Diese plötzliche Veränderung erregte bei den englischen und deutschen

Offizieren Misstrauen. Der Kriegsrat beschloss, Gates Vorschläge

anzunehmen, wollte aber versuchen Zeit zu gewinnen. Eine Kommission,

bestehend aus zwei Stabsoffizieren von jeder Seite, wurde ernannt, und

diese verhandelte über verschiedene Kleinigkeiten, die den Artikeln noch

hinzuzufügen waren, bis 11 Uhr nachts. Die Amerikaner bewilligten alles,

was man von ihnen verlangte. Die Engländer ihrerseits versprachen, dass

am andern Morgen die Kapitulation von General Burgoyne unterzeichnet und

General Gates übersandt werden würde. Der Waffenstillstand sollte

fortdauern.

Dieselbe Nacht kam ein Überläufer und sagte aus, dass er durch dritte

Hand erfahren habe, der englische General Clinton habe nicht allein die

Verschanzung von den Highlands erobert, sondern sei auch schon vor 8

Tagen bis nach Esopus vorgerückt und müsse aller Wahrscheinlichkeit nach

schon in Albany angekommen sein. Burgoyne sowohl, wie verschiedene

andere Offiziere wurden durch diese Nachricht so begeistert, dass sie

grosse Lust bekamen, die Kapitulation zu brechen. Es wurde noch einmal

ein Kriegsrat zusammenberufen, welcher folgende Fragen beantworten

sollte:

»1. Ob ein Traktat, der von bevollmächtigten Kommissarien finaliter

arrangieret sei, noch nach dem Versprechen des Generals, solchen, sobald

die Kommissarien alles applanieret, zu unterzeichnen, mit Ehren

gebrochen werden könne?

2. Ob die eingegangenen Nachrichten so hinlänglich sicher wären, dass

sie ein Bewegungsgrund sein könnten, einen in unserer Lage so

vorteilhaften Akkord zu brechen?

3. Ob die Armee wohl noch munteren Geist genug hätte, ihre jetzige

Stellung bis auf den letzten Mann zu verteidigen?«

Auf die erste Frage erklärten 14 Offiziere gegen 8, dass ein solcher

Traktat ohne Verletzung der Ehre nicht gebrochen werden könne. Über die

zweite waren die Stimmen geteilt. Die Verneinenden stützten sich darauf,

dass der Überbringer der Nachricht alles nur vom Hörensagen hätte, und

dass, selbst wenn General Clinton wirklich in Esopus wäre, die

Entfernung von da doch noch so gross sein würde, dass er ihnen in ihrer

gegenwärtigen Lage doch nicht mehr helfen könnte. Auf die dritte Frage

war die Antwort aller Offiziere vom linken Flügel bejahend; die

Offiziere vom Zentrum und rechten Flügel antworteten aber, dass zwar

alle Soldaten den grössten Mut bezeigen würden, wenn es zum Angriff des

Feindes gehen sollte, dass aber, da ihnen allen das Fehlerhafte ihrer

Position zu gut bekannt wäre, zu befürchten stände, sie würden einen

feindlichen Angriff nicht ebenso aushalten. Da die braunschweigischen

Truppen hauptsächlich das Zentrum und den rechten Flügel einnahmen, so

bezieht sich auf diese Erklärung ihrer Offiziere wahrscheinlich eine

Bemerkung Burgoynes in einem Privatbrief »die Deutschen entmutigt und

bereit, bei dem ersten Feuer die Waffen zu strecken.«

Um doch noch Zeit zu gewinnen, wurde ein letztes Mittel versucht.

