Schriftsteller erlangte, war ein Opfer des Werbesystems und hat eine
Beschreibung seiner Erlebnisse hinterlassen. Seume war Student der
Theologie in Leipzig, doch nachdem ihm religiöse Zweifel gekommen waren,
welche seine Freunde -- wie er wusste -- verletzen würden, machte er
sich zu Fuss auf den Weg nach Paris, mit einem Säbel an der Seite, mit
einigen Hemden und Bänden der Klassiker in der Reisetasche und ungefähr
9 Thalern. Seine Reise sollte indessen eine andere Richtung nehmen.
»Den dritten Abend übernachtete ich in Vach,« schreibt er, »und hier
übernahm trotz allen Protest der Landgraf von Kassel, der damalige
grosse Menschenmakler, durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren
Nachtquartiere nach Ziegenhain-Kassel und weiter nach der neuen Welt.
Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhain, wo der
Jammergefährten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem
nächsten Frühjahr nach Faucitts Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich
ergab mich in mein Schicksal und suchte das Beste daraus zu machen, so
schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhain, ehe die gehörige
Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestädten
zusammengebracht wurde. Die Geschichte dieser Periode ist bekannt genug:
niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkäufers sicher;
Überredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den
Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten,
eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerriss man meine akademische
Inskription, als das einzige Instrument meiner Legitimierung. Am Ende
ärgerte ich mich weiter nicht; leben muss man überall: wo so viele
durchkommen, wirst du es auch: über den Ozean zu schwimmen war für einen
jungen Kerl einladend genug und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So
dachte ich. Während unseres Aufenthalts in Ziegenhain brauchte mich der
alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler
Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen
zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere, die abwechselnd
beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus
Jena, ein bankerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus Hannover,
ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mönch aus Würzburg, ein
Oberamtmann aus Meiningen, ein preussischer Husarenwachtmeister, ein
kassierter hessischer Major von der Festung und andere von ähnlichem
Stempel. Man kann denken, dass es an Unterhaltung nicht fehlen konnte;
und eine blosse Skizze von dem Leben der Herren müsste eine
unterhaltende, lehrreiche Lektüre sein. Da es den meisten gegangen war
wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein grosses Komplott zu
unser aller Befreiung.«
Es wurde Seume angeboten, Rädelsführer der Verschwörer zu sein, doch auf
den Rat eines alten Feldwebels hin schlug er dies ehrenvolle Amt aus.
»Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen ausziehen, der Wache stürmend
die Gewehre wegnehmen, was sich widersetzte niederstechen, das Zeughaus
erbrechen, die Kanonen vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und
1500 Mann stark zum Thore hinaus marschieren. In drei Stunden wären wir
über der Grenze gewesen.« Jedoch das Komplott wurde verraten, die
Rädelsführer wurden verhaftet, unter ihnen Seume. Er wurde aber bald
wieder freigelassen, da niemand etwas gegen ihn aussagen konnte und
besonders weil es zu viele geworden wären, die hätten bestraft werden
müssen. »Der Prozess begann,« sagt er, »zwei wurden zum Galgen
verurteilt, worunter ich unfehlbar gewesen sein würde, hätte mich nicht
der alte preussische Feldwebel gerettet. Die Übrigen mussten in grosser
Anzahl Gassen laufen, von sechsunddreissig Malen herab bis zu zwölfen.
Es war eine grässliche Schlächterei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar
nach der Todesangst unter dem Galgen Gnade, mussten aber
sechsunddreissig Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Fürsten nach
Cassel in die Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen
waren damals gleichbedeutende Ausdrücke und hiessen so viel als »ewig
ohne Erlösung.« Wenigstens war die Gnade des Fürsten ein Fall, von dem
niemand etwas wissen wollte. Mehr als dreissig wurden auf diese Weise
grausam gezüchtigt, und Viele, unter denen auch ich war, kamen bloss
deswegen durch, weil eine zu grosse Menge von Mitwissern hätte bestraft
werden müssen. Einige kamen beim Abmarsch wieder los, aus Gründen, die
sich leicht erraten lassen: denn ein Kerl, der in Cassel in den Eisen
geht, wird von den Engländern nicht bezahlt.«
Bei Truppen, wie diese es waren, waren Desertionen natürlicherweise
etwas gewöhnliches. Der Militärdienst war gefürchtet, und in kleineren
Staaten hätte eine gelungene Flucht den Deserteur nach wenigen Meilen
über die Grenze gebracht. Das Volk sympathisierte mit ihm und würde ihm
geholfen haben, wenn hierauf nicht schwere Bestrafung gestanden hätte.
