Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903

Wilhelm Bölsche.

Inhalts-Übersicht.

Weihnachtsstimmung. -- Kennt die moderne Weltanschauung noch ein

Weihnachten? -- Die Menschenliebe als Entwickelungsstufe des Alls.

-- Sternenfriede. -- Die Erfüllung unserer Ideale S. 1-6

Zusammensturz einer Welt -- und Schönheit. -- Die Entstehung des

Schmerzes. -- Ist Liebe ein Hemmnis? -- Die Kraft der Ideal-Schau

S. 7-15

Sturmtag am See. -- „Wir sind umgeben von Geheimnissen.“ -- Der

unergründliche Ratschluß. -- Christi Stellung in der Natur. -- Der

Triumph der Dichtung S. 15-23

Herber Frühling. -- Auferstehung in der Geschichte. -- Auferstehung

durch Dichterkraft S. 23-29

In der Schneegrube. -- Der Drache. -- Gott-Natur. -- Die Natur

als Minotaurus. -- Ein Versöhnter. -- Vom Geiste des Pessimismus

in unserer Zeit. -- Was „Kraft und Stoff“ angerichtet haben. --

Der wahre Sinn des Wortes Entwickelung. -- Die Stufen des Gesetzes

und der Liebe. -- „Auge um Auge,“ ~A.~ = ~A.~ -- Die Herrschaft

über die Naturgesetze baut das Liebesreich. -- Naturwende.

-- Das optimistische Weltprinzip S. 29-57

Die Rede vom „Zusammenbruch des Darwinismus“. -- Was Darwin wollte.

-- Eine Kosmogonie Goethes. -- Der Entwickelungsbegriff stammt

nicht aus dem Darwinismus. -- Darwin und die Geologie. -- Die

Steinkohlenwälder. -- Die Archäopteryx. -- Pithekanthropus. -- Was

heißt „Wechsel der Verhältnisse“? -- Darwin und die Teleologie. --

Die Idee eines „Kosmos“. -- Darwin berührt nur den „Weg“, nicht das

„Ziel“. -- Die natürliche Zuchtwahl in unserm Ideenleben. -- Was

wirklich not tut S. 57-92

Die Geschichte vom Geheimnis der Nachtkerze. -- Die Pflanzen als

Eroberer. -- Der Acker von Hilversum. -- Hugo de Vries. -- Variation

und Mutation. -- Ein Botaniker erlebt die Entstehung neuer Arten.

-- Das Ergebnis aus 50000 Nachtkerzen. -- Auf der Suche nach einem

Entwickelungsgesetz. -- Die Geschichte des Axolotl. -- Sprung oder

Entwickelung? -- De Vries führt zu Darwins Idee über den Zweck

zurück. -- Die Teleologie in der Ontogenie. -- Möglichkeit einer

Weltteleologie S. 132-152

Die Zeit-Frage. -- Die Krakatau-Explosion und ein botanisches

Ergebnis. -- Treubs Entdeckung. -- Wie das Leben die Erde erobert

hat. -- Im Erdinnern. -- Die Angst vor den Millionen. -- Ein

Experiment Buffons. -- Werners Wasserweisheit. -- Hutton als

Zeit-Forderer. -- Goethe als Geologe. -- Lyell und Hoff. -- Die

Biologie mischt sich ein. -- Die Rechnung erreicht die Milliarde. --

Thomsons exakte Rechnung mißlingt. -- Sehr viel Zeit als Resultat

S. 152-172

Die erste Epoche des Darwinismus wird historisch. -- Weismann

schreibt sein Testament. -- Äußere und innere Zuchtwahl. -- Von

Nägeli bis zu Roux. -- Wo Weismann resigniert S. 173-183

Rückblick auf Haeckel. -- Persönliche Erinnerungen. -- Vogt. -- Ein

Schülerbund, der die „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ liest. --

Darwinismus und Sozialdemokratie. -- Vorträge über Darwinismus bei

Arbeitern. -- Die „Freie Bühne“. -- Die Gründung der Gesellschaft für

„Ethische Kultur“. -- Was ist Wahrheit? S. 183-191

Was wollt ihr gegen Darwin setzen? -- Vielleicht den Spiritismus? --

Eine eigene Sitzung mit Valeska Töpfer. -- Das redende Kästchen. --

Entlarvung des Schwindels. -- Der Geist Abila. -- Grauen vor einer

Weltanschauung aus solcher „Möglichkeit“ S. 191-217

Was wir dagegen wirklich brauchen. -- Ein Mann wie Fechner. --

Fechners Hypothesen zum Naturbegriff. -- Die echten offenen

Möglichkeiten S. 217-230

Der Kampf um den Begriff „Wirklichkeit“. -- Das 19. Jahrhundert in

seiner Stärke. -- Das soziale Moment in unserer „Wirklichkeit“. --

Geschichtlicher Rückblick. -- Der Triumph des Werkzeugs. -- Die Idee

der „Kultur“. -- Der Mensch erobert sich selbst. -- Der Himmel auf

Erden. -- Aber die Kehrseite. -- Die Sklavenkette der „Wirklichkeit“.

-- Der Mensch als Spiegelplättchen. -- Die tote Maschine als das

Absolute. -- Das Individuum als Nichts. -- Der „Normalmensch“. --

Anprall gegen die Kunst. -- Man weiß mit dem Ästhetischen nichts mehr

anzufangen. -- Das Künstlergenie als angebliche Störung des Normalen.

-- Triumph der Lombrosos. -- Die Kunst zeigt sich selbst ergriffen.

-- Experimente des Naturalismus. -- Höhepunkt und Sturz des falschen

Prinzips. -- Die Kunst als Retterin S. 230-270

Waldeinsamkeit. -- Der Automat am Bahndamm und das Pfingstwunder.

-- Der Gegensatz des Automatischen und Elementaren. -- Vom ewigen

Pfingsten des Geschehens. -- Pfingsten in der Entwickelung. -- Der

Mensch als das Genie der Natur. -- Er steht im Aufmerksamkeitsfelde.

-- Entlastungen im Automatischen S. 270-278

Die Geschichte der Menschheit ist Pfingstgeschichte. -- Vom Pfingsten

der Kunst. -- Im Trüffel-Lande. -- Die Höhlen des Vezère-Tals.

-- Was der Mensch noch gesehen hat. -- Verschollene Tiere. --

Phantasie-Tiere. -- Wie der Mensch stilisiert. -- Der Tintenfisch von

Mykenä. -- Der Altar von Pergamon. -- Bakairi-Kunst. -- Urwurzeln

von Realismus und Idealismus. -- Wie weit der Mensch zurückgeht. --

Als Zeitgenosse des Mammut. -- Als Zeitgenosse des Alt-Elefanten und

des Süd-Elefanten. -- Der Mensch in der Auvergne bei Dinotherium und

Hipparion. -- Die gefälschten Tierbilder. -- Das erste Mammut-Bild.

-- Zweifel -- Jetzt die neuen Höhlen -- Wandgemälde. -- Echte

Darstellungen des Mammut S. 278-312

Woran man die Charaktergestalten unserer Naturforscher messen wird.

-- Virchows Stellung zum Naturbegriff. -- Ein Zeitalter Virchows? --

Seine Größe. -- Virchows Denkmal, das er sich selbst geschaffen. --

Die Kehrseite der Medaille. -- Imponderabilien der Naturforschung.

-- Virchows Widerstreben gegen Weltanschauung. -- Der Salto mortale

des Idealisten. -- Individuelle Tragik. -- Verhängnisvolle Folgen

S. 313-327

Dubois-Reymond als Parallelgestalt. -- Voraussetzungen und Folgen des

„~Ignorabimus~“. -- Der Standpunkt Johannes Müllers. -- Sturz der

Lebenskraft. -- Der entscheidende Irrtum bei Dubois. -- Zusammenbruch

des Naturbegriffs bei Virchow und Dubois-Reymond. -- Das wahre Ziel

S. 327-346

(Friedrichshagen. Weihnachten.)

Der Orion schwimmt mit seinen weißen und rötlichen Sternenblüten über

dem schwarzen Kiefernforst herauf.

Still und starr steht dieser wetterharte Wald da mit seinen kalten

Stämmen, das Geheimnis seines rastlosen Eigenlebens tief verschlossen

im unsichtbaren Innern.

Und diese ungeheuren Sternbilder folgen dem Umschwung der Erde mit

ihrer mathematischen Strenge, heute wie sonst, all ihre Rätsel bergend

in den paar bunten Lichtpünktchen, die aus der Weltraumsnacht funkeln

wie die Augen im Dunkel umgehender Raubtiere. Ist Deine Weltanschauung

stark genug, Weihnachten noch zu ertragen ...?

Was sind diesen Sternen des Naturforschers unsere kleinen

Menschenfeste! Als das Geschlecht der Nadelhölzer jung war, räuberte

der Ichthyosaurus im deutschen Korallenmeer, und die alte Erde mußte

noch öfter als zwölfmillionenmal um die Sonne laufen, ehe das kleine

Menschlein aus seiner Höhle kroch. Als der rote Stern Beteigeuze dort

im Orion weiß war, bestand diese ganze Erde wohl noch nicht, und die

Sonne war ein verwaschener Nebel. Wenn er dermaleinst herabgebrannt

ist zu schwankender Nachtglut wie Mira, der Wunderstern im Walfisch,

der nur noch periodisch aufglimmt und wieder erlischt -- dann wird

diese Sonne vielleicht längst wieder verschwunden sein und das letzte

Teilchen eines irdischen Nadelholzstammes wird ein Kohlenstäubchen in

einem eiskalten Meteorblock sein, der irgendwo in einem anderen System

als heimatloser Fremdling landet.

Was will vor solcher Perspektive bestehen!

Auf solchen Urweltsbaum kleben wir unsere lieben lustigen

Weihnachtskerzen. Aus Flittergold pflanzen wir ein Bildchen darauf,

geformt nach der Zickzackarabeske eines solchen Weltraumsterns, dessen

Lichtpunkt in unserer Atmosphäre zittert -- wir Eintagsfliegen zwischen

Äonen der Zeit und Siriusweiten.

Und wir träumen, daß unter diesen Kerzen und diesem Stern das ewige

Menschenkind in seiner Krippe liege -- und daß die ewige Liebe von

hier als unhemmbares warmes Lichtband durch die Welten ströme. Durch

den kalten Raum, wo die Eisenmeteore sausen und die Kometen zur Sonne

stürzen und alle paar Billionen Meilen ein einsamer Weltkörper sich

dreht, immer dreht und dreht durch die Jahresfolge der Billionen ...

Es ist die große Anschlußfrage unserer Zeit, die hier erklingt.

Das Alte sollen wir retten. Und das Neue soll doch hinzu. Wo ist die

Brücke?

Mein Auge, mein kleines Menschenauge in dieser Weihnachtsnacht der

Menschenliebe, bohrt sich ein in den roten Stern des Orion mit seinem

inbrünstigen Sehnen. Wie seltsam, daß ich diesen Stern doch sehen kann,

mit diesem schwachen Menschenauge!

Es muß doch ein Verwandtes sein zwischen dem Stern und mir. Ich weiß:

wenn ich dort wäre und ganz scharfe Augen hätte -- als ganz kleines

Lichtpünktchen dieser Art erschiene unsere Sonnenwelt auch dort. Die

gleiche Lichtpost geht her wie hin. In diesem Licht steckt unsere

Einheit.

Aber Licht, nur Licht! Wie weit ist das von der Menschenliebe.

Und doch: dieses Licht ist ein Zauber ohnegleichen. Es kündet mir, daß

alle diese Sterne aus den gleichen Elementen aufgebaut sind wie die

Erde, wie der Kieferbaum, wie ich selbst. Aus den winzigen Regungen

dieses Lichtpünktchens lese ich in der untrüglichen Sicherheit eines

ewigen Dokuments, daß dieser Stern und alle dort nach denselben

Gesetzen der Schwere sich bewegen, nach denselben Gesetzen des Lichtes

Wellenzüge entsenden durch den Äther, kraft deren auch mein Christbaum

hier leise rauschend über meinem festlichen Tische schwebt, kraft deren

meine dreißig Kerzen hier leise knisternd ihr Weihelicht ergießen.

Und ich fühle den starken Weltenarm auf einmal, den uralten,

urgewaltigen, in dem wir beide ruhen, mein roter Stern dort und

ich, mein Weihnachtsbaum im engen Erdenhause und der grenzenlose

Sternenweihnachtsbaum am schwarzblauen Firmament der Winternacht.

Wie wunderbar ist der schlichte Gedanke, daß auch die Menschenliebe,

daß die schlichte Forderung, wie sie das Evangelium ausspricht, in der

ewigen Gesetzmäßigkeit des Alls steht!

Ein urgesetztes Werden kommt herauf aus dem Grau des Unbekannten. Es

formt sich als Sonne, erzeugt Planeten. Auf einem solchen Planeten

blaut ein Meer, aus dem Wasser heben sich Inseln. In der kristallenen

Tiefe, dann am feuchten Rand der Klippe entfaltet sich Leben. Tieraugen

öffnen sich zum Licht, Pflanzengrün atmet in der Sonne. Unter einem

solchen grünen Baum schlägt zuletzt der Mensch seine herrlichen

Lichtaugen auf. Wie ein Tier ringt dieser Mensch anfangs noch

blutig-wild um seine Existenz. Aber im Banne seiner höheren, vertieften

Lichtsehnsucht steigen Marmortempel auf mit Gebilden der Kunst. Und

auf einer höchsten Stufe, noch umbrandet von tausendfachem Sturm, aber

sieghaft wie das einsame Lämpchen der Krippe in der Wüste, gibt der

Mensch auf seinem rastlos rollenden Planeten sich selbst ein neues

Gesetz. Es soll nicht mehr gelten: Auge um Auge, Zahn um Zahn -- die

alte, einfache, mathematisch strenge Gleichungsformel des Naturkampfes.

