Aber gerade darum spielte er so schön. Er spielte, wie wenn er der

Sklave seines Zauberspieles sei, und das Spiel der dämonische Zauberer.

Nicht er selber war so sehr der Dämon als vielmehr es, das Spiel, ganz

allein, und er, der Spieler, der Unterjochte, darum spielte er, als sei

er der blasse silberne Mond, der sich taucht in das mitternächtliche

tiefe schwarze Wasser; als sei er der blitzende Stern am dunklen

stillen Himmel; als sei er das Wort im Mund des Liebenden, redend zu

der Geliebten; als sei er eine Nachtigall und wisse sich nicht zu

lassen vor Lust am Klagen und süßen Seufzen, als sei er das stolze

feurige Pferd und galoppiere in die Schlacht, als sei er der verwundete

Krieger in der Schlacht und müsse sterben an seinen Wunden; als sei er

wieder das sechzehnjährige Mädchen und träume von Liebe; als sei er

der Kuß, gegeben und empfangen von zwei schönen zuckenden, fiebernden

Lippenpaaren und ziehe sich in die Länge, als müßten zwei, die sich

sterblich lieben, für immer grausam voneinander Abschied nehmen, am

letzten feierlichen Kuß noch recht lange lechzend.

So spielte er, und die Zuhörer hatten Tränen in den Augen. Den bösesten

Wüstling und Rohling überfielen Zartheiten, deren Gewalt er sich

nicht erwehren konnte, die Männer vergaßen, daß sie Männer seien und

überließen sich völlig dem Genuß des Horchens und Empfindens; und

die Frauen fühlten sich geküßt und geherzt von einem eingebildeten

Geliebten, der sinnlich überirdisch sich auf sie niederstürzte, ganz

Liebkosung.

So spielte er. Gleich einem Engel spielte er, und viele Hörer deckten

sich die Augen zu, um mit inneren Augen in das Reich der Seele, der

Liebe und der strahlenden Schönheit zu schauen. Oftmals aber wieder

wetterte und zürnte er wie das tobende, krachende, zischende und

stürmende Ungewitter, der grollende, zürnende Donner rollte, und

ein schwarzer, mit Zorn und Finsternis geladener Himmel sank in den

Konzertsaal, und der Blitz zuckte jäh umher mit seinen schauerlich

schönen, jähzornig-anmutigen Zickzacklinien. Unmittelbar darauf verlor

er sich in süßen, sonnigen, goldenen Harmonien, daß die Leute meinten,

sie seien in den Himmel gekommen und alles um sie her sei blau von

Freude, Güte und Liebe. Dies war eine Art von allesumfassender Liebe,

eine Art von Schwelgen und Schmelzen in Seligkeiten. Paganinis Musik

glich oft einer hinreißend schönen Predigt, und die strenggläubigsten

Leute besuchten gern sein Konzert, das einen Feuerstrom von Religion

enthielt. Auch heute wieder spielte er wie ein Prediger des Wortes

Gottes; nur waren es Töne, nicht Worte, und der Mund, mit dem er

redete, war seine Geige, der er die ganze Tonwelt entlockte. Bald

jammerte und bald jubelte er; bald loderte er wie das Feuer und bald

zerfloß er wie weicher nasser Schnee unter dem Kuß der Sonne. Auf

einmal war er das Meer; dann wieder glich er der keuschen schüchternen

Blüte, aber immer war er wahr und groß und er spielte ohne alle

Umstände. Die Musik war ihm wie das wogende Leben selber; wie hätte er

da eitel sein können? Er litt ja unter der Kunst; sie war seine süße

unerbittliche Herrin, der Felsen, den er zu erklettern, der Widerstand,

den er zu besiegen, der Himmel, den er von neuem immer wieder zu

erstürmen und zu erobern hatte.

