Maria Stuart: Wie hübsch du bist, Mortimer. Und so jung. Du lernst

die Königin von Schottland spät kennen. Nein, schweige. Sage nichts.

Ich weiß ja so gut, was du mir sagen willst, aber ich weiß noch mehr:

ich weiß, daß du mich liebst, und das kannst du nicht sagen, das

zeigst du. Welche schönen Augen; du hast die unschuldigen Augen eines

schüchternen Rehes, Mortimer. Wie du die Hand da küssest. Sauge! Dein

Mund betet an meiner Hand. Du bist an die rechte Frau gekommen, sie

ist gewohnt, daß man sie anbetet. Sie liebt das jedesmal neu. Meine

Hand liebt dich, Junge. Willst du kein Junge sein, schmollst du, du

machst mir so sonderbare Lippen. Wenn ich zu dir sage: Knabe! so bist

du Marias Mann, und das ist ein Knabe. Ich entfeßle die Männer von

allen Verpflichtungen. Sie lieben mich, das ist ihre einzige Stärke.

Willst du den Degen zücken und Verschwörungen anzetteln? Laß das, ich

hasse diese Art akademischer Tapferkeit, das hast du in Rom gelernt, du

mußt wissen, das imponiert mir gar nicht. Wenn man so reizend aussieht

wie du, darf man nicht wollen in der Welt eine Rolle spielen. Lerne

kühn sein zu meinen Füßen. Deine Befreiungspläne hassen mich, aber der

Schwung deiner Lippen liebt mich und befreit mich aus dem Kerker. Gib

mir ihn, gib Küsse. Dein Mund ist dein Sarg. Schau diese Hand an. Wie

schmeckt dir der Hauch? Angeworfen an den Duft dieser Hände stirbst du

eines Tages. Dein letztes Röcheln, wenn du blutüberströmt, wie deine

beneidenswerten Vorgänger, am Boden liegst, wird mir noch Dank sagen.

Sieh zu, daß es nicht soweit kommt, ich wünsche es nicht, aber gib

her, noch einmal! Nicht so stürmisch. Du kostest zu wenig! Knabe, du

bist verworfen, merke dir das. Dein rascher Untergang steht dir auf

der Stirn geschrieben. Sei behutsam. Nicht, nicht so. Lerne in die

Wollust die Ehrfurcht zwängen. Laß uns stumme Musik machen, laß uns die

Königin von England entthronen. Knie nieder. Bette dich mit dem Kopf in

meinen Schoß. So. O, die Pracht dieses Palastes, die Unversiegbarkeit

dieses Herrschertums! Ich bin schön, ich empfinde es. Du bist reizend,

Mortimer, weil du mich meine Königreiche empfinden machst. Dank.

Wie süß es ist, dir durchs Haar zu streichen. Deine schwarzen Locken

brennen. Deine vor mir niederstürzende Liebe wirft Elisabeth in

Verzweiflung. Was tust du? Suchst du Gott? Da wirst du nie an ein

Ende kommen. Laß es lieber. Da? Tu's nicht. Ich möchte deiner Wonne

die Spitze nicht biegen. Was für Glieder du hast, und dein Nacken. Es

ist mir, als habe er Augen und sähe mich durstig an. Ich verstehe es,

Durst zu entflammen. Was kann sie mir rauben, die englische Willkür?

Die Freiheit? Nichts mir Unpassenderes. Das Glück? Es liegt mir zu

Füßen. Die Machtentfaltung? Ich spüre die höchste. Die Ruhe? Ich werde

geliebt. Das Frauentum? Es feiert Triumphe. Sieh mich an, Mortimer.

Steh auf, geh jetzt. Du willst nicht? Ich mag es dir nicht befehlen.

Deine Wünsche und Lüste umflattern mich wie gezähmte Tauben. Ich ströme

Zwang aus, weil ich so viel Wildheit ausströme. Meine Zartheit geht

noch über meine Schönheit. Du lächelst. Ich wünsche, du stürbest

jetzt. Ich kann die Gnade vergrößern, aber nicht noch versüßen. Laß uns

jetzt still sein. Laß uns thronen im Nichts-mehr-Empfinden.

