O, ich begriff ihn, Christus, den so unbegreiflichen, ich begriff ihn.
Du selig schlauer Genießer du! Für die Menschheit sterben! Das glaube
ich! --
Plötzlich sah ich eine Konditorei vor mir. Der Ladentisch biegt sich
unter der Last von Schaumrollen. Die Generalin in dem neuen schönen
Kostüm meiner Mutter schwelgt im Genusse der Näschereien. Ihre
gefärbten Haare sind hochauf onduliert. Sie zeigt eine verschrumpfte
Zungenspitze, an der ein Tropfen Schlagsahne hängt. „Christus --
Christus, exzellent, exzellent,“ lispelt die Generalin und bekreuzigt
sich.
Ich rieb mir die Augen. Wie wild du doch spielst, Phantasie! Und dieses
Gefühl von Größe und Aufopferung in meinem Herzen!
Was war nur mit Sinaïda gestern? Wie sieht sie denn aus? Ich konnte und
konnte mich nicht besinnen!
Jetzt sah ich mich in der Stube um.
Fünf Eisenbetten standen an den Wänden. Über jedem Bett hing eine
schwarze Kopftafel. Was war das? So viele Tafeln ohne chemische Formeln?
Und dann, diese Betten! Das war ja wie im Institut, da standen zehn
Eisenbetten in jedem Zimmer. Zehn eiserne Schlafkerker, -- aber sie
waren viel, viel kleiner, -- natürlich, wir sind ja damals noch Knirpse
gewesen.
Pfui Teufel! Wie kann man denn nur Kinder, die doch so sehr gesunden
Schlaf brauchen, des Nachts in solche Kotter sperren?!
„Das muß anders werden,“ schrie ich wütend. Da erwachte einer und
wälzte sich auf seinem Bett. Es war mein einziger Nachbar hier in
diesem Zimmer. Ich war ja immerhin noch Offizier und durfte deshalb in
einem schwachbelegten Extrazimmer liegen.
Der Mann seufzte, versuchte von neuem einzuschlafen, stöhnte
qualvoller, setzte sich endlich auf, jammerte vor sich hin:
„Nicht einmal Ehrenrat, nicht einmal....“
Ich trat an sein Bett.
Was war nur mit meinem Kopf?
„Nachbar,“ erklärte ich, „wir müssen niedrige Illusionen gegen höhere
Illusionen eintauschen, aber ohne Illusionen geht es einmal nicht ab.“
Er wurde wütend und spuckte aus. Dennoch erzählte er mir später seine
Geschichte.
Als Hauptmannrechnungsführer, der er war, hatte er Geschäfte mit
ärarischem Gut gemacht.
„Wer tut das nicht? Aber den Schuften kommt man nicht darauf. Immer
saust nur der anständige Mensch herein. Niederträchtig ist das Urteil.
Zwei Jahre Garnison!
Und was dann? Was soll ich mit der Familie tun? Fünf unmündige
Köpfe! Denn die Frau ist strohdumm und hochnäsig, eine richtige
Generalstochter! Ah, die Gute, die Gute! Sie wird mich nicht mehr
achten können. Und ich? Nicht einmal als Offizial werde ich mehr
unterkommen. Mein Gott, mein Gott!“
Ich setzte mich zu ihm, streichelte seine Hand.
„Sie werden ~leben~! Das ist herrlich. Ich aber werde
~sterben~. Das ist herrlicher. Ich möchte nur wissen, ob das
Gesetz den Galgen vorschreibt, oder ob einfach ein Detachement
kommandiert wird: Ein Offizier, ein Profos, sechs Mann, zwei
Spielleute! -- Dann an die Wand mit mir! Ein wenig seitab der
aufgeklappte Sarg, den der Regimentsarzt abklopft, als wäre es ein
Patient. Und dann, gut! Die Binde ums Aug’, aber ich bitte mir
eine seidene aus. -- Das wäre mir viel lieber als die peinliche
zivilistische Zeremonie. Ich freue mich, mein Wort, ich freue
mich darauf! O, es ist ein Opfertod, sagen Sie nichts, es ist ein
willkürlicher Opfertod! Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich
flehe Sie an: Lachen Sie nicht!
Was die Menschen Verbrechen nennen, es ist eine mystische, höhere Art
der Anbetung Gottes!“
Ich redete sinnlos. Der Rechnungsführer ward böse, drehte sich zur
Wand, brummte:
„Kusch, Narr!“
Mittags fand ich in meinem Brot, als ich es aufschnitt, diesen Zettel,
der die Handschrift Beschitzers trug.
„Gräme Dich nicht! Deine Tat erübrigt sich. Er, +N+(ikolaj)
+A+(lexandrowitsch) +R+(omanow) hat seinen Besuch abgesagt.
Ich bin dank der Organisation befreit worden. Auch Du fürchte nichts!
Sei schweigsam, laß Dich nicht überrumpeln, sie wissen gar nichts
Rechtes. Mein Herz ist sterbensmüde.“
Ein Wort noch stand auf dem Zettel, es war aber ausgestrichen, mit
einem dicken Strich ausgestrichen; das Wort: Sinaïda!
Ich zündete ein Zündholz an und verbrannte langsam das Papier.
Ihr Name ist ausgestrichen vom Zettel des Lebens. Es ist klar, sie ist
tot! Sie ist tot! Diese Fremde, sie stand in Tula an einer sonnigen
Straßenecke im Frühling. In Tula, oder war es in Thule? Wer weiß das?
Sie schoß und traf ein Kind, ihr Kind. Es war eine Freikugel! Wie sah
sie denn aus? Ich weiß nicht. Doch! An den Mund und an ihren Duft
erinnere ich mich. Ihr Mund war müde herabgezogen, aber ihr Duft war
stark und wild. Und dann, o Gott, ich war, ich bin verliebt in ihr
leises Hinken, in diese süße Gebrechlichkeit. Was ist mit ihr? Ist sie
tot? Ah, das steht nirgends. Aber auf dem Zettel, der eben verbrennt,
war ihr Name ausgestrichen. Sie ist tot. Doch warte nur! Auch ich werde
sterben, auch ich, bald, bald.
Tremolo sublimer Geigen in meiner Seele! Das göttliche Schlußduett aus
Verdis Aïda! O ruhige, ungebrochene Wehmut der starken Herzen vor dem
Unabwendbaren:
+Leb’ wohl o Erde, o du Tal der Tränen,
Verwandelt ist der Freuden-Traum in Leid.+
Ich bin ja kein Mensch, ich bin ja nur ein Saitenspiel. Niemals konnte
ich so recht über Menschliches, immer und jedesmal über Musik weinen!
Meine Tränen machten mich magisch und magnetisch, mich Verstoßenen und
Häßlichen, dessen Gesicht schon in der Schule niemand leiden mochte.