Auch an diesem Abend war das wieder so: er lebte, indem er spielte

und war ganz nur Mensch, wo er konzertierte. Alle, die ihm zuhörten,

fühlten das. Wer gehässig und überdrüssig war, der fing an zu lieben

und zu beten beim Anhören des wunderbaren Spieles, das in die Seelen

strahlte wie Sonnenstrahlen. Die Abneigung mußte sich in Neigung,

der Unmut sich in Mut, die Unlust sich in Lust und der Unsegen sich

in Segen verwandeln. So bannte und bezauberte er das Publikum, sich

selber bezaubernd. Erinnerungen machte er aufsteigen, und lange Zeit

schon Totes und Verschüttetes erweckte er zum Leben; dafür war, wer ihm

lauschte, ganz nur Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr.

Da plötzlich, als sei er erwacht aus einem schönen Traum, endete er

sein Spiel. Da war es den Leuten ums Herz, als sei die ganze Zeit über,

während er gespielt hatte, der Himmel offen gewesen, und nun sei der

Anblick ihnen wieder verloren gegangen. Still erhoben sie sich von den

Plätzen und gingen nach Hause.

[Illustration]

Die Schlacht bei Sempach

Eines Tages, mitten im heißen Sommer, zog sich auf der staubbedeckten

Landstraße ein Heereszug in die Luzerner Gegend langsam dahin. Die

helle, eigentlich mehr als helle Sonne blendete auf die tanzenden

Rüstungen herab, auf Rüstungen, die Menschenkörper bedeckten, auf

tanzende Rosse, auf Helme und Stücke Gesichter, auf Pferdeköpfe und

Schweife, auf Zieraten und Büsche und Steigbügel, die groß waren wie

Schneeschuhe. Rechts und links von dem glänzenden Heereszug breiteten

sich Wiesen mit Tausenden von Obstbäumen aus, bis an Hügel heran,

die aus der blau-duftenden, halb verschwommenen Ferne wie leise

und behutsam gemalte Dekorationen winkten und wirkten. Es war eine

vormittäglich drückende Hitze, eine Wiesenhitze, eine Gras-, Heu-

und Staubhitze, denn Staub wurde aufgeworfen, wie dicke Wolken, die

manchmal Stücke und Teile vom Heer einhüllen wollten. Schleppend,

stampfend und nachlässig ging die schwere Kavalkade vorwärts; sie glich

oft einer schillernden, langen Schlange, oft einer Eidechse ungeheuren

Umfanges, oft einem großen Stück Tuch, reich von Figuren und farbigen

Formen durchwoben und feierlich nachgezogen, wie Damen, meinetwegen

ältliche und herrische, gewöhnt sind, Schleppen nachzuziehen. In der

ganzen Art und Weise dieses Heergewoges, im Stampfen und Klirren,

in diesem schnöden schönen Gerassel lag ein einziges »Meinetwegen«

enthalten, etwas Freches, sehr Zuversichtliches, etwas Umwerfendes,

träg beiseite Schiebendes. Alle diese Ritter unterhielten sich,

so gut es durch die stählernen Mäuler gehen wollte, in fröhlichem

Wortgefecht miteinander; Lachen ertönte und dieser Laut paßte

vorzüglich zu dem hellen Ton, den die Waffen und Ketten und goldenen

Gehänge verursachten. Die Morgensonne schien manches Blech und feinere

Metall noch zu liebkosen, die Pfeifentöne flogen zu der Sonne herauf;

ab und zu reichte einer der vielen zu Fuß daherstelzenden Diener

seinem reitenden Herrn einen delikaten Bissen, an eine silberne

Gabel gesteckt, zum schwankenden Sattel hinauf. Wein wurde flüchtig

getrunken, Geflügel verzehrt und nicht Eßbares ausgespuckt, mit

einer leichten, sorglosen Gemütlichkeit, denn es ging ja in keinen

ernsthaften, ritterlichen Krieg, es ging zu Abstrafung, Notzucht, zu

blutigen, höhnischen, schauspielerischen Dingen, so dachte jeder;

