der früheren Jesuitenkirche in Montreal von General Carleton, dem
Gouverneur von Canada und den Häuptlingen der fünf Nationen. Alle
höheren Offiziere der Armee waren dazu eingeladen worden und ungefähr
300 Indianer waren anwesend. Die europäischen Offiziere waren mit
Stühlen auf dem Chor der Kirche versehen, der Gouverneur in der Mitte,
den Hut auf dem Kopfe. Die Indianer sassen auf Bänken im Mittelschiff
der Kirche und rauchten ihre Pfeifen. -- Nachdem Reden gehalten und
verdolmetscht waren, wurden die Dienste der Indianer durch den
englischen General angenommen, und es wurden ihnen Stellungen
angewiesen. Die Indianer reichten den europäischen Offizieren die Hände,
und den Generalen Carleton, Burgoyne und Phillips wurden Skalpe von
Rebellen geschenkt. Was die englischen Herren mit diesen reizenden
Geschenken ihrer menschenfreundlichen Bundesgenossen thaten, ist nicht
ersichtlich. Bei einer späteren Zusammenkunft, die General Carleton mit
Indianern mehr von Westen her abhielt, erschien einer von diesen in der
Uniform des General Braddock, welchen er getötet zu haben behauptete.
Von Montreal sagt Riedesel: »Diese Stadt ist in der That etwas feiner
als Quebec und hat ungefähr 1600 Häuser. Sie ist von nichts anderem
umgeben als einer Mauer mit Schiessscharten für Kanonen und Musketen,
und was man Citadelle nennt ist ein Blockhaus in sehr schlechter
Verfassung. Diese Werke waren im Jahre 1736 angefangen worden. Die ganze
Insel Montreal, gleichwie auch die Stadt gehören dem Seminar.... In der
Nähe dieses Seminars ist der beste Garten von ganz Canada, aber er ist
nicht besser angelegt, als der von einer Privatperson bei uns zu Hause.
Sie haben die meisten Arten der europäischen Pflanzen hier.« --
Schliesslich war am 9. September der Transport fertig, um auf dem Lake
Champlain vorzudringen. Es war indessen notwendig, wegen der
Kriegsfahrzeuge noch einen Monat länger zu warten. Sobald diese
vollzählig waren, übertrafen sie die der Amerikaner um mehr als das
doppelte, sowohl an Zahl als an Gewicht. Sie waren mit aufgegriffenen
englischen Seeleuten bemannt, während die Schaluppen und Gondolas unter
Benedict Arnold meistens von Nicht-Seeleuten bemannt und befehligt
waren. Das Resultat war vorauszusehen. Arnold wählte am 10. Oktober
1776 eine unvorteilhafte Stellung zwischen Valcour Island und dem
westlichen Ufer des Sees. Hier bestand er einen ungleichen Kampf am 11.
und von da entwischte er in der folgenden Nacht, verwegen durch die
Linie der britischen Flotte hindurchschlüpfend. Am 13. wurde er in der
Nähe der Insel der vier Winde von Carleton eingeholt. Einige der Boote
zertrümmerten, andere wurden auf den Strand gesetzt und verbrannt; nur
fünf entkamen. Arnold und sein Haufe bewiesen die grösste Tapferkeit bis
zu Ende; aber Tapferkeit allein konnte den Mangel an Seetüchtigkeit und
die Minderzahl nicht ausgleichen. Einige von den Deutschen nahmen an dem
Seegefecht vom 11. teil, und eins der Schiffe, auf dem die Hanauer
Artillerie war, wurde durch das amerikanische Feuer zum Sinken gebracht.
