche Gesetz der
Entwickelung im Tier- und Pflanzenreich.
Ein Naturgesetz in der biologischen Entwickelungslinie suchte Darwin --
und er geriet auf die Selektion.
Seit 44 Jahren geht der Streit, ob er in diesem Punkte recht gesehen.
Aber neben diesem Fachstreit gibt es noch einen anderen, der auch
anknüpft an das Wort Selektion.
In ihm wird behauptet, daß Darwin gerade mit diesem seinem
individuellsten Gedanken doch die ganze Entwickelungsidee entscheidend
beeinflußt und +umgestaltet+ habe.
Zerstört, sagen die einen.
Erst vollendet, die andern.
Ein Teil von Darwins Ruhm stammt aus dieser Ecke, weil er hier
scheinbar Leuten entgegen gekommen ist. Ein Teil auch von dem Haß, den
er erlitten, von der Reaktion einer aufgestörten Stimmung. Und immer
wieder hat dieser große Hall auch in die engeren Fachkämpfe hinein
nachgezittert.
Ist die Sache wahr?
Darwins Tat traf äußerlich mitten hinein in den erbitterten Zwist noch
zweier anderer Weltanschauungen als bloß „Hie Wunder, Hie Naturgesetz.“
Ich kann das Wunder verwerfen und an eine natürliche Entwickelung, an
eine einheitlich gebaute Natur glauben. So sind mir doch in dieser
Überzeugung noch zwei Anschauungen möglich.
Ich kann in der Natur ein sinnloses Spiel sehen, ein Auf und Ab ohne
inneren roten Faden, ein Welt-Kuddelmuddel.
Ich kann aber auch in dieser Natur ein allgemeines ungeheures
Aufwärtsringen gewahren, ein Aufwärtsringen allerdings bloß mit
natürlichen Mitteln, innerhalb und vermittelst der Naturgesetze,
-- aber doch ein +Empor+, in dem sich schließlich das Höchste
erfüllt, -- das erfüllt, was die ältere Betrachtungsweise noch einmal
extra und außerhalb der Natur als Göttliches gesucht hatte.
Jene erste Ansicht ist eine unbedingt pessimistische, die zweite
eine wenigstens bedingt optimistische. Goethe mit seinem Begriff
„Gott-Natur“ stand stets der letzteren näher. Die erstere aber
durchfärbte den Pessimismus des ganzen 19. Jahrhunderts mehr oder
minder stark und gab dem Jahrhundert auch da, wo sie bloß halb und
unklar auftrat, merkwürdig scharf seine Physiognomie; zumal gegen sein
Ende hin.
Wahr ist nun, daß die Selektions-Idee, die Darwin in den
Entwickelungsgedanken gebracht hat, +zunächst nur auf die
erstere+, die Kuddelmuddel-Anschauung, energisch bezogen worden ist.
Darwin brachte als ganz, oder doch nahezu ganz neu den folgenden
Gedanken.
Hier stehen zweckmäßige Gebilde in der Natur. Hat irgend eine
Intelligenz sie sofort so zweckmäßig hergestellt?
Nein, sagt Darwin, sondern die Natur produzierte zunächst ohne Wahl
ungezählte Varianten, zweckmäßige und unzweckmäßige durcheinander. In
der logischen Notwendigkeit dieser gleichen Natur aber war enthalten,
daß bei gleicher Konkurrenz nur die zweckmäßigen Gebilde sich
erhielten, die unzweckmäßigen dagegen untergingen.
Alles Kosmische, Geordnete, Stabile der Welt, so kann man Darwins Idee
verallgemeinern, ist ein Produkt bereits solcher logischen Auslese.
Der Kuddelmuddel-Pessimismus zog daraus den Schluß, daß also auch
dieses Kosmische, Geordnete, Zweckmäßige bloß ein Produkt des
Kuddelmuddels sei. Die Würfe der Natur, schloß er, erfolgten also nicht
auf ein optimistisches Prinzip hin. Und erst die Auslese täusche eine
Ordnung, eine immer zweckmäßigere Entwickelungswelt, vor.
