Ich warf den Brief wütend in einen Winkel. Wohltäter? Über diese
ungeheure Frechheit hätte man sich totlachen können! Aber -- ~er ist
krank~, -- und ich wußte es nicht.
Welche Leiden muß er wohl in den Nächten erdulden? Vielleicht hilft ihm
Brom und Morphium nichts mehr.
Und dann! Er, der Unnahbare, Souveräne, der Drübersteher, er leidet
unter meiner Kälte und Vernachlässigung? Also muß er ja nach meiner
Wärme und Teilnahme Verlangen tragen!
Wie ist das? Er besitzt in mir seinen Sohn. Aber wünscht er sich nicht
einen Sohn, der seine Interessen teilt, der ihm gefällt, elegant und
erfolgreich ist, ein Offizier von Chic und Schneid, der mit ihm über
das Mai- und Novemberavancement plaudert? Dieser Sohn bin ich nicht.
All das, was ihn angeht, was seine Sphäre ist, hasse ich!
Aber er, er allein ist schuld an meiner Feindschaft. Hat er mich nicht
nach seinem Bild gedrillt, mich in seine Fußstapfen gezwungen, kalt,
herrisch, unverständig meine Jugend in ein Zuchthaus verdammt?
Rache dafür!
Halt! Welch ein Gedanke? Er, der kranke Mann, leidet unter meiner
Kälte? Ist es möglich? War seine abweisende Haltung gegen mich von
jeher nur die Folge meiner abweisenden Haltung gegen ihn?
Unmöglich! Und doch! Ein Kind kann ja tief beleidigen! Oder -- stehen
wir beide vor einem unbegreiflichen Gesetz, uns in der ~Ferne
suchen~ und in der ~Nähe hassen~ zu müssen.
Ich verjagte diesen für mich gefährlichen Gedanken. Denn ich fühlte,
wenn die geringste Regung für meinen Vater (den alten, kranken
Menschen) mich erfaßte, -- ich könnte meine Tat im Stiche lassen, --
und -- selbst -- Sinaïda!
Am Morgen des 27. Mai ging ich mit meinen Freunden in die Auen des
großen Stroms hinaus. Die neuen Bomben sollten ausprobiert werden.
Es war eine wundersame Wildnis, wo wir Halt machten. Wildgänse,
Reiher, Störche zogen über uns dahin. Libellen und Milliarden Insekten
zitterten über den Urverschlingungen dieses Dschungels, der nur ein
wenig seitab von der Weltstadt lag.
Die Explosion verwundete einen großen fasanenartigen Vogel, der aus
den Ästen einer Esche ins Gras fiel und tiefsinnig regungslos mit den
offenen Augen der Erkenntnis liegen blieb.
Schweiß der Scham und des Verbrechens brach mir aus allen Poren. Wie
habe ich gestern noch mich als Erlöser gefühlt?!
Nun hatte ich ein Fleckchen dieses Sterns mit Blut gefärbt. Von
diesem Augenblick an erfaßte mich das Bewußtsein meines Vorhabens
mit ganzer Wucht. Ich ertrug weder zu sitzen, noch zu stehen. Meine
Glieder zitterten. Mich peinigte ein unlöschbarer Durst. Ich trank
ein Glas Wasser nach dem anderen. Ich floh zu den Träumen des Opiums.
Als ich ermattet das achteckige Turmgewölbe verlassen wollte, stand
ich plötzlich vor Sinaïda. Auf ihrem bleichen Gesicht fand ich neue
Schatten. Sie trug einen großen Bernsteinschmuck, der dumpfe Strahlen
warf.
Schreck und süßes Herzklopfen nahmen mir den Atem:
„Auch Sie?“
„Auch ich, seitdem mich die Furien verfolgen.“ Sie verschränkte die
Finger ineinander, als wollte sie sie zerbrechen.
Ich faßte Mut:
„Warum haben Sie vor zwei Tagen meine Hand genommen und sind dann
fortgelaufen, Sinaïda?“
„Ich habe Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein Kind, ein kleines
Kind!“ „Wieso denn Mitleid?“
„Sie haben mehr auf sich genommen, als Sie wissen!“
„Attentat?“
Sinaïda sah mich langsam an:
„Wie unsachlich sind doch die Männer, die Sachlichen, die Objektiven?
Noch kein Mann hat etwas Gutes und Schlechtes, etwas Großes oder
Niedriges aus einem anderen Grunde getan, als sich selbst zu erhöhen.
Was sind denn all eure Entschlüsse und Taten wert? Ich habe noch keinen
Mann gesehen, der ~wirklich~ gelitten hätte! -- Ihr könnt an
nichts anderem leiden, als an der Erniedrigung eurer Persönlichkeit.
