wurden niemals erfüllt. Die Soldaten wurden im Wesentlichen als
Kriegsgefangene behandelt. Dieses führte zu heftigen Klagen ihrerseits
sowohl zu jener Zeit, wie von Seiten deutscher und englischer
Geschichtsschreiber bis auf den heutigen Tag. Es wird von Bankroft
berichtet, dass bei der Übergabe die Konvention von den Briten dadurch
gebrochen worden sei, dass die Kriegskasse und anderes Staatseigentum
verheimlicht worden sei, um welches die Vereinigten Staaten auf diese
Weise betrogen wurden. Im November 1777 schrieb Burgoyne eine
unüberlegte und grundlose Klage gegen die Verletzungen durch die
Amerikaner und folgerte daraus, dass er den angeblichen Bruch benutzen
könnte, sich und seine Regierung von allen Verpflichtungen zu entbinden.
Burgoyne verweigerte auch, die notwendigen Listen aller in die Übergabe
einbegriffenen Personen herauszugeben. Der Kongress weigerte sich
daraufhin, seine Armee eher einzuschiffen als bis die Kapitulation durch
die Regierung von Grossbritannien bestätigt wäre.
Es scheint mir, dass in der Behandlung dieser Angelegenheit der Kongress
seine Ehre und die des Landes nicht richtig wahrte. Es war richtig, dass
Gates einen schlechten Handel gemacht hatte. Aber dieser Handel war mit
Bewusstsein gemacht worden und Burgoynes Soldaten hatten dadurch, dass
sie die Waffen streckten, die wichtigsten der ihnen auferlegten
Bedingungen erfüllt. Es lag nunmehr den Amerikanern ob, auch ihrerseits
dem Vertrage nachzukommen, und schlimmstenfalls eine offenbare
Verletzung der untergeordneten Artikel der Kapitulation oder der sehr
deutliche Beweis der Absicht auf englischer Seite, das Wort zu brechen,
hätte den siegreichen Teil veranlasst haben sollen, die Erfüllung seiner
Versprechungen zurückziehen.
Während der Kongress gesonnen war, die deutschen Gefangenen in Amerika
zu behalten, beeilte sich ihr eigener Fürst keineswegs, sie wieder nach
Europa zurückzuerlangen. Auf die Nachricht der Kapitulation von Saratoga
schrieb der Minister des Herzogs von Braunschweig an den englischen
Kommissionär, dass man den Leuten, die sich ergeben hätten, die
Rückkehr nach Deutschland verwehren sollte, damit sie nicht noch andere
von der Einreihung in die Armee abschreckten. »Schickt die
Übriggebliebenen auf eine Eurer Inseln in Amerika, steckt sie in Europa
auf einer von Euren Inseln, wie z. B. auf der Insel Wight fest.« Auf
keinen Fall durften die armen Teufel nach Hause kommen.
Am 17. Oktober 1777 streckten General Burgoynes Soldaten die Waffen in
Saratoga. Dies durften sie ohne Beisein irgend einer amerikanischen
Truppenabteilung thun. General Riedesel hatte Befehl gegeben, dass die
Fahnen der braunschweigischen Regimenter nicht überliefert werden
sollten. Er liess die Fahnenstangen verbrennen und verbarg die
Fahnentücher, indem er den Amerikanern gegenüber vorgab, dass die
letzteren auch verbrannt wären. Er verbarg sie, bis die Gefangenen
einige Zeit in Cambridge verweilt hatten und er die Baronin in das
Geheimnis eingeweiht hatte. Frau von Riedesel nähte sie mit Hilfe eines
»recht ehrlichen Schneiders« in eine Matratze ein, und es wurde unter
irgend einem Vorwand ein Offizier durch die Linie nach New-York gesandt,
der die Matratze als Teil seines Bettes mitnahm. So wurden die
braunschweigischen Fahnen gerettet. Burgoyne hatte sein Ehrenwort
gegeben, dass die Offiziere nichts von dem königlichen Eigentum in ihrem
Privat-Gepäck mitnehmen würden. Vielleicht meinte man, dass die Fahnen
dem Herzog von Braunschweig gehörten und nicht dem König, der sie nur
gemietet hatte in Gemeinschaft mit den Verteidigern derselben.
