Alle Männer schnellten auf, erhoben ihre Hand und schrien: „Ich!“

Ich allein blieb sitzen.

Teilnahmslos dunkel traf mich der Blick Sinaïdas.

Sie hatte nichts anderes von mir erwartet.

Da fuhr ich empor. Der Stuhl hinter mir kippte um:

„Nicht ihr, ich, ich werde es tun.“

Raserei! Empört machten die Männer Miene, sich auf mich zu stürzen.

Durcheinander schrie’s: „Wer bist du?“ „Neuling!“ „Grüner!“

„Kommisknopf!“ „Was weißt du?“ „Wen hat er dir umgebracht?“ „Bist du

schon an einer Wand gestanden?“

Ich blieb fest und sagte ruhig:

„Bedenkt doch den Vorteil, wenn ihr mich wählt! Ich bin unverdächtig,

ein Offizier! Überall habe ich Zutritt. Die Schloßwache präsentiert vor

mir. Wenn ich mich dem Zaren nähere, halten mich die Polizeiagenten

gewiß für einen Funktionär. Ich allein kann es mit höchster Möglichkeit

des Gelingens vollbringen. Euch verhaften sie schon, wenn ihr nur den

Kopf ins Freie steckt. Bedenkt das!“

Von neuem erhob sich der erbitterte Widerspruch der Russen.

Plötzlich wurde es still. Sinaïda hatte gesprochen:

„Er hat recht! Laßt ihn! Er soll es tun.“

Elektrischer Schlag. Sie hatte mich gewürdigt. Nun war ich Akkord und

glaubte an Gott.

Der alte Beschitzer hatte das Haupt gesenkt und schien zu schlafen.

Da! Er hob die dicken gefälteten Lider, zeigte mit der Hand auf mich:

„Du!“

Die Entscheidung war gefallen. Kein Blick der Kränkung und des Neides

traf mich mehr. Mit einem Male war ich über alle erhoben. Ich fühlte,

wie von mir die Strahlen der Auserwählung und Todgeweihtheit ausgingen.

Ich spürte Sinaïda nahe neben mir. Sie sah mich an. Sie sprach zu mir.

Ich sah -- ich sah und hörte keine Worte. Sich hinwerfen! Singen!

Weinen! Die Seele war mir so weit!

Im Morgengrauen begleiteten mich Sinaïda und Hippolyt Poltakow in die

Stadt. Wir sprachen kein Wort. Milchwagen klingelten in die Dämmerung.

Der Flieder rief schon stark von allen Seiten.

Zwei Abgeschlossenheiten wanderten wir nebeneinander, sie und ich,

jedes für sich, unerreichbar dem andern, zwei eingemauerte pochende

Leben, die nie ineinander werden verfließen können.

Und doch! Eine Heilige, mit ihrem Haar hat sie die Füße des Jesus

getrocknet.

Der Morgen, nicht nur für diese Erde geschaffen, schwebte hinab

und wieder zur Höhe. Sinaïdas Schritt klang mit seiner zarten

Ungleichmäßigkeit auf der harten Straße, wie auf einer mächtig

gespannten Saite.

Ganz leicht, in der fernsten Ferne meiner Selbst, hörte ich den

heiligen Marsch. Ja, den Marsch des mystischen Militärs, das +alla

marcia+ der Neunten Symphonie, ich hörte es nahen.

Ach, noch in der Unendlichkeit der unsichtbaren Sternbilder fielen die

Paukenschläge und wiegten sich die schwebenden Schritte der Zahllosen.

Aber näher wälzt sich schon das Meer der leichtfüßig Geharnischten. Ein

Schuß, eine Explosion! Das Leben kommt mit dem Schrei eines erwachenden

Ohnmächtigen zu sich und begräbt in den Tiefen seines erlösten Stroms

die Trümmer der Individuen. Dann werde ich eins sein mit ihr, eins auch

mit dem Feind, dem Vater!

Die nächsten Tage verbrachte ich in der angestrengtesten Weise mit den

Vorbereitungen zum Attentat. Ich hatte das Parkportal in S. gewählt.