Und darum mißhandelt ihr die Welt so!“
„Gibt es denn ein anderes Leiden?“
„O, es gibt nur ~ein~ Leiden. Dieses Wort müssen Sie aber sehr
weit verstehen! Das Leiden der Mütter!“
„Kennen Sie dieses Leiden, Sinaïda?“
„Ich kenne dieses Leiden.“
„So sind -- so -- so waren Sie selbst Mutter?“
Sinaïda fuhr langsam mit der Hand über ihr Haar. Dann sagte sie sehr
einfach: „Nein!“
Als ich schwieg, sah sie mich mit in der Ferne beschäftigten Blicken an.
„Nein, ich war niemals Mutter -- und -- und -- ich werde es jetzt auch
niemals mehr werden.“
„O Sinaïda!“ Ich hätte auf die Knie fallen mögen. Diese Heilige! Ich
sagte:
„Alles, alles wird Ihnen in Erfüllung gehen!“
Sie zog ihre Hand zurück, die ich nehmen wollte:
„Nein! Niemals mehr! Ich bin im Vorjahre schwer krank gewesen! Seither
ist diese Hoffnung vorbei. Im übrigen die gerechte Strafe.“
„Strafe?“
Sie schloß die Augen.
„Ja und sehr gerecht.“
Plötzlich sagte sie mit leichterer Stimme:
„In zwei Tagen werden Sie einen Revolver abdrücken! Aber ich warne Sie!
Klopft es in Ihrem Zimmer des Nachts, als wären die Wände hohl? Sind
Sie in der Dämmerung auf der Hausstiege einem alten Herrn begegnet, der
ein trauriges Gesicht macht und dessen Schritte lautlos sind? Meist
trägt er einen unmodischen Zylinder. Seine silberne Uhrkette funkelt.“
„Was fragen Sie da?“
„Kennen Sie die Oper Freischütz?“
Freischütz! Ich hörte dieses Wort. Immer wieder begegnet es mir. Ich
sah den Vater vor mir, nicht weißhaarig, nein, mit jenem vergangenen
gelben Gesicht.
„Ah! Gewiß kennen Sie diese Oper! Da zielt einer -- ich weiß nicht mehr
worauf -- aber, er trifft seine Geliebte. Zum Schluß wird alles gut,
weil sich der Himmel einmischt. Aber dennoch, die Freikugel wird von
den Mächten gelenkt, höhnisch gelenkt von den Mächten, die in unseren
Wänden klopfen, die uns auf den Treppen begegnen....“
„Haben Sie Furcht, ich könnte mit der Bombe mein Ziel verfehlen!“
„O, schweigen Sie!“ flüsterte Sinaïda und preßte den Finger an den
Mund. Ihr Blick strahlte irrsinnig: „Auch ich habe geschossen!“
„Sie -- Sie?“
Sinaïda schwieg lange:
„Auch ich glaubte die Menschen zu lieben -- nein, nicht lieben, sie
rächen zu müssen. Ich suchte das eitle Erlöserleiden! Es war damals
in Tula. Mich, die neunzehnjährige Studentin, traf das Los der
Vollstreckung. Ich sage Ihnen, jener Tag war der schönste Frühlingstag,
den man sich nur denken kann. Ich stand zitternd an meiner Straßenecke
und die laue Sonne blendete mich. In der Tasche hielt meine Hand den
Revolver umspannt.
Die Uniform des Großfürsten blitzte aus dem Wagen. Neben ihm saß sein
sechsjähriges Töchterchen, -- dieses süße, schöne Geschöpf. O -- o --
dieses kleine, liebe Mädchen. Ich tötete nicht den Großfürsten, ich --
tötete -- das Kind!“
„Sinaïda!“
„Schweigen Sie doch! Ich habe für immer ~mein~ Kind getötet! Gott!
Ich hoffe nur eins, daß ich selbst bald zugrunde gehe. Am besten heute
noch -- heute noch!“
„Sinaïda,“ schrie ich auf, „ich liebe Sie für all’ das, Sie Schöne,
Sie Heldin, noch tausendmal mehr!“
Sie trat zwei Schritte zurück. Das erstemal zeigte sich ihr Gebrechen
stark.
„Was wollen Sie? -- Gehen Sie doch!“ rief sie.
Der Abend war gekommen. Wir hatten uns im Keller versammelt. Der
Fluß gröhlte. Die Windlichter umzirkten nur einen kleinen Kreis von
Helligkeit. Rund um uns dehnte sich das riesige Gewölbe wie ein
unabmeßbares Felsengrab, das Schwamm- und feuchten Moderduft mit
unterirdischen Atemstößen aushauchte. Heute sollten wir das letztemal
zusammenkommen, denn daß ich als Anarchist angeredet worden war und
noch andere Anzeichen ließen ahnen, daß man uns auf der Spur war.
Die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln wurden beobachtet; wir alle
waren auf hundert Umwegen, um unsere Verfolger irrezuführen, hier
zusammengekommen.
Ich saß zwischen Chaim und Sinaïda.
Jeder murmelte leise mit seinem Nachbarn.
