Dresden 1923
Carl Reißner
Vorrede.
Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen
lachender Frühling -- und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann
nur ein Stück Eiszeit dauert?
Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben
des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche
Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.
Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?
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Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt
und klärt.
Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem
Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber
ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag
zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.
„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört
ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich
hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der
ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten,
verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche
tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger
begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen,
wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch
die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt
alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen
Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige
Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine
Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen
Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“
Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der
blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft
um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine
Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem
Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues
Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün
dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo
das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine
Quell leise summend und plätschernd hindurch.
Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet
....?