Nachdem die Waffen niedergelegt waren, marschierten die Braunschweiger
durch das amerikanische Lager, wo die siegreiche Armee aufgestellt war,
um sie zu empfangen. Nicht ein Regiment war richtig uniformiert, sondern
jeder Mann war in den Kleidern, die er auf dem Feld, in der Kirche oder
im Bierhaus trug. Aber sie standen da wie Soldaten, in guter Ordnung und
sehr militärisch, zur grossen Verwunderung der deutschen Offiziere.
»Die Leute standen so still, dass wir mit Erstaunen erfüllt wurden,«
schreibt einer, »nicht ein Mann machte Miene auch nur mit seinem
Nebenmanne zu sprechen. Ausserdem standen die Leute alle so aufgerichtet
im Gliede, sahen so schön und kräftig aus, dass es ein Vergnügen war sie
anzusehen, und wir alle waren verwundert über diesen schönen
Menschenschlag..... In der That, Englisch-Amerika übertrifft den
grössten Teil von Europa, was die Grösse und Schönheit seiner Männer
anlangt.«
Nur wenige Offiziere in Gates Armee trugen Uniformen, und diese wenigen
trugen sie nach ihrer eigenen Fantasie, von irgend welchem Tuch, das
ihnen in die Hände kam. Grosse und kleine Perrücken, schwarze, weisse
und graue zierten oder verunzierten ihre Köpfe. Einige von ihnen sahen
aus, als trügen sie ein ganzes Schaf auf ihren Schultern. Diese grossen
Perrücken flössten, unserem Braunschweiger zufolge, dem gewöhnlichen
Volk grosse Ehrfurcht ein. Unter den Trägern dieser Perrücken waren
viele 50 bis 60 Jahre alt, und nunmehr zum ersten Mal in Reihe und
Glied, zwar etwas schwerfällig ihrer Erscheinung nach, aber durchaus
eifrig, ohne sich zu vernachlässigen, besonders in den Wäldern. »In
vollkommenem Ernst,« sagt der deutsche Offizier, »diese ganze Nation hat
viel natürliche Beanlagung zum Krieg und Soldatenleben.«
Als die Truppen, die sich ergeben hatten, durch die Reihen der
Amerikaner schritten, zeigte ihnen nicht ein Mann von der siegreichen
Armee seine Missachtung oder verhöhnte sie wegen ihres Missgeschickes.
Die Deutschen bezeugen insgesamt, dass Offiziere sowohl wie Soldaten sie
mit Güte und Wohlwollen behandelten. General Gates lud alle höheren
Offiziere in sein Zelt ein und behielt die Generäle zum Mittagessen
zurück. Schuyler erwies Frau von Riedesel besondere Artigkeit. Er kam
ihr entgegen, als sie in das Lager kam, hob ihre Kinder aus dem Wagen,
küsste sie und half ihr aus dem Wagen aussteigen. Nach wenigen
ermutigenden Worten führte er sie zu General Gates, mit dem sie Burgoyne
zusammen stehen sah, der anscheinend auf ganz freundschaftlichem Fuss
mit ihm stand. Er sagte zu ihr, dass sie keine Angst haben sollte, denn
ihre Leiden hätten nun ein Ende. »Ich antwortete,« schreibt die Baronin,
»ich würde freilich Unrecht haben, noch Besorgnisse zu haben, wenn unser
Chef keine mehr hätte und ich ihn auf einem so guten Fuss mit General
Gates sähe.«
Schuyler hatte Frau von Riedesel und ihren Kindern in seinem eigenen
Zelt ein Mittagessen auftragen lassen (»geräucherte Zunge, Beefsteak,
Kartoffeln, gute Butter und Brod«), und sie verbrachte drei Tage mit
seiner Familie in Albany, wo sie mit der grössten Freundlichkeit
behandelt wurde. Burgoyne war auch Schuylers Gast in Albany. Er machte
Entschuldigungen dem letzteren gegenüber, dass er ihm sein Haus und
seine Scheunen in Saratoga verbrannt hätte. »Das ist das Schicksal des
Krieges«, erwiderte der brave Mann, »lassen Sie uns davon nicht weiter
reden.«
Die Gefangenen oder »Konventionisten«, wie sie sich nannten, traten nun
ihren Marsch durch Massachusetts hindurch an. Das Wetter war kalt und
die Wege schlecht. Der Marsch dauerte vom 17. Oktober bis zum 7.
