wenn von diesem Lehrer die Rede ist? Neumann ist unser Turnlehrer und
zugleich unser Schönschreiblehrer; er hat rotes Haar und finstere,
vergrämte, spitze Gesichtszüge. Er ist vielleicht ein sehr, sehr
unglücklicher Mensch. Er ärgert sich immer so wahnsinnig. Wir haben ihn
vollständig in unserer Hand, wir sind ihm vollkommen überlegen. Solche
Menschen, wie er, flößen keinen Respekt ein; zuweilen Furcht, nämlich
dann, wenn sie vor Zorn den gesunden Verstand zu verlieren scheinen.
Er kann sich gar nicht ein bißchen beherrschen, sondern jagt scheinbar
alle seine Empfindungen bei jeder kleinsten Gelegenheit in ein Loch
hinab, in den Ärger. Gewiß geben wir ihm Ärgeranlaß. Aber warum hat
er so lächerlich rotes Haar? So vortreffliche Pantoffelheldmanieren?
Einer meiner Schulkameraden heißt Junge; er will Koch werden, sagt
er. Dieser Junge hat einen so herrlich ausgeprägten Hintern. Muß er
nun Rumpfbeuge machen, so tritt der Hintere von Junge noch toller zum
Vorschein. Da lacht man eben; und Neumann haßt das Lachen furchtbar. Es
ist ja auch etwas Scheußliches, solch ein ganzes, ineinandertönendes
und gellendes Klassengelächter. Wenn eine ganze Klasse nur so
herauslacht: zu was für Mitteln muß dann ein Lehrer greifen, um sie
zu besänftigen? Zur Würde? Das nützt ihm gar nichts. Ein Neumann hat
überhaupt keine richtige Würde. Ich liebe die Turnstunde sehr und den
lieben Junge möchte ich küssen. Man lacht so gern unmäßig. Zu Junge bin
ich artig; ich mag ihn sehr gern. Ich gehe oft mit ihm spazieren; und
dann reden wir vom bevorstehenden, ernsten Leben.
* * * * *
Rektor Wyß ist eine baumlange Erscheinung von soldatischer Haltung.
Wir fürchten und achten ihn; diese beiden soliden Empfindungen sind
ein bißchen langweilig. Ich kann mir die Rektoren von Progymnasien
jetzt gar nicht mehr anders vorstellen als so, wie dieser Rektor
Wyß aussieht. Übrigens: zu prügeln versteht er ausgezeichnet. Er
nimmt einen aufs Knie und haut einen fürchterlich durch; nicht
gerade barbarisch. Die Prügel von Wyß haben etwas Ordnungsgemäßes;
man hat, während man diese Hiebe zu kosten bekommt, das angenehme
Gefühl, es sei eine vernünftige, gerechte Strafe. Dadurch geschieht
nichts Entsetzliches. Der Mann, der so meisterlich prügeln kann, muß
gewissermaßen human sein. Ich glaube das auch.
* * * * *
Eine ganz sonderbare Figur und ein seltenes Lehrerexemplar, wie mir
scheint, ist Herr Jakob, der Geographielehrer. Er gleicht einem
Einsiedler oder einem sinnenden alten Dichter. Er ist über siebenzig
Jahre alt und hat große, leuchtende Augen. Er ist ein schöner,
prachtvoller Alter. Sein Bart reicht ihm bis auf die Brust herab. Was
muß diese Brust nicht schon alles empfunden und gekämpft haben! Ich,
als Schüler, muß mir unwillkürlich Mühe geben, so etwas in Gedanken
mitzuerleben. Es ist grauenhaft, zu denken, wie vielen Jungen dieser
Mann schon die edle Geographie eingeprägt hat. Und viele dieser Jungen
sind jetzt schon erwachsene Menschen; sie stehen längst mitten im
Leben und mancher von ihnen wird seine Geographiekenntnisse vielleicht
haben brauchen können. An der Wand, dicht neben dem alten Jakob,
den wir übrigens Kobi nennen, hängt die Landkarte, so daß man sich
Jakob ohne dazugehörige Landkarte gar nicht mehr vorstellen kann. Da
sieht man das zerrissene, vielfarbige und vielgestaltige Europa, das
breite, große Rußland, das unheimliche, weit sich ausdehnende Asien,
das zierliche, einem schöngeschwänzten Vogel ähnliche Japan, das in
die Meere hinausgeworfene Australien; Indien und Ägypten und Afrika,
das einen sogar auf der körperlosen Karte dunkel und unerforscht
anmutet, dann Nord- und Südamerika und die beiden rätselhaften Pole.