Siebenmal siebenmal soll jetzt die Schuld vergeben werden. Im Nächsten

sollst Du Dich selbst erkennen und heiligen. Das bist Du, lehrt

Dich der Inder schon zu allem sagen. Erkenne Dich selbst, predigt

der Grieche -- Dich selbst in allem, was um Dich ist. Nun heißt es:

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Die Stunde, da diese Weisheit

endlich Wort wurde und in einer Menschenwiege lag, feiern wir als

Weihnachtsfest.

Das alles aber mußte kommen nach ganz fester Naturgesetzlichkeit.

Es lag in den Urelementen dieser unserer Sonnenwelt schon, daß es so

werden mußte.

Was siehst Du aber brennen in den tausend und tausend Sternen dort?

Tausend- und tausendmal die gleichen Urelemente, bewegt von der

gleichen Gesetzlichkeit. Jede dieser Welten, wenn ihre Stunde erfüllt

ist, muß durch ihre gleichen Hauptstufen wandern. Jede muß ihre Station

erklimmen der Intelligenz, des Lichthungers im Geist. Mögen die äußeren

Formen tausend- und tausendfach verschiedene sein: die Grundlinien

werden sich nie verleugnen können.

Es ist ein altes Wort, daß in aller Intelligenz, auf so verschiedenen

Welten unseres Alls sie nun erblühe, immer gewisse mathematische

Grundanschauungen gemeinsam sein müßten. Ein Mensch der Erde und

ein Intelligenzwesen des Orion würden sich in einer Sprache sofort

verstehen: nämlich, daß die Summe der Winkel im Dreieck gleich zwei

rechten sei, oder daß der pythagoreische Lehrsatz gelte. In diesem

Worte liegt ein tiefes Heil. Denn zu diesem ewigen Gemeingut muß auf

einer bestimmten Stufe zweifellos auch der schlichte, der wirklich

mathematisch schlichte Kerngedanke der Menschenliebe gehören: der

ganz einfache Schluß, daß wir alle weiter kommen, wenn wir uns

nicht totschlagen und auffressen; daß wir das Schlechte besser

ausrotten durch tätige Gegenliebe als durch Haß; daß wir groß sind,

menschheitsgroß, weltengroß, wenn wir in allen uns selbst sehen,

winzig, ein Stäubchen im Sturm, wenn wir uns trotzig isolieren.

Wenn die Wesen von Milliarden Sternen sich nie begegnen werden (was

wir ja auch nicht wissen, schließlich!) -- milliardenmal müssen

sie doch in jedem System, auf jeder rollenden Kugel für sich diese

schlichte Gesetzmäßigkeit des Evangeliums finden, so gut wie sie den

pythagoreischen Lehrsatz in irgend einer Form, und mögen sie ihn

nennen, wie sie wollen, finden werden.

Und wenn Jahrtausende ihnen dann wandern über den Tag, da zum ersten

Mal diese obere Mathematik der Liebe ihnen klar wurde: sie alle werden

auch ein Symbol dann suchen und besitzen für die Gnade dieses Tags

-- sie werden ihre „Krippe“ haben und ihren „Weihnachtsbaum“, in den

Bildern eben und Gedankengängen ihres Sterns.

Ein symbolischer Christbaum in diesem Sinne muß ragen durch den ganzen,

ganzen Weltraum, so weit die Schwere wandert und das Licht wandert,

kurz, so weit die Gesetzmäßigkeit wandert, die aus gleichen Ursachen

gleiche Wirkungen schafft.

Jedes Lichtpünktchen, das von einer Sonne bis zu uns hernieder Kunde

gibt, das im Prisma sich zum Spektrum unserer irdischen Elemente bricht

und damit auf die gleiche Grundlage weist, -- es hat eine tiefste

Beziehung zu diesem unaufhaltsamen Weihnachtsprozeß aller kosmischen

Entwickelungen. Mit eigener Symbolik gesprochen: es ist eine Kerze am

Weihnachtsbaum.

Stille Nacht, heilige Nacht.

Es geht mehr durch dieses schwarzblaue Firmament da oben als bloß

Meteorsplitter und Kometen. Auch von Weltkörper zu Weltkörper rauscht

auf den Flügeln der Gesetzmäßigkeit das ewige „Das bist Du“ und

„Erkenne Dich selbst“. Und wieder auf der Flugbahn dieses ewigen

Imperativs geht der Glaube mit an die Erlösung durch das höhere Gesetz,

das Gesetz des oberen Geistesstockwerks -- der Glaube an den endlichen

„Sternenfrieden“ in dieser ganzen unermeßlichen Zersplitterung der

Schöpfung, in der die Welten durch den uferlosen Raum wirbeln wie

silberner Staub.

Friede auf Erden!

Hat dieser Glaube wirklich schon Weltenflügel?

Wenn die Sterne über Dir brennen, schleierlos, mit der ganzen Majestät

des grenzenlos Wirklichen ... und Du sagst Dir, daß diese kleine Erde

mit ihren paar Millionen intelligenter Wesen noch bebt unter dem

Getümmel unausgesetzten Kampfes ...!

Wird auch nur auf Erden dieser rohe Kampf je enden, wird eingehen in

einen reinen, freudigen Waffengang der Intelligenz unter Herrschaft der

Menschenliebe? Oder ist nicht schon dieses Ideal zu groß -- zu groß

über alle Kraft der Naturgesetzlichkeit hinaus ...

Der Nachtwind rauscht leise über mir durch die Kiefernzweige. Ich

aber denke, daß auch diese Kiefer einst einmal ein Ideal bloß war im

Weltenschoße. Und doch hat das ewige Werden sie zustande gebracht, mit

dem Wunderbau ihres Zellenleibes, mit all den unsagbaren Feinheiten,

die da keimen, atmen, wachsen, zu hohen Säulen aufsteigen lassen.

Und auch die Sterne dort waren einmal Ideal, leise vorgeträumte

Fern-Realien. Nichts von ihnen war einmal da als dieses schwebende

Zukunftsbild im Schoße des Urgeheimnisses. Und doch sind sie geworden,

geworden, was sie sind, dieses unbeschreiblich erhabene Himmelsspiel

kreisender Kugeln, die sich in harmonischen Abständen eingestellt

haben, um sich auf Jahrbillionen nicht zu stören, auf daß auf ihren

Planeten die zarte Blüte des Lebens sich entfalte.

Willst Du der Macht, die +diese+ Ideale sich erfüllen konnte, Schranken

setzen?

In feierlicher Ruhe brennen die Sterne fort über dem schwarzen Walde,

dem vereisten See.

Der Blick des Einzelnen auf seinem Planeten aber kehrt zuletzt

friedevoll von aller versöhnten Himmelsschau zurück. Er haftet auf dem

lieben eigenen Weihnachtsbaum. Und er liest in seinen kleinen, trauten

Flämmchen das alte Weltenwort, das vor nun bald zweitausend Jahren

gesagt ist: „Wer mich hat, der hat alles andere auch.“ Jeder in seinem

Kreise erlebt das All. Und in seinen kleinen Weihnachtskerzen brennt

der tiefste Sinn all aller Sterne mit.

* * * * *

(Friedrichshagen. Jahreswende zu 1903.)

Im Kieferngrunde wollte es schon dunkeln. Aber aus der Richtung des

Sees kriecht noch einmal etwas hinein wie eine braune Dämmerung,

nachträglich, verspätet.

Diese nackten graden Kiefernstämme treiben ihrem Himmel gegenüber eine

drollige Mimikry. Wenn die Sonne verblutet, werden sie rot wie glühende

Metallpfeiler; wenn das Regenwasser sie genetzt hat und aus dem grauen

Wolkenfenster dann wieder ein blaues Himmelsauge bricht, spiegeln sie

blau; wenn der Himmel in düsterer Nebelbank untergeht, stehen sie

schwarz wie die Masten einer Totenflotte.

Ich klettere den kurzen Sandhang des Uferwalles empor, hinter dem der

See liegt.

Auf den Säulen ist hier wirkliche Lichtglut, es ist noch einmal so hell

geworden, daß sie Schatten hinter sich werfen.

Und jäh bin ich selber im strömenden Quell dieses Lichts.

Zart violett der leicht beschneite Eisteller unter mir. Drüben

die Berge und das schmale Ufer ein verwischter Rauchstreifen von

intensivem Grün, -- grün bloß durch Lichtzauber, denn es stehen dort

perspektivisch klein nur die gleichen winterdunklen Kiefern wie hier,

in denen selber kein Spangrün ist. Darauf als zweite Farbschicht,

fächerhaft von Westen herauffließend wie das Delta eines ungeheuren

Lichtstromes das brennendste Karminrot. Hoch, hoch empor, bis es

endlich jäh, fast ohne Übergang, als klappe ein Rand um eines

Purpurmantels, umschlägt in ebenso grelles Schwefelgelb. Das stößt zum

Zenith endlich an ein ganz süßes, ganz feines, abendliches und doch

auch noch ungewöhnlich erhelltes Himmelsblau. Rechts und links, wo das

Gelb in das absteigende Blau einfließt, leuchtet noch einmal wie Reflex

auf einer schönen Feder ein magisch zartes und doch auch lichtstarkes

Grün.

Ich wende mich, und hinter mir über den dunklen Kiefernkronen schwimmt

im blassen Blau der große silberne Mond. Vom Kirchlein in der grau

verträumten sonnenfernsten Seeecke, wo die Spree einmündet, hallen

kurze, harte Klänge über die schalltragende Eisdecke daher.

Diese wunderbaren Dämmerfarben, die den Heimgang des Jahres seit

Abenden jetzt hier begleiten und zu einem Schauspiel machen, als sei es

irgend ein besonderes Weihejahr, das da in nordlichthafter Glut noch

scheidend gefeiert wird: sie sind schwerlich gewöhnlicher, wie man zu

sagen gelernt hat, normaler Art.

Wieder einmal mag es Vulkan-Asche sein, die da oben vom Sonnenkuß

brennt gleich den roten Kiefern hier unten und ihr Licht dann noch

einmal zu denen zurückwirft.

Asche von jenen grauenvollen Schlachtfeldern Mittelamerikas, wo die

Sphinx, die Chimära sich plötzlich auf die armen Menschen geworfen hat,

sie zu Tausenden zu fressen wie im Griechenmärchen.

Eine Glutwolke verschlingt eine blühende Stadt, brennt den hilflosen

Opfern die Lungen aus. Dann wirft sie ihre Mähne empor, hoch, immer

höher. Bis sie wie ein Ring um die Erde fliegt. Und auf der andern

Seite des Planetenkolosses steigen dem stillen Beschauer über seinem

See und seinem Kiefernfrieden liebliche Farbenwunder auf, ein buntes

Zauberspiel der Luft. Ihn entzückt, was dort verheert hat. Eine

Katastrophe, ein Weltuntergang -- und Schönheit. So war es 1883, als an

der Sunda-Straße der Vulkan Krakatau explodiert war und vierzigtausend

Menschen verschlungen hatte. So jetzt, obwohl nur in kleinem Maße, noch

Martinique.

Uns aber fangen solche Kontraste an, vertraut zu werden.

Ein ganzes Sonnensystem platzt, verdampft; und uns ist das ein

blinkendes Sternchen; ein Kind hebt die Händchen danach auf: „Wie

schön! Schenk mir das Silberfünkchen dort zum Spielen!“ Wir gewöhnen

uns, daß jede Entwickelung, jeder Fortschritt, jedes Hübsche,

Interessante, Erlebenswerte der Weltgeschichte erkauft wird durch eine

Folterkammer der ausgesuchtesten Scheußlichkeiten.

Damit wir zum Sylvesterpunsch von 1903 ein philosophisches Bonmot

sprechen können, sind seit dreitausend Jahren Menschen ersten Ranges

verbrannt, gefoltert, gekreuzigt, von wilden Tieren gefressen worden.

Daß wir überhaupt sind, daß wir so sind, so weit sind, verdanken wir

einem erbarmungslosen Daseinskampfe, von dessen Blutbad die Geschichte

rot ist wie dieser Abendhimmel.

Und aus diesem Blutbade zerschmetterter Existenzen steigt nicht bloß

die Schädelpyramide Tamerlans: auch die Sixtinische Madonna und die

Neunte Symphonie steigen heraus, und Iphigenie und der Lehrsatz des

Pythagoras.

Über Kampf, Tod, Schmerz, Verzweiflung, Folter läuft die Entwickelung.

Wir haben zuviel gelernt, zu klar sehen gelernt, wir von nunmehr schon

1903, um uns gegen dieses „Weltgesetz“ die Augen zuhalten zu können.

Ist dieses Gesetz aber nicht doch der Tod aller +Freude+ an der

Entwickelung?

Der Zweck heiligt das Mittel. Wir begrüßen es als grandiosen

Kulturfortschritt, daß wir diese Jesuitenmoral nicht mehr anerkennen.

Und doch soll das Weltgesetzbuch auf dieser Moral stehen? Dazu all

unser Erkenntnisfortschritt?!

Wir drehen unsere neue Jahresziffer um ein Jahrhundert rückwärts, auf

1803.

Es ist das Datum, da Herder uns verließ, der Mann, der zuerst in

der Geschichte der Menschheit nur ein Kapitel gesehen der großen

Sternengeschichte und der zu der Frau von Stein sagte, daß „wir

erst Pflanzen und Tiere gewesen seien“. Es waren die ersten reifen

Gedankenfrüchte, Weltgedanken, Menschheitsgedanken, vom erstarkten Baum

der Forschung.

Hundert Jahre nochmals zurück hatte Newton über seiner Optik gesessen.

Noch vor hundert war das Fernrohr erfunden worden.

Und noch vor hundert fuhr Columbus auf seiner vierten Reise durch das

westindische Meer und erwarb Kopernikus sich die Doktorwürde.

Dafür aber all diese Erkenntnis, um zu erkennen, daß auch der Mensch

der Natur nur abgepreßt worden ist auf der Folter ....