Ich nahm an, daß die große Taxusallee am Morgen des 30. Mai für das

Publikum gesperrt sein würde, während der Platz vor dem Eingang dem

Verkehr offenbleiben dürfte, um jedes Aufsehen zu vermeiden. Zur

Vorsicht wollte ich aber in dem großen Hotel, das dem kaiserlichen Sitz

gegenüberlag, übernachten, um zu jeder Zeit, als gehörte ich zu den

Aufsichtsorganen, auf den Platz hinaustreten zu können.

Sollten die Gäste des Hotels unter Kontrolle stehen, so würde der

bekannte Name, den ich trug, gewiß kein Mißtrauen erregen.

Mein Plan war bis in die letzte Möglichkeit einer Überraschung

ausgearbeitet. Zur Vollstreckung des Todesurteils hatte ich eine

Wurfbombe mit höchst brisanter Ladung gewählt.

Fünf Tage nur trennten mich von dem großen Datum. Die ersten zwei

brachten Ereignisse von Wichtigkeit für mich. Sinaïda hatte plötzlich

meine Hand ergriffen. Eh’ ich aber noch ein Wort sagen konnte, war sie

mit einem gequälten Gesicht davongegangen und ließ sich an diesem Abend

nicht mehr blicken.

Zum Zweiten hatte mich um die nächste Mittagsstunde ein Mann in etwas

arrangierter Vernachlässigung angesprochen und sich nach seinem Freunde

Beschitzer erkundigt, mit dem er gemeinsam in London, wie er vorgab,

das „+Comité de l’action directe+“ geleitet hatte.

Er sei ein alter „Kamerad“, versicherte er, einer der Ältesten

überhaupt, hätte zuletzt in der Omladina gewirkt und würde mir sehr

dankbar sein, wenn ich eine Zusammenkunft zwischen ihm und dem alten

Chaim vermitteln wollte, dessen Aufenthaltsort er nicht wüßte.

Ich fuhr den Mann an, wie er es wagen könne, einen Offizier zu

belästigen, und ließ ihn stehen. Sollte man mir auf der Fährte sein?

War das einer der vorausgesandten russischen Spitzel? Ein Fremder wußte

von mir. Unter den tausend Leutnants auf den Straßen hatte er mich

herausgefunden. Ich war gewarnt und unterließ es an diesem Abend, das

Haus der Verschwörer aufzusuchen. Unruhe verlieh mir eine übermäßige

Wachheit. Ich musterte alle Vorübergehenden scharf -- und es war mir,

als wären hundert Verfolger unter ihnen.

Das dritte denkwürdige Ereignis war ein Brief der Generalin, meiner

Stiefmutter. Hier ist er:

„+Mon cher!+ Warum beleidigen und agacieren Sie Ihren Vater

durch andauernde Nichtachtung und Nichtbeachtung? Damit handeln Sie

vor Gott und den Menschen nicht recht.

Ihr Vater ist Ihr Wohltäter!

Vergessen Sie das nicht! Er selbst hat es mir in einer Stunde

erbitterter Kränkung über Sie versichert.

Sie sind ihm Dank schuldig. Er hat Ihnen das Leben gegeben. Er hat

Ihnen eine standesgemäße Erziehung zuteil werden lassen, seine

Aufmerksamkeit nie von Ihnen abgezogen, und Sie gefördert, wo es

nur anging.

Und wie haben Sie es ihm vergolten? Durch Kälte, Indolenz und durch

eindeutiges Fernbleiben!

Sollten Sie allein es sein, der nicht weiß, daß

Feldmarschalleutnant Duschek nicht nur einer der ausgezeichnetsten

Führer unserer Armee, sondern auch der ~beste Mensch~ ist, der

überhaupt lebt?

Und dann! Ihr Vater ist krank, sehr schwer krank, und Gott allein

weiß, ob er uns lange noch erhalten bleibt.

Hüten Sie sich vor der Reue, die einst dem ungetreuen Sohn schwer

auf der Seele lasten müßte. Noch ist es Zeit, vieles gut zu machen,

durch einen herzhaften, gütigen Schritt Mißverständnisse aus dem

Weg zu räumen. ~Noch ist Zeit!~ Das ist es, was ich Ihnen in

mütterlicher Freundschaft sagen wollte.

Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig: Eine Novelle · 第 17 / 35 题