Inzwischen hatte Cadwalader den Fluss bei Dunks Fähre, unterhalb

Trenton, überschritten, aber das Eis hatte sich gegen des Jersey-Ufer

hin gepackt, und wenngleich die Fussmannschaften hinüber konnten, so war

doch für die Artillerie keine Hoffnung dafür vorhanden. Die 1800 Mann,

die diesen Teil der Unternehmung ausmachten, warteten vergeblich während

der Dezembernacht. Um 4 Uhr morgens beorderte Cadwalader, der sicher

glaubte, dass Washington, gleichwie er selbst, wegen der

Schwierigkeiten, mit der die Expedition zu kämpfen hatte, umgekehrt

wäre, seine halberfrorenen Leute nach ihrem kalten Lager zurück. »Die

Nacht,« schreibt Thomas Rodney »war eine so bitterkalte, wie ich sie

niemals erlebt habe.« Der Fluss war so schwierig zu überschreiten und so

voll von Eis, dass es 4 Uhr wurde am Morgen des 26. Dezember bis die

Truppen mit der Artillerie alle hinüber und marschbereit waren. Sie

hatten noch 9 Meilen zu marschieren, um Trenton zu erreichen, und der

Sturm hatte sich mit furchtbarer Heftigkeit erhoben. Die zitternden

Soldaten erklommen einen steilen Berg und stiegen auf die Strasse hinab,

wo die Bäume ihnen ein wenig Schutz gegen den Nordost-Sturm geben

sollten. In Birmingham wurde die Armee in zwei Kolonnen geteilt. Die

rechte unter Sullivan marschierte längs des Flusses, die linke unter

Washington auf der obern Strasse. Nach einer Weile meldete Sullivan

durch einen seiner Adjutanten an Washington, dass das Pulver nass

geworden wäre.

»Dann sagen Sie dem General,« antwortete Washington, »er solle mit dem

Bajonnet angreifen und in die Stadt eindringen, denn die Stadt müsste

genommen werden, und ich wäre fest entschlossen sie zu nehmen.« --

Es war ungefähr 1 Stunde nach Tagesanbruch als Lieutenant Wiederhold

seine Aussenposten eingezogen hatte. Es war eine kalte Nacht gewesen mit

Schnee und Schlossen. Die kleine Abteilung verbarg sich in einer Hütte,

die als Wachthaus diente. Wiederhold trat zufällig an die Thüre und sah

hinaus. Plötzlich waren die Amerikaner vor ihm. Er rief: »An die

Gewehre!«, und es wurden Schüsse gewechselt.

