„Wer fehlt noch?“
„Die Opiumraucher!“
Durch die Falltüre floß das übernatürliche Mondlicht; in dem kraftlosen
Strahl tanzten die Stäubchen abgewandter Welten.
Und jetzt geschah etwas Seltsames.
Langsam und mondsüchtig, jeder mit einer kleinen Kerze in der Hand,
Abstand haltend im Gänsemarsch, stiegen die Opiumraucher die steile
Treppe hinab, allen voran Herr Seebär. Von seinem Zylinder hatte sich
der Trauerflor losgelöst und wehte hinter ihm her wie eine Fahne für
die anderen.
Jetzt erst, in diesem Verwesungslicht bemerkte ich, daß die meisten
dieser alten Männer Backenbärte trugen, dünn und zerflattert. Die
werden, fiel mir ein, an der Totenmaske hängen bleiben.
Endlich waren alle unten.
Keiner mukste. Wie eine Gesellschaft von durch ein Erdbeben aus dem
Spital gescheuchten Sterbenden bewegte sich alles im Schein der
Windlichter durcheinander.
„Auslöschen,“ schrie einer plötzlich. Ich fand Sinaïda und ließ sie
nicht von meiner Seite.
Jetzt brannte nur mehr ein einziges gut abgeblendetes Licht.
Es geschah, daß sich alle um mich scharten und mich gleichsam durch
stumme Abstimmung zum Führer wählten.
Ja -- und das war ich auch!
Niemals vor Soldaten, an der Spitze meines Zuges, selbst wenn ich
hinter der Regimentsmusik her durch das Städtchen marschierte, hatte
ich mich als Führer gefühlt.
Hier aber war ich Führer.
Entschlossenheit klopfte gleichmäßig in mir. Ich schnallte mir den
Säbel um, ordnete bedachtsam die Rückenfalten meines Waffenrocks, zog
die Handschuhe an und ließ meinen Blick über die aufgestörten Schatten
schweifen, die mich anrührten wie einen Helfer, einen Retter.
Meine Freunde, die Russen, standen wortlos um das einzige Licht, das
kaum einen Strahl hergab. Sie verschmähten es, sich in den Winkeln der
riesigen Kellereien zu verstecken.
Sinaïda war in dem Augenblick von meiner Seite getreten, als ich mir,
gewiß mit einer allzu ausgreifenden Bewegung, den Säbel umgeschnallt
hatte.
Nun stand sie stumm trotzig und unbestimmt da, während ihr allein das
Licht eine schwache weiße Hand auf die Stirne legte.
Ich erschrak, denn ich sah in der großen Finsternis nichts anderes, als
diese weiße Hand auf der Stirne der Sinaïda.
Die würdelosen Spieler drängten sich um mich, jammerten, fluchten,
prahlten, ebenso die halbbekleideten Dirnen und ihre Gäste.
Mit offenem, zahnlosen Mund, verschwundenen Augen und flatternden
Härchen gingen die alten Opiumschläfer einzeln hintereinander
immer im Kreis. Ihre schwarzen Röcke, einstmals straff für die
weltbeherrschenden Hüften unerbittlicher Bankdirektoren, Theateragenten
und Präsidialchefs geschnitten, schlotterten wie zerzauste Rabenflügel
um ihre verkrachten Gestalten.
Wie vor einer Front schritt ich auf und ab, ließ meinen Säbel schleppen
und sah mir auf die Füße. In diesem Augenblick hatte ich den Zaren, das
Attentat, alles vergessen.
Ein wüstes Machtgefühl in mir! Hier! Dies waren meine Leute! Das war
meine Armee, meine Truppen, die zu mir gehörten: Diese Spieler, Lumpen,
Schnapphähne, Zuhälter, Huren, Hurenbolde, Opiumraucher -- und auch
jene Hohen, Unerschrockenen, die ihr Leben schon hundertmal hingeworfen
hatten, die niemals ihrem Leib ein anderes Recht gaben als das, für den
Gedanken zu dulden! Und sie, auch sie!
Ja, alle hier waren meine Soldaten! In diesem unterirdischen Reiche, in
diesem wahren Hades war ich ihr Feldherr, und ich hielt es nicht mit
Achill, der lieber Tagelöhner eines Bauern im Licht sein wollte, als
die ganze Schar der abgeschiedenen Schatten beherrschen! Mein Säbel
schrillte über die Steinfliesen des Kellers. Keiner wagte es, mir den
verräterischen Lärm zu untersagen.