November. An einigen Orten weigerten sich die Einwohner, die Gefangenen
in ihre Häuser aufzunehmen, und an andern Orten, wo es nötig war Halt zu
machen, waren nicht Häuser genug, um sie zu beherbergen. Die Einwohner
ihrerseits beklagten sich, dass die durchmarschierenden Gefangenen ihre
Gelände verbrannten, ihr Viehfutter unbrauchbar machten und Kleider und
Möbel aus ihren Häusern stahlen. Von allen Seiten strömte das Landvolk
zusammen, um die Gefangenen zu sehen und man drängte sich in die Häuser,
wo sie einquartiert waren, bis die Offiziere anfingen zu argwöhnen,
dass die Hauswirte Geld für dieses Schauspiel nähmen.
Auf diese Weise sahen die Deutschen viel von der weiblichen
Landbevölkerung, und derselbe Offizier, der die obenerwähnte
Beschreibung der amerikanischen Soldaten verfasst hat, hat uns die
ersten Eindrücke von Neu-Englands Frauen auf ihn hinterlassen.
»Die Frauen in allen Gegenden von Boston bis New-York sind schlank und
gerade gewachsen, wohlgenährt ohne plump zu sein. Sie haben hübsche,
kleine Füsse, gute, kräftige Hände und Arme, eine sehr weisse Haut und
eine sehr gesunde Gesichtsfarbe, sodass sie sich nicht zu malen
brauchen. Kaum eine von denen, die ich gesehen habe, hatte Pockennarben
auf dem Gesicht; denn das Impfen ist hier schon seit vielen Jahren
gebräuchlich. Ihre Zähne sind sehr weiss, ihre Lippen schön und ihre
Augen lebhaft und lachend. Obendrein haben sie natürliche und
ungezwungene Manieren, eine freie und fröhliche Miene, eine natürliche
Sicherheit im Auftreten. Sie geben viel auf Reinlichkeit und gutes
Schuhwerk. Sie ziehen sich sehr hübsch an, aber ihre Kleider müssen sehr
eng anliegen..... Sie locken ihr Haar jeden Tag, machen es von hinten zu
einem Chignon zurecht und vorn über ein Kissen von mässiger Höhe.
Gewöhnlich gehen sie barhäuptig aus, oder setzen höchstens ein kleines
herzförmiges Ding oder irgend eine derartige Kleinigkeit auf ihren Kopf.
Hier und da lässt eine Land-Nymphe ihr Haar fliegen und schmückt es mit
einem Band. Obschon die Hütte, in der sie leben, ärmlich sein mag, so
tragen sie doch einen seidenen Mantel und Handschuh, wenn sie ausgehen.