Die Soldaten und Seeleute, welche es bemannten, wurden indessen durch
ein anderes Boot gerettet. --
Unmittelbar nach diesem Seekampf besetzte Carleton Crown Point ohne
Gegenwehr. Streifparteien wurden bis in die Nähe von Ticonderoga
vorgetrieben. Riedesel war am 22. oder 23. Oktober dieser Festung so
nahe, dass er sie von einem Hügel aus vollkommen sehen konnte. Er
dachte, sie könnte wohl leicht von der britischen Armee in Canada
genommen werden, wenn die ganze Armee in Bewegung gesetzt werden würde,
doch er rechnete die Stärke der eigentlichen Besatzung entschieden zu
hoch. Sir Guy Carleton hielt es für zu spät, in diesem Herbst weitere
Eroberungen zu unternehmen. Selbst Crown Point verliess er und zog sich
nach der Nordspitze des Sees zurück.
Die Truppen wurden in Winterquartiere gelegt, die Deutschen den
Riechelieu-Fluss entlang und in die Umgebung des Sees St. Pierre.
Riedesels Hauptquartier war in Trois-Rivières. Man bemühte sich, die
Anwesenheit der Soldaten nicht zu schwer auf den Einwohnern lasten zu
lassen, abgesehen von denen, die Sympathien mit den Rebellen gezeigt
hatten. Eine strenge Disziplin wurde aufrecht erhalten. Die Soldaten
empfingen ihre Verpflegung und fällten sich ihr Holz zum Feuern in den
Wäldern. Die Arbeit des Tragens des Holzes, sobald es gefällt worden war
und des Kochens scheint den Einwohnern obgelegen zu haben. Die Soldaten
waren versehen mit langen Hosen von dickem Tuch, die bis hoch zum Leibe
hinauf reichten, und mit warmen Fausthandschuhen und Kapuzen.
Die zweite Braunschweigische Division war im September nach einer langen
und stürmischen Ueberfahrt in Canada angelangt. Offiziere und Leute
waren schliesslich auf halbe Ration von verdorbenen Lebensmitteln
gesetzt worden. Als die Division von ungefähr 2000 Mann in Quebec ankam,
waren 19 Mann gestorben und 131 krank an Scorbut.
Der lange Canadische Winter brach unmittelbar darauf herein. Er wurde
von Riedesel zur Ausbildung der Truppen verwendet wenn das Wetter es
erlaubte, besonders zur Ausbildung im Schiessen. Er hatte bemerkt, dass
die Amerikaner bessere Schützen als die Deutschen waren, und er bemühte
sich eifrig, diesem Mangel bei seinen Soldaten abzuhelfen. Im Laufe des
Winters reiste er über 1800 Meilen im Schlitten, um die zerstreut
liegenden Detachements zu besichtigen, und um General Carleton in Quebec
und Montreal seine Aufwartung zu machen. An ersterem Orte war er am 31.
Dezember 1776, als ein feierlicher Gottesdienst in der Kathedrale
gehalten wurde zum Andenken an die Befreiung der Stadt von Arnold und
Montgomery an diesem Tag des vergangenen Jahres. Die Feierlichkeit wurde
geleitet von dem Bischof, und 8 unglückliche Canadier mussten öffentlich
Busse thun, mit Stricken um den Hals, und Gott, die Kirche und König
Georg um Verzeihung bitten dafür, dass sie den Amerikanern beigestanden
hatten.
Während des zweiten Teils des Winters gab Riedesel in Trois-Rivières
jede Woche einen Ball, teils um sich die Zuneigung der Einwohner zu
erwerben, teils um seine Offiziere von Thorheiten abzuhalten. Der 20.
Januar, der Geburtstag der Königin von England, wurde mit grossem Pomp
gefeiert. 40 Gäste waren zum Diner geladen. Gesundheiten wurden in
Champagner ausgebracht, und eine kleine Kanone wurde nach jedem Toast
abgefeuert wie im ersten Akte von »Hamlet«. Am Nachmittag und Abend war
ein Ball, zu welchem nicht weniger als 37 Damen erschienen. Diesen wurde
des Abends ein Souper serviert, wobei ihnen die Herrn aufwarteten.
