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Geschichten
von
Robert Walser
mit Zeichnungen von Karl Walser
[Illustration]
Kurt Wolff Verlag, Leipzig
1914
Einband und Zeichnungen von Karl Walser. Gedruckt bei Hesse &
Becker, Leipzig. 100 Exemplare wurden auf Stratford abgezogen und
handschriftlich numeriert.
+Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig+
Inhalt
Seite
Sechs kleine Geschichten 1
1. Von einem Dichter 1
2. Laute 3
3. Klavier 6
4. 9
5. 11
6. Der schöne Platz 14
Simon. Eine Liebesgeschichte 19
Zwei Geschichten 33
Das Genie 33
Welt 38
Mehlmann. Ein Märchen 43
Seltsame Stadt 48
Der Greifensee 54
Der Waldbrand 59
Der Park 66
Illusion 73
Theaterbrand 77
Kerkerszene 87
Lustspielabend 92
Katzentheater 104
Ein Schlafzimmer 104
Flußgegend mit Turm 108
Eine Singspielhalle 112
Vornehme Straße mit Gartengitter 116
Die Schauspielerin 120
Die Talentprobe 129
Kleist in Thun 135
Wenzel 156
Paganini. Variation 176
Die Schlacht bei Sempach 182
Tagebuch eines Schülers 199
Ein Vormittag 217
[Illustration]
Sechs kleine Geschichten
1. Von einem Dichter
Ein Dichter beugt sich über seine Gedichte, deren er zwanzig gemacht
hat. Er schlägt eine Seite nach der anderen um und findet, daß jedes
Gedicht ein ganz besonderes Gefühl in ihm erweckt. Er zerbricht sich
mit großer Mühe den Kopf, was das wohl für ein Etwas ist, das über
oder um seine Poesien schwebt. Er drückt, aber es kommt nichts heraus,
er stößt, aber es geht nichts hinaus, er zieht, aber es bleibt alles
wie es ist, nämlich dunkel. Er legt sich ganz auf das geöffnete Buch
in seine verschränkten Arme und weint. Dagegen beuge ich mich nun,
der Schelm von Verfasser, über sein Werk und erkenne mit unendlich
leichtem Sinn das Rätsel der Aufgabe. Es sind ganz einfach zwanzig
Gedichte, davon ist eines einfach, eines pompös, eines zauberhaft,
eines langweilig, eines rührend, eines gottvoll, eines kindlich,
eines sehr schlecht, eines tierisch, eines befangen, eines unerlaubt,
eines unbegreiflich, eines abstoßend, eines reizend, eines gemessen,
eines großartig, eines gediegen, eines nichtswürdig, eines arm, eines
unaussprechlich und eines kann nichts mehr sein, denn es sind nur
zwanzig einzelne Gedichte, welche aus meinem Mund eine, wenn nicht
gerade gerechte, so doch schnelle Beurteilung gefunden haben, was mich
immer am wenigsten Mühe kostet. Eins aber ist sicher, der Dichter, der
sie gemacht hat, weint noch immer, über das Buch gebeugt; die Sonne
scheint über ihn; und mein Gelächter ist der Wind, der ihm heftig und
kalt in die Haare fährt.
[Illustration]
2. Laute
Ich spiele auf der Laute Erinnerung. Sie ist ein geringfügiges
Instrument mit nur immer einem und demselben Klang. Dieser Klang ist
bald lang, bald kurz, bald träge, bald hurtig. Er atmet in ruhigen
Zügen, oder er setzt in einem hastigen Sprung über sich selber
hinweg. Er ist traurig und lustig. Das Sonderbare ist nur, daß, wenn
er schwermütig klingt, er mich lachen macht, daß, wenn er lustig ist
und springt, ich dabei weinen muß. Gab es jemals solchen Ton? Wurde
jemals auf so wunderlichem Instrument gespielt? Es ist kaum in die
Hand zu nehmen, das Instrument; die Hände, selbst die weichsten und
feinstgebildeten, sind zu rauh dafür. Es hat unaussprechlich dünne,
zarte Saiten. Haare sind Halftern dagegen. Es gibt einen Knaben, der
darauf zu spielen weiß; und ich, der ich Zeit habe, auf der Lauer zu
liegen, ich horche ihm zu. Er spielt Tag und Nacht, ohne an Essen und
Trinken zu denken, in die Nacht und in den Tag hinein. Vom Tag in die
Nacht und von der Nacht in den Tag hinein. Die Zeit muß ihm nur dazu
da sein, sie wie einen Ton an sich vorbeiwehen zu lassen. Sowie ich
auf ihn horche, den Spielenden, so horcht er, der Spieler, die ganze
Zeit lang auf seine Geliebte, den Klang seines Instruments. Noch nie
lag ein Verliebter so treu, so beständig auf der Lauer. Wie süß ist
es, dem Lauernden aufzulauern, den Verliebten verliebt zu sehen, den
Vergessenen an seiner Seite zu fühlen. Der Knabe ist Künstler, die
Erinnerung sein Instrument, die Nacht sein Raum, der Traum seine Zeit;
und die Töne, denen er das Leben gibt, sind seine eifrigen Diener,
die von ihm reden in der Welt begierige Ohren. Ich bin nur noch Ohr,
unsäglich ergriffenes Ohr.
[Illustration]
3. Klavier
Ich weiß nicht, wie der Bursche heißt, der das Glück hat von einer so
schönen und hoheitsvollen Klavierlehrerin Unterricht auf dem Flügel zu
genießen. Jetzt eben ist er daran, sich von den schönsten Händen der
Erde die Behendigkeit auf den Tasten beibringen zu lassen. Die Hände
der Dame gleiten über die Tasten wie weiße Schwäne auf dem dunklen
Wasser. Sie sprechen sehr anmutig schon aus, was hinterher die Lippen
sagen. Der Knabe ist von einer Zerstreutheit umfangen, welche die
Lehrerin nicht beachten zu wollen scheint. »Spielen Sie das;« aber
er spielt es unbeschreiblich schlecht. »Spielen Sie es noch einmal;«
aber er spielt es noch schlechter als zuvor. Nun, es muß noch einmal
gespielt werden; aber er spielt es schlecht. »Sie sind träge.« Er
weint, dem dies gesagt wird. Sie lächelt, die dies sagt. Er liegt mit
dem Kopf auf dem Klavier, der sich das muß sagen lassen. Sie streichelt
ihm das braune weiche Haar, die ihm dies hat sagen müssen. Nun küßt
der Bursche, der unter der Liebkosung aus seiner Scham erwacht, die
zärtliche Hand, die sehr vornehm und weiß ist. Nun umschlingt die
Dame den Hals des Knaben mit ihren herrlichen Armen, die sehr weich
und zu einer Umarmung die rechten Zangen sind. Nun läßt sich die Dame
küssen und nun erliegen die Lippen des lieben Burschen einem Kuß der
freundlichen Dame. Nun haben die Knie des Geküßten nichts Eiligeres zu
tun, als wie umfallende Grashalme zusammenzusinken, und die Arme des
Knienden nichts Einfacheres, als wieder die Knie der Dame zu umarmen.