Sie wissen sich sehr hübsch in den Mantel zu hüllen, so dass ein
kleiner, weisser Ellbogen daraus hervorguckt. Dann tragen sie eine Art
gut gearbeiteten Krempenhut, unter welchem sie mit ihren schelmischen
Augen kokett hervorsehen. In den englischen Kolonien haben die Schönen
eine Vorliebe für Mäntel von roter Seide oder Wolle. In dieser Art
gekleidet, läuft, springt und tanzt das junge Mädchen umher, wünscht
Ihnen einen »Guten Morgen« oder giebt, der Frage entsprechend, eine
schnippische Antwort. So standen sie zu Dutzenden den ganzen Weg
entlang, liessen uns Revue passieren, lachten mokant über uns oder
liessen von Zeit zu Zeit eine boshafte Bemerkung fallen und händigten
uns einen Apfel ein. Wir dachten erst, dass es Mädchen aus der Stadt
wären oder wenigstens von der zweiten Klasse, aber keineswegs! Sie waren
die Töchter von armen Bauern, die man an ihrer Kleidung als arme Bauern
erkennen konnte.«
Der Offizier fährt mit seinen sozialen Beobachtungen fort. Es scheint,
dass in ganz Amerika die Männer den Frauen völlig unterthan sind. Die
letzteren gebrauchen ihre Gewalt in Kanada zum Besten der Männer, in
New-England aber zu ihrem Ruin. Die Frauen sind extravagant. Wie sie es
fertig bekommen, den Männern so schwer zur Last zu fallen, ist unserm
guten Deutschen ein Rätsel, da er sieht, dass sie weder kratzen, noch
beissen, noch Ohnmachtsanfälle bekommen. Bei all diesem setzten sie ihre
Hoffnung auf die britische Krone. Die Frauen tragen jetzt ihren
Sonntagsstaat an den Wochentagen. Wenn es abgetragen ist, wird Friede
mit Grossbritannien gemacht sein, um dann neu mit allem versorgt zu
werden.
Wir kommen nun zu den Negern. Diese findet man auf den meisten Farmen
westlich von Springfield. Die schwarze Familie lebt in einem kleinen
Hinterhaus. »Die Neger sind sehr fruchtbar hier, wie das übrige Vieh.
Die Jüngeren werden sehr gut gefüttert, besonders während sie noch
Kälber sind. Überdies ist die Sklaverei sehr erträglich. Der Neger wird
als der Knecht des Bauern angesehen; die Negerin thut die ganze grobe
Hausarbeit; und die schwarzen Kinder warten die weissen Kinder. Der
Neger kann für seinen Herrn zu Felde ziehen, und so sieht man nicht ein
Regiment, in welchem sich nicht eine grosse Anzahl Schwarzer befindet;
und es giebt gutgewachsene, starke und stämmige Burschen unter ihnen. Es
sind auch viele Familien freier Schwarzer hier, die gute Häuser inne
haben, Mittel besitzen und ganz nach Art der andern Bewohner leben. Es
sieht komisch genug aus, wenn Miss Negerin ihr wolliges Haar über ein
Kissen zurechtfrisiert, einen kleinen Hut mit Krempe auf den Kopf setzt,
sich in ihren Mantel hüllt und in diesem Putz die Strasse
entlanggrätschelt mit einer Negersklavin, die hinter ihr herwatschelt.«
Baronin Riedesel machte ihre ersten Beobachtungen über die Amerikaner.
Sie erzählt, dass eines Nachts ihr Mann krank war, und dass die Wache
vor seiner Thür trank und Lärm machte. Er schickte hinaus und liess sie
bitten ruhig zu sein, worauf sie ihren Lärm noch verdoppelten. Frau von
Riedesel ging darauf hinaus, sagte ihnen, dass ihr Mann krank sei und
bat sie, sie möchten weniger Geräusch machen. Darauf waren sie sofort
ruhig, »ein Beweis«, sagt die Baronin, »das diese Nation auch Achtung
vor unserm Geschlecht hat.« Die Bürger-Offiziere waren den Deutschen ein
fortwährendes Rätsel. Keine Geschichte war ihnen zu aussergewöhnlich, um
sie zu glauben. »Ihre Generale, die uns begleiteten, waren zum Teil vom
Schuster-Handwerk und machten an den Rasttagen Stiefel für unsere
Offiziere, besserten auch wohl die Schuhe unserer Soldaten aus. Sie
setzten einen grossen Wert auf das gemünzte Geld, welches bei ihnen
selten war. Einem unserer Offiziere waren seine Stiefel ganz zerrissen.
