Berg in roten Flammen. Die herrlichen, breitgewachsenen Eichen brannten
wie leichte Zündhölzer herunter, die weißen Felsen liefen schwarz
an von der Glut, die an ihnen hinaufleckte. In der Stadt sahen die
Menschen mit Fernrohren zu dem feurigen Schauspiel hinauf, und im See,
am Fuße des Berges gelegen, spiegelte sich der schreckliche Brand in
wundervollen Farben wider. Unten in den Straßen liefen und schrien
und hüteschwenkten die erregten Bürger. Einzelne mieteten Boote,
fuhren in den See hinaus, um aus gehöriger Entfernung den Anblick zu
genießen, unter diesen Genußmenschen befanden sich junge Dichter und
Maler, sogar ein Musiker war dabei, der die brennende Welt auf sein
tönendes Innenleben wirken ließ. Ob er später einmal eine Symphonie
daraus gemacht hat, ist bis heute noch nicht ermittelt worden. Die
Feuerwehr war natürlich solch einem Naturbrande gegenüber absolut
machtlos; nichtsdestoweniger läuteten die Glocken und hornten die
Hörner und sprangen auf Wagen die Spritzen und deren Bedienung umher.
Die Stadträte waren durch Eilboten oder Telephon und Telegramme zu
einer Sitzung berufen worden. In den stillen, verborgenen Teichen,
die in alten, herrschaftlichen Gärten schlummerten, leuchtete es
und warf Flecken von Brand und Glut hinein, daß ein Mensch, wenn er
vorbeiging, es sehen mußte. Das Glockenläuten wollte absolut nicht
aufhören. Die Flammen da oben schienen die Glocken in Bewegung zu
setzen, immer stärker, immer stürmischer, hin und her, mit Getöse und
Getön, verschiedene Glocken wie eine einzige Übermächtige loslassend;
zu Fenstern, die nie geöffnet wurden, steckte heute eine alte Mannes-
oder Frauensperson, eine treue, von der Welt gar nicht gekannte Magd,
oder ein Herr mit Habichtsnase und schneeweißem Haar den Kopf heraus,
um zu sehen, zu hören und weiß nicht was sonst noch zu machen. Der
unsichtbare, geläufige Schrecken lief durch die Gassen, klopfte
an alte Gartentore, stieg über Mauern und traf die Stirne eines
Fräulein, welches am Fenster stickte; der Schreiner hatte seine Hobeln
aufgesteckt, der Schlosser sein Hämmern, der Schuster sein Klopfen,
der Schneider sein Stechen, der Handlanger auf den Bauplätzen sein
Schaufeln, der Totengräber sein Graben, der Uhrmacher sein Polieren,
der Gelehrte sein Studium, alles hatte einen neuen und einen gleichen
Beruf bekommen, den des bangen Abwartens, wie das enden würde. Aus
den umliegenden, über die Felder und Hügel verstreuten Ortschaften
lief es herbei, ein Gerassel von Beinen, Köpfen und Armen; Fuhrwerke
sprangen, Radfahrer radelten, Weiber schrien, Kinder, die gestoßen
wurden, weinten, fielen um und erhoben sich wieder; am Bahnübergang
gab es eine Stockung von Menschen, Rädern und Schimpfworten, bis der
Eisenbahnzug vorbeifuhr und man durchkonnte. Immer dieses Geläute und
diese schreckliche Röte, als ob irgendwo, in einer räuberischen Ecke,
die Welt angezündet worden wäre, von einem krassen, übernatürlichen
Spitzbuben, von einem Gott; als ob die Glocken ohne die Röte nicht
hätten läuten und schallen können, als ob der Tag, wie ein in zornige
Scham gehülltes Gesicht, mit diesem feurigen Rot unbedingt hätte
überzogen werden müssen. Manchmal sah es wie eine groß angelegte,
dekorative, freskohafte Wandmalerei aus, Feuerbrand darstellend,
bis ein Laut dazu kam, der einen wieder an die plastisch-bewegliche
Wirklichkeit erinnerte. Jetzt wiederum schien es mehr am Himmel als auf
der Erde zu brennen, so sehr hatte das Feuer den Himmel gerötet. Die
untergehende Sonne schien ein mattes Lämpchen dagegen zu sein, nicht
imstande, noch ein einziges Auge an sich zu ziehen. Oftmals hielten
die Hornrufe inne, als müßten sie Atem geschöpft haben, um zu erneuten
Leistungen zu gelangen. Stundenweit, hieß es später in den Zeitungen,
sah man das herrlich-traurige Farbengemälde, und die entfernten
Menschen stießen sich in den fernen Wohnungen, Straßen, Plätzen,
Promenaden und Arbeitsstätten an und sagten: du, sieh, was ist das für
ein Schein, dort in der Ferne? Dann wurde es Nacht, aber niemand wagte,
sich niederzulegen und zu schlafen; die Lampen wurden angezündet in
den Zimmern, und um die Familientische vereinigt saßen Mutter, Vater,
Sohn, Tochter, Bruder, Kind und Schwester und Tante und Schwager, und
sprachen miteinander von der Waldfeuersbrunst und von dem furchtbaren
Schaden, den sie angerichtet hatte. Viele Leute gingen hinauf zu der
weiten, sich über den ganzen, breiten Berg erstreckenden Brandstätte,
die noch zischte und dampfte und knisterte in ihrem Verlöschen.