»Demoiselle de Tonnencour«, schreibt ein Augenzeuge, »erhöhte ihre Reize
durch ihre Juwelen, aber die arme Demoiselle R--e, in ihrem schäbigen
baumwollenen Kleid, wurde vor vielen von uns vorgezogen wegen ihrer
natürlichen und angenehmen Art und ihrer schönen Stimme. Sie müssen
wissen, lieber Herr, dass die kanadischen Schönen französische und
italienische Lieder an der Tafel singen, und dass bereits mehrere Lieder
zu Ehren von General Riedesel geschrieben und komponiert worden sind,
und dass diese oft in Trois-Rivières gesungen werden«. Auf diese Weise,
mit Dienst und Vergnügen, gingen die Monate dahin bis zu Anfang Juni
1777, wo sich eine ereignisreiche Campagne für die Braunschweiger
eröffnete.
Kapitel XI.
Baronin Riedesels Reise 1776 und 1777.
Die Baronin von Riedesel war aufgebrochen, um sich mit ihrem Gemahl zu
vereinigen und hatte ihre drei kleinen Töchter mit sich genommen, von
denen die Älteste erst 4 Jahre und 9 Monate alt war und die Jüngste ein
Säugling von 10 Wochen. Die Reise von Deutschland nach Kanada war in
jenen Tagen keine leichte Sache, sie war weder frei von unberechenbaren
wie wirklichen Gefahren. »Man stellte mir nicht allein die Gefahren zur
See vor, sondern sagte mir auch, dass wir besorgen müssten von den
Wilden gefressen zu werden; dass man sich in Amerika mit Pferdefleisch
und Katzen ernährte; und doch schreckte mich alles dieses noch weniger
als der Gedanke, in ein Land zu kommen, wo ich die Sprache nicht
verstand. Inzwischen war ich auf alles gefasst, und der Gedanke, meinem
Manne zu folgen und meine Pflichten zu erfüllen, hat mich im ganzen Lauf
meiner Reise aufrecht erhalten.«
Die Baronin verliess Wolfenbüttel in der Nähe von Braunschweig am 14.
Mai 1776 und reiste über Calais nach England. »In Mastricht warnte man
mich, auf meiner Hut zu sein, weil die Wege durch Strassenräuber sehr
unsicher gemacht wurden, deren in vierzehn Tagen 130 teils gehängt,
teils auf andere Art hingerichtet worden, welches aber noch nicht der
vierte Teil von denen wäre, die sich noch da befänden; und dass man sie
gleich ohne weiteren Prozess auf den Landstrassen und an den Orten
aufhinge, wo sie ihr Wesen trieben. Diese Nachrichten setzten mich sehr
in Furcht, und ich nahm mir vor, nicht bei Nachtzeit zu reisen; da ich
aber sehr schlechte Pferde bekam, so musste ich doch in der Dämmerung
durch einen Wald, wo etwas hängendes mir durch das offene Fenster in den
Wagen hineinschlug. Ich fasste darnach, und als ich etwas rauhes fühlte,
fragte ich was es sei? -- Es war ein Gehängter mit wollenen Strümpfen.
Noch ganz erschrocken darüber, wurde mir noch weit mehr angst, als man
vor einem ganz einsam stehenden Hause in diesem nämlichen Walde stille
hielt, wo die Postillons nicht weiter fahren wollten. Der Ort hiess
Hune, ich werde es nie vergessen! Ein Mann von ziemlich verdächtigem
Aussehen empfing uns und führte uns in eine sehr abgelegene Stube, wo
ich nur ein Bett fand.