Ich hielt die Hand Sinaïdas; sie entzog sie mir nicht: „Alles, was Sie
mir heute erzählt haben, zeigt mir, wie viel tiefer im Leben Sie sind,
welch’ einen Vorsprung Sie vor mir voraus haben. Was war ich denn? Ein
kleiner, gekränkter, rachsüchtiger Feigling. Aber jetzt? Jetzt ist mir,
als könnte ich tausend Meter hoch springen, fliegen und durch Mauern
dringen, wie ein Engel. Ich will leiden, jedes Leiden auf mich nehmen,
nur um Ihnen zu gleichen!
Sie wissen nichts von mir. Sie wollen gewiß auch nichts von mir wissen.
Jetzt aber nehme ich Abschied von Ihnen für ewig. Denn ob es mir
gelingt oder mißlingt, ich habe mein Leben fortgeworfen und werde es
höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit lassen müssen. Aber daß es so ist,
erfüllt meine Seele mit Glück. Denn wer bin ich, um Ihnen nahe kommen
zu dürfen?“
Sie zog fein ihre Hand zurück und sagte: „Es ist gut, daß wir
voneinander Abschied nehmen müssen. Mir fehlt ja alles, das Wichtigste.
Wem kann ich noch etwas sein?“
Ich hörte einen Klang in ihrer Stimme, der sich mir entgegenneigte.
Und dennoch, alles war so hoffnungslos.
Plötzlich krampfte sich ihre Hand zur Faust.
Sie flüsterte wie geistesabwesend:
„Tun Sie es nicht! Überlassen Sie es Hippolyt, überlassen Sie es
Jegor!“...
Dann, als wüßte sie nicht, was sie eben gesagt hatte, gleichmütig:
„Ja! Wir werden uns wohl nicht wiedersehen, wir alle nicht. In vier
Tagen werden Sie vor dem Untersuchungsrichter stehen -- und wir -- nun,
wir auch, wenn wir nicht sogleich ausgeliefert werden. Doch -- es ist
gut so! Endlich!“
Eine Hand legte sich auf die meine.
Beschitzer wandte sich mir zu. Seine schweren Tränensäcke, die roten
Lidränder gaben ihm ein trauriges und müdes Aussehen:
„In keinem Augenblick der Prüfung, Bruder, vergiß die Sinnlosigkeit
des Lebens! Bedenke, daß all unser Treiben, Essen, Trinken, Reden,
Schlafen, Spielen der ~wahre Tod~ ist, und daß wir unser Leben erst vom
Tode erwecken, indem wir ihn zu einem ~gewollten Ziel~ erheben und
dadurch zum Leben aller Leben machen, reicher an Entzückungen, Freuden,
Ekstasen und glückseligen Schmerzen, als nur eine ahnt.
Ich bin alt genug, um zu wissen, daß aller ideologische Hochmut
und alle Erlösermühe vergeblich sind. Aber was ist der Sinn dieses
sinnlosen Menschenlebens? Ich sehe nur einen Sinn: Niederen Wahn mit
höherem Wahn zu vertauschen! Du fragst mit Recht: Was heißt denn das:
Höherer Wahn? Was ist der Gradmesser allen Wahns? Nun, lieber Bruder
Duschek, ich gebe dir zur Antwort: Der Wert eines Wahns nimmt mit
abnehmender Dichtigkeit seiner egoistischen Tendenz zu! Das ist doch
klar. Im übrigen! Höchster Zweifel bei höchster Illusionskraft ist die
Lebenskunst des wahren Genies. Wahnfähigkeit zeigt ein großes Herz,
Zweifelfähigkeit einen starken Kopf. Eins ohne das andere ist ekelhaft
-- ekelhaft sind mir die Illusionisten, was, ich sag’s grad heraus, die
romantischen Goim, fast noch ekelhafter aber sind mir die jüdischen
Entwerter!“
„Ist, was wir vorhaben, was wir tun, nicht Romantik?“
„Es ist, -- hol’s der Teufel, -- es ist trotz allem Hoffnung!“
Noch andere Lehren gab mir der Alte.
„Angst ist immer ein Irrtum! Wiederhole dir diesen Satz mit ruhiger,
innerer Stimme immer wieder angesichts der Tat und vor Gericht.
Dieser Satz ist eine Arznei. Er lehrt dich das Leben richtig
einschätzen. Was kann dir denn geschehen? Bedenke, daß unsere Natur
so gnädig ist, nur soviel Schmerz bewußt werden zu lassen, als sie
ertragen kann. -- Und das ist gar nicht so viel. Dreiviertel unserer
Schmerzen sind Einbildung, daß etwas wehe tut, pure Konzentrationen der
Aufmerksamkeit auf eine recht geringe Schmerztatsache.
Das Ticken einer Taschenuhr in der Stille der Nacht oder gar im Traum
gleicht den mächtigen Axtschlägen der Holzhacker.
Nicht anders ist es mit unseren Schmerzen, die des Menschen
angsterfüllte Aufmerksamkeit übertreibt.“
Noch an einen Ausspruch Beschitzers erinnere ich mich:