Andern Tags erblickte jedermann statt des grünen einen schwarzen,
rauchenden Berg, der schöne Wald war verbrannt, alle die heimlichen
Lustplätze, das Moos über dem hohen Felsen, das Dickicht der Pflanzen
und Sträucher, die hohen Tannen und Eichen mit ihren Armen voll grünen,
süßen Laubes, alles das ist ein jammervoller Anblick gewesen und
der materielle Schaden ein beinahe tödlich verwundender. Man ist nie
dahintergekommen, wer den Brand verursachte, aber man vermutet, es
seien Schuljungens gewesen, die sich mit allerhand Feuerzeug von jeher
gern im Wald herumgetrieben haben. Ein Maler hat davon ein Gemälde
gemacht, er heißt Hans Kunz, ist ein Trunkenbold und ein Verächter
aller guten und wohlgefälligen Sitten. Das Bild wird im Rathaussaal
aufgehängt werden, zum fortdauernden Andenken an das große, Wald-,
Berg- und Gemeindeunglück.
[Illustration]
Der Park
Wachehabende Soldaten sitzen auf einer Bank neben dem Portal, ich
trete ein, zu Boden gefallene, dürre Blätter fliegen und wirbeln und
rollen und rühren mir entgegen. Das ist ungemein lustig und zugleich
gedankenvoll; das Lebhafte ist immer gedankenvoller als das Tote und
Traurige. Parkluft grüßt mich; die vielen tausend grünen Blätter der
hochaufragenden Bäume sind Lippen, die mir guten Tag sagen: Auch schon
aufgestanden? In der Tat ja, ich wundere mich selber. So ein Park, das
ist wie ein weites, stilles, abgesondertes Zimmer. Übrigens ist es in
einem Park eigentlich immer Sonntag, denn es ist immer ein bißchen
wehmütig, und das Wehmütige erinnert lebhaft an zu Hause, und Sonntage
hat es ja eigentlich nur zu Hause gegeben, wo man ein Kind gewesen
ist. Etwas Elterliches und Kindliches haben Sonntage. Ich gehe weiter
unter den hohen, schönen Bäumen, wie das leise und freundlich rauscht,
ein Mädchen sitzt allein auf einer Bank, sticht mit dem Sonnenschirm
in den Boden, hält den hübschen Kopf gesenkt und ist in Gedanken
versunken. Was mag sie denken? Will sie eine Bekanntschaft machen?
Eine lange, hellgrüne Allee tut sich auf, einzelne Menschen begegnen
mir, die Bänke sind indessen ziemlich spärlich besetzt. Wie die Sonne
so scheinen mag, so für gar nichts. Sie küßt die Bäume und das Wasser
des künstlich angelegten Sees, ich betrachte ein altes Geländer und
lache, weil es mir gefällt. Heutzutage ist es Mode geworden, vor alten
eisernen Geländern stehen zu bleiben und deren solide, zierliche Arbeit
zu bewundern, was ein bißchen dumm ist. Weiter. Ein Bekannter steht
plötzlich vor mir, es ist Kutsch, der Schriftsteller, er erkennt mich
nicht, während ich ihn doch freundlich grüße. Was hat er? Übrigens
hatte ich immer geglaubt, er sei in die afrikanischen Kolonien
gegangen. Ich eile auf ihn zu, da verschwindet er mit einem Male;
tatsächlich, es ist nur eine alberne Einbildung von mir gewesen, der
Platz unter der hohen Eiche, wo ich ihn zu sehen glaubte, ist leer.
