Die schöne Schauspielerin und der bärtige Mann sitzen zusammen in

einem halbdunkeln Zimmer. Die Fenster stehen offen. Die Frau erhebt

sich aus ihrer halb sitzenden, halb liegenden Haltung, tritt auf den

schmalen, länglichen Balkon heraus und winkt dem Manne, nachzukommen.

Wie schön, wie frei ist die Welt, sagt sie, indem sie lächelt:

unsereins muß das so stark fühlen. Wir Schauspielerinnen hängen nur

mit den flüchtigsten Blicken an dem süßen, offenen Bilde der Welt,

aber diese Blicke sind uns wie Musik, wie tiefe, tiefe Gedanken,

wie Wellen, die an uns heranschlagen und uns mit herrlich-schönem,

dankbarem Gefühl bespritzen, daß wir ganz durchnäßt, durchfüllt davon

werden. Wir sind ja so geknebelt; Sie zum Beispiel haben die Aufgabe,

in den Strudel und in das harte, prachtvolle Spiel unterzutauchen, Sie

jagen Ihren Genüssen und Geschäften in natürlicher Kraftanstrengung

nach, treiben mit den Treibenden, ruhen mit den Ruhenden und lachen,

wo es irgendwo einen Anlaß gibt, in ein Gelächter auszubrechen. Wir

Künstlerinnen sehen unser ganzes Dasein in der Kunst dahinfließen,

einen Menschenschmerz, eine Menschenscham oder einen Menschenjubel

nachzuahmen und empfinden oft in der Arbeit, die unser Beruf uns

kostet, einen beengenden, nicht schönen Stillstand; alles Strömende

will uns dann stocken, alles Stürzende und Sinkende und Fliegende

scheint sich in uns hineingebohrt zu haben, wir tragen alles und werden

von nichts, nichts fortgetragen, und emporgehoben können wir nur werden

von der stumpfen, abschließenden, treuen Geduld in dem beharrlichen

Weiterschaffen. Des beweglichen Geschäftsmannes Schaffen beruht auf

einer natürlich-schönen Weitherzigkeit und luftigen Weitschweifigkeit,

die ich mir so gesund für Körper und Seele vorstelle, die ich kaum

noch dem Duft und der Ahnung nach kenne, da wir Schauspielerinnen die

Weitverbreitetheit und alles Umliegende beinahe hassen müssen, um nur

ja so recht das feste, ewig Nahe zu sehen, woran wir angekettet leben.

Sie haben wohl kaum einen Begriff, wie die Kunst ketten, ja würgen

kann, einengen, ach, und einem alle lebendig-warmen Aussichten vor den

Augen weg, wie Vögel aus der stillen Luft hinab, niederschießt, daß es

einem scheinen möchte, alle Erlebnisse, die süßen und schlechten, lägen

da vor den Füßen, am fleckigen Boden, aus vielen trockenen, elenden

Wunden langsam und schwärzlich blutend. Sie, Sie haben es schön. Nein,

wir Künstlerinnen haben es nicht schön.

Der Mann sagt nichts, und die Schauspielerin, indem sie den schönen,

üppig geformten Arm lässig ausstreckt, spricht weiter:

