vernichtet. Er will höchste Meisterschaft, gut, gut. Was da. Gezaudert?
Hinein in den Papierkorb. Neues, Wilderes, Schöneres. Er fängt die
Sempacherschlacht an mit der Figur des Leopold von Österreich im
Mittelpunkt, dessen sonderbares Geschick ihn reizt. Dazwischen erinnert
er sich des Robert Guiskard. Den will er herrlich haben. Das Glück, ein
vernunftvoll abwägender, einfach empfindender Mensch zu sein, sieht er,
zu Geröll zersprengt, wie polternde und schmetternde Felsblöcke den
Bergsturz seines Lebens hinunterrollen. Er hilft noch, es ist jetzt
entschieden. Er will dem Dichterunstern gänzlich verfallen sein: es ist
das beste, ich gehe möglichst rasch zugrunde!
Sein Schaffen zieht ihm die Grimasse, es mißlingt. Gegen den Herbst
wird er krank. Er wundert sich über die Sanftheit, die jetzt über ihn
kommt. Seine Schwester reist nach Thun, um ihn nach Hause zu bringen.
Tiefe Gruben liegen in seinen Wangen. Sein Gesicht hat die Züge und
die Farbe eines in der ganzen Seele Zerfressenen. Seine Augen sind
lebloser als die Augenbrauen darüber. Die Haare hängen ihm in dicken,
spitzen Klumpen von Strähnen in die Stirne, die verzerrt ist von all
den Gedanken, die ihn, wie er sich einbildet, in schmutzige Löcher und
Höllen hinabgezogen haben. Die Verse, die ihm im Gehirn tönen, kommen
ihm wie Rabengekrächze vor, er möchte sich das Gedächtnis ausreißen.
Das Leben möchte er ausschütten, aber die Schalen des Lebens will er
zuerst zertrümmert haben. Sein Grimm gleicht seinem Schmerz, sein Hohn
seinen Klagen. Was fehlt dir, Heinrich, liebkost ihn die Schwester.
Nichts, nichts. Das hat noch gefehlt, daß er sagen soll, was ihm
fehlt. Auf dem Boden des Zimmers liegen die Manuskripte wie von Vater
und Mutter scheußlich verlassene Kinder. Er gibt seiner Schwester die
Hand und begnügt sich, sie lange und stillschweigend anzuschauen. Es
gleicht bereits einem Glotzen, und das Mädchen schaudert.
Dann reisen sie. Das Meitschi, das Kleist die Wirtschaft geführt hat,
sagt ihnen Adieu. Es ist ein strahlender Herbstmorgen, der Wagen
rollt über Brücken, an Leuten vorbei, durch grobpflastrige Gassen,
Leute schauen zu Fenstern heraus, oben ist Himmel, unter Bäumen ist
gelbliches Laub, sauber ist alles, herbstlich, was weiter? Und der
Fuhrmann hat eine Pfeife im Mund. Es ist alles wie immer. Kleist sitzt
in eine Ecke des Wagens gedrückt. Die Türme des Thuner Schlosses
verschwinden hinter einem Hügel. Später, in weiter Ferne, sieht
die Schwester Kleistens noch einmal den schönen See. Ein bißchen
kühl ist es jetzt schon. Landhäuser kommen. Na nu, solche vornehme
Landsitze in einer solchen Berggegend? Weiter. Alles fliegt und
sinkt vor den Seitenblicken nach rückwärts, alles tanzt, kreist und
schwindet. Vieles ist schon in herbstliche Schleier gehüllt, und ein
bißchen vergoldet ist alles von einem bißchen Sonne, die aus Wolken
herausscheint. Solches Gold, wie das schimmert, und wie man's doch
nur im Dreck auflesen kann. Höhen, Felswände, Täler, Kirchen, Dörfer,
Gaffer, Kinder, Bäume, Wind, Wolken, ei was. Ist's was Besonderes?
Ist's nicht das Weggeworfen-Gewöhnlichste? Kleist sieht nichts. Er
träumt von Wolken und Bildern und ein bißchen von lieben, schonenden,
streichelnden Menschenhänden. Wie ist dir, fragt die Schwester. Kleist
zuckt mit dem Mund und will ihr ein wenig zulächeln. Es geht, aber
mühsam. Es ist ihm, als habe er vom Mund einen Steinblock wegräumen
müssen, um lächeln zu können.