Dies war indess nicht nötig. Wenn in Württemberg Allarm geschlagen
wurde, musste sofort die ganze Gemeinde ausrücken und 24 Stunden lang
die Strassen, Fusspfade und Brücken besetzen, bis der Flüchtling
gefangen war. Wenn er entschlüpfte, so musste der Ort einen Ersatzmann
stellen, der ebenso gross war wie der Deserteur, und die Söhne der
ersten Männer des Ortes wurden in erster Linie genommen. Dieser Befehl
musste jeden Monat einmal von der Kanzel verlesen werden. Wer einem
Deserteur behülflich war, verlor die Bürgerrechte, wurde zu Zwangsarbeit
verurteilt und im Gefängnis gepeitscht. Die Gesetze in Hessen-Cassel
scheinen etwas weniger grausam gewesen zu sein. Bauern, die einen
Deserteur festnahmen, bekamen einen Dukaten; aber wenn ein Deserteur ein
Dorf passierte, ohne festgenommen zu werden, so musste das Dorf für ihn
bezahlen. Jeder Soldat, der sich über eine Meile von seiner Garnison
entfernte, musste mit einem Pass versehen sein, und alle Personen,
welche ihm auf eine grössere Entfernung von zu Hause begegneten, sollten
ihn danach fragen. Ein charakteristischer Fall ereignete sich 1738. Ein
preussischer Werbeoffizier und die Frau eines preussischen Soldaten
verleiteten einen Anspacher Soldaten zu desertieren um sich in die
preussische Armee einreihen zu lassen. Sie wurden durch die Anspacher
Behörde aufgefangen. Die Frau wurde gehängt; der Offizier musste bei der
Exekution zugegen sein und wurde dann in die Festung eingesperrt. Der
Deserteur scheint mit dem Leben davongekommen zu sein, da er ein
wertvolles Verkaufsobject war.
Wenn der Rekrut in die Liste eingeschrieben war, musste der Offizier
oder Unteroffizier ihn in die Garnison bringen. Dies gab natürlich
Gelegenheit zum Entfliehen; Kapp führt aus einem Buch, das 1805 in
Berlin gedruckt ist, die Vorsichtsmassregeln an, welche gegen diese
Gefahr anzuwenden waren. Der Unteroffizier, der den Rekruten begleitet,
muss Säbel und Pistolen tragen. Er muss den Rekruten vor sich her
marschieren, ihn aber niemals zu nahe an sich herankommen lassen und ihm
ankündigen, dass jeder verdächtige Schritt ihm das Leben kosten kann.
Grosse Städte muss er vermeiden, ebenso Orte, wo der Rekrut vorher
gedient hat. Es ist auch wünschenswert, den Ort zu vermeiden, wo der
Rekrut geboren ist. Sie müssen die Nacht in einem Wirtshaus zubringen,
dessen Besitzer Werbeoffizieren gut gesinnt ist. Der Rekrut und Offizier
müssen sich beide auskleiden, und ihre Kleider sind vom Wirt aufzuheben.
Wirtshäuser, wo Rekruten einquartiert werden, müssen besondere Räume
dafür haben, möglichst eine Treppe hoch und mit vergitterten Fenstern.