Wie da unten in der Straße die unbekannten, lieben Menschen gehen,

sich umschauend, einander überholend, Wagen fahrend, Pakete tragend,

springend, atmend und Schultern wiegend! Man sehnt sich nach Menschen,

wenn man zwanzig Jahre lang auf der Bühne Menschenschicksale

dargestellt hat. Schon als zwölfjähriges Kind habe ich zu spielen

begonnen; durch den künstlerischen Erfolg bin ich zum erstenmal in

Verbindung mit unbefangenen Menschen geraten, aber ich fürchte, es

waren nicht die Unbefangenen, die zu mir hintraten, um mir ihre

Bewunderung vor die Füße zu legen. Durch den Erfolg lernt eines nur die

stupiden Anbeter und die ebenso dummen Neider kennen, Schwätzer in der

Regel, die Angst davor haben, sich einer Empfindung, einem Gefühl oder

einer Tat hinzugeben. Ich habe sie alle rasch durchschaut, ohne Zorn,

nur mit einem gewissen Kummer, der mir sagte, es sei etwas irgendwo,

das ich nie würde dürfen kennen lernen. Und dann habe ich ja auch immer

zu tun gehabt. Ein Künstlerberuf ist eine eiserne Kiste, die einen kaum

atmen läßt, darin man steckt in halb aufrechter Haltung, nicht frei

und doch auch nicht so ganz und gar gefangen, den Kopf an der Luft,

aber auf irgendeine Weise sieht man sich gefesselt, man weiß es, und im

nächsten Augenblick weiß man es wieder nicht mehr.

Das sei schließlich mit jedem Lebensberuf so, meint der Mann.

O nein, sagt sie, mit Euch andern ist es ganz anders. Ihr habt

trockene, notwendige Berufe, und das ist das Schöne. In unsern

Leistungen, wenn sie gute sind, badet Ihr Euch wie in erfrischenden,

einsamen Bergquellen; das Gefühl, durch den Geschäftstag hindurch

unterdrückt, springt Euch lachend, weinend, tausendfarbig und

tausendtönig auf, wie Wunden, aber nicht wie trockene, eher wie

fließende, und sanft und wohlig schmerzende. Unsereins dagegen hat

immer mit Gefühlen und Empfindungen, mit rein Menschlichem und Ideellem

zu tun, wir müssen es messen, zerschneiden, auseinanderlegen, berechnen

und es auf Wirkungen hin, die es machen soll, erproben. Wir pröbeln und

schneidern mit Dingen, die in der Brust anderer Menschen gesund und

geheimnisvoll und unangetastet ruhen, heiligen, gefährlichen Quellen

gleich, die man nicht ungestraft beständig hervorreizt. Dann, wenn man

das getan hat, ist man so kalt und leer, daß man hingehen möchte, um

sich einem gelassenen, unangefochtenen, braven und simpeln Menschen an

die breite, gute Brust zu werfen. Wie köstlich erscheint einem an solch

einem Schauspielabend der Atemzug solch eines Menschen, man möchte die

Kunst hassen und sich selber nicht minder, empfinden zu müssen, daß man

sich an sie angeschlossen hat. Und doch ist sie schön, und doch ist das

alles so schön. Gehen wir hinein.

Sie treten beide wieder in das Zimmer hinein.

Trinken Sie einen Schnaps?

Ja, er trinkt einen. Sie schenkt ein, während sie in tiefes, schönes

Nachdenken versunken scheint. Das Mädchen stellt eine Lampe auf den

Tisch. Die Frau sagt:

Halb sieben. Jetzt kann ich noch zwanzig Minuten mit Ihnen dasitzen,

dann muß ich gehen. Sie kommen nicht ins Theater, nein? Ja, Sie reisen

noch heute abend. Ich werde heute nacht müde nach Hause kommen, ich

spüre es schon jetzt. In zwanzig Tagen sitzen Sie wieder auf Ihren

halbwilden Pferden, jagen durch die Steppe, wirtschaften und schaffen

mit Kopf und Händen und Fäusten. Schreiben Sie mir, es schreibt ja

heutzutage niemand mehr Briefe, machen Sie eine Ausnahme, Ihre Briefe

werden mir den Duft der Prärie hier in dieses Zimmer tragen. Es ist

so schön, abends heimzukommen und einen Brief aus einer fernen,

fernen Gegend auf dem Tisch liegen zu sehen. Ich werde vielleicht an

Sie denken. Es wird vorkommen, daß mir, wenn ich einmal zornerbebend

oder hell auflachend, wie es gerade das Spiel verlangt, auf der Bühne

stehe, plötzlich Ihre Stimme einfällt, Ihre Figur, ein Wort, das Sie

einmal gesagt haben, der Stiefel da an Ihren Füßen, die Haartracht,

der Bart, der Blick Ihrer Augen. Sehen Sie, so lernt man eines Tages

auf wunderliche Art einen Menschen kennen, man spricht eine Stunde

lang, oder zwei mit ihm, er geht, er will weiter nichts, man vergißt

ihn, weil man keine Ursache hat, sich zu nötigen, seiner zu gedenken.