Ja, ich muß sagen, ich liebe die Geographiestunde leidenschaftlich;
ich lerne da auch ganz mühelos. Es ist mir, als sei mein Verstand
ein Schiffskapitänsverstand: so glatt geht es. Und wie weiß der alte
Jakob durch Einflechten von abenteuerlichen Geschichten aus Schulung
und Erfahrung diese Stunde interessant zu machen! Dann rollen seine
alten, großen Augen vielsagend hin und her und es ist einem, als kenne
dieser Mann alle Länder und alle Meere der Erde aus eigener Anschauung.
In keiner anderen Stunde strotzen wir Schüler so von mitempfindender
Phantasie. Hier erleben wir jedesmal etwas, hier horchen wir und sind
still; freilich: ein alter, erfahrener Mensch redet zu uns und das
zwingt eben zur Aufmerksamkeit ganz von selber. Gottlob, daß wir hier
im Progymnasium keine ganz jungen Lehrer haben. Das wäre nicht zum
aushalten. Was kann ein junger Mann, der selber kaum erst das Leben
geschaut hat, mitzuteilen und anzuregen haben? Ein solcher Mensch kann
einem nur kalte, oberflächliche Kenntnisse beibringen oder er muß dann
eine seltene Ausnahme sein und durch sein bloßes Wesen zu bezaubern
wissen. Lehrer sein: Das ist jedenfalls schwer. Gott, wir Schüler
machen ja solche Ansprüche. Und wie abscheulich wir eigentlich sind!
Sogar über den alten Jakob machen wir uns zuzeiten lustig. Dann wird
er fürchterlich zornig; und ich kenne nichts Erhabeneres als den Zorn
dieses alten Schulmeisters. Er zittert an allen seinen gebrechlichen
Gliedern furchtbar und unwillkürlich schämen wir uns nachher, ihn
gereizt zu haben.
* * * * *
Unser Zeichenlehrer heißt Lanz. Lanz sollte eigentlich unser Tanzlehrer
sein; er kann so prächtig hin und her hüpfen. Apropos: warum erhalten
wir keinen Tanzunterricht? Ich finde, man tut gar nichts, uns zur Anmut
und zu einem schönen Benehmen zu bewegen. Wir sind und bleiben sehr
wahrscheinlich die reinen Flegel. Um auf Lehrer Lanz zurückzukommen:
er ist unter den Lehrern der jüngste und zuversichtlichste. Er bildet
sich ein, wir hätten Respekt vor ihm. Mag er selig werden mit diesem
Gedanken. Übrigens kennt er gar keinen Humor. Er ist kein Schullehrer,
sondern ein Dresseur; er gehört in den Zirkus. Das Hauen macht ihm,
wie es scheint, seelisches Vergnügen. Das ist brutal: wir haben
daher Ursache, ihn zu necken und zu verachten. Sein Vorgänger, der
alte Herr Häuselmann, genannt Hüseler, war ein Schwein; er mußte das
Unterrichtgeben eines Tages aufgeben. Dieser Hüseler erlaubte sich ganz
sonderbare Dinge. Ich selbst fühle noch immer auf meiner Wange seine
alte, knöcherne, widerwärtige Hand, mit welcher er in der Stunde uns
Jungen gestreichelt und geliebkost hat. Als er sich dann herausnahm,
was keine Feder beschreiben kann, wurde er seines Amtes enthoben. Nun
haben wir Lanz. Jener war abscheulich, dieser aber ist eitel und grob.
Kein Lehrer! Lehrer dürfen nicht so von sich selbst eingenommen sein.
* * * * *
Unser lustigster und kühnster Schulkamerad heißt Fritz Kocher. Dieser
Kocher steht meist in der Arithmetikstunde von der Bank auf, hebt den
Zeigefinger dumm in die Höhe und bittet Herrn Bur, den Rechenlehrer,
ihn doch hinausgehen lassen zu wollen; er habe den Durchlauf. Bur
sagt dann, er wisse schon, was Fritz Kochers Durchlauf zu bedeuten
habe, und ermahnt ihn, ruhig zu sein. Wir anderen lachen dann
natürlich gräßlich; und (o Wunder!) hier steht ein Lehrer, der einfach
mitlacht. Und sonderbar: das flößt uns fast augenblicklich Achtung
und Vorliebe für diesen seltenen Mann ein. Wir verstummen mit Lachen,
denn Bur versteht es meisterlich, unsere Aufmerksamkeit sofort wieder
für die ernsten Dinge zurückzugewinnen. Sein Lehrerernst hat etwas
Bezauberndes und ich glaube, das kommt daher, daß Bur ein Mann von
außerordentlicher Aufrichtigkeit und Charakterstärke ist. Wir lauschen
auf seine Worte gespannt, denn er kommt uns fast rätselhaft klug vor;
und dann ist er nie ärgerlich, er ist, im Gegenteil, immer lebhaft,
fröhlich und munter, da dürfen wir das glückliche Gefühl haben, seine
Schulpflicht sei diesem Mann angenehm. Das schmeichelt uns eben ganz
gewaltig und wir glauben, ihm dankbar dafür sein zu müssen, daß er in
uns keine Lebensverbitterer und Quälgeister erblickt, und führen uns
brav auf. Wie komisch kann er sein, wenn es ihm darum zu tun ist! In
solchen Fällen empfinden wir aber auch, daß er sich nur uns zu Liebe
ein wenig verwandelt, um uns einen billigen, unschädlichen Spaß zu
gönnen. Wir sehen, daß er fast ein Künstler ist; wir merken, daß er
uns achtet. Er ist ein prächtiger Kerl. Und wie man bei ihm faßt und
lernt! Er weiß den unkörperlichsten, unsinnlichsten Dingen Form, Sinn
und Inhalt zu geben, daß es eine wahre Freude ist. Den Fritz Kocher,
den ein anderer Lehrer verdammen und verfolgen würde, hat er gern
wegen der unglaublichen Gerissenheit seiner Einfälle. Das scheint mir
bedeutend, daß ein so tüchtiger, erfahrener Mann mit der spitzbübischen
Lümmelhaftigkeit sympathisieren kann. Es muß eine noble, große Seele
in Bur stecken. Er besitzt Güte und Heiterkeit. Daneben ist er sehr
energisch. Er macht uns fast alle in verhältnismäßig kurzer Zeit
zu schneidigen Rechnern. Dabei behandelt er die Dümmeren unter uns
schonend. Diesen Bur zu ärgern, würde uns nie einfallen; sein Auftreten
läßt gar nicht an so etwas auch nur denken.
* * * * *
Herr von Bergen war früher unser Turnlehrer; jetzt ist er
Versicherungsagent. Möge er gute Geschäfte machen! Er hat wohl
selbst gefühlt, daß er zum Erzieher nicht taugt. Eine hochelegante
Erscheinung. Was aber nützen einem Schuljungen gutsitzende Hosen und
kleidsame Röcke? Er war übrigens nicht schlecht; er gab nur zu gern
»Tatzen«. Der Sohn eines Schlächtermeisters mußte dem Herrn von Bergen
immer die arme kleine Tatze darhalten, um einen scharfgezogenen,
beißenden Meerrohrhieb darauf zu empfangen. Ich erinnere mich noch,
und nur zu deutlich, wie mich das empörte. Ich hätte damals dem fein
gekleideten, parfümierten Quäler den Kopf abschlagen mögen.