Er sah, dass ein amerikanischer General ein gutes Paar anhatte und sagte
ihm zum Spass: »Ich gäbe ihm gern eine Guinee dafür.« Gleich stieg der
General vom Pferde, nahm die Guinee, gab seine Stiefeln, und setzte sich
mit des Offiziers zerrissenen Stiefeln wieder auf.« General von
Riedesels Gemütsstimmung zu jener Zeit war durch mangelhafte Gesundheit
und sein Missgeschick verbittert. Wir müssen dies berücksichtigen, wenn
wir sein Urteil hören, welches er über die Amerikaner fällt. Allerdings
es wird erwähnt, er habe gesagt, dass er nur einen amerikanischen
Offizier in Cambridge getroffen, vor dem er Respekt gehabt habe. Von den
Mitgliedern des General Court of Massachusetts macht er eine merkwürdige
Schilderung. »Man sieht in diesen Männern genau den National-Charakter
der Eingeborenen von Neu-England; vornehmlich zeichnen sie sich vor
andern durch die Art sich zu kleiden aus. So behaupten sie alle unter
einer überaus dicken, runden, gelblichen Stutzperrücke eine recht
ehrenhafte Magistratsmiene. Ihre Kleider sind nach der ganz alten
englischen Mode, darüber sie im Winter und Sommer einen blauen
Roquelaure mit Ärmeln tragen, den sie mit einem ledernen Riemen fest um
den Leib schnallen. Selten sieht man einen ohne Peitsche. Meistens sind
sie alle untersetzter Natur und mittelmässig gross, sodass es schwer
fällt, einen vom andern zu unterscheiden, wenn sie als Delegaten ihrer
Townships zu dem Konsul von Boston gefordert werden, oder in
Miliz-Angelegenheiten erscheinen müssen. Nicht der zehnte Teil von ihnen
kann geschriebene Schrift lesen und noch weniger können sie schreiben.
Diese Kunst ist ausser bei Leuten von der Feder nur allein bei dem
weiblichen Geschlecht anzutreffen, welches überhaupt gut erzogen wird
und daher die Herrschaft über die Männer mehr als eine andere Nation in
der Welt zu behaupten weiss. Die Neu-Engländer wollen alle Politici
sein, lieben daher die Tavernen und Grog-bowl, bei welchen sie ihre
Geschäfte abthun, und vom Morgen bis in die Nacht trinken. Sie sind im
allerhöchsten Grad neugierig, leichtgläubig und bis zur Raserei für die
Freiheit eingenommen, dabei aber auch zugleich so blind, dass ihnen das
schwere Joch der Sklaverei unter ihrem Kongress, worunter sie eigentlich
schon jetzt zu sinken anfangen, bisher noch ganz unsichtbar geblieben
ist.«
Auf der andern Seite konnten die Amerikaner, wenn wir dem oben erwähnten
braunschweigischen Offizier glauben wollen, nicht die gesellschaftlichen
Verhältnisse ihrer Gefangenen verstehen. »Es war den Bewohnern schwer
begreiflich zu machen,« sagt er, »dass unsere Offiziere kein Gewerbe
trieben.« Sie hatten geglaubt, dass es Eigensinn von ihnen wäre, keine
andere Beschäftigung zu haben.