Diese pessimistische Folgerung aus Darwin ist aber im tiefsten Kern
nichts anderes als ein grober Trugschluß.
Das +Resultat+, das ist vorweg zu betonen, bleibt auch bei Darwin
genau als das +gleiche+ stehen. Es treten uns zweckmäßige,
harmonische, kosmische Dinge (Kosmos gleich Ordnung!) als Resultate
von Entwickelungen konkret in der Welt entgegen. Davon gehen wir aus,
-- also von einem Schluß-Phänomen, das für uns aber zugleich eine Art
Ur-Phänomen bildet.
Das Neue, das Darwin hinzutut, steckt nun nicht in der Anfechtung
dieses Resultats, sondern lediglich in einer neuen Analyse des Weges,
der in der Natur +dahin führt+.
Über diesen Weg sagte aber auch jene optimistische
Gott-Natur-Auffassung zunächst gar nichts aus, -- er ist in ihr offenes
Problem. Auch sie muß ja zu ihrer Welt über die Naturgesetze. Da nicht
alles bereits Harmonie in der Welt ist, wird ein allzu bequemer Weg
von vorne herein hier nicht wahrscheinlich sein, -- die Existenz des
Harmonischen scheint viel eher überall ein langes, umständliches Ringen
vorauszusetzen, einen Kampf, wo jeder Schritt schwer bezahlt werden muß.
Jene andere, ältere Anschauung freilich, die eine überweltliche
Intelligenz von jenseits der Glocke in die Natur eingreifen ließ: sie
schrieb im Gegensatz dazu auch ihren Weg tatsächlich vor und sie konnte
vom ersten Satz an sich also mit der Selektion Darwins +nicht+
befreunden. Ihr eingreifender Schöpfer ist einfach ein aktiver Mensch,
dessen Handlungen nur im Bilde eines solchen zu denken sind, bloß noch
viel direkter, da er allmächtig ist.
In der Gott-Natur Goethes dagegen sind viele Wohnungen.
Sehen wir ruhig an, welchen Weg Darwin von ihr verlangt und ob er ihrem
Bilde überhaupt widersprechen kann.
Darwins Selektionslehre, im weitesten Sinne als kosmosbauendes
Naturprinzip gefaßt, rechnet mit der Existenz einer ganzen Reihe fester
Naturveranlagungen.
Es ist eine solche Veranlagung, Potenz, Eigenschaft der Natur, daß sie
überhaupt Varianten erzeugt, aus denen eine Auslese stattfinden kann.
Es ist eine weitere Veranlagung, daß sie auch als zweckmäßig
verwertbare Varianten dabei wirft; daß sie es tut, zeigt das
Schlußphänomen.
Ferner eine, daß eine Auslese in Frage kommt; sie findet in ihr statt,
ist also als ganzes ihre Eigenschaft.
Ferner, daß eine Logik bei dieser Auslese die passenden Varianten
bestehen läßt, ihnen ein Plus gibt vor den andern und damit der ganzen
Weltentwickelung ein Übergewicht gegen harmonische Verhältnisse hin
verleiht. Auch diese Logik steckt doch gegeben in der Natur. Es ist
ja vielfach ein billiges polemisches Kunststück, derartige Logik als
solche gleichsam noch einmal wieder abzuziehen vom Begriffe „Natur“,
womit dieser dann allerdings leicht dem Kuddelmuddel ausgeliefert ist.
Warum aber überleben die Passenden die Unpassenden? Aus einfacher
Logik, sagt jeder. Nun grade an dieser Naturlogik als einer Eigenschaft
der Natur hängt aber nach Darwin das Schlußentstehen eines geordneten
Kosmos. Nicht auf regellosen Zufällen, sondern auf klar gegebenen
Eigenschaften der Natur, die für sie ein absolutes Muß bilden,
beruht auch in der extremsten Selektionstheorie die Entwickelung
zu harmonischen, stabilen, zweckmäßigen Gebilden. Eine nur dieser
Eigenschaften fehlend -- und kein Zufall brächte je das geringfügigste
„kosmische“ Verhältnis hervor!