Burgoyne schrieb nämlich am 16. früh an General Gates einen Brief, worin

er ihm erklärte, dass er in der vergangenen Nacht von Deserteuren die

Nachricht erhalten habe, dass er, General Gates, einen ansehnlichen Teil

seiner Armee nach Albany detachiert hätte und zwar im Laufe der

Unterhandlungen; dies wäre ganz gegen Treue und Glauben und er,

Burgoyne, würde die Kapitulation nicht eher unterzeichnen, bis sich

nicht ein Offizier seines Stabes davon überzeugt haben würde, dass die

amerikanische Armee drei bis viermal der englischen überlegen sei. Gates

scheint schliesslich dieses Herumführen an der Nase müde geworden zu

sein. Er liess als Antwort sagen, dass seine Armee noch dieselbe Stärke

wie vorher und sogar noch Verstärkung bekommen hätte; dass er es ebenso

wenig für politisch wie vielmehr seiner Ehre nachteilig halten würde,

die Stärke seiner Armee einem von General Burgoynes Offizieren zu

zeigen, und dass der General wohl bedenken möchte, was er thäte, wenn er

sein Ehrenwort bräche; er würde für die Folgen verantwortlich sein.

Gates fügte hinzu, dass, sobald die Kapitulation unterzeichnet sein

würde, er bereit sei, dem General Burgoyne seine ganze Armee zu zeigen,

und er stände mit seiner Ehre dafür, dass er sie viermal so stark als

die Britische finden würde, ungerechnet die Truppen, die jenseits des

Hudson postiert wären. Er könne aber jetzt nicht mehr länger als eine

Stunde Zeit zur Antwort gestatten, und würde nach Verlauf derselben sich

genötigt sehen, die strengsten Massregeln zu ergreifen.

Hierauf wurde der Kriegsrat noch einmal zusammenberufen, und Niemand

fand sich mehr, der dem General zum Brechen seines Wortes geraten hätte.

Burgoyne zog die Generale Phillips und Riedesel allein auf die Seite und

bat um ihren freundschaftlichen Rat. Beide schwiegen anfänglich stille,

bis endlich der General Riedesel erklärte, dass wenn der General

Burgoyne in England zur Verantwortung gezogen werden sollte, er nur für

die Bewegungen, die die Armee in eine solche Lage gebracht hätten,

verantwortlich sein könnte, und vielleicht wegen der ersten Eröffnung

einer Kapitulation und deswegen, weil er nicht frühzeitig genug den

Rückzug so weit gemacht, dass man Herr der Kommunikation mit dem Fort

George geblieben wäre. Nun aber nach allen gethanen Schritten hielt es

Riedesel noch viel gefährlicher, den Tractat auf eine ungewisse und

unzuverlässige Nachricht hin zu brechen.

Gleicher Meinung war der Brigadier Hamilton, der hinzu kam und auch

darüber befragt wurde. General Phillips sagte nur, dass die Lage der

Dinge eine derartige sei, dass er weder Rat noch Hilfe ausfindig machen

könne. Nach vielem Überlegen hin und her entschloss sich Burgoyne

schliesslich zu unterzeichnen, und hierauf wurde die unterzeichnete

Kapitulation an General Gates gesandt.

Es übergaben sich im Ganzen 5791 Mann. Riedesel hat festgestellt, dass

nicht mehr als 4000 von diesen dienstfähig waren. Die Zahl der

Deutschen, die sich ergaben ist von Eelking auf 2431 festgestellt

worden, von denen die getötet, verwundet und vermisst wurden vom 6.

Oktober an auf 1122. Der Gesamt-Verlust der Briten und ihrer

Hilfstruppen an Toten, Verwundeten, Gefangenen und Deserteuren während

dieser Kampagne, einschliesslich der Verluste von St. Legers Expedition,

betrug annähernd 9000 Köpfe.

Die Tage, welche der Uebergabe vorausgegangen waren, waren Tage der

Verwirrung gewesen. Baronin Riedesel sagt, dass sie am Abend des 9.

Oktober in Saratoga, nachdem sie während des ganzen Tages nur eine halbe

Stunde zurückgelegt hatten, den General Phillips gefragt habe, warum sie

denn den Rückzug nicht fortsetzten, da es doch noch Zeit wäre. Der

General bewunderte ihre Entschlossenheit und wünschte, sie hätte den

Befehl über die Armee. Dieselbe Dame erwähnt, dass Burgoyne die Hälfte

jener verhängnisvollen Nacht singend und trinkend zugebracht und sich

mit seiner Maitresse amüsiert habe.