* * * * *
Ich will meine Galerie sehenswerter Lehrerbilder mit Doktor Merz
abschließen. Merz ist unter sämtlichen Lehrern scheinbar der
gebildetste, er schreibt sogar Bücher; aber dieser Umstand hindert
seine Schüler nicht, ihn von Zeit zu Zeit lächerlich zu finden. Er ist
Geschichts- und zugleich Deutschlehrer; er hat einen übertrieben hohen
Begriff von allem, was klassisch ist. Klassisch ist aber bisweilen
auch sein Betragen. Er trägt Stiefel, als wenn er in die Schlacht
reiten wollte; und in der Tat: es setzt oft in der Deutschstunde wahre
Schlachten ab. Er ist klein und unscheinbar von Figur; nimmt man dazu
die Kanonenstiefel, so muß man lachen. »Junge, setz dich. Du hast eine
Fünf!« Junge setzt sich; und Herr Merz notiert eine grimmige, das
Zeugnis entstellende Fünf. Einmal hat er sogar der ganzen Klasse eine
große, allgemeine Fünf gegeben und dazu geschrien: »Ihr widersetzt
euch, Schurken? Ihr wagt, euch gegen mich aufzulehnen? Moser, bist du
der Rädelsführer? Ja oder nein?« Moser, ein tapferer, von uns beinahe
vergötterter Junge, erhebt sich vom Platz und sagt in grollendem,
unsäglich komischem Ton, er lasse sich nicht Rädelsführer sagen. Wir
sterben vor Lachen, wir wachen wieder von diesem schönen Tod auf
und sterben ein zweites Mal. Merz aber scheint seinen klassischen
Verstand verloren zu haben; er gebärdet sich wie unsinnig, er rennt
verzweiflungsvoll mit seinem Gelehrtenkopf gegen die Wand, er fuchtelt
mit den Händen, er schreit: »Ihr vergiftet mir das Leben, ihr verderbt
mir das Mittagessen, ihr macht mich verrückt, ihr Halunken, die ihr
seid! Gesteht es: Ihr trachtet mir nach dem Leben!« Und er wirft sich
der Länge nach auf den Boden. Wie schrecklich! Man sollte es nicht
für möglich halten. Und wir, die wir ihm das Mittagessen verderben
und versalzen, wir erhalten von ihm die edelsten Anregungen. Wenn
er von den alten Griechen erzählt, leuchten seine Augen hinter den
Brillengläsern. Sicher begehen wir ein großes Unrecht, den Mann zu so
wilden Auftritten zu veranlassen. In ihm vereinigt sich Schönes und
Lächerliches, Hohes und Dummes, Vortreffliches und Klägliches. Was
können wir dafür, daß die Zahl Fünf uns keinen sonderlichen Schrecken
einzujagen vermag? Sind wir verpflichtet, vor heiliger Scheu zu
sterben, wenn einer von uns das »Glück von Edenhall« von Ludwig Uhland
rezitieren muß? »Setz dich, du hast eine Fünf!« So geht es zu in der
Deutschstunde. Wie wird es im späteren Leben zugehen? Das frage ich
mich.
[Illustration]
Ein Vormittag
Es gibt Vormittage in Schusterwerkstätten, Vormittage in Straßen und
Vormittage auf den Bergen, und letztere mögen so ziemlich sicher das
Schönste auf der Welt sein, aber ein Bankhausvormittag gibt entschieden
noch mehr zu denken. Nehmen wir einmal an, es sei Montag vormittag, das
ist nämlich von allen Vormittagen der Woche der vormittäglichste, und
der Montagvormittagsduft kommt in Buchhaltereien großer Bankinstitute
vortrefflich zur Verteilung.