und jeder erblickte schon die Masse von abgeschlagenen Köpfen, die

die Wiese blutig färben sollten. Unter den Kriegsherren befand sich

mancher wundervolle junge adelige Mensch in herrlicher Bekleidung, zu

Pferd sitzend wie ein vom blauen, ungewissen Himmel niedergeflogener

männlicher Engel. Mancher hatte den Helm, um es sich bequem gemacht

zu haben, abgezogen und einem Troßbuben zum Tragen herabgereicht und

zeigte so der freien Luft ein sonderbar von Unschuld und Übermut schön

gezeichnetes Gesicht. Man erzählte die neuesten Witze und besprach

die jüngsten Geschichten von galanten Frauen. Wer ernst blieb, wurde

zum besten gehalten; eine nachdenkliche Miene schien man heute

unanständig und unritterlich zu finden. Die Haare der Jünglinge, die

ihren Helm abgenommen hatten, glänzten und dufteten von Salben und Öl

und wohlriechendem Wasser, das sie sich aufgeschüttet hatten, als habe

es gegolten, zu einer koketten Dame zu reiten, um ihr reizende Lieder

vorzusingen. Die Hände, von denen die eisernen Handschuhe abgestreift

worden, sahen nicht kriegerisch, vielmehr gepflegt und verhätschelt

aus, schmal und weiß wie Hände von jungen Mädchen.

Einer allein in dem tollen Zug war ernst. Schon sein Äußeres, eine

tiefschwarze, von zartem Gold durchbrochene Rüstung, zeigte an, wie

der Mensch, den sie deckte, dachte. Es war der edle Herzog Leopold von

Österreich. Dieser Mann sprach kein Wort; er schien ganz in sorgenvolle

Gedanken versunken. Sein Gesicht sah aus wie das eines Menschen, der

von einer frechen Fliege um das Auge herum belästigt wird. Diese Fliege

wird wohl seine böse Ahnung gewesen sein, denn um seinen Mund spielte

ein fortwährendes verächtlich-trauriges Lächeln; das Haupt hielt er

gesenkt. Die ganze Erde, so heiter sie auch aussah, schien ihm zornig

zu rollen und zu donnern. Oder war es nur der trampelnde Donner der

Pferdehufe, da man jetzt eine hölzerne Reußbrücke passierte? Immerhin:

etwas Unheilverkündendes wob schauerlich um des Herzogs Gestalt.

* * * * *

In der Nähe des Städtchens Sempach machte das Heer Halt; es war jetzt

so um zwei Uhr nachmittags. Vielleicht war es auch drei Uhr; es war den

Rittern so gleichgültig, wieviel Uhr es sein mochte; ihretwegen hätte

es zwanzig Uhr sein dürfen: sie würden es auch in der Ordnung gefunden

haben. Man langweilte sich schon schrecklich und fand jede leise Spur

von kriegerischer Maßregel lächerlich. Es war ein stumpfsinniger

Moment, es glich einem Scheinmanöver, wie man jetzt aus den Sätteln

sprang, um Stellung zu nehmen. Das Lachen wollte nicht mehr tönen,

man hatte schon so viel gelacht, eine Ermattung, ein Gähnen stellte

sich ein. Selbst die Rosse schienen zu begreifen, daß man jetzt nur

noch gähnen könne. Das dienende Fußvolk machte sich hinter die Reste

der Speisen und Weine, soff und fraß, was es noch zu fressen und zu

saufen gab. Wie lächerlich dieser ganze Feldzug allen erschien! Dieses

Lumpenstädtchen, das noch trotzte: wie dumm das war!