Die ganze Nacht muss ein Licht brennen, und der Unteroffizier muss seine
Waffen dem Wirt abgeben, damit sie der Rekrut nicht wegnehmen und gegen
ihn gebrauchen kann in der Nacht. Des Morgens bekommt er sie zurück,
sieht nach der Ladung und dem Pulver auf der Pfanne, zieht sich an und
ist reisefertig, bevor der Rekrut seine Kleider bekommt. Der Rekrut
betritt ein Haus oder eine Stube zuerst; er verlässt es zuletzt. Bei den
Mahlzeiten sitzt er mit dem Rücken an der Wand. Erscheint er
verdächtig, fliehen zu wollen, so müssen ihm die Hosenträger und -knöpfe
abgeschnitten werden, so dass er die Hosen mit der Hand halten muss.
Ein guter Hund, der für dies Geschäft dressiert ist, wird für den
Unteroffizier sehr zweckmässig sein. Wenn ein Unteroffizier
unglücklicherweise gezwungen ist, einen Rekruten zu töten oder zu
verwunden, so muss er eine Bescheinigung von der Ortsbehörde beibringen.
Aber kein Dokument kann die Flucht eines Rekruten entschuldigen, ein
Vorfall, der in Preussen als ganz unmöglich gar nicht der Erwähnung wert
gehalten wird.
Die Leute, die zusammengebracht waren für den Dienst in Amerika, waren
vom militärischen Standpunkt aus von sehr verschiedenem Wert. Sie wurden
alle von einer englischen Kommission in den Seehäfen in Empfang genommen
und vor der Einschiffung gemustert, gewöhnlich durch Oberst Faucitt,
welcher die Verträge abgeschlossen hatte; während einige der Regimenter
als vorzüglich befunden wurden, zeigte es sich, dass andere zum Teil aus
alten Leuten und aus Knaben bestanden, die den Strapazen nicht gewachsen
waren. Einige von den Soldaten wurden infolge dessen verworfen,
besonders in den letzten Jahren des Krieges, als es in vielen Städten
schwieriger wurde, gute Leute zu bekommen.
Es ist nach dem Quellenmaterial schwer zu beurteilen, welche Chancen ein
gemeiner Soldat hatte zu avancieren. Seume schreibt, dass er Aussicht
auf Avancement hatte, die aber durch die Beendigung des Krieges zerstört
wurde, da in Friedenszeiten einer, der nicht adelig war, es nicht weiter
als bis zum Feldwebel bringen konnte. Kapp behauptet, die Offiziere
gehörten meistens dem niederen Adel an. Die Rangliste der hessischen
Offiziere von 1779 weist dies nicht aus. Es zeigt sich, dass zu dieser
Zeit mehr als die Hälfte der Offiziere nicht adelig war.
Wir kommen zum Schluss zur Charakterisierung der Offiziere. Ihre Bildung
beschränkte sich im Allgemeinen auf ein gewisses Mass von Fertigkeit im
Schreiben und auf ein wenig barbarisches Französisch. Sie verstanden
weder die Ursache, aus welcher die Amerikaner kämpften, noch vor allen
Dingen die Sprache, in welcher die verschiedenen Staatsmänner ihre
Ansprüche geltend machten. Doch, wenn sie viel mehr verstanden hätten,
als es der Fall war, sie wären auf der Seite königlicher Vorrechte den
Rechten des Volkes gegenüber gewesen. Ich weiss mich keines Falles zu
erinnern, in dem nur ein an diesem Krieg beteiligter Offizier einen
Ausdruck gebraucht hätte, der eine Übereinstimmung mit der geistigen
freiheitlichen Bewegung des 18. Jahrhunderts gezeigt hätte. Einmal
finden wir sie von dem Despotismus des Kongresses sprechend. Diese
absurde Idee war ihnen wahrscheinlich durch die Engländer eingeflösst
worden und war von der anti-amerikanischen Presse in Deutschland
aufgenommen worden. Es lässt sich schwerlich bezweifeln, dass viele der
Offiziere sowohl als Soldaten mit Vergnügen ihrer Thätigkeit in Amerika
entgegensahen, schon um die Eintönigkeit des Garnisondienstes zu
unterbrechen.