Da sind in so einem Saal an die zehn bis fünfzehn Pultreihen mit Gängen
zum Revuepassieren, an jedem Doppelpult arbeitet ein Paar Menschen.
Man pflegt von Schuhpaaren zu reden, warum sollte es nicht auch
gelegentlich einmal in der Ordnung sein, wenn man von Menschenpaaren
spricht? Zu oberst im Saal steht das Pult des Vorstehers. Der
Abteilungschef ist ein sackdicker Mann mit ungeheuerlichem Gesicht auf
dem Rücken. Das Gesicht stemmt sich unmittelbar, ohne des Halsansatzes
zu bedürfen, an den Rücken, und es ist brandrot und scheint immer zu
schwimmen. Es ist zehn Minuten nach acht, Chef Hasler überfliegt mit
ein paar gutgezielten Blicken den Raum, um zu prüfen, ob alle da sind.
Zwei fehlen, und das ist natürlich wieder der Helbling und der Senn.
In diesem wichtigen Moment schießt Buchhalter Senn, ein hagerer,
spitzer Mann, hustend und pustend herein. Hasler kennt diesen Husten,
das ist ganz einfach die Bitte um Entschuldigung. Wenn die Menschen zu
stolz und zu verbohrt sind, den Mund aufzutun, um sich anstandshalber
zu entschuldigen, husten sie. Senn steckt mit rasender Behendigkeit
seine Nase in seine Bücher und tut, als sei er bereits stundenlang an
dem Arbeitchen. Zehn Minuten sind wieder vergangen. Es ist zwanzig
nach acht. »Unerhört sei doch das jetzt bald,« denkt Hasler, da tritt
Helbling auf.
Ganz und gar vermontaget, bleich und verwirrt im Gesicht, und schießt
wie ein Pfiff an seinen Ort und Stelle. Wirklich, entschuldigen, das
hätte er sich können. In Haslers Teich oben, will sagen Gehirn, taucht
folgender Gedanke wie ein Laubfrosch auf: »Das hat nun aber bald jetzt
keine Art mehr.« Er geht leise zu Helbling und stellt sich hinter
ihm auf und fragt ihn, warum er nicht, wie die andern, zur rechten
Zeit erscheinen könne. Das nehme ihn denn doch bald jetzt einmal
wunder. Helbling erwidert kein Wort, er hat es sich bereits seit
geraumer Zeit zur Gewohnheit gemacht, die Fragen seines Vorgesetzten
einfach unbeantwortet zu lassen. Hasler kehrt wieder auf seinen quasi
Aussichtsturm zurück, von wo aus er die Buchhaltung dirigiert.
Halb neun. Helbling zieht seine Sackuhr hervor, um ihr Gesicht mit dem
Gesicht der großen Bureauuhr zu vergleichen. Er seufzt, es sind erst
zehn kleine, winzige, dünne, zarte, spitze Minuten verflossen, und
vor ihm stehen dicke, behäbige Stunden. Er bemüht sich, zu versuchen,
ob es ihm möglich sei, den Gedanken zu fassen, daß er jetzt arbeiten
müsse. Der Versuch mißlingt, aber der Versuch hat immerhin das Gesicht
der Uhr ein wenig verschoben. Es sind weitere fünf zierliche, liebe
Minuten dahingeschwunden. Helbling liebt die Minuten, die gegangen
sind, aber dafür haßt er die, die noch kommen, und die, die ihm den
Anschein erwecken, daß sie nicht recht vorwärtsmachen wollen. Er
möchte solchen faulen Minuten jedesmal Stöße versetzen. Er prügelt in
Gedanken die Minutenzeiger tot. Den Stundenzeiger wagt er überhaupt
nicht anzuschauen, er hat sonst Anlaß, zu fürchten, er werde
ohnmächtig.