Mit ihnen allen wollte ich ~meinen~ Krieg führen, es komme, wer da
will! Niemand soll sich beklagen, daß ich ein schlechter Offizier sei,
auch er nicht, auch er nicht!
Die Stimme Beschitzers wurde laut:
„Ruhe, ihr Leute, Ruhe!“
Die weiße Hand von der Stirne Sinaïdas war verschwunden. Nun lag eine
schwarze auf ihr.
Und jetzt hatte jemand das letzte Licht ausgelöscht.
Finsternis! Kein Atemzug. Nur der Chinese wimmerte vor sich hin:
„+Soldiers, Soldiers!+“
Plötzlich donnerten wuchtige Stiefel über die Falltüre. Noch waren
wir nicht entdeckt. Die Schritte verschwanden -- kehrten wieder --
verschwanden.
Jetzt mußte sich unser Schicksal entscheiden.
Fast hatte ich Angst, man könnte die Falltüre nicht finden. Ich
dürstete nach einem Kampf. Wenn alles still zu unseren Häupten würde,
o, ich könnte es nicht ertragen!
Das Kellergewölbe war groß, führte unberechenbar weit unterm Fluß fort.
Zu fliehen, sich zu verbergen, einen Ausgang zu suchen, wäre nicht
schwer gewesen.
Keiner aber rührte sich.
Die Herde -- ich fühlte es -- wartete auf meinen Befehl. (Nur die
Russen schienen in der Finsternis abseits zu stehen. Wo war Sinaïda?)
Ich befahl nichts!
Wenn sie doch nur kämen! Wenn sie doch nur kämen! Ein toller Gedanke
packte mich. ~Er~ wird an ihrer Spitze stehen, der General,
der Vater! Ist er denn nicht Korpskommandant der Residenzstadt?
Ja, das ist er! Also stellt er zugleich die oberste Instanz aller
Garnisoninspektionsoffiziere vor. Es ist klar. Überdies ist er krank
und kann nicht schlafen. Kein Mittel hilft ihm mehr. Was bleibt ihm
denn anderes übrig, dem Dienstfanatiker, als in der Nacht, gepeinigt
von Schlaflosigkeit, aufzustehen, sich an die Spitze der Streifung
zu stellen und die Anarchisten auszuheben, denn, ich weiß es, er
~ahnt~, ~er ahnt~....
Nie mehr wird die Gelegenheit, unseren Kampf auszutragen, so günstig
sein, als heute.
Er muß kommen, er muß, ich fürchte mich nicht, keineswegs, er
~muß~ kommen, höchstpersönlich als General, der er ist!
Verflucht! Herzklopfen!
Da! Jetzt stampfte vorsichtig und prüfend ein Fuß auf der Falltüre. --
Ein zweitesmal! -- Zum drittenmal! -- Eiskörner rieselten mir langsam
den Rücken hinab. So! Es war geschehen! Die Türe knarrte, wurde
aufgehoben und starkes Licht warf sich über unsere Finsternis.
Sogleich stellten sich Chaim und die Freunde mir zur Seite. Ich fühlte
Sinaïda.
Es waren etwa zehn Polizisten und ein Zug Infanterie, die Bereitschaft
einer Kaserne, welche eindrangen und uns im Kreis umstellten. Das
Militär stand Gewehr bei Fuß, die Polizei mit offenen Revolvertaschen.
Erst viel später stiegen schwatzend, Zigaretten rauchend, Offiziere
die Treppe hinab. Ihnen folgten einige Gendarme mit Laternen und
elektrischen Taschenlampen. Ein Major und zwei Hauptleute, -- die uns
ohne viel Erstaunen betrachteten und noch immer die Zigaretten nicht
fortwarfen. Unwillkürlich waren alle Eingeschlossenen hölzern und
gleichgültig zu Automaten geworden. Nur der riesige Uniformierte, der
erst noch so frech sich gespreizt hatte, nun lag er, wie fortgeworfen,
unterm Tisch. Die Greise hatten ihren mysteriösen Rundgang
unterbrochen, sie blinzelten und verstanden vom Ganzen nichts.
Ich selbst hatte im Kopf das unangenehme Gefühl, als müßte mir jeden
Augenblick ein Stein gegen den Schädel sausen.
