Monat in der Umgegend von Fort Edward und hinter der Linie des
Battenkill. Diese Zeit wurde benutzt, um Vorräte anzuhäufen und Boote
vom Lake Champlain nach dem Lake George zu schaffen. Am 13. September
1777 ging die Armee bei Schuylerville über den Hudson und verliess die
rückwärtigen Verbindungslinien um einen kühnen Stoss auf Albany zur
Vereinigung mit Sir William Howe zu machen. 180 Boote begleiteten die
Armee, deren linke Flanke sich an den Hudson anlehnte. Diese Boote
führten für einen Monat Lebensmittel mit sich. »Jetzt fingen wir wieder
an in unserem lieben gesalzenen Pökelfleisch und Brot zu arbeiten,«
schreibt ein deutscher Offizier. »Liebe Freunde, verachtet diese
königlichen Gerichte nicht, die wirklich einen königlichen Preis kosten,
denn der Transport von England ist gewiss nicht billig gewesen.
Pökelfleisch Mittags und Abends. Pökelfleisch warm und kalt. Freunde!
ungeachtet Eurer grünen Erbsen und Krebsschwänze würdet Ihr unser
Pökelfleisch mit Ekel angesehen haben, und doch war es für uns ein
herrliches Gericht, ohne welches wir umgekommen sein würden; und wenn
wir später genug Pökelfleisch gehabt hätten, hätte uns unser Unglück
nicht nach Boston geführt.« Während dessen strömten die Amerikaner,
ermutigt durch ihren Sieg bei Bennington und ihren Erfolg im
Mohawk-Thale, in das Lager von Gates bei Stillwater. Sie hatten keine
Uniformen, waren aber zum grössten Teil gut bewaffnet mit Büchsen und
Jagdgewehren, welche sie von Jugendzeit an fortwährend geführt hatten.
Es wurde Burgoyne am 7. September gemeldet, dass ihrer 14 oder 15000
wären. Da gab es keine andere Wahl als anzugreifen oder den Feldzug
aufzugeben.
Die Armee trat ihren Marsch nach Süden in drei Kolonnen an. Die rechte
war unter Brigade-General Fraser, dem stürmischen Befehlshaber der
leichten Truppen. Das Zentrum wurde von Burgoyne selbst kommandiert, und
die linke, am Hudson, von Riedesel. Die britische Armee konnte nur
langsam vorgehen wegen der wiederherzustellenden Wege und Brücken. Die
Marschleistung betrug durchschnittlich 2 Meilen den Tag. Am Nachmittag
des 19. September wurde Burgoynes mittlere Kolonne bei Freeman's Farm,
nördlich Stillwater energisch angegriffen. Die Engländer besetzten mit
einigen Kanonen ein ausgerodetes Stück Land. Die Amerikaner hatten keine
Artillerie. Das Gefecht dauerte den ganzen Nachmittag, und wurde auf
beiden Seiten mit grosser Tapferkeit geführt. Gegen Einbruch der Nacht
kam Riedesel mit 7 Kompagnien deutscher Infanterie und 2 Kanonen
Burgoyne zu Hilfe, griff die rechte Flanke der Amerikaner an und
überschüttete sie mit Kartätschen. Die Engländer schlossen sich wieder
zusammen und feuerten, und die Amerikaner wurden geworfen, nahmen aber
ihre Verwundeten mit und ungefähr 100 Gefangene. Sie hatten ungefähr 320
Mann verloren, die Briten annähernd zweimal soviel. Die Letzteren
behaupteten zwar das Feld und mögen daher den Sieg beanspruchen, aber
es war ein nutzloser Sieg, den sie nicht im Stande waren auszubeuten. Am
20. fing Burgoyne an seine Stellung zu befestigen. Die Aussicht auf
Erfolg war von nun ab nur durch das Zusammenwirken mit der Armee von
Süden her bedingt -- eine Hilfe, die niemals kam.