Es war kalt, ich liess also Feuer in einem grossen Kamin machen; unser
ganzes Abendbrod bestand in Thee und in sehr grobem Brode. Mein treuer
Rockel (ihr alter Diener) kam zu mir mit einem sehr ängstlichen Gesicht
und sagte mir: »Hier ist's nicht richtig! es ist da eine Kammer voller
Gewehre, ich glaube die andern Leute sind aus; gewiss sind es
Spitzbuben! Ich werde aber die Nacht vor ihrer Kammer mit meinem Gewehr
sitzen und werde mein Leben teuer verkaufen. Der andere Bediente soll in
der Kutsche sitzen auch mit seinem Gewehr.« Alles dieses machte
natürlich meinen Schlaf nicht ruhig, ich hatte mich auf einen Stuhl
gesetzt und den Kopf auf das Bett gelegt. Doch schlief ich endlich ein,
und wie gross war mein Entzücken beim Erwachen, als man mir um 4 Uhr des
Morgens zu sagen kam, dass alles zur Abreise fertig sei, und ich darauf
den Kopf zum Fenster herausstreckte, und in dem Walde, worin wir uns
befanden, eine Menge Nachtigallen um uns her bemerkte, welche durch
ihren angenehmen Gesang mir alle meine überstandene Angst vergessen
machten.«
Solcher Art waren die Unbequemlichkeiten einer Reise auf dem Kontinent
vor 100 Jahren. Wir werden gleich sehen, was für unangenehme Abenteuer
Fremde in England zu gewärtigen hatten. Die Baronin gelangte glücklich
von Calais hinüber nach Dover und erreichte London mit der Post. Der
Hotelbesitzer in Calais hatte ihr gesagt, dass es nicht sicher für sie
sei, allein zu reisen und, nachdem er so gethan hatte, als wenn er
eifrig gesucht hätte, stellte er ihr einen Mann vor, von dem er vorgab,
dass er ein Gentleman sei, der eingewilligt hätte, die Begleitung zu
übernehmen. Dieser begleitete sie bis London, wo sie in dem 4. Stock
eines Hotels einlogiert wurde, obwohl sie gute Räume verlangt hatte. In
ihrem Tagebuch sagt sie: »Den Tag darauf kam mein Hauswirt mit einer
ganz verschämten Miene zu mir und fragte mich sehr ehrerbietig, ob ich
den Menschen kenne, mit welchem ich gekommen wäre, und den ich ihm
empfohlen so gut zu bewirten (denn ich hatte es für unschicklich
gehalten, ihn in London mit mir essen zu lassen). Ich sagte ihm, dass es
ein Edelmann wäre, der auf die Bitte des Herrn Guilhaudin, meines Wirts
in Calais, mir die Gefälligkeit erzeigt hätte, mich auf der Reise zu
begleiten. Ha! erwiederte er, dies ist einer von seinen Streichen! Es
ist ein Lohnbedienter, ein Erzgauner, den er dazu gebraucht, seine
Geschäfte zu machen; und wie ich Sie mit diesem Menschen im Wagen sitzen
sah, als Sie ankamen, so muss ich Ihnen bekennen, dass ich nicht
glaubte, dass Sie das wären, wofür Sie sich ausgäben, und also dafür
hielt, dass diese Stuben gut genug für Sie sein würden; da ich jetzt,
nach den Leuten, die zu Ihnen kommen, urteilen kann, dass ich mich
geirrt habe: so bitte ich Sie sehr um Verzeihung, und ersuche Sie andere
anzunehmen, für welche Sie mir nicht mehr bezahlen sollen, als für diese
hier; so sehr wünsche ich mein Versehen wieder gut zu machen. Ich dankte
ihm und bat, dass er mich doch sobald als möglich von dem Menschen
befreien sollte, der mir aber doch noch 4 oder 6 Guineen (ich erinnere
mir nicht mehr genau wie viel es war) für seine Begleitung abforderte.«