Es bleibt noch zu erwähnen, dass viele der Soldaten, meist solche, die
in Gefangenschaft geraten waren, Bürger der Republik wurden, welche sie
helfen sollten zu unterdrücken.
Kapitel V.
Von Deutschland nach Amerika.
Die ersten deutschen Truppen, welche nach Amerika gingen, waren die
Braunschweiger. Diese marschierten am 22. Februar 1776, 2282 Mann stark,
von Braunschweig ab und wurden in Stade, in der Nähe der Elbmündung,
eingeschifft. Die zweite Braunschweiger Division, ungefähr 2000 Mann,
schiffte sich Ende Mai ein. Die erste hessische Division brach Anfang
März von Cassel auf und wurde in Bremerlehe, in der Nähe der
Wesermündung, eingeschifft, die zweite Division folgte im Juni; sie
zählten zusammen zwischen 12 und 13000 Mann. Sie waren zum grössten Teil
ausgezeichnete und wohlausgerüstete Truppen, denn die kleine Armee des
Landgrafen galt als eine der besten in Deutschland.
Der Marsch von Braunschweig und Cassel zu den Häfen war eine
verhältnismässig einfache Sache. Die Truppen kamen aus den Gebieten der
eigenen Fürsten in die hannöverschen Landesteile des Königs von England
und diese reichten bis an die See. Der Fürst von Waldeck schickte sein
Regiment durch Cassel ohne Störung. Der Graf von Hessen-Hanau, der
Markgraf von Anspach-Bayreuth und der Fürst von Anhalt-Zerbst hatten
einen längeren Weg zu machen und grössere Schwierigkeiten zu überwinden.
Die Truppen der letzteren sollten auf Booten den Rhein hinuntergeschickt
werden. Abgesehen von mehreren kleinen deutschen, am Rhein gelegenen
Staaten, welche ihnen den Durchgang verwehren konnten, war Preussen,
dessen Territorien sie passieren mussten, im Stande, ihnen grosse
Schwierigkeiten zu bereiten. Friedrich der Grosse versagte selbst seinem
Neffen, dem Markgrafen von Anspach, seine Einwilligung, sein Land zu
passieren. In einem Brief an ihn drückte er ihm sein Befremden aus, dass
deutsche Fürsten das Blut ihrer Landeskinder für fremde Interessen
opferten. Nebenbei war es ein kleiner Akt der Rache an England wegen
dessen schlechten Verhaltens inbetreff des Hafens von Danzig.
Seume hat von seinen Erlebnissen auf der Seereise folgende Beschreibung
hinterlassen:
»In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrückt, geschichtet
und gepöckelt wie die Heringe. Um Platz zu sparen hatte man keine
Hängematten sondern Verschläge in der Tabulatur des Verdecks, das schon
niedrig genug war, und nun lagen noch zwei Schichten übereinander. Im
Verdecke konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen und im
Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren für je sechs
Mann. Wenn vier darin lagen, waren sie voll und die beiden letzten
mussten hineingezwängt werden. Das war bei warmem Wetter nicht kalt: es
war für den Einzelnen gänzlich unmöglich sich umzuwenden und ebenso
unmöglich auf dem Rücken zu liegen. Die geradeste Richtung mit der
schärfsten Kante war nötig. Wenn wir so auf einer Seite gehörig
geschwitzt und gebraten hatten, rief der rechte Flügelmann: Umgewendet!