Die Deutschen leisteten Burgoyne im Laufe dieses Tages die wichtigsten
Dienste. Breymann mit den Grenadieren und der leichten Infanterie
zeichnete sich früh am Nachmittag aus, indem er einem englischen
Regiment, das im Weichen begriffen war, zu Hilfe kam. Kapitän Pausch von
der Hanauschen Artillerie mit seinen zwei Sechspfündern entschieden die
Schlacht. Breymann und Pausch wurden beide von Burgoyne öffentlich
belobt.
Inzwischen war die Armee ernstlich im Rücken bedroht worden. Oberst
Brown, der unter dem Befehl von General Lincoln operierte, hatte einige
der Aussenwerke von Ticonderoga mit ungefähr 300 Gefangenen genommen,
war aber von dem Haupt-Fort zurückgeworfen worden.
Baronin Riedesel hatte die Armee auf ihrem Marsche begleitet. Sie war
ermutigt worden, sagt sie, als sie General Burgoyne hat sagen hören,
dass Engländer niemals zurückgingen. Jedoch wurde sie misstrauisch, als
sie merkte, dass alle Offiziers-Frauen, die bei der Armee waren, alle
Operations-Pläne kannten, und sie erinnerte sich, dass in der Armee des
Prinzen Ferdinand im 7jährigen Krieg alles sehr geheim gehalten wurde.
Nun aber waren den Amerikanern alle feindlichen Absichten bekannt und
sie erwarteten die Engländer, wohin sie sich auch immer wandten.
Frau von Riedesel war Augenzeugin der Schlacht am 19. September und
zitterte bei jedem Schuss für das Leben ihres Gemahls. Drei verwundete
Offiziere wurden in das Haus gebracht in dem sie wohnte, und einer von
ihnen, der Neffe von Leuten, die in England sehr gütig gegen sie gewesen
waren, starb wenige Tage darauf an den Folgen einer Operation. Die
Baronin konnte seine letzten Seufzer durch die dünne Wand hören.
Der Zustand der Armee wurde bald ein sehr bedenklicher. Die Lebensmittel
wurden knapp, Wein und Kaffee schrecklich teuer. Uniformen und Kleider
zerrissen in den Büschen und durchweichten bei dem Kampieren auf dem
feuchten Boden, und neue konnten um keinen Preis geschafft werden. Das
amerikanische Lager, welches man von 12 000 Mann besetzt glaubte, war so
nahe, dass man die Trommeln und die Rufe der Soldaten deutlich hören
konnte. Der Wald war aber so dicht, dass man es nicht sehen konnte. Die
Engländer hatten eine Schiffbrücke über den Hudson gebaut, und es wurden
Kundschafter hinübergeschickt, die versuchen sollten, das Lager vom
andern Ufer aus einzusehen; dies war aber nicht möglich gewesen.
Ein von Sir Henry Clinton in Geheimschrift geschriebener Brief, der vom
10. September datiert war, langte am 21. an. Clinton kündigte seine
Absicht an, in 10 Tagen Fort Montgomery am Hudson anzugreifen. Burgoyne
sandte den Boten sofort zurück mit einem Briefe, der in eine silberne
Kugel eingeschlossen war, welche Sir Henry direkt eingehändigt werden
sollte. Dieser Brief sollte Clinton zur Eile antreiben und ihn
veranlassen, eine Diversion zu Gunsten Burgoynes herbeizuführen. Der
Bote nahm seinen Weg durch das feindliche Land nach Fort Montgomery,
aber hier scheint ihn seine Geistesgegenwart verlassen zu haben. Er soll
nämlich amerikanische Truppen für englische gehalten, nach General
Clinton gefragt und nicht eher seinen Irrtum gemerkt haben, als bis er
-- nicht vor Sir Henry, sondern vor den amerikanischen General geführt
wurde. Darauf schluckte der Unglückliche die Kugel hinunter, doch wurde
ihm ein Brechmittel verordnet, die Depesche wurde gefunden und der Bote
als Spion gehängt.