»Die Aussenwachen leisteten nur geringen Widerstand,« sagt Washington,

»obschon sie ihrer Zahl nach sich sehr tapfer hielten, indem sie

zurückgehend fortwährend, hinter Häusern gedeckt, feuerten. Zugleich

sahen wir, wie sich ihre Hauptabteilung formierte; -- aber nach ihren

Bewegungen zu urteilen, schien sie unentschlossen, was zu thun.«

Trommeln und Hörner erschallten in den Strassen von Trenton. Rall war

noch im Bett und völlig schlaftrunken. Lieutenant Biel, der als

Brigadeadjutant fungierte, scheute sich zuerst, ihn aufzuwecken, und

eilte zu der Hauptwache, um einen Lieutenant und 40 Mann den Pickets als

Unterstützung zu senden. Als er zum Hauptquartier zurückkehrte, lag Rall

in seinem Nachthemd zum Fenster hinaus und schrie: »Was ist denn los?«

Der Adjutant erwiderte ihm, ob er nicht das Feuern gehört habe. Rall

sagte, er würde sofort unten sein, und in einem Moment war er angezogen

und vor der Thüre. Eine Kompagnie von dem Regiment von Lossberg, welche

Quartiere an der Strasse nach Pennington hatte, und als Avantgarde

fungierte, hatte diese Strasse besetzt und empfing die fliehenden

Pickets, musste sich aber sogleich in die Stadt zurückziehen. Washington

drang bei King- und Queenstreet (jetzt Warren- und Greenstreet) ein, und

Sullivan von der Strasse am Fluss in die Secondstreet. Einem Teil von

Ralls Regiment gelang es, sofort sich zu formieren, und nach einer Weile

erschien Rall selbst zu Pferde. Lieutenant Wiederhold meldete ihm, dass

der Feind im Vordringen sei, und zwar nicht nur oberhalb der Stadt,

sondern auch zur Rechten und Linken. Rall fragte, wie stark der Feind

wäre. Wiederhold antwortete, dass er es nicht angeben könnte, aber er

hätte 4 oder 5 Bataillone aus dem Walde kommen sehen und dass drei davon

auf ihn gefeuert hätten, bevor er sich zurückzog. Rall rief, es sollte

avanciert werden aber er schien verwirrt und nicht imstande, einen

richtigen Entschluss zu fassen. Seine Truppen waren noch in Unordnung.

Rall wandte sich zur Rechten in einen Garten mit Äpfelbäumen östlich der

Stadt, und versuchte die Strasse nach Princeton in seine Gewalt zu

bekommen. Aber er wurde durch Hands Regiment Pennsylvania

zurückgeschlagen. Er beschloss darauf, sich einen Weg in die Stadt

wieder zu erzwingen mit seinem und dem Regiment von Lossberg, wenigstens

mit so vielen Leuten als zusammengebracht werden konnten. Dies soll er

versucht haben, um seine Baggage und die Beute der vorhergehenden Wochen

wegzuschaffen. Indessen wurde er durch einen Hagel von Blei aus Fenstern

und Thorwegen, von hinter Bäumen und Mauern her empfangen. Die Munition

der Hessen war nass von dem Schneesturm. Die Amerikaner erneuten den

Angriff und die Hessen wurden weiter zurückgeworfen, als sie gekommen

waren. -- Rall wurde durch eine Kugel tötlich verwundet, und die beiden

deutschen Regimenter, in die grösste Verwirrung gebracht, streckten die

Waffen.

Dem Regiment Knyphausen ging es wenig besser. Als Rall den Obstgarten

verliess und sich wieder gegen Trenton wendete, beschloss Major von

Dechow, sich einen Weg rückwärts über die Assanpink-Brücke zu bahnen und

sich nach Bordentown durchzuschlagen, wo Donops Truppenabtheilung lag.

Aber es war unmöglich dies auszuführen, da Sullivan schon die Brücke

besetzt hatte. Zwei Geschütze steckten tief in einer morastigen Stelle

und es wurde viel Zeit verloren bei dem Versuche sie herauszuziehen.

Dechow wurde verwundet. Einigen Soldaten gelang es, den Strom zu

durchwaten, aber die bei weitem grössere Zahl wurde umringt und an Lord

Stirling übergeben, mit Ausnahme der Privatbaggage und der Säbel der

Offiziere. Die, welche entkamen, nahmen ihren Weg nach Princeton. Auch

die Jäger und englischen Dragoner entkamen und erreichten Bordentown.

Lieutenant Grothausen von den Jägern wurde angeschuldigt, zu früh

zurückgegangen zu sein. Er war mit 50 Mann an der untern Flussstrasse

postirt gewesen und zog sich bei der Annäherung von Sullivan vor diesem

über die Assanpink-Brücke zurück. Nach Bankroft betrug die Gesamtzahl

derer, die auf diese Weise durchkamen, 162. Washington giebt in seinem

ersten Bericht an den Kongress die Zahl derer, welche sich ergaben, auf

23 Offiziere und 886 Mann an. Einige, die nachher in Trenton gefunden

wurden, erhöhten die Zahl auf 1000.

Die Nachricht von dem Siege der Amerikaner wurde in New-York mit Kummer

und Entrüstung aufgenommen.