Die Schwester wagt vorsichtig von baldiger Inangriffnahme einer
praktischen Betätigung zu reden. Er nickt, er ist selber der
Überzeugung. Ihm flimmern musizierende, helle Scheine um die Sinne.
Eigentlich, wenn er es sich aufrichtig gesteht, ist ihm jetzt ganz
wohl; weh, aber zugleich wohl. Es schmerzt ihn etwas, ja, in der
Tat, ganz recht, aber nicht in der Brust, auch nicht in der Lunge,
nicht im Kopf, was? Wirklich? Gar nirgends? Ja doch, so ein bißchen,
irgendwo, daß es ja sei, daß man's nicht genau sagen kann. Item, die
Sache ist nicht der Rede wert. Er sagt etwas, und dann kommen Momente,
wo er geradezu kindlich glücklich ist, und da natürlich macht das
Mädchen gleich eine etwas strenge, strafende Miene, um ihm's denn doch
auch ein bißchen zu zeigen, wie sonderbar er eigentlich mit seinem
Leben spiele. Das Mädchen ist eben eine Kleistin und hat Erziehung
genossen, das, was der Bruder über den Haufen hat werfen wollen. Sie
ist natürlich seelenfroh, daß es ihm besser geht. Weiter, hei, hei, ist
das eine Wagenfahrt. Aber zu guter Letzt wird man ihn laufen lassen
müssen, den Postwagen, und zu allerletzt kann man sich ja noch die
Bemerkung erlauben, daß an der Front des Landhauses, das Kleist bewohnt
hat, eine marmorne Tafel hängt, die darauf hindeutet, wer da gelebt
und gedichtet hat. Reisende mit Alpentourenabsichten können's lesen,
Kinder aus Thun lesen und buchstabieren es, Ziffer für Ziffer, und
schauen einander dann fragend in die Augen. Ein Jude kann's lesen, der
Christ auch, wenn er Zeit hat und nicht etwa der Zug schon im Abfahren
begriffen ist, ein Türke, eine Schwalbe, inwiefern sie Interesse daran
hat, ich auch, ich kann's gelegentlich auch wieder einmal lesen. Thun
steht am Eingang zum berner Oberland und wird jährlich von vielen
tausenden Fremden besucht. Ich kann die Gegend ein bißchen kennen, weil
ich dort Aktienbierbrauereiangestellter gewesen bin. Die Gegend ist
bedeutend schöner, als wie ich sie hier habe beschreiben können, der
See ist noch einmal so blau, der Himmel noch dreimal so schön, Thun hat
eine Gewerbeausstellung gehabt, ich weiß nicht, ich glaube vor vier
Jahren.
[Illustration]
Wenzel
Es ist Neujahrsabend, und wir befinden uns im Stadttheater zu Twann,
einem schon von den Römern gegründeten Städtchen, gelegen am Fuße einer
hohen Bergkette. Wir wollen uns indessen nicht über die Geographie
verbreiten, sondern den »Räubern« von Schiller zusehen, denn diese
werden gespielt, mit diesem Stück beginnt man gewöhnlich zu Twann die
Saison. Es wird feurig gespielt, wenigstens findet das Wenzel, ein
junger Drahtfabriklehrling von ungefähr siebzehn Jahren. Er steht
oder sitzt oben auf der Galerie, von der es allgemein heißt, sie drohe
nächstens zusammenzustürzen. Der Gemeinderatspräsident visitiert mit
Spazierstock und Augenmerk die Galeriebrücke schnell und bündig, dann
geht er in seine Loge hinunter, die Schaukel- und Hängebrücke wird für
diese Nacht schon noch fest genug halten.
Wie herrlich aufregend diese »Räuber« sind, und wie gehagelt voll das
Theater ist. Etwas Grünes hat man auf der Bühne gesehen, das ist der
Amaliapark gewesen, ein Degen ist blitzend gezogen worden, und ein
dünnbeiniger Schurke Franz hat sich auf seine Fersen gelegt, das heißt,
er hat vor dem Weib in Schwarz die Flucht ergriffen. Hundertfach schön
sind die Worte gewesen: »Könige sind Bettler, Bettler Könige!« --
Wenzel hat gezittert.