Da ertönte plötzlich in die furchtbare Hitze und Langeweile hinein

der Ruf eines Hornes. Eine eigentümliche Ankündigung, die ein paar

aufmerksamere Ohren horchen ließ: Was kann da nun sein? Horch: schon

wieder. Da tönte es schon wieder, wirklich, und man hätte allgemein

glauben sollen, diesmal ertöne es in weniger weiter Entfernung. »Aller

guten Dinge sind drei«, lispelte ein geckiger Witzbold; »töne doch

noch einmal, Horn!« Eine Weile verging. Man war etwas nachdenklich

geworden; und nun, mit einem Mal, fürchterlich, als hätte das Ding

Flügel bekommen und reite auf feurigen Ungeheuern daher, flammend und

schreiend, setzte es noch einmal an, ein langer Schrei: Wir kommen! Es

war in der Tat, als bekomme da plötzlich eine Unterwelt Lust, durch

die harte Erde durchzubrechen. Der Ton glich einem sich öffnenden

dunklen Abgrund und es wollte scheinen, als ob jetzt die Sonne aus

einem finsteren Himmel herableuchte, noch glühender, noch greller,

aber wie aus einer Hölle, nicht wie aus einem Himmel herab. Man lachte

auch jetzt noch; es gibt ja Momente, wo der Mensch glaubt, lächeln zu

sollen, während er sich vom Entsetzen angepackt fühlt. Die Stimmung

eines Heereszuges von vielen Menschen ist schließlich ja nicht viel

anders als die Stimmung eines einzelnen, einsamen Menschen. Die ganze

Landschaft in ihrer brütend weißlichen Hitze schien jetzt nur noch

immer Tut zu machen, sie war zum Hörnerton geworden; und nun warf sich

denn auch alsobald zu dem Tonraum, wie aus einer Öffnung, der Haufe

von Menschen heraus, denen der Ruf vorangegangen war. Jetzt hatte die

Landschaft keine Kontur mehr; Himmel und sommerliche Erde verschwammen

in ein Festes; aus der Jahreszeit, die verschwand, war ein Fleck, ein

Fechtboden, ein kriegerischer Spielraum, ein Schlachtfeld geworden.

In einer Schlacht geht die Natur immer unter, der Würfel herrscht nur

noch, das Gewebe der Waffen, der Haufe Volkes und der andere Haufe

Volkes.

Der vorwärtseilende, allem Anschein nach hitzige Volkshaufe kam näher

heran. Und der ritterliche Haufe war fest, er schien auf einmal

ineinandergewachsen zu sein. Kerle von Eisen hielten ihre Lanzen vor,

daß man auf der Lanzenbrücke hätte per Break spazierenfahren können,

so dicht waren die Ritter eingeklemmt und so stumpfsinnig stach Lanze

an Lanze nach vorn, unbeweglich, unverrückbar, gerade etwas, sollte

man gemeint haben, für so eine drängende, stürmende Menschenbrust, die

sich daran festspießen könnte. Hier eine stupide Wand von Spitzen, dort

Menschen, mit Hemden zur Hälfte bedeckt. Hier Kriegskunst, von der

borniertesten Sorte, dort Menschen von ohnmächtigem Zorn ergriffen. Da

stürmte nun immer einer und dann der andere, verwegen, um nur dieser

ekelhaften Unlust ein Ende zu machen, in eine der Lanzenspitzen toll,

verrückt, vom Zorn und von der Wut hingeworfen. Natürlich auf die Erde,

ohne nur den behelmten und befiederten Lümmel aus Eisen noch mit

der Handwaffe getroffen zu haben, erbärmlich aus der Brust blutend,

sich überschlagend, das Gesicht in den staubigen Rossedreck, den hier

die adeligen Rosse hinterlassen hatten. So ging's all diesen beinahe

unbekleideten Menschen, während die Lanzen, schon von dem Blut gerötet,

höhnisch zu lächeln schienen.