Er mag einem eines Tages zwischen einer hastigen Wagenfahrt und einem

aufregenden Wortwechsel wieder einfallen; vielleicht schneit es, wenn

ich an Sie denke, oder ich habe die Hand gebrochen, muß im Zimmer

sitzen, und ich erinnere mich plötzlich Ihres Händedrucks. Leben Sie

wohl, jetzt muß ich mich umkleiden.

[Illustration]

Die Talentprobe

Zimmer der königlichen Hofschauspielerin Benzinger

~Frau Benzinger~: Also Sie wollen Schauspieler werden. Treten Sie

näher zu mir heran. Genieren Sie sich nicht. Fallen Sie nicht um vor

Schreck, wenn ich Sie nun etwas näher ins Auge fasse. Wenn mein Atem

Sie streift, ist das noch keine Ursache, rot über den ganzen Kopf zu

werden. Haben Sie noch nie mit einiger Gelassenheit das Bein einer

Frau gesehen? Die Spitzen meines Unterrocks, die Sie sehen, sind nur

das gelinde und gewöhnliche Vorspiel dessen, was einem Bühnenkünstler

täglich und stündlich begegnet, und worüber er hinwegsehen muß. Wir

Künstler sind ein freies, zwangloses und, wie wir uns gern einbilden,

ehrliches Volk. Sie dagegen sind ein Jüngling aus dem dicksten,

gefüttertsten bürgerlichen Milieu, und Sie wollen zur Bühne? Na, tragen

Sie mal etwas vor.

Der junge, schüchterne Mann hat etwas vorgetragen.

~Frau Benzinger~: Das ist nichts. Danken Sie Gott, daß Sie einem

Menschen in die Hände gefallen sind, der es so gut mit Ihnen meint,

daß er offen zu Ihnen spricht. Unwahrheiten sind in solchen Fällen

Morde. Sie sind schüchtern, Sie sind erschrocken, wie Sie sahen,

daß ich das eine meiner natürlichen Beine über das andere gelegt

habe; aber Sie dürften meinetwegen noch hundertmal schüchterner und

schreckfüßiger sein, das hätte nichts zu sagen, denn das liegt nur in

Ihrer großen Jugend und tiefen Unerfahrenheit. Aber Sie besitzen auch

nicht die leiseste Spur eines schauspielerischen Talents. Alles ist

verborgen, verhüllt, vertieft, trocken, holzig an Ihnen. Sie mögen der

glühendste Mensch innerlich sein, zerwühlt meinetwegen von herzlichen

Leidenschaften, doch es kommt nichts an Ihnen zur Erscheinung, nichts

zum Ausdruck. Sie sprechen eine ganz ordentliche Sprache, daß man

fühlen muß, wie richtig Sie urteilen, wie anständig Sie über Sachen

nachdenken, das aber, mein Knabe, ist das Aller-Allerwenigste von

dem, was an Erfordernissen für einen angehenden Künstler in Betracht

kommt. Ich bin eine ältere Frau und erprobte Schauspielerin und muß

deshalb wohl wissen, was sich Ihnen gegenüber für eine Sprache ziemt.

Mein Knabe, schütten Sie den allzu feurigen Wein Ihrer Träume von

Bühnenlaufbahn und dergleichen rasch aus der Schale Ihres jungen Kopfes

und fahren Sie fort, den Beruf, den Sie erlernt haben, auszuüben. Was

würden Ihre Eltern sagen, wenn ich Sie unglücklich machen wollte? Das

Geld, das Sie mir für Ihre Stunden ausbezahlten, würde in meinen Händen

widerwärtig brennen, und ich würde das Gesicht Ihrer Frau Mutter sehen,

dessen kummervoller Ausdruck mich für den Frevel, Ihnen die Wahrheit

vorenthalten zu haben, gräßlich strafen müßte. Nein, ich tue das nicht.