Ja, so ein Bankhausvormittag, so eine Welt zwischen Pulten. Sonne
schimmert draußen. Jetzt aber geht Senn zum Fenster, er hat jetzt
genug, wie er sich ausdrückt, und er reißt barsch und aufbegehrerisch
die beiden Flügel auf, um Luft hereinzulassen. Das sei noch kein
Wetter zum Fensteraufmachen, bemerkt Hasler zu Senn hinüber. Der dreht
sich um und spricht Worte zu seinem Chef, wie sie eben sich nur ein
langjähriger Angestellter oder Beamter erlauben darf. Aber bald wird es
dem Hasler zu dick, und er verbittet sich »diesen Ton«. Das Gefecht ist
damit abgebrochen, das Fenster geht zur Hälfte wieder sanft zu, Senn
murmelt ein paar Worte zu sich, jetzt herrscht für einige Zeit Frieden.
Fünf Minuten vor neun. Wie entsetzlich langsam für Helbling die Zeit
geht. Er fragt sich, warum es jetzt nicht ebensogut schon neun Uhr sein
könne, das wäre wenigstens schon eine Stunde, es gäbe nachher noch
mehr als genug. An diesen fünf Minuten schält er so lange herum, bis
sie langsam vorüber sind; jetzt schlägt es neun. Jeder Schlag, den das
Werk macht, wird von einem Seufzer aus Helblings Mund begleitet. Er
rupft seine Taschenuhr hervor, sie hat ebenfalls neun, diese doppelte
Bestätigung macht ihn traurig. »Ich sollte eigentlich nicht soviel
auf die Uhr schauen, das kann nicht gesund sein,« denkt er und fängt
an, seinen Schnurrbart zu liebkosen. Das merkt einer seiner Kollegen,
Meier vom Land, dieser wendet sich zu Meier von der Stadt hinüber und
sagt leise zu ihm: »Ist das nicht eine Schande, wie jetzt der Helbling
wieder seine Zeit totschlägt.« Ein Rechteck von Köpfen dreht sich auf
diese geflüsterte Bemerkung hin nach der Richtung um, wo Schnurrbärte
gedreht werden. Diese Bewegung wird von Hasler beobachtet, bald weiß
er Bescheid, er geht leise zu Helbling und stellt sich zur Abwechslung
wieder einmal hinter ihm auf.
»Was machen Sie da, Helbling?«
Und jetzt antwortet der freche Mensch wieder nichts. »Sie können wohl
so gut sein und mir antworten, wenn ich Sie etwas frage. Das ist mir
jetzt bald ein Benehmen, das. Zuerst kommen Sie eine halbe Stunde
zu spät (Helbling sagt: »Das ist nicht wahr« und will fortfahren:
»ich bin nur zwanzig Minuten zu spät gekommen«), dann besinnen Sie
sich noch, ob Sie arbeiten sollen, und schließlich wollen Sie noch
aufbegehren. Das kann nicht mehr so weitergehen. Zeigen Sie, was haben
Sie geleistet.« Und Hasler prüft mehr mit dem Kinn als mit den Augen,
was jetzt Helbling anfangs getan hat. Er bemerkt drei Zahlen und den
Versuch zu einer vierten. Ob das alles sei? Helbling sagt, er habe
den guten Willen gehabt, zu arbeiten, aber wenn er keine rechten
Federn mehr habe, so sei es schwer, vorwärts zu kommen. Dann solle er
sich doch gefälligst, wenn es ihm etwa bald einmal passend erscheine,
Federn anschaffen. Faule Ausrede. Und Hasler schwimmt in seine
Festung zurück. Dort angelangt, zieht er einen Apfel aus dem Pult und
arrangiert ein zweites Frühstück. Helbling nimmt Gelegenheit, schnell
einmal »auszutreten«. Meier vom Land macht seine Kollegen auf Helblings
»Austritt« aufmerksam.