* * * * *

Nein: Das war nichts; man sah sich auf der Seite der »Menschen«

genötigt, einen Trick anzuwenden. Der Kunst gegenübergestellt, wurde

Kunst nötig oder irgendein hoher Gedanke; und dieser höhere Gedanke,

in Gestalt eines Mannes von hoher Figur, trat auch alsogleich vor,

merkwürdig, wie von einer überirdischen Macht vorgeschoben, und sprach

zu seinen Landsleuten: »Sorget ihr für mein Weib und für meine Kinder,

ich will euch eine Gasse bohren«; und warf sich blitzschnell, um nur

ja nicht an seiner Lust, sich zu opfern, zu erlahmen, in vier, fünf

Lanzen, riß auch noch mehrere, so viele, wie er sterbend packen konnte,

nach unten, zu seiner Brust, als könne er gar nicht genug eiserne

Spitzen umarmen und an sich drücken, um nur ja so recht aus dem Vollen

untergehen zu können, und lag am Boden und war Brücke geworden für

Menschen, die auf seinen Leib traten, auf den hohen Gedanken, der eben

getreten sein wollte. Nichts wird je wieder einem solchen Schmettern

gleichen, wie nun die leichten, von der Wut gestoßenen und gehobenen

Berges- und Talmenschen hineinschmetterten, in die tolpatschige

verruchte Wand hinein, und sie zerrissen und zerklopften, Tigern

ähnlich, die eine wehrlose Herde von Kühen zerreißen. Die Ritter waren

jetzt fast ganz wehrlos geworden, da sie sich, in ihre Enge gekeilt,

kaum nach einer Seite bewegen konnten. Was auf Pferden saß, wurde wie

Papier hinuntergeworfen, daß es krachte, wie mit Luft gefüllte Tüten

krachen, wenn man sie zwischen zwei Händen zusammenschlägt. Die

Waffen der Hirten erwiesen sich jetzt als furchtbar und ihre leichte

Bekleidung als gerade recht; um so lästiger waren die Rüstungen für

die Ritter. Köpfe wurden von Hieben gestreift, scheinbar nur gestreift

und erwiesen sich schon als eingeschlagen. Es wurde immer geschlagen,

Pferde wurden umgeworfen, die Wut und die Kraft nahmen immer zu, der

Herzog wurde getötet; es wäre ein Wunder gewesen, wenn er nicht getötet

worden wäre. Diejenigen, die schlugen, schrien dazu, als gehöre es sich

so, als wäre das Töten eine noch zu geringfügige Vernichtung, etwas nur

Halbes.

Hitze, Dampf, Blutgeruch, Dreck und Staub und das Geschrei und Gebrüll

vermischten sich zu einem wilden, höllischen Getümmel. Sterbende

empfanden kaum noch ihr Sterben, so rapid starben sie. Sie erstickten

vielfach in ihren prahlerischen Eisenrüstungen, diese adeligen

Dreschflegel. Was galt nun noch eine Stellungnahme? Jeder würde

gern darauf gepfiffen haben, wenn er überhaupt noch hätte pfeifen

können. An die hundert schönen Edelleute ertranken, nein: ersoffen im

nahegelegenen Sempachersee; sie ersoffen, denn sie wurden wie Katzen

und Hunde ins Wasser gestürzt, sie überpurzelten und überschlugen sich

in ihren eleganten Schnabelschuhen, daß es eine wahre Schande war. Der

herrlichste Eisenpanzer konnte nur noch Vernichtung versprechen und die

Verwirklichung dieser Ahnung war eine fürchterlich korrekte. Was war es

nun, daß man daheim, irgendwo im Aargau oder in Schwaben, Schloß, Land

und Leute besaß, eine schöne Frau, Knechte, Mägde, Obstland, Feld und

Wald und Abgaben und die feinsten Privilegien? Das machte das Sterben

in diesen Pfützen, zwischen dem straffgezogenen Knie eines tollen

Hirten und einem Stück Boden, nur noch bitterer und elender. Natürlich

zerstampften die Prachtrosse in wilder Flucht ihre eigenen Gebieter;

viele Herren auch blieben, indem sie jählings absteigen wollten, in

den Steigbügeln mit ihren dummen Modeschuhen hängen, so daß sie mit

den blutenden Hinterköpfen die Wiesen küßten, während die erschreckten

Augen, bevor sie erloschen, den Himmel über sich wie eine ergrimmte

Flamme brennen sahen. Freilich brachen auch Hirten zusammen, aber auf

einen Nacktbrüstigen und Nacktarmigen kamen immer zehn Stahlbedeckte

und Eingemummelte. Die Schlacht bei Sempach lehrt eigentlich, wie

furchtbar dumm es ist, sich einzumummeln. Hätten sie sich bewegen

können, diese Hampelmänner: gut, sie würden sich eben bewegt haben;