Aber bleiben Sie noch einen Augenblick. Nehmen Sie hier dicht neben mir

Platz. So. Sie sind zu gut und zu schlecht für den Schauspielerberuf.

Sie würden immer nur schauspielern, nicht spielen; Unmensch, Bär,

Windbeutel, ungeziemende lächerliche Fratze, nicht Mensch auf der

Bühne sein. Die heilige, inbrunstvolle Flamme fehlt Ihnen, das Auge,

das Lippenpaar, die drohende, bewegliche Wange. Bewegung fehlt Ihnen.

Manier, sehen Sie, das haben Sie, aber das bedeutet nichts, das ist

menschlich. Sie haben nichts Künstlerisches. Ich bin davon überzeugt

(geben Sie mir die Hand), daß Sie innere Gaben besitzen, die Sie, wenn

Sie heranreifen, zum guten, brauchbaren Mann stempeln werden. Ich

glaube, daß Sie ein schöner Mensch werden; auf der Bühne, im goldenen

Licht der Rampe, wären Sie häßlich, glauben Sie es mir. Sie müssen

mir das glauben, kindlich, denn verstehen können Sie es noch nicht,

weil Sie zu jung und zu unberührt von schrecklichen Erfahrungen sind.

Drücken Sie einen Kuß auf meine Hand.

Der junge Mensch küßt der Schauspielerin beide Hände.

~Frau Benzinger~: Sie kommen viel ins Theater, nicht wahr.

Ja, das ist so gefährlich für junge Köpfe. Ins Theater sollten

nur reife Menschen kommen, das hätte das Gute, daß es auch einen

veredelnden, verschärfenden Schein und Einfluß auf die Bühne und deren

Kunstleistungen würfe. Ich bin so froh, lieber junger Mann, Sie haben

warnen und abschrecken zu dürfen. Ein anderer würde Sie aufgenommen

haben, würde vielleicht noch seinen Spaß daran gehabt haben, Ihnen

Gift in Ihr ganzes, Ihnen selber noch unbekanntes Leben zu streuen.

Gehen Sie jetzt. Leben Sie wohl. Nein, nein, besuchen Sie mich nie

mehr. Lassen Sie die ganze Theaterei stramm beiseite, baden Sie Ihre

Empfindungen in natürlicheren Quellen, werfen Sie sich in gute,

männliche Pflichten, und wenn Sie dreißig Jahre alt geworden sind,

können Sie zu mir kommen und mir erzählen, was Sie errungen, erlitten

und erlebt haben. Ich freue mich darauf, Sie so lange aus dem Gesicht

zu verlieren; das verspricht mir die Freude, Sie als festen Menschen

wiederzusehen. Hier. Behalten Sie das. Es ist mein Bild. Vergessen Sie

nie, was ich Ihnen gesagt habe.

[Illustration]

Kleist in Thun

Kleist hat Kost und Logis in einem Landhaus auf einer Aareinsel in

der Umgebung von Thun gefunden. Genau weiß man ja das heute, nach

mehr als hundert Jahren, nicht mehr, aber ich denke mir, er wird über

eine winzige, zehn Meter lange Brücke gegangen sein und an einem

Glockenstrang gezogen haben. Darauf wird jemand die Treppen des Hauses

herunterzueidechseln gekommen sein, um zu sehen, wer da sei. »Ist hier

ein Zimmer zu vermieten?« Und kurz und gut, Kleist hat es sich jetzt

in den drei Zimmern, die man ihm für erstaunlich wenig Geld abgetreten

hat, bequem gemacht. »Ein reizendes Bernermeitschi führt mir die

Haushaltung.« Ein schönes Gedicht, ein Kind, eine wackere Tat, diese

drei Dinge schweben ihm vor. Im übrigen ist er ein wenig krank. »Weiß

der Teufel, was mir fehlt. Was ist mir? Es ist so schön hier.«

Er dichtet natürlich. Ab und zu fährt er per Fuhrwerk nach Bern zu

literarischen Freunden und liest dort vor, was er etwa geschrieben hat.

