Am 23. Juni wohnte General Riedesel einer feierlichen Versammlung bei in

der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem

Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle

höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr

300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit

Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte,

den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff

der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. -- Nachdem Reden gehalten und

verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den

englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen

angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände,

und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von

Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden

Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht

ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit

Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der

Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.

Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner

als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem

umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen,

und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter

Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze

Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der

Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist

nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause.

Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« --

Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake

Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der

Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese

vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das

doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen

englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter

Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt

waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober

1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem

westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11.

und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die

Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der

Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote

zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur

fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis

zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und

die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem

Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer

Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht.

Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch

ein anderes Boot gerettet. --

Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne

Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga

vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so

nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er

dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada

genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde,

doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu

hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere

Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich

nach der Nordspitze des Sees zurück.

Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den

Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre.

Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die

Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu

lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt

hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten

empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den

Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war

und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten

waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe

hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.

Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen

und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute

waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln

gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam,

waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.

Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde

von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es

erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass

die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte

sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des

Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut

liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec

und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31.

Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale

gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und

Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde

geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich

Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König

Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden

hatten.

Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières

jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu

erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20.

Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp

gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in

Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast

abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war

ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde

des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten.

»Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize

durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R--e, in ihrem schäbigen

baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer

natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen

wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und

italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder

zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind,

und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise,

mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni

1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger

eröffnete.

Kapitel XI.

Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.

Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu

vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von

denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein

Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in

jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren

wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur

See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den

Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch

und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger

als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht

verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem

Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf

meiner Reise aufrecht erhalten.«

Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14.

Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man

mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr

unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt,

teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der

vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie

gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten

aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr

in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich

aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung

durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den

Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte,

fragte ich was es sei? -- Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen.

Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man

vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille

hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess

Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem

Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo

ich nur ein Bett fand.

Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossen Kamin machen; unser

ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer

Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht

und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller

Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es

Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr

sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in

der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte

natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl

gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein,

und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des

Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf

den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns

befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch

ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen

machten.«

Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent

vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer

Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich

von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der

Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie

sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er

eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab,

dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu

übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock

eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In

ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer

ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich

den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm

empfohlen so gut zu bewirten (denn ich hatte es für unschicklich

gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es

ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts

in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu

begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es

ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine

Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen

sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht

glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür

hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt,

nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich

geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere

anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese

hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte

ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen

befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere

mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«

Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen

Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann,

der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an

England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber

wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«,

schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man

hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen

sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim

Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir

einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu

sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen

war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier

(Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass

man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte

mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen

dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen

hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«

»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf

englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken

würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women!

pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den

Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es

deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss

sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch,

und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England

von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich

nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu

sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit

ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen

aus.«

Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt:

»Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie

sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat,

erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten

Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren

Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt,

zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um

nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn

einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte

ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem

Besatz von grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu

Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy

spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf

mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh

so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den

Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder.

Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam,

so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«

Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr

gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte,

und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in

Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin

den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich

mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war

angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom

mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London

zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den

folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein

ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von

welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu

gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte.

Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine

präsentierte mich. -- Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss

sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten

sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3

Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin

links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende

des Saals begegnen sie sich, machen sich eine grosse Reverenz, und

gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich

frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich

gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die

Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als

stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich

heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde

darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich

sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22.

November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm

erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die

Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass,

da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so

beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses

versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist.

Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging

weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den

Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die

auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange

in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«,

erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England

bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja;

dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie

sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie

garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander

Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.«

»Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke

Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«

»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schon mehr von mir gehört

hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach

der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war.

Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«

»Ich ging nachher, da ich so gut aufgenommen worden, noch mehreremale

hin. Als ich vor meiner Abreise nach Portsmouth, im Frühjahr, zu meiner

Einschiffung von der Königin Abschied nahm, fragte sie mich nochmals, ob

ich mich nicht vor einer solchen schrecklichen Reise fürchtete; und als

ich ihr antwortete, dass, da mein Mann wünschte, dass ich ihm folge, ich

es mit Mut und Vergnügen thäte, weil ich glaubte, meine Pflicht zu

erfüllen und versichert wäre, dass sie an meinem Platz das nämliche thun

würde; so sagte sie mir: »Ja, wie man mir aber schreibt, so thun Sie die

Reise ohne Vorwissen ihres Mannes.« Ich erwiederte: »Da sie eine

deutsche Prinzessin wäre, so würde sie wohl wissen, dass ich ohne den

Willen meines Mannes dieses nicht hätte unternehmen können, weil mir das

Geld dazu gefehlt haben würde.« »Sie haben Recht«, sagte sie, »ich

billige Ihren Entschluss und wünsche Ihnen alles nur ersinnliche Glück.

Wie ist der Name ihres Schiffes? Ich werde mich oft nach Ihnen

erkundigen, und bei Ihrer Zurückkunft, hoffe ich, werden Sie mich

besuchen.« -- Sie hat Wort gehalten und sich oft nach mir erkundigt und

mich oft grüssen lassen.« --

Baronin Riedesel schiffte sich am 15. April 1777 an Bord eines

Kauffarteischiffes ein, welches in Gemeinschaft mit einer Flotte von 30

Transportschiffen durch zwei Kriegsschiffe begleitet wurde. Sie kam nach

einer ereignislosen Reise am 11. Juni in Quebec an. Nach einem Aufenthalt

von nur einem halben Tage in Quebec reiste die unermüdliche Frau mit

ihren drei kleinen Kindern auf schlechten Wegen und stürmischen Flüssen

nach Chambly, wo sie schliesslich am 14. Juni ihren Gemahl fand. Sie

konnten nur zwei glückliche Tage mit einander zubringen, weil die Armee

im Vormarsch war, und die Baronin war genötigt nach Trois-Rivières

zurückzukehren. Am 14. August traf sie indessen wieder bei der Armee ein,

deren darauffolgendes Schicksal sie teilte. Ich will nur noch eins von

ihren Abenteuern anführen, bevor ich zur Betrachtung der militärischen

Operationen des braunschweigischen Kontingents zurückkehre:

Die Baronin war von Trois-Rivières aufgebrochen, um sich mit ihrem Manne

in Fort Edward am Hudson zu vereinigen. Die Gesellschaft reiste in 2

Booten, von denen das eine mit dem Gepäck beladen war. Sie schreibt:

»Die Nacht überfiel uns, und wir sahen uns genötigt, auf einer Insel zu

landen. Das andere Fahrzeug, da es mehr beladen und nicht so gut bemannt

war, hatte uns nicht folgen können; wir hatten daher weder Betten noch

Licht, und was das Schlimmste war, nichts mehr zu essen; denn wir hatten

weiter nichts auf unser Schiff mitgenommen, als was wir den Tag über zu

gebrauchen dachten; wir fanden auf dieser Insel weiter nichts als die

vier kahlen Wände eines verlassenen und nicht einmal ausgebauten Hauses,

welches voller Gesträuche lag, das uns zum Nachtlager diente. Ich

bedeckte es mit unsern Mänteln und nahm die Kissen von der Barke zu

Hilfe, so dass wir recht gut schliefen.

Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783 · 第 8 / 20 段