„Diese subversiven Individuen sind heilige Menschen. Ich habe mit ihnen
verkehrt.“
Der General schluckte mehrmals. Jetzt zitterte auch seine andere Hand.
Er wandte sich um. Die beiden goldenen Krägen kamen auf Zehenspitzen
näher. Endlich hatte er sich von meiner Antwort erholt. Wieder diese
Stimme, so ganz und gar ungewohnt!
„Sie leugnen nicht. Gut! Weiter! Haben Sie in betrunkenem -- Zustand
-- den Befehlen eines Höheren, des Herrn Majors Krkonosch Widerstand
geleistet? Antworten Sie!“
„Ich habe vollkommen nüchternen Bewußtseins vor einem bübischen
Überfall Menschen geschützt, die dieses Schutzes wert waren. Den
Anführer dieses Überfalls, mag es Herr Krkonosch oder ein anderer
gewesen sein, kannte ich nicht!“
Der General schlug mit dem Fuß einen unheimlichen Takt und beschaute
sehr lange seine Fingerspitzen. Als er wieder aufsah, war sein Gesicht
in das eines Schwerkranken verwandelt.
„Gut! Auch das leugnen Sie nicht. Nun, die letzte Frage: Gestehen
Sie, an einem Höheren, eben dem Herrn Major Krkonosch sich tätlich
vergriffen zu haben?“
„Ja! Ich habe diese Handlung in einem Augenblick der äußersten
Erbitterung begangen, denn durch den Überfall dieses Mannes kam es zu
einer Schießerei, bei der -- vielleicht, -- Blut geflossen ist!“
„Leutnant Duschek, Sie bekennen sich hier drei schwerer Verbrechen
gegen den allerhöchsten Dienst schuldig!“
Ich richtete mich auf. Jetzt wollte ich die große „Wahrheit“ sagen:
„Vater!“
Der General trat einen Schritt zurück; dieses Wort erst hatte ihn um
die ganze Fassung gebracht. Er herrschte mich an:
„Was soll das?“
Jetzt hatte ich schon meine wachsende Gehässigkeit zu überwinden. Warum
schickte er die zwei Tröpfe dort nicht weg? Nochmals:
„Vater!“
Auf einmal war der General ganz kalt und ruhig. Die Gerte zitterte
nicht mehr.
„Im allerhöchsten Dienst gibt es nur Dienstes-, keine
Verwandtschaftsgrade.“
Allerhöchster Dienst! Allerhöchster Dienst! Dieses Wort kroch mit
tausend Würmern durch meine Seele. Ach, ich verstand ihn! Jetzt hatte
er sich wieder in seine Rolle gefunden. Jetzt wieder war er der starre
Römer und Spartaner, den zeitlebens zu spielen so bequem war. Haß fraß
sich in mir weiter und weiter. Dennoch zum drittenmal, doch sehr leise,
sehr leise:
„Vater!“
Nun aber hatte er wieder Oberwasser. Der Schreck von vorhin war aus
seinem Gesichte gewichen, das seine alte Maske annahm. Gemessen und von
der Ferne des Polarsterns schnarrte er mit den unklaren Vokalen der
militärischen Sprechart:
„Leutnant Duschek! Ich befehle Ihnen im Namen des allerhöchsten
Dienstes, diese Ausdrucksweise zu unterlassen!“
Zertreten, besiegt, wie immer! Es schlug über mir zusammen. Speichel
war Gift, jede Haarwurzel Wunde. Ich sah in eine von gelben Kreisen
durchtanzte Finsternis.
Mit aller Kraft schrie ich:
„Ich scheiße auf deinen allerhöchsten Dienst!“
Der General taumelte zurück. Die beiden Majore stützten ihn. Er
fand keinen Atem, stieß einen unsagbaren Laut aus. Plötzlich stürzt
er sich auf mich. Ich sehe nicht mehr das Gesicht eines kaltsinnig
beherrschten Truppenführers, ich sehe das schmerzverzerrte Gesicht
eines geschlagenen Vaters, ich sehe mehr noch, jetzt....