einige taten es, da sie endlich sich vom Allerunerträglichsten,

was sie über dem Leib hatten, befreit hatten. »Ich kämpfe mit

Sklaven, o Schande!« rief ein schöner Junge mit gelblich vom Haupt

niederquellenden Locken und sank, von einem grausamen Hieb ins liebe

Gesicht getroffen, zu Boden, wo er, zu Tode verwundet, ins Gras biß mit

dem halb zerschmetterten Munde. Ein paar Hirten, die ihre Mordwaffen

aus den Händen verloren hatten, fielen wie Ringer auf dem Ringplatz

die Gegner von unten herauf mit Nacken und Kopf an oder warfen sich,

den Streichen ausweichend, auf den Hals der Ritter und würgten, bis

abgewürgt war.

* * * * *

Inzwischen war Abend geworden, in den Bäumen und Büschen glühte das

erlöschende Licht, während die Sonne zwischen den dunklen Vorbergen wie

ein toter, schöner, trauriger Mann untersank. Die grimmige Schlacht

hatte ein Ende. Die schneeweißen, blassen Alpen hingen im Hintergrund

der Welt ihre schönen, kalten Stirnen hinunter. Man sammelte jetzt

die Toten, man ging zu diesem Zweck still umher, hob auf, was an

gefallenen Menschen am Boden lag, und trug es in das Massengrab, das

andere gegraben hatten. Fahnen und Rüstungen wurden zusammengetan, bis

es ein stattlicher Haufe wurde. Geld und Kostbarkeiten, alles gab

man an einem bestimmten Ort ab. Die meisten dieser einfachen, starken

Männer waren still und gut geworden; sie betrachteten den erbeuteten

Schmuck nicht ohne wehmutvolle Verachtung, gingen auf den Wiesen

umher, sahen den Erschlagenen in die Gesichter und wuschen Blut ab,

wo es sie reizte, zu sehen, wie etwa noch die besudelten Gesichtszüge

aussehen mochten. Zwei Jünglinge fand man zu Füßen eines Buschwerkes

mit Gesichtern, so jung und hell, mit im Tode noch lächelnden Lippen,

umarmt am Boden. Dem einen war die Brust eingeschlagen, dem anderen

der Leib durchgehauen worden. Bis in die späte Nacht hatten sie zu

tun; mit Fackeln wurde dann gesucht. Den Arnold von Winkelried fanden

sie und erschauerten beim Anblick dieser Leiche. Als die Männer ihn

begruben, sangen sie mit dunkeln Stimmen eins ihrer schlichten Lieder;

mehr Gepränge gab es da nicht. Priester waren nicht da; was hätte

man mit Priestern tun sollen? Beten und dem Herrgott danken für den

erfochtenen Sieg: Das durfte ruhig ohne kirchliches Gefackel geschehen.

Dann zogen sie heim. Und nach ein paar Tagen waren sie wieder in ihre

hohen Täler zerstreut, arbeiteten, dienten, wirtschafteten, sahen nach

den Geschäften, versahen das Nötige und sprachen noch manchmal ein

Wort von der erlebten Schlacht; nicht viel. Sie sind nicht gefeiert

worden (ja, vielleicht ein bißchen, in Luzern beim Einzug): gleichviel,

die Tage gingen darüber weg, denn barsch und rauh werden die Tage mit

ihren mannigfachen Sorgen schon damals, Anno 1386, gewesen sein. Eine

große Tat tilgt die mühselige Folge der Tage nicht aus. Das Leben steht

an einem Schlachtentag noch lange nicht still; die Geschichte nur

macht eine kleine Pause, bis auch sie, vom herrischen Leben gedrängt,

vorwärtseilen muß.

[Illustration]

Tagebuch eines Schülers

Als Progymnasiast sollte man eigentlich anfangen, ein wenig ernsthaft

über das Leben nachzudenken. Nun: Das gerade will ich versuchen.