Man lobt ihn selbstverständlich riesig, findet aber den ganzen Menschen

ein bißchen unheimlich. Der zerbrochene Krug wird geschrieben. Aber

was soll alles das? Es ist Frühling geworden. Die Wiesen um Thun herum

sind ganz dick voller Blumen, das duftet und summt und macht und tönt

und faulenzt, es ist zum Verrücktwerden warm an der Sonne. Es steigt

Kleist wie glühendrote betäubende Wellen in den Kopf hinauf, wenn er

am Schreibtisch sitzt und dichten will. Er verflucht sein Handwerk. Er

hat Bauer werden wollen, als er in die Schweiz gekommen ist. Nette Idee

das. In Potsdam läßt sich so etwas leicht denken. Überhaupt denken die

Dichter sich so leicht ein Ding aus. Oft sitzt er am Fenster.

Meinetwegen so gegen zehn Uhr vormittags. Er ist so allein. Er wünscht

sich eine Stimme herbei, was für eine? Eine Hand, nun, und? einen

Körper, aber wozu? Ganz in weißen Düften und Schleiern verloren liegt

da der See, umrahmt von dem unnatürlichen, zauberhaften Gebirge. Wie

das blendet und beunruhigt. Das ganze Land bis zum Wasser ist der

reine Garten, und in der bläulichen Luft scheint es von Brücken voll

Blumen und Terrassen voll Düften zu wimmeln und hinunterzuhängen. Die

Vögel singen unter all der Sonne und unter all dem Licht so matt. Sie

sind selig und schläfrig. Kleist stützt seinen Kopf auf den Ellbogen,

schaut und schaut und will sich vergessen. Das Bild seiner fernen,

nordischen Heimat steigt ihm auf, er kann das Gesicht seiner Mutter

deutlich sehen, alte Stimmen, verflucht das -- er ist aufgesprungen

und in den Garten des Landhauses hinabgelaufen. Dort steigt er in

einen Kahn und rudert in den offenen morgendlichen See hinaus. Der

Kuß der Sonne ist ein einziger und fortwährend wiederholter. Kein

Lüftchen. Kaum eine Bewegung. Die Berge sind wie die Mache eines

geschickten Theatermalers, oder sie sehen so aus, als wäre die

ganze Gegend ein Album, und die Berge wären von einem feinsinnigen

Dilettanten der Besitzerin des Albums aufs leere Blatt hingezeichnet

worden, zur Erinnerung, mit einem Vers. Das Album hat einen blaßgrünen

Umschlag. Das stimmt. Die Vorberge am Ufer des Sees sind so halb und

halb grün und so hoch, so dumm, so duftig. La, la, la. Er hat sich

ausgezogen und wirft sich ins Wasser. Wie namenlos schön ihm das ist.

Er schwimmt und hört Lachen von Frauen vom Ufer her. Das Boot macht

träge Bewegungen im grünlich-bläulichen Wasser. Die Natur ist wie eine

einzige große Liebkosung. Wie das freut und zugleich so schmerzen kann.

Manchmal, besonders an schönen Abenden, ist ihm, als sei hier das Ende

der Welt. Die Alpen scheinen ihm der unerklimmbare Eingang zu einem

hochgelegenen Paradiese zu sein. Er geht auf seiner kleinen Insel,

Schritt für Schritt, auf und ab. Das Meitschi hängt Wäsche zwischen

den Büschen auf, in denen ein melodiöses, gelbes, krankhaftschönes

Licht schimmert. Die Gesichter der Schneeberge sind so blaß, es

herrscht in allem eine letzte, unanrührbare Schönheit. Die Schwäne, die

zwischen dem Schilf hin und her schwimmen, scheinen von Schönheit und

abendlichem Licht verzaubert. Die Luft ist krank. Kleist wünscht sich

in einen brutalen Krieg, in eine Schlacht versetzt, er kommt sich wie

ein Elender und Überflüssiger vor.