Endlich unterbrach der Major das Gespräch mit seinen Begleitern, trat
in den Kreis, den die Bewaffneten bildeten und schrie:
„Sie alle sind verhaftet. Es hat sich keiner zu bewegen. Ich werde
jeden einzeln herausrufen! Er hat seine Personalien dort dem Feldwebel
zu diktieren. Also vortreten! Verstanden? Keiner mukst!“
Da ließ ich meinen Säbel gelassen über die Steine scharren und trat
gleichgültig dem buschbärtigen alten Offizier entgegen.
„Herr Major haben hier niemanden zu verhaften!“
Als ich das so nachlässig näselte, wunderte ich mich sogleich, daß ich
es nicht fertig gebracht hatte, die dritte Person des militärischen
Respekts zu vermeiden.
Der Major jappte blutrot:
„Wer sind Sie?“
„Leutnant Duschek! Und diese Leute hier stehen unter meinem Schutz!“
„Schutz -- Schutz -- so was -- Schutz -- Frechheit“, brüllend, „Sie
haben selber Schutz nötig! Sie -- Sie -- Sie -- Sie -- Wie heißen Sie?“
Er stülpte seine Ohrmuschel vor.
Ich schrie nun meinerseits, die militärische Vorstellungssitte aufs
gröblichste verletzend:
„Duschek, ist mein Name, wenn Sie’s wissen wollen!“
„+Psia krew!+ Was tun Sie hier -- Sie -- was haben Sie hier zu
suchen -- Sie -- zu reden -- Sie?“
Ich brachte langsam mein Gesicht ganz nahe an das seine, sah ihm in die
aufgerissenen Augen:
„Das geht Sie gar nichts an!“
Der Major trat glucksend hinter sich. Jetzt hingen ihm die Augäpfel aus
den Höhlen:
„Wa -- Wa -- Was? Rebellion! Auflehnung! Insubordination!
Dienstreglement Seite -- Seite --! Zugsführer Vojtech, Grillmann,
Kunz, Schtjepan, den Leutnant abführen, den Herrn Leutnant führen Sie
ab! Oben warten! Sofort!“
Die aufgerufenen Soldaten wollten sich mir nähern.
„Niemand wagt mich anzurühren!“ Ich sagte das ruhig und ohne viel
Stimme.
Die vier blieben stehen.
Major stöhnte:
„Ich degradier -- ich degradier! Dienstbuch! Abführen, ihr Hunde!
Abführen!“
Die beiden Hauptleute machten einige unwillige Schritte mir entgegen.
Da krachte ein Schuß, peitschte dicht über den Kopf des Majors und fuhr
irgendwo in die Mauer. Hippolyt stand mit erhobenem Revolver da.
Sogleich riß einer der Hauptleute seine große Dienstpistole aus der
Tasche.
Die Kugel pfiff nur ganz kurz. Wankte Sinaïda? Ich sah sie. Von ihrer
Stirne war die schwarze und die weiße Hand verschwunden. Mehr sah ich
nicht.
Fort mit dem Säbel! Ich warf mich auf den Major. O, wie das wohltat,
diesen Hals zu würgen! Wo war Sinaïda? Konnte sie mich sehen?
Merkwürdig!
Dieser dicke Major wurde immer dünner, geringer, der Hals immer
wesenloser, wesenloser -- was soll das? -- der ganze Kerl ist ja ein
grobes Taschentuch, das ich hin- und herschwenke...
In diesem Augenblick traf mich der Kolben und ich verlor die Besinnung.
Ich erwachte nach einem tieferquickenden, fast möchte ich sagen,
gesunden Schlaf auf der Inquisiten-Abteilung des alten Garnisonsspitals.
Hinter den vergitterten Fenstern unerhörtes Blau eines Sommermorgens!
Ganz leicht nur schmerzte mich der Kopf. Die Beule, die ich mit der
Hand abtastete, schien gar nicht allzu wesentlich. Nirgends Blut!
Mein erster Gedanke war:
„Der ~wievielte~ Mai ist heute?“
Ich strengte mein Gehirn an zu ergründen, wann das alles sich begeben
hatte, was hinter mir lag. War der Zar schon abgereist? Regierte er
überhaupt noch?
Und Sinaïda? Ist etwas geschehen? Angst wollte nicht glauben, daß etwas
geschehen sei.
Mit ganz leichten doch unsicheren Gliedern kleidete ich mich an.
Den Säbel hatten sie mir weggenommen, oder hatte ich ihn selbst
fortgeworfen -- wann -- damals -- gestern?
Nun stand ich auf meinen Füßen.
Übermäßig durchströmte mich Beseligung. Ich trat ans Fenster, zu diesem
armen vergitterten Loch, das man in die dicke Mauer gebohrt hatte.