Kein Mensch kann mir demnach logisch verbieten, den Sachverhalt
im ganzen so zusammenzufassen, daß ich sage: die Natur hat die
Eigenschaft, sich in der Richtung auf kosmische, geordnete, in ihrem
Zusammenhang zweckmäßige Verhältnisse zu entwickeln; und die Selektion
ist bloß der verwickelte Weg im Spiel dieser Eigenschaft.
Mit der kosmischen Tendenz als Eigenschaft der Natur (Tendenz
fällt hier vollkommen zusammen mit Finalität!) bin ich aber
vollständig heraus aus jeglicher Kuddelmuddel-Theorie und noch in
dem alten optimistischen Entwickelungsgedanken samt und trotz der
Selektions-Theorie.
Zugestanden: Darwins Weg ist ein umständlicher.
Es ist richtig, wie man gesagt hat: die Natur Darwins durchsetzt, um
einen Hasen zu schießen, die Luft mit Millionen Kugeln nach allen
Richtungen, anstatt eine Kugel senkrecht auf ihn los zu feuern.
Aber die Hauptsache bleibt, daß der Hase auch so geschossen wird, --
geschossen werden muß nach unerbittlicher Logik.
Und was wissen wir im Grunde über Länge oder Kürze der Wege in der
zum Kosmos sich entwickelnden Natur? Wir sehen über hunderttausende
von Jahrmillionen der Geschichte allein unserer Erde im Sonnensystem
zurück. Wer will da das Tempo, will Methoden kritisieren?
Es ist sogar wirklich höchst lehrreich, sich einen Augenblick zu
vergegenwärtigen, wie in jenem Bilde vom Hasen das +sicherste+
Ziel, -- das Erlegen des Hasen um +jeden+ Preis -- überhaupt zu
erreichen war.
Ganz streng ging es tatsächlich nur auf zwei Wegen an: entweder mit
einem absolut treffsicheren Einzelschützen -- oder mit jenem alles
abrasierenden Kreuzfeuer.
Nun läßt sich aber immerhin ganz plausibel behaupten, wenigstens in der
uns sichtbaren Naturlinie sei der annähernd treffsichere Einzelschütze
erst eine ganz späte Errungenschaft: nämlich der Mensch selbst.
Es ist durchaus denkbar, daß, so lange die Natur den Menschen als
graden Zweck-Weg noch nicht im Spiel hatte, sie den andern Weg wählen
mußte in der einfachen Alternative der +beiden einzigen absolut
sicheren+ Möglichkeiten.
Es gibt einzelne gute Beispiele in der Welt des Lebendigen, wo man
einen ganz ähnlichen Faden wirklich ~ad oculos~ demonstriert bekommt,
z. B. bei den Zeugungsverhältnissen. Die Auster schwängert das ganze
Wasser um sich her mit Samen, in Voraussetzung, daß bei diesem
Kreuzfeuer ein einziges Samentierchen die Eizelle der Nachbarauster
finden und befruchten werde. Bei den Schnecken und Tintenfischen schon
und überhaupt bei den höchsten Vertretern der Tierstämme finden wir
im Gegensatz dazu das Prinzip der Einzelflinte (wenn auch noch nicht
der Einzelkugel): bestimmte Organe, die das befruchtende Element
unmittelbar an seine Stelle im weiblichen Organismus einführen.
Fragt natürlich jemand: +warum+ macht die Natur überhaupt erst
Austern und warum übte sie nach Darwin zuerst blinde Selektion statt
treffsicheren Schießens mit Menschenflinten, -- so kann ich das nicht
lösen. Es fällt zusammen mit der Frage: warum überhaupt Entwickelung?
Ich meine aber, daß die einfache Existenz dieser ungelösten Frage an
sich noch nichts für den Welt-Pessimismus und die Kuddelmddel-Theorie
beweist.