Volle dreizehn Minuten, es ist ihm genau nachgerechnet worden, ist
Helbling »draußen« geblieben. Während dieser Zeit haben sich an die
zehn jüngere und ältere Kollegen der Reihe nach an des Ausgetretenen
Pult und Leistung herangemacht, um die drei Zahlen anzuschauen. Einen
Moment später weiß es die ganze Buchhaltung, daß Helbling in einer
Stunde drei Zahlen fertig bringe, Meier vom Land ist von Pult zu Pult
gegangen und hat die Sache zu allgemeiner Verbreitung gebracht. Einer
geht »hinaus«, um zu sehen, was »er« mache. Später tritt dieser Er
wieder ein.
Inzwischen ist es halb zehn geworden. Von draußen her tönt eine helle,
schöne weibliche Stimme in den Saal hinein, es ist anscheinend eine
Sängerin, die übt. Ja, in der Nähe, so vielleicht zwei Häuser weiter
dem Bahnhof zu, das kann stimmen. Einige von den Bureaulisten heben
die Federhalter aufrecht und überlassen sich dem Genuß des Zuhörens.
Helbling scheint auch wieder einmal musikliebend zu sein. Außerdem
gähnt er jetzt mehrere Male. Eine Sekunde später tätschelt er sich
mit der flachen Hand auf die Backe, um Zeit verstreichen zu lassen.
Das Tätscheln erstreckt sich über zirka fünf volle Minuten. »Jetzt
tätschelt er sich,« tuschelt Meier vom Land in das Ohr von Meier aus
der Stadt. »Herrliche Stimme das, da draußen,« meint Glauser, einer
der Arbeitenden. Die frauliche Singstimme ruft ein gewisses Geräusch
im Saal hervor. Der Chef der Korrespondenz, Steiner, hört ebenfalls
zu, und das will etwas heißen. Auf Haslers Treppenabsätzen von Lippen
glänzt Apfelsaft wie auf wirklichen Treppen gelbes Wachs, das wischt er
sich jetzt mit seinem rotgewürfelten Schnupftuch ab. »Schöne Stimme von
draußen her! Draußen ist Luft und Natur!« Der kleine Glauser denkt das,
er ist dichterisch veranlagt. Helbling geht zu Glauser hinüber, in der
bestimmten Absicht, durch einen kleinen Spaziergang Zeit totzumachen.
Schließlich schwatzt Glauser auch gern ein bißchen, obschon er ein
Streber ist, der sich beständig Mühe gibt, Haslern zu gefallen. Hasler
treibt Helbling mit Blicken an seine Wirkungsstätte zurück, aber es
sind immerhin wieder zwölf Minuten gestorben. Auch der Gesang ist
gestorben.
Alle diese Leute im Saal wissen nicht, was sich da unten auf der Straße
bewegt. Und die Wellen draußen im nahen See, was machen sie, und der
Himmel, wie kann er aussehen? Einzig Senn, der leicht zum Aufbegehren
Geneigte, der struppige, zugespitzte Revolutionär, erlaubt sich, ein
Momentchen lang seinen Kopf an die frische Luft zu führen. Dafür wird
er aber von der Kapitänskabine aus mit einem zischenden, langgezogenen
Laut gestraft: »So etwas!« Hasler schüttelt seine Parkanlage oder Kopf
mißbilligend hin und her, worauf Senn, um dem Hasler wieder einmal
so recht eins zu putzen, ohne Veranlassung in seinen Büchern mit dem
Radiermesser zu radieren beginnt, was der Chef auf den Tod hinein haßt.
Zehn Uhr! »Erst die Hälfte,« denkt Helbling mit dem Gefühl, eine
Unsumme von Melancholie zu unterdrücken. Jetzt, jetzt möchte er
brüllen. Ob er wohl gut täte, wieder ein bißchen »auszutreten«? Er
wagt es nicht recht. Dafür bückt er sich jetzt an den Boden herab,
gleichsam, als habe er etwas fallen lassen, wovon keine Rede ist.