Die Armee war dem Elend und der Unordnung anheim gefallen. Am 10.

verpflegte die Baronin mehr als 30 Offiziere aus ihren Privat-Vorräten,

»denn wir hatten einen Koch, der, ob er gleich ein Erzschelm war, doch

zu allem Rat wusste, und oft des Nachts kleine Flüsse passierte, um den

Landleuten Hämmel, Hühner und Schweine zu stehlen, die er sich nachher

gut bezahlen liess von uns, wie wir erst in der Folge erfahren haben.«

Diese Vorräte waren nun erschöpft, und die Dame in ihrer Verzweiflung

rief den General-Adjutanten, der ihr gerade in den Wurf kam, zu sich

heran, er möchte Burgoyne über den grossen Mangel, an dem die in Dienst

verwundeten Offiziere litten, in Kenntnis setzen. Der kommandierende

General nahm dies gut auf, kam selbst zu ihr und dankte ihr, dass sie

ihn an seine Pflicht erinnert hätte, und gab Befehl, dass Lebensmittel

verteilt werden sollten. Die Baronin glaubte, dass Burgoyne ihr nie

diese Einmischung verziehen habe. Es scheint mir, nach den

Aufzeichnungen Beider, dass eher sie und ihr Gemahl als Burgoyne einen

heimlichen Groll hegten. Die Denkschrift, welche General Riedesel

verfasste und von seinen Offizieren gleich nach der Übergabe

unterzeichnet wurde, ist eine lange Anklage gegen Burgoyne und legt die

üblen Folgen dar, dass man den Schreiber nicht um Rat gefragt oder seine

Pläne nicht pünktlich zur Ausführung gebracht habe. Es ist klar, dass

Riedesel Burgoyne für das Unglück der Armee verantwortlich machte, das

Unglück, welches ihm so zu Herzen ging, dass sein Körper und seine

Gemütsstimmung längere Zeit ernstlich darunter litten. Burgoyne schrieb

im Frühjahr 1778, bevor er Amerika verliess an den Herzog von

Braunschweig und pries Riedesels grosse Fähigkeiten und die Art, wie er

die Befehle seines vorgesetzten Offiziers ausgeführt hätte. --

Hieraufhin schrieb Riedesel einen sehr freundlichen Brief an Burgoyne,

in welchem er ihm in seinem und seiner Offiziere Namen für die ihnen

bewiesene Güte dankte. »Wenn auch unsere Bemühungen nicht vom Glück

gekrönt worden sind«, fährt er fort, »so wissen wir doch wohl, dass es

nicht Ihr Fehler war, sondern dass die Armee ein Opfer der Wechselfälle

des Krieges geworden ist.« Dieser einzige Ausdruck des Vertrauens ist

mit dem, was Riedesel zu andern Zeiten und an anderer Stelle sagt, nicht

in Einklang zu bringen. Die oben erwähnte militärische Denkschrift, die

in dem Buch der Baronin veröffentlicht ist, ist ein genügender Beweis

dafür. In demselben Sinne sind Riedesels Bemerkungen über Burgoynes

Feldzugs-Bericht aufgefasst. Diese Bemerkungen, welche an den Herzog von

Braunschweig und an seine Landsleute gerichtet waren, sind datiert

Cambridge, 8. April 1778, etwas mehr als einen Monat später als der oben

erwähnte Brief. Sie beklagen ausdrücklich, dass General Burgoyne,

während er von Riedesel selbst mit Anerkennung spräche, über die

Leistungen der Truppen leicht hinwegginge. Die Klagen des deutschen

Generals in dieser Beziehung sind aber, Burgoynes Bericht nach, nur

wenig gerechtfertigt.