In diesem Augenblick traf mich breit über die Backe, dicht unterm Auge,
der Hieb seiner Reitpeitsche!
Das erste war, daß ich sinnlos vor Schmerz die Hände vors Gesicht hob.
Nach und nach, wie sich das Blut in die zerrissenen und gequetschten
Gewebe wieder ergoß, verwandelte sich der unerträglich beißende Schmerz
in ein etwas erträglicheres Brennen und Glühen. Besinnung kam und mit
ihr grenzenlos die Wut.
Der General hatte die Gerte fallen lassen. Er keuchte und bohrte beide
Fäuste gegen das Herz. Es schien ihn ein Krampf gepackt zu haben.
Ich sah das, wurde ganz kalt, schützte meine Wange mit dem Taschentuch
und verließ, von keinem gehindert, Zimmer und Haus.
Auf der Straße straff ausschreitend, wie bei der Parade:
„Wenn nur niemand das Schandmal auf meinem Gesicht sieht! Übrigens
ist das gleichgültig! Aber jetzt, zum erstenmal im Leben, bin ich
Offizier! Offizier! Ja, Offizier! Ich muß Genugtuung haben. Ich werde
mich mit ihm schlagen, mag auch die Welt drüber verrückt werden! Mein
Gesicht brennt! Meine Wange brennt! Ist, was ich vorhabe, der richtige
Weg? Ich weiß es nicht! Nur kalte und klare Entschlossenheit!“
Stumpfsinnig verfolgten mich diese letzten Worte ununterbrochen: Kalte
und klare Entschlossenheit. Der Schmerz peinigte. Kein Gedanke!
Ich stand auf der Landstraße, die längs des Stromes führt. Weit
draußen, fast in der Nähe jenes Hauses. Ich mußte besinnungslos eine
Stunde lang und mehr gewandert sein. Wie kam ich hierher?
„Kalte und klare Entschlossenheit“ befahl ich mir selbst. Wo hatte ich
diese Phrase nur gelernt? Ah! Ich sah einen schon wackligen Major auf
dem Katheder hin- und hergehen. Mit einem Stock zeigt er auf die Tafel,
auf der Vierecke, Rechtecke, Wellenlinien gemalt sind. Er skandiert
scharf: Kalte und klare Entschlossenheit, I--ni--ti--a--tive!
Ich kehrte zur Stadt zurück und ging, ohne Angst, verhaftet zu werden,
in mein Hotel.
„Ob jemand nach mir gefragt habe?“
„Nein, die ganzen Tage hat niemand nach dem Herrn Leutnant gefragt und
auch kein Brief ist angekommen.“
„Aber Herr Leutnant,“ rief der Portier ganz entsetzt, „Herr Leutnant
haben den Säbel vergessen, können leicht einen Anstand haben.“
„Ich weiß. Schon gut!“
Ich preßte das Taschentuch an die Wange.
„Hören Sie einmal, Portier! Können Sie mir sofort einen Zivilanzug
verschaffen? Aber in einer halben Stunde spätestens muß er hier sein!“
Das ließe sich machen. Ich solle nur auf mein Zimmer gehen und mich
gedulden!
Warum ich Zivil anziehen wollte, wußte ich nicht bestimmt, jedenfalls
fühlte ich, das wäre der erste Entschluß meiner „Initiative“!
Ich schaute in den Spiegel. Meine Backe war geschwollen.
Blutunterlaufen in allen Farben zog unterm Auge der lange Hieb der
Reitgerte. Im Tobsuchtsanfall warf ich den Alaunstein gegen den
Spiegel, der ein großes Loch davontrug, von dem nach allen Seiten
hundert Radien ausgingen.
Endlich brachte der Portier den geliehenen Anzug. Er paßte ganz gut.
Für einen Augenblick vergaß ich alles und drehte mich um mich selbst.