Jeder Begriff der allmählichen Entwickelung vom Unvollkommenen zum
Vollkommeneren schließt ja gewisse Faktoren des Mißlichen, des
Schmerzes ein. Denn das Niedrigere, indem es vom Höheren überboten,
besiegt wird, ist allemal in irgend einem Sinne ein Absterbendes, das
unter die Füße getreten wird, und da die Natur nun einmal Empfindung
mit sich gebracht hat, wird das schmerzlich empfunden werden.
Reicht es doch bis in unser höchstes Geistesleben. Jeder Irrtum, der
abgetan wird, ist ein Stich, jeder vom besseren verdrängte Gedanke,
der doch einmal in uns lebte, ein Tod mit Sterbeschmerz. Aber die
Idee der aufsteigenden Entwickelung als optimistischer Generalfaktor
überbietet das immer wieder, grade wenn man auf das Ganze sieht.
Und von Kuddelmuddel ist keine Rede, so lange überhaupt nur ein
kontinuierlicher Entwickelungsfaden mit Überbietung eines Minderguten
durch ein Besseres sichtbar bleibt.
Wer da meinte, die Weltgeschichte sei mit Darwin nicht bloß einer
gewissen Wegblindheit in älteren Tagen, sondern dem wahren absolut
sinnlosen und blödsinnigen „Zufall“ ausgeliefert, der hatte übrigens
noch ein drastischeres altes Bild gelegentlich zur Hand, als jene
famose Hasenjagd. Ein Schwein wühlt in einem ungeheuren Haufen
Buchstaben. Es wühlt ihn zu immer neuen zufälligen Kombinationen
durcheinander. Als eine solche Kombination entsteht eines Tages die
Ilias. So soll es mit den harmonischen, den kosmischen Gebilden
in der Welt überhaupt sein, und zwar beweise das eben Darwins
Selektions-Theorie.
Das Beispiel ist in der Tat aber höchst prägnant grade für das oben
Entwickelte.
Auch hier ist das Resultat zunächst nur eines: nämlich eben die Ilias.
Damit sie aber werde, sind eine ganze Reihe fester Voraussetzungen
nötig, deren Summe der Kraft nach eben auch schon die ganze Ilias
enthält.
Zunächst jener Buchstabenhaufe, in dessen Buchstabenkombinationen auch
schon die Ilias einmal ganz steckt. Dann die unendliche Wühltätigkeit
des Schweins, die nicht rastet, bis endlich auch die Kombination Ilias
da ist. Das Gleichnis enthält eins nicht, das hier bei Darwin sehr
wesentlich ist: das Harmonischere ist das Erhaltungsfähigere. Man
müßte das Gleichnis ergänzen, indem man etwa sagte: im Moment, da das
Schwein ein Stück Ilias herausgerüsselt hat, kleben jedesmal grade
diese Buchstaben plötzlich so fest aneinander, daß der Rüssel sie
nicht wieder zerstören und nicht wieder weiterverwühlen kann. Doch das
nebenbei.
Die Hauptsache ist auch hier: der Buchstabenhaufe und das wühlende
Schwein bezeichnen bloß einen +Weg+ zum Auslösen des gleichen
Ziels. Die Intelligenz des Schweines erzeugt allerdings nicht
die Ilias, -- das entspricht genau dem Gedanken Darwins, daß der
auslesende Kampf ums Dasein selber durchaus nicht als zweckschauende
Macht im Menschensinne zu deuten sei. Aber der Gesamterfolg wird
gleichwohl einem Komplex von Gesamteigenschaften in dem umfassenden
Organismus „Buchstaben -- Logik -- Zeit -- Schwein -- Wühleifer
und Ausdauer dieses Schweins“ verdankt: -- niemand wird bestreiten
können, daß dieser so begabte Organismus die Tendenz hat, eine Ilias
hervorzubringen.
Und mehr brauchen wir ja nicht für die Natur.