Doch wir müssen zur Baronin zurückkehren. Am Nachmittag des 10. Oktober

nahmen die Amerikaner das Feuer auf die Engländer wieder auf. »Mein Mann

liess mir sagen, dass ich mich unverzüglich nach einem Hause begeben

sollte, welches nicht weit von da war. Ich setzte mich in die Kalesche

mit meinen Kindern, und kaum sind wir im Begriff bei dem Hause

anzukommen, so sehe ich an dem jenseitigen Ufer des Hudson-Flusses sechs

bis sieben Menschen mit Flinten, die auf uns zielen. Fast unwillkürlich

werfe ich die Kinder in den Fond der Kalesche und mich über sie; in

demselben Augenblick schiessen die Kerle und zerschmettern hinter mir

einem armen englischen Soldaten, der schon blessiert war und sich auch

nach dem Hause retten wollte, einen Arm. Gleich nach unserer Ankunft

begann eine fürchterliche Kanonade, welche grösstenteils nach dem Hause,

worin wir Schutz gesucht, gerichtet war, vermutlich weil die Feinde

glaubten, da sie viel Leute dorthin strömen sahen, dass die Generalität

sich dort befände. Ach, es waren nichts als Verwundete oder Frauen! Wir

wurden endlich genötigt, in einem Keller unsere Zuflucht zu nehmen, wo

ich mich in eine Ecke unweit der Thür lagerte. Meine Kinder lagen auf

der Erde, mit ihren Köpfen auf meinem Schooss. So blieben wir die ganze

Nacht. Ein entsetzlicher Geruch, das Geschrei der Kinder, und noch mehr

als alles dieses, meine Angst, verhinderten mich ein Auge zuzuthun.

Den andern Morgen ging die Kanonade wieder an, aber von einer andern

Seite. Ich riet, dass alle aus dem Keller ein wenig herausgehen möchten,

während dessen ich ihn wollte reinigen lassen, weil wir sonst alle krank

werden würden. Man folgte meinem Rat und liess von Vielen Hand anlegen,

was bei der weitläufigen Arbeit höchst nötig war. Wie alles heraus war,

besah ich mir unsern Zufluchtsort; es waren drei schöne Keller, die

recht gut gewölbt waren. Ich that den Vorschlag, dass in den einen die

am gefährlichsten blessierten Offiziere gebracht werden sollten; die

Frauen sollten in dem andern sein, und alle Übrigen in dem dritten, der

dem Ausgang am nächsten war.

Ich hatte gut auskehren und mit Essig räuchern lassen, und man fing

bereits an, jeder seinen Platz einzunehmen, als neue entsetzliche

Kanonenschüsse alles wieder in Alarm brachten. Mehrere, die kein Recht

hatten hineinzugehen, stürzten nach der Thüre. Meine Kinder waren schon

die Kellertreppe hinunter, und wir hätten Alle können erdrückt werden,

wenn Gott mir nicht Kräfte geschenkt hätte, mich vor die Thür zu stellen

und mit ausgebreiten Armen allen den Eingang zu verwehren; sonst wäre

gewiss jemand von uns zu Schaden gekommen. Elf Kanonenkugeln gingen

durchs Haus und wir konnten sie deutlich über unsere Köpfe hinwegrollen

hören. Einem armen Soldaten, dem man ein Bein abnehmen wollte und

dieserhalb auf den Tisch gelegt hatte, nahm eine Kanonenkugel

mittlerweile das andere Bein fort. Seine Kameraden waren alle davon

gelaufen, und wie sie wieder zu ihm kamen, fanden sie ihn in einer Ecke

der Stube, wo er sich vor Angst hingerollt hatte, und kaum noch athmend.

Ich war mehr tot als lebendig, doch nicht so viel über unsere eigene

Gefahr, als über die, in welcher mein Mann schwebte, der jedoch oft

fragen liess, wie es uns ginge, und mir sagen liess, dass er wohl wäre.

Der Major Harnich und seine Frau, eine Madame Rennels, die schon ihren

Mann verloren hatte, die Frau des guten Lieutenants, der den Tag vorher

seine Bouillon so gutherzig mit mir geteilt hatte, die Frau des

Kommissars und ich, wir waren die einzigen Damen, die bei der Armee

waren. Wir sassen eben zusammen und beklagten unser Schicksal, als

jemand hereinkam und man sich in die Ohren flüsterte und sich einander

traurig ansah. Ich bemerkte dieses und dass auf mich Blicke geworfen

wurden, ohne dass mir weiter etwas gesagt ward. Dieses erweckte in mir

den schrecklichen Gedanken, dass mein Mann geblieben sei. Ich schrie

laut auf; man versicherte mich aber, dass dieses nicht sei, sondern

winkte mir zu, dass den Mann der armen Lieutenantin dieses Unglück

betroffen habe. Diese wurde auch einen Augenblick nachher herausgerufen.

Der Mann war noch nicht tot, aber eine Kanonenkugel hatte ihm den Arm

oben an der Schulter weggenommen. Wir hörten die ganze Nacht sein

Winseln, welches doppelt und desto grausender in diesen Kellergewölben

wiederhallte; und der Arme starb erst gegen Morgen. Wir brachten

übrigens diese Nacht wie die vorige zu. Indessen kam mein Mann, mich zu

besuchen, welches meinen Kummer linderte und mir wieder Mut gab.

Den Morgen darauf fingen wir an, uns ein wenig besser einzurichten. Der

Major Harnich und seine Frau und Madame Rennels machten sich in einer

Ecke eine kleine Stube und Gardinen davor. Man wollte mir eine andere

Ecke ebenso zurecht machen, ich zog aber vor, nahe an der Thür zu

bleiben, da ich auf den Fall von Feuersgefahr daselbst eher

herauskonnte. Ich liess eine Streu machen und legte meine Betten darauf,

wo ich mit meinen Kindern schlief, nicht weit von uns schliefen meine

Frauen. Gegenüber waren drei englische Offiziere einquartiert, die, zwar

blessiert, jedoch entschlossen waren, im Fall des Rückzuges nicht

zurückzubleiben. Einer derselben war ein Kapitain Green, Adjutant des

Generals Phillips, ein sehr schätzbarer und artiger Mann. Alle drei

versicherten mich mit einem Eide, dass sie im Fall eines schleunigen

Rückzuges mich nicht verlassen und ein jeder von ihnen eines meiner

Kinder mit auf sein Pferd nehmen wollte. Für mich stand eines von meines

Mannes Pferden immer gesattelt bereit. Öfters war mein Mann Willens,

mich, um mich der Gefahr zu entziehen, zu den Amerikanern zu schicken;

ich stellte ihm aber vor, dass es noch ärger als alles, was ich jetzt

ausstehen müsste, sein würde, mit Leuten zu sein, denen ich mit Schonung

würde begegnen müssen, während dass mein Mann sich mit ihnen

herumschlüge; er versprach mir also, dass ich ferner der Armee folgen

sollte. Manchmal bekam ich jedoch in der Nacht die Angst, dass er

fortmarschiert wäre, und kroch aus meinem Keller, um zuzusehen; wenn ich

dann die Truppen in den schon kalten Nächten um die Feuer herumliegen

sah, so konnte ich wieder ruhiger schlafen.

Auch die mir anvertrauten Sachen verursachten mir viel Unruhe. Ich hatte

sie alle vorne in meinem Corset stecken, weil mir immer so sehr angst

war, etwas davon zu verlieren, und ich nahm mir fest vor, in Zukunft

mich nicht mehr mit dergleichen zu befassen. Den dritten Tag fand ich

erst Gelegenheit und einen Augenblick, um die Wäsche zu wechseln, da man

die Gefälligkeit hatte, mir einen kleinen Winkel hierzu einzuräumen;

während der Zeit standen meine drei vorerwähnten Offiziere nicht weit

davon Schildwache. Einer dieser Herrn konnte sehr natürlich das Brüllen

einer Kuh und Blöken eines Kalbes nachahmen: und wenn meine kleine

Tochter Fritzchen des Nachts weinte, so machte er es ihr vor, sie ward

wieder stille und wir mussten lachen.