Der Dame Knie schwanken ebenfalls und nun sind beide, die gütige,
schöne Dame, und der einfache arme Knabe, eine Umarmung, ein Kuß,
ein Zusammensturz, eine Träne -- und was mehr ist: eine unerwartete
schreckliche Überraschung für jemanden, der in diesem Augenblick die
Türe des Zimmers öffnet, was sowohl der Süßigkeit von der beiden
vergessener Liebe, als der Erzählung davon ein Ende bereitet.
[Illustration]
4.
Nun, ich besinne mich, daß einmal ein armer, von Stimmungen sehr
gedrückter Dichter lebte, welcher, da er sich an der freien Gottesnatur
satt gesehen hatte, auf den Entschluß kam, nur noch seine Phantasie
dichten zu lassen. Er saß eines Abends, Mittags oder Morgens, um acht,
zwölf oder zwei Uhr in dem dunklen Raum seines Zimmers und sagte zu
der Wand desselben: Wand, ich habe dich im Kopf. Gib dir keine Mühe,
mich mit deiner ruhigen seltsamen Physiognomie zu täuschen. Fortan
bist du ein Gefangener meiner Phantasie. Hierauf sagte er dasselbe
zu den Fenstern und zu der düstern Aussicht, welche ihm dieselben
tagtäglich boten. Hernach unternahm er, von Abenteuerlust angefeuert,
einen Spaziergang, welcher ihn durch Felder, Wälder, Wiesen, Dörfer,
Städte, über Flüsse, Seen immer unter dem schönen Himmel führte. Aber
zu Feldern, Wiesen, Wegen, Wäldern, Dörfern, Städten und Flüssen sagte
er immerfort: Kerls, euch habe ich fest im Schädel. Bildet euch nicht
länger ein, ihr Leute, daß ihr auf mich einen Eindruck macht. Er ging
heim und lachte beständig vor sich hin: Ich habe sie alle, ich habe sie
alle im Kopf. Also ist anzunehmen, daß er sie noch jetzt dadrinnen hat,
wo sie (wie gerne wollte ich ihnen helfen) nicht mehr hinauskommen. Ist
das nicht eine phantasievolle Geschichte???
[Illustration]
5.
Es war einmal ein Dichter, der so verliebt in den Raum seines Zimmers
war, daß er den ganzen Tag über in seinem Lehnstuhl saß und die Wände
anbrütete, die vor seinen Augen lagen. Er entfernte die Bilder von
diesen Wänden, um durch keinen zerstreuenden Gegenstand gestört und
verleitet zu werden, irgend etwas anderes zu betrachten, als die
kleine, fleckige, unfreundliche Wand. Man kann nicht sagen, daß er den
Raum mit Absicht studierte, sondern man muß gestehen: Er lag ohne einen
Gedanken in den Banden einer grundlosen Träumerei, in welcher seine
Stimmung weder lustig noch traurig, weder munter noch melancholisch,
sondern so kalt und gleichgültig wie die eines Wahnsinnigen war. Er
verbrachte drei Monate in diesem Zustande und an dem Tage, mit welchem
der vierte beginnen sollte, konnte er sich nicht mehr von seinem Platze
erheben. Er war festgeklebt. Das ist etwas Sonderbares und es liegt
Unwahrscheinlichkeit in dem Versprechen des Erzählers, der beteuert,
daß sogleich noch Sonderbareres folgen soll. Zu dieser Zeit nämlich
suchte ein Freund unseres Dichters den Dichter in seinem Zimmer auf und
fiel, wie er dasselbe betrat, in dieselbe schwermütige oder lächerliche
Träumerei, in welcher der erste gefangen lag. Einige Zeit nachher
widerfuhr einem dritten Verse- oder Romanschreiber, der kam, um nach
seinem Freunde zu sehen, das gleiche Unglück, in welches nacheinander
sechs Dichter fielen, die alle kamen, um sich nach dem Freunde zu
erkundigen. Nun sitzen alle sieben in dem kleinen, dunklen, düsteren,
unfreundlichen, kalten, kahlen Raum und draußen schneit es. Sie kleben
an ihren Sitzen und werden wohl nie wieder eine Naturstudie machen.
Sie sitzen und starren, und das freundliche Gelächter, welches diese
Geschichte belohnt, ist nicht imstande, sie aus ihrem traurigen Bann zu
erlösen. Gute Nacht.
[Illustration]
6. Der schöne Platz
Die Geschichte, obschon ich an ihrer Wahrscheinlichkeit zweifle, hat
mir, als man sie mir erzählte, viel Freude bereitet; und ich gebe sie,
so gut ich kann, hier zum besten, unter der einzigen Vorbedingung
jedoch, daß man mich bis zum Ende nicht durch Gähnen unterbreche: Es
waren einmal zwei Lyriker, von denen der eine sich Emanuel nannte,
welcher ein sehr nervöser, sensibler, junger Mann war. Der andere, mehr
gröberer Natur, hieß Hans. Emanuel hatte sich einen Winkel im Walde
ausgefunden, der vor aller Welt verborgen war, und wo er sehr gerne zu
dichten pflegte. Zu diesem Zwecke schrieb er artige und unbedeutende
Verslein in ein Notizbuch, welches er von seinem Großvater geerbt
hatte, und schien mit diesem seinem Berufe sehr zufrieden zu sein.
Und wahrlich, warum hätte er es nicht sein sollen? Die Stelle im Wald
war so still und angenehm, der Himmel über derselben so heiter und
blau, die Wolken so unterhaltend, die Bäume des gegenüberliegenden
Randes so abwechselnd und von so gesuchter Farbe, die Wiese so weich,
der Bach, der diese einsame Waldwiese bewässerte, so erfrischend, daß
Herr Emanuel ein Narr hätte sein müssen, wenn er etwas anderes als
sich glücklich gefühlt hätte. Der Himmel lachte zu seinem unschuldigen
Gedichtemachen ebenso blau und schön herab wie auf die Waldbäume; und
der Frieden dieses Idylls schien so unzerstörbar, daß die Störung,
die nun sogleich herantreten wird, wie das Unglück in der Woche,
sehr unglaublich erscheinen muß. Die Sache ist aber folgende: Ich
habe euch Hans schon genannt. Hans, dieser zweite Lyriker, trieb sich
einmal, selber getrieben vom Zufall, in dem Walde und in der Nähe
des einsamen Platzes umher und entdeckte bei dieser Gelegenheit den
Winkel und dessen Bewohner, den Bruder Emanuel. Sofort erkannte Hans
in Emanuel, obschon sie sich nie zuvor gesehen, den Dichter, so wie
ein Vogel den andern sofort erkennt. Er schlich sich hinter ihn und,
um die Geschichte kurz zu machen, versetzte ihm einen tüchtigen Schlag
auf die Wange, daß jener laut aufschrie und ohne sich weiter umzusehen
nach dem, welcher ihn also traktiert hatte, die Beine springen ließ
und zwar so schnell, daß er im Augenblick nicht mehr zu sehen war.