Die Dinge lagen hier bloß noch etwas verwickelter.
Die Selektion hat zunächst das Menschengehirn herausgewühlt. Dieses
Menschengehirn dann erzeugte die wirkliche Ilias. Schließlich könnte
man aber auch im Menschen noch einmal mit etwas Phantasie das
Urbeispiel innerlich weitertreiben. Aus einer riesigen Auslese bleiben
die griechischen Schriftzeichen, Sprachformen, Begriffe übrig. Aus
einer unendlichen Auslese erhebt sich der (oder erheben sich die)
Verfasser der Ilias grade mit dieser Wortkombination. Eine unendliche
Auslese, Wahl, Verwerfung von Bildern, Ideen, Erfindungen ging ihr im
Dichtergehirn vorauf. Es ließe sich wenigstens als Aufgabe stellen, in
alledem die Selektion aufzuspüren.
Wahr ist ja, daß unsere feinste Gedankenarbeit bis ins tiefste
dichterische Empfinden Züge zeigt, die sich immer noch auffallend gut
mit Selektion vergleichen lassen.
Wir suchen ein Bild, einen Schluß. Eine ganze Kette von Vorschlägen
gleichsam taucht aus der Tiefe, ohne daß wir den Prozeß irgendwie
bewußt beherrschten. Sie treten in Konkurrenz, blitzschnell oft, oft
auch sehr langsam. Es ist, als passierten sie Stück für Stück Revue
vor einem logischen Prinzip, einem Messen an bestimmten Forderungen.
Das fällt, jenes, noch eins, -- da: endlich sitzt die dunkel in uns
arbeitende Maschine. Das hier und kein anderes ist das erlösende Bild,
die treffende Idee, -- heureka, wir haben es.
Auch diese subtilsten Dinge beherrscht unsere bewußte Intelligenz
keineswegs in ihren einzelnen Bedingungen. Wohl haben wir das Gefühl,
daß etwas in uns sei, das auch das Ganze wieder umgreift, und in dem
diese Bedingungen Eigenschaften sind. Und wohl hat das schließliche
Resultat den klarsten Sinn für unsere Intelligenz. Aber auf dem Wege
spielen sich eine Masse Prozesse ab, die uns vom Intelligenzboden aus
da genau so fremdartig und so unnötig umständlich erscheinen könnten,
wie in der Welt Darwins der Weg über die Selektion.
Warum gehorcht dem Wunsche nach einem Bild, einer Idee nicht sofort die
höchste uns gegebene, zielsichere Intuition, -- der Flintenschuß, der
den Hasen mit einer einzigen Kugel fällt? Warum dieses Aufdrängen von
Massen Varianten, von denen doch nur eine sich der Forderung wirklich
verbinden kann, während alle andern ergebnislos wieder verpuffen wie
die Million übriger Kugeln jenes Kreuzfeuers?
Ich glaube, daß wirklich nichts lehrreicher ist zum Begriffe
„Verschwendung“ und „Umständlichkeit“ in der Natur, als ein wenig
Beobachtung in unserem eigenen Denkapparat.
Es gibt bekanntlich eine philosophische Auffassung, die alles Reale
der Welt eigentlich als ein Seelisches faßt und in der ganzen
Weltentwickelung also einen ungeheuren Denkprozeß des Naturgeistes
sieht.
Auf den ersten Blick hat es gewiß den Anschein, als werde eine
derartige Weltanschauung nun wenigstens mit der Selektion nichts
anfangen können. Und im Kampfe des Tages ist in der Tat sogar von dort
gelegentlich recht demonstrativ die ganze Darwinsche Selektionstheorie
der Kuddelmuddel-Theorie zugeworfen worden, -- natürlich zur Freude der
letzteren.
Aber was hätte solche Weltgedanken-Philosophie anderes an Analogie zur
Hand, als eben unsere eigenen Denkprozesse -- und wenn nun gerade in
denen selektionsartige Dinge auftauchen, -- weshalb sollte die große
Naturseele beim Bauen ihrer kosmischen Gebilde nicht ähnlich ihre Ideen
auf dem Selektionswege zustande gebracht haben?