und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf der andern Seite quantum
satis ausgehalten, rief das nämliche der linke Flügelmann. Die
Verpflegung hielt gleichen Schritt mit der Unterbringung. Heute Speck
und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; zuweilen Grütze und Graupen und
zum Schmause Pudding, den wir aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb
mit süssem Wasser und altem Schöpsenfett machen mussten. Der Speck
mochte wohl vier oder fünf Jahre alt sein, war von beiden Seiten am
Rande schwarzstriefig, weiter hinein gelb und hatte nur in der Mitte
noch einen kleinen weissen Gang. Ebenso war es mit dem gesalzenen
Rindfleisch. In dem Schiffsbrot waren oft viele Würmer, die wir als
Schmalz mitessen mussten, wenn wir nicht die schon kleine Portion noch
mehr reduzieren wollten: dabei war es so hart, dass wir nicht selten
Kanonenkugeln brauchten es nur aus dem gröbsten zu zerbrechen; und doch
erlaubte uns der Hunger selten, es einzuweichen; auch fehlte es oft an
Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei
französisch; die Engländer hätten ihn noch im siebenjährigen Kriege den
Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazin
gelegen, und nun füttere man die Deutschen damit, um wieder in Amerika
die Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, tot zu
schlagen. Gott muss aber doch nicht recht gewollt haben. Das
schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbnis. Wenn ein Fass
heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck nach
einer Mischung von allen möglichen übeln Gerüchen. Es war angefüllt mit
fingerlangen Würmern, und es musste durch Tücher gefüllt werden, bevor
man es trinken konnte: und dann musste man immer noch die Nase zuhalten.
Rum und manchmal ein wenig starkes Bier verbesserten das Getränk.«
Auf diese Weise zusammengepfercht, in dicker Luft, mit schlechter
Nahrung und faulem Wasser, viele von ihnen ungenügend bekleidet, wurden
diese Jünglinge, alten Leute, Studenten, Kaufleute und Bauern Monate
lang auf dem Atlantischen Ozean herumgeworfen. Viele von den Leiden der
Reise waren zweifellos unvermeidlich, und viele von den Rekruten waren
schon an ein hartes Leben gewöhnt. Aber Vieles, was sie zu erdulden
hatten, war das Resultat von einem absichtlichen Mangel an Fürsorge und
grosser Habsucht. Was soll man sagen über das britische
Quartiermeister-Departement, das diese Leute auf die See schickte ohne
richtiges Essen und Trinken? Was vom Herzog von Braunschweig, welcher
seine Unterthanen nach Canada ohne haltbare Schuhe und Strümpfe schickte
und ohne Mäntel? Oft haben Menschen ein hartes Leben freudig ertragen,
weil sie den Grund verstanden. Aber diese armen Kerle litten für einen
Streit, der nicht ihr eigener war, nur um für die Mittel zu sorgen zur
Bezahlung der Schulden oder der Vergnügungen ihrer Herren.
Kapitel VI.
Die Schlacht von Long-Island, August 1776.
Die erste hessische Division, einige 8000 Mann stark, segelte an Sandy
Hook am 15. August 1776 vorüber und landete auf Staten Island, empfangen
von Artillerie- und Musketen-Salven. Die Division war unter dem Befehl
von Generallieutenant Philipp von Heister, einem alten Soldaten des
siebenjährigen Kriegs. Es wird erzählt, dass, als Landgraf Friedrich II.
ihn zur Führung des hessischen Expeditionkorps berief, er ihn mit den
Worten anredete: »Heister, Ihr müsst nach Amerika gehen.« -- »Sehr gern,
Hochfürstliche Durchlaucht, aber ich nehme mir die Freiheit einige
Bitten auszusprechen.« -- »Und die wären?« -- »Erstens, müssten meine
Schulden bezahlt werden, dann müsste für meine Frau und Kinder gesorgt
werden, bis ich wiederkomme, und wenn ich fallen sollte, müsste meine
Frau eine Pension bekommen.« Als der Landgraf dies lächelnd genehmigte,
rief Heister aus: »Nun sollen Ew. Hochfürstliche Durchlaucht sehen, was
dieser alte Kopf und diese alten Knochen noch leisten können.«
Die Armee, welche sich auf Staten Island unter dem Oberbefehl Sir
William Howes sammelte, zählte nach Ankunft der Hessen zwischen 25 und
30,000 Mann. Sie wurde unterstützt durch eine Flotte unter Sir Williams
Bruder, Lord Howe. Die gegnerische Armee unter Washington war etwa aus
13,000-14,000 Mann zusammengesetzt, von denen nicht mehr wie 6000 Mann
einige militärische Ausbildung genossen hatten und deren Offiziere im
bürgerlichen Leben gross geworden waren.