Der alte Heister, der bei Sir William Howe nicht mehr in Gunst stand,

mag darin ein Vorzeichen seiner Abberufung gesehen haben. Er berichtete

am 5. Januar an Schlieffen, den Minister des Landgrafen, das

Vorgefallene. Seinem Märchen zufolge, das er berichtete, war Ralls

Brigade von 10 000 Mann überrascht worden und das Desaster durch die

Tollkühnheit des Obersten verursacht worden, indem er gegen die

Übermacht vorgegangen wäre, anstatt sich sofort über den Assanpink

zurückzuziehen. Heister giebt den Verlust von 15 Fahnen zu.

Der Landgraf von Hessen-Kassel war sehr ergrimmt. Er war der Ansicht,

dass solch ein Vorfall unmöglich gewesen wäre, wenn nicht alle Disziplin

gelockert wäre. Er befahl, dass eine Untersuchung eingeleitet werden

sollte, sobald die Offiziere, die als Gefangene in amerikanische Hände

gefallen seien, ausgewechselt sein würden, und drohte, dass die, welche

wegen schlechten Verhaltens für schuldig erachtet würden, zur strengsten

Verantwortung gezogen werden sollten. Auch erklärte er, den Regimentern,

welche ihre Fahnen verloren hätten, solche nicht eher wieder zu

verleihen, als bis sie eine gleiche Anzahl vom Feinde genommen hätten.

Er schrieb an Knyphausen, er hoffe, dass Alle, ebenso wie er, mit

grossem Kummer und mit Scham erfüllt seien, dass es notwendig wäre,

diese Scharte wieder auszuwetzen und dass Knyphausen nicht ruhen dürfte,

bis seine Truppen die Erinnerung an diese unglückliche Affaire durch

eine grosse Zahl von ausserordentlichen Thaten verwischt hätten. Der

Landgraf kannte sich nicht in seinem Zorne. Der eigentliche Sünder gegen

die militärischen Regeln starb in Oberst Rall. Es war die Ansicht von

Soldaten jener Zeit und ist die Meinung von denen die die Angelegenheit

seitdem studiert haben, dass die Niederlage und Gefangennahme der

hessischen Brigade in Trenton durch einfache militärische

Vorsichtsmassregeln von Seiten ihres Führers hätte verhindert werden

können. Cornwallis sagte später einem Komitee des Hauses der Gemeinen,

dass nach Donops Meinung Rall hätte aushalten können bis Donop zu seiner

Unterstützung von Bordentown herangekommen wäre, wenn er die Befehle Sir

William Howes befolgt und Redouten gebaut hätte. Rall war mehrfach

von seinen untergebenen Offizieren gedrängt worden dies zu thun. Dass

die unter seinem Kommando Befindlichen zur Lockerung der Disziplin

beitrugen, wozu sie durch das Beispiel ihres Führers notwendigerweise

verführt wurden, war natürlich. Alle fochten tapfer, viele wurden

verwundet, doch war der Verlust an Gemeinen nur gering. Dass ein

früherer Rückzug den Hessen ermöglicht hätte zu entkommen, ist richtig.

Aber man sollte Soldaten nicht ernstlich dafür tadeln, dass sie ihr

Terrain festhalten, wenn sie überfallen werden, auch ist Ralls Fehler,

wenn es einer war, zu versuchen, sich seinen Weg eher in der Richtung

auf Princeton als auf Bordentown zu bahnen, nicht auf die Rechnung

seiner Untergebenen zu schreiben.

[Illustration: PLAN VON DER AFFAIRE,

welche am 26. Dec. 1776 bei TRENTON zwischen einem Corps von 6000

Rebellen unter General Washington und einer Hessischen Brigade unter

Oberst Rall stattfand.

--< _Erklärung umseitig._ >--]

A. Trenton.

B. Picket von 1 Offizier und 24 Mann (Wiederhold).

C. Hauptmann Altenbocums Kompagnie vom Regiment von Lossberg, welches in

der Nachbarschaft einquartiert war und sich vor dem Quartier des

Hauptmanns formierte, während das Picket den Feind beschäftigte.

D. Picket von 1 Hauptmann, 1 Offizier und 75 Mann.

E. 1 Offizier und 50 Jäger, die sich sofort über die Brücke zurückzogen

(Grothausen).

F. Detachement von 1 Offizier und 30 Mann, die sich mit Donops Korps

vereinigten.