[Illustration]

Lustspielabend

Ich saß auf der Galerie des Lustspielhauses zu Z..., das

halbausgetrunkene Bierglas neben mir, den Zigarrenstengel zwischen den

Zähnen, neben Studentinnen, Arbeitern und dicken Weibsbildern. Die

Luft war schon fast zum Ersticken. Die gipsenen Engel am Plafond des

Theaters schienen zu schmachten und zu schwitzen. Ab und zu beugte

ich mich über die Brüstung herunter, um zu sehen, was unten los sei.

Dort unten saßen an Tischen, dick ineinandergedrängt, junge bessere

Leute, Korrespondenten aus Bankhäusern, Studenten mit noblen Schmissen

in den Stehkragengesichtern, ältere, feine Herren, die das Leben

lieben, und Damen aus anscheinend guter Familie. Auf dem Balkonrang in

rotsamtnen Sesseln saß die ganz gute Welt, ich glaubte einige mehr oder

weniger ehrwürdige Literaten unterscheiden zu können, unter anderen

einen Redakteur, einen Kerl, der sonst immer mit »belletristischen

Spaziergängen« aufrückte. Ich kannte ihn ein bißchen. Er sah einem

guten braven Schweinemetzger ähnlich, mochte aber trotzdem zu den

Feineren zählen. Prachtvolle Damenhüte gab es da, und edle, lange, an

den Arm angepreßte Handschuhe bis über die üppigen, biegsamen Ellbogen

hinaus. In der Mitte der Saaldecke hing ein Kronleuchter herunter und

warf strahlendes Licht auf die Menschen. Da donnerte einer mit kurzen,

harten Schlägen auf das Klavier, daß es wie eine mächtig-klangvolle

Orgel erbrauste. Der Klavierspieler hatte lange, schwarze, wellige

Locken auf dem Kopf und ein schönes Profil am Gesicht. Es kostete

nichts, es dürfen betrachtet zu haben. Das herrliche Klavierspiel war

der unsichtbare, großbeflügelte, ernste Engel, der mit seinem Gefieder

leise an die Sinne der Zuschauer und Zuhörer anschlug. Und dann ging

der Vorhang in die Höhe, und das Lustspiel wurde abgehaspelt, als ob

es ein Strang Baumwolle gewesen wäre, zwischen zwei Hände gestreckt,

daß man es abwinde. Es wurde milliönisch flott gespielt. Der Direktor

selber spielte die Hauptrolle. Während der Pausen versank ich jedesmal

in tönende Träumereien. Es war mir, als wären die nackten, kühnen,

steinernen Figuren zu beiden Seiten der Bühne auf ihren Postamenten

lebendig geworden. Eigentlich müßte das alles überflüssig gewesen

sein. Das Klavier spritzte mich immer mit Tönen an, hol's der Teufel,

ich sah die schlanken Hände des Schlägers und Spielers auf den weißen

Tasten auf- und niedertanzen, ich hätte mit dem größten Vergnügen

eine halbstündige Pause gehabt. Unter mir, auf dem Balkon, putzte sich

eine ältere Dame mit ihrem rasend bespitzten Taschentuch die Nase. Ich

fand alles schön und unendlich zauberhaft. Die Kellner fragten, ob

Bier gefällig sei. Diese schnurrige Frage kam mir so sonderbar vor.

Was waren das für Menschen, die derart an die Leute herantreten und

fragen konnten, ob man wünsche, etwas zu trinken? Einer der Kellner

hatte ein reines, borstiges Schnurrbartgesicht, man sah nur den großen,

gewichsten Schnurrbart und dazwischen ein Paar große, dunkelglühende

Augen. Sie schimmerten wie Lichter aus einem Waldesdunkel heraus. Ein

anderer war bartlos und krankhaft blaß und elend mager im Gesicht,

daß ihm die Backenknochen wie Klippen eines Felsenufers vorsprangen.