Die Hessen waren sehr erstaunt über den Reichtum und die Fruchtbarkeit,
welche sie auf Staten Island vorfanden. Die Kolonisten lebten in
bequemen Wohnhäusern, von Gemüse- und Obstgärten umgeben. Ihre
hellroten, von zwei kleinen Pferden gezogenen Wagen erregten die
Bewunderung der Deutschen. Ein Kolonist auf Staten Island lebte so
angenehm wie ein deutscher Landedelmann, und es erschien den Hessen
aussergewöhnlich, dass dies Volk sich gegen eine Regierung auflehnte,
unter welcher es sich so vieler Segnungen erfreute. Viele Amerikaner
waren bei der Annäherung der Hessen aus ihren Besitztümern geflohen und
die, welche blieben, machten zuerst Miene, sich widerspenstig zu zeigen;
aber als sie sahen, dass auf strenge Disziplin gehalten und regelrechte
Requisitionen unternommen wurden, kehrten die Flüchtlinge zurück und es
kam bald untereinander zu erträglichen, wenn nicht herzlichen
Beziehungen. Die britische Regierung hoffte noch die Kolonisten zu
versöhnen mit dem Mutterland, und strenge Befehle waren zur Vermeidung
von Exzessen gegeben worden.
Sir William Howe begann mit der Vereinigung seiner Truppen die
Vorbereitungen zum Angriff auf die Amerikaner. Die britische Avantgarde
unter Sir Henry Clinton, vereinigt mit den hessischen Jägern und
Grenadieren, die vom Oberst von Donop befehligt wurden, überschritten
die Narrows of Long Island am 22. August 1776. Ein Tagebuch, welches im
folgenden Jahr in einem »Magazin« in Frankfurt veröffentlicht wurde,
giebt einen genauen Bericht über diese Operation und von denen, die noch
folgten:
»22. August. Wir lichteten die Anker und segelten direkt gegen Long
Island. Die Kriegsschiffe kamen bis auf Schussweite an das Ufer heran
und richteten ihre Kanonen auf das Gestade. Um 8 Uhr morgens wimmelte es
an der ganzen Küste von Booten. Um 1/2 9 Uhr hisste der Admiral die rote
Flagge auf, und in einem Moment erreichten sämtliche Boote die Küste.
Die Engländer und Schotten mit der Artillerie wurden zuerst
ausgeschifft, und dann die Brigade Donop (die einzigen Hessen hier).
Nicht eine Seele machte Widerstand gegen unser Landen. Dies war der
zweite Fehler der Rebellen seitdem ich in Amerika bin. Der erste Fehler,
den sie machten, war auf Staten Island, denn sie hätten dort einen
grossen Teil der Unsrigen mit 2 6 Pfündern vernichten können, und jetzt
hätten sie uns auch in eine schlimme Lage bringen können. Wir
marschierten ebenfalls ungehindert durch Gravesend und kamen gegen Abend
in Flatbush an. 300 Riflemen waren kurze Zeit vor uns dort gewesen. Wir
schickten ihnen einige Kanonenschüsse nach, stellten unsere Pickets und
schliefen ruhig die ganze Nacht. Ich machte eine Beute von 2 Pferden,
von denen ich eines dem Oberst schickte, das andere meinem Diener als
Packpferd gab.
»23. August. -- Heute Morgen früh wurde der rechte Flügel unserer
Avantgarde angegriffen. Wir brachten 2 Geschütze in Stellung und warfen
sie zurück. Es regnete Kugeln. Hauptmann Congreve und ein Konstabler
wurden an meiner Seite verwundet, ein Engländer bekam einen Schuss durch
und durch. Am Nachmittag griffen sie auf der linken Seite des Dorfes an
und zündeten mehrere Häuser an, worauf wir uns in das Dorf zurückzogen.