Dann hat es eine Nachtszene gegeben, mittelalterlich angehaucht, Franz
ist im Nachthemd hervorgedechlet, von Gespensterfurcht gejagt. Und
wie er sich dann solchermaßen, wie es der Autor vorgeschrieben hat,
benimmt, sich am Boden wälzt und ungeheuerliche Worte ausspricht,
brüllt ein Uhrschalenmacher von der Galerie hinunter: +il est
fou!+ Daraufhin gibt es einen Tumult. Der betrunkene Neujahrsbruder
wird hinunter- und hinausspediert, drei andere haben sich auf ihn
geworfen, das gibt natürlich ein Getrampel und Gefluche, und der
Franz-Mime wirft von unten her einen zündenden, edlen Blick auf die
Höhenszene hinauf. »Wie wenig Verständnis gibt es doch in der Welt für
die hohe Kunst«, denkt Wenzel.
Von da an ist sein heimlicher Entschluß gefaßt: er will Schauspieler
werden. Zufolgedessen begibt er sich in die Buchhandlung Rüfenach an
der Neuquartierstraße, um Klassikerwaren einzukaufen. Er gibt Geld
aus, ziemlich viel sogar, Geld ist zwar rar bei einem Lehrling, aber
was tut man nicht für eine erstmalig aufbrausende Begeisterung! Und
so schleppt er denn Schiller, Goethe und den großen Engländer unter
dem Arm in seine Dachkammer, ins elterliche Haus, und beginnt mit dem
Rollenstudium.
Er liest auch die aufreizenden Biographien großer Bühnenkünstler in
der »Gartenlaube« und in »Vom Fels zum Meer« und im »Buch für Alle«.
Diese nachher berühmt gewordenen Leute haben vorher alle scheinbar auch
kein Talent gehabt, gerade wie Wenzel, der vorläufig auch noch keins
hat, der schüchtern ist, gerade wie jene Großen, der arm ist, auch
gerade so, der Eltern hat, die ihn nicht verstehen, gerade so! Aber die
Berühmtgewordenen haben sich frühzeitig auf die Beine gemacht, um einen
Beschützer ihrer Pläne zu finden. Wenzel will das jetzt einstweilen
ebenfalls tun.
In der Stadt Twann lebt ein reicher Herr, Bankier seines Zeichens
und Wappens, eine Art Dandy, der in kostbarem Anzuge zu Pferd durch
die Straßen der Stadt reitet. Eine Art Fürst, von dem es bekannt
ist, daß er die Künste liebt und freigebig ist. In der Nacht des
St. Niklaustages wirft besagter Herr jedes Jahr Kleingeld unter die
notleidenden Schulkinder. Nun, ein notleidender Kunstbeflissener paßt
ihm vielleicht nicht weniger als die darbende Jugend. Kunst ist auch
eine Art Jugend, und der Kunsthunger peinigt nicht weniger als der
tatsächliche Durst und Hunger.
Und Wenzel entwirft folgendes Schreiben: Hochverehrter Herr! Ich wage
es, eine Bitte auszusprechen. Ich habe den Wunsch, Schauspieler zu
werden, ich denke, ich werde einer tüchtigen Ausbildung bedürfen.
Ich muß sprechen und mich benehmen lernen, das kostet Geld. Würden
Sie mir welches vorstrecken? Es wird viel von Ihrer Güte und
Menschenfreundlichkeit erzählt. Ich bin im Drahtzuge beschäftigt, und
wenn Sie sich über meine geringe Person erkundigen wollen -- aber wozu
das? Ich bitte Sie, nicht zu denken, ich bettle. Der Seelenernst, der
mich veranlaßt, Ihnen zu schreiben, bittet; er kann nicht betteln.
Tausend Franken würden genügen, ich kann Entbehrungen ertragen. Meine
Liebe zur Kunst ist eine offene, ich weiß nicht, wie groß sie ist, aber
ich messe sie auch nicht, ich leide darunter, also wird sie groß sein
müssen. Die Beschäftigung mit der Lektüre der Klassiker hat mich mutig
gemacht. Verzeihen Sie, daß ich glauben kann, Sie seien bereit, mir
Geld zu geben. Entschuldigen Sie die Kühnheit eines Herzens, das denkt,
es gebe hilfsbereite Menschen. Nehmen Sie mir diesen Ton nicht übel,
der junge Schiller hat auch so gesprochen.