Diesem nahm ich ein Glas Bier ab, bezahlte sofort und steckte mir einen

neuen Zigarrenstumpen in den Mund. Da warf mir das Klavier eine neue,

machtvolle Welle ins Gesicht, an die Brust, in die Rockärmel hinein,

daß ich glaubte, mich nach einem Handtuch umschauen zu müssen, um

mich abtrocknen zu können. Aber die Strahlen des gelblichschimmernden

Kronleuchters hatten das schon besorgt, ich brauchte keine Angst zu

haben. Da gab es wieder Momente in der Pause, wo ich meinte, meine

beiden Augen seien lange, dünne Stangen geworden und hätten die Hand

einer der unter mir sitzenden Damen berühren können. Aber sie schien

nichts zu merken, sie ließ mich machen, und was ich tat, war doch so

unverschämt. Dicht neben mir saß ein herrschaftliches Dienstmädchen,

ein lieb aussehendes, kleines, zierliches Ding, ich fragte sie, wie

sie heiße, sie sagte es leise. Eigentlich sagte sie es mir mehr mit

den Augen und mit ihren beiden, hochrotglühenden Wangen, als mit dem

Mund. Sie hieß Anna. Ich bestellte ihr ein Glas Bier und blies ihr

Rauch ins Gesicht, um sie lachen zu machen. Wie ihre Augen schwarz

und feucht glänzten, es war, als schimmerten zwei kleine Kügelchen

aus schwarzem Silber. Unten auf dem Balkon saß die Baronin Anna von

Wertenschlag, auch eine Anna, aber eine ganz, ganz andere. Von dem Hut

der Baronin fielen lange, geschweifte Federn rückwärts wie sterbende

Vögel. Sie zitterten, als ob sie ein leises, unsagbares, menschliches

Weh empfunden hätten. Die Frau saß in einem tiefschwarzen Kleid, das

gegen unten mächtig gebogen und gebauscht war, Platz für dreie oder

viere einnehmend, zwischen zwei jungen, aber, wie es den Anschein

hatte, wenig gefährlichen Kavalieren. Sie schien in Gedanken versunken.

Da ging der Vorhang wieder auf, und das lustige, kammerzöfliche Stück

lispelte weiter. Auf der Bühne geschah es, daß eine reich gewordene

Bürgersfrau einer armen Adligen die vornehm ausgestreckte, lässig

dargehaltene Hand küssen mußte, weil es die althergebrachte, schöne

Sitte erforderte. Nachher aber, wie die Dame von Stand verschwunden

war, spottete die Bürgerliche, und gewiß nicht ohne Berechtigung, und

spuckte verächtlich auf den Teppich des gräflichen Empfangzimmers

aus. Dieses Benehmen erweckte von der Galerie herab ein stürmisches,

Sympathie kundgebendes Gelächter. Einer schrie sogar Bravo, das mochte

ein adelsfeindlicher Republikaner gewesen sein. Von den unteren

Regionen kehrte sich manches Gesicht erstaunt und ein wenig ärgerlich

nach oben, zu sehen, wer der Pöbelianer sei, dessen Beifall ein so

wenig passender und so überlauter war. Aber die Untensitzenden sollten

ihren Ärger denn doch lieber ein wenig zurückgehalten haben, denn schon

der nächste Augenblick bewies, daß es auch unter ihnen Pöbelhelden gab.

Der Direktor als Ehegatte trat auf, da schmeißt einer der fabelhaft

gut angezogenen Studenten, der mit seiner Nase beinahe an die Rampe

anstößt, irgendeinen Witz auf die Bühne. Es wird gelacht, und es wird

freundlichst angenommen, den Künstler werde es zu einem höflichen

Mitlächeln zwingen. Davon aber war keine Spur, der Direktor, mit der

Zornesröte im Gesicht und mit dem Zittern des heftigsten Unwillens in

der Stimme, wandte sich mit folgender, von verachtungsvollen Gebärden

begleiteter Ansprache an das Publikum:

Meine Damen und Herren (was will er, was hat er, was ist hier unten?

dachten wir erhöhten Galeriemenschen). Sie haben soeben gehört, wie

man mich beleidigt hat. Wäre es einesteils nicht eine Bande von

unreifen Buben (die ganze Galerie streckte die Hälse vor), und wären es

andernteils nicht respektgebietende Menschen, die ich da, Kopf an Kopf,

vor mir sehe, beim Erdenhimmel, ich wollte nicht daran denken, daß ich

ein Tiger sei, nein, ich wollte als Mensch in die Rotte hineinspringen,

um sie, der ganzen elendiglichen Reihe nach, in die unterste Hölle

hinunterzuohrfeigen. Ich habe vieles gesehen und vieles in meinem

Künstlerberuf erduldet, wenn mich aber, der ich nun, ein alternder

Mann, bald an das Ende meiner Laufbahn angelangt bin, ein junger Affe

anspuckt -- Verzeihung ...