Hans triumphierte! Er durfte hoffen, seinen Nebenbuhler auf ewig von
der schönen einträglichen Stelle verjagt zu haben und er sann gleich
darüber nach, wie er wohl am wirksamsten die Lieblichkeit dieser
einsamen Waldgegend darzustellen habe. Auch er hatte ein Notizbuch bei
sich, welches voller Verse, schlechter und guter, war, die er nächstens
zu veröffentlichen hoffte. Dieses Buch zog er nun hervor und fing an,
darin allerlei Gedankenlosigkeiten hineinzukritzeln, wie Lyriker zu
tun pflegen, um sich in die geeignete Stimmung zu bringen. Er schien
aber viele Mühe zu haben, die ruhige milde Schönheit seiner errungenen
Landschaft in zarte Silben zu zwängen, so daß etwa noch ein Schimmer
von Lebendigkeit hervorgucken mochte; und wie er dabei war, sich auf
solche Weise abzuplagen, erstand ihm von vorne oder von hinten eine
neue Plage, die derart war, daß sie auch ihm dieses Paradies, welches
er wie ein Hund dem andern abgekläfft hatte, verleiden mußte. Es zeigte
sich eine dritte Person auf dem Schauplatz in Gestalt einer Dichterin.
Hans, der, erschreckt durch das Geräusch, aufblickte, erkannte sie
sogleich als eine solche, verlor keine Zeit mit Galanterien, sondern
verschwand wie sein Vorgänger im Augenblick. -- Hier stockt die gute
Erzählung und ich billige und begreife ihre Ohnmacht vollkommen, da
ich ebensowenig wie sie imstande wäre, hier fortzufahren, wo alles
Weitergehen in den Abgrund der Nutzlosigkeit führen müßte. Denn wäre
es etwa nichts Nutzloses, noch das Gebaren der Dichterin herzuleiern,
wo schon zwei Dichter abgesungen sind? Ich begnüge mich, zu berichten,
daß die erstere an der Schönheit des Waldplatzes nichts Schönes und an
der Seltenheit desselben nichts Seltenes fand und ebenso geräuschvoll
verschwand als sie aufrückte. Mag der Teufel Poet sein.
[Illustration]
Simon
Eine Liebesgeschichte
Simon war zwanzig Jahre alt, als ihm eines Abends in den Sinn kam,
er könnte so, wie er gerade im weichen grünen Moose am Wege lag,
fortwandern und Page werden. Dies sprach er sehr laut in die Luft
hinauf zu den Tannengipfeln, welche, ich weiß nicht ob es wahr oder
erlogen ist, ihre scheinheiligen Bärte schüttelten und ein stummes,
tannzapfenartiges Gelächter anstimmten, welches unserem Mann auf
die Beine half und ihn antrieb, sofort das zu werden, wozu ihn eine
unbändige Lust anfeuerte. Jetzt hat er sich erhoben und marschiert ins
Blaue oder Grüne hinein, ohne sich um eine geographische Richtung zu
kümmern. Kümmern wir uns ein wenig um sein Äußeres. Er hat lange, für
einen angehenden anmarschierenden Pagen viel zu lange Beine, welche
seinem Gang etwas Tölpelhaftes geben. Seine Schuhe sind schlecht, seine
Hose ideal zerrissen, sein Rock voller Flecken, sein Gesicht ist ein
unzartes Gesicht und sein Hut, um auf das oberste zu kommen, kommt
langsam in eine Form hinein, in die ihn unsorgfältige Behandlung und
geringer Stoff mit der Zeit bringen müssen. Er, der Hut, sitzt auf
ihm, dem Kopf, wie ein verschobener Sargdeckel, oder wie der blecherne
Deckel auf einer alten rostigen Bratpfanne. Wirklich, der Kopf ist
beinahe kupferrot und hat nichts gegen einen gebratenen Vergleich
einzuwenden. An Simons Rücken (wir, die Erzählung, gehen jetzt immer
hinter ihm her) hängt eine alte wüste Mandoline und wir sehen, wie er
dieselbe in die Hand nimmt und darauf zu zupfen anfängt. O Wunder.
Welch einen silbernen Klang birgt dieses alte magere Instrument. Ist es
nicht, als wenn liebliche weiße Engel auf goldenen Geigen spielten! Der
Wald ist eine Kirche und die Musik, welche tönt, wie die eines alten
ehrwürdigen italienischen Meisters. Wie zart er spielt, wie weich er
singt, dieser rohe Bengel. Wahrhaftig, wir verlieben uns in ihn, wenn
er nicht bald aufhört. Er hört auf und wir haben Zeit, uns auf neuen
Atem zu besinnen.
Wie seltsam, dachte Simon, als er aus dem Wald heraustrat und bald
wieder in einen neuen hineinkam, wie seltsam, daß die Welt keine
Pagen mehr hat. Hat sie denn etwa keine schönen, großen Frauenzimmer
mehr? Wohl nicht, denn ich besinne mich, die Poetin unserer Stadt,
der ich meine Gedichte zusandte, war dick, behäbig und majestätisch
genug, um eines beweglichen Pagen zu bedürfen. Was tut sie wohl jetzt.
Denkt sie wohl noch an mich, der ich sie anschwärmte? Mit solchen
Gedanken und Empfindungen brachte er es ein Stück Weg weiter. Die
Wiesen schimmerten, als er neuerdings aus dem Wald heraustrat, wie
ausgeschüttetes Gold, die Bäume darauf waren weiß, grünlich, grün,
und so saftig, daß er lachen mußte. Die Wolken lagen träge und breit
am Himmel wie ausgestreckte Katzen. Simon streichelte in Gedanken ihr
farbiges weiches Fell. Dazwischen lag Blau von wunderbarer Frische
und Feuchte. Die Vögel sangen, die Luft zitterte, der Äther triefte
von Wohlgerüchen und in der Ferne lagen felsige Berge, zu denen unser
Bursche nun geraden Wegs hinlief. Schon fing der Weg an zu steigen und
schon fing es an, zu dunkeln. Simon griff wieder in die Mandoline,
auf welcher er Zauberer war. Die Erzählung setzt sich hinten wieder
auf einen Stein und horcht ganz verblüfft. Unterdessen gewinnt der
Verfasser Zeit, auszuruhen.
Es ist ein mühseliges Geschäft, Geschichten erzählen. Immer hinter
solch einem langbeinigen, mandolinenspielenden romantischen Bengel
herlaufen und horchen, was er singt, denkt, fühlt und spricht. Und
der rohe Schurke von Page läuft immer und wir müssen hinter ihm
herlaufen, als ob wir wahrhaftig des Pagen Page wären. Hört weiter,
geduldige Leser, wenn ihr noch Ohren habt, denn jetzt machen bald
verschiedene Personen ihre untertänigsten Reverenzen. Es wird lustiger.