Hochachtungsvoll und hoffnungsvoll
Wenzel.
Der Brief wird abgeschickt. Unterdessen werden Rollen auswendig
gelernt. Der junge Frohmutige bekleidet sich mit einer Samtweste, die
sein Vater zu Hochzeiten getragen hat. Über die Schulter wirft er
einen alten Onkelsmantel, der in einer Stadt am Mississippi erhandelt
worden ist, und um die Hüften wird eine Glarnerschärpe gewunden. Der
Kopf bekommt eine zweckentsprechende Bedeckung, es ist dies eine
Pfanne aus Filz, geziert mit einer Wildentenfeder. Die Hand hat sich
eine gräuliche Pistole zu verschaffen gewußt, und den Beinen haften
Waldhüterstiefel an. Also ausstaffiert wird »Karl« eingeübt.
Da fliegt auch schon aus der Villa des Kunstfürsten Antwort zurück:
»Lieber, junger Freund, hüten Sie sich vor Bühnenlaufbahnen, das ist
trügerisch. Glauben Sie mir, daß ich Ihr Bestes will, wenn ich Sie
davon abzuhalten versuche, in die Welt der großen Worte, der schönen
Gebärden und der glänzenden Kostüme hinüberzutreten. Der Schein hat Sie
verführt. Bleiben Sie ein fleißiger und bescheidener Bürger, und lesen
Sie nur die Klassiker, aber ruhig und ohne den Inhalt dieser schönen
Bücher ernster zu nehmen, als gesund und vernünftig ist.« --
Gesund und vernünftig. Das sind keine Worte, die ein heißes Kunstherz
trösten oder beruhigen. Wenzel macht dem Direktor des twanner
Stadttheaters einen Besuch, um diesen Mann zu ersuchen, ihn auf
die Tournees mitzunehmen. Er könne ja auch Körbe schleppen oder
Zettel vertragen. Er würde gesagt haben, er könne ja möglicherweise
auch Schuhe putzen, aber er hat nicht den Mut, das zu den Lippen
herauszustoßen. Ein spanischer Schnurrbart antwortet ihm: »Junger Mann,
ich kann unmöglich die Verantwortung übernehmen.«
Viele achtzehn Jahre alte Menschen gibt es auf der Welt, einige lassen
sich Rat sagen, aber andere hören auf kein noch so kluges Wort. Wenzel
will seinen Kopf durchsetzen. Er schreibt: »Edler Herr und Meister!«
und richtet unter diesem Titel einen Brief an einen hauptstädtischen,
beinahe ganz großen Schauspieler. Hierauf kommt es zur Talentprobe.
Ein paar verstaubte Lorbeerkränze hören dem Vortrag zu, eine Frau,
die wunderbar an Norddeutschland erinnert und an die Romane in der
»Gartenlaube«, und er selber, der donnersschön dastehende Mime, der ein
Gesicht hat, das an eine Abbildung denken läßt. Dieser Besuch endigt
wehmütig.
Zu Hause werden Maskenübungen vorgenommen. Wenzel versucht, Hamlet
in der Dachkammer zu geben. Ferdinand in »Kabale und Liebe« geht wie
von selber. Der Spiegel dient dazu, zu prüfen, ob man fähig sei, dem
Gesicht verschiedene Züge und Charaktere zu verleihen. Oft wird das
Haar in Unordnung geworfen, weil das malerischer ist und ein bißchen
Trost vorschwindelt. Auch bindet Wenzel selbstgeschnittene Seidenreste
um den Halskragen, das kleidet und versetzt um ein ganzes Jahrhundert
in die Zeiten zurück. Die Berge werden bestiegen, und hübsche,
runde Weidenplätze, die die Natur anmutig gebildet hat, müssen als
Schaubühne dienen. Rundum sind Tannen, und oben ist Himmel, und mitten
drin steht der angehende und anlaufende Schauspieler Wenzel. Eines
Tages tritt er dem Dramatischen Verein von Twann und Umgebung bei.