Am 6. Oktober wurden die Forts Clinton und Montgomery von Sir Henry
Clinton gestürmt. Ein Anspachisches Regiment, ein Hessisches und 2
Kompagnien hessischer Jäger, welche letztere erst vor kurzem von Europa
angekommen waren, hatten an dieser Waffenthat teil genommen. Der Hudson
stand nun den Briten vollkommen offen. Dies würde der richtige Moment
gewesen sein, um zu Burgoynes Unterstützung einen Vorstoss zu machen,
aber Sir William Howe hatte den grösseren Teil seiner Armee nach
Philadelphia dirigiert und nur ein kleines Korps unter General Vaughan
kam sengend und plündernd den Hudson hinauf.
Burgoynes Situation wurde mit jedem Tage kritischer. Am 4. Oktober wurde
die Ration der Soldaten um 1/3 heruntergesetzt. Desertionen waren
häufiger vorgekommen trotz strenger Strafe; selbst die Todesstrafe
verhinderte sie nicht. Kleinere Scharmützel kamen häufiger vor. Das
Wetter war furchtbar heiss und die Armee verging vor Unthätigkeit.
An dem Tage, an welchem die Leute auf kleinere Ration gesetzt worden
waren, berief General Burgoyne einen Kriegsrat. Die Generale Phillips,
Riedesel und Fraser waren zugegen. Burgoyne schlug ihnen vor, die Gegend
am Fluss zu verlassen und zu versuchen, die amerikanische linke Flanke
zu umgehen. 800 Mann sollten zum Schutz der Boote und Vorräte
zurückgelassen werden. Der Rest der Armee sollte sich an der
Unternehmung beteiligen. Man entgegnete aber, dass die Strassen und
Stellungen der Amerikaner nicht bekannt wären, dass drei oder vier Tage
nötig sein würden, um die amerikanische Flanke zu umgehen, und dass
während dieser ganzen Zeit die Vorräte unter einer schwachen Bedeckung
zurückgelassen werden müssten. Man kam zu keinem bestimmten Entschluss
am 4., es wurde daher für den Abend des 5. ein zweiter Kriegsrat
befohlen. In diesem erklärte Riedesel, dass die Lage der Armee von einer
Beschaffenheit wäre, dass, wenn sie nicht in einem Tage den Feind
erreichen, ihn angreifen und die Sache zur Entscheidung bringen könnte,
es dienlicher wäre, sich wieder über den Hudson hinter den Battenkill
zurückzuziehen, um dort die Annäherung Clintons zu erwarten. Dort könnte
die Armee nicht von Fort George abgeschnitten werden. Fraser stimmte
Riedesel bei. Phillips wollte keine bestimmte Meinung aussprechen, und
Burgoyne dem es zu hart ankam, eine rückwärtige Bewegung zu machen,
erklärte, er wollte am 7. eine Rekognoszierung vornehmen, und, wenn sich
bei dieser zeigte, dass der Feind nicht mit Erfolg angegriffen werden
könnte, den Rückzug antreten.
Am 6. Oktober 1777 wurde für 4 Tage Verpflegung ausgegeben, und am 7. um
10 Uhr morgens rückten 1500 Mann, unter denen 500 Deutsche waren, mit 8
Bronze-Kanonen und 2 Haubitzen zur Rekognoszierung aus dem Lager. Die
vier Generale beteiligten sich daran, die Expedition war aus allen
Teilen der Armee zusammengesetzt. Sie gingen bis auf eine Anhöhe
ungefähr 3/4 Meilen von dem amerikanischen linken Flügel entfernt vor --
nach Riedesel eine sehr schlechte Stellung, wo man nichts vom Feinde
sehen konnte. Brigade-General Fraser kommandierte den rechten Flügel,
die deutschen Detachements waren im Zentrum, Major Ackland mit den
englischen Grenadieren auf dem linken Flügel. Es wurde beschlossen, den
Angriff abzuwarten, und Brigade-General Fraser unternahm es, die Fourage
von zwei Scheunen wegtransportieren zu lassen. Kleine feindliche
Detachements erschienen von Zeit zu Zeit, und man ergötzte sich daran,
Kanonen auf sie abzufeuern, bis plötzlich ein heftiges Musketenfeuer auf
dem linken Flügel gehört wurde, und unmittelbar darauf Acklands
Grenadiere zurückgelaufen kamen, indem sie ihren Führer verwundet
zurückliessen.