G. Platz, wo die Regimenter nach Verlassen der Stadt Halt machten, und

wo Oberst Rall den Versuch machte mit seinem und dem Regiment von

Lossberg einen Angriff auf die Stadt zu unternehmen, der abgeschlagen

wurde.

I. Platz, wo er mit den Regimentern gefangen genommen wurde.

K. Platz, wo das Regiment von Knyphausen, das die Flanke hatte decken

sollen, sich ebenfalls übergeben musste, nachdem es versucht die

Brücke zu erreichen. Die Geschütze vom Regiment von Lossberg waren

bei dem Regiment von Knyphausen und unglücklicherweise im Sumpf

stecken geblieben, und bei dem Versuch sie herauszuziehen war der

Moment, die Brücke zu gewinnen, verpasst worden, infolge dessen der

Feind sie stark besetzte.

L. Geschütze vom Regiment Lossberg.

M. Geschütze vom Regiment Knyphausen, die während der Affaire nicht beim

Regiment waren.

N. Geschütze vom Regiment Rall, gleich zu Anfang demontiert.

O. Angriff des Feindes vom Wald aus.

P. Vorgehen und Umzingeln der Stadt durch den Feind.

Q. 2 Bataillone des Feindes verfolgen das Regiment Knyphausen.

R. Letzte Bewegung und Angriff auf das Regiment Knyphausen.

S. Geschütze der Rebellen.

T. Platz, wo General Washington sich postiert hatte und von dem aus er

seine Befehle gab.

Die Wichtigkeit von Trenton für die Amerikaner darf nicht nur nach dem

numerischen Ausweis an Toten, Verwundeten und Gefangenen berechnet

werden. Es war ein neuer Beweis für die unerfahrenen und hülflosen

Kolonisten, dass sie sich einigermassen zu Soldaten eigneten und dass

ihre Sache nicht hoffnungslos war. Nach einer langen Reihe von

Missgeschick und fortwährendem Zurückweichen feuerte sie dies mit neuem

Mute an. Bunker Hill hatte die Amerikaner belehrt, dass sie den

britischen Regulären widerstehen könnten. Trenton bewies ihnen in einer

Stunde der Verzweiflung, dass die gefürchteten Hessen überwunden werden

könnten.

Kapitel IX.

Der Winter 1777.

Die hessischen Offiziere und Soldaten, welche in Trenton gefangen

genommen waren, mussten am 26. Dezember 1776 denselben kalten und mit

Schnee bedeckten Weg, auf welchem die Amerikaner zum Angriff vorgegangen

waren, zurücklegen. Wir können sie uns in ihren Uniformen zitternd vor

Frost vorstellen, während ihre zerlumpten und barfüssigen Bezwinger

fröhlich neben ihnen her marschierten und in der Siegesglut den eisigen

Wind vergassen. Wieder wurde der Delaware durch die schwimmenden

Eisstücke hindurch überschritten, und man kann überzeugt sein, dass es

nicht die zerlumpten Amerikaner waren, deren Zähne klapperten; aber eine

Reaktion trat ein nach so viel Mühsal und Aufregung; am nächsten Morgen

war die Hälfte der siegreichen Armee erschöpft und dienstuntauglich. 40

Stunden waren die Amerikaner ununterbrochen unter den Waffen gewesen und

hatten marschiert und gefochten in Schnee und Eis eines Dezembersturmes,

so dass nun die Natur Ruhe und Unterkunft für einige Tage forderte. Nur

Washington war unermüdlich, und obschon die Dienstzeit eines grossen

Teiles seiner Armee im Ablaufen begriffen war, schickte sich der grosse

Feldherr an, aus dem errungenen Erfolg Vorteil zu ziehen.