Ein Doktor der Literatur und Redakteur des »Expreß« leitet die
Unternehmung. Wenzel findet ihn trocken und anmaßend. In einem
hellerleuchteten Saal werden Übungen abgehalten, und der Doktor
korrigiert an den Sprachausdrücken herum. Eine Heroine ist auch da,
sie heißt Fräulein Sturm, und eine komische Alte, diese ist zwanzig
Jahre alt und hat eine Stumpfnase und heißt Fräulein Knuchel. Sie hätte
auch lieber das tragische Fach genommen, aber man hat gelacht über
ihre Schmerzen und hat sie ins Komische geworfen. Wenzel gibt man ein
historisches Trauerspiel »Niklaus Leuenberger« zum in die einzelnen
Rollen Abschreiben, er nimmt das Manuskript nach Hause.
Eines Abends nach dem Nachtessen will es der Vater ins Feuer werfen.
Wenzel verteidigt das Manuskript, einem Löwen nicht unähnlich, bedeckt
es mit der schützenden Hand und ruft aus: »Bist du ein Barbar, Vater,
daß du Werke anerkannter Dichter zerreißen und in den Ofen werfen
willst? Was haben diese schönen, armen Papiere dir zuleide getan? Gib
lieber mir Prügel, wenn du zornig auf eine Beschäftigung bist, die
du, wie es scheint, nicht zu würdigen, nur zu hassen imstande bist.
Meinst du, mich von meinen Plänen abspenstig gemacht zu haben dadurch,
daß es dir gelungen wäre, eine Tat der Wut und Unklugheit zu begehen?
Was willst du? Ohrfeige mich, aber rühre diese schriftstellerische
Arbeit, deren Wohlaufgehobenheit mir heilig ist, nicht mit der Hand
an. Außerdem verdiene ich mit Abschreiben Geld. Wie kann man sich
gegen eine unschuldige dramatische Dichtung derart ereifern, daß es
einen gelüsten kann, sie zu vernichten. Du tätest besser daran,
mir die Ideen, von denen es in meinem Kopfe wimmelt, aus demselben
herauszuschlagen, aber wie ist das möglich, ohne mir diesen Kopf
einzuschlagen? Wisse, Vater, Schauspieler habe ich werden wollen,
und Schauspieler will ich auch heute noch werden. Was gilt mir die
väterliche Zuneigung, wenn sie nicht anders kann, als dasjenige zu
hassen, und bestrebt ist, dasjenige auszurotten, was mir das Liebste
und Bedeutendste auf der Welt ist? Wie kann ich jemals von dem Fieber,
das mich ergriffen hat, durch so unpassende Heilmethoden, wie die sind,
die du dir anzuwenden erlaubst, geheilt werden, und wie ist es denkbar,
daß Liebe zur Kunst nur ein Fieber ist? Und wenn! Deine Angriffe
können mich niemals von der Schädlichkeit dieses Übels überzeugen, da
müßtest du mir viel leidenschaftsloser begegnen. Leidenschaft gegen
Leidenschaft, Krankheit gegen Krankheit! Ja, ich erlaube mir, das einen
Fanatismus zu nennen, den Ungestüm, mit welchem du bemüht bist, die
höhere Bildung, der ich mich hingegeben habe, mit Händen und Fäusten zu
ersticken. Ist es ein Unsinn, wovon ich entflammt bin, nun gut, so wird
er sich mir eines Tages in seiner wahren Gestalt und Stimme vorstellen,
ich werde den Kunstgedanken dann aufgeben und trostlos sein. Dein
Benehmen, lieber Vater, macht mich nicht unglücklich, sondern zornig,
und jetzt erlaube mir, das Zimmer und den Schauplatz einer unschönen
Szene zu verlassen und in meine Dachkammer hinaufzugehen.« So endet
eine grimmige Attacke auf ein Bühnenmanuskript.
Ein anderer Auftritt, der bald hierauf stattfindet, gestaltet sich viel
weicher, aber dafür viel schmerzlicher. Der Ort der Handlung ist die
Küche. Wenzel hilft seiner Schwester Mathilde beim Geschirrabtrocknen.