Die rote Dämmerungswelle dort hat ihren Höhepunkt erreicht. Rasch

beginnt sie jetzt zurückzuebben. Es ist, als sinke die blaue

Himmelsglocke, selber dabei noch funkelnd, langsam über sie herab,

tiefer und tiefer.

Ein Schauspiel von wunderbarer Feierlichkeit, dieser stille Kampf der

Lichter an einem Abendhimmel.

Es ist nicht wahr, daß die Entwickelung immer durch Folterschmerzen

gegangen sei.

Äonen vor uns ist sie durch immerwährende Verwandlungen vorgeschritten,

in denen noch gar kein Schmerz bestand. Durch unendliche Raumweiten

neben uns arbeitet sie noch immer so. Da ballen sich Welten, entfalten

sich zu harmonischen Systemen. Und werden wieder eingeschmolzen in

noch größere Massenansammlungen. Aus denen arbeitet dann wie eine

tickende Uhr das große Weltgesetz abermals Harmonien und entsprechend

noch umfassendere heraus. Nie erfolgt ein wirklicher Zusammensturz

in der Idee. Denn es muß immer ein Größeres sein, das das Kleine an

sich reißt, in sich auflöst. Größerer Stoff aber: größerer Weg, höhere

Harmonie. Die dann bleibt, bis ein noch größeres System auch dieses

wieder umarmt, zu einer Neuzeugung zwingt.

In diesen ganzen Naturprozessen außerhalb des Organischen waltet

nicht das, was wir „Schmerz“ nennen. Bausteine fügen sich zu immer

höheren Bauten aneinander, nichts weiter. Wir denken gar nicht an

Schmerzmöglichkeiten. Sollen die Metallteilchen klagen, daß sie ihre

frühere Gravitationslage verlassen, um in ein neues Formgebilde

eingeschmolzen zu werden, in einer neuen Lage in ihm aufzuerstehen?

Mögen aber auf dieser Linie auch ganze Milchstraßen verbrennen wie eine

Wolke Kohlenstaub -- in diesem Wandel waltet immer noch kein Schmerz.

Es waltet der unendliche Gesetzesfrieden wie in dem stillen Wechsel der

Dämmerfarben dort. Niemals wahrer Tod, denn das Gesetz stirbt nie;

immer nur Wandel; und Wandel in Höheres hinein.

„Da flammt ein blitzendes Verheeren

Dem Pfade vor des Donnerschlags,

Doch Deine Boten, Herr, verehren

Das sanfte Wandeln Deines Tags.“

Doch inmitten jetzt dieses grenzenlosen Kosmos-Friedens, in dem ein

Weltuntergang nicht mehr ist als eine in herrlicher Farbenglorie

verblutende Abendsonne: -- das Lebendige. Wenn die Kälte dieses

Winterabends den kleinen Vogel, der dort zwitschert, bis ins Mark faßt,

so bebt er vor Schmerz. Und das begann mit dem ersten zellenartigen

Gallertpünktchen an einer Uferklippe vor vielen Millionen von Jahren.

Und sein Triumph ist der Mensch. Der Triumph der Feinfühligkeit in

Schmerzempfindung. Ein seltsamer -- Triumph.

Dennoch: welche ungeheure Fortschrittskette im reinen Sinn von

Entwickelung in diesem Stück organischen Lebens. Welcher Umschwung mit

diesem grünen Schimmelhäutchen einer Urweltklippe!

Auf diesem Häutchen wuchsen schließlich Augen, die das Licht, die

Farben, die Formen der Dinge sahen, das blaue Meer, die Sonne, das

Abendrot und den Sternenhimmel. Und hinter diesen Lichtaugen begann das

Klümpchen grauer Nervensubstanz zu denken, zu schließen, zu folgern.

Die Natur unten hatte immer nur gestreut, Samen der Dinge gestreut und

hatte das Harmoniegesetz grob gewaltsam sieben und sichten lassen.

Jetzt ging aus denkenden Gehirnen und schauenden Augen die höhere Stufe

hervor: die bewußte Zwecksetzung, dieses fabelhafte Spar-Prinzip der

Entwickelung, dieser einzigartige Fortschritt im kleinsten Kraftmaß.

Es durfte dann diese befreite, hier überschüssige Kraft sein, die eine

Kunst, eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Kultur schuf. Und der

Mensch ist es, der diese Krone sich aufs Haupt setzt, der Mensch als

Triumph des sehenden, denkenden, zwecksetzenden Lebens.

Ein Triumph also doch. Aber erkauft um jenen andern ....?

Das Glöcklein da drüben ist plötzlich verstummt, wie erstarrt von

der rasch wachsenden Abendkälte. Aber das Eis selber singt und summt

leise fort. Und ich höre eine Stimme der Naturgeister zu den schwarz

ersterbenden Kiefern und dem mondduftigen Himmelsrund herauf.

Deine Rechnung ist falsch. Du hast ja noch gar nicht erfaßt, was der

Mensch zwischen Lebensschmerz und Sternenfrieden wirklich soll.

Dieser Mensch ist nicht bloß der einfache Triumph der

Entwickelungslinie, die über das Leben ging.

Er ist auch ihre Korrektur.

Er ist die Versöhnung zwischen dem großen Zweck im Leben: dem

Bewußtwerden der Welt, -- und dem furchtbaren Mittel: dem Schmerz. Er

ist der Protest des Weltgesetzes gegen dieses Mittel.

Zwei Gaben ohnegleichen sind für diese Arbeit in ihn gelegt.

Die erste ist das Prinzip der Liebe.

Im Moment, da er als Triumph der Entwickelung die Hand ausstreckt

nach der Naturherrschaft, bricht auch dieses Prinzip mit einer

fortreißenden Elementargewalt aus ihm hervor. Prometheus, der das Feuer

des Himmels, die Naturkraft der Weltallssonnen in einem hohlen Stabe,

einem Menschenwerkzeug, trägt, wird Christus, der seinen Fluch hängt

an jeden, der Schmerz sät. Er predigt die Köstlichkeit, die Heiligkeit

alles Lebendigen. Er lehrt, daß Du selbst in allem bist, in der Lilie,

die Du brichst, und im Wurm, den Dein Fuß zertritt. Aus dem Staube

sollst Du die Opfer ziehen und ihre Wunden verbinden, Du, der sehende

Mensch.

Natur bist Du und bleibst Du, nichts ist in Dir als Natur. So muß auch

diese Stimme aus der Natur selber kommen, die Stimme einer Einkehr,

einer Umkehr, die ein furchtbares Mittel wieder mildern, wieder

versöhnen will.

Das Leben zeugte Bewußtsein und damit ein unendliches Entwickelungsfeld

von höherer Art. Aber es zeugte auch den namenlosen Schmerz, der

plötzlich in diese Entwickelung von der Stufe des Lebens an versponnen

schien. Nun glänzt in den Lichtaugen dieses Bewußtseins auf einmal die

Liebe. Die große Entwickelungskorrektur ist im Spiel! Mag Prometheus

jetzt wirklich wachsen, bis er aus der Kraft seines Stabes voll

Sonnen-Energie Planeten bewegt und zu den Sternen fliegt, -- immer wird

der Christus in ihm mit ihm wachsen. Er wird mit dem Leben wandern und

die Schmerzen wieder aufheben, die das Leben schlägt.

Doch der Mensch hat noch eine zweite Gabe.

Immer, wenn der Gedanke diese Bahn der Entwickelung quer durch den

Schmerz gehen sah -- und dann die Liebe sah, wie sie den Schmerz wieder

lindern wollte, ist auch das dritte gedacht worden: ob die Liebe nicht

die Entwickelung lähmen müsse?

Wenn der Fortschritt immer wieder zu einer Bruchstelle führt, die als

Schmerz empfunden wird: muß nicht die Liebe ein Gegner des Fortschritts

sein?

In hundert Stimmen klingt das schon heute in unsere Zeit hinein. Es

sind die Stimmen der Tolstois, die alle Herrlichkeiten der Kunst und

der Forschung und der Geistes- und Körperfreiheit für nichts achten

um der Liebe willen, -- weil sie doch alle nur wieder Schmerzquellen

öffneten. Und es sind die Stimmen der Nietzsches, die rufen: werde

hart, wenn Du aufwärts willst, -- wer um der weichen Seele willen

zurückschaut, der erstarrt wie das Weib des Lot in der Bibel.

Wäre die Liebe, die nachträgliche mitleidige Liebe allein gegen die

arbeitende Entwickelung gestellt: kein Zweifel, daß sie allein wirklich

zu einem hemmenden, retardierenden Element werden müßte. Sie würde das

Höhere in seinem Werden hemmen um der Wehen dieses Werdens willen.

Starr würde in ihrer Hand allein die Welt wie dieser vereiste See hier,

starr, stagnierend, konservativ, losgeschaltet vom Frühlingssturm der

Entwickelung.

Aber im erwachten Menschengeiste lebt noch eine zweite Kraft, die auch

das wieder aufhebt in ein noch höheres hinein. Eine Kraft, die den

Schmerz überwindet in der Entwickelung selbst ohne den Schritt dieser

Entwickelung zu hemmen.

Es ist die Kraft der Ideal-Schau.

Es ist die Kraft, die über Linien, über Stufen der Entwickelung selber

hinwegschaut. Die von einer Stufe aus, von einer errungenen Harmonie

aus schon die nächste als „Ideal“ aufsteigen sieht, sonnenhell,

frühlingshaft, im Jugendschein und Lichtschein des Ideals. Und die

sieht, daß der Weg von unserer schon errungenen Wirklichkeit zu diesem

Höheren darüber, zu diesem Ideal, nur führen kann durch eine Lösung,

ein Sinken unseres augenblicklichen Besitzes, -- durch eine kurze

Disharmonie. Die aber diese Disharmonie mit ihrem Schmerz freiwillig

auf sich nimmt, den Blick fest auf der winkenden Goldzinne des Ideals.

„Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Innerlich ist der

Schmerz vernichtet im Moment, da er aufgenommen ist in die Linie

zum Ideal. Von hier die Freudigkeit, die bis in den Tod reicht, die

Freudigkeit, die den Weisen den Giftbecher trinken und den Heiligen

sein Kreuz tragen läßt, die aus den Augen des Idealschauers leuchtet,

um den schon die Flamme des Scheiterhaufens züngelt. Das Kreuz wird

genommen, weil Du morgen im Paradiese bist.

Erst mit dieser Ideal-Schau ist der ganze Anschluß wieder da des

sehenden Menschen an die arbeitende Fortschrittslinie der Natur in

seiner Brust.

Der freiwillige Anschluß.

Es war der Preis des Sehens: die Forderung dieser Freiwilligkeit.

Mit dem Sehen, mit dem Bewußtsein kam der Schmerz. Er ist erlöst wie

der Fliegende Holländer der Sage, da er freiwillig gewählt wird vom

höchsten Sehen, von der Ideal-Schau, die durch sein Dunkel schon durch

und durch schaut bis auf den brennend roten Streifen der höheren Sonne

hinter ihm ....

Langsam schritt ich durch den dunklen Wald meinem Hause zu.

Über den schwarzen Wipfeln brannten die großen Sterne der Winternacht.

Ich dachte an Menschen dieser kleinen Erde, die auf ihrer Sternwarte

ein Menschenleben daran setzten, ein paar winzige Änderungen in den

Bewegungen dieser Gestirne festzustellen, ein winziges Fünkchen nur zum

Geistesfortschritt dieser Menschheit, vielleicht erst in Jahrtausenden

mit tausend andern zu einem kleinen Flämmchen zusammenwachsend. Und

doch Ideal-Schau.

Und ich dachte an die kleinen frierenden, hungernden Vögelchen in

diesem Walde, -- und daß diese Menschen auf ihre Fensterschwelle

Brodkrumen streuen würden, um sie zu sättigen. So weit waltete auch die

Liebe schon.

Es lohnte sich doch noch, ein neues Jahr anzufangen ...

(Friedrichshagen. Vor-Ostern.)

Über die Wasserfläche geht ein schwerer, kalter Wind.

Alles liegt in schwarz und braun, der Frühling scheint noch einmal

erstorben.

Langsam, wie zähe erdfarbige Schollen, treiben die braunen Wellen

vorbei. Bisweilen ist mir, als schaute ich nicht auf einen See, sondern

auf tief zerpflügtes Ackerland. Und durch die Scholle schimmert es

auf Momente wie Bernstein durch. Dann meint das Auge den verlorensten

Grund zu fassen: gelbe Sandbänke der Tiefe, auf denen die Muscheln

und die Kiesel unablässig mitrollen, oder gespenstische schwarze

Streifen Moor. Die Wassersäule scheint plötzlich anzusteigen, sich zu

heben von unten, bis sie platzt und einen Fächer weißer Gischt wirft.

Doch der Blick folgt wieder der Fläche und nun ist es doch bloß das

endlose einförmige Spiel, der flache Zug vor dem Winde, Scholle um

Scholle, eine unabsehbare vorbeirollende halbstarre und doch bewegte

Masse, vorne am Lande tiefbraun, je mehr nach draußen desto mehr ganz

starr und schiefergrau, bis die Berge drüben darauf liegen wie eine

nasse graugrüne Nebelwolke. Ein paar Krähen schweben geisterhaft

kohlschwarz zwischen Himmel und Erde, spähend über den Wassern wie

Raubvögel, unbekümmert um den leise heulenden, schneidend eisigen Wind.

Am Ufer knistern die Erlen, wenn die Welle in das Stelzwerk ihrer

ausgewaschenen Wurzeln schlägt.

An solchem Tage kommt der Frühling selbst wie ein düsteres Geheimnis.

Der schwärzeste Moorgrund der Dinge ist bewegt. Was wird er ans Ufer

spülen?

„Wir sind umgeben von Geheimnissen.“

Sagt Goethe.

Feste haben für mich längst aufgehört, etwas anderes zu sein als Tage

des stillen Gedenkens an das Geheimnisvolle aller Menschheits- und

Naturdinge.

Ich unterscheide rückblickend bei mir drei Stimmungen vor einem solchen

Feste wie Ostern.