Der deutsche linke Flügel wurde auf diese Weise entblöst und in
Unordnung zurückgeworfen, die hessischen Kanonen in Gefahr gebracht.
Diese blieben noch einige Zeit in Thätigkeit, wurden aber schliesslich
genommen. Der britische rechte Flügel scheint länger als der linke und
der übrige Teil der Linie ausgehalten zu haben, aber nach einiger Zeit
wurde General Fraser tötlich verwundet und seine Leute zurückgedrängt,
hielt sich jedoch in besserer Ordnung als der linke Flügel. Auch die
Deutschen gingen in ziemlicher Auflösung zurück unter Zurücklassung
aller zur Rekognoszierung mitgenommenen Kanonen.
Die zurückgehenden Abteilungen warfen sich in eine Redoute und
behaupteten ihre Stellungen bis zum Ende des Nachmittags trotz der
wiederholten und verzweifelten Angriffe der Amerikaner.
Oberstlieutenant Breymann hielt sich in einer kleinen Redoute auf dem
äussersten rechten Flügel der diesseitigen Stellung. Sein Korps war
durch die bei Bennington und am 19. September erlittenen Verluste auf
ungefähr 500 Mann zusammengeschmolzen; 300 von diesen hatten an der
Rekognoszierung teilgenommen und waren nun mit den übrigen in die grosse
Redoute auf dem rechten Flügel zurückgeworfen. Der Teil der britischen
Linie, welcher Breymanns Redoute mit der Hauptstellung verband, war frei
von Besatzung. Die Amerikaner nahmen ihren Weg durch diese Lücke in der
Linie, Breymann und seine 200 Mann wurden in Rücken und Flanke
angegriffen, der Oberstlieutenant totgeschossen und die Leute entweder
durch die Flucht gerettet oder gefangen genommen.
Als die Nachricht hiervon zum Hauptkorps drang, murrten einige Engländer
über die Haltung ihrer deutschen Bundesgenossen. Aufgebracht hierüber,
sammelte Oberstlieutenant von Specht 4 Offiziere und ungefähr 50 Mann um
sich, brach mit diesen auf durch den dunkeln Wald, um Breymanns Redoute
wiederzunehmen. Er verlor den Weg und wurde durch einen verräterischen
Führer in die Hände der Amerikaner geliefert.
Die Amerikaner fochten an diesem Tage mit grosser Tapferkeit und hatten
den Vorteil der Überlegenheit an Zahl, aber waren ohne einen
hinlänglichen Führer. Weder Gates noch Lincoln erschienen auf dem Felde.
Benedict Arnold, welcher kein besonderes Kommando hatte, focht mit
seinem gewöhnlichen, keine Gefahr achtenden Mut, aber er hatte nicht das
Talent eines Strategen. Er wurde bei der Einnahme von Breymanns Redoute
schwer verwundet; es wäre ein Glück für ihn gewesen, wenn seine Wunde
tötlich gewesen wäre.
Es blieb Burgoynes Armee nichts anderes übrig, als sich zurückzuziehen.
Einige Eile würde vielleicht ihr Entkommen gesichert haben, aber überall
war Unordnung und Langsamkeit. Früh am Morgen des 8. Oktober 1777 wurden
die Briten und Deutschen auf den Höhen, von denen man den Hudson
übersieht, gesammelt. Hier wurde am Abend desselben Tages General Fraser
beerdigt, an einer Stelle, welche er sich selbst als Ruheort ausgewählt
hatte. Er war schwer verwundet in das Haus, welches Baronin Riedesel
inne hatte, gebracht; er hatte mit ihrem Gemahl zusammen am
siebenjährigen Kriege teilgenommen. Die Baronin hatte die Absicht, am 7.
ein kleines Diner zu geben. »Der General Fraser,« sagt sie, »und ich
glaube, auch die Generale Burgoyne und Phillips sollten denselben Tag
bei mir zu Mittag essen. Ich sah viel Bewegung unter den Truppen. Mein
Mann sagte mir, es sollte eine Rekognoszierung gemacht werden, welches
mir nicht auffiel, weil dieses öfters geschehen. Auf meinem Rückweg nach
Hause begegneten mir viele Wilde in ihrer Kriegskleidung und mit
Flinten. Auf meine Frage, wo sie hingingen, riefen sie mir zu: »War!