Einer unserer Lehrer heißt Wächli. Ich muß immer lachen, wenn ich an

Wächli denke; er ist doch zu komisch. Er gibt immer Ohrfeigen, aber

diese seltsamen Ohrfeigen tun gar nicht weh. Der Mann hat es noch

nicht gelernt, richtige, gutsitzende Ohrfeigen zu geben. Er ist der

gutmütigste, drolligste Mensch der Welt; und wie ärgern wir ihn! Das

ist nicht edel. Wir Schüler sind überhaupt keine vornehmen Naturen;

uns fehlt vielfach das schöne abmessende Taktgefühl. Warum stürzen

wir uns mit unserem Witz eigentlich gerade über einen Wächli? Wir

haben wenig Mut; wir verdienten einen Inquisitor zum Vorgesetzten.

Ist Wächli einmal vergnügt und heiter, dann benehmen wir uns so, daß

seine muntere, zufriedene Stimmung augenblicklich davonfliegen muß. Ist

das richtig? Kaum. Ist er zornig, so lachen wir ihn nur aus. Ach, es

gibt Menschen, die im Zorn so komisch sind; und gerade Wächli scheint

zu dieser Sorte zu gehören. Des Meerrohres bedient er sich nur ganz

selten; er ist sehr selten in solcher Wut, daß er nötig hat, zu diesem

widerwärtigen Mittel zu greifen. Dick und groß ist er von Gestalt und

sein Gesicht ist purpurrot angelaufen. Was soll ich noch sonst von

diesem Wächli sagen? Im allgemeinen, scheint mir, hat er seinen Beruf

verpaßt. Er sollte Bienenzüchter sein oder so etwas. Er tut mir leid.

* * * * *

Blok (so heißt unser Französischlehrer) ist ein langer, dürrer Mensch

von unsympathischem Wesen. Er hat dicke Lippen und die Augen möchte man

auch dick und aufgeblasen nennen; sie ähneln den Lippen. Er spricht

boshaft und geläufig. Das hasse ich. Ich bin sonst ein ganz guter

Schüler, aber bei Blok habe ich meistens nur Mißerfolge zu verzeichnen.

Das kommt jedenfalls daher, daß dieser Mensch mir das Lernen verleidet.

Man muß ein unempfindlicher Kerl sein, um bei Blok gut und brav

dazustehen. Nie kommt er aus sich heraus. Wie verletzend ist das für

uns Schüler, empfinden zu müssen, daß wir ganz außerstande sind, diese

lederne Briefmappe von Mensch irgendwie ärgern zu können. Er gleicht

einer Wachsfigur und das hat etwas Unheimliches und Schreckliches. Er

muß einen häßlichen Charakter haben und ein abscheuliches Familienleben

führen. Gott behüte einen vor solch einem Vater. Mein Vater ist ein

Juwel: Das empfinde ich besonders lebhaft, wenn ich Blok betrachte.

Wie steif er immer dasteht: so, als wenn er zur Hälfte aus Holz und

zur Hälfte aus Eisen wäre. Wenn man bei ihm nichts kann, so höhnt er

einen aus. Andere Lehrer werden doch wenigstens wütend. Das tut einem

wohl, denn man erwartet es. Ehrliche Entrüstung macht einen so guten

Eindruck. Nein, kalt steht er da, dieser Blok, und konstatiert Lob oder

Tadel. Sein Lob ist schmierig, denn es erwärmt einen gar nicht; und

mit seinem Tadel weiß man nichts anzufangen, denn er kommt aus ganz

trockenem, gleichgültigem Mund. Bei Blok verwünscht man die Schule; er

ist auch gar kein rechter Lehrer. Ein Lehrer, der die Gemüter nicht zu

bewegen versteht ... Aber was rede ich da? Tatsache ist, daß Blok mein

Französischlehrer ist. Das ist traurig, aber es ist eine Tatsache.

* * * * *

Geschichten(#76191) · 第 6 / 7 段