Eine alte, früh überkommene und auch früh verlorene Stimmung der

Gewißheit, wo der Tag in einem festen, bald zweitausend Jahre alten

Weltbild bekräftigte, wo er ein Erinnerungstag an Tatsachen sein sollte.

Dann eine lange Stimmung des Zweifels, des Unbehagens, die einen

Schatten gerade auf diesen Tag warf, ihn aus einem weichen Feiertag zu

einem harten kämpfenden Alltagstage des Gedankens machen wollte. Bis

dann endlich ein Drittes, ohne daß ich es rief, auch das ablöste.

An solchem Tage, der vom Reiß in der Winternacht oder von den blauen

Auferstehungsglöckchen der Welt-Frühlingswiese singt oder von den

Geistesflämmchen über Menschenstirnen an einem Tag der Erfüllung, --

an einem solchen Tage suche ich heute weder einzelne Tatsachen, noch

Tatsachen-Kritik. Ich suche eine Stimmung, die ab und zu ihren Feiertag

verlangt: die Stimmung des Geheimnisses.

Ich fühle das Bedürfnis, mich still an meinen einsamen See hier zu

setzen und mir zu sagen: Nun tu was Du willst, -- darin steckst Du;

über Deinen eigenen Schatten springst Du nicht; das Geheimnis hat Dich,

heraus kannst Du nicht; also werde fertig, wie Du kannst.

Im Grunde steckt dieser Begriff des Geheimnisses ja doch auch hinter

all den anderen Standpunkten. Er ist sozusagen jene blaue Tinktur der

Ideenwelt, die der Alchimist für die Metalle suchte, die Ur-Essenz, die

bleibt, wenn man überall die Mischung ablöst.

Hinter allen dogmatischen Glaubenslehren steht als letzte Instanz das

Schicksal, der „unergründliche Ratschluß“. Wenn ich eine Todesanzeige

im hergebrachten Stil lese, so empfinde ich, wo Halt gemacht wird und

wo das anfängt, worin wir alle einig sind: die ~tinctura aurea~ des

Denkens.

Die Götter Homers haben viel Macht, sie gehen auf Wolken und essen

Ambrosia; aber wenn die Sache ganz aufs größte kommt, wenn sich

entscheiden soll, ob Hektor oder Achill der Sieger ist, woran die ganze

Komposition der Ilias hängt, -- dann losen sie. Schicksal!

Es ist aber die gleiche Losurne des unsterblichen Dichters, in der

Demokrit nachher seine Atome tanzen ließ. Aus diesem schwarzen

Erlenzweig hier mit seinen üppigen feuchten violetten Blattknospen, in

denen eine so verlangende Frühlingsbrunst nackt aufdrängt, kann ich

die ganze Naturforscherwelt entwickeln, über Pflanzen und Planeten bis

zur Urfrühlingskraft brennender Weltallssonnen; ich glaube persönlich,

daß sie sich wirklich ganz entwickeln läßt, ohne Dualismus und ohne

Eingriffe; aber ich weiß, daß auch zuletzt die Atome in der Urne

schwingen und daß aus fernsten Nebelflecken und Milchstraßen eine

höchst wunderbare mathematische Figur auftaucht, die, ohne Sinus und

Cosinus schlicht in Goethe-Deutsch ausgedrückt, bedeutet: Weltgeheimnis.

Schließlich meine ich, daß es sogar recht gut so ist.

Wieviel Ansichten, Theorien, Glaubenssätze, Weltanschauungen ergießen

sich über uns! Und mit wie mancher möchte man als wahrhaft fatal

rechnen, wenn sie nun ganz wahr wäre, der Welt wirklich ins geheimste

Uhrwerk schaute.

Mit dem Geheimnis kann man leben.

Man wird ja von selbst davor bewahrt, übermütig zu werden. Aber von der

Unendlichkeit des Unbekannten läßt sich doch immer etwas erwarten.

Wieviel Frühling, dieses liebste Geheimnis, mag noch darin stecken!

Das Geheimnis dieses Festfriedens ist nur, daß man das Geheimnis

überall richtig zu finden weiß.

Ostergeheimnis! Ist es wirklich bloß das Geheimnis, daß ein Mann Wunder

tun konnte, wie Wasser in Wein verwandeln, oder auf ~H₂O~ gehen, oder

von den Toten leibhaftig auferstehen ....?

Ich schaue in die braunen Wellen vor mir mit ihrem unablässigen

Ansturm, ihrem Heben und Senken, und mir ist, ich blicke in das Gehirn

der Menschheit, in das der arbeitende Gedanke tiefe Furchen gräbt. Und

in eine solche Furche arbeitet sich ein, keimt und sproßt, daß das

Naturgesetz etwas Heiliges sei, das nicht verletzt werden dürfe. Daß

Himmel und Erde nicht dabei erlöst werden könnten, sondern im gleichen

Moment zusammenbrechen müßten in das ewige Chaos hinein, da ein

winzigstes Ringlein nur aus der Sternenkette dieses Gesetzes glitte.

Hängen doch an jedem Ringlein ganze Welten! Was ist im Kosmos klein,

was groß? Wenn dieses Ringlein hier unten auf der winzigen Erde brechen

sollte, so stürzte der ungeheure Sirius mit herab, die Milchstraße

löste sich auf, Surturs Weltbrand verschlänge das All.

Ein Atom verschoben aus seiner heiligen Lage, in die es die

Entwickelung der Jahrmillionen gebracht -- und alle Harmonien dieses

Kosmos splitterten auseinander.

Und das sollte geschehen sein gerade damals, als der Grundstein gesetzt

wurde zu der herrlichsten Harmonie dieser ganzen Erde: zu der Idee der

großen friedlichen Menscheneinheit durch die Menschenliebe?

Und der Gedanke keimt und sproßt weiter.

Sollte nicht hinter der größten Tat der Menschheit auch nur ein

+Mensch+ gestanden haben? Sollten nicht hinter jenen wunderbaren

Berichten nur tiefste Symbole stecken? Sollte nicht das große

Auge einer tiefsinnigsten +Dichtung+ uns daraus anschauen, die in

Gleichnissen formte, was nachher für reale Wahrheiten gehalten worden

ist -- die größte Dichtung des größten Dichters aller Zeiten, -- aber

doch nur eine Dichtung ....?

Oder sollte die Menschheitsseele in ihrem Ringen nach einer ethisch

und sozial befreienden Tat, die alles bisher Geschehene umwarf und die

Weltgeschichte durch das scheinbar Unmöglichste -- die Liebe -- aus den

Angeln zu heben sich vermaß, -- sollte sie ein Zeichen dort sich nur

geschaffen haben, ein Bild ihrer eigenen inbrünstigen Sehnsucht, das

die unvollkommene Legende nachher als Personenschicksal vergröberte und

mißverstand?

Ostergeheimnis, wirst Du scheitern an solchen Gedanken?

Die Handlung der Evangelien nur ein Symbol, ein Gleichnis, eine

Dichtung, ein Vorgang im der Menschheitsseele! Ich weiß, wie viele

heute ihr Geheimnis hier wirklich noch hoffnungslos im Sande sähen. Um

die Menschenliebe geht es auch ihnen. Von des Menschen Erlösung spielt

das große Mysterium. Aber der Mensch ist ihnen doch zu klein dazu. In

tausend melancholischen Stimmen klagt es durch unsere Zeit, daß der

Baum, der aus dieser Gedankenfurche erwachsen sei, wohl wild und stark

heute stehe. Aber das Geheimnis rausche nicht mehr durch seine Zweige.

Er sei kein heiliger Baum. Nur kalte Sterne äugten durch seine kahlen

Äste. Kein Weihnachtsstern und kein Osterschein und keine Pfingstflamme.

Ich aber frage: Was kann denn überhaupt abgrundtiefer im Geheimnis

sein, als eben -- ein +Mensch+?

Du verlangst den, der noch einmal leiblich auferstanden ist, nachdem er

gegangen war. Was aber ist geheimnisvoller, als das Alltägliche, das so

unsäglich Schlichte scheinbar: daß überhaupt ein Mensch geboren wird,

daß er aufersteht aus dem Unbekannten in dieses Leben hinein?

Wenn Du alle Pfade des Liebeslebens mit der Wissenschaft, die Dir

beschieden ist, durchpilgert hast: Du kehrst heim mit dem Geständnis,

daß hier immer wieder das ungeheuerste Mysterium sich vollzieht --

allein wert, daß Du still Einkehr bei Dir selber hältst und Dir

Feiertage setzest des Geheimnisses, das Dich vom Tage Deiner Zeugung

und Geburt an umschließt.

Und +Dichtung+?

Bist Du so schnell fertig mit dem Geheimnis, wenn ein Mann nicht

wirklich auf Wassern geht, sondern wenn diese Geschichte nur das tiefe

Gleichnis einer größten Dichtung sein soll? Ist nicht gerade die

Existenz einer großen Dichtung etwas noch viel Geheimnisvolleres als

irgend eine Tatsache der „Wirklichkeit“? Ist nicht die Dichterkraft des

Genius das größte aller „Wunder“, unsagbar viel größer und wunderbarer

als ein realer Krug Wein, der aus einem realen Kruge ~H₂O~ verwandelt

ist?

Ich denke an alle die Riesen, die seit Jahrtausenden auf den Wellen

der Dichtung zu uns wandeln, Gestalten, viel größer als ein Mensch,

zusammenfassende Gestalten, die ganze Zeiten, ganze Ideen verkörpern.

Sie überdauern Generationen, sie leben Jahrtausende, sie haben ewige

Jugend und Kraft. Wo steht, wohin projiziert sich in der „Realität“

eine Figur wie Faust? Sie schwebt im Raum- und Zeitlosen, und doch

ist sie greifbarer, ist sie unvergleichlich viel lebendiger und viel

wertvoller als Millionen und Abermillionen wirklicher Menschen, die auf

der Erde sich nach den Ziffern des Gravitationsgesetzes bewegt haben,

~H₂O~ getrunken haben und verweht sind, man findet ihre Spuren nicht

mehr.

Auch diese Dichtergestalten sind aus dem Geheimnis geboren. Sie leben

im Geheimnis. Im Dichtergeiste hat „es gezeugt“, hat „es geschaffen“,

das dunkle „es“ der ~tinctura aurea~ alles Naturgeschehens.

Ich richte in diesem Augenblick nicht im einzelnen über jene Theorien.

Ich lasse sie vorbeiziehen an mir, wie diese braunen Wellen hier

vorübergehen im Zug des Windes. Vorhanden sind sie als Theorien, das

schafft keiner mehr aus der Welt. Und nach ihnen werden noch mehr

kommen, wie der Wellen hier noch mehr kommen. Wir sind erst in den

Anfängen der Spekulation über den wahren Lauf der Geschichte, überall,

also auch hier.

Aber ich sage: wenn es so wäre, wenn den Evangelien eine tiefe,

unsagbar rührende symbolische Dichtung zu Grunde läge -- die Dichtung

vom neuen Menschen, der sich zur Menschenliebe durchgerungen und der

auf Erden, wie alle Idealträger, zunächst sein Kreuz tragen muß, bis

über Leid und Tod des einzelnen das Ideal unbesiegbar aufersteht und

weiterlebt und die zähe alte Erde aus den Angeln reißt: -- ich sage,

wenn das als eine Wahrheit jemals erwiesen werden könnte, was würde das

ändern an der welterschütternden Größe dieser Tat und an ihrer tiefen

Verankerung im Geheimnisvollen?

Achill, der nur durch die winzige Dunkelzelle eines Dichtergehirnes

phantomhaft gewandelt ist, ist mehr wert für uns als alle Griechen

zusammengenommen, die damals die schwarze Erde getreten haben.

Jene Dichtertat behielte den ganzen riesenhaften Zug in vollem Maße,

der auch so den Dingen zukommt. Im Geheimnisvollen aber wurzelte sie

nur um so sicherer eben als Dichtertat. Ja gerade so bliebe sie in

einem Größeren, als ein wirkliches einzelnes Menschenschicksal geben

kann.

Der Rationalist bekäme +Unrecht+, der hinter den ungeheuren

Menschheitsmoment bloß ein Stückchen Menschenleben eines Einzelnen auf

dem winzigen Raum zwischen Betlehem und Golgatha deuten wollte.

In den Geheimzellen eines Dichtergehirns ist unendlich viel mehr Raum

und es ist mehr darin als bloß eine Person. In Goethes Gehirn haben

Faust und Egmont, Tasso und Werther, Iphigenie und Gretchen eine ganze

Lebensbahn erfüllt. Im Dichtergeiste jenes Giganten an der Schwelle

unserer Zeitrechnung hätte die ganze Menschheit mit all ihren ethischen

Errungenschaften bis dahin gelebt, sie hätte sich zusammengefunden

darin zu einer einzigen Tat -- und gelebt hätte darin die ganze

Zukunfts-Menschheit von Jahrtausenden nach ihm, geeint durch das Ideal

der Menschenliebe. Der Dichter der Bergpredigt! Was willst Du mehr?

Der Wind heult hohl über die Wellen, die braunen Gedankenfurchen.

Offenbarung! ruft es. Wo bleibt die Offenbarung? Offenbarung brauchen

wir.

Nun, alle Dichtung ist Offenbarung. Vom Geheimnis kommt es, zum

Geheimnis geht es, unmeßbar, unwägbar, und doch von Welten kündend,

Welten der Urtiefe, der Idealerweckung, der innersten Fortentwickelung,

und Welten verwandelnd, Welten aufbauend, Welten zeugend: -- das ist

die Offenbarung; aber was ist es anders, als auch die Dichtung, die

Kunst; es gibt keine bessere, schärfere Definition für sie.

Ja man muß das Geheimnis nur am rechten Fleck begreifen.

Manchmal scheint mir, als sei der ganze Hader und Fortschritt

menschlicher Ideen bloß ein Kampf um die Perspektive. Wie die Dinge

projiziert werden, hintereinander gelegt werden, darum ringen wir. Und

wo das Blau des Geheimnisvollen beginnt. Darum aber auch diese ewige

Auferstehung der Gedanken. Nichts fällt wirklich ins Grab, es wechselt

nur seinen Projektionsort.