Und er spielte weiter. Nie wieder in meinem späteren Leben habe ich

noch einmal solch eine prachtvoll-seelenvolle Zurückdrängung der

persönlichen Wut gesehen. Im ganzen Theater war es pips-mäuschenstill

geworden. Ich hätte darauf schwören mögen, die Herzen der Zuschauer

pochen gehört zu haben. Nach und nach vergaßen alle den unfeinen

Auftritt. Der fragliche Student schien sich erhoben und geräuschlos

aus dem Staube gemacht zu haben, wozu er gewiß alle nur denkbare

Veranlassung hatte. Annas Brust hatte sich auf- und niedergehoben

vor Erregung, jetzt lächelte sie. Das Stück war so friedlich, so

wiänerisch, gutes, altes, solides Fabrikat. Es spickte wie aus

Spickröhrchen eine Anzahl junger Mädchen aufs Tapet, die alle einen

Mann haben wollten und schließlich, das ahnte man schon, auch einen

kriegen würden. Schneidige Bureaulisten scheichelten in Sommerhüten,

mit Spazierstöcken bewaffnet, umher und hatten so zuckersüße Manieren

und so gewählte Worte. Ein Husar in angespannten Hosen und herrlichen

Stiefeln machte viel Wesens von sich. Bald war es ein Garten, bald ein

ärmliches Zimmer, bald eine Landstraße, bald ein hochherrschaftliches

Kabinett, worin gespielt wurde. Um ihm Achtung zu bezeigen, überwarf

man den Direktor mit Beifall, das war natürlich dumm und ein wenig roh,

und doch dürfte es dem Mimen geschmeichelt haben. Diese Leute wissen

ja schließlich zu unterscheiden und haben dabei ihre eigenen Gedanken.

Dann gab es wieder eine Pause, und wieder bekam ich eins über den

Schädel von der Musik, daß ich ganz wie von selber den Mund auftat, um

hinzuhorchen. Anna, das Dienstmädchen, plauderte von den Gewohnheiten

ihrer Herrschaft, wobei sie natürlich die Lächerlichkeiten bevorzugte,

ich hörte ganz der Musik zu und dazwischen noch halb und halb dem

Geplauder. Die Hitze kam wieder, um sich an den Stirnen und unter den

Achseln beklemmend anzumelden. Die Kellner sammelten die Biergläser

ein, ziemlich unwirsch, und unten um die breitröckige Anna von

Wertenschlag herum säuselten und scharwenzelten und tanzschrittelten

sie, die Halunken, die wohl wußten, wo's etwa Trinkgelder geben

mochte. Die ganze Galerie schwitzte, kochte, dampfte und dunstete. Die

dicken Weibsbilder klebten bereits mit ihren Röcken und Unterröcken an

den braunlackierten Klappstühlen an, sie sagten es sich und schrien

vor Schreck und Genugtuung. Viele wischten sich den Schweiß von der

Stirn ab. Anna von Wertenschlag hob den Kopf in die von Gesichtern

gesprenkelte Höhe. Welche wundervollen Augen! Dann kam der letzte Akt,

und dann ging es nach Hause. Während des Hinaustretens spielte noch

einmal der Klaviermann. Die Treppen erbebten unter den hinabpolternden

Schritten. Welle auf Welle floß es mir nach, so schön, so groß und

so melodiös gute Nacht und auf baldiges Wiedersehen sagend. Draußen

regnete es. Die Baronin stieg in den Wagen, und die Kutsche rollte

davon.

[Illustration]

Katzentheater

Ein Schlafzimmer

Es ist Mitternacht vorüber. In einem Bett schläft Muschi, ein

kohlrabenschwarzes Kätzchen, in schneeweißen, spitzenbehangenen

Kissen. Wie das kleine Kinder zu tun pflegen, schläft Muschi mit

offenem Mündchen. Eine ihrer Pfoten hat sie unter den Kopf gelegt,

während die andere über den Bettrand herunterhängt. Es sind niedliche

kleine Pfoten. Im Zimmer ist es zauberhaft still, und es entströmt

ihm ein eigener Duft, ähnlich dem Duft einer Kinderküche, in der

gerade etwas ganz Köstlich-Süßes gebacken und gebraten wird. Auch

etwas Prinzeßhaftes duftet daraus hervor in den Zuschauerraum. Auf

einem Nachttischchen brennt ein winziges Nachtlicht, einer züngelnden

Kirschblüte ähnlich, und verbreitet einen milden, rötlichen Schein

gegen das Bett zu. Muschi träumt, man merkt das, denn sie zuckt

manchmal mit der Pfote und blinzelt ein wenig mit den Augendeckeln.

