Wild sprang das Licht in allen Räumen auf.
Und jetzt!
Hoch erhob ich die Hantel...
Wer aber trat mit entgegen?
Die Füße in schlurfenden Pantoffeln, einen langen, grauen Schlafrock
umgehängt, die Gürtelschnur vorne nicht zugebunden, weiße Haare
zerzaust, der Schnurrbart ungestutzt, ungefärbt, grau, hart
hinabstechend, schwere Tränensäcke unter kleinen sterbenserschrockenen
Augen, totgezeichnete Backenknochen, blaue Lippen, die der Zähne
häßliches Gold angstklaffend nicht mehr verbargen, der also aus der
Türe schwankte, der alte Mensch -- war mein Vater.
„Du?“ fragte eine röchelnde Stimme.
„Ich!“ sagte eine andere scheppernd zerbrochenen Klanges.
Langsam rann mir das Blut über Wange, Kragen, Anzug und tropfte dick
auf die Parketten.
Ich trat, die Hantel immer hoch erhoben, zum Billard und befahl dem
Alten:
„Komm!“
Wo war der General? Wo der rasselnde Feld- und Weltherr? Ein Greis
im Schlafrock, sein betäubtes Auge auf die Waffe in meiner Hand, auf
das Blut in meinem Gesicht richtend, gehorchte wortlos und blieb in
Entfernung zitternd stehen.
Ich stampfte mit dem Fuß:
„Komm!“
Den Körper meines Vaters schüttelte sichtliches Fieber. Er sah aus wie
ein Mensch, der gegen wüsten Traum kämpft. Er duckte sich, versuchte
etwas zu sagen, kein Wort, kein Ton gelang.
Mein ganzes Wesen erschütterte göttlicher Rausch. Ah! Ich wartete auf
das große Stichwort! Die Hand mit der Hantel straffte sich immer höher,
höher!
Mit aufgerissenen Augen sah mich der Vater an. Kein Wort noch immer
brachte er hervor.
Meine Hypnose war so stark, daß er den Blick von mir nicht wegwandte,
noch auch zur Türe lief, was für ihn leicht gewesen wäre. Ich bog den
Arm ausholend zurück! Und da geschah etwas Wahnsinniges.
In meine Beine fuhr ein Rhythmus, über den ich nichts vermochte.
Gebieterisch streckte ich die unbewaffnete Hand aus. Der Vater duckte
sich noch tiefer, schützte mit den beiden Händen sein Hinterhaupt und
ich, ich verfolgte ihn gleichmäßig stampfenden Schrittes, Runde auf
Runde um den Billardtisch.
Er keuchte vor mir her und ich, die Beine im Tempo dieses unheimlichen
Triumphmarsches streckend, Abstand niemals verringernd, niemals
erweiternd, schritt hinterher, die Hand mit der Waffe erhoben, den Kopf
zurückwerfend in bewußtloser Begeisterung.
Immer asthmatischer wurden die Atemzüge des Gejagten. Sein Schlafrock,
aufgebunden, weitärmelig, rutschte über die Schulter, immer weiter,
fiel endlich ganz von ihm!
Das war kein Offizier mehr.
Ein nackter Greis mit mager tiefdurchfurchtem Rücken schwankte vor mir
her.
„Die Wahrheit“, dachte ich, „die Wahrheit“.
Das Triumphgeheimnis des unverständlichen Rhythmus genießend, immer mit
hocherhobener Hantel, stampfte ich weiter.
Wie lange der Marsch, die gemessene Jagd um den Tisch währte, -- ich
weiß es nicht.
Der andere verlor erst den einen Pantoffel, dann den zweiten,
schließlich torkelte er splitternackt vor mir.
Ich hielt nicht inne. Die schwarze Magie, wußte ich, darf nicht
schwächer werden.
Plötzlich blieb der alte, nackte Mann stehn, drehte sich zu mir um und
fiel keuchend auf die Knie. In seinen flehend erhobenen Händen lag die
Bitte:
„Tu es schnell!!“
Vor mir kniete kein Neunundfünfzigjähriger, vor mir kniete ein
Achtzigjähriger.
Noch einmal Wahnsinn, unerträglicher Triumph!!
Doch jetzt!
„Das hatte ich nicht gewollt, daß dieser Vater vor mir kniet. Er soll
es nicht tun. Keiner! Ist das Papa? Ich weiß es nicht. Aber ich werde
diesen Kranken nicht töten, weil ich es nicht genau weiß.“
Leid, Mitleid!
Noch immer kniete mein Vater vor mir. Aber was ist das? Überall auf
der Erde in breiten Klecksen -- Blut. Was habe ich getan? Ist das
~sein~ Blut? Habe ich sein Blut vergossen? O Gott! Was ist das? Nein,
nein! Dank, Dank! Ich bin kein Mörder. Es ist ja ~mein~ Blut, das ~er~
vergossen hat. ~Mein~ Blut! Und doch! Geheimnis! Sein Blut, ~unser~
Blut hier auf der Erde!
In diesem Augenblick hatte ich eine Vision, einen Gedanken, den ich
jetzt noch nicht verraten darf.
Ich hob den General auf, und warf ihm seinen Schlafrock um die
Schultern.
„Geh schlafen!“
Das war der einzige Satz, der in dieser Nachtstunde gesprochen worden
war.
Später, auf der Straße, schleuderte ich die Hantel und mit ihr die
Krankheit der Kindheit von mir.