Diese Erkenntnis gibt Frieden, heute wenigstens für eine

Feiertagsstunde, vielleicht später auch einmal für den Alltag. Die

braunen Wellen zogen an mir vorbei, immer vorbei und der Wind blies,

eine unablässige, fleißige Naturarbeit. Die Natur machte da keinen

Feiertag, sie arbeitete. Jede dieser Wellen mochte ein klein wenig an

diesem Ufer umschaffen, trug sie auch nur ein Hölzchen darauf, ein

Sandkörnchen davon.

Ich dachte an die Rede der Leute: der See behält nichts, er gibt alles

wieder, wenn’s auch eine Weile dauert.

Im Grunde macht es das Naturgeheimnis auch so.

Es ist kein Minotaurus, der verschlingt, um zu verderben. Es läßt

die Welten, Menschen, Ideen in seinem Blau verschwinden und zahlt

sie in Höherem wieder aus. In dieser ~tinctura aurea~ steckt

wirklich wie in der der Alchimisten auch der Stein der Weisen, der alle

Gebrechen, alle Unvollkommenheiten heilt, der ewige Jungbrunnen, der

den Fluch der Zeitlichkeit aufhebt.

Diese ewige Wiedergeburt als Auferstehung des Geistes im allen Dingen

erkennen, -- das wäre der wahre neue Osterglaube.

Aber dazu bedarf es noch gar mancher Auferstehung erst im eigenen

Innenleben der Idee.

(Friedrichshagen. Am Auferstehungstag.)

Heute wandere ich tief in der dürren Kiefernheide und suche den

Frühling.

Die Luft ist hart, der Himmel weiß: es könnte auch Oktober sein. Ich

denke an deutsche Länder, wo der Frühling wie ein Rausch kommt, in

hinreißenden Farben. In der lieben Mark geht es wie in einem mageren

Prozeß: es gibt da nur ganz feine Indizienbeweise.

Da liegt ein gelblicher Würfel Schlagholz. Wie mein Auge aber die

graue Walddämmerung darüber durchsucht, stößt es da, dort auf kleinste

Silberpünktchen, die pfeilschnell die Luft durchqueren, jedesmal einen

schwachen Blitz in der Grundfarbe weckend, wenn sie eine hellere Stelle

passieren.

Der Fremde weiß nicht, was hier stäubt in den noch so herben Tag

hinein. Aber ich kenne sie als alter Käfersammler: die winzigen

Borkenkäfer des Kiefernholzes, die jetzt schwärmen. Wenig später, und

sie sind wieder völlig verschwunden, tief vergraben in ihrem krausen

Bergwerk im Holz.

Auf den Schlagstämmen klettert auch schon eilfertig ihr wilder Gegner,

der schwarz-weiß-rote Clerus, der Ameisenkäfer, der selber zum Schutz

in prächtiger Mimicry die Ameisen-Wespe Mutilla in Farbe wie Gestalt

täuschend nachahmt.

Während ich aber seinem trippelnden Wesen zuschaue, fällt in mein

Ohr jäh ein überlautes Gegacker. Glüüh, glüh, glü, glück, glück,

glückglücklücklick ... Die Silben folgen sich immer rascher wie bei

einer heransausenden pfeifenden Lokomotive.

Das ist der Grünspecht.

Umsonst sucht der Blick ihn heute in seiner vertrauten, pfeilschnell

gewechselten Horcherstellung senkrecht am Ast. Nur wenn ich draußen,

jenseits der Schonung, stände, sähe ich ihn. Über den gleichmäßigen

jungen Nachwuchs ragt dort einsam eine ältere, pinienhaft entfaltete

Kiefer zum blinkenden weißen Himmel auf. Auf einem ihrer höchsten

Äste sitzt der Specht, nah der Spitze, exponiert wie eine Krähe, und

er reckt den Hals senkrecht zum Zenit empor und schmettert seinen

Glückjuchzer. Völlig verwandelt ist er -- er ist verliebt. Ja, es ist

Frühling. Die Indizien stimmen zueinander.

Ich träumte in den stillen Aprilmorgen hinein.

Auferstehungstag. Ich dachte an die ungeheuren Kräfte, die dieser

Frühling im Schwachen auferstehen läßt.

Ich dachte an den Saftstrom, der unter seinem Bann von allen

Pflanzenwurzeln aufwärts drang, dieses geheimnisvolle Pumpwerk der

Holzgefäße, das bei der amerikanischen Rebe mit einem Druck von fast

2½ Atmosphären arbeitet und einer Quecksilbersäule von 180 ~cm~

Länge die Wage hält!

Und ich dachte an die lieblichen Blaukehlchen, die winzigen

Singvögelchen Skandinaviens, die nach des trefflichen Gätke Rechnung

auf ihrer Frühlingsheimkehr in einer einzigen Nacht die Strecke vom

Sudan jenseits der Sahara bis Helgoland durchfliegen. 45 Meilen nehmen

sie in der Stunde, dreimal mehr als der schnellste Schnellzug. Mehrere

tausend Meter hoch geht +es+ dahin, damit die kolossale Sperrmauer

der Alpen keine Störung giebt. Und nach diesem Sturm über ein Meer

und anderthalb Erdteile sind sie noch so leistungsfähig, daß sie nach

kurzer Rast auf Helgoland sogleich weiterfliegen. Das ist der Frühling!

Ein ganzer Planet erscheint auf einmal eng gegenüber seiner Kraft, die

eine arme Pflanze, ein schwaches Vögelchen durchseelt.

Er muß ja auch selber heran dazu, der ganze Planet.

Ich träumte mich über den weißen Himmel dort über den

Wachholderbüschen hinaus in den eisigen Weltraum, wo die Erde mit

ihrer schiefen Achse dahinrollte, sehr viel schneller noch als die

Blaukehlchen auf ihr flogen. Jetzt begann der schiefe Planet wieder

sein Nordantlitz der Sonne zuzuwenden, obwohl er sich gleichzeitig

rückwärts von dieser Sonne entfernte. Und die Gnade lag auf dem

zugewandten Scheitel, die Eiszapfen seines Bartes schmolzen, es wurde

Lenz.

Achsenschiefe. Ein undurchdringliches Planetengeheimnis schläft in

dieser kosmischen Frühlingsursache. Alles hängt daran, bis in das

Jauchzen dieses Spechts, das Schwärmen dieser Borkenkäfer -- und

doch wissen wir nicht, was hinter ihr steht. Alles sonst in diesem

himmlischen Billardspiel der Sonnenkinder ist so wunderbar regelmäßig,

deutet so ganz auf einen harmonisch-einheitlichen Ursprung: die

Kugelgestalt, die Bahnebenen, die Umlaufszeiten. Nur die Achsen gehen

ihren anscheinend irregulären Weg. Jupiter ragt fast gerade, Uranus ist

fast ganz entgleist; die Erde steht nachdrücklich schief. Kein Schimmer

eines Warum ist uns gegeben.

Wie wenig wir wissen! Eine ganz dunkle, unergründbare Tatsache -- und

an der hängt aller Frühling, all diese Konzentrierung der Liebe auf

eine Jahreszeit, alle Poesie, die wieder auf dieser Liebe ruht. Eine

schiefe Planetenachse ragt hindurch -- und schiefe Menschenweisheit.

Und doch haben wir schon ein Gesetz wenigstens entdeckt auch in dieser

Achse. Ohne ihre Schiefe selbst zu ändern, wandert sie in großen

Zeiträumen kreiselnd einmal herum. Sie sucht sich andere Sterne, auf

die sie deutet, bis sie endlich zum gleichen wiederkehrt. In einem

Zyklus von über zwanzigtausend Jahren geschieht das.

Mehr als zwanzigtausendmal Frühling! Vor meinem Geiste, den auch die

große Lenzkraft anhauchte, erschien ein solcher Zyklus als Einzeljahr,

nur in unermeßlichen, höheren Verbänden. Da war die ganze Eiszeit mit

ihren fünfhunderttausend Jahren, die ihr Penck zuschreibt, nur ein

einziger Winter und ihr Ende nur ein großer Frühling. Vielleicht war

es der erste Frühling, den der ganz klar sehende, ganz begreifende

Mensch erlebte! Vielleicht hatte noch lange vor dem, in der Kreidezeit,

der Frühling überhaupt erst begonnen. War die Erdachse einst gerade

gewesen wie die des Jupiter und hatte sich erst gesenkt in jenen

Urtagen der großen Saurier? Träume, wenn der Saft steigt mit seinem

Atmosphärendruck und die Wanderschwinge hunderte von Meilen wie ein

Spiel nimmt!

Aber der Gedanke wanderte zurück auf den letzten dieser

Zwanzigtausendzyklen.

Ich dachte, wie der große Hipparch um 150 v. Chr. schon dieses Kreiseln

der Erdachse, das den Polarstern verschiebt, wissenschaftlich erfaßte.

Und wie es ein paar Jahrtausende weiter zurück schon hineingespielt

in die geheimnisvolle astronomische Mythologie der Ur-Babylonier, der

Sumerer, in die Tierkreis-Rechnungen und Tierkreis-Mythen dort. Es

ist das geheimnisvolle Volk, an das wir heute so oft und so lebhaft

denken, das immer gesuchte, endlich sicher gefundene Volk im Morgenrot

der Kultur, dessen Tempel eine Sternwarte und dessen Astronomie ein

Gottesdienst war.

Und über diesem Volke, im Morgenhimmel all unserer Weisheit, ragen

schon die Zyklus-Rätsel der schiefen Erdachse, schimmern die großen

Zeichen der Über-Frühlings-Periode!

Mir aber ist, als schimmere noch etwas anderes, etwas noch viel

Weihevolleres darin.

„Aus den Gruben hier im Graben hör ich des Propheten Sang.“

In welchem wunderbaren Auferstehungs-Frühling leben wir Menschen von

Tag zu Tag! Immer neue Welten der Vergangenheit tun sich uns kund,

leben auf in uns. Um 3000 v. Chr. begann diese „moralische Astronomie“

der Sumerer schon zu verblassen, sich einzusargen zum Winterschlaf.

1900 n. Chr. rollt sie wie eine Frühlingsoffenbarung wieder über die

Erde, weil ein paar alte Tonzylinder mit Schriftzeichen sich gespiegelt

haben in der Kristallflut einer wunderbaren kosmischen Höhenmacht: der

rückschauenden, die Geschichte wieder erweckenden Menschheitsseele.

Ein alter astronomischer Traum kündet: wenn Du viel schneller noch

reisen könntest als der Lichtstrahl, der doch in jeder Sekunde

zweiundvierzigtausend Meilen zurücklegt, wenn Du die Lichtpost der Erde

von Jahrhundert zu Jahrhundert noch einmal überholen könntest: -- das

Weltgeschehen würde sich Deinem Anblick umkehren, noch einmal sähest

Du Cäsar auftauchen unter den Dolchen der Brutus und Cassius, sähest

Sokrates mit seinem Giftbecher und die Sumerer auf ihrer Sternwarte,

die Gletscher der Eiszeit, die auf Norddeutschland lagen, und die

immergrünen Haine der Tertiär-Zeit, die Ur-Säugetiere von Neu-Mexiko

und den letzten Ichthyosaurus am Ausgang der Sekundär-Periode ...

Wie ein Märchen klingt das.

Der Mensch, dieser winzige Planetensohn, der durch die Schwere an

seiner harten, widerwilligen Scholle klebt, kann nicht fliegen. Fliegen

nicht einmal wie die Blaukehlchen. Geschweige denn mit dem Lichtstrahl.

Und doch, -- wie ich hier stehe und an die Sumerer denke und den

Tierkreis verschiebe -- ich, hier an meinem Schlagholz-Stoß im

märkischen Kiefernwalde, ich bin mit allen in meiner Zeit auf solchem

Fluge.

Unser Gehirn, das +Geschichte enträtselt+, ist der Apparat, der

das Weltgeschehen sich aufstauen läßt, wie die Wasser sich vor dem

biblischen Helden stauten, der die Sonne rückwärts wandern heißt, der

die Dinge umkehrt und noch einmal auferstehen macht.

Es war das +raum+überwindende Meisterstück der Natur: diese

unendlich fein reflektierende Platte Menschenhirn, Menschengeist. Aber

es war auch die +Zeit+ damit überwunden im gleichen Moment, da

diese Platte auf die Vergangenheit eingestellt wurde, da sie rückwärts

gewandt wurde.

Der Menschengeist, der Geschichte sinnt, -- das ist die Auferstehung.

Er ist das große Ostergeschenk der Natur, der Ostertag der

Jahrmillionen.

Sie haben ihn gemacht, diese Jahrmillionen. Nun zahlt er heim, indem er

sie erweckt.

Und was hat er für Gaben dazu! Geht doch dieses Geschichtsschauen nicht

bloß durch Tabellen und Zahlen, durch winzige Mosaikstiftchen der

grabenden, wieder äußerlich sammelnden wissenschaftlichen Forschung.

Hinter diesen Stiftchen und Steinchen erhebt sich erst das ganz

Große des Menschen: seine +Dichterkraft+, die Zeugekraft seiner

+Phantasie+, die das Getrennte, das gräberhaft Zerfallene kraft

des inneren „Werde“ wieder zusammenschließt, bis die schlotternden

Gerippe wieder auferstandene Seelen sind, die mit uns leben.

So verklärt sich die Geschichte als Forschung zur Geschichte als

Dichtung in dem höchsten Sinne, der in der Dichtung erst wieder die

ganze lebendige Wahrheit sieht. So wird das Schauen zur Tat. Und das

erst ist die ganze Auferstehung.

Noch ist unsere Kraft jung.

Noch ahnen wir kaum erst den ungeheuren Schöpferberuf, den

Erlöserberuf, der in uns gelegt ist: die Überwindung des zeitlichen

durch den ewigen Geist, in dem es keinen Tod, kein Alter, keinen Winter

gibt.