Ich gefiel mir. Nur mit dem Hemdkragen hatte es seine Not. Alle waren
zu niedrig und zu weit für meinen langen Hals. Ich band deshalb einen
Shawl um und ging auf die Straße, um ein Modewarengeschäft zu suchen.
Dort wollte ich mir den richtigen Kragen kaufen.
Nur ruhig! Das Notwendige wird sich schon finden!
Ich trat in einen Laden.
„Haben Sie sehr hohe Stehkragen?“
Die Verkäuferin breitete eine Menge Kragen vor mir aus.
„Hier wäre die Marke „Kainz“, Stehumlegekragen. Sehr schick.“
„Nein, der ist zu niedrig.“
„Hier die Marke „Dandy“, Stehkragen mit englischen Ecken; wird sehr
viel verlangt.“
„Der Kragen, den ich brauche, muß noch höher sein.“
„Noch höher? Bitte! Da hätten wir diese Marke! „Globetrotter.“ Sehr
fein und elegant. Nur für Kavaliere.“
Auch der paßte nicht.
Plötzlich sah ich an der Wand des Ladens ein Reklameplakat: Ein alter,
lachender Herr hält zwischen zwei koketten Fingern einen großen Knopf,
auf den er einladend mit der Hand deutet. Sein Hals steckt in einem
riesigen Kragen, der ihm bis über die Ohren reicht und vorne weit
ausgeschnitten ist.
Ich zeigte auf das Plakat:
„Sehen Sie, so einen Kragen möchte ich haben!“
Das Fräulein lachte:
„Solche Kragen haben die Herren vor hundert Jahren getragen. Das sind
doch sogenannte Vatermörder!“
Von diesem Augenblick an kam eine gewisse dumpfe Besonnenheit über
mich, als wüßte ich, was zu tun wäre.
Ehe ich mit irgend einem Kragen, den ich gekauft hatte, den Laden
verließ, verlangte ich noch einen Trauerflor und ließ mir den gleich um
den Arm heften.
Warum ich das tat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß mir unendlich
wehe und heimatlos ums Herz war.
Ich kehrte ins Hotel zurück und vollendete meinen Anzug. Dann
erkundigte ich mich nach Herrn Seebär.
Es hieß, er wäre zwei Tage ausgeblieben, heute morgen aber für einen
Augenblick im Hotel aufgetaucht und sogleich zur Arbeit gegangen.
Jetzt erst fiel mir Sinaïda ein. Vielleicht ist sie gar nicht tot.
Beschitzer hat ihren Namen ausgestrichen. Dafür gibt es manchen
Grund. Sie lebt gewiß. Und er, vielleicht ist er nichts als ein
alter Träumer, der die Welt nicht kennt. Und doch! Welche mächtige
Organisation hat dieser Träumer hinter sich, da es ihm gelungen ist,
jenen Zettel in mein Brot backen zu lassen. Also muß er in Verbindung
mit der ärarischen Bäckerei stehen, muß einen Mann haben, der dieses
~eine~ Brot von der Pyramide wegstiehlt, zum Garnisonspital bringt
und dort dem Wärter übergibt, der auch mit im Spiele sein muß.
Aber die Zarenreise? War sie Wahrheit, war sie Phantasterei
verhungerter Gehirne?
Lebt Sinaïda? Ist sie denn überhaupt zu Boden gesunken? Nein! Das habe
ich nicht gesehen. Sie lebt!
Aber wie ferne war mir dies alles. Habe ich sie denn jemals im Leben
gesehen? War ich jemals mit Russen, Spielern, Opiumrauchern beisammen
gewesen? Wer weiß? Ich habe schon ganz andere Dinge geträumt.
Russen, Spieler, Opiumraucher -- das hatte ich doch schon einmal
geträumt! Aber ganz gewiß. Und der Schlitzäugige! Auch von ihm hatte
ich geträumt. Sicherlich! Wann? Gleichviel!