Eine Brücke! Wie das Wasser unter der Sonne glitzert und schimmert,
so zauberhaft. Aber es fährt hier niemand im Kahn, das gibt dem See
etwas Verschlafenes, es ist, als ob er nur gemalt daläge. Junge Leute
kommen. Merkwürdig, wie man sich an solch einem Sonntagvormittag in
die Augen schaut, als ob man sich gegenseitig etwas zu sagen hätte,
aber man hat sich nicht das geringste zu sagen, sagt man sich. Ein
kleines, entzückend schlankgebautes Schloß ragt vor mir zwischen Bäumen
in die weißlich-blaue Luft. Wer mag hier gewohnt haben? Vielleicht
eine Mätresse, ich hoffe es, der Gedanke ist anziehend. Hier mag
es einstmals von hohen und höchsten Herrschaften gewimmelt haben,
Droschken und Kaleschen und Diener in grünen und blauen Livreen. Wie
verlassen und vernachlässigt jetzt das edle Gebäude aussieht! Gottlob
beachtet man es nicht, denn wenn der Baumeister käme und es mit
Hilfe einer Gelehrtenbrille renovierte, man gestatte mir, diese Idee
unabgewogen hinunterzuschlucken. Was ist aus uns Volk geworden, daß
wir das Schöne nur noch in Träumen besitzen dürfen. Eine alte Frau und
ein alter Mann sitzen da, ich gehe vorüber, auch an einem lesenden
Mädchen gehe ich vorüber, es geht nicht gut an, ein Liebesabenteuer
mit den Worten anzufangen: Was lesen Sie da, Fräulein. Ich gehe
ziemlich rasch und plötzlich bleibe ich stehen: Wie schön und still
ist so ein Park, er versetzt einen in die abgelegenste Landschaft, man
ist in England oder in Schlesien, man ist Gutsherr und gar nichts. Am
schönsten ist es, wenn man scheinbar das Schöne gar nicht empfindet
und nur so ist wie anderes auch ist. Ich blicke ein wenig zum stillen,
halb grünen Fluß hinunter. Übrigens ist ja alles so grün, und grau,
das ist eigentlich eine Farbe zum Schlafen, zum die Augen zudrücken.
In der Ferne, von Blättern umschlossen, sieht man das bläuliche Kleid
einer sitzenden Dame. Zigaretten darf man hier auch nicht rauchen,
ein Mädchen lacht hell auf, sie geht zwischen zwei jungen Herren, von
denen der eine sie umschlungen hält. Wieder eine Aussicht in eine
Allee, wie schön, wie still, wie merkwürdig. Eine alte Dame kommt auf
mich zu, das feine, blasse Gesicht von Schwarz umrahmt, diese alten,
klugen Augen. Offen gestanden, ich finde es prachtvoll, wenn eine
vereinzelte alte Dame durch eine grüne Allee geht. Ich gelange zu einer
Blumen- und Gewächsanlage, wo auf einer hübschen Bank im Schatten ein
Jude sitzt. Hätte es vielleicht ein Germane sein sollen, würde das
besser gewesen sein? Eine kleine Statue steht mitten unter Blumen,
es ist eine kreisrunde Anlage, ich gehe langsam rund herum, da kommt
wieder das lesende Mädchen, es liest jetzt gehend, es lernt halblaut
französisch. Diese wundervolle Langeweile, die in allem ist, diese
sonnige Zurückgezogenheit, diese Halbheit und Schläfrigkeit unter Grün,
diese Melancholie, diese Beine, wem seine, meine? Ja. Ich bin zu faul,
Beobachtungen zu machen, sehe auf meine Beine herab und marschiere
weiter. Ich sage ja, Sonntage gibt es nur an Familientischen und auf
Familienspaziergängen. Der erwachsene, einzelstehende Mensch ist dieses
Vergnügens beraubt, er kann, wie Kutsch, jede Stunde nach Afrika
abdampfen. Überhaupt, welch ein Verlust, fünfundzwanzig Jahre alt
geworden zu sein. Es gibt anderes dafür, aber von diesem anderen mag
ich jetzt nichts wissen. Ich bin jetzt auf der Straße und rauche und
trete in eine bürgerliche Kneipe ein, und hier bin ich auch sogleich
Herr der Umgebung. Schöner Park, schöner Park, denke ich da.
[Illustration]
Illusion
Ich besaß doch wenigstens eine Landkarte, sie hing an der Wand
meines Schreibzimmers, und da konnte ich, soviel ich Lust hatte,
mit der Nasen- oder Fingerspitze in der weiten Welt umherreisen.
Das große weitschweifige Rußland entzückte mich schon als Körper.
Mitten in diesem mächtigen Körper lag ganz wie ein fester, schöner,
ehrlicher Mittelpunkt in einer Mitte die Stadt Moskau, die der
Schnee versilberte. Schlitten, ganz kleine und zierliche, flogen, von
munteren Pferden gezogen, im Schnee durch die merkwürdigen Straßen
dahin. Herrlich strahlten, als es begann dunkel zu werden, aus den
Fenstern der fürstlichen Paläste die Lichter, und herrlich war es,
zu sehen, wie aus manchem Fenster sich anscheinend süße und schöne
Frauengestalten hervorbeugten. Lieder, uralte russische Lieder, von
der nationalen Wehmut verzaubert, tönten mir bestrickend nach. Ich
trat in ein Vergnügungshaus hinein, und da konnte ich ihnen in die
Augen schauen, den stolzen russischen Frauen. Sie lächelten, aber
unnennbar verächtlich, so als liebten sie dieses Leben und verschmähten
es gleichzeitig. Wundervolle Tänze wurden aufgeführt, feenhaft schöne
Malereien schmückten die Wände der Säle von oben bis unten. Unedles
erblickte ich fast gar nichts, sei es, daß mir die Augen überliefen
vom sichtbaren und unsichtbaren Entzücken, sei es, daß mich das
Vorurteil, alles schön zu finden, beseelte. Ich setzte mich an einen
der reichgedeckten Tische und harrte der Dinge, die da kommen sollten.
Weine wurden mir kredenzt von großen, mützenbedeckten Leuten; da
schritt eine Frau, Dame vom Wirbel bis zur Sohle, auf mich zu, und da
sie sich vom Anstand, den ich, beglückt wie ich war, zur Schau trug,
überzeugte, setzte sie sich unter einer artigen, unaussprechlich
anmutvollen Verbeugung zu mir an den Tisch und befahl mir in der
Sprache, die jeder Liebende versteht, ihr ein Glas Wein einzuschenken.
Sie nippte am Glas wie ein Eichhörnchen. Im Verlauf unserer
Unterhaltung, sonderbar, ich verstand mit einemmal gut Russisch, bat
ich sie, mir die Hand zum Kuß darreichen zu wollen. Sie ließ sie mir
und mich durchrieselten Wonnen, als ich meine Lippen auf dieses blasse,
süße, schneereine und weiße Wunder drücken durfte, mir war es, als
sauge ich einen neuen Glauben an Gott ein durch die Berührung und
Bewegung, der ich mich mit Seelengewalt und -lust hingab. Sie lächelte
und nannte mich einen netten Menschen. Und dann, und dann, weh mir
Elendem, verschwand das alles und ich saß wieder im schriftstellernden,
gedankenvollen Zimmer. Neue Ideen strömten auf mich ein, es war mir,
als müsse ich Felsblöcke fortwälzen. Es war schon Nachmitternacht
geworden, ich trat, umnebelt von Einbildungen, ans offene kalte Fenster
und überließ mich dem Anblick der überwältigenden Stille.
[Illustration]
Theaterbrand
Es war damals eine eigentümliche Zeit. Man muß über die Einzelheiten
der damaligen sozialen Weltordnung schweigen, weil man darüber in
zu großen Zorn geraten müßte. Eine unerhörte Verschwendungs- und
Genußsucht, ein Luxus ohnegleichen herrschte, wo man auch hinkam. Die
Persönlichkeit galt alles. Der Kühnheit und dem Ehrgeiz war alles
gestattet. Der Geldsack schrieb die Gesetze vor. Trotz dem Elend, in
dem die Armen lebten, gab es entsetzlich viel Menschen, derart, daß
auf einzelne Menschenleben nicht das geringste Gewicht gelegt wurde.