Ein Schloß zeigt sich; welch ein Fund für einen burgruinensuchenden
Pagen. Nun zeige deine Kunst, Kind, oder du bist verloren. Und er
zeigt sie. Er singt die Dame an, welche sich auf dem Balkon im ersten
Stock zeigt, mit so süßer, lügenhafter Stimme, daß das Herz der Dame
notwendigerweise gerührt wird. Wir haben ein dunkles, märchenhaftes
Schloß, wir haben Felsen, Tannen, Pagen, nein, nur einen Pagen, ja,
unsern Simon, welcher in diesem Augenblick alle lieblichen Pagen der
Welt in seiner zierlichen, oben beschriebenen Person vereinigt. Wir
haben Gesang und Mandolinenton, wir haben Süßigkeit, welche der Knabe
seinem Instrument zu entlocken weiß. Es ist bereits Nacht, Sterne
schimmern, Mond brennt, Luft küßt, und wir haben, was wir unbedingt
haben müssen, eine milde, weiße, herablächelnde Dame, welche mit der
Hand heraufwinkt. Der Gesang hat im Herzen der Frau Platz genommen,
denn es ist ja ein so einfacher, lieber, süßer Gesang. »Komm herauf,
lieber, süßer, schöner, gefühlvoller Knabe!« Wir hören noch das
Jubilieren, das Schluchzen vor Freude, das einen kurzen Augenblick aus
der Kehle von dem glücklichen Kerl die Nacht durchdringt; wir sehen
seinen Schatten verschwinden, und nun ist draußen alles Stille und
Schatten.
Der Verfasser grübelt nun aus seiner gequälten Phantasie hervor, was
seine Augen nicht mehr sehen dürfen. Die Phantasie hat durchdringende
Augen. Keine zehnmetrige Mauer, kein noch so schwarzer giftiger
Schatten hemmt ihren Blick, der Mauern und Schatten wie ein Netz
durchsieht. Der Page flog die breite, teppichbelegte Treppe hinauf und
wie er oben ankam, stand seine gnädige Herrin im schneeweißen Kleid
am Eingang und zog Simon mit der Hand hinein, auf welche derselbe
seinen heißen Atem hauchte. Alle die Händeküsserei zu beschreiben,
die nun folgt, erlasse man uns. Keine Stelle der schönen Arme, Hände,
Finger, Fingernägel blieb von den gierigen roten Lippen ungeküßt, und
diese Lippen schwollen ganz auf bei dem galanten Geschäft. Deshalb,
jetzt merken wir, haben Pagen stets solche wie zwei Seiten eines
Buches aufgeschlagene Lippen. Lesen wir ruhig, was die Sprache darin
weitererzählt.
Die Frau, nachdem sie dem Knaben Einhalt geboten, erzählte ihm in
vertraulicher Weise, etwa so, wie man zu einem klugen anhänglichen und
treuen Hund spricht, daß sie sehr einsam sei, daß sie nachts immer auf
dem Balkon stehe, daß die Sehnsucht nach einem unsagbaren Etwas sie
keine angenehme gedankenlose Stunde verbringen ließe. Sie strich Simon
das rauhe Haar von der Stirne weg, berührte seinen Mund, tastete an
seinen glühenden Wangen und sagte mehrere Male hintereinander: »Lieber,
guter Knabe! Ja, du sollst mein Diener, mein Knecht, mein Page sein.
Wie hübsch du gesungen hast. Wie treu deine Augen sehen. Wie schön dein
Mund lächelt. Ach, einen solchen Knaben wünschte ich mir schon lange
zum Zeitvertreib. Du sollst um mich herumspringen wie ein Reh und meine
Hand soll das zierliche kleine unschuldige Reh streicheln. Ich will
mich auf deinen braunen Leib setzen, wenn ich müde bin. Ach ...« Hier
errötete denn doch die hohe Frau und sah lange verschwiegen in einen
dunklen Winkel des Zimmers, welches sehr prächtig schien. Dann lächelte
sie wohlwollend, und stand, wie sich selbst beruhigend, auf und nahm
beide Hände Simons in eine von den schönen ihrigen. »Morgen kleide ich
dich als Pagen an, lieber Page. Du bist müde, nicht wahr?« und lächelte
und aus dem Lächeln küßte ihm gute Nacht entgegen. Sie führte ihn
hinauf in einen, wie es schien, hohen Turm, in ein kleines, reinliches
Gemach. Dort küßte sie ihn und sagte: »Ich bin ganz allein. Wir wohnen
hier ganz allein. Gute Nacht!« und verschwand.
Als Simon am folgenden Morgen hinunterging, stand die weiße Frau,
wie wenn sie schon lange geduldig wartete, an der Türe. Sie reichte
ihm Hand und Mund und sagte: »Ich liebe dich. Ich heiße Klara. Nenne
mich so, wenn du mich begehrst.« Sie gingen in ein kostbares, ganz
mit Teppichen ausgefüttertes Zimmer, welches eine Aussicht in einen
dunkelgrünen Tannenwald hatte. Hier lagen auf der reichgeschnitzten
Lehne eines Stuhles schwarzseidene Pagenkleider. »Diese ziehe nun an!«
-- O, was für ein dummglückliches ehrlichbegeistertes Gesicht muß nun
unser Kaspar, Peter oder Simon machen! Sie deutete ihm, sich darin
umzukleiden, ging schnell hinaus, kam lächelnd nach zehn Minuten wieder
hinein und fand Simon als den schwarzseidenen Pagen wieder, wie sie
sich in träumerischen Stunden wohl einen solchen mochte phantasiert
haben. Simon sah sehr hübsch aus in dem Kleid; seine schlanke Gestalt
paßte vorzüglich in die enge Gefangenschaft der Pagentracht. Er benahm
sich auch sofort sehr pagenmäßig, schmiegte sich schüchtern und doch
unbewußt an den Leib der Frau. »Du gefällst mir,« lispelte sie. »Komm,
komm!«
Sie spielten nun Tag für Tag Herrin und Page, und befanden sich wohl
dabei. Simon war es ernst. Er dachte, er habe nun seinen eigentlichen
Beruf gefunden, worin er auch sehr recht hatte. Ob es der gnädigen Frau
mit ihrer Gnade ernst war, daran dachte er keinen Augenblick, und darin
hatte er auch wieder sehr recht. Er nannte sie Klara, wenn er um ihren
wollüstigen Leib dienend beschäftigt war. Er fragte sonst nichts, denn
das Glück, o Leser, hat keine Zeit zum lange Herumfragen. Sie ließ sich
ruhig, als wie von einem Kind, von ihm abküssen. Einmal sagte sie zu
ihm: »Du, ich bin verheiratet, mein Mann heißt Aggapaia. Nicht wahr,
ein teuflischer Name. Er wird bald zurückkehren. O, wie fürchte ich
mich. Er ist sehr reich. Ihm gehört das Schloß, die Wälder, die Berge,
die Luft, die Wolken, der Himmel. Vergiß den Namen nicht. Wie heißt
er schon?« Simon stotterte: »Akka -- --, Akka -- --.« »Aggapaia, mein
lieber Knabe. Schlafe ruhig darauf aus. Der Name ist kein Teufel.« --
Sie weinte, als sie dies sagte.