Baronin Riedesel hatte Bekannte in London getroffen unter anderen
Schlieffen, den Gesandten des Landgrafen von Hessen-Cassel, den Mann,
der das grösste Geschäft bei dem Verkauf von deutschen Truppen an
England gemacht hatte. Sie verkehrte etwas in der Gesellschaft, war aber
wegen ihrer kleinsten Tochter viel an das Haus gefesselt. »Eines Tages«,
schreibt sie, »hatte ich eine unangenehme Geschichte in London. Man
hatte mir gerathen, dass ich mir ein kleines Mäntelchen und Hut kaufen
sollte, ohne welche ich nicht ausgehen könnte. Ich war zum Essen beim
Herrn von Hinüber, dem hannöverischen Minister. Seine Frau schlug mir
einen Spaziergang nach St. James vor, versäumte aber, mir vorher zu
sagen, was in unserer Kleidung wider das englische Kostüm war. Gustchen
war nach französischer Art gekleidet, trug einen kleinen Panier
(Reifrock) und einen hübschen, kleinen, runden Hut. Ich bemerkte, dass
man fast mit Fingern auf uns wies und fragte nach der Ursache. Sie sagte
mir, ich hätte einen Fächer, welchen man mit einem Hut nicht tragen
dürfe, und meine Kleine wäre zu geputzt, daher man uns für Franzosen
hielte, die hier schlecht angeschrieben wären.«
»Den Tag darauf ging ich wieder dahin, und wir waren alle ganz auf
englische Art gekleidet, also glaubte ich, dass man uns nicht bemerken
würde; ich irrte mich aber, denn ich hörte wieder rufen: French women!
pretty girl! (Französinnen! hübsche Mädchen!) Ich fragte den
Lohnbedienten, warum man uns für Französinnen hielt, und erfuhr, dass es
deshalb wäre, weil ich meinen Kindern Bänder angesteckt hatte. Ich riss
sie ab und steckte sie in die Tasche, aber man begaffte mich immer noch,
und ich hörte, dass es wegen der Hüte war, welche die Kinder in England
von einer anderen Form trugen. Ich sah daraus, wie nötig es war, sich
nach der Sitte des Landes zu richten, um mit Annehmlichkeit dort zu
sein, denn der Mob (Pöbel) läuft gleich zusammen, und wenn man sich mit
ihm in Wortwechsel einlassen wollte, so setzte man sich Beschimpfungen
aus.«
Einige Tage später reiste die Baronin nach Bristol. Sie schreibt:
»Gleich den Tag nach meiner Ankunft rief mich meine Wirtin zu einem (wie
sie es nannte) allerliebsten Schauspiel. Wie ich ans Fenster trat,
erblickte ich zwei nackte Menschen, die sich mit der grössten
Erbitterung boxten. Ich sah wie ihr Blut floss und wie die Wuth in ihren
Augen gemalt war. Zu wenig an einen solchen hässlichen Anblick gewöhnt,
zog ich mich geschwind in den innersten Winkel des Hauses zurück, um
nicht das Freudengeschrei zu hören, das die Zuschauer dabei machen, wenn
einer einen Stoss bekommt. Während meines Aufenthalts in Bristol hatte
ich einen unangenehmen Auftritt. Ich trug ein zitzenes Kleid mit einem
Besatz von grünem Taft. Dieses mochte den Bristolern als etwas zu
Fremdes aufgefallen sein, denn wie ich eines Tages mit Madame Foy
spazieren ging, versammelten sich über 100 Matrosen um uns, wiesen auf
mich mit Fingern und riefen: French whore! (französische Hure!) Ich floh
so geschwind als möglich in das Haus eines Kaufmanns, und nahm den
Vorwand dort etwas zu kaufen; mittlerweile verlief sich das Volk wieder.