Sinaïda lebt, oder -- hat überhaupt niemals gelebt. Wie wenig aber
bedeutet das für mich, hatte ich doch eine Aufgabe, eine wichtige,
endgültige Aufgabe ganz andrer Art, denn meine Wange ~brannte,
brannte~!
Ich trat in ein Restaurant, um mich zu stärken. Kaum aber hatte ich ein
Paar Löffel Suppe zu mir genommen, mußte ich hinaus und mich übergeben!
So also ging es nicht. Gott war streng und forderte das Gelübde der
Enthaltsamkeit von mir, bis ich’s vollbracht haben würde.
Ich trieb mich wieder in den Straßen umher. Noch war die Zeit nicht
gekommen. Wenn ein höherer Offizier mir begegnete, fuhr ich mit meiner
Hand empor, um zu salutieren und nestelte dann verlegen an der Krämpe
meines steifen Hutes.
Endlich, endlich! Von irgend einem Turm schlug es fünf Uhr.
Was das für ein vornehmes Viertel war, in dem mein Vater wohnte! Und
ich? Pfui Teufel! Ich habe mir in meinem ganzen Leben kaum zweimal
Bücher und Noten kaufen dürfen. (Herrgott! Ich bin der Leihbibliothek
noch Geld schuldig!) Und mit dem Sattessen ist es auch nicht weit
her. Selbst als Kind, als Kadettenschüler, Sonntags vom häuslichen
Tisch stand ich hungrig auf. Wie gerne hätte ich ein Stückchen Fleisch
noch auf den Teller gelegt, oder gar einen Kolatschen, eine Buchtel!
Vielleicht auch würde es mir die Mutter nicht verwehrt haben. Aber ich
war so bescheiden, so feige bescheiden!
Bitterkeit!
Ach, was hatte das alles zu bedeuten? War doch der Tag gekommen.
-- Einst wird kommen der Tag --
Ist das nicht der schönste Vers aus dem ganzen Homer? Dreizehn
Jahre bin ich alt gewesen, als ich über diesen einzigen Vers Tränen
unverständlicher Wonne vergoß.
Ich mußte stehen bleiben:
„Leb wohl, alle Schönheit dieser Welt!“
Eine halbe Stunde ging ich vor dem Haus, das eins der schönsten des
ganzen Gesandtschaftsviertels war, auf und ab. Dann trat ich in die
Portierloge.
„Ist die Generalin zu Hause?“
Der Mann in Livree hochherrschaftlich, backenbärtig, legte langsam die
Brille auf die Zeitung, wurde vornehm:
„Ihre Exzellenz sind heute morgen abgereist!“
„Und mein ~Vater~ ist auch nicht zu Hause?“
Der alte Lakai machte zuerst ein dummes Gesicht, dann erhob er sich
schnell, knickig, lächelte untertänigst, stammelte:
„Euer Gnaden bitte gnädigst zu verzeihen! Kompliment! Gehorsamster
Diener! Habe nicht gleich erkannt. Seine Exzellenz sind ausgefahren,
kommen immer erst gegen Abend zurück. Bitte schön, bitte sehr...!“
Ich stieg die breite Treppe hinauf.
Der Bursche des Generals öffnete mir.
„Ich werde hier auf meinen Vater warten. Führen Sie mich weiter!“
Der Bursche, starr erstaunten Gesichts, ließ mich in einem großen
Zimmer allein.
In der Mitte des sehr weiten Raumes stand ein Billardtisch mit einem
Schutzüberwurf von grüner Leinwand, am Fenster aber ein Mignonflügel.
Neben dem Klavier in einem Schragen häuften sich Klavierauszüge von
Operetten und Notenheftchen mit den Schlagern dieses Jahrs. Meine
Stiefmutter! Ich fühlte eine Grimasse auf meinem Gesicht.
Das Nebenzimmer, dessen Tür offen stand, war ein kleiner Rauchsalon.
Von hier führte ein offener, von Portieren flankierter Eingang in das
Schlafzimmer meines Vaters, das schon für die Nacht in Ordnung gebracht
war. Ich sah das aufgeschlagene Bett. So deutlich war dieser Raum vom
Billardzimmer sichtbar.