Unser Koch verschaffte uns Essen, aber es fehlte uns an Wasser; und ich

war öfters genötigt, um nur den Durst zu löschen, Wein zu trinken und

auch den Kindern welchen zu geben. Es war auch fast das einzige, was

mein Mann zu sich nahm; welches endlich unsern treuen Jäger Rockel

ängstigte, so dass er mir eines Tages sagte: »Ich befürchte, dass der

General aus Besorgnis, in Gefangenschaft zu geraten, des Lebens

überdrüssig ist, weil er so viel Wein trinkt.« Die beständige Gefahr, in

welcher mein Mann schwebte, setzte mich in ewige Angst. Ich war die

einzige unter allen den Frauen, deren Mann nicht geblieben war oder

sonst ein Unglück gehabt hatte, und sagte mir daher oft: »Sollte ich die

einzige Glückliche sein?« besonders, da mein Mann Tag und Nacht so sehr

der Gefahr ausgesetzt war. Er kam keine Nacht in das Zelt und lag alle

Nächte draussen beim Wachtfeuer. Das alles konnte schon sein Tod sein,

da die Nächte so nasskalt waren.

Da so grosser Mangel an Wasser bei uns war, so fanden wir endlich eine

Soldatenfrau, die den Mut hatte, Wasser vom Flusse zu holen, was keiner

mehr unternehmen wollte, weil der Feind alle Männer, die nach dem Flusse

gingen, auf den Kopf schoss. Dieser Frau thaten sie nichts aus Achtung

vor ihrem Geschlecht, wie sie uns selbst hernachmals sagten.

Ich suchte mich dadurch zu zerstreuen, dass ich mich viel mit unsern

Blessierten beschäftigte. Ich machte ihnen Thee und Kaffee und bekam

dagegen tausend Segenswünsche. Oft teilte ich auch mein Mittagsessen mit

ihnen. Eines Tages kam ein canadischer Offizier in unsern Keller, der

sich kaum noch aufrecht erhalten konnte. Wir kriegten endlich von ihm

heraus, dass er fast Hungers stürbe. Ich fand mich sehr glücklich, ihm

mein Essen anbieten zu können, welches ihn wieder zu Kräften brachte und

mir seine Freundschaft erwarb. Bei unserer nachmaligen Zurückkunft nach

Canada lernte ich seine Familie kennen. Eine unserer grössten

Beschwerden war der Geruch der Wunden, wenn sie anfingen zu eitern.

Einst unternahm ich die Kur eines Majors Plumfield, Adjutanten des

Generals Phillips, dem eine kleine Flintenkugel durch die beiden Backen

gegangen war und ihm die Zähne zerschmettert und die Zunge gestreift

hatte. Er konnte gar nichts im Munde behalten; die Materie erstickte ihn

fast, und er war nicht im Stande, andere Nahrung zu sich zu nehmen als

ein wenig Bouillon oder sonst etwas Flüssiges. Wir hatten Rheinwein. Ich

gab ihm eine Bouteille, in der Hoffnung, dass die Säure des Weines seine

Wunde reinigen würde. Er nahm immer etwas davon in den Mund, und das

allein that so glückliche Wirkung, dass er geheilt wurde, wodurch ich

wieder einen Freund mehr bekam. Und so hatte ich mitten in meinen

Leiden- und Kummerstunden Augenblicke freudigen Genusses, die mich sehr

glücklich machten.