War!« das hiess, dass sie zur Schlacht gingen, welches mich ganz zu
Boden schlug, und kaum war ich zurückgekommen, so hörte ich auch
plänkeln, und nach und nach immer stärker feuern, bis endlich das Lärmen
gar arg wurde. Es war eine erschreckliche Kanonade, und ich war mehr tot
als lebendig. Gegen 3 Uhr nachmittags, anstatt dass meine Gäste hätten
sollen zu mir zum Essen kommen, brachte man mir auf einer Trage den
armen General Fraser, einen der erwarteten Mittagsgäste, tötlich
verwundet. Unser Esstisch, der schon gedeckt war, wurde weggenommen, und
man setzte an dessen Stelle ein Bett für den General. Ich sass in einer
Ecke der Stube, zitternd und bebend. Der Lärm wurde immer stärker. Der
Gedanke, dass man mir meinen Mann so bringen könnte, war mir entsetzlich
und quälte mich unaufhörlich. Der General sagte dem Wundarzt:
»Verschweigen Sie mir nichts! Muss ich sterben?...« Ich hörte ihn oft
seufzend ausrufen: »Oh bad ambition! poor General Burgoyne! poor
Mistress Fraser!««
Der General kämpfte die Nacht hindurch mit dem Tode und starb am
folgenden Morgen. Das Haus war derartig überfüllt, dass die Baronin ihre
Kinder auf den Hausflur bringen musste, damit sie durch ihr etwaiges
Schreien dem sterbenden Manne nicht beschwerlich fallen möchten. Sein
Leichnam lag den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Als sein Stab und die
Generäle sich um sein Grab versammelt hatten, schossen die Amerikaner,
die hiervon nichts ahnten, auf die Trauer-Versammlung. So wurde, unter
dem Feuer der feindlichen Kanonen als Trauersalut, der tapfere Führer
der leichten Truppen zur letzten Ruhe gebettet.
Um 10 Uhr abends des 8. brach die Armee nach Norden auf. Riedesel
kommandierte die Tête der Kolonne. Das Lazareth mit seinen 800 Insassen
wurde zurückgelassen. Die Boote mit dem, was an Vorräten noch übrig war,
nahmen ihren Weg langsam stromaufwärts. Die Wachtfeuer liess man
brennen, um die amerikanischen Feldwachen zu täuschen.
[Illustration: BURGOYNE'S ÜBERGABE.
October 1777.]
General Burgoynes Armee legte nur eine kurze Strecke in jener Nacht
zurück und hielt dann bis zum folgenden Nachmittag. Am Abend des 9.
besetzten die Briten das Dorf Saratoga. Während der Nacht durchwateten
sie den Fishkill und lagerten auf der Höhe in dem Winkel zwischen
diesem Fluss und dem Hudson. So hatte vom Abend des 7. bis zum Morgen
des 10. Burgoyne, für welchen Zeitgewinn von allergrösster Wichtigkeit
war, nur etwas mehr als 8 Meilen sich zurückgezogen.
Kapitel XIV.
Saratoga, vom 11. bis 16. Oktober 1777.
In dem Lager nördlich des Fishkill machte Burgoyne Halt und nahm seinen
Marsch von hier aus nicht wieder auf. Oberstleutnant Southerland war
vorgeschickt worden, um eine Brücke über den Hudson bei Fort Edward zu
bauen, wurde aber sofort wieder zurückberufen. Bei Tagesanbruch am 11.
machte eine amerikanische Brigade einen Vorstoss über den Fishkill, nahm
sämtliche Boote und viele Vorräte, machte einige Gefangene und zog sich
vor einem heftigen Kartätschfeuer zurück. Den ganzen Tag lang wurde die
englische Armee in Front und Rücken mit Kanonen beschossen.