Es vergingen wieder einige Tage und als eine Woche oder zwei verlebt
waren, saßen sie, Frau und Page, eines Abends, als es schon dunkel zu
werden begann, auf dem Balkon des Schlosses. Die Sterne funkelten wie
verliebte Ritter hinunter auf das seltsame Paar: die modern gekleidete
Frau und den spanisch kostümierten Pagen. Der griff, wie er immer
abends zu tun pflegte, in die Saiten seiner Mandoline und die Erzählung
streitet mit mir über den Punkt, was süßer gewesen sei, das Spiel
der behenden Finger, oder die stillen Frauenaugen, welche auf den
Spieler herabsahen. Die Nacht schwebte wie ein Raubvogel umher. Das
Dunkel nahm zu, da hörten sie beide einen Schuß fallen im Wald. »Er
kommt, Teufel Aggapaia ist in der Nähe. Bleibe ganz ruhig, Knabe. Ich
stelle dich ihm vor. Du hast nichts zu fürchten!« Dennoch runzelte,
die dies gesagt hatte, die Stirn, ihre Hände zitterten, sie seufzte
und mischte ein kurzes Lachen unter die Flut von Beängstigung, welche
sie zu verbergen bemüht war. Simon betrachtete sie ruhig; unten sagte
jemand: Klara! Die Frau antwortete mit einem lieblich klingenden,
sonderbar hohen »Ja«. Die Stimme erwiderte und fragte: Wen hast du da
oben bei dir sitzen? »Mein Reh ist's; mein Reh!« Wie das Simon hörte,
sprang er auf, umarmte das zitternde Weib und schrie hinunter: »Ich
bin's, Simon! Mehr als zwei Arme braucht es nicht, um dir zu beweisen,
du Schurke da unten, daß ich ein Bursche bin, der nicht mit sich Spaß
treiben läßt. Komme nur herauf, ich stelle dir meine geliebte Herrin
vor!« Teufel Aggapaia, welcher wohl merkte, daß er im Augenblick ein
sehr dummer, hintergangener, gehörnter Teufel sein müsse, blieb unten
stehen, scheinbar, um den Angriff zu überlegen, den eine so gefährliche
Lage, wie die, vor welcher er stand, erforderte. »Ein blinder, kalter,
achselzuckender, frecher Schuft da oben. Meine Überlegenheit ist
zweifelhaft. Ich muß überlegen, überlegen, überlegen.« Die Nacht
auch, das seltsame Benehmen der Frau, die Stimme des »Buben da oben«,
das rätselhafte Etwas, wofür der Teufel kein Wort fand, hießen den
Teufel blindlings überlegen. Überlege, wimmerten die Sterne, überlege,
schnarrten die Nachtvögel, überlege, schüttelten unklar und doch
deutlich genug die Tannengipfel heraus ... »Er überlegt,« sang
siegesfroh des Pagen frische Stimme. Er überlegt noch heute, der arme
schwarze Teufel Aggapaia. Er klebt an seiner Überlegung fest. Simon
und Klara sind Mann und Weib geworden. Wie? sagt später einmal die
Geschichte, welche hier atemringend der Ruhe bedarf.
[Illustration]
Zwei Geschichten
Das Genie
In einer eiskalten Nacht stand Wenzel, das Genie, auf der Straße,
in einem dünnen, dünnen, und nochmals dünnen Kleidchen und bettelte
die Passanten an. Die Herren und Damen dachten, Gott, er ist ja ein
Genie, er darf sich das schon erlauben. Genies bekommen den Schnupfen
nicht so schnell wie gewöhnliche Sterbliche. Wenzel schlief die Nacht
im Portal des Königlichen Palastes und seht, er ist nicht erfroren.
Genies erfrieren nicht so leicht, und mag es noch so kalt sein. Am
Morgen meldete er sich bei der jugendlichen schönen Königstochter
an, in dem Kleid, das er noch anhatte. Er sah erbärmlich darin aus,
aber die Bedienten stießen sich gegenseitig in die Seiten und vor die
Schlauköpfe und murmelten: ein Genie, Kinder, ein Genie, und meldeten
Wenzel bei der Herrscherin an und ließen ihn zu derselben lustig
eintreten. Wenzel verbeugte sich gar nicht einmal vor der Prinzessin,
denn seht, so etwas kommt einem Genie nicht bei. Die Prinzessin jedoch,
in richtiger Anerkennung von der Größe ihres Geistes, verbeugte sich
tief vor dem Genius, ich meine vor dem jungen Wenzel, und reichte ihm
eine schneeweiße Hand zum Schleckkuß dar, worauf sie fragte, was er
denn wolle. »Zu essen«, erwiderte der Grobian, aber die Antwort fand
Anklang, denn sofort wurde auf den Wink der Gütigen ein herrliches
Frühstück mit Portwein hereingetragen, alles auf silbernen Schüsseln
und in Kristallflaschen und das alles zusammen auf einem goldenen
Brettchen. Das Genie schmunzelte, als es das sah, denn seht, Genies
sogar können schmunzeln. Die Königin war überaus freundlich, aß mit
Wenzel, der nicht einmal eine anständige Krawatte anhatte, seinem
genialen Zustand gemäß, erkundigte sich über seine Werke und trank
Gesundheit mit ihm: alles mit einer unschuldigen süßen Grazie, die
ihr besonders eigen war. Das Genie war zum erstenmal in seinem
wildzerrissenen Leben vollkommen glücklich, denn seht: auch Genies
haben oft die feine, übrigens sehr menschliche Eigenschaft, glücklich
zu sein. Wenzel brachte unter anderem beim Tischspruch vor, daß
er gesonnen sei, morgen oder übermorgen die Welt umzustürzen. Die
Königstochter, die begreiflicherweise heftig darüber erschrak, eilte
ängstlich und lieblich kreischend, wie eine gescheuchte Nachtigall zum
Zimmer hinaus, das Genie seinem Genius überlassend, und erzählte alles
ihrem Vater, dem Herrn Prinzregenten des Landes. Dieser allerdings
ersuchte dann Wenzel, sich doch möglichst schnell und behend zu
entfernen, was befolgt wurde. Nun befindet sich unser Genie wieder
auf der Gasse, hat nichts zu essen, was ihm übrigens alle Leute gern
verzeihen, da er solch ein grantiges Genie ist; und weiß nicht woaus,
woein vor Kummer. In diesem Zustand kommt ihm eben ein flinker genialer
Gedanke (alle genialen Gedanken sind äußerst behend) zuhilf. Er läßt
schneien, und zwar so heftig und so lang, daß in kurzem die Welt im
Schnee vergraben liegt. Er, das Genie, liegt auf der hartzugefrorenen
Schneekruste, oben, und hat und pflegt das nicht üble Gefühl, daß unter
ihm eine Welt vergraben liege. Er sagte sich, es sei eine Welt von
drückenden Erinnerungen. Dies sagte er sich lange genug, bis er endlich
merkt, daß er wieder Hunger sowohl nach gutem erdenmäßigem Essen (zum
Beispiel solchem im Hotel Continental) als nach schlechter Behandlung
durch die Menschen hat. Die Sonne da oben ist auch nicht gerade
angenehm, und so allein in der Sonne zu sitzen -- puh -- er friert
ganz. Kurz, er läßt den vielen Schnee wieder schwinden. In der Welt
ist dadurch einiges und weniges anders geworden: ein frischgewaschenes
Geschlecht von Menschen ist erstanden, das Hochachtung vor aller Art
Übermenschlichkeit bekommen hat. Das gefällt eine Weile Wenzel, bis
es ihm wiederum nicht mehr paßt. Er jammert, und die Seufzer, die aus
seinem Innern kommen, gelangen zu allgemeiner Anerkennung. Man will
ihm helfen, man sucht ihn zu überzeugen, daß er ja der Menschheit
sogenannter Genius ist, oder ihn vorstellt und personifiziert. Aber
alles das hilft nichts, weil eben einem Genie auf keine Weise zu helfen
ist.