Ich wartete lange, dann rief ich den Offiziersburschen:
„Hören Sie, ich kann nicht mehr länger bleiben. Richten Sie ihm aus,
daß ich hier gewesen bin und morgen wiederkomme!“
Ich ging in den Vorsaal. Der Diener folgte mir.
„Wie bringe ich den nur fort?“
Es fiel mir ein, meine Schuhbänder fester zu schnüren. Während dessen
rief ich über die Schulter:
„Sie können an Ihre Beschäftigung gehen.“
Er verschwand.
Sogleich schlich ich mich auf den Zehen in das Billardzimmer zurück, wo
ich mich nach einem Versteck umsah. Ich tastete die Wand entlang, um
eine Tapetentüre, einen Wandschrank zu entdecken, dabei stieß ich, ich
weiß nicht wie, mit der hoch ausgestreckten Hand gegen eine Etagere --
der Nagel löste sich -- und mit ungeheurem Gepolter fiel das Gestelle
und alles, was darauf stand, zu Boden.
Hochauf horchte ich. Eine Sekunde, zwei Sekunden, eine Minute, zwei
Minuten, fünf Minuten.... es rührte sich nichts. Niemand hatte den
Lärm gehört. Ich begriff sofort, daß Dienerzimmer und Küche sehr weit
entfernt, vielleicht in einem anderen Stockwerk sich befinden mußten.
Ich ging daran, die Etagere zur Seite zu schaffen und die Gegenstände
aufzuklauben.
Billardkugeln! Zwei hatten sich unter die Möbel verrollt, die dritte,
rote, hielt ich mit einem merkwürdigen Grauen in der Hand.
Warum?
Heute weiß ich es.
Sonst lagen noch gerahmte und ungerahmte Photographien auf der
Erde, lauter unbekannte Menschen in Parade, Frack, Balltoilette,
herausfordernde Gesichter, verächtlich auf mich gerichtet.
Da aber war noch eine Photographie.
Ein Kadett, nicht älter als dreizehn Jahre, die rechte Hand auf ein
Geländer stützend, wie auf Befehl, das verängstigte Gesicht schief
hinaufgedreht.
Mystischer Schreck!
Lebte der noch immer, wollte er denn nie und nimmer tot, begraben,
vorbei sein? Dieser Kinderleichnam, warum schied er nicht aus meinem
Blut? Mein Gott! Ich zerriß das Bild. Mein Herz brach fast dabei.
Er, der Vater, hatte es nicht unterlassen, diese Siegestrophäe in
seinem Zimmer aufzustellen.
Noch etwas! Jesus! Das war ja eine der Hanteln, mit denen ich damals in
den Ferien Turnübungen machen mußte. Wie schwer sie ist! Ich erinnerte
mich an hundert Stunden und drückte das kalte Metall an meine Brust,
diesen Zeugen von Angst und Unglück, das mich niemals verlassen hatte.
Nach so vielen Jahren mußte ich sie hier finden! Das war kein Zufall.
„So lange war sie verborgen geblieben. Jetzt aber, in dieser Stunde,
kommt diese alte Hantel mir entgegen, sucht mich gleichsam, lockt mich
heran, mir jenen Gedanken einzugeben -- einzugeben -- nein zu sagen,
zuzurufen, den ich sogleich verstehe.“
Ich stutzte einen Augenblick.
Sollte ich sie mißverstehen? Dieses Stück Eisen, ~bittet~ es etwa
für meinen Vater, der es jahrzehntelang mit sich schleppt, der es nicht
zum Gerümpel, nicht auf den Kehrichthaufen wirft, nicht dorthin, von wo
es zum Schmelzofen wandern und um seine Form kommen muß.
Ist diese Hantel meiner Kindheit dem Vater für den Schutz dankbar?
Warum denn hat er sie aufbewahrt und ihr nach so vielen Übersiedlungen
hier in diesem Staatszimmer einen Raum gegönnt? Warum?