An einem dieser Tage wünschte General Phillips mich zu besuchen und

begleitete meinen Mann, der täglich ein- oder zweimal mit Gefahr seines

Lebens zu mir kam. Er sah unsere Lage und hörte mich meinen Mann

flehentlich bitten, mich im Fall eines schleunigen Rückzuges nicht

zurückzulassen, er redete mir selbst das Wort dabei, wie er meinen

grossen Widerwillen sah, in den Händen der Amerikaner zu sein. Beim

Weggehen sagte er zu meinem Manne: »Nein, um zehntausend Guineen komme

ich nicht wieder hierher, denn mein Herz ist ganz zerrissen.«

Indessen verdienten nicht alle, die bei uns waren, Mitleid. Es waren

auch Feige darunter, die um nichts in dem Keller blieben und nachmals,

als wir in die Gefangenschaft gerieten, sich recht gut in Reihe und

Glied stellen und paradieren konnten. Wir blieben sechs Tage in dieser

schrecklichen Lage. Endlich sprach man von Kapitulieren, da man zu lange

gezaudert hatte und der Rückzug nun abgeschnitten war. Es wurde ein

Waffenstillstand gemacht, und mein Mann, der ganz erschöpft war, konnte

in dem Hause zum erstenmal seit geraumer Zeit sich wieder einmal zu Bett

legen. Damit seine Ruhe gar nicht gestört wurde, hatte ich ihm in einer

kleinen Stube ein gutes Bett machen lassen und legte mich mit meinen

Kindern und meinen beiden Frauen in einem Saal daneben schlafen. Aber

ungefähr um 1 Uhr in der Nacht kam jemand und verlangte ihn zu sprechen.

Mit dem grössten Widerwillen sah ich mich genötigt, ihn aufzuwecken. Ich

bemerkte, dass ihm die Botschaft nicht angenehm war, dass er den Mann

sogleich nach dem Hauptquartier abfertigte und sich dann verdriesslich

wieder niederlegte. Bald darauf liess der General Burgoyne alle andern

Generale und Stabsoffiziere zu einem Kriegsrate, der gleich am frühen

Morgen abgehalten werden sollte, zusammenberufen, in welchem er auf

einen erhaltenen falschen Bericht vorschlug, die Kapitulation zu

brechen, die bereits mit dem Feinde gemacht worden. Es wurde aber

endlich entschieden, dass dieses weder thunlich noch ratsam sei; und

dieses war ein Glück für uns, denn die Amerikaner sagten uns nachher,

dass, wenn wir die Kapitulation gebrochen, wir alle massakriert worden

wären, welches sie desto leichter thun konnten, da wir nicht über 4 bis

5000 Mann stark waren und wir ihnen Zeit gelassen hatten, über 20 000

zusammen zu bringen.

Am 16. Oktober des Morgens musste mein Mann wieder auf seinen Posten und

ich nochmals in meinen Keller.

An diesem Tage wurde unter die Offiziere, welche bis dahin nur gesalzen

Fleisch bekommen, das die Wunden der Blessierten sehr verschlimmerte,

viel frisches Fleisch verteilet. Die gute Frau, welche uns immer Wasser

geholt, machte eine treffliche Suppe davon. Ich hatte allen Appetit

verloren und die ganze Zeit nichts zu mir genommen als eine in Wein

getunkte Brotrinde. Die blessierten Offiziere, meine Unglücksgefährten,

schnitten das beste Stück Rindfleisch ab und präsentierten es mir mit

einem Teller Suppe. Ich sagte ihnen, ich wäre nicht vermögend etwas zu

essen; da sie aber sahen, wie nötig es für mich war, etwas Nahrung zu

mir zu nehmen, so erklärten sie, dass sie selbst nicht einen Bissen

anrühren würden, bis ich ihnen das Vergnügen gemacht hätte, davon zu

nehmen. Ich konnte ihren freundschaftlichen Bitten nicht länger

widerstehen, worauf sie mir versicherten, dass es sie sehr glücklich

mache, mir das erste Gute, was sie gehabt, anbieten zu können.

Den 17. Oktober wurde die Kapitulation vollzogen, Die Generale verfügten

sich zum amerikanischen General en chef Gates, und die Truppen streckten

das Gewehr und ergaben sich zu Kriegsgefangenen. Nun bekam die gute

Frau, welche uns mit Gefahr ihres Lebens Wasser geholt, den Lohn ihrer

Dienste. Jeder warf ihr ganze Hände voll Geld in ihre Schürze, und sie

bekam zusammen über 20 Guineen. In solchen Augenblicken scheint das Herz

für Gefühle der Dankbarkeit empfänglich zu sein.«

Kapitel XV.

Die Braunschweiger in Gefangenschaft.

Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783 · 第 11 / 20 段