Kuddelmuddel jedenfalls kommt damit so wenig in den Weltprozeß,
wie unser eigener feinster Gedankenprozeß etwa beim Dichten oder
dem Verfolgen einer wissenschaftlichen Idee trotz aller wieder
ausgestrichenen Gedankenvarianten und zerrissenen Zettel irgend eine
Ähnlichkeit mit Kuddelmuddel-Wirtschaft hat -- was, wie ich hoffe, doch
wohl jedermann zugeben wird.
So viel zur philosophischen Klärung.
Die letzten Sätze haben ja streng genommen schon in ein ganz anderes
Gebiet eingelenkt: nämlich in das Gebiet der Frage, ob die Selektion
+wahr+ sei?
Diese Frage fällt nun selbstverständlich nicht mit der zusammen, ob sie
gegebenen Falles jene Folgen für den großen Entwickelungsgedanken mit
sich zöge.
Ich meine aber, daß wir, ich möchte wohl sagen: gemütlicher an die
Dinge herangehen, wenn wir der Entscheidung über diese Eventualität
+vorweg sicher+ sind und damit erst vor die Wert-Frage im
Wahrheitssinne selber treten.
Mir persönlich ist es so ergangen, wenn ich zurückblicke. Ob mit, ob
ohne Selektion, habe ich mir eines Tages gesagt: in den Weltblödsinn
hinein geht es auf alle Fälle nicht. Niemals kommen wir auch mit der
Selektion auf ein wirkliches Chaos als Ausgangspunkt der sichtbaren
Welt, -- immer bleibt eine Ur-Logik des Naturganzen, die auf kosmische,
harmonische, höhere Gebilde führen +mußte+.
Darwin hat +seine+ Selektionsfrage auf ein ganz bestimmtes Gebiet
beschränkt. Er fragte nach der Entstehung der Tier- und Pflanzenarten
-- allerdings ein Feld, wo seit Alters das gesteigert Harmonische, die
innere höhere allgemeine Zweckmäßigkeit doch grade ganz besonders stark
in die Augen gefallen war.
Ist ihm der Beweis zu Gunsten der Selektion in seinem Spezialfalle
gelungen, so hat er ein famoses Exempel geschaffen.
Ist er nicht geglückt, so muß eine +andere+ Deutung des
+Weges+ gesucht werden, den die Entwickelung hier genommen hat.
Niemals aber ist diese Entwickelung selbst als Grundauffassung bedroht!
Es ist möglich, daß der antidarwinistische Stürmer und Dränger
vom Modeschlage, wenn man ihn bis hierher geführt hat, die Sache
+überhaupt nicht mehr interessant+ findet.
Um den Preis bloß dieser kleinen Schwankungen mache ihm der ganze
Feldzug gegen Darwin keinen Spaß mehr! Wenn nicht mehr herauskomme ....
Da kann ich ihm nun nicht helfen. Ich für mein Teil finde, daß der
Fortgang der Debatte +jetzt erst wirklich+ interessant +wird+.
Freilich wird er’s nicht mehr zu gunsten von Modeschlagworten. Denn
hier gilt das alte Wort: die Moral aus der Geschichte ist keine Rede,
sondern eine Handlung. An dieser Ecke kann schlechterdings kein
theoretisches Gerede den Darwinismus über sich selbst hinausführen,
sondern nur noch ernste, strenge, wissenschaftliche Tat, -- Tat in
fachwissenschaftlicher Spezialarbeit.
Ich denke an eine solche Tat, -- wie fruchtbar sie gleich ist! Die
Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze.
* * * * *
Die Geschichte, an die ich mich erinnere, fängt streng genommen an mit
der Entdeckung Amerikas, -- mit der ja so vieles Merkwürdige für unsere
Kenntnis wie Schätzung des Himmels und der Erden angefangen hat.