[Illustration]
Welt
Als der alte Herr Zerrleder abends etwas zu spät nach Hause kam, nahm
ihn gleich sein Herr Schlingel Sohn über das Knie und walkte ihn
tüchtig durch. »In Zukunft«, sprach der Sohn zum Vater, »gebe ich dir
überhaupt keinen Hausschlüssel mehr, verstanden!« -- Wir wissen nicht,
ob es so ohne weiteres begriffen wurde. Am andern Morgen bekam die
Mutter von der Tochter eine schallende Ohrfeige (weithinschallend
ist das rechte Wort), weil sie zu lange vor dem Spiegel gestanden.
»Eitelkeit«, sprach die entrüstete Tochter, »ist eine Schande an so
alten Leuten, wie du bist,« und jagte die Arme in die Küche. Auf der
Straße und in der Welt trugen sich folgende beispiellose Dinge zu: Die
Mädchen gingen den jungen Herren um die Ecken nach und belästigten sie
mit ihren Anträgen. Einzelne dieser also verfolgten Jünglinge wurden
rot über die frechen Anreden von heranstreichenden Damen. Eine solche
Dame machte am hellen Tageslichte einen offenbaren Angriff auf einen
ganz unbescholtenen, gut beleumundeten Bürgerssohn, welcher schreiend
die Flucht ergriff. Ich selber, zügelloser und weniger tugendhaft,
ließ mich von einem jungen Mädchen abfangen. Ich sträubte mich eine
Weile, jedoch nur aus vorher studierter Ziererei, womit ich das feurige
Mädchen nur noch mehr reizte. Ich hatte das Glück, von ihr im Stich
gelassen zu werden, was mir recht war, der ich nur auf bessere Damen
erpicht bin. In der Schulstube konnten die Schullehrer ihre Lektion
zum siebenten oder achten Mal wieder einmal nicht und wurden deshalb
in Arrest gesetzt. Sie weinten, denn sie hätten so gern den Nachmittag
mit Biertrinken, Kegeln und andern Flegeleien verbracht. Auf den
Gassen schlugen die Passanten ungeniert an den Wänden ihr Wasser ab.
Hunde, die zufällig vorüberspazierten, entsetzten sich billigerweise
darüber. Eine adlige Dame trug einen bestiefelten und bespornten
Lakaien auf ihrer zarten Schulter; eine rothäutige Magd wurde in
offener Kalesche vom Herzog des Landes spazieren geführt. Sie lächelte
mit drei Wackelzähnen gar manierlich. Die Kalesche wurde von Studenten
gezogen. Jeden Augenblick rührte man sie mit der flinken Peitsche.
Einige Straßenräuber liefen hinter einigen verhafteten Gerichtsdienern
her, welche sie unterwegs in Schenken oder Bordellen aufgegriffen. Der
Spektakel lockte eine Menge Hunde herbei, die die Gefangenen lustig
in die Waden bissen. So geht es eben, wenn Gerichtsdiener saumselig
sind. Über dieser Welt voll Possen und Sünden stürzte der Himmel heute
nachmittag herein, zwar ohne Krachen, nein, vielmehr als ein weiches
feuchtes Tuch und verschleierte alles. Weißgekleidete Engel liefen
barfüßig in der Stadt umher, über die Brücken, und spiegelten sich
eitel aber anmutig im blinkenden Wasser. Einige der schwarzborstigen
Teufel jagten mit wildem Geschrei, ihre Gabeln in der Luft schwenkend,
zum Entsetzen aller Menschen daher. Sie benahmen sich im ganzen sehr
ungeniert. Was soll ich noch sagen? Himmel und Hölle spazieren auf den
Boulevards, in den Kaufläden handeln die Seligen und die Verdammten
untereinander. Alles ist Chaos, Geschrei, Gejodel, Laufen, Rennen und
Stinken. Endlich erbarmte sich Gott dieser schnöden Welt. Er ließ sich
herbei, die Erde, die er einst in einem Vormittag verfertigt hatte,
ohne weiteres in seinen Sack zu stecken. Der Augenblick (gottlob, daß
es nur ein Augenblick war) war freilich entsetzlich. Die Luft wurde
mit einem Mal so fest oder noch fester wie Stein. Sie zerschlug die
Häuser in der Stadt, die gegeneinanderprallten wie Trunkenbolde. Die
Berge hoben und senkten ihre breiten Rücken, Bäume flogen wie ungeheure
Vögel durch den Raum, und der Raum selbst zerfloß schließlich in eine
gelbliche kalte unbestimmbare Masse, die weder Anfang noch Ende hatte,
weder Maß noch Etwas, sondern Nichtsmehr war. Von Nichts sind wir auch
nicht mehr imstande, etwas zu schreiben. Selbst der liebe Gott löste
sich aus Gram über seine eigene Zerstörungswut endlich auf, so daß dem
Nichts nicht einmal mehr der es bestimmende, färbende Charakter blieb.
--
[Illustration]
Mehlmann
Ein Märchen
Es war einmal eine kleine, schwarzverhangene Bühne. Auf die Bühne
sprang ein weißer Mehlmann und tanzte. Man hörte seine Schritte
und Absätze nicht, denn die Bühne war mit dicken Teppichen belegt.
Plötzlich stand der Mehlmann still, legte den Finger dumm an die
spitze, rötliche Nase, sann, wie es schien, nach und machte dann
Gesichter. Das war seine Gewohnheit. Das Publikum kannte es zur
Genüge. Es wußte, wann es kam; es kam pünktlich wie ein Wechsel am
Verfalltage. So ein Mehlmann verfügt über seine zwanzig Gesichter
im Gesicht. Es ist nur dumm, daß man sie alle auswendig kennt wie
die Knöpfe an seinem Gilet. Die Komik ist ein begrenztes Gebiet, und
hochgebildete Komiker gibt es selten.