Diese sagt: »O, Wenzel, ich glaube halt doch nicht so recht an dein
Talent. Denke doch nur an den eleganten jugendlichen Liebhaber von
Müller. Du mein Gott, was bist du für ein grobes, gewöhnliches
Kräutchen dagegen. Was hast du für Manieren. Glaubst du, mit
dem bißchen Begeisterung, das du hast, auf die Welt der Bretter
hinaufgelangen zu können? Sieh dich doch an! Oder glaubst du, du
kämest aus in der großen Welt mit deinen paar Maria-Stuart-Rollen,
oder Mortimer, oder wie der Herr heißt, den du immer beim Schuhwichsen
vor dich her deklamierst? Ich kann mir das nicht so recht denken. Hast
du jemals Handschuhe getragen? Du bist ja doch zu so etwas viel, viel
zu schüchtern. Du kannst nicht einmal den Mund auftun, wenn meine
Freundinnen da sind, wieviel weniger auf offener Bühne vor aller
versammelter Welt Augen. Das mag für andere das Leichteste sein, für
dich aber ist es schwer, glaube mir das. Mach du lieber Gedichte.«
Wenzel erwidert: »Ich weiß wohl, wie unfertig und unbeholfen ich bin.
Aber ich meine, es kommt in der Kunst allein auf das freche Maul
auch nicht immer an. Was sind das für Künstler, deine jugendlichen
und ältlichen Herren Liebhaber, von denen du mir da vorredest, diese
von Beck und von Müller und von Almen. Soviel wie die kann ich bald
auch noch. Aber freilich, ein glänzendes Auftreten, unverfroren wie
nichts in der Welt sonst, das besitzen sie. Da kann ich ihnen lange
nachspringen, bis ich sie nur eingeholt, geschweige denn überflügelt
habe. Das ist allerdings traurig. Aber wenn du mir zumutest, statt an
den schönen Schauspielen zu hängen, Gedichte zu machen, so muß ich dir
meinerseits danken.«
Der Dramatische Verein führt ein Stück von Schönthan auf. Wenzel
soll einen prinzlichen Lakaien spielen, der unter anderem eine
Ohrfeige hinzunehmen hat. Nein, das kann er nicht spielen, das ist
zu elend. Das verletzt zu sehr. Er flüchtet am Aufführungsnachmittag
in die Berge. Der wilde, kalte Wind braust, die hohen Tannen biegen
und beugen sich, wie gut und natürlich ist das, im Vergleiche zum
ohrfeigengewärtigenden Lakaien. Er bleibt der Vorstellung fern, es
ist zu dumm, zu vernichtend, zu nichtswürdig, er kann nicht. »Habe
ich solchermaßen Liebe zur Bühne?« denkt Wenzel, »ist das Liebe?« Die
Rolle ist ihm nicht gut genug, und da fragt er sich nun, ob das der
Beweis seiner Unfähigkeit sei, auf der Bühne aufzutreten. Sein Gewissen
sagt ihm: »Die Liebe und die Leidenschaften vertragen alles, auch eine
Ohrfeige.«
Nach Verlauf zweier Monate befindet sich Wenzel in einer
entfernten größeren Stadt, er verdient sich sein Leben in einem
Speditionsgeschäft, er bezieht Gehalt, er spart, er nimmt Unterricht,
regelrechten, bei einem anerkannt tüchtigen Heldenspieler. Jetzt
wird die Sache doch wohl endlich vorwärtsgehen. Er macht Lungen-,
Zungen-, Lippen- und Atemübungen und lernt Vokale und Konsonanten
richtig und deutlich aussprechen. Es imponiert ihm, wie methodisch der
Unterricht sich vorwärtsbewegt, und der Schauspieler sagt ihm: »Sie
machen Fortschritte«. In diesem Moment erhält der Lehrer und Erzieher
folgenden Brief vom Vater Wenzels:
An den Schauspieler Jank.