In der hübschen Morgenstunde des 12. Oktober 1492, als die Kanonen
der „Santa Maria“ den großen Tag verkündeten, stellte sich das
Zünglein der Wage auch schon auf die Entscheidung ein: wer nun Herr
werden sollte, die alte Welt über die neue oder die neue über die
alte. Es sollte noch gar manche Sprünge vor und zurück machen, dieses
Zeigerlein. Was Kolumbus damals aber wohl am wenigsten geahnt hat,
das war die rasche und endgültige Lösung der Frage durch einige der
sanftesten Landeskinder der neuen Erdhälfte, wenigstens für ihr Gebiet:
nämlich Pflanzen.
Im Laufe der jetzt verflossenen vier Jahrhunderte haben eine Anzahl
amerikanischer Pflanzen unzweideutig die alte Welt erobert.
An jenem Entdeckungsmorgen berührte des Altweltlers Kolumbus Fuß auch
den Erdteil der Nachtkerzen.
In bald hundert Arten wuchs das Geschlecht dieser lieblichen
Blumen auf dem neuweltlichen Kontinent. Ein schwefelgelber Strauß
Nachtkerzenblüten, in unsere sandige Mark gebracht, wäre damals ein
eigenartig exotischer Genuß von jenseits des großen Wassers mit allem
Zauber jungfräulicher Neuheit gewesen.
Uns nachkolumbisches Geschlecht nimmt das schon Wunder. Denn wir
pilgern aus der Stadt in die märkische Heide und am Bahndamm zwischen
den Kiefern stehen die Nachtkerzen Kopf an Kopf wie die gelben
Flämmchen, ein echtes und rechtes Unkraut, das uns weder in Liebe
noch Haß für gewöhnlich imponieren kann. Denn es gehört zwar zum
altvertrauten Vaterlandsbilde, aber der schlichte Sinn achtet es doch
durchweg eben als ein Unkraut sehr niederen Grades.
Nun denn: die erste ~Oenothera~, wie die Nachtkerze als botanische
Gattung heißt, kam um 1614 aus Virginien in Nordamerika zu uns herüber.
Es war die sogenannte ~Oenothera biennis~. Im Jahre 1778 führte
John Fothergill eine zweite Art (~muricata~), 1789 John Hunnemann
die dritte (~suaveolens~) aus Kanada ein. Europas Luft und Erde
sagten den Gästen aber alsbald so zu, daß sie sich heimlich aus den
Gärten, wo man sie als fremde Rarität gehegt, fortmachten und bald
da, bald dort als freie Kolonisten auf eigene Faust ansiedelten.
Seitdem besitzen sie Sandgrube und Düne und Waldrain bei uns, als hätte
Thusnelda schon ihre Kränze aus ihren Gelblingen geflochten.
Das ist die ursprünglichste Voraussetzung der wunderbaren Historie, die
es zu berichten gilt: die erste Station der Nachtkerze von Amerika bis
zum märkischen Bahndamm.
Die nächste Wegstrecke ist freilich etwas länger. Sie führt nämlich von
da bis ins Herz menschlicher Philosophie und Weltauffassung.
Am Ende des 18. Jahrhunderts lebte in Paris Lamarck, Botaniker und
Zoologe, ein ebenso großer Mann wie Pechvogel der Weltironie. Er
predigte die natürliche Entwickelung der Tiere und Pflanzen und die
Wandelbarkeit der Arten zu einer Zeit, da nur ein halbes Dutzend
Auserlesener (die sich meist untereinander nicht kannten) etwas davon
wissen wollte, der nicht unbeträchtliche Rest dagegen solche Ideen als
Kontrebande aus dem Heiligtum der Forschung hinausprügelte.
Dieser Lamarck fand wieder in einem Augenblick, da ihm alle Spekulation
ganz fern lag, im Herbarium des Pariser Pflanzengartens einige
getrocknete Exemplare auch so einer amerikanischen Nachtkerzen-Art, die
er als erster wissenschaftlich beschrieb. Sie war von den genannten
anderen verschieden und der Zufall wollte, daß sie in der Folge den
Namen ~Oenothera Lamarckiana~ bekommen hat.