War es ganz gewöhnliche Unachtsamkeit?
Ah, nein! Seinem Blick entgeht keine Blindheit auf einem Messingknopf.
War es Empfindsamkeit, verborgenes Erinnerungsgefühl, das dem kleinen
Knaben galt, der einmal sein Sohn gewesen war?
Ich hielt den Eisenkopf der Hantel ans Ohr.
Keine Antwort! Sie blieb stumm.
Für mich Antwort genug. Ich verstand sie.
Es mußte geschehn.
Ich prüfte die Festigkeit der beiden Köpfe, ob sie gut auf dem Stiel
säßen. Das Ding war wie aus einem Guß -- da steckte ich es in meine
Tasche.
Indessen war es schon recht dunkel geworden. Draußen sprang das Licht
der Laternen auf. Die Fenster malten gelbe Lichtquadrate auf Möbel und
Fußboden.
Ich entschloß mich, unters Billard zu kriechen; so war ich am besten
verborgen.
In die Leinwand des Überzugs schnitt ich mit dem Taschenmesser ein
Loch, ähnlich der Klappe im Theatervorhang -- so, nun konnte ich genau
beobachten, was hier und in den anstoßenden Zimmern vorging.
Ich weiß nicht warum, plötzlich erfaßte mich eine wütende Lust, mich zu
verraten, unerhört Klavier zu spielen, göttlich zu phantasieren, durch
die ungeheuren Akkorde alles Häßliche zu vernichten. Nur mit Mühe hielt
ich mich fest. Auf meiner Stirne stand der Schweiß in großen, kalten
Tropfen, so viel Kraft brauchte ich, dieses Gelüste zu überwinden.
Jetzt erst merkte ich, daß gleichmäßigen Schrittes eine große Uhr im
Zimmer tickte.
Ich klammerte meine Finger um die Hantel.
Es schlug acht Uhr....
Es schlug halb neun, es schlug neun. Draußen schallte die Brandung der
Stadt schwächer.
Was wollte ich eigentlich hier?
Ich wußte es nicht.
Ich wußte nichts.
Da -- ganz ferne hörte ich einen Schlüssel knirschen. Ich drückte den
Kopf in meine Hände.
„So war es gewesen -- damals! Sechs Jahre alt und noch jünger. Der
Schlüssel knirschte genau so. Ich vernahm es bis tief in meinen Traum.
Dann tappten Schritte, kamen näher, immer näher (o, ich verging vor
Furcht), ich spürte hinter den geschlossenen Augenlidern eine sanfte
Helligkeit, und jetzt beugte sich jemand über mich -- damals!“
Nun aber!
Meine Wange brannte wie Feuer.
„Wie Feuer!“ Laut stieß ich diese Worte hervor, als hoffte ich noch
immer, mich zu verraten.
Im Vorsaal Schritte und Stimmen.
Es waren zwei, die sprachen. Einer befahl und einer wiederholte die
Befehle.
Die Türe ging auf.
Mein Vater trat ein.
Der Bursche folgte.
„Also, er war hier gewesen?“
„Befehlen?“
„Ich frage: Mein Sohn war hier gewesen?“
„Jawohl, Exzellenz!“
„Wie hat er ausgesehen?“
„No -- so -- Exzellenz, ich bitt’ ghorsamst, ich weiß nicht.“
„Schauen Sie sich die Leute nächstens besser an!“
„Jawohl, Exzellenz!“
„Haben Sie mir die Pastillen vorbereitet?“
„Sie stehen auf dem Nachttisch, Exzellenz!“
„Und die Wärmflasche?“
„Die werde ich gleich bringen, Exzellenz!“
„Wann war er hier?“
„Befehlen?“
„Wann der Karl, -- wann mein Sohn hier war, frag’ ich.“
„So um halb sechs, und ist um viertel sieben wieder fortgegangen.“
„Hat er keine Nachricht hinterlassen?“
„Jawohl, Exzellenz! Der Herr hat gesagt, daß er morgen wiederkommen
will.“
„Herr! Herr? Welcher Herr? Der Herr Leutnant!“
„Exzellenz! Ich meld’ ghorsamst, der Herr Leutnant waren in Zivil.“
„Was? In Zivil? Während einer Untersuchung, in Zivil? Unerhört!“
Sporenklirrend ging der General auf und ab. Die Worte: „Pastillen,
Wärmflasche“ hatten mich fast verstört. Aber das „Unerhört“, von
widerwärtigem Sporenhochmut begleitet, brachte mich in Wut.