Die hessischen Offiziere wurden mit grosser Höflichkeit von den Führern

der Amerikaner behandelt. Washington drückte sein Mitgefühl mit ihnen

unmittelbar nach ihrer Übergabe aus. Stirling, der erst vor kurzem nach

seiner Gefangennahme auf Long-Island ausgewechselt war, erzählte den

Offizieren, die ihn besuchten, dass Heister ihn wie einen Bruder

behandelt habe, und dass er sie ebenso behandeln wollte. Er begleitete

sie bei ihrem Besuch bei General Washington und lud einige von ihnen zum

Diner ein. Washington erwies dieselbe Höflichkeit einigen von den

anderen. Einer von seinen Gästen hat in seinem Tagebuch einen Vermerk

über den Eindruck hinterlassen, den der berühmteste unter den

Amerikanern auf ihn gemacht hat: »Diesem General sieht man in seinem

Gesicht nicht die Grösse an, welche ihm im allgemeinen beigemessen wird.

Seine Augen haben kein Feuer, aber die freundliche Art seines Ausdrucks,

wenn er spricht, flösst Zuneigung und Hochachtung ein.«

Wiederhold schreibt: »Am 28. dinierte ich, wie gesagt, ebenso wie

mehrere andere Offiziere, mit General Washington. Er that mir die Ehre

an, sich viel mit mir über die unglückliche Affaire zu unterhalten, und

da ich ihm frei heraus die Ansicht äusserte, dass unsere Massregeln

schlecht gewesen wären, andernfalls wir nicht in seine Hände gefallen

wären, fragte er mich, ob ich bessere Massregeln getroffen hätte und in

welcher Weise. Darauf sagte ich Ja; erwähnte alle Fehler, welche

begangen worden waren, und zeigte, was ich gethan haben und wie ich mit

Ehren aus der Verlegenheit gekommen sein würde. Er billigte dies nicht

nur, sondern sagte mir auch einiges Schmeichelhafte darüber, sowie auch

über meine Wachsamkeit und den Widerstand, den ich mit meinen wenigen

Leuten in der Postenlinie am Morgen des Angriffes gemacht hätte. General

Washington ist ein zuvorkommender und eleganter Mann, aber scheint sehr

polite und reserviert zu sein, spricht wenig und hat eine schlaue

Physiognomie. Er ist nicht sehr gross, aber auch nicht klein, sondern

von Mittelgrösse, und hat eine gute Figur.« Es ist interessant, sich

diese Szene vorzustellen -- das Wohnzimmer im Farmhaus, das Feuer aus

dickem Scheitholz, die triefenden Lichter, die Bowle mit rauchendem

Punsch und General Washington die Kriegskunst erörternd mit seinem

Gefangenen, der, obwohl nur ein Lieutenant, ausländischen Kriegsdienst

kennen gelernt hat und wohl wert ist, angehört zu werden.

Die Gefangenen wurden binnen Kurzem nach Pennsylvanien und Virginien

befördert. Überall strömte das Volk zusammen, um sie zu sehen, und wenn

den fremden Eindringlingen in ihrem Unglück manchmal mit Flüchen und

Verwünschungen begegnet wurde, so dürfen wir diejenigen nicht zu scharf

beurteilen, deren Söhne und Brüder von den Hülfstruppen umgebracht

werden sollten.