Wenn unsere Wissenschaft aus Keilschrift enträtselt, was vor

fünftausend Jahren durch die Seele der Menschheit flutete und ebbte,

ahnen wir die eine Seite. Wenn durch die Dichterkraft Shakespeares

Julius Cäsar leibhaftig vor uns zu wandeln beginnt, dämmert die andere

auf. Aber eines stellt sich uns heute schon ganz dar: Nichts ist

verloren in der Natur, das nicht geweckt werden könnte.

Das ist unserer Weisheit sicherster Schluß: keine Wirkung kann und

konnte je verloren gehen.

Wenn ich meine Hand auf diesen Holzstoß hier lege, so zittert die

Kraftwelle durch alle Ewigkeit, ewig individualisiert, ewig zu finden,

im Brennspiegel der Kräfte wieder zu konzentrieren, zu fangen für den,

der -- einen Brennspiegel besitzt.

Das ist das Grundgesetz alles Geschehens, aller „Natur“ -- aller

Gott-Natur.

Der Urgrund der Dinge, der dieses Gesetz gesetzt hat, hat die

Unsterblichkeit zugleich mit gesetzt. Der Spiegel aber -- und hier

liegt die zweite, die eigentlich krönende Tat -- ist in unserer

Hand. Nun ist nur noch eines nötig: unendliche Zukunft. Und in diese

Unendlichkeit vor uns hinein wird die ganze Unendlichkeit hinter uns

wieder auferstehen.

Der Specht oben rief wieder sein Glück, Glück, Glück.

Wie der Ton verschwebte, verschwebte mein Träumen durch den herben

Frühlingstag.

Er ist noch herb, unser Frühling. Eine junge Menschheit sind wir,

in den Anfängen erst. Halb schwankt der Zauberspiegel noch in einer

Kinderhand.

Aber wie sonnig ist, daß alle unsere Wege zum gleichen Ziele aufwärts

lenken.

Religiöses Schauen wirft den Auferstehungsgedanken uns wie einen

Blitz zu, der im Moment für alles andere zu blenden scheint. Aber die

Wissenschaft taucht auf, ohne Glanz, keuchend in schwerer Arbeit. Doch

die Idee umgoldet sie, und nun wird offenbar: sie ist auf dem gleichen

Wege. Und die Dichtung, ihr oft so fremd, erscheint nur als ihre eigene

Krönung, ihre Vollendung in das Lebendige hinein, das die zeugende Tat

ewig hat, während die Zerstückelung es nie erreicht.

Indizienbeweis! Er genügt mir auch für die große Weltenfrühlingswelt,

wie Specht und Borkenkäfer für die kleine im märkischen Kiefernwald.

(Reisetagebuch. Schreiberhau.)

Über mir ragt es wie schwarze Zinnen einer gewaltigen alten

Schloßruine. Durch eine Lücke im zerfallenen Gemäuer hängt ein schräger

grauer Sonnenstreifen in den Schatten hinein wie ein jahrtausendalter

Wust Spinngewebe. Er deutet in den Schloßhof, der roh verwildert liegt.

Grünes Kraut steht fast mannshoch in der ganzen Breite. Irgendwo

tropft Wasser, tickend wie eine gespenstische Uhr, aus dem Spalt eines

geborstenen Marmorbrunnens.

Es ist Naturwerk, dieses Schloß.

Seine Zinnen sind grotesk zerspaltene Granitzacken des Riesengebirges,

und der Schloßhof ist der innerste Kessel der großen Schneegrube.

In uralten Tagen lag in dieser kraterartigen Höhlung unter der

Kammmauer ein Ungetüm, das mit bleichen Augen ins Tal hinunterglotzte:

der Gletscher.

Mit seinen ungeschlachten Tatzen hat es die Blöcke dort herausgeschoben

und cyklopisch wie eine Brustwehr getürmt, mit seinem schwerlastenden

Leibe hat es den Grund ausgetieft zum gähnenden Kessel. Aber es ist

ihm im Laufe der Zeiten ergangen wie dem fetten Lollus im Keller in

Bechsteins Märchen: immer dünner und dünner ist es hingeschmolzen,

immer magerer lag es zum Schluß in seinem viel zu weiten Felsennest.

Heute weht nur noch ein leiser Schatten von ihm durch die Grube, ein

unsichtbar körperloses Etwas, das als kellerhaft kalter Hauch am leeren

Fleck noch einen letzten Kampf kämpft mit seiner furchtbarsten Feindin,

der Sommersonne.

Wenn die Ebene weithin in allen Farben des Frühlings prangt und selbst

auf dem hohen Kamm die blauweißen Anemonen blühen, dann liegt in dem

alten Drachenkrater noch der Winterschnee zu zähen Lasten gehäuft. Aber

zuletzt muß er doch weichen. Die Wendestunde, in der einst der Drache

für immer der Sonne unterlag, wiederholt sich: die Sonne bezwingt auch

den letzten Schneestreifen der Grube. Einmal, am Ende der Eiszeit,

ist das entscheidend geschehen: einmal hat die Sommerwärme den ganzen

Schnee weggetaut, während früher immer ein Rest überdauerte als Zutat

zum nächsten Winter; damals ist das Ungeheuer des Gletschers ins Herz

getroffen worden durch Baldurs Schwert.

Heute, da ich hier sitze, liegt die weite Landschaft am Kammesfuße

eingesponnen im heißen Juli-Glast.

Hier in der Schneegrube hat gerade endlich der erste Frühling gesiegt.

Noch stecken in den tiefsten Granitschründen auch jetzt ein paar

letzte Schneeflecken, aber schon grau vom tauenden Zermürben. Lustige

Quickwässerlein rinnen leise davon herab. An der Grenze aber vollzieht

sich jenes liebliche Schauspiel des Frühlingssieges, das auf tauenden

Alpenpässen so oft meine Freude war: noch farblos weißliche oder gelbe

Pflanzenspitzen, spargelhaft eingerollte Blätterknospen, durchbrechen

mit eigener Kraft und Wärme die morsche Schneedecke, noch ehe sie

sich selber gelüftet hat. So ringt sich an der Furka die zierliche

violettblaue Soldanella (~Soldanella pusilla~ und ~alpina~)

sogar als geöffnetes Blütenglöckchen aus selbstgewärmten Schmelzlöchern

des Lawinenschnees zum Staunen des Naturfreundes heraus.

Wo aber der Kesselgrund schon völlig frei ist, da erfüllt ihn ein

wahrer lebendiger Schnee: halbmeterhoch ragen in weitem, schneeweißen

Blumenteppich die wundervollen Dolden der seltenen narzissenblütigen

Anemone (~Anemone narcissiflora~), des „Berghähnleins“ der

Gebirgsleute. Auf jedem lichtgrünen Hauptstengel stehen etwa ein halbes

Dutzend großer Einzelblüten ganz nach Narzissenart. Ein berauschender

Honigduft liegt über der Wiese. Man kann über den ganzen Kamm wandern,

ohne dieser köstlichen Blume zu begegnen, hier aber tritt sie plötzlich

als Herrscherin auf, -- das schönste Sinnbild des Sonnensieges im alten

Drachenbett.

Auf der Gletschermoräne selbst aber stehen niedrige, noch völlig

blattlose Weidenbüsche im ersten goldenen Kätzchenschmuck, ein seltsam

später Anblick für den, der aus dem Tal kommt, wo längst alle Blätter

in schwerer grüner Sommerfülle rauschen.

Einsam und still ist es hier.

Oben an den Zinnen erscheint ab und zu ein punkthaft kleines Zwerglein

scharf vor dem Himmelsblau: einer aus dem endlos dort vorbeihastenden

Fremdenstrom, der sich etwas näher an den schwindelnden Abhang gewagt.

Hier herunter kommt in Tagen keiner, denn selbst der kaum sichtbare

Pfad von unten her ist heute noch ein wahrer Steg ins Drachennest,

wie man ihn sich im Märchen träumt: Block um Block, wie ihn der

Riese abgerollt und liegen gelassen, will übersprungen sein und

dazwischen schiebt sich in jede Lücke noch viel unwegsameres Knieholz,

schwarzgrüne Büschel wie struppige Gnomenköpfe, aber zäh, als sollte

ein Schwimmer sich durch halbflüssiges Pech durchkämpfen.

Eisdrache und Sonnenkampf, weiße Blütensterne -- und Mensch. Das alles

ist +Natur+.

Immer vor solchem reinen Bilde bewegt mich der tiefe Widerspruch, der

in unserer Zeit durch dieses Wort geht.

Ich denke an seinen wechselnden Klang in den Jahrhunderten.

Da ist das Buch des Lukretius nahe der Wende vor Christus, im Abendrot

der echten Antike, -- von der „Natur der Dinge“. Natur ist hier das

Offenbarungswort, das Himmel und Erde öffnet, das magische Wort, das

die „Dinge“ bewegt.

Dann kommt eine Zeit, da heißt Natur soviel wie Teufelsspuk. Auf

einsamem Kreuzweg wird sie gesucht, wenn die Eulen schreien; mit

Bluthandschrift muß seine Seele verschreiben, wer sie sehen will.

Aber aus dem Munde eines Mannes, der gelebt und geliebt, gelacht und

gegrübelt hat und der zuletzt auf dem Scheiterhaufen steht, um ein

Märtyrer seines naiven Menschentums zu werden, -- aus dem Munde des

Nolaners Bruno ringt sich das Wort: Gott-Natur.

Dann kommen Rousseaus Tage, und ein Klang romantischer Wehmut, die

Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese, zittert aus dem Wort.

Der größte Dichter vom deutschen Stamme steht in seinem Garten vor

dem Wunder eines grünen Blattes und wiederholt abermals das große:

Gott-Natur.

Und nun ist das Wort schon mit hineingerissen in die wilden Wogen

des neunzehnten Jahrhunderts. Ein Getöse ist plötzlich darin wie von

einer ungeheuren stampfenden Maschine. Ein tausendstimmiger Jubelruf

erschallt, Kränze wehen, -- heisa, der Mensch sitzt hoch auf dieser

Maschine, sie trägt ihn, er regiert sie. Seine Natur! Der Mensch Herr

der Naturkräfte, Herr der Welt. Diese Hoffnung reißt empor wie ein

Schwindel.

Aber die Vision wechselt jäh.

Der weiße Dampf der Lokomotive teilt sich und auf einmal liegt der

Mensch unter der Maschine, ein zuckendes Haupt auf blutiger Schiene.

Fühllos geht die Maschine über ihn fort. Und die sterbende Lippe

stammelt „Gott-Natur“, -- es klingt aber wie eine Blasphemie.

Kein Wort in unserer Zeit wiegt so schwer wie dieses Wort Natur.

Alles drängt darauf, ringt und lechzt darnach. Dieser Begriff Natur

hat die Sterne erobert, die Billionen von Meilen von uns abstehen,

er hat den Menschen selber erobert, hat die Geschichte erobert, die

Milchstraße ist ihm nur ein Zeichen, der Mensch eine Station, die

Zukunft eine mathematische Gleichung.

Und doch ist vielleicht kein zweites Alltagswort unserer Tage so wenig

geklärt, so verschleiert, so mißverstanden wie „Natur“.

Auf ungezählten denkenden Menschen liegt es wie ein Tyrann.

Sie wissen nicht, wie sie ihm entrinnen sollen, aber sie fluchen ihm.

Jeder Fortschritt der Naturforschung erscheint ihnen wie ein Schritt

mehr zum Minotaurus hin, der sie in seiner Höhle zu Asche verbrennt.

Was tut’s, wen tröstet’s, ob in diesem Minotaurus ganze Sonnensysteme

mit uns sinnlos verpulvert werden. Je größer das Ungeheuer wird, es

steigert sich nur seine Ungeheuerlichkeit. Du magst diesen Leuten von

Doppelsternen und Marskanälen, von Urweltmeeren und dem Werdegang des

Menschen zwischen tollem Getier erzählen: das Gemüt hat immer nur das

Gefühl, daß es selber dabei gefressen wird. Nun hat dieser Drache auch

schon die Geschichte des Menschen. Wo wird er Halt machen? Alles packt

er. Gibt es denn gar keine Grenzen dieses Verheerungszuges?

In mein einsames Sinnen mischt sich wieder ein altes Bild.

In einem verwitterten Büchlein fand ich unlängst Dokumente aus dem

Leben des Naturforschers Konrad Gesner, des Meisters der Tierkunde im

sechzehnten Jahrhundert. Ich suche seit Jahren Stoff zusammen über sein

Leben. Daheim habe ich die alten Pracht-Folianten seiner Werke, ein

Monumentalwerk deutschen Fleißes.

Zeit seines Lebens war er ein armes dürres Männlein, dieser Gesner,

unsagbar fleißig, mit den großen Augen des Genies, aber vom Leben

unerbittlich gedrückt. Und doch: eins drückte diese Seele nicht:

Skrupel über den Natur-Begriff. Sie war nicht gerade besonders

liebenswürdig gegen ihn im gewöhnlichen Sinne, diese Natur. Um ihn,

den pflichttreuen Arzt, wütete die Pest. Mit 49 Jahren schon ist er

selber ihr erlegen. Als sie, die er mannhaft bei anderen bekämpft, ihn

endlich selber „hatte“, da hat er sein Testament niedergeschrieben, das

uns heute noch erhalten ist. Er hatte nicht über allzuviel Glücksgüter

zu verfügen. Nur eine Rente von hundert Gulden kann er stiften, daraus

sollen jährlich zwei ärmste Kinder gekleidet werden. Aber seinem

Geschlecht läßt er eine andere Aufgabe vergeistigterer Art. Je einmal

im Jahr soll die Familie sich in allen ihren Gliedern zu einem frohen

Liebesmahl vereinigen. Ein goldener Becher soll dabei kreisen, den er

mit dem Testament übergibt. „Sonderlich“ sollen daraus die trinken,

„welche etwas Zwytrachts miteinander gehebt.“ Nach dem Mahl soll

einer ein paar Sprüche aus dem Evangelium vorlesen, „welche dienind,

Fried, Liebe und Einigkeit zu förderen.“ „Demnach,“ aber heißt es zum

Schluß, „soll er ihnen fürhin bringen (vorzeigen) meine Figurenbücher

der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend, und durch myn

Gedächtniß, auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst

zu guten und ehrlichen Künste und Uebungen erzüchten.“ Dieser Mann

hatte kein Gefühl dafür, daß sein „Tierbuch“ die Weihe jener Sprüche

stören könne. Es ist ein friedevoller Optimismus, der aus den Worten

dieses besten Kenners der „Natur“ in seiner ganzen Zeit spricht ....