Das verleidete mir aber mein Kleid, und wie ich wieder nach Hause kam,
so schenkte ich es meiner Köchin, ob es gleich noch ganz neu war.«
Frau von Riedesel blieb 10 Monate in England. Ihr Gemahl hatte ihr
gesagt, dass sie nicht ohne Begleitung einer andern Dame reisen sollte,
und hatte ihr die oben erwähnte Mrs. Foy empfohlen, die sich auch in
Canada mit ihrem Mann vereinigen wollte. Diese Dame liess die Baronin
den ganzen Sommer 1776 hindurch warten und weigerte sich schliesslich
mit ihr zu gehen. Es war spät im Herbst und der Baronin Riedesel war
angerathen, die Überfahrt nicht zu wagen, da sie den St. Lawrence-Strom
mit Eis gesperrt finden möchte. Sie kehrte infolgedessen nach London
zurück, wo sie bei liebevollen Menschen gute Wohnung fand und den
folgenden Winter zubrachte. Die Sorge für ihre Kinder zwang sie, ein
ruhiges Leben zu führen. Indessen wurde sie bei Hof vorgestellt, von
welcher Ceremonie sie folgenden Bericht macht: »Man riet mir, an Hof zu
gehen, da die Königin geäussert hätte, dass sie mich gern sehen wollte.
Ich liess mir also eine Hofrobe machen, und Lady George Germaine
präsentierte mich. -- Es war am Neujahrstage 1777. Ich fand das Schloss
sehr hässlich und altfränkisch möbliert. Die Damen und Herren stellten
sich alle in das Audienzzimmer; hierauf kam der König, welcher 3
Kavaliere vor sich gehen hatte, in das Zimmer. Ihm folgte die Königin
links herum. Beide gehen keinen vorbei ohne ihm was zu sagen. Am Ende
des Saals begegnen sie sich, machen sich eine grosse Reverenz, und
gehen dann ein jeder von ihnen dahin, wo der Andere hergekommen ist. Ich
frug Lady Germaine, was ich zu thun hätte, und ob der König, wie ich
gehört hätte, alle Damen küsste? Nein, antwortete sie mir, bloss die
Engländerinnen und Marquisen, und man hat nichts weiter zu thun, als
stille auf seinem Platz stehen zu bleiben. Wie nun der König an mich
heran kam, war ich sehr verwundert, dass er mich küsste, und wurde
darüber feuerrot, weil es mir ganz unerwartet kam. Er fragte mich
sogleich, ob ich Briefe von meinem Mann hätte? Ich sagte: Ja, am 22.
November. Er ist wohl, erwiederte er, ich habe mich express nach ihm
erkundigt, jedermann ist mit ihm zufrieden, und ich hoffe, dass ihm die
Kälte nichts schaden wird. Ich antwortete, ich glaubte und hoffte, dass,
da er in einem kalten Klima geboren wäre, ihm die Kälte nicht so
beschwerlich fallen würde. Ich hoffe es auch, sagte er; allein dieses
versichere ich Ihnen, dass die Luft daselbst sehr gesund und klar ist.
Hierauf machte er mir noch einen sehr freundlichen Gruss und ging
weiter. Als er weg war, sagte ich der Lady Germaine, dass ich durch den
Kuss des Königs nun naturalisiert wäre. Hernach kam die Königin, die
auch sehr freundlich gegen mich war und mich fragte, ob ich schon lange
in London wäre? Ich sagte »2 Monat«. »Ich glaubte schon länger«,
erwiederte sie. Ich antwortete, »in London nur so lange, aber in England
bereits 7 Monat.« Sie fragte, ob es mir hier gefiele? Ich sagte »ja;
dass ich aber doch sehr wünschte, erst in Canada zu sein«. »Fürchten Sie
sich denn nicht«, frug sie weiter, »vor der See? Ich liebe sie
garnicht.« »Ich auch nicht«, erwiederte ich, »allein es ist kein ander
Mittel, meinen Mann wiederzusehen, und ich werde mit Freunden reisen.«
»Ich bewundere ihren Muth«, sagte sie, »denn es ist eine starke
Unternehmung und sehr beschwerlich, zumal mit 3 Kindern.«
»Aus dieser Unterredung sah ich, dass sie schon mehr von mir gehört
hatte, und es war mir daher lieb, dass ich an den Hof gegangen war. Nach
der Cour sah ich alle königlichen Kinder, bis auf eins, das krank war.