Wir werden beinahe finden, dass die Wage sich zu Gunsten der Amerikaner

neigt, welche bei vielen Gelegenheiten ihren Feinden mit Vergebung und

Freundlichkeit begegneten. Die Begleitmannschaft der Gefangenen that

beständig ihre Pflicht und gelang es ihr, diese vor allem Schlimmeren

als Beschimpfungen zu bewahren. Die hessischen Offiziere und Leute

wurden von einander getrennt, und es ist nicht uninteressant, ihren

Wanderungen bis ins Einzelne zu folgen. Die Offiziere waren in

Philadelphia und statteten General Israel Putnam am Neujahrstag einen

Besuch ab. »Er schüttelte jedem von uns die Hand,« sagt einer in seinem

Tagebuch, »und wir mussten Alle ein Glas Madeira mit ihm trinken. Dieser

alte Graubart mag ein guter, ehrlicher Mann sein, aber niemand anders

als die Rebellen würden ihn zum General gemacht haben.«

Die Offiziere wurden, nachdem sie in Dumfries und im Thal von Virginia

einquartiert waren und viele kleine Beschwerden zu ertragen gehabt

hatten, im Dezember 1777 nach Fredericksburg gebracht, wo sie mit

grosser Gastfreundschaft und Güte behandelt wurden. Wiederhold wird

förmlich pathetisch bei dem Gedanken, von seinen dortigen Freunden

Abschied zu nehmen. Die Gefangenen hatten in grosser Gunst bei den Damen

der Nachbarschaft gestanden, welche, wie der Lieutenant sagt, »schön,

zuvorkommend, gütig, bescheiden und vor Allem sehr natürlich und

ungezwungen waren.«

16 Damen »ersten Ranges« verabredeten sich nebst einigen Herren, den

Kapitän in seinem Quartier zu überraschen, wovon er vorher heimlich

unterrichtet worden war. Er erzählt uns, dass sie kamen und nur eine

Stunde zu bleiben beabsichtigen, doch schliesslich von 1/2-4 bis 10 Uhr

abends blieben. General Washingtons Bruder, Schwester und Nichte waren

darunter. Die deutschen Offiziere regalierten ihre Gäste mit Thee,

Kaffee, Chokolade, Claret-Wein und Kuchen, und unterhielten sie mit

Instrumental- und Vokal-Musik, an welcher sich die Damen manchmal

beteiligten. »In Europa würden wir keinen grossen Beifall geerntet

haben, aber hier galten wir für Meister. Sobbe spielte die Flöte, Doktor

Oliva die Violine und ich die Guitarre. Wir wurden so mit Beifall

überschüttet, dass wir ganz beschämt waren. Ihre Freundschaft für uns

war zu gross. Einige von den amerikanischen jungen Herren wurden

eifersüchtig.«

Alle diese Freundlichkeit machte Eindruck auf die Gefangenen. In

Dumfries 9 Monate vorher, hatte Wiederhold in sein Tagebuch

niedergeschrieben, dass er lieber ein kleines Gut in Hessen besitzen

wolle, als die grösste Besitzung in Virginia und dass Amerika für solche

Leute gut wäre, welche zu Hause dem Galgen entronnen wären. Nun ist er

aber beim Verlassen von Fredericksburg ganz traurig, obschon es galt,

zur Armee nach Philadelphia zurückzukehren. Indessen hatte er

persönliche Gründe hierfür. »Es war sicherlich eine grosse Sache, sich

so grosser Freundschaft, ja, ich möchte sagen, Liebe zu erfreuen von

Leuten, deren Feinde wir waren und gegen die wir bald wieder als Feinde

auftreten mussten.

Sagte doch eine Schöne zu mir, welche mir so innig zugethan war: »Wollte

Gott, Sie könnten hier bleiben und dass ich niemals so unglücklich sein

müsste von ihnen zu scheiden, so wie ich es morgen thun muss und

vielleicht für immer. Aber gehen Sie, wo Ehre und Pflicht Sie hinruft

und bleiben Sie glücklich!« Dies war Seelengrösse, wie sie nicht allen

Rebellen innewohnt, denn sie war eine gute Amerikanerin in ihren

Gesinnungen, schön und reich.« Kein Wunder, dass der Lieutenant die

Meilen zählte, als er von Fredericksburg abmarschierte.

Die Soldaten erreichten Philadelphia einige Tage später als die

Offiziere. Über ihren Empfang durch die Volksmenge schreibt ein Korporal

in seinem Tagebuch: »Gross und Klein, Alt und Jung, standen da um zu

sehen, was für eine Sorte Sterblicher wir wären. Als wir gerade vor sie

kamen, sahen sie uns scharf an. Die alten Weiber schrien schrecklich und

wollten uns erwürgen, weil wir nach Amerika gekommen wären, um ihnen

die Freiheit zu rauben. Einige Andere brachten uns trotz allen

Schimpfens Schnaps und Brod, um es uns zu geben, aber die alten Weiber

wollten es nicht erlauben, und uns obendrein noch erwürgen. Unsere

amerikanische Begleitmannschaft hatte von Washington Befehl erhalten uns

in der Stadt überall herumzuführen, damit Jedermann uns sehen sollte;