Lieutenant von Donop wurde an der Brust verwundet; die Kugel streifte
eine Rippe. Ich avancierte auf dem rechten Flügel und besetzte einen
grossen Garten mit 150 Mann Jägern und leichter Infanterie. Als der
Feind von hier gewichen war, unterstützte ich Lieutenant von Donop. Die
Rebellen besetzten die Strasse mit 2 Kanonen und unsere schottischen
Hochländer bauten eine Batterie über den Weg mit Schiessscharten für 2
Kanonen. Ich hatte diese Arbeit zu decken und hatte den äussersten
Posten, wurde indessen wenig belästigt.
»24. August. -- Ein heisser Tag. Die Rebellen näherten sich zweimal und
schossen mit Haubitzen, so dass unsere gesamte Artillerie in Stellung
gebracht werden musste. Um Mittag schlief ich ein wenig, wurde aber
durch zwei Kanonenkugeln geweckt, die mich mit Erde bedeckten. Die
Rebellen haben einige sehr gute Schützen, doch manche darunter haben
sehr schlechte Gewehre. Aber sie sind listig wie die Jäger. Sie
erklimmen Bäume, kriechen auf dem Bauch wohl 150 Schritte vorwärts,
schiessen und gehen ebenso schnell wieder zurück. Sie machen sich
Deckungen von Ästen etc. Aber heute hatten sie grosse Verluste durch
unsere »Grünjacken«, denn wir lassen unsere Leute nicht eher schiessen,
als bis sie einen Mann gut auf's Korn nehmen können, so dass sie nicht
mehr wagen, irgend etwas gegen uns zu unternehmen.
»25. August. -- Wir verbarrikadierten uns in dem Dorf; des nachts
sollten sich unsere Jäger gehörig ausruhen. Gegen 2 Uhr weckten uns die
Rebellen aus unserem Schlummer; wir beruhigten sie schnell mit zwei
Kanonen und einigen Flintenschüssen. Heute wurden wir wieder
angegriffen, aber nachdem mehrere von ihnen ins Gras gebissen hatten,
zogen sie sich zurück. Long Island ist eine wunderschöne Insel, ein
Arkadien. Die entzückendste Gegend, voll von Wiesen, Kornfeldern, allen
Arten von Obstbäumen und gut gebauten Häusern. Es war noch eine grosse
Menge Vieh da, obwohl die Rebellen eine Menge mitgenommen hatten. Die
meisten der Einwohner waren aus ihren Behausungen geflohen. Die Rebellen
avancierten mit Macht. General Cornwallis wollte Oberst Donop
zurückziehen, aber er blieb wo er war und verschanzte sich.
»26. August. -- An diesem Tag wurden wir sehr beunruhigt und während der
Nacht fortwährend geweckt durch die Allarmierung der Vorposten. Dies war
nicht durch Angriffe der Rebellen verursacht, sondern meistens durch
Deserteure, die zu uns übergehen wollten; und wenn die Engländer und die
hessischen Grenadiere sie herankommen hörten, gaben sie sofort
Pelotonfeuer, falls sie nicht sofort eine Antwort bekamen. Heute traf
General von Heister mit 6 Bataillonen bei uns ein.«
»27. August. -- Unserm Oberst war versprochen worden, den ersten Angriff
zu machen, doch er hörte, dass die Engländer heute angreifen würden, und
er hatte weder gestern Abend noch heute Morgen einen Befehl bekommen.
Gegen 10 Uhr standen wir unter den Waffen (der Oberst hatte mit General
von Heister gesprochen) und gegen 11 waren wir alle in Schlachtordnung.
Auf unserer rechten und linken Seite gingen die Engländer vor und
vernichteten die, die wir zurückwarfen. Auf dem linken Flügel, wo ich
die Avantgarde (50 Jäger und 20 Grenadiere) kommandierte, stand Oberst
Block mit seinem Bataillon. Hinter mir hatte ich Kapitän Mallet mit
einer Kompagnie als Reserve. Im Zentrum griff Hauptmann von Wrede an und
hatte das Bataillon von Minnigerode hinter sich. Auf dem rechten Flügel
stürmte Kapitän Lory vor, unterstützt durch die 3 übrig gebliebenen
Kompagnien des Bataillons Linsingen.«