3. Tätliche Mißhandlung eines Höheren.

Der Auditor schüttelte ununterbrochen den Kopf:

„Ein Duschek von Sporentritt! Wie ist das möglich? Ich begreife Sie

nicht. Wie konnten Sie sich so vergessen!“

Er wollte mir helfen:

„Nicht wahr, Sie waren in N-dorf beim Heurigen. Gut! Man ist jung, man

will sich amüsieren -- aber ein honetter Mensch -- das sollten Sie

wissen -- legt bei solchen Anlässen des Bürgers Kleid an.

Sie haben eins über den Durst getrunken. Na, auch das verstehe ich! Auf

dem Heimweg, nicht mehr ganz Ihrer selbst sicher, geraten Sie an ein

Mensch.

Was?

An eine Prostituierte meine ich natürlich. Das muß aber eine von der

saubersten Sorte gewesen sein. Das Weib zieht Sie in das „Hotel zum

Loch“, wie es in der Gaunersprache heißt, in dieses Haus, wogegen

jedes Bordell ein adliges Damenstift ist. So etwas! Wissen Sie denn

eigentlich, wo Sie sich befunden haben? Unter dem schwärzesten

Gesindel, unter Banditen und Nihilisten, unterm Abschaum, in der Kloake

nicht dieser Stadt allein, sondern aller Metropolen der Welt.

Pfui Teufel! Sie wollen sich -- nochmals Pfui Teufel, -- gerade mit

ihrem Mensch, wie soll ich mich nur ausdrücken, zur Ruhe begeben, --

da weckt Sie die Pfeife dieses chinesischen Gauners, dem man schon

dutzendmal das Handwerk gelegt hat; aber der Schuft ist amerikanischer

Staatsbürger. Also das Gepfeife weckt Sie aus Ihren so süßen Träumen,

„Streifung“ weiß Ihre Dame sogleich und schleppt Sie zugleich mit all

den anderen in den Keller hinunter.

Und in Ihrer Volltrunkenheit vollführen Sie dann diesen unerhörten

Exzeß, der Ihnen die goldenen Sterne kosten wird, mein Lieber, jawohl,

mindestens die goldenen Sterne!

Also, jetzt fassen Sie sich! Ich werde, was ich Ihnen hier geschildert

habe, denn anders kann es sich ja gar nicht abgespielt haben, zu

Protokoll nehmen. Ich werde Ihnen jedes Wort vorsprechen. Unterbrechen

und verbessern Sie, wo Sie nur können. Sind Sie einverstanden?“

„Herr Auditor, ich bin nicht einverstanden!“

„Was, Sie sind nicht einverstanden? Himmelherrgottsdonnerwetter! Waren

Sie betrunken? Ja oder nein?“

„Nein!“

Der Auditor wurde eisig dienstlich! Er nahm ein Blatt Papier und setzte

den Bleistift an:

„Was haben Sie mir also zu sagen?“

Ich schwieg. Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß:

„Ich warte!“

„Ich bitte für heute das Verhör zu unterbrechen!“

„Gut! Wie Sie wollen! Ich hatte zwar die Absicht, Sie vorläufig

Ihrem dermaligen Kommando zur Verfügung zu stellen. Es ist auch ein

besonderes Dienststück gekommen. Aber -- Sie wünschen es selbst anders.

Ich danke!“

Die Ordonnanz trat ein. Ich wurde abgeführt.

Auf den Korridoren des Spitals schlichen die armen Bauernjungen, mit

den unreinlichen Krankheiten des Soldatenstandes behaftet. Sie hatten

blauweiße Lazarettmäntel an und pafften ihren Kommistabak.

Manche waren darunter, denen ich es ansah, daß sie aus dem letzten Loch

pfiffen. Wie hatte man nur diese Jammergestalten assentieren können?

Doch, wer hatte danach gefragt, als ich assentiert worden war, damals,

wo ich noch in die Volksschule gehört hätte.

Aus der „geschlossenen Abteilung“, der Überwachungsstätte für

Geisteskranke, brach großer Lärm. Die gepolsterte Türe wurde

aufgestoßen, und zwei Wärter führten einen halbnackten Mann über den

Gang, der heftig brüllte und Grimassen schnitt. Als er meiner ansichtig

wurde, blieb er stehen und hielt mit einem mächtigen Ruck auch seine

Führer zurück.

„Herr Leutnant,“ es war ein gurgelnder Dialekt, „Herr Leutnant, Herr

Leutnant -- i bin Luther, obs wollt’s oder net! Herr Leutnant, i bitt

g’horsamst, Sö sullns glaubn, sunst Sakra! I bin Lutta und i mog kan

heilen Vatta nöt habn. I mog kan heiln Vatta nöt!“

Die Wärter rissen ihn fort. Lange noch hörte ich ihn heiser

lamentieren: „Kan heiln Vatta!“

Vor der Türe meines Zimmers, das abseits lag und vor dem der Gang durch

ein Gatter abgeteilt war, verließ mich der Wachtposten und fing an,

eintönigen Schrittes auf und ab zu patrouillieren.