Die Fenster des Zimmers sind von entzückend saubern Gardinen und

Umhängen dicht, wie von Schnee, umrahmt. Auch das hat etwas entschieden

Kleinkinderhaftes und Blütenartiges. Tisch, Kommode, Sessel und

Kleiderschrank sind angenehm und absolut ungezwungen im Raum verteilt.

Muschis Kleider liegen neben der Schlafenden auf einem Stuhl. Auf

einmal geht eine der Gardinen auseinander, und ein Räuber, das heißt,

ein großer Kater als Räuberhauptmann verkleidet, steigt geräuschlos

und sich vorsichtig nach allen Seiten umwendend, zum Fenster hinein.

Er steckt in Stulpenstiefeln, hat einen hohen, spitzen Hut auf

dem Kopf und Waffen im Gürtel. Sein Bart und seine wilden Augen

sind schrecklich, und seine Bewegungen sind die eines in der Tat

ausstudierten Spießgesellen. Er tritt an das Bett heran, ergreift die

kleine, ahnungslose Muschi beim Schopf, zieht sie zu den Kissen heraus,

schlägt sie in ein Tuch und tut dann das zappelnde Ding, das schreien

will und nicht kann, in einen dafür bereitgehaltenen großen Sack

hinein. Zufriedenes Grinsen und Schnurren. Das Orchester spielt eine

bald wehklagende, bald leise und spitzbubenhaft-triumphierende Melodie.

Drinnen im anderen Zimmer ruft eine Stimme: Muschi, Muschi. Das klingt

gesungen und sehr gedehnt. Der Räuber dreht sich schurkengewandt auf

den Schuhabsätzen um und macht sich zum Fenster hinaus. Im nächsten

Augenblick geht eine Tür auf, und herein tritt im weiten Nachtkleid

die Amme der Muschi. Eine Art Frau Wangel ins Katzliche hinüber

transponiert. Sie bleibt erstarrt stehen und will miauen. Es ist aber

schließlich schon eine ältere Katze, und der Schreck lähmt ihr sowohl

die Glieder als die Stimme. Sie sinkt unter kläglichen Gebärden in

Ohnmacht. Dann besinnt sie sich und läuft laut miauend, eigentlich

beinahe schon mehr menschlich schreiend, zum Zimmer hinaus.

[Illustration]

Flußgegend mit Turm

Im Turm, ganz hoch oben, brennt ein Licht. Es ist Nacht, und der

Sturmwind braust. Die Amme tritt auf, den Regenschirm unter dem Arm.

Nach ein paar Schritten gegen das Publikum zu bleibt sie stehen,

ermüdet von langen Wanderungen, wie es scheint, zieht das rotgetüpfelte

Schnupftuch aus der Rocktasche und hebt ein minutenlanges, rührendes

Schluchzen an. Unter anderem putzt sie sich die platteingedrückte

Katzennase, wie es alte Frauen, die weinen, zu tun pflegen. Sie hat

sich von Hause aufgemacht, um die geraubte Muschi zu suchen, und

sie sucht nun schon an die zehn Jahre lang. Sie spricht schon zehn

verschiedene Sprachen, weil sie schon durch zehn fremde Länder gegangen

ist. Zu Hause sitzt die vornehme Mama von Muschi und ißt beinahe

nichts und trinkt nichts, denn sie will und kann sich nicht an den

Schmerz gewöhnen, der ihr sagt, sie habe ihr einziges Kind verloren.

Die Amme hat denn auch sogleich, ohne eine Miene zu verziehen oder

ein überflüssig Wort zu reden, die groben Wanderschuhe angezogen und

ist mit ihren alten Beinen bis zu diesem schauervollen Turm gelaufen.