Der Mehlmann war nicht hochgebildet. Er entstammte einer Lehrerfamilie,
und war selber ein sehr entarteter Zweig. Seine Familie natürlich
verabscheute ihn bloß. Einst berechtigte der Mehlmann zu großen
Hoffnungen, aber wie die Dinge jetzt stehen, berechtigt er zu einem
halben Gelächter. Man bemitleidet ihn mehr, als daß man ihn komisch
findet. Er erscheint in seiner Komik eingezwängt wie der Irrsinnige
in der Zwangsjacke. Sein Auftreten gibt nur Fühllosen zu lachen,
Empfindliche macht es eher vor Zorn weinen.
Der Mehlmann huschte dumm ab, es sollte ein Witz sein, das Abhuschen,
aber es war wie ein Fehltritt. Armer, armer Mehlmann!
Ein Knabe kam! Ein schlanker, schmaler Knabe im schneeweißen,
enganliegenden Kleid. Das Kleid mit goldenen Rissen, Schlitzen und
Umschlägen! Eine dunkelrote, großblättrige Rose im Gürtel. Es war ein
wunderschöner Anblick, man rief ah! In dem ah! lag viel Liebe und
Achtung und das größte Interesse. Frauen fanden das Kleid des Knaben
in Verbindung mit seiner Haltung wundervoll. Die Rose schaukelte im
Gürtel. Jetzt flog der Knabe mit einem Male durch die Luft, ohne daß
man einen Abstoß bemerkt hatte, nicht wie ein Akrobat, nein, wie ein
Engel. Das Herabfallen aus dem Raum auf den Boden war namentlich
unvergleichlich schön. Der erste Tritt auf dem Boden war zugleich
der erste Schritt zu einem leise hin und her wiegenden Tanz. Welche
Grazie, sagte man. Wie männlich doch noch, sagten die Damen. Wie
kindlich einfach, sagten anwesende große Künstler. Eine Baronin, die
Baronin von Wertenschlag, warf dem Tanzenden ein Veilchenbukett zu. Er
erhaschte es mit dem Mund an seinem kleinen Stiel. Man jubelte über die
süße, zartsinnige Geschicklichkeit. Ein junger Gott ist er, der Sohn
einer Göttin, so sagte man wieder.
Auf einmal schoß aus der Kulisse eine zischende, rote Kugel hervor,
rollte bis vor die Füße des Tanzenden, dieser sprang mit einer leichten
Hebung des Beines hinauf und die Kugel rollte mit dem Knaben davon, dem
Hintergrund zu, der, so schien es, in einen Abgrund verlief. Jetzt sah
man nichts mehr.
Es ist die Sonne, die ihn davongetragen hat, sagte eine Dame.
Nein, der Mond, sagte ein Mann.
Nein, sein Herz, sagte ein Mädchen, und errötete.
Die Mutter des Mädchens schaute es groß und gütig an, nahm es dann beim
Köpfchen, streichelte es und küßte es.
Unterdessen fragten die Kellner, ob Bier gefällig sei.
Spitzbuben!
Dann trat eine große, vornehm gekleidete Dame auf die Bühne und sang
Lieder. Ein Lied ist ein Schmerz! Es gibt keine lustigen Lieder, nur
lustige Sinnesarten, Gemüter! So empfand man, und dann ging man nach
Hause.
Die Baronin Wertenschlag stieg mit gesenkten Augen und träumend in
ihren Wagen. Ein Dichter komplimentierte. Der Kutscher rollte davon. So
ein Flegel von Kutscher!
[Illustration]
Seltsame Stadt
Es war einmal eine Stadt. Die Menschen darin waren bloß Puppen. Aber
sie sprachen und gingen, hatten Gefühl und Bewegung und waren sehr
höflich. Sie sagten nicht nur: Guten Morgen, oder: Gute Nacht, sie
meinten es auch, und zwar herzlich. Herz hatten diese Menschen. Daneben
waren sie vollkommene Städter. Das Bäuerliche und Grobe hatten sie,
gleichsam unwillig, sanft abgeschüttelt. Der Schnitt sowohl ihrer
Kleider als ihres Betragens war der feinste, den man sich, ist man
Menschenkenner oder Berufsschneider, nur denken kann. Alte abgetragene
und am Leib schlotternde Kleider trug kein Mensch. Der Geschmack war in
einen jeden einzelnen hineingedrungen, einen sogenannten Pöbel gab es
nicht, alle waren sich in Manier und Bildung vollkommen gleich, ohne
sich doch ähnlich zu sein, was wieder langweilig gewesen wäre. Auf
der Straße sah man auf diese Weise eben nur schöne, elegante Menschen
mit edlem, freiem Betragen. Die Freiheit wußten sie auf das feinste
zu handhaben, zu leiten, zu zügeln und zu bewahren. Deshalb kamen nie
Ausschreitungen in bezug auf öffentlichen Anstand vor. Verletzungen der
schönen Sitte gab es ebensowenig. Die Frauen namentlich waren herrlich.
Ihre Kleidung war ebenso entzückend wie praktisch, ebenso schön wie
lockend, ebenso anständig wie reizend. Das Sittliche lockte! Die jungen
Männer spazierten abends hinter diesem Lockenden einher, langsam, wie
träumend, ohne in hastige, gierige Bewegungen zu verfallen. Die Frauen
gingen in einer Art Hose einher, einer meist weißen oder hellblauen
Spitzenhose, die gegen oben in eine engschließende Taille verlief.
Die Schuhe waren farbig, von feinstem Leder und hoch. Entzückend
war, wie sich die Schuhe den Füßen und dann dem Bein anschmiegten,
und wie das Bein es fühlte, daß es von etwas Kostbarem umgeben war,
und wie die Männer es fühlten, wie das Bein es fühlte! Das mit dem
Hosentragen hatte das Gute, daß die Frauen Geist und Sprache in ihren
Gang legten, der, unter dem Rock verborgen, sich weniger betrachtet
und beurteilt fühlt. Es war überhaupt alles ein Fühlen. Die Geschäfte
gingen glänzend, weil die Menschen lebhaft, tätig und brav waren.
Brav waren sie aus Bildung und Taktgefühl. Einander die leichte,
schöne Existenz streitig machen, das mochten sie nicht. Geld war
genug vorhanden und für alle genug, weil alle so vernünftig waren,
zu allererst fürs Notwendige zu sorgen, und weil alle es allen leicht
machten, zu schönem Geld zu kommen. Sonntage gab es keine, ebensowenig
eine Religion, um deren Satzungen willen man sich hätte streiten
können. Die Vergnügungsorte waren die Kirchen, in denen man sich zur
Andacht versammelte. Lust war diesen Menschen eine heilige, tiefe
Sache. Daß man in der Lust reinlich blieb, war selbstverständlich, denn
alle hatten das Bedürfnis dazu. Dichter gab es keine. Dichter hätten
solchen Menschen nichts Erhebendes, Neues mehr zu sagen gewußt. Es gab
überhaupt keine Berufskünstler, weil Geschicklichkeit zu allerhand
Künsten zu allgemein verbreitet war. Das ist gut, wenn Menschen nicht
der Künstler bedürfen, um zur Kunst aufgeweckte und begabte Menschen
zu sein. Diese waren es, weil sie gelernt hatten, die Sinne als etwas
Köstliches zu hüten und zu benützen. Man brauchte nicht Redensarten
in Büchern nachzuschlagen, weil man selber seine, laufende, wache
und zitternde Empfindung hatte. Man sprach schön, wo man auch Anlaß
nahm zu sprechen, man hatte die Herrschaft der Sprache, ohne zu
wissen, wie es kam, daß man sie bekommen. Die Männer waren schön.