Wollte ich ein Bedürfnis verrichten, nahm er mich wieder in Empfang,

führte mich zum Retirat und wartete vor dem Eingang.

Auf der offenen Latrine saßen im Kreis die Männer und verrichteten ihre

Notdurft.

War das möglich? So oft bin ich in den Kasernen an den

Mannschafts-Aborten vorübergegangen und hatte das nicht bemerkt. Alles

mit Allen teilen, Mahlzeit, Schlafraum, und selbst dies hier offen

verrichten ~müssen~, welch’ eine Entwürdigung des Lebens! -- Und

Sinaïda? -- Auch sie war in den Gefängnissen Rußlands gewesen!

Wo ist sie? Lebt sie? Oder liegt ihre geheimnisvoll geliebte Gestalt in

irgend einer schäbigen Totenkammer? Vielleicht gar auf Eis, denn solche

Leichen kommen auf die Anatomie, in die Menschenlatrine der Großstädte.

O, ich war voll Stolz, während ich solches dachte!

Was ist denn der Tod? Ich bestehe auf ihn. Ich lasse mich nicht von

ihr, von niemandem lasse ich mich beschämen. Und jetzt! Jetzt wollen

sie mich um den Tod bringen, mich zu einem Verbrecher dritter Klasse,

zu einem Besoffenen, zu einem Exzedenten degradieren! -- Ich lasse mich

aber nicht betrügen.

Nicht mehr will ich als ein Schulbub vor den Vater treten, als ein

Kadettlein, das für jede Ohrfeige erreichbar ist, ja zu dem er sich

noch niederbeugen muß, um ihm die Tachtel zu versetzen. Nein, meinen

Kopf soll er gar nicht sehen, so hoch wird der in den Wolken stecken!

Ich will gestehen und sterben! Ich bin bereit!

Der Hauptmannrechnungsführer war des Morgens schon aus dem Zimmer

weggebracht worden. Nun gehörte der große Raum mir ganz allein.

Der Arzt hatte heute sich recht lange mit mir befaßt, den Schädel

abgetastet, meine Augen, meine Kniereflexe untersucht und am Schluß

die Frage gestellt, ob ich durch keine Magenübelkeiten gequält werde,

nicht Ohrensausen und Gesichtsstörungen verspüre? Nein, nein! Dies

alles nicht! Im Gegenteil! Meine Beine schlenkerten und tanzten in den

Gelenken. Ich fühlte mich leicht, göttlich leicht! -- Und dann dieser

neue, nie gekannte Enthusiasmus in meiner Seele. Den aber verschwieg

ich klüglich dem Doktor. Ich allein genoß ja diese Erhabenheit, diese

Stromschnelle der Gedanken. Immer ging ich auf und ab, und es waren

Wolken, auf denen ich ging.

Ich werde ihm gegenüberstehen und die Wahrheit sagen. Was ist Wahrheit,

fragt wohl Pilatus. Ich aber weiß wenigstens, was die Wahrheit ist, für

die ich sterben will. Ach, nicht das, was alle Menschen glauben werden.

Kein kleines Geständnis, etwa, daß man den Zaren ermorden wollte, oder

die tote Sinaïda liebt. (Ist sie tot? O Gott!) Anders ist ~meine~

Wahrheit.

Ich werde diesem General, diesem Vater sagen... Was denn?

Nun, die Wahrheit.

Ich werde solche Sätze zu ihm sprechen: Der Himmel ist blau. Schwalben

schießen durch die Luft: Nachtfalter fliegen ins Licht. -- -- Das sind

meine Wahrheiten, und wer sie erkennt, muß sich ja auf die Erde werfen

vor zielloser Liebe.

Ja, ihr habt mich alle verstoßen, weil ich häßlich bin und ein recht

mittelmäßiger Offizier, da hielt ich mich an die Gaststube der Frau

Koppelmann und überließ mich der Führung eines Taubstummen. Und ich

trat unter die Lumpen, die Opiumraucher und die Heiligen.

Das tat ich, weil es mir nicht gefiel, am Sonntag mit meinem Herrn

Vater auszureiten, mit ihm, der mich immer so böse traktiert hat, wenn

ich vor ihm beweisen wollte, daß auch ich Wer bin! Und nun soll er

selbst krank sein!

Aber gleichviel!

Die Lumpen und Heiligen, sie sind ein durchsichtiger Nebel für mich,

und jetzt sehe ich hinter diesem Opiumrauch überwältigt die geschaffene

Welt.

Ja, ich sehe sie, die Wahrheiten, für die ich sterben will:

Der Himmel ist blau! Die Schwalbe fliegt. Nichts anderes will ich ihm

sagen. Er aber wird sich wehren:

„Die Schwalbe fliegt,“ sage ich.