Am Abend beschied General Burgoyne die Generäle Riedesel und Phillips zu
sich, um sich mit ihnen über das Wohl und Wehe der Armee zu
beratschlagen. Burgoyne selbst hielt es für unmöglich, den Feind
anzugreifen oder die eigene Stellung zu halten, wenn er im Zentrum und
auf dem rechten Flügel angegriffen werden würde. General Riedesel machte
deshalb den Vorschlag, in der Nacht unter Zurücklassung der Bagage
abzuziehen, den Hudson 4 Meilen unterhalb Fort Edward zu durchwaten und
durch die Wälder nach Fort George zu gelangen zu suchen. Es wurde aber
keine Entscheidung getroffen.
Ein anderer Kriegsrat wurde unter Hinzuziehung von zwei
Brigade-Generälen am folgenden Nachmittag gehalten. General Riedesel
bestand auf seinem Plan vom Tage vorher »sehr emphatisch und mit
eindringlichen Worten«, und man stimmte dem Plan bei. Aber es war
vergessen worden, Verpflegung an die Truppen auszugeben, und so wurde
der Abmarsch auf abends spät verschoben. Um 10 Uhr liess Riedesel
Burgoyne sagen, dass alles zum Abmarsch bereit sei, aber er erhielt zur
Antwort, dass es bereits zu spät sei, um noch irgend etwas zu
unternehmen. So wurde die letzte Chance preisgegeben, denn am andern
Morgen war die Armee vollkommen umzingelt.
Am 13. Oktober wurde ein dritter Kriegsrat, dem auch die
Regiments-Kommandeure beiwohnten, zusammenberufen. General Burgoyne
setzte die Hoffnungslosigkeit der Situation auseinander. Nur noch für
fünf Tage wären Vorräte vorhanden. Das ganze britische Lager könnte von
den feindlichen Kartätschen und Flintenkugeln erreicht werden. Gates
Armee hätte hinter einem morastigen Hohlweg Stellung genommen, und zwar
so, dass, wenn Burgoyne angreifen wollte, er sich so weit vom Hudson
entfernen müsste, dass die Amerikaner den Fluss überschreiten und ihn im
Rücken angreifen würden. Selbst wenn man den Feind erfolgreich
angegriffen und durchbrochen haben würde, so wären doch nicht
Lebensmittel genug vorhanden, um nach Fort George zu gelangen. Die
Stellung, welche die Armee nunmehr einnähme, wäre im Zentrum und auf dem
rechten Flügel unhaltbar. (Dies war die Terrainstrecke, welche
hauptsächlich von den Deutschen besetzt war.)
Burgoyne erklärte, dass niemand anders als er selbst für die Lage, in
der sich die Armee gegenwärtig befände, verantwortlich gemacht werden
könnte, da er niemand um Rat gefragt, sondern nur Befolgung seiner
Befehle gefordert habe. Riedesel dankte Burgoyne für diese Erklärung, da
hierdurch jedermann überführt würde, dass er keinen Anteil an der
Leitung der von der Armee ausgeführten Bewegungen gehabt hätte, und bat
daher alle englischen Offiziere, ihm dieses zu bezeugen, wenn er jemals
zur Verantwortung gezogen werden sollte.
Hierauf legte Burgoyne dem Kriegsrat folgende Fragen vor:
1. Ob in der Kriegsgeschichte Beispiele wären, dass eine Armee in dieser
Lage kapituliert hätte.
2. Ob in einer solchen Lage eine Kapitulation entehrend sei.
3. Ob die Armee wirklich in der Lage sei, kapitulieren zu müssen.
Auf die erste Frage antworteten alle, dass die Lage der sächsischen
Armee bei Pirna, des Generals Fink bei Maxen und des Prinzen Moritz von
Sachsen nicht so schlimm und hülflos gewesen wäre, als die, worin sich
gegenwärtig die Armee befände; und dass niemand die Generäle hätte
tadeln können, die, um ihre Armeen zu retten, in solcher Lage
kapituliert hätten; ausser, dass der König von Preussen den General v.