Eine Polizei gab es damals ebensowenig wie eine Kirche; der Mörder
konnte ungestraft morden, der Dieb stehlen, der Ungläubige spotten,
der Starke triumphieren, die Kraft beleidigen, wann und wo und wen sie
wollte. Der Degen oder die Pistole in der Hand war die einzige Waffe,
Ungebühr abzuwehren. Dazumal mußte sich jeder einzelne selber wehren
und Recht und Billigkeit verschaffen. Etwas allerdings besaß diese
schreckliche Epoche: ein glänzendes Theater. Die Schauspieler glichen
edlen, gewandten Rittern von Geblüt, so vortreffliche Manieren besaßen
sie und mit soviel ausgesuchter Feinheit wußten sie sich auf der Bühne
zu bewegen. Auch was die Sprache betrifft, waren sie erlesene und
gut erprobte Meister. Malerei und Dichtung blühten in der üppigsten
Weise trotz den Gefahren des Alltags; ja man möchte sagen, daß diese
edlen Blumen vielleicht gerade um der Schutzlosigkeit willen, welcher
sie ausgesetzt waren, zu so unübertroffen schönen Blüten und Düften
gelangten. Und erst die Baukunst. Die Städte glichen zu jenen Zeiten
architektonischen Märchen. Entzückend luftig wölbten sich die schlanken
Brücken über die zahlreichen tiefen Kanäle. Die hohen Fassaden der
Häuser trotzten einen stolzen, schlimmen, aber schönen Geist aus. Wie
gesagt. Na ja.
Eines Nachts, es wird so gegen zehn Uhr gewesen sein, brach in einem
der zahlreichen Theater der Hauptstadt jenes von uns modernen Menschen
gottlob weit entfernten und in die Zeiten zurückversunkenen Reiches
Feuer aus. Hallo, Feuer! so tönte plötzlich ein Schreckensruf. Das
Theater war dick voll von Zuschauern, gespickt und geschlagen voll
bis hoch oben. Die Galerien erst, die sogenannten Flöhböden, glichen
einem wimmelnden Ameisenhaufen. Kopf an Kopf, Atem an Atem, Gesicht an
Gesicht saßen dort oben die Menschen aus den unteren Volksschichten.
In den Logen saßen Prinzen und Prinzessinnen aus fürstlichen Häusern,
prachtvolle, steinkalt scheinende Menschenfiguren. Auch Geldleute,
die nirgends fehlen, wo die anmutige Vornehmheit sich zeigt, waren
anwesend, mit dito Gemahlinnen mit flach abgezeichneten, weit
vorragenden, Wohlleben ausstrahlenden Brüsten. Diamanten blitzten an
Hälsen, Perlen an nackten Armen, und die schmiegsamen, ringgeschmückten
Hände hielten einen Fächer, ein Spitzentuch oder ein Glas zwischen
den Fingern. In der Mitte der Theaterdecke hing ein herrlicher
Kronleuchter, blendendes Licht ausstreuend, nieder. Das Orchester
spielte. Solche Menschen, die sich an den Darbietungen der Bühne satt
geschaut hatten, promenierten in den Gängen hin und her, lustig und
nachdenklich, geziert und schön, getragen und einfach, in jeder Tonart,
in allen nur erdenklichen Schrittarten. Aber Feuer, Feuer! Kein Mensch
kümmert sich jetzt um Tonarten.
Zu jenen liederlichen Zeiten gab es kaum eine Feuerwehr, aber absolut
keine Brandvorsichtsmaßregeln. Zuerst schlug die Flamme, als wäre es
ein ergötzliches Schauspiel gewesen, zum Bühnenraum heraus. Einige
wollten schon in die Hände klatschen und bravo rufen, aber jetzt
merkten sie plötzlich, sei es an der Blässe nachbarlicher Gesichter,
sei es an irgendeiner unhörbaren Schreckensstimme, die nicht das Ohr,
sondern die Seele zu vernehmen pflegt, daß es eine ernsthafte Flamme
war, die da hervorsprang, ein Tier, ein furchtbares, mit dem nicht zu
spaßen war. Auch jetzt gab es aber noch etliche, die nichts von dem
Tiger wußten, der da urplötzlich geboren worden und zum Herrscher des
Theaterabends geworden war. Die Schauspieler, die gerade spielten,
schrien laut auf und flüchteten vom Kunstfeld weg, und nun schrie auch
das Publikum. Auf den Galerien erhob sich eine neue Art Untier: die
Angst. Jede neue Minute schien jetzt irgendein neues Ungeheuer gebären
zu wollen. In einer der Logen, die der Adel besetzte, stand an eine
goldene Säule gelehnt Ritter Josef Wirsich, einer jener Edelleute, die
dem sichern Tod pflegen ruhig ins Auge zu sehen. Dieser furchtbare
Mensch verzog keine Miene, keinen Zug, keine Muskel seines stahlharten
Gesichtes. Er schaute gleichgültig auf ins Furchtbare, das jetzt
geschah, und blieb unbeweglich.