Es waren ihrer 10, die ich alle bildschön fand.«
»Ich ging nachher, da ich so gut aufgenommen worden, noch mehreremale
hin. Als ich vor meiner Abreise nach Portsmouth, im Frühjahr, zu meiner
Einschiffung von der Königin Abschied nahm, fragte sie mich nochmals, ob
ich mich nicht vor einer solchen schrecklichen Reise fürchtete; und als
ich ihr antwortete, dass, da mein Mann wünschte, dass ich ihm folge, ich
es mit Mut und Vergnügen thäte, weil ich glaubte, meine Pflicht zu
erfüllen und versichert wäre, dass sie an meinem Platz das nämliche thun
würde; so sagte sie mir: »Ja, wie man mir aber schreibt, so thun Sie die
Reise ohne Vorwissen ihres Mannes.« Ich erwiederte: »Da sie eine
deutsche Prinzessin wäre, so würde sie wohl wissen, dass ich ohne den
Willen meines Mannes dieses nicht hätte unternehmen können, weil mir das
Geld dazu gefehlt haben würde.« »Sie haben Recht«, sagte sie, »ich
billige Ihren Entschluss und wünsche Ihnen alles nur ersinnliche Glück.
Wie ist der Name ihres Schiffes? Ich werde mich oft nach Ihnen
erkundigen, und bei Ihrer Zurückkunft, hoffe ich, werden Sie mich
besuchen.« -- Sie hat Wort gehalten und sich oft nach mir erkundigt und
mich oft grüssen lassen.« --
Baronin Riedesel schiffte sich am 15. April 1777 an Bord eines
Kauffarteischiffes ein, welches in Gemeinschaft mit einer Flotte von 30
Transportschiffen durch zwei Kriegsschiffe begleitet wurde. Sie kam nach
einer ereignislosen Reise am 11. Juni in Quebec an. Nach einem Aufenthalt
von nur einem halben Tage in Quebec reiste die unermüdliche Frau mit
ihren drei kleinen Kindern auf schlechten Wegen und stürmischen Flüssen
nach Chambly, wo sie schliesslich am 14. Juni ihren Gemahl fand. Sie
konnten nur zwei glückliche Tage mit einander zubringen, weil die Armee
im Vormarsch war, und die Baronin war genötigt nach Trois-Rivières
zurückzukehren. Am 14. August traf sie indessen wieder bei der Armee ein,
deren darauffolgendes Schicksal sie teilte. Ich will nur noch eins von
ihren Abenteuern anführen, bevor ich zur Betrachtung der militärischen
Operationen des braunschweigischen Kontingents zurückkehre:
Die Baronin war von Trois-Rivières aufgebrochen, um sich mit ihrem Manne
in Fort Edward am Hudson zu vereinigen. Die Gesellschaft reiste in 2
Booten, von denen das eine mit dem Gepäck beladen war. Sie schreibt:
»Die Nacht überfiel uns, und wir sahen uns genötigt, auf einer Insel zu
landen. Das andere Fahrzeug, da es mehr beladen und nicht so gut bemannt
war, hatte uns nicht folgen können; wir hatten daher weder Betten noch
Licht, und was das Schlimmste war, nichts mehr zu essen; denn wir hatten
weiter nichts auf unser Schiff mitgenommen, als was wir den Tag über zu
gebrauchen dachten; wir fanden auf dieser Insel weiter nichts als die
vier kahlen Wände eines verlassenen und nicht einmal ausgebauten Hauses,
welches voller Gesträuche lag, das uns zum Nachtlager diente. Ich
bedeckte es mit unsern Mänteln und nahm die Kissen von der Barke zu
Hilfe, so dass wir recht gut schliefen.