Die deutschen »Konventionisten« wurden in Baracken auf dem Winter Hill
bei Cambridge, Massachusetts, untergebracht, die Engländer auf dem
benachbarten Prospekt Hill. Diese Baracken waren von den Amerikanern zu
ihrem eigenen Gebrauch während der Belagerung von Boston errichtet
worden und waren von der leichtesten Bauart. Der Wind blies durch die
Wände, der Regen sickerte durch das Dach, der Schnee lag in Haufen auf
dem Fussboden. Holz und Stroh war nur sehr knapp vorhanden, und die
Uniformen, die einen schweren Feldzug in der Wildnis hatten aushalten
müssen, hingen in Fetzen an den frierenden Soldaten herunter. Sie
schnitten die Schösse von ihren Röcken ab, um sich Flicken für die
übrigen Kleidungsstücke davon zu machen. Selbst im Hospital war es
bitter kalt. Hoffnung und Enttäuschungen erfüllten abwechselnd die Brust
der Gefangenen, je nachdem die Verhandlungen wegen ihrer Rückkehr nach
England wieder aufgenommen oder abgebrochen worden waren. Einmal während
ihres dortigen Aufenthaltes kam die Hoffnung auf Befreiung, und es
wurden von den Deutschen Vorbereitungen getroffen, die freundliche
Flotte zu begrüssen, von den Amerikanern aber, ihre Gefangenen nach
Quartieren mehr im Innern des Landes zu transportieren. Die grössten
Leiden die vielleicht die Gefangenen auszustehen gehabt hatten,
bestanden in der Eintönigkeit ihres Gefangenenlebens. Es gab nichts zu
thun, denn ein wenig Exerzieren ohne Gewehre kann schwerlich eine
Beschäftigung genannt werden. Wir erfahren aus den Journalen und
Briefen der Offiziere die Folgen dieser Unthätigkeit. Es gab
Streitigkeiten mit der amerikanischen Wacht-Besatzung. In dieser
Hinsicht verhielten sich indessen die Deutschen etwas besser als die
Engländer. Riedesels Sorgfalt, die Disziplin unter seinen Leuten
aufrecht zu erhalten, hatte man bemerkt, und die Amerikaner machten es
sich zur Gewohnheit jeden deutschen Delinquenten seinen eigenen
Offizieren zur Bestrafung zu überantworten.
Die Lage der Soldaten, welche nicht in Burgoynes Uebergabe mit
eingeschlossen waren, die Gefangenen von Bennington und der Gefechte
nördlich Stillwater, war in mancher Hinsicht eine glücklichere. Diese
begaben sich zum grösseren Teil in den Dienst Neu-Englischer Farmer.
Vielen wurde auch erlaubt, das Lager auf dem Winter Hill zu besuchen, um
die »Konventionisten« zum desertieren zu verleiten, wie die Deutschen
sagen. Im Frühjahr als die Versuchung, hinaus aufs Land zu kommen, stark
wurde, hielt es Riedesel für weise, die Pforte etwas zu öffnen und gab
einigen Soldaten Erlaubnis auf den Farmen zu arbeiten, unter der
Bedingung einmal in der Woche ins Lager zurückzukommen. Die deutschen
Offiziere waren meist in den ungemütlichen Häusern in der Nähe des Hills
oder in den Baracken selbst einquartiert. Die Generale hatten indessen
gute Häuser in Cambridge. Niemand, ohne Ansehen des Ranges, durfte nach
Boston kommen, Baronin Riedesel ging gelegentlich dorthin. Sie sagt,
dass die Stadt sehr hübsch wäre, aber bewohnt von heissblütigen
Patrioten und voll von gemeinem Volk. Frauen wollten sogar vor ihr
ausspucken auf der Strasse. Grosses Verlangen trug die Baronin, Mrs.
Carter, die Tochter von General Schuyler, zu besuchen. Diese Dame war
sanft und gut wie ihre Eltern, aber ihr Mann, wie Frau von Riedesel
meint, böse und falsch. »Sie kamen uns oft zu besuchen und assen auch
bei uns mit den andern Generalen. Wir suchten ihnen auf alle Weise
unsere Erkenntlichkeit zu bezeigen. Sie schienen auch viel Freundschaft
für uns zu haben, und doch war es zur nämlichen Zeit, dass dieser
garstige Carter, als General Howe viele Dörfer und kleine Städte
angesteckt hatte, den Amerikanern den abscheulichen Vorschlag machte,
unseren Generalen die Köpfe abzuhauen, diese in kleine Fässer
einzusalzen und den Engländern für jedes angesteckte Dorf oder Städtchen
ein solches Fässchen zu überschicken, welcher unmenschliche Vorschlag
glücklicherweise nicht angenommen ward.«
»Am 3. Juni 1778 gab ich einen Ball nebst Souper zur Feier des
Geburtstages meines Mannes. Ich hatte alle Generale und Offiziere dazu
eingeladen. Auch die Carters waren mit dabei. General Burgoyne liess
absagen, nachdem er uns bis 8 Uhr abends hatte warten lassen. Er
entschuldigte sich immer unter verschiedenem Vorwande zu uns zu kommen,
bis zu seiner Abreise nach England, wo er kam und mir grosse
Entschuldigungen deshalb machte, worauf ich aber nichts weiter
antwortete als, dass es mir würde leid gethan haben, wenn er sich
unseretwegen geniert hätte.