Ihre Haltung entsprach ihrer Bildung. Es gab vieles, an dem man sich
ergötzte, mit dem man sich beschäftigte, aber es geschah alles in
Beziehung auf die Liebe zu schönen Frauen. Es wurde alles in feine und
träumende Beziehung gebracht. Gefühlvoll sprach und dachte man über
alles. Geschäftssachen wußte man empfindlicher, edler und einfacher zu
besprechen, als es heute geschieht. Es gab keine sogenannten höheren
Dinge. Ein solches sich nur vorzustellen, das wäre für diese Menschen,
die alles schön nahmen, was war, einfach unleidlich gewesen. Alles was
geschah, geschah lebhaft. So? Wirklich? Was für ein dummer Kerl ich
bin! Nein, mit dieser Stadt und diesen Menschen ist es absolut nichts.
Das hat keine Wirklichkeit. Das ist aus der Luft gegriffen. Fahr ab,
Bursche!
Da ging der Bursche spazieren und setzte sich auf eine Gartenbank. Es
war Mittag. Die Sonne schien durch die Bäume und machte Flecken auf
den Weg, auf die Gesichter der spazierenden Menschen, auf die Hüte der
Damen, auf den Rasen, es war spitzbübisch. Die Spatzen hüpften leicht
umher und Kindermägde rollten mit Kinderwägelchen. Es war wie ein
Traum, wie ein bloßes Spiel, wie ein Bild. Der Bursche lehnte seinen
Kopf in seinen Ellenbogen und ging auf in dem Bild. Plötzlich stand
er auf und ging weg. Nun, das ist seine Sache. Dann kam der Regen und
verwischte das Bild.
[Illustration]
Der Greifensee
Es ist ein frischer Morgen und ich fange an, von der großen Stadt
und dem großen bekannten See aus nach dem kleinen, fast unbekannten
See zu marschieren. Auf dem Weg begegnet mir nichts, als alles das,
was einem gewöhnlichen Menschen auf gewöhnlichem Wege begegnen kann.
Ich sage ein paar fleißigen Schnittern »guten Tag«, das ist alles;
ich betrachte mit Aufmerksamkeit die lieben Blumen, das ist wieder
alles; ich fange gemütlich an, mit mir zu plaudern, das ist noch
einmal alles. Ich achte auf keine landschaftliche Besonderheit, denn
ich gehe und denke, daß es hier nichts Besonderes mehr für mich gibt.
Und ich gehe so, und wie ich so gehe, habe ich schon das erste Dorf
hinter mir, mit den breiten großen Häusern, mit den Gärten, welche
zum Ruhen und Vergessen einladen, mit den Brunnen, welche platschen,
mit den schönen Bäumen, Höfen, Wirtschaften und anderem, dessen ich
mich in diesem vergeßlichen Augenblick nicht mehr erinnere. Ich gehe
immer weiter und werde zuerst wieder aufmerksam, wie der See über
grünem Laub und über stillen Tannenspitzen hervorschimmert; ich denke,
das ist mein See, zu dem ich gehen muß, zu dem es mich hinzieht. Auf
welche Weise es mich zieht, und warum es mich zieht, wird der geneigte
Leser selber wissen, wenn er das Interesse hat, meiner Beschreibung
weiter zu folgen, welche sich erlaubt, über Wege, Wiesen, Wald,
Waldbach und Feld zu springen bis an den kleinen See selbst, wo sie
stehen bleibt mit mir, und sich nicht genug über die unerwartete, nur
heimlich geahnte Schönheit desselben verwundern kann. Lassen wir sie
doch in ihrer althergebrachten Überschwenglichkeit selber sprechen: Es
ist eine weiße, weite Stille, die wieder von grüner luftiger Stille
umgrenzt wird; es ist See und umschließender Wald; es ist Himmel, und
zwar so lichtblauer, halbbetrübter Himmel; es ist Wasser, und zwar
so dem Himmel ähnliches Wasser, daß es nur der Himmel und jener nur
blaues Wasser sein kann; es ist süße blaue warme Stille und Morgen;
ein schöner, schöner Morgen. Ich komme zu keinen Worten, obgleich mir
ist, als mache ich schon zu viel Worte. Ich weiß nicht, wovon ich reden
soll; denn es ist alles so schön, so alles der bloßen Schönheit wegen
da. Die Sonne brennt herab vom Himmel in den See, der ganz wie Sonne
wird, in welcher die schläfrigen Schatten des umrahmenden Lebens
leise sich wiegen. Es ist keine Störung da, alles lieblich in der
schärfsten Nähe, in der unbestimmtesten Ferne; alle Farben dieser Welt
spielen zusammen und sind eine entzückte, entzückende Morgenwelt. Ganz
bescheiden ragen die hohen Appenzellerberge in der Weite, sind kein
kalter Mißton, nein, scheinen nur ein hohes fernes verschwommenes Grün
zu sein, welches zu dem Grün gehört, das in aller Umgebung so herrlich,
so sanft ist. O wie sanft, wie still, wie unberührt ist diese Umgebung,
wird durch sie dieser kleine, fast ungenannte See, ist selber also so
still, so sanft, so unberührt. -- Auf eine solche Weise spricht die
Beschreibung, wahrlich: eine begeisterte, hingerissene Beschreibung.
Und was soll ich noch sagen? Ich müßte sprechen wie sie, wenn ich
noch einmal anfangen müßte, denn es ist ganz und gar die Beschreibung
meines Herzens. Auf dem ganzen See sehe ich nur eine Ente, welche hin
und her schwimmt. Schnell ziehe ich meine Kleider aus und tu wie die
Ente; ich schwimme mit größter Fröhlichkeit weit hinaus, bis meine
Brust arbeiten muß, die Arme müde und die Beine steif werden. Welch
eine Lust ist es, sich aus lauter Fröhlichkeit abzuarbeiten! Der eben
beschriebene, mit viel zu wenig Herzlichkeit beschriebene Himmel ist
über mir, und unter mir ist eine süße, stille Tiefe; und ich arbeite
mich mit ängstlicher, beklemmter Brust über der Tiefe wieder ans Land,
wo ich zittere und lache und nicht atmen, fast nicht atmen kann. Das
alte Schloß Greifensee grüßt herüber, aber es ist mir jetzt gar nicht
um die historische Erinnerung zu tun; ich freue mich vielmehr auf einen
Abend, auf eine Nacht, die ich hier am gleichen Ort zubringen werde,
und sinne hin und her, wie es an dem kleinen See sein wird, wenn das
letzte Taglicht über seiner Fläche schwebt, oder wie es sein wird hier,
wenn unzählige Sterne oben schweben -- und ich schwimme wieder hinaus.
--
[Illustration]
Der Waldbrand