Er macht einen Spaziergang. Warum, fragt er sich lächelnd, muß gerade

er nichts zu tun, nichts zu stoßen und zu wälzen haben? Er fühlt, wie

die Säfte und Kräfte in ihm leise wehklagen. Seine ganze Seele zuckt

nach körperlichen Anstrengungen. Er steigt zwischen hohen, alten

Mauern, über deren grauem Steingebröckel sich der dunkelgrüne Efeu

leidenschaftlich niederschlingt, zum Schloßhügel hinauf. In allen

hochgelegenen Fenstern schimmert das Abendlicht. Oben am Rand des

Felsenabhanges ist ein zierlicher Pavillon, dort sitzt er und wirft

seine Seele in die glänzend-heilig-stille Aussicht hinunter. Er wäre

jetzt erstaunt, wenn er sich wohl fühlen könnte. Eine Zeitung lesen?

Wie wär's? Ein dummes politisches oder gemeinnützliches Gespräch mit

irgendeinem wohlangesehenen, offiziellen Schafskopf führen? Ja? Er

ist nicht unglücklich, er hält im stillen diejenigen für selig, die

trostlos sein können: Natürlich und kraftvoll trostlos. Mit ihm steht

es um eine kleine, gebogene Nuance schlimmer. Er ist zu feinfühlend, zu

gegenwärtig mit all seinen unschlüssigen, vorsichtigen, mißtrauischen

Empfindungen, um unglücklich zu sein. Er möchte schreien, weinen. Gott

im Himmel, was ist mit mir, und er rast den dunkelnden Hügel hinunter.

Die Nacht tut ihm wohl. In seinen Zimmern angekommen, setzt er sich,

entschlossen, bis zur Raserei zu arbeiten, an den Schreibtisch. Das

Licht der Lampe nimmt ihm das Bild der Gegend weg, das stimmt ihn klar

und er schreibt jetzt.

An Regentagen ist es entsetzlich kalt und leer. Die Gegend fröstelt ihn

an. Die grünen Sträucher winseln und wimmern und regentröpfeln nach

Sonnenschein. Schmutzige, ungeheuerliche Wolken gleiten den Köpfen der

Berge wie große, freche, tötende Hände um die Stirnen. Das Land scheint

sich vor dem Wetter verkriechen zu wollen, es will zusammenschrumpfen.

Der See ist hart und düster, und die Wellen sprechen böse Worte. Wie

ein unheimliches Mahnen saust der Sturmwind daher und kann nirgends

hinaus. Er schmettert von einer Bergwand zur anderen. Dunkel ist es und

klein, klein. Es ist einem alles auf der Nase. Man möchte Klötze nehmen

und damit um sich herumhauen. Weg da, weg.

Dann ist wieder Sonne und es ist Sonntag. Glocken läuten. Die Leute

treten aus der hochgelegenen Kirche heraus. Die Mädchen und Frauen

in engen, schwarzen, silbergeschmückten Schnürbrüsten, die Männer

einfach und ernst gekleidet. Gebetbücher tragen sie in der Hand, und

die Gesichter sind so friedlich und schön, als wären alle Sorgen

zerflossen, alle Falten des Kummers und Zankes geglättet und alle

Mühen vergessen. Und die Glocken. Wie sie daherschallen, daherspringen

mit Schällen und Tonwellen. Wie es über das ganze, sonntäglich

umsonnte Städtchen glitzert, leuchtet, blaut und läutet. Die

Menschen zerstreuen sich. Kleist steht, von sonderbaren Empfindungen

angefächelt, auf der Kirchtreppe und verfolgt die Bewegungen der

Hinuntergehenden. Da ist manch Bauernkind, das wie eine geborene, an

Hoheit und Freiheit gewöhnte Prinzessin die Stufen hinunterschreitet.