»Man tanzte viel, und unser Koch hatte uns ein prächtiges Souper von
mehr als 80 Kouverts zubereitet. Überdem war auch noch unser Hof und
Garten erleuchtet. Da der Geburtstag des Königs von England Tages darauf
als den 4. war, so wurde beschlossen, dass man sich nicht eher trennen
wollte, bis man seine Gesundheit getrunken; welches auch mit der
herzlichsten Anhänglichkeit an seine Person und sein Interesse
ausgeführt wurde.«
»Nie, glaube ich, ist das 'God save the King' mit mehr Enthusiasmus und
mit aufrichtigeren Gesinnungen gesungen worden. Sogar meine ältesten
beiden kleinen Töchter waren mit dabei, die man heruntergeholt hatte, um
die Illumination zu sehen. Alle Augen waren voll Thränen, und es schien,
als wenn jeder darauf stolz war, den Mut zu haben, dieses so mitten
unter den Feinden zu wagen. Sogar die Carters hatten nicht das Herz
sich auszuschliessen. Als die Gesellschaft auseinanderging, sah man das
ganze Haus umringt von Amerikanern, die, als sie so viel Leute
hineingehen und die Illumination gesehen, den Verdacht geschöpft hatten,
dass wir eine Empörung im Sinne hätten; und wenn der mindeste Lärm
entstanden wäre, hätte uns dieses können teuer zu stehen kommen.«
»Die Amerikaner, wenn sie ihre Truppen versammeln wollen, setzen
brennende Pechfackeln auf die Anhöhen, auf welches Signal Jeder
herzueilet. Wir waren einmal Zeugen davon, als der General Howe eine
Landung zu Boston versuchen wollte, um die gefangenen Truppen zu
befreien. Man erfuhr dieses wie gewöhnlich längst voraus und steckte die
Pechtonnen an, worauf man drei oder vier Tage nacheinander eine Menge
Leute ohne Schuhe und Strümpfe und die Flinte auf dem Rücken eiligst
herzulaufen sah, wodurch bald so viele Leute zusammenkamen, dass eine
Landung zu schwer gefallen sein würde.«
Im November 1778 mussten die Braunschweiger die Umgegend von Boston
verlassen, wo sie anfingen sich etwas heimisch zu fühlen, und zu dem
langen Marsche nach Virginien aufbrechen. Frau von Riedesel begleitete
auch hierhin ihren Gemahl; sie hatte eine bequeme englische Kutsche
gefunden, in welcher sie die Reise unternehmen konnte. An einem der
Orte, an welchem ein Rasttag gehalten wurde, traf sie mit General
Lafayette zusammen, den ihr Mann zum Essen lud. Lafayette erzählte ihr
viel von der Gnade, die der König von England für ihn gehabt, ihm alles
zu zeigen. Die Baronin fragte ihn, wie er es hätte über das Herz bringen
können, soviel Gnadenbezeugungen von dem Könige anzunehmen, da er doch
im Begriff gewesen wäre abzureisen, um gegen ihn zu fechten. Der Marquis
schien etwas beschämt zu sein und antwortete: »Es ist wahr, der Gedanke
ging mir durch die Seele, sodass, als mir eines Tages der König anbot,
mir seine Flotte zeigen zu lassen, ich erwiderte, dass ich hoffte, sie
eines Tages zu sehen, und dann heimlich wegging, um aus der Verlegenheit
zu kommen, es noch einmal ablehnen zu müssen.«