aber das Volk drängte sich in uns hinein mit grosser Wut und

überwältigte beinahe die Begleitmannschaft, so dass, als wir uns den

Baracken näherten, unser kommandierender Offizier sagte: »Liebe Hessen,

wir wollen in diese Baracken marschieren.« Wir thaten es, und das ganze

amerikanische Detachement musste dem wütenden Volke Einhalt thun. Warum

der amerikanische Offizier seine Gefangenen in so liebevoller Weise

anredete, scheint nicht klar, aber ein grosser Grad von Vertraulichkeit

scheint sich zwischen ihnen ausgebildet zu haben. Eelking erzählt eine

Geschichte, die aber, cum grano salis, aufgenommen werden muss, dass,

als der Transport im Herbst 1777 von Lancaster nach Winchester geführt

wurde, und an die Grenze von Virginia kam, die pennsylvanische Eskorte

sich weigerte, weiter zu marschieren und nicht den Fuss auf den

geheiligten Boden setzen wollte. In der That zerstreuten sie sich, und

alle gingen nach Hause. Die Eskorte, die von Winchester hatte kommen

sollen, um sie zu treffen, war nicht angekommen. Der Kapitän, der das

Kommando über die Pennsylvanier gehabt hatte, war ein Mann von grosser

Geistesgegenwart und Menschenkenntniss. Er sagte zu den Hessen, deren

Zuneigung er durch seine Menschlichkeit gewonnen hatte, dass sie ohne

Eskorte weiter marschieren müssten, da er selbst nach Winchester

vorauseilen müsste. Er vertraute den Gefangenen und versprach ihnen gute

Behandlung bei ihrer Ankunft. Darauf verliess er sie. Die Gefangenen,

wenn man sie überhaupt so nennen kann, denen Niemand wehrte,

marschierten weiter in guter Ordnung. Am dritten Tage kam der alte

Kapitän mit einer virginischen Eskorte zurück und fand alle Hessen durch

Namensaufruf zur Stelle, nur einige gewissenlose Engländer waren

verschwunden. Die Deutschen wurden darauf alle mit Branntwein traktiert,

während die englischen Gefangenen ihren Marsch ohne diese Erfrischung

wieder aufnehmen mussten. Die Hessen erhielten fortan viele

Vergünstigungen.

Washington soll die Stimmung im Volke dadurch beruhigt haben, dass er

bekannt gab, die Hessen seien gegen ihren Willen nach Amerika gekommen.

Das Loos der Gefangenen scheint nicht übermässig hart gewesen zu sein.

Viele der gemeinen Soldaten vermieteten sich als Knechte auf die Farmen

und erhielten Verpflegung und Lohn.

So viele als von Washingtons kleiner Armee dienstfähig blieben,

überschritten in den letzten drei Tagen des Dezember den Delaware wieder

und wurden schleunigst unter Cadwaladers und Mifflins Kommando

vereinigt. Dadurch wurde ihre Zahl auf ungefähr 5000 gebracht, von denen

3/5 des Militärdienstes unkundig waren. Gegen diese kleine Truppenmacht

ging Cornwallis mit einer grösseren Zahl von britischen und hessischen

Veteranen vor. Er kam mit seiner ganzen Streitmacht von Princeton über

Maidenhead, trotz Donops Rat, in zwei Kolonnen auf beiden Seiten des

Assanpink zu marschieren. Am 2. Januar 1777 fand ein Geplänkel statt,

bei dem Lieutenant von Grothausen von den Jägern, welcher von Trenton 7

Tage vorher entkommen war, ohne seine volle Schuldigkeit gethan zu

haben, wie behauptet wurde, fiel. Eelking erzählt, dass er von einigen

Scharfschützen erschossen wurde, welche ihn unter dem Vorwande sich zu

ergeben, anlockten.

Die Hessen und die andern deutschen Hilfstruppen im Kriege gross-britanniens gegen Amerika, 1776-1783 · 第 6 / 20 段