Man muß nicht glauben, daß es zu den damaligen Zeiten eiserne
Schutzvorhänge, Rolladen oder derartiges gab. Nein, jenes Geschlecht
hatte für solche oder ähnliche Dinge kein Verständnis. Und nun das neue
Tier, das da eben aufstund: der panische Schrecken! Jetzt, Mensch,
verzweifle an den Künsten deiner Kultur. Es gab jetzt einige ganz
Kopflose, Verstürmte und Verzweifelte, die sich, da sie keine Rettung
mehr sahen, von der Galerie mit dem unsinnigen Kopf voran in die
Tiefe des Theaterraumes stürzten, auf Leute, die dort unten stehen
und warten mußten, herab, auf Frauen herab, die verzweiflungsvoll und
herzenzerreißend schrien, auf Knaben, die zum erstenmal in ihrem Leben
ins Theater gehen durften. Das Verderben nahm ebenso grauenhafte wie
geradezu lächerliche Gebärden an. Zwei oder drei Menschen wurden durch
den Ton der grausigen Angstschreie vorzeitig getötet. Der Tod verzerrte
sein Gesicht sowohl zu den komischsten wie zu den traurigsten Fratzen.
Aber Josef Wirsich, der typische Mensch jener Epoche, stand auch jetzt
noch, als ob er ein schicksalwendender Gott gewesen wäre, unbeweglich.
Es waren auch Kinder im Theater. Man erbebe nicht, man versetze sich
ins Zeitalter und man wird nicht weinen beim Tod eines unschuldigen
Kindes. Man versetze sich in beides: ins Zeitalter und in den
Unglücksmoment, und man wird eine Furchtbarkeit, die jetzt beginnt,
um sich zu greifen, nicht allzu entsetzlich finden. Mütter zertraten
ihre eigenen lieblichen Blüten; Männer rissen Kindern ganze Büschel
Haare aus, und es gab ein schönes kleines Mädchen, dem mit Füßen ins
Augenlicht getreten wurde. Ein Kampf entstand, wie ihn die späteren
Kulturen vielleicht nie wieder inmitten des alltäglichen Lebens erlebt
haben. Frauen wurden an Säulen und Geländern erdrückt, und unterdessen
fingen auch die Menschen an zu brennen, zu brennen, wie Papier brennt.
Aber was fürchterlicher brannte als Frauen, das war der erstickende
innerliche Jubel, der die Geretteten zu zerfressen drohte, als sie sich
gruppenweise draußen in der Kälte und im winterlichen Frost befanden,
wo sie sich zu dritt und zu viert, einander schlagend vor Freude, in
den knirschenden Schnee warfen. Viele wurden irrsinnig.
Hunderte von Geängstigten warfen sich zu den Fenstern des ersten,
zweiten und dritten Stockwerkes blindlings hinaus, auf den harten
Schnee hinunter, wo sie mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen
blieben. Einige von denen, die derart hinaussprangen, hatten feurige
Flügel, ihre Köpfe brannten oder ihre Hände, und sie sahen wie
merkwürdige Vögel aus, die schreien aber nicht fliegen konnten.
Hundert Menschen lagen im Treppenhaus auf einen rauchenden, verkohlte
Äste emporstreckenden Haufen zusammengehäuft. Durch einen von diesen
Leichenhaufen arbeitete sich Wirsich hindurch, es gelang ihm, er fing
an zu brennen, er verstand das Feuer zu ersticken, er schlug links
und rechts mit seinen furchtbaren Kräften aus, er wollte leben, es
kam ihm plötzlich der Gedanke, er müsse leben, und er kam lebendig
aus dem Rachen des Todes heraus. An der frischen Luft angelangt, gab
es ein Rettungswerk für ihn. Er fing mit seinen eisenstarken Armen zu
Fenstern herausstürzende Menschen auf. Die Haut seines Gesichtes und
seiner Hände hing ihm in schwarzen Fetzen herunter, und dieser Mensch
fand den Mut, nachdem er die Brandstätte verlassen hatte, zu seiner
Freundin, der Gräfin Nidau zu gehen, die gerade zu dieser Stunde eines
ihrer berühmten Gastmähler gab. Er trat dort ein, man schrie auf bei
seinem Anblick, und er lachte und bat, indem er seiner Herrin mit
seiner verbrannten Lippe die Hand küßte, um die Erlaubnis, seinen Durst
löschen und ein Glas Wein trinken zu dürfen.
[Illustration]
Kerkerszene