Ich hatte einen vorübergehenden Major nicht gegrüßt.
„Auch das wird aufhören,“ sagte ich.
Der Offizier starrte mich entsetzt an, dann wandte er hoffnungslos den
Kopf ab.
Wir mußten sehr lange warten.
Drei Tage hatte ich fast nichts gegessen. Mein Leib war wie ohne
Materie, ein Schweben fast, eine Lauterkeit, die mir Freude machte. Mir
fiel Beschitzers Ausspruch ein:
„Alle Angst ist Irrtum.“
Ich wiederholte diesen Satz immer wieder, denn irgendwo in einer
antipodischen Landschaft meiner Selbst war ein Rest von lauernder
Unruhe übriggeblieben.
Dennoch! Ich war bereit, mochte kommen, was da wollte. Für mein Gefühl
-- das ist keine Floskel -- hing das Schicksal der Menschen von dieser
Stunde ab.
Plötzlich aber wurde mein Kopf übermäßig klar.
Der Adjutant kam, grüßte kurz, richtete einige Worte an meinen
Begleiter, der sich entfernte, -- und ich stand im Zimmer meines Vaters.
Er saß an seinem Schreibtisch und schien zu arbeiten. Zwei
Stabsoffiziere hatten sich hinter ihm postiert, kurz auf seine Fragen
zu antworten, die er noch lange nicht unterbrach.
Ich verschränkte die Arme auf den Rücken, wie es Gelehrte tun, senkte
den Kopf und wollte langen und langsamen Schrittes vorwärts gehen.
Der Adjutant hielt mich am Arm fest und deutete auf eine Stelle nahe
der Türe:
„Nein! Hier bitte!“
Er zischte das.
„Nur keine Umstände,“ glaubte ich zu sagen, aber ich sagte nichts.
Weitschweifig drückte der General seine Zigarette aus und erhob sich.
Er war bräunlich, trotz der apoplektisch violetten Flecken auf seinem
Gesicht; schien schlecht geschlafen zu haben. Die Hand, in der er die
Reitgerte hielt, zitterte.
Ich stellte mit Absicht einen Fuß vor den andern und machte keine
Meldung.
Der General stand vor mir, wartete und gab es dann mit einem bösen
Verkneifen der Augen auf.
Jetzt stemmte er die Faust in die Hüfte:
„Leutnant Duschek! Sie sind ein Schandfleck der Armee!“
Ich dachte vor mich hin: Sinaïda! Mein Mund war offen, und ich fühlte
fast ein Lächeln.
„Lachen Sie nicht, lachen Sie nicht!“
Es war eine dumpfe, kaum beherrschte Stimme, die das sprach. Ich sah,
wie die Hand mit der Gerte zitterte. Der General holte schwer Atem.
Sein Schnurrbart war glänzend aufgefärbt, aber sein Scheitel nicht so
ordentlich wie sonst.
„Leutnant Duschek,“ -- die gleiche merkwürdig unsitzende Stimme --
„beantworten Sie mir folgende Fragen: