Dritter Teil

Was seit jener abgründigen Stunde in Jahr und Tag sich begeben hat, das

des Weiteren aufzuzeichnen, widerstrebt mir.

Nun! Ich war in allen drei Anklagepunkten schuldig befunden und

hauptsächlich wegen tätlicher Mißhandlung eines Höheren nach

militärischem Strafrecht zu neun Monaten Garnisonsarrest verurteilt

worden.

Meinen Vater habe ich während meiner Haft und auch nachher nicht mehr

gesehen.

Später, zu Beginn des Weltkrieges, in New-York, las ich in den

Zeitungen öfters seinen Namen, der aber nach und nach aus den Berichten

verschwand. Der sogleich zum General der Infanterie avancierte Führer

dürfte unter den ersten Generalen gewesen sein, die schuldig oder

unschuldig, meist jedoch schuldig abgesägt worden waren.

Ob er heute noch lebt, wo, und nachdem Macht und Einfluß seiner

Gesellschaftsschicht zerschmolzen sind in welchem Ausgedinge, das weiß

ich nicht. Ich wende mein Haupt nicht mehr rückwärts. Ich bin mit ihm,

-- -- und als einer, der an der sogenannten alten „Militärgrenze“

geboren wurde, auch mit meiner alten Heimat fertig.

+Ave atque Vale+ ihnen beiden!

Während meiner Haft hatte ich mir durch Notenkopieren, Kollationieren,

Korrigieren einiges Geld verdient. Meine Ersparnisse nach der

Entlassung waren etwas größer, als die Kosten eines +ticket+

dritter Klasse und die gesetzlich vorgeschriebene Summe betragen, die

man vorweisen muß, um hüben an Land gehen zu dürfen.

Ach, als ich die Kanzlei des Garnisonsgerichts verlassen hatte, meine

Ersparnisse und die endgültig letzte militärische Löhnung in der

Tasche, war ich zum erstenmal im Leben ~frei~!

Sogleich verkaufte ich meine ganze Militärgarderobe, schaffte mir

einen Zivilanzug und das sonst noch Nötige an, nahm ein für drei Tage

gültiges Schnellzugsbillett nach Hamburg und verließ eines schönen

Julimorgens die Residenz, die lustig in ihrer flittrigen Frühe dalag,

ohne das schon deutliche Verhängnis auch nur zu ahnen.

Nach einer Reise von wenigen Stunden fuhr der Zug in die Bahnhofshalle

jener großen Landeshauptstadt ein, in der ich meine Kindheit verbracht

habe.

Ich weiß nicht, trieb mich der Teufel oder war es der Wunsch, in dieser

uralten Krönungsstadt endgültig Abschied von der alten Welt zu nehmen;

ich ergriff meinen Koffer, stieg aus und beschloß erst morgen weiter zu

fahren.

Es war Mittag. Die Sonne schwamm auf noch regenfeuchten Straßen. Dies

alles war fremd für mich und wie aus mir gelöscht. Die Luft drückte --,

staubig angestrengt die Gesichter der Menschen -- mich befiel zuerst

Langeweile, dann ein recht unerklärliches Mißbehagen, ich wurde nervös

und begann die Unterbrechung meiner Reise zu bedauern.

Ein endlos langer Nachmittag stand stöhnend vor mir.

Da fiel mir an irgend einer Litfaßsäule ein Plakat auf: „Hetzinsel --

Vergnügungspark -- Kinematograph -- Scenic-Railway -- Rutschbahn --

Militärmusik -- Restaurant, vorzügliche kalte und warme Küche!“

Hetzinsel! Das kannte ich doch schon, dort mußte ich doch damals

gewesen sein! Ich hatte das richtige Programm für diesen öden

Nachmittag gefunden.

Ich trat durch ein luftiges Torgerüste, von dem viele Fahnen

niederwehten. Durcheinander gewälzter Schall von elektrischen

Orgel-Musiken empfing mich, -- -- -- und mit einem Schlage war jener

~dreizehnte Geburtstag~ in mir lebendig.

Nur war alles im Laufe der Jahre dürftig und fadenscheinig geworden.

Die Karusselle drehten sich langsamer, ihre Buntheit war ein wenig

entzaubert, durchlöchert und verblaßt wehten die Soffitten im Winde des

Kreislaufs.

Vor der Grottenbahn stand nicht mehr ein Zwerg und eine Riesin,

quäkend, paukenschlagend, nein, ein Herr im Gehrock mit großer

Uhrkette, der ebensogut Hofrat oder Intendant eines Stadttheaters

hätte sein können. Allerdings die Märchenautomaten an der Außenwand

des Gebäudes ruckten und zuckten noch immer, und auch der mechanische

Mozart schlug seinem unsichtbaren Orchester unermüdlich noch immer

diesen gespenstisch unzugehörigen Takt, -- aber, wer von uns war so

sehr gealtert?

Das Wetter war eben nicht das Beste. Unmut starrte am Himmel. Ein

Gewitterwind kreiselte Staub, Papier, Unrat, Schalen, Fetzen und

die kleinen Coriandoliblättchen eines verstorbenen Sommerfestes

durcheinander.

Da es Wochentag war, schlenderten, anders als damals, nur wenig

Besucher durch die Budenstraßen. Faul, schweigend, pfeifenrauchend, nur

manchmal aufkeifend, standen die Budenbesitzer und Verkäufer einzeln

und in kleinen Gruppen. Nichts, gar nichts ließ vermuten, daß die

gähnende, geschäftsschwache Muße eines schwülen Dienstagnachmittags

durch irgend ein Ereignis getrübt worden war.

Die barbarisch gewaltige Musik war die alte geblieben, ich erkannte

sie, und kaum weniger als damals verwirrte sie mit ihren Stürmen mein

Bewußtsein.

Wie ich so in dem infernalischen Feuerregen der herrlich

hervordröhnenden Opernarien stand, stieg in mir die Erinnerung an eine

Bude, an jene Bude auf, in der Charakterpuppen in Schulbänken und auf

einer Scheibe sich bewegen -- ja, die Bude -- dort wo ich damals an

meinem Geburtstag falsch ausgeholt und statt den Kopf jener Figur zu

treffen, ihn, den Major, getroffen hatte.

Ich ging über einen Platz. Mein Blick traf das Becken einer nicht

springenden Fontäne. Der Wasserspiegel war gekräuselt.

Da trat ich zu einem der gaffenden Ladenhüter:

„Können Sie mir sagen, wo die Bude mit den automatischen Figuren steht,

denen man die Hüte vom Kopf wirft?“

Der Mann sah mich an, als hätte er gerade ~diese~ Frage erwartet.

„Sie meinen natürlich die Bude des alten ~Kalender~?“

„Wie der Mann heißt, weiß ich nicht!“

„Nun, der Kalender, der gestern in der Früh ermordet worden ist!“

„Kalender?“

„Aber! Die ganze Stadt spricht ja davon. Der Alte ist von seinem Sohn,

dem Lumpen, umgebracht worden. Vom August, dem Halunken!“

„Ich bin erst heute hier angekommen!“

„Ich dachte halt, Sie wollen die Bude auch sehen; die Leute laufen ja

den ganzen Tag, gestern und heute, massenhaft hin; die neugierigen

Nichtstuer die! Das ganze Geschäft wird einem verdorben, wenn das so

weitergeht!

Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle · 第 29 / 35 题