In der tiefgebückten Haltung verharrt er ganze vier Minuten, als
hätte dieser Zeitraum gerade genügt, seine Schuhe zu binden oder
einen Bleistift aufzulesen. Ihm ist schaurig zumute. Er fängt an,
sich vorzumalen, es sei zwölf Uhr. Auf den Schlag zwölf würde er
augenblicklich die Feder wie ein Erdarbeiter seine Schaufel fallen
lassen und davonrennen, wie gottvoll. Indem er sich so seinen
Träumereien hingibt, ist Hasler abwechslungsweise hinter ihn
geschlichen, um ihn zu beobachten.
»Was machen Sie da?«
»Ich bin jetzt am ›Ausland‹-Zusammenstellen.«
»Ich glaube, Sie sind bald eher im Ausland als am
›Ausland‹-Zusammenstellen. Wenn Sie aber jetzt nicht bald arbeiten, so
will ich dann einmal ganz andere Saiten aufziehen. Schämen Sie sich,
und nehmen Sie sich zusammen. Wenn alles Ermahnen jetzt nichts nutzt,
werde ich mit Herrn Direktor ein Wort reden, passen Sie gut auf. Lassen
Sie es sich gesagt sein.«
Und das Walroß wirft sich wieder auf seine Sandbank zurück. Der
ganze Saal ist angenehm aufgeregt, ein Konflikt Helbling-Hasler
bringt immer wieder von neuem erwünschte Luftveränderung. Helbling
schrittwechselt zu Meier vom Land hinüber und bittet ihn, ihm
behilflich zu sein, Zahlen abzulesen. Nach dem Zahlenablesen ist es
(o, zersprängen doch jetzt die Adern der Welt!) halb elf Uhr geworden.
Eine feierliche Blechmusik geht unten in der Straße vorüber, alles
rennt an die Fenster, es ist der Zug, der die Leiche eines früheren
Bundesrates auf den Friedhof begleitet. Selbst der für das meiste
Geschehen unempfindliche Chef der Korrespondenz ist aufgesprungen,
um hinunterzuschauen. Dieses Vorkommnis ist mit fünfzehn Minuten in
Anrechnung zu bringen. Jetzt ist es dreiviertel elf. Helbling ist
halb unvernünftig geworden, er tupft alle Augenblicke seine Stirn an
den Rand des Pultes und netzt sich die Nase mit Tinte, damit er mit
Abwischen Zeit verschlingen kann. Zehn Minuten sind verrieben worden,
jetzt sind es noch vier entzückend wenige Minuten bis elf. Diese vier
Minuten werden einfach eine nach der andern abgewartet. Um elf Uhr
tritt Helbling »schon wieder« aus. Er sei wieder einmal ausgetreten,
der Lump, heißt es in der Mitte des Saales. Viertel zwölf, zwanzig nach
elf, halb zwölf.
Der kleine Glauser sagt zu Senn, jetzt sei es halb zwölf und, wie er
eben bemerkt habe, habe der Helbling noch überhaupt keinen Streich
getan. Meier vom Land geht zu Hasler, um ihn zu benachrichtigen, daß er
heute eine halbe Stunde früher fortgehen müsse, weil er einen durchaus
notwendigen Gang zu besorgen habe. Helbling hat sich umgedreht und
lauscht dem Gespräch zu. Er beneidet Meier vom Land wahnsinnig. Von
der Straße her tönen die Räder von schnellfahrenden Wagen herauf,
gegenüber dem Saal erscheint in einer Fensteröffnung die Figur eines
teppichebürstenden herrschaftlichen Dieners, Helbling verbringt
jetzt eine gute Viertelstunde damit, dort hinüberzuschauen. Zum noch
Anfangen mit Arbeiten ist es jetzt seiner Meinung nach doch wohl zu
spät. Senn macht sich abdampfefertig, Helbling sieht zu, wie sich Senn
abfliegefertig macht. Zwei Minuten vor zwölf setzen sich verschiedene
die Hüte auf und wechseln die Röcke, Helbling ist bereits auf der
Straße, Hasler ist schon fünf Minuten vorher gegangen. Der Vormittag
ist überstanden.