Überall hat sie gerufen: Muschichen, Muschichen. Manchmal sogar hat

sie in ihrer Seelenangst geschrien: Müschibüschi, Müschimüschichen,

und solches zärtliches, unsinniges, dummes Zeug mehr, und nie ist ihr

geantwortet worden. Der Amme sind zu verschiedenen Malen von müßigen

Witwern Heiratsanträge gemacht worden, auf der Reise, in der Herberge,

aber sie hätte eher eine Ohrfeige annehmen mögen, als solch einen

schmutzigen Heiratsantrag, der zu nichts gut war, als sie abzulenken

von der großen, süßtraurigen Aufgabe ihres Lebens, nämlich, das

Müschischüchen suchen zu gehen. Diese ihre Trauer kommt, wie sie so

dasteht, beredt zum Ausdruck; jetzt aber wendet sie sich gegen den Turm

und bemerkt das kleine Licht in der Höhe. Alsogleich sieht sie sich zu

einem kräftigen Miauen veranlaßt, das sich so anhört, als frage sie

das Licht etwas. Das Licht blinzelt nur ein ganz klein wenig, wie das

schließlich von solch einem Licht auch gar nicht anders zu erwarten

gewesen ist. Ist Muschi da oben? fragt die Amme. Keine Antwort. Sage

mir doch, liebes Licht, weißt du, wo meine Muschi ist? Keine Antwort.

Keckheit das, nicht einmal einer Amme aus vornehmem Haus zu antworten.

Also denn nicht? Keine Antwort. Die Amme tritt vom Turm weg. Der Sturm

bläst das freche, lieblose Licht aus. Wolken ziehen über die Bühne. Es

darf dies als ein Bild entlegenster Einsamkeit gelten. Die Amme weint

und macht sich bereit, weiterzugehen. Sie zieht an einem Zipfel den

Rock hoch und wischt sich die Augen damit.

[Illustration]

Eine Singspielhalle

Also soweit hat es nun die Muschi gebracht; an die

Varietétheateragenten ist sie verhandelt worden. Laß mal sehen.

Wirklich, da steht sie auf der Bühne, in einem erbärmlichen

Flitterröckchen, in hohen Schuhen mit geschweiften Absätzen, in

knallroten Strümpfen, die bis über die Knie hinaus sichtbar sind, und

muß für den Taglohn tanzen. Hübsch ist sie indessen geworden, das kann

man auf den ersten Blick sehen, sie ist denn auch die beste Nummer auf

dem ganzen Programm. Sie hat was Vornehmes an sich, was Stolzes, das

nur von der Abstammung herrühren kann. Die Zuschauerkater sind ganz

plebejisch aussehende Kerle mit breiten Mäulern und ziemlich dreckigen

Manieren. Mit den Vorderpfoten klappen sie die Bierglasdeckel zu und

freuen sich über die ganze stumpfsinnige Bedeutungslosigkeit ihres

Tuns. Ein schlechter Dunst weht im Lokal, Kellnerinnen bedienen und

wollen immer etwas zum besten bekommen haben. Muschi tanzt, und sowie

sie den Tanz beendet hat, setzt sie sich zu anderen Tänzerinnen auf

eine samtüberzogene Bank, um sich gelassen angaffen und anwitzeln zu

lassen. Ihr Köpfchen hält sie gesenkt, und mit ihren Pfoten spielt sie

wie in lange, wehmütige Gedanken verloren mit den knisternden Spitzen

ihres Tanzröckchens. Ihre Augen, wenn sie sie aufschlägt, sind so

groß, traurig und schön. Es sind gelbe Augen. Man wird nie vergessen

dürfen, daß es eben nun einmal, so wie die Dinge liegen, Katzenaugen

sind, aber es sind Katzenaugen von der feinsten und edelsten Sorte.