Das Ergebnis der unheilvollen Trübung, die für unsere Tage das Wort

„Natur“ bedeckt, ist der immer tiefer fressende Pessimismus.

Es ist die Weltanschauung des knirschenden Sklaven.

Man fühlt, daß man gegen die überwältigenden Resultate der

Naturforschung dauernd nichts machen kann. Dieser Sieg kommt ja nicht

allein durch den Gedanken. Man darf Darwin in den Boden verfluchen

und steigt doch in eine Eisenbahn, spricht durch ein Telephon. Von

dieser Ecke her gibt’s kein Entrinnen, und wer einmal in der realen

Bahn sitzt, hält schließlich doch auch bei der Station Darwin, ganz

unversehens. Aber man glaubt zugleich zu fühlen, daß man damit etwas in

Kauf nehmen soll, was das ganze innerste Leben lahmlegt. Man bekommt

einen Toten ins Haus für immer. Zuerst heißt die Folgerung Resignation.

Und dann heißt sie Pessimismus.

Täuschen wir uns nicht: der Pessimismus als theoretisch ausgesprochene

lehrhafte Philosophie ist immer nur eine gelegentliche Erscheinung;

der Pessimismus der Stimmung aber nagt und nagt bei uns fortgesetzt

wachsend in allen Kreisen, wo man unter jener Sonnenfinsternis des

Naturbegriffs wandelt und diese Sonnenfinsternis für ein Ergebnis der

Astronomie hält.

Für mich liegt hier mehr und mehr eine Sache auf Biegen oder Brechen.

Ich bin mir nicht einen Moment mehr unschlüssig, daß in der Frage

„Optimismus und Naturforschung“ die Schicksalsfrage der ganzen

künftigen Naturforschung liegt.

Wenn die Naturforschung ihren Naturbegriff nicht aus dem Pessimismus

herausbekommt, so geht sie im ganzen doch wieder herunter und muß

heruntergehen.

Gewiß: wir steigen in die Eisenbahn. Aber täuschen wir uns doch auch

darüber nicht, daß technische Erfindungen wohl eine Weile so fortreißen

können, daß alles andere darüber in den Hintergrund kommt, -- aber auf

die Dauer hält das allein nicht stand. Wenn die Idee all dieser Dinge

endlich überall in den Pessimismus führt, so erlischt schließlich doch

das Interesse auch an diesen Erfindungen, es stirbt eben an dieser

Idee. Wenn ich ideell doch immer auf der Schiene liege mit einem Knebel

im Mund und einem Strick um Arme und Beine, so wird schließlich auch

die Freude an der Eisenbahnfahrt immer dünner, die Fahrt weckt nur

fatale Assoziationen. Und endlich steige ich lieber wieder in die alte

rappelnde Postkutsche.

Ich persönlich gestehe gern, daß ich ohne eine optimistische

Grundlinie in meinem Naturbegriff selber die eigene Beschäftigung

mit naturwissenschaftlichen Dingen längst eingestellt hätte. Nichts

wäre mir mehr zuwider, als das Paktieren, das ewige Versuchen, um die

Allgewalt dieser Dinge herumzukommen.

Ich sehe ja, wie es anderen geht. Sie suchen auch aus der schwarzen

Flut des Pessimismus sich herauszuhalten. Aber im Grunde ist ihnen alle

Naturforschung doch nur die ewige Gleitbahn in diesen Pessimismus. So

suchen sie „Grenzen des Naturerkennens“, Mauern, wo der Naturforscher

angeblich nicht weiter kann. Da soll endlich das Reich der Trübsal

aufhören, der blaue optimistische Sonnenhimmel doch noch beginnen.

Täuschen wir uns aber wieder nicht.

Es gibt diese Grenzen nicht.

Die Naturforschung ist nicht abzugraben etwa vom Seelischen, wie

ein Maulwurf durch einen Wasserkanal. Ihr Naturbegriff muß auch das

umspannen, wenn er nicht eine Narretei sein will, -- es fragt sich bloß

wie. Das bequeme „Ignorabimus“ eines Naturforschers, der im Grunde

seines Herzens nie etwas anderes als Stockmaterialist war, hilft

nicht fort von der viel größeren, tieferen, schwereren Aufgabe: den

Naturbegriff selber vor der pessimistischen Vernachtung zu retten. Hier

gilt das alte Wort: Davonlaufen nützt auf keinen Fall.

Auch mit dem Zweifel an dieser oder jener naturwissenschaftlichen

Einzelhypothese ist nichts getan. Mit ein bißchen Zweifel an der

Zuchtwahl oder sonst einem Stück Darwinismus oder mit einem allgemeinen

schnodderigen Satz eines Kritikers, dem der ganze Darwinismus noch

nicht mechanistisch +genug+ ist, kommst Du nicht durch, so

fröhlich das auch heute wieder dieser und jener träumen mag.

Das alles sind kleine Mittelchen, die einen Moment den Laien froh

machen können, aber dauernd doch an die Sache nicht rühren.

Denn die großen Linien im Sachmaterial der heutigen Naturforschung

lassen sich nicht mehr umwerfen. Es bleibt die allgemeine

Naturgesetzlichkeit, es bleibt die Grundtatsache allgemeiner

Entwickelung, es bleibt der Mensch als Glied in der großen Kette der

Natur. Um diese Dinge kommen wir schlechterdings nicht mehr herum,

und was an der Anerkennung dieser Hauptlinie schon stirbt von älteren

Anschauungen, das muß eben sterben.

Was ich aber behaupte, ist, daß es einem +tieferen religiösen+

Empfinden gar nicht einfällt, hier zu sterben, wofern nur eine Klärung

über den Naturbegriff und eine Loslösung vom Pessimismus damit Hand in

Hand geht.

Die erste Aufgabe ist allerdings, daß man den Menschen nicht wieder

gewaltsam +losreißt+ von der Natur aus lauter Eifer für „Natur“.

Das ist bisher mit wahrer Hartnäckigkeit geschehen.

Der Begriff „Kraft und Stoff“ hat dabei eine merkwürdige Rolle gespielt.

Seltsam genug ja: unsere Zeit ist die erste, die wirklich Ernst damit

gemacht hat, den Menschen restlos einzubeziehen in die Natur. Aber

diese unsere gleiche Zeit hat sich auch alle Mühe gegeben, ihn durch

unglückliche Begriffsworte in seinem ganzen Fühlen weiter wieder von

der Natur fortzugraulen als irgend eine.

Kraft und Stoff sind in der exakten Forschungssprache vortreffliche

und durchaus nötige Abstraktionen. Man kann sie auch philosophisch

anstandslos benutzen, um eine bestimmte Linie einheitlichen

Zusammenhanges der Dinge in der Welt zu begründen. Lege ich dieses

Formelwort aber didaktisch als Generaldefinition der „Natur“ ~sans

phrase~ zu Grunde, so werfe ich grade den Menschen vor dieser Natur

in eine unfaßbare Öde.

Ich werfe ihn nämlich nicht, wie die Schwärmer für das Wort gemeint

haben, in die höchste Realität, sondern in die äußerste Abstraktion.

Um den Menschen in die Natur zu bringen, ziehe ich von ihm ab und ab,

bis nur das ausgezehrteste, mit nichts mehr greifbare Gespenst übrig

ist. Dann ziehe ich die ganze übrige Natur ebenso fasernackt aus und

nun endlich bringe ich die Ähnlichkeiten zusammen. In dieser Eiseskälte

erfriert aber dem Beschauer die Natur, und sein eignes Eingehen in

diese Natur bedeutet ihm nichts anderes als auch nur ein Miterfrieren.

Im Grunde bleibt ihm trotz alles Redens seine eigene Kraft-Stoffheit

etwas ebenso absolut Fremdes wie die der Natur. Und auf diesem Wege

kommt er von sich als lebendig warmem Menschen nie und nimmer zu der

sonst bekannten Natur, -- das ~tertium comparationis~ ist ein

Gespenst, das er an beiden nicht kennt. Schließlich wird er es ja der

Natur noch eher andichten mögen als sich. Dann ist er aber erst recht

von ihr fort, weiter als je. Ich begehe eine Handlung, die im Sinne der

Menschenliebe ist, wie sie am schlichtesten nach wie vor die Sprüche

des Evangeliums aussprechen: -- Kraft und Stoff. Ich begehe die aufs

äußerste entgegengesetzte Niederträchtigkeit: Kraft und Stoff. Ich lebe

oder bin tot, glücklich oder unglücklich, arbeitsam oder faul, bin ein

Mensch oder bin der Sirius: Kraft und Stoff. Dieser Begriff gehört zu

denen, die, weil sie überall passen, nirgendwo passen.

Die Folge dieser künstlichen Trennung des Menschen von der Natur ist

aber der erste Teufelsfinger für den Pessimismus.

Der arme Hörer denkt, es muß nun einmal dieser Kraft-Stoff-Natur sich

ausliefern, er empfindet es aber innerlich als einen Absturz wie vom

prangenden Leibe eines schönen Mädchens zum schlotternden Skelett. Alle

wahre Entwickelung hört ihm zugleich auf, denn alles ist ja eins. Eine

uferlose graue Weltöde frißt ihn in sich hinein: der Minotaurus Natur.

Und dabei bedeutet doch diese ganze Idee von „Kraft und Stoff“

tatsächlich gar nichts anderes als die naturwissenschaftlich exakte

Formel für etwas, was die Gottes-Vorstellung auf ihrer höchsten Stufe

genau so suchte: die Existenz nämlich von Zusammenhängen in der

Gesamtwelt, von einem durchgehenden Grundprinzip. Es ist das gleiche

Prinzip, das in der Absolutgültigkeit der Logik und der mathematischen

Verhältnisse vor uns auftaucht. Auf diese eine Karte aber nun die ganze

Definition der Natur setzen wollen, wäre genau so, wie wenn einer

etwa als einzige Eigenschaft seines Gottes hinstellen wollte: er ist

unendlich, und nun verlangte, daß wir auf Grund dessen schon in ein

religiöses Gemütsverhältnis mit diesem Gotte einträten.

Gerade die strengste Naturforschung zwingt uns, in diesen Begriff Natur

noch ganz andere Dinge als entscheidend aufzunehmen vom Moment an,

da wir Ernst damit machen, den Menschen vollständig in die Natur zu

übernehmen.

Wir Menschen überschauen ein gewisses Stück Weltbegebenheiten. Räumlich

ein Stück nebeneinander, bis in die fernsten Nebelflecke. Durch die

Verzögerung des Lichtstrahls aus der großen Ferne ordnen sich schon die

entfernteren Raumdinge zum Teil direkt in Zeitdinge um. Andere nähere,

greifbare Merkmale vergangener Tage um uns her kommen hinzu und so

sehen wir schließlich auch einen Zeitausschnitt, ein Hintereinander

von so und so viel Millionen Jahren mehr oder minder deutlich. Etwas

anderes zu Aussagen über die „Natur“ haben wir nicht als den Inhalt

dieses für uns begrenzten Raum- und Zeitausschnitts.

In diesem doppelten Ausschnitt aber sehen wir nun keineswegs bloß ein

belangloses Auf- und Abplätschern eines Stoff- und Kraftmeers.

Wir sehen vielmehr eine höchst eigenartige +Entwickelungslinie+.

In dieser Linie stehen aber wiederum nicht bloß aufglänzende und wieder

verglühende Sterne, Wechsel von warm und kalt, Auftauchen irgend eines

Sauriers und Wiederabsterben seiner Art.

Vielmehr vollziehen sich darin die allereigentümlichsten Sachen und

zwar werden uns diese aufdringlich deutlich vom Moment an, da wir den

Menschen restlos aufgenommen haben in diese Linie der Entwickelung.

Der Laie hört heute: der Mensch stammt vom Affen ab. In der Form, wie

er das zu hören bekommt, liegt vielfach das gleiche Unglück, wie bei

jener Kraft-Stoff-Antwort. Du stammst vom Affen ab, folglich bist

du eigentlich nur ein Affe; zähme deinen Ehrgeiz, steige eine Stufe

herunter, laß dich von einem Niedrigeren, von der tierischen Natur

fressen: -- Minotaurus. Auch hier liegt die pessimistische Folgerung

auf der Hand: was nützt Dein Arbeiten, Du bleibst, was Du warst,

Kraft, Stoff, Tier, Affe -- in Summa: ewig gleichförmig plätschernde

„Natur“, dieses scheußliche, allesverschlingende graue Abstraktum. In

Wahrheit ist die entscheidende Folgerung: der Affe ist also nur ein

Übergang gewesen zu unvergleichlich viel Höherem, es gab etwas in der

organischen Entwickelung, das den Affenzustand wie eine Puppenhülle

abwarf und zum Lichte flog.

Von solcher Betrachtungsweise kommt man auf ganz andere Schlüsse auch

im Menschen selbst vor der Natur und in der Natur. Der schlichte

Übergang der Lebensstufe unterhalb des Menschen in den Menschen hinein

nach einfachem Naturgesetz bleibt nicht nur bestehen, er wird sogar zu

einer Säule des wahren Baues. Nur durch ihn gewinnen wir ja ein Recht,

zu sagen: der Mensch ist auch ein Stück Natur, eine Stufe der sich

entwickelnden Natur. Wenn der Mensch das aber ist, so gewinnt die Natur

ganz unzweideutig das folgende höchst eigenartige Antlitz.