Er schreit den Adjutanten an:

„Bringen sie den Akt Nr. so und soviel!“

Aber meine Wahrheit wird die Akten und Dienststücke von seinem Tisch

fegen, und ich werde siegen -- siegen!

Traumlos und schwer schlief ich auch diese Nacht.

Am frühen Morgen des nächsten Tages (es war der dreißigste Mai) ahnte

ich schon, daß ich in wenigen Stunden vor meinem Vater stehen würde.

Ich putzte mir die Knöpfe blank, bürstete meine Stiefel und verwendete

große Sorgfalt auf meinen Anzug.

Eine große Ruhe hatte sich meiner bemächtigt.

Noch immer war ich fest entschlossen, „die Wahrheit zu sagen“, -- jene

Wahrheit, unter der ich mir selbst nichts Bestimmtes dachte.

Aber ich war voll Hoffnung. ~Heute~ mußte mich der Vater

verstehen, dessen war ich sicher; ich fühlte mein Wesen von einer

seltsamen Würde verklärt, gegen die auch er ohnmächtig sein würde.

Wie jung und unmündig war doch diese alte Existenz, diese recht

steifbeinige Exzellenz, mein Vater?

Immer nur in Kanzleien sitzen, an der Tête reiten, Front abschreiten,

Defilierung rechts, nachlässig den gebogenen Zeigefinger an die Kappe

heben, Untergebene abkanzeln, Vorgesetzten stramm den Vortritt lassen,

Sporenklappern, Hackenklappen, Zigaretten rauchen, -- ist das Leben?

Und ich?

Ich bin an der Queue marschiert, ich habe den Troß erlebt, Antlitz und

Schritt Sinaïdas, ich bin in Katastrophen gestanden!

O, um ein Weltalter war ich älter als der Vater, dieser Abkömmling

einer primitiven Zeit, dieser Berufssoldat +comme il faut+, diese

Blase, aufgeworfen vom militärischen Reglement.

Man sagt, daß die Welt altert, daß die Zeit immer älter wird! Und die

Väter, Geschöpfe der Welt und Zeit, die noch jünger, ungealterter ist,

gelten für älter als die Söhne, die einer schon gealterten Welt und

Zeit entstammen.

Das Alter der Person und das Alter des Universums steht also in einem

merkwürdigen Widerspruch.

Wie alt bin ich doch mit meinen fünfundzwanzig Jahren! Und gerade

deshalb! Meiner höheren Gereiftheit wird er nicht widerstehen können.

Die Katastrophe verwandelt sich in ein Versöhnungsfest, trotz alledem

-- und dann, dann habe ich meinen Frieden mit der Welt gemacht und will

den Tod des Königsmörders sterben, ihr nicht mehr nachhinken, werde

alles gestehen, alle Vorbereitungen, die Bombe vorweisen......

Ein Offizier holte mich ab.

„Herr Leutnant, machen Sie sich fertig! Wir müssen zum Korpskommando

fahren, auf Befehl Seiner Exzellenz, Ihres Herrn Vaters!“

Trotz der Hoheit, die ich über mir ruhen fühlte, schrak ich wild

zusammen.

Das Wort „Befehl“ hätte mich fast vergiftet. Der bittere Geschmack

meiner Kindheit war mir im Mund. Fassung! Ich hätte mir gewünscht,

gefesselt zu sein! Statt dessen salutierten mir auf Gängen und Stiegen

alle Soldaten mit schroff erschrockenen Rucken.

In der rumpelnden Droschke ergriff mich plötzlich Unbehagen. Wie wenig

paßte doch diese Uniform zu mir! Und warum hatte ich dunkelbraunes

Haar? Glatte, blonde Strähnen gebührten mir, ein Havelock von

Kamelhaar, Sandalen, kurz die Kleidung, wie sie die Naturmenschen, die

Vegetarianer, die Wüstenpropheten und die ganz Befreiten tragen, die

licht erhobenen Auges ruhig das Gerassel und Getümmel der großen Plätze

überqueren.

Wir waren angekommen und stiegen aus. Ich machte lange, langsame

Schritte, als würde eine Kutte mir um die Knie schlagen! Mein Begleiter

sah mich von der Seite wie einen Verrückten an.

Das Haus quirlte von Geschäftigkeit.

Angstgepeitscht liefen Unteroffiziere auf und ab, eilten durch die

langen Korridore, klopften an mächtige Türen mit nichtig devoten

Fingern. Offiziere schimpften wie immer, Posten schritten übernächtig

und mit nüchternem Magen in den Höfen auf und nieder.

Mir war’s, als müßte ich sie alle, alle zu mir rufen, denn mein Amt war

es ja, ~Versöhnung~ zu bringen. Wenn ich dieses Haus verlassen

werde, wird keiner mehr haßerfüllt verhaßten Befehlen gehorchen,

keiner mehr auf offener Latrine sitzen müssen.

Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle · 第 25 / 35 题