Da sind schöne, junge, kräftestrotzende Burschen vom Land, und von

was für einem Land, nicht Flachland, nicht Burschen von Ebenen,

sondern Burschen, hervorgebrochen aus tiefen, wunderlich in die Berge

eingehöhlten Tälern, eng manchmal, wie der Arm eines etwas aus der

Art geschlagenen, größeren Menschen. Das sind Burschen von Bergen, wo

die Äcker und Felder steil in die Einsenkungen hinabfallen, wo das

duftende, heiße Gras auf winzigen Flächen dicht neben schauervollen

Abgründen wächst, wo die Häuser wie Tupfe an den Weiden kleben, wenn

einer unten auf der breiten Landstraße steht und hoch hinaufsieht, ob

es etwa da oben noch Menschenwohnungen geben könne.

Die Sonntage hat Kleist gern, auch die Markttage, an denen alles

von blauen Kitteln und Bäuerinnentrachten wimmelt und gramselt auf

der Straße und in der Hauptgasse. Dort, in der Hauptgasse, sind

unter dem Bürgersteig, in steinernen Gewölben und in leichten Buden

Waren aufgestapelt. Krämer schreien bäuerlichkokett ihre billigen

Kostbarkeiten aus. Meistens scheint ja an solch einem Markttag die

hellste, wärmste, dümmste Sonne. Kleist läßt sich von dem lieben,

bunten Menschengetümmel hin und her schieben. Überall duftet's nach

Käse. In die besseren Kaufläden treten die ernsthaften, bisweilen

schönen Landfrauen bedächtig ein, um Einkäufe zu machen. Viele

Männer haben Tabakspfeifen im Mund. Schweine, Kälber und Kühe werden

vorübergezogen. Einer steht da und lacht und treibt sein rosafarbenes

Schweinchen mit Stockschlägen zum Gehen. Es will nicht, da nimmt er

es unter den Arm und trägt's weiter. Die Menschen duften zu ihren

Kleidern heraus, zu den Wirtschaften heraus tönt Lärm von Zechenden,

Tanzenden und Essenden. All die Geräusche und all die Freiheit dieser

Töne! Fuhrwerke können manchmal nicht durchfahren. Die Pferde sind

ganz von handelnden und schwatzenden Menschen umzingelt. Und die

Sonne blendet so exakt auf den Gegenständen, Gesichtern, Tüchern,

Körben und Waren. Alles bewegt sich, und das sonnige Blenden muß

sich so schön natürlich mitfortbewegen. Kleist möchte beten. Er

findet keine majestätische Musik schöner und keine Seele feiner als

Musik und Seele dieses Menschentreibens. Er hätte Lust, sich auf

einen der Treppenabsätze zu setzen, die in die Gasse hinunterführen.

Er geht weiter, an Weibern mit hochaufgerafften Röcken vorbei, an

Mädchen, die Körbe ruhig und fast edel auf den Köpfen tragen, wie

Italienerinnen ihre Krüge, wie er's kennt aus Abbildungen, an Männern,

die gröhlen, und an Betrunkenen, an Polizisten, an Schuljungens,

die ihre Schulbubenabsichten mit sich herumtragen, an schattigen

Flecken, die kühl duften, an Seilen, Stöcken, Eßwaren, falschen

Geschmeiden, Mäulern, Nasen, Hüten, Pferden, Schleiern, Bettdecken,

wollenen Strümpfen, Würsten, Butterballen und Käsebrettern vorüber,

zu dem Gewimmel hinaus, bis an eine Aarebrücke, an deren Geländer

gelehnt er stehen bleibt, um in das tiefblaue, herrlich dahinströmende

Wasser zu schauen. Über ihm glitzern und strahlen die Schloßtürme wie

flüssig-bräunliches Feuer. Es ist ein halbes Italien.

Zuweilen, an gewöhnlichen Werktagen, scheint ihm das ganze Städtchen

von Sonne und Stille verzaubert zu sein. Er steht still vor dem

seltsamen, alten Rathaus mit der scharfkantigen Jahreszahl im

weißschimmernden Gemäuer. So verloren ist alles, wie die Gestaltung

irgendeines Volksliedes, das die Leute vergessen haben. Wenig

Leben, nein, gar keins. Er steigt die holzbedeckte Treppe zum

vormals gräflichen Schloß hinauf, das Holz duftet nach Alter und

vorübergegangenen Menschenschicksalen. Oben setzt er sich auf eine

breite, geschweifte, grüne Bank, um Aussicht zu haben, aber er schließt

die Augen. Entsetzlich, wie verschlafen, verstaubt und entlebendigt

das alles aussieht. Das Nächstliegende liegt wie in weiter, weißer,

schleierhafter, träumender Ferne. Es ist alles in eine heiße Wolke

eingehüllt. Sommer, aber was eigentlich für Sommer? Ich lebe nicht,

schreit er und weiß nicht, wohin er sich mit Augen, Händen, Beinen

und Atem wenden soll. Ein Traum. Nichts da. Ich will keine Träume.

Schließlich sagt er sich, er lebe eben viel zu einsam. Er schaudert,

empfinden zu müssen, wie verstockt er sich verhält der Mitwelt

gegenüber.

Dann kommen die Sommerabende. Kleist sitzt auf der hohen

Kirchhofsmauer. Es ist alles ganz feucht und zugleich ganz schwül. Er

öffnet das Kleid, um die Brust frei zu haben. Unten, wie von einer

mächtigen Gotteshand in die Tiefe geworfen, liegt der gelblich und

rötlich beleuchtete See, aber die ganze Beleuchtung scheint aus der

Wassertiefe heraufzulodern. Es ist wie ein brennender See. Die Alpen

sind lebendig geworden und tauchen ihre Stirnen unter fabelhaften

Bewegungen ins Wasser. Seine Schwäne umkreisen dort unten seine stille

Insel, und Baumkronen schweben in dunkler, singender und duftender

Seligkeit darüber. Worüber? Nichts, nichts. Kleist trinkt das alles.

Ihm ist der ganze dunkelglänzende See das Geschmeide, das lange,

auf einem schlafenden großen, unbekannten Frauenkörper. Die Linden

und Tannen und Blumen duften. Es ist ein stilles, kaum vernehmbares

Geläute da, er hört's, aber er sieht's auch. Das ist das Neue. Er will

Unfaßliches, Unbegreifliches. Unten im See schaukelt ein Boot. Kleist

sieht es nicht, aber er sieht die Lampen, die es begleiten, hin und

her schwanken. Er sitzt da, vorgebeugten Antlitzes, als müsse er zum

Todessprung in das Bild der schönen Tiefe bereit sein. Er möchte

in das Bild hineinsterben. Er möchte nur noch Augen haben, nur noch

ein einziges Auge sein. Nein, ganz, ganz anders. Die Luft muß eine

Brücke sein und das ganze Landschaftsbild eine Lehne, zum Daranlehnen,

sinnlich, selig, müde. Es wird Nacht, aber er mag nicht hinuntergehen,

er wirft sich an ein unter Sträuchern verborgenes Grab, Fledermäuse

umschwirren ihn, die spitzen Bäume lispeln mit leise daherziehenden

Windzügen. Das Gras duftet so schön, unter dem die Skelette der

Begrabenen liegen. Er ist so schmerzlich glücklich, zu glücklich,

deshalb so würgend, so trocken, so schmerzlich. So allein. Warum

kommen die Toten nicht und unterhalten sich auf eine halbe Stunde mit

dem einsamen Manne? In einer Sommernacht muß einer doch eine Geliebte

haben. Der Gedanke an weißlich schimmernde Brüste und Lippen jagt

Kleist den Berg hinunter, ans Ufer, ins Wasser, mit den Kleidern,

lachend, weinend.

Geschichten(#76191) · 第 4 / 7 段