In dem Stück Entwickelung, das wir überschauen können, zeigen sich dann

zwei ganz überwältigend große Entwickelungsstufen. Die erste will ich

als die Stufe des +Gesetzes+ bezeichnen, die zweite als die Stufe

der +Liebe+.

Die erste Stufe ist für uns eine gegebene im Moment, da der Vorhang uns

über dem Kosmos zeitlich aufgeht.

Sogleich und für uns vom ersten Tage an sehen wir hier die Welt

ausgeliefert einer unerschütterlichen Gesetzmäßigkeit. Bestimmte Bahnen

sind den Stoffen fest eingepaukt. Ein Körper, der unter bestimmten

Schwereverhältnissen fällt, fällt nach einem ganz bestimmten Gesetz

immer so. Und der Sinn gleichsam aller Dinge scheint erschöpft in

diesem Naturgesetz.

Es hat etwas Großartiges in seiner ruhigen Majestät, dieses Gesetz,

aber auch etwas Unerbittliches. Welten fallen aus seiner Hand:

Milchstraßen, Fixsternsysteme, Sonnen. Es gibt keinen Zufall vor ihm:

alles muß so sein, wie es ist. Aber alles Werden, alle Welten, die

entstehen, scheinen zunächst in ihrem Sinn auch erschöpft in diesem Muß.

Dieses Ur-Naturprinzip wird mit derselben Ruhe, womit es eine Welt

schafft, diese Welt auch wieder zertrümmern, wenn sie eine Fehlerquelle

in sich hat. Es ist die Inkarnation einer unerbittlichen Gerechtigkeit

einfacher Art: was wird, muß seine Folge tragen. Wird es schlecht,

so stürzt seine Strafe über es herein, wird es gut, so erntet es

unendlichen Lohn.

Wir brauchen nicht von Gravitation und anderen naturgeschichtlichen

Werten zu reden, -- dieses unerbittliche Gesetz ist uns aus einer

anderen Quelle mindestens ebenso geläufig: in dem alten Bibelworte

nämlich „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es ist der moralische Triumph der

Formel ~A~ = ~A~.

Ich sage, dieses Gesetz ist für uns da mit dem Anfang der Welt.

Das ist an sich freilich noch kein Beweis, daß es ewig da war. Es

könnte sich selber in unbekannten Vor-Äonen erst entwickelt haben,

als eine Überwindung des regellosen Zufalles im Geschehen, als das

erste ungeheure Ordnungsprinzip, das sich herauskristallisierte in

unendlichen Vorkämpfen der Welt. Diese „Mythologie der Logik“ braucht

uns hier jedenfalls nicht zu beschäftigen.

Sicher ist, daß das Gesetz da ist, wo unsere Erkenntnis beginnt.

Das geringste Ballungsstäubchen Nebelmaterie, mit dem unsere ganze

Entwickelung eingesetzt haben könnte, können wir uns nur vorstellen

schon im Banne dieser Gesetzmäßigkeit.

Aber ebenso sicher wieder sehen wir weiterhin, innerhalb jenes uns

sichtbaren Stückes Naturentwickelung, eine Fortentwickelung über dieses

Prinzip hinaus.

Auch wir Menschen auf dieser Erde, Natur wie wir sind, hängen in

jener großen Gesetzmäßigkeit. Wenn wir fallen, fallen wir nach der

mathematischen Weltregel des Gravitationsgesetzes. Wieviel wir der

Natur außer uns hinlegen, soviel erhalten wir zurück, Kraft um Kraft.

Messen wir das an einem wüsten Zufallsgeschehen, so müssen wir uns

ehrlich dessen freuen.

Nur diese Gesetzmäßigkeit aller, aber auch absolut aller Vorgänge der

Welt hat uns, wenn noch in beschränktem Maße, so doch anwachsend mit

jedem Tage, zum Herrn so vieler Naturprozesse werden lassen. Dieser

ungeheuren schlechterdings untrüglichen Ehrlichkeit der Natur verdanken

wir alle Erfolge unserer Technik. Kein Zündhölzchen zünden wir an, kein

Haus steht, kein Schiff fährt ohne diese Verläßlichkeit der Natur.

Und doch!

In uns Menschen arbeitet sinnfällig noch etwas über diesem Prinzip.

Ein geliebter Mensch beugt sich zu weit über das Fensterbrett und

stürzt ab. Er muß stürzen nach dem Naturgesetz der Schwere. Er stürzt,

weil Logik gilt; er stürzt, weil ~A~ = ~A~ ist. Sein Einsatz,

seine Schuld war das Hinauslehnen. Die Naturgesetzlichkeit vollzieht

das absolute „Muß“, den Lohn: er stürzt und liegt zerschmettert da.

Unerbittlich.

Wir aber fragen: konnte diese Schuld nicht vergeben werden?

Unser Herz ringt gegen dieses „Muß“, es ist uns auf einmal etwas

Furchtbares, scheint uns entsetzlich vor solchem Falle.

Wenn wir zu entscheiden gehabt hätten: unser ganzes bestes Inneres

hätte sich aufgelehnt gegen diese furchtbare Konsequenz, tausend

Stimmen des Mitleides, der Solidarität von Mensch und Mensch hätten

sich erhoben in uns, unser ganzes höchstes sittliches Empfinden hätte

gerufen „Nein!“

Und doch sind auch wir Natur.

Aber das macht: in uns Menschen ist schon ein zweites Prinzip.

Die Liebe.

Das Mitleid, die Toleranz, das Eingehen auf jede Sehnsucht des

einzelnen, das Vergeben der Schuld, die höhere Gerechtigkeit.

Überschauen wir auf dieses Prinzip hin jenes allein bekannte Stück

Weltengang, so müssen wir sagen: der ganze aktive Inhalt dieses Stückes

ist wesentlich die allmähliche Entwickelung dieses zweiten Prinzips.

Da entsteht die Erde und durch diese Erde, auf dieser Erde entsteht

als ihre höchste Äußerung der Mensch. Im Menschen aber zeigen sich die

Keime endlich ganz offen. Auf einer bestimmten Stufe seiner natürlichen

Kulturentwickelung hören wir aus seinem Munde frei als Ideal

aussprechen: fortan soll nicht mehr gelten Auge um Auge, Zahn um Zahn,

sondern siebenmal siebenmal sollst Du eine Schuld vergeben um der Liebe

willen. Der Fortgang der Menschheit seitdem ist ein langsamer, aber

zäher Versuch, das nicht bloß zu sagen, sondern durchzuführen. Über den

Ausgang besteht für mich kein Zweifel. Wir arbeiten an der Realisierung

dieses Ideals, und all unser sittlicher Fortschritt geht hierher.

Vergleicht man nun die beiden Naturprinzipien miteinander, so erscheint

das erste wie das alte Testament der Welt, und das zweite wie das

neue. Das erste reicht von dem uns erschaubaren „Anfang der Welt“ bis

in den Menschen hinein; das zweite läßt sich, als auf seinen ersten

ganz hellen irdischen Lichtpunkt hin, mit einem Namen lokalisieren bei

Christus, mit dem jenes Ideal zweifellos den ersten festen Schritt

zur Tat getan hat, einerlei wie sich nun der Schleier über der

Persönlichkeit einmal löse.

Auch diese beiden Naturprinzipien haben das Eigenartige, daß das zweite

nicht kommt, um das erste aufzuheben, sondern nur um es in ein Höheres

hinein zu erfüllen.

Die Liebe wirft die Welt keineswegs wieder zurück in den wüsten

Zufall. Sie umfaßt das rein Gesetzmäßige, -- wie ja ihr Träger für

unsere Kenntnis, der Mensch, sich rein natürlich auch im Banne dieses

Gesetzmäßigen entwickelt hat, ohne Riß, ohne Magie. Aber sie bringt in

dieses Gesetzmäßige einen neuen Sinn.

Dem Zufall gegenüber war schon ein großer Sinn das einfache „Muß“.

Die Liebe aber sagt jetzt: das Muß tut es noch nicht. Das Muß

schafft Glück, aber auch mit der gleichen Folgerichtigkeit bis ins

siebente Glied heilloses Unglück. Die Liebe aber will nur Glück,

nur Beglückendes. Sie wird das Muß nicht als solches aufheben, aber

sie wird versuchen, es in ihren Dienst zu stellen: das folgerichtig

Schlechte wird sie auszurotten suchen und nur das folgerichtig Gute

erhalten.

Die Frage wird sich nur hier vorwagen, ob sie das kann.

Betrachten wir aber wieder das Stückchen uns bekannter Tatsachen.

Wäre die Liebe etwas dualistisch der Natur Entgegengesetztes, so möchte

die Antwort heikel sein. Aber sie ist ja selber in unserer Linie nur

die sich entwickelnde Natur. Und da ist eins wieder über alle Maßen

überraschend.

Diese Liebe leuchtet genau erst da auf, wo wir im Kulturmenschen ein

Wesen sehen, das zugleich mit Siebenmeilenstiefeln auf die Herrschaft

über das ganze „Muß“ losschreitet, -- auf die +Herrschaft über alle

Naturgesetzlichkeit+ wenigstens seines engeren Bereichs. Der Mensch

in diesem Sinne, „Herr der Erde“ als Techniker, als Naturforscher --

und dieser Mensch durchdrungen von der Liebe: -- diese Erde wäre ein

Reich der Liebe innerhalb ihrer Naturgesetzlichkeit und durch sie.

Nun mag man ja sagen, dieser Mensch mit seiner ganzen Erde sei nur ein

Pünktlein in der Natur. Ein Sternlein sei diese Erde unter Milliarden.

Was will das eine Sternlein der Liebe selbst dann gegen Milliarden

Sterne der fortgesetzten reinen Naturgesetzlichkeit bloß im alten Sinne.

Aber gerade weil ich das Auftauchen des Menschen und der Liebe in

ihm nicht als eine Magie auffasse, sondern als ein naturnotwendiges

Werden auf dieser Erde, halte ich solche Notwendigkeit auch auf anderen

Weltkörpern für möglich.

Ja, ich halte sie aus strengen Verstandesgründen sogar für sicher.

Ich sehe in der Menschwerdung eine kosmische Stufe, die genau so

milliardenmal eintritt zu ihrer Zeit, wie Milliarden Sterne leuchten

gleich unserer Sonne zu ihrer Zeit.

Aus der Naturstufe Mensch wird sich aber immer auch das Naturprinzip

Liebe neu offenbaren, milliardenmal, durch die ganze Natur hindurch, --

wenn es eben ein Naturprinzip, eine höhere sich entfaltende Form dieser

Natur ist.

Auf jedem belebten Weltkörper werden Menschen erwachen und in

diesen Menschen ein Funken Liebe und zugleich ein Wegstückchen

Naturbeherrschung, -- ein Stückchen Bändigung der Natur zu Zwecken der

Liebe.

Und in diesem ihrem Werk müssen die Funken wohl schließlich sogar

zusammenfließen. Ist doch die Verbindung zuletzt eine reine Frage

der Technik. Was sollen wir aber einer Technik für Schranken setzen,

die sich Millionen von Jahre über das hinaus entfaltet, was wir

heute besitzen. Zusammenhänge werden sich herausstellen zwischen den

unzähligen kleinen Ecken und Winkeln der Naturbeherrschung.

Im Moment, da alles Geschehen der Welt in den Händen, im Willen

intelligenter Wesen liegt, alle Naturgesetzlichkeit nur in der Linie

arbeitet, die dieser Wille will, -- in dem Moment würde die zweite

Stufe erfüllt sein. Naturgesetz und Liebe fielen zusammen im Sinne, daß

das Naturgesetz nur mehr wirkte in der Richtung der Wünsche der Liebe.

Seine unendlichen Möglichkeiten wären sozusagen polarisiert auf die

eine Ebene -- der Liebe.

Für unsern Blick, in der Linie, die wir allein auf unserer Stufe

denken können, bedeutete das die Stufe der vollkommenen Seligkeit: den

Himmel. Wobei immerhin offen bleiben mag, wie auch diese Stufe von noch

weiterer Entwickelung überwunden, überboten werden könnte.

-- -- --

Solange die Menschheit jetzt über sich nachdenkt und Ideen darüber

schriftlich niedergelegt hat, ist sie immer auf diesen fernen

Zielgedanken hinausgekommen einer gesetzmäßigen Welt, aber mit

einer obersten Leiterin in dieser Gesetzmäßigkeit: der Liebe. Die

Gesetzmäßigkeit sorgend für die ewig Fortwirkung jeder Ursache. Aber

die Liebe das erste „Daß“ setzend, von dem alle diese Fortwirkungen

ausstrahlen.

Unsagbar aber hat sich der Gedanke abgequält mit der Tatsache, daß

offenbar dieses Ideal heute noch nicht erfüllt sei.

Ungeheure Ketten solcher naturgesetzlichen Folgerichtigkeit liefen auf

höchste Unlust, auf das Gegenteil aller Liebesforderung hinaus.

Man stieß eben gegen den Sachverhalt, daß wir erst im +Werden+ der

zweiten Stufe stehen, daß hinter uns nicht die Liebe, sondern die Stufe

des wahllosen Muß steht, während erst vor uns, in der Ferne und durch

uns in endlosester Projektion, die wahre Aufhebung dieses Muß in die

Liebe steht.

Schließlich hat aber auch an den verschiedensten Stellen das unentwegte

Grübeln auf die Zukunftshoffnung geführt: auf die Idee einer Seligkeit

in einer Ferne der Zeit, am „Ende der Dinge“, am „jüngsten Tag“, im

„Nirwana“, und wie die Worte lauten mochten.

Auch das ist der grübelnden Menschheit immer und immer wieder klar

geworden: ihre seltsame Zwitterstellung halb scheinbar mit der „Natur“,

halb gegen die „Natur“.

Es waren die zwei Stufen der Natur, die in ihr rangen: die Raupe, die

unter quälendem Schmerz sich selber als Puppe gebären soll.

Aus der Schneegrube · 第 6 / 13 题