Jetzt kam der Bursche mit der Wärmflasche.
Der General hustete.
„Hat der Herr Leutnant nicht -- so -- krank ausgesehen?“
„Jawohl, Exzellenz! Bissel blessiert.“
„Wo hat der Herr Leutnant denn gewartet?“
„Hier im Zimmer!“
„So?“
Der General machte eine Pause, rasselte heftig, dann sagte er als
Abschluß mehrfach angestellter Erwägungen:
„Morgen sagen Sie dem Herrn Leutnant, daß ich dienstlich hier nicht
empfange, daß ich hier überhaupt nicht empfange! Verstanden?“
„Zu Befehl, Exzellenz!“
Über den letzten Satz geriet ich außer Rand und Band. Er hatte mich
geschlagen, gepeitscht und spielte die Allerhöchste Dienstkomödie
weiter.
Fester faßte ich die Hantel. Ein Wort war jetzt in mir: „Es ist
besiegelt.“
Die Haut auf meinem Gesicht spannte sich vor Brand und Erregung. Ich
fühlte, daß jetzt das zerstörte Gewebe meiner Wunde durch die Spannung
stellenweise aufbrach und das Blut langsam, warm über die Wange lief.
Nun, mir war’s recht, mehr noch, willkommen. Mein Vater hatte sich
unterdessen in sein Schlafzimmer begeben. Der Diener half ihm beim
Auskleiden. Ich wandte mich ab. Scham verhinderte mich, hinzuschauen.
Deutlich hörte ich nur das Ächzen, Stöhnen und Gähnen eines Mannes, der
nicht der gesündeste ist.
Endlich entfernte sich der Diener.
Der General drehte (der Knopf war über dem Bett) das elektrische Licht
mit einer Bewegung in allen Zimmern ab.
Nun war es ganz finster.
Ein unwilliger Körper warf sich hin und her.
Feucht war meine Stirn.
Immer noch rann das Blut über die Backe.
Meine Hände waren schon ganz naß davon.
Ich wartete das nächste Schlagen der Standuhr ab.
Zehn!
Nach dem letzten Schlag kroch ich aus meinem Versteck hervor.
Was geschehen werde, ich wußte es nicht. Meine Gedanken wurden von
diesem sinnlos wiederholten Satz beherrscht:
„Ins Reine kommen!“
Meine Rechte hielt die Hantel fest umfaßt. Ich zählte bis drei,
gewillt, beim Dritten das Zeichen zum Weltuntergang zu geben.
Eins -- zwei -- -- -- drei!
Ich gab mir einen Ruck, trat auf Fußspitzen zur Portièrentüre des
Schlafzimmers, stellte mich so auf, daß ich nicht gesehen werden konnte.
Lange verweilte ich so. -- Dann hob ich die Hantel und klopfte mächtig
an den dumpfschallenden Türpfosten.
Ich hörte, wie einer aus dem Bett auffuhr.
Heisere Halbschlafstimme wurde laut.
„Wer ist hier?“
Ich antwortete nicht.
Jetzt war im Zimmer wieder alles ruhig.
Aber ich fühlte: Er sitzt atemlos im Bett und horcht.
Zum zweitenmal drei furchtbare Schläge an den Pfosten.
Der drinnen sprang aus dem Bett. Ein schneller, fast jammernder Atem
flog. Tasten einer Hand nach dem Knopf des elektrischen Lichtes.