Ein unauslöschlicher Kummer, mit einer unauslöschlichen Erinnerung

verbunden, scheint darin zu brennen. Da will sie ein Kerl von unten

her an das in der Tat fesche Bein fassen, pfui, mit den Saupfoten. Sie

versetzt ihm einen heftigen Stoß mit dem scharfkantigen Stiefelabsatz

ins breite Schnauzengesicht hinein, daß er laut miauend davonläuft,

um dem Herrn Wirt Anzeige zu erstatten. Leider ist es nun gerade ein

guter Duzfreund des Wirtes. Dieser stürzt vor und ohrfeigt die Muschi,

die nun in Tränen ausbricht. Die Kellnerinnen, die dem Gast flattieren

wollen, sagen, das sei recht, so gehöre es sich, nur munter in die

Fresse gehauen, das sei gesund für solch ein Stolztruthähnin. Muschi

weint und muß weinend tanzen, sie tanzt aber so schmerzlich schön, daß

es den wüstesten Schmierfinken nicht mehr erlaubt ist, aus irgendeiner

innern Ahnung heraus, sie noch ferner zu belästigen. Der feuchte Glanz

in Muschis großen Augen hat sie energisch eingeschüchtert. Die Kater

brüllen Bravo und klatschen in die Pfoten und lecken das ausgeschüttete

Bier von den Tischen ab. Der Wirt, ein urgelungenes, dickes Tier, macht

eine unendlich komische wichtige Miene.

[Illustration]

Vornehme Straße mit Gartengitter

Zehn Jahre sind wieder verflossen. Die Ammenkatze tritt auf, auf einen

Knotenstock herabgebeugt, halb blind von dem vielen Suchen: Zehn Jahre,

zwanzig Jahre, und damals, als sie im Bettchen lag, war sie vier Jahre

alt, eins dazu, das macht fünfundzwanzig, denkt sie und versucht, mit

der alten Schnauze zu lächeln. O, was für ein uraltes, verwittertes

Lächeln das ist. Das bröckelt vom Mund wie Steine von einem alten,

zerrissenen Gemäuer. Es ist helles Sonntagvormittagswetter. Auf den

Sträuchern im Garten blendet die Sonne. Es hat, wenn man durchaus

zeigen will, daß man gebildet ist, etwas von dem neufranzösischen

Impressionismus. Die Alte hat sich auf einen der beiden Steine, wie

sie etwa vor Gartentoren stehen, gesetzt und hüstelt ein bißchen. Das

ist so, wenn man alt ist, man hustet sogar im heißesten Sommer. Wie

schmerzlos sie dasitzt. Das Suchen ist ihr zu einer sozusagen lieben,

unentbehrlichen Gewohnheit geworden. Sie sucht schon längst nicht

mehr, um zu finden, sondern aus einer ihr selber nicht bewußten Lust

am Suchen. Es genügt ihr, das letzte bißchen Pflicht zu erfüllen.

Sie hofft nicht mehr. Hoffnung ist ihr bereits seit längerer Zeit

Entweihung geworden. Auch suchen tut sie nicht mehr so recht, nur

noch so gehen und ein bißchen sehen, das tut sie. Alt, alt ist sie

geworden und so schön müde, so schön schwach, so abgelaufen, so

abverdient, so das ganze Leben um einer Pflicht willen abgetrieben.

Da sitzt sie, und Katzenleute gehen an ihr achtlos, in der Meinung,

es sei eine faule Bettlerin, vorüber. Niemand schenkt ihr mehr als

etwa so einen halbpatzigen Blick, Kindermädchen wägeln mit Kinderwagen

vorüber. Arbeiter und Herren im Zylinder, alles Kater natürlich. Aber

Katerliches und Menschliches vermischt sich. Die Herren drehen sich

langweilig die Schnurrbärte, die bis hinten an die Ohren reichen.

Selbstverständlich gehen sie alle mehr oder weniger stramm aufrecht.

Die Elektrische saust vorüber. Ganz junge Katzenkinder springen

spielend umher, und die Sonne lacht so freundlich. Hinter den Büschen

des herrschaftlichen Gartens schimmert das grau-bläuliche Schieferdach

eines Hauses, und jetzt, aber alte Amme, was soll das? Nicht, nicht

doch. Nicht schlafen. Siehst du nicht? Eine himmlisch schöne, in

weiße Schleier gehüllte, junge Frauengestalt ist aus dem Gartentor

herausgetreten. Die Alte macht bä wä -- -- und sinkt um und ist tot

vor Freude. Die schöne Erscheinung ist Muschi. Sie ist eine schöne,

vornehme Katze geworden, Frau eines Ministers. Wie sie nun die alte

Frau hat umfallen sehen, steigt ihr eine Ahnung auf. Sie eilt zu ihr

hin, erkennt sie, kniet neben ihr und ist ganz starr, kein Wunder, da

die Kindheitwelt sie jetzt überwältigt.

[Illustration]

Die Schauspielerin

Geschichten(#76191) · 第 3 / 7 段