Heute, da jedermann den alten Lamarck als Vorläufer Darwins kennt,
klingt das förmlich herausfordernd darwinistisch. Gedacht hat sich aber
damals und noch lange später niemand etwas derart dabei. Es war wie ein
prophetischer Donnerschlag der Olympischen, den zunächst jeder für ein
ganz simples Gewitter hält.
Auch diese Lamarcksche Nachtkerze ging übrigens den Weg ihrer
Schwestern. Sie wanderte zunächst in unsere Gärten hier und da ein,
und wenn die Gartenpforte offen stand, rückte auch sie ein Schrittchen
weiter, fühlte sich wieder als freie Farmerin mit dem Pioniermut des
Westens und verwilderte. Das aber sollte grade ihr großes Schicksal
bedingen.
Im Jahre 1886 war es.
Und in Holland war es, Nord-Holland, zwischen Hilversum und s’Graveland.
~Dr. jur.~ J. Six hieß ein Mann dort und der Mann hatte einen
Kartoffelacker. Er gehörte zu seinem Gute, Jagtlust mit Namen. Durch
Kanalanlagen war das Feld von drei Seiten her unzugänglich geworden und
infolgedessen hatte der Eigentümer es seit einer Reihe von Jahren nicht
mehr verpachtet. Es lag da, in die Hand der Natur zurückgegeben, was
sie mit ihm machen wollte. Und sie schenkte ihm, was sie für solchen
Acker hat, von dem der Mensch seine Hand zieht: Unkraut unter dem
Himmel.
Ich erzähle die Umstände so genau, denn der Leser wird die Behauptung
zu hören bekommen, es habe sich auf diesem Kartoffelacker, der brach
lag wie in einem Gleichnis des Evangeliums, nichts Geringeres vollzogen
als eine Art Akt der Weltschöpfung. Den Lehm, aus dem eine Welt
geschaffen wird, möchte man doch aber genau kennen.
Noch wieder in nicht allzuweiter Entfernung von diesem Acker hatte Herr
Six Gartenanlagen und darin ein kleines Zierbeet. Als Gartenpflanze
war dort neben anderem bunten Volk auch die gelbe Nachtkerze Lamarcks
gelegentlich angepflanzt worden. Ihr aber war, treu dem alten
Nachtkerzen-Gelüst, das Beet bald zu klein geworden. Da lag ja, gerade
von dieser Seite zugänglich, der leere Acker, eine Fläche von 5000
Quadratmetern. Also dehnte sie sich allgemach dort hinüber, setzte ihre
Kinder und Kindeskinder ins freie Feld und trieb zwischen den Kanälen
des Herrn Six im Kleinen, was ihre Schwestern im großen Stil einst mit
ganz Europa gemacht hatten.
So lagen die Dinge im Sommer 1886.
Das Kulturbeet war selber eingegangen, kaum daß man seinen Fleck noch
erkannte. Ringsum aber in das Feld hinein und da und dort schon tief in
diesem drängte es sich in zierlichen Blattrosetten und hohen Stauden
von verwildertem Oenotherenvolk. Im Juli und August flammten mit ihrem
verwegenen Leuchtgelb zahllose Blüten auf. Und da geschah’s.
Just auf diesen Goldacker geriet nicht ein harmloser Spaziergänger,
den bloß die gelben Blumen freuten, sondern ein Mann, der seit Jahren
auf der Lauer lag, ja dessen Geist so zu sagen ein großes Klappnetz
darstellte, bereit, beim geringsten Einschlag mit energischstem Ruck
zusammenzuschlagen.
Wenige Minuten davon hatte sich für drei Sommer der Professor der
Botanik zu Amsterdam, Hugo de Vries, einquartiert.
1886, -- das waren nicht mehr die Zeiten Lamarcks.