Fink, jedoch hauptsächlich aus persönlicher Ungnade, kassiert hätte.
Auf die zweite Frage antworteten alle, dass aus den eben angeführten
Gründen die Kapitulation nicht entehrend sein könne. Und auf die dritte
Frage stimmten alle darin überein, dass, wenn der General Burgoyne die
Möglichkeit sähe, den Feind anzugreifen, sie bereit wären, ihr Blut und
Leben aufzuopfern; wenn dies aber nicht thunlich sei, so hielten sie es
für besser, durch eine ehrenvolle Kapitulation dem Könige die Truppen zu
retten, als durch ein noch längeres »Anstehen« Gefahr zu laufen, wenn
alle Lebensmittel aufgezehrt wären, sich auf Diskretion ergeben zu
müssen; oder aber, bei einem Angriff in dieser fehlerhaften Position
gesprengt und dann einzeln aufgerieben zu werden.
Nach dieser Erklärung setzte General Burgoyne den Entwurf zu einer
Kapitulation auf, welcher vorteilhaft schien und daher einmütig
gebilligt wurde. Hierauf wurde ein Tambour ins feindliche Lager
geschickt um anzuzeigen, dass man am andern Tag einen Stabsoffizier
hinüberschicken wolle, um mit General Gates Sachen von Wichtigkeit zu
verhandeln, und während dieser Zeit um Waffenstillstand zu bitten. Dies
wurde von General Gates bewilligt.
Am 14. vormittags 10 Uhr wurde der Major Kingston in das amerikanische
Lager hinübergeschickt, um die Vorschläge Burgoynes zu überbringen,
welche in der Hauptsache darin bestanden, dass seine Armee sich zu
Kriegsgefangenen, jedoch nur unter der Bedingung ergeben wolle, dass sie
nach Boston geführt und von da nach England eingeschifft werden sollte,
nachdem sie sich verpflichtet haben würde, in diesem Kriege, oder bis zu
ihrer Auswechselung, nicht gegen die Amerikaner zu dienen.
General Gates nahm aber diese Vorschläge nicht an, sondern setzte einen
andern Kapitulations-Entwurf in 6 Artikeln auf, welcher besagte, dass,
»da General Burgoynes Armee durch wiederholte Niederlagen, Desertion,
Krankheit etc. zusammengeschmolzen sei, die Vorräte erschöpft, die
Dienstpferde, Bagage, Zelte genommen oder zerstört seien, ihre
Rückzugslinien verlegt und ihr Lager umgezingelt sei, sie sich
kriegsgefangen ergeben sollte.«
Der sechste Artikel besagte, dass »sobald dieser Vertrag gebilligt und
unterzeichnet sei, die Truppen unter dem Befehl Seiner Exzellenz des
Generals von Burgoyne in den Retranchements, in denen sie jetzt stünden,
das Gewehr strecken und sodann nach dem Orte ihrer weiteren Bestimmung
marschieren sollten.«
General Burgoyne liess den Kriegsrat zusammenrufen und las diese
Propositionen des General Gates vor. Die Offiziere erklärten alle
einmütig, dass sie lieber Hungers sterben, als solche entehrenden
Artikel eingehen wollten. Major Kingston wurde wieder zu General Gates
zurückgeschickt, um ihm sagen zu lassen, dass, wenn er nicht von dem 6.
Artikel ablassen würde, die Verhandlungen sofort abgebrochen würden; die
Armee würde eher wie ein Mann einen Verzweiflungs-Coup ausführen, als
sich diesem Artikel unterwerfen. Der Waffenstillstand wurde hierauf
aufgehoben.
Zu aller Erstaunen langten am folgenden Morgen (15. Oktober 1777) neue
Vorschläge von General Gates an, worin er alle von Burgoyne
vorgeschlagenen Artikel der Hauptsache nach billigte; es wurde nur noch
ausgemacht, dass die Armee schon an demselben Tage nachmittags um 2 Uhr
aus ihrer Position abmarschieren sollte.