Sie geben meinem Sohn Unterricht. Diese Neuigkeit ist mir zu meinem
großen Leidwesen durch dortige Verwandte, bei denen Wenzel, dieser, wie
es scheint, höchst Ungeratene, in Kost und Logis lebt, zugegangen. Sie
sollen das nicht tun, Sie sollen das schleunigst aufgeben. Der leidigen
Affären habe ich mit meinem Sohne nun schon genug gehabt. Traurig
ist, daß Sie, an den sich der Schlingel heranzumachen verstanden hat,
denselben nicht augenblicklich fortgeschickt haben, sondern ihn, wie
ich erfahre, unterstützen im Glauben und in der Vorliebe für Dinge,
die in meinen und anderer gesetzt lebenden Menschen Augen von jeher
als unanständig gegolten haben. Das fehlt noch, daß mein Sohn, als ein
Sproß braver, bürgerlicher Eltern, zu den Lumpenkomödianten übertreten
sollte und sich zu den Gesellen zählen müßte, die die Schande, in
welcher sie herumlottern und leben, gar noch für etwas Gutes und
Erlaubtes halten. Ich kann mir denken, daß es Ihnen willkommen ist,
einen Nebenverdienst durch Unterrichtgeben zu gewinnen, aber der
Unterricht, den Sie und die Leute Ihrer Verfassung und Umgebung
erteilen, schadet, er ist etwas Sündhaftes, er wirkt verderblich auf
Moral und Charakter. Wer Sie sind, weiß ich nicht, es genügt, daß ich
das Gefühl habe, Sie gehören zu denjenigen Menschen, deren Stellung in
der Welt keine, deren Tun unvertrauenswert und deren Lebensweise eine
tief zerrüttete ist. Ich habe angedeutet, zu welcher Klasse von Leuten
gehörig ich Sie vermute. Wenzel ist ein Taugenichts und verdiente, bei
Ihnen gelassen zu werden. Vielleicht haben Sie soviel letzte Ehre,
Herr Schauspieler und Bühnenkomödiant, auf diese Worte den Bengel die
Treppe hinunterzuwerfen, anderenfalls steht mir die Hilfe der Polizei
zur raschen Verfügung.
Achtungsvoll
der Vater von Wenzel.
Der gesegnete Unterricht hat damit ein Ende. Der Heldenspieler sagt
zu Wenzel: »Sehen Sie, ein solcher Mensch ist Ihr Vater. Ich kann ihn
verklagen, wenn ich will, aber ich tu's nicht. Seine Beleidigungen
treffen mich nicht, und damit ist es gut. Er hat von uns Künstlern die
Meinung eines borniert-bürgerlich denkenden Menschen, und es fragt
sich, wer von uns beiden der bessere und gutwilligere Staatsbürger ist,
ich oder Ihr Herr Vater.«
Wenzel geht nach Hause und macht seinen Tanten, bei denen er wohnt,
Vorwürfe. Er sagt: »Was habt ihr euch in meine Kunstzwecke und -ziele
einzumischen gehabt? So! Jetzt ziehe ich von euch weg, habt ihr
verstanden? Die guten Konfitüreomeletten, die man hier ißt, sind kein
genügender Grund, sich ruhig die Verbindungen mit so vortrefflichen
Leuten, wie dem guten Heldenspieler, abknüpfen und abknipsen zu lassen.
Meinetwegen eßt sie selber. Ich bin alt genug, daß ich im Restaurant
essen und wohnen kann, wo es mir behagt. Zum Ersten ziehe ich aus. Und
in dieser Stadt bleibe ich überhaupt nicht mehr sehr lange. Sie ist mir
verleidet.«
In der Tat, Wenzel reist bald ab. Er packt seine Schauspielergedanken
in seinen Handkoffer, auch die Klassiker vergißt er nicht. Er fährt
nach dem Schwabenland. Dort hat man ihm aber eines Tages dann ganz
gehörig die Meinung gesagt, es hat einfach geheißen: »Junger Mann, von
wo Sie auch abstammen, gut oder minder gut bürgerlich, Ihnen fehlen die
göttlichen Funken!«
[Illustration]
Paganini
Variation
Der Konzertsaal war dichtgedrängt voll von Menschen, da trat Paganini,
die Geige in der Hand, hervor und fing ohne die mindesten Umschweife
und Komplimente an zu spielen, indem er frei von der Seele weg
phantasierte. Paganini wußte nie zum voraus, was und wie er spielen
würde; ebensowenig musizierte er, als wenn er für ein geehrtes
Publikum Musik machen sollte und wollte. Nein, er spielte wie für sich
selber oder wie für niemanden; er spielte so wie es ihn packte, und
einmal das Spiel begonnen, vergaß er, daß er spielte.
Auch diesmal war das so, auch heute, wo doch Fürsten und Fürstinnen im
Saale saßen, um ihm zu lauschen, wußte er gar nicht, wo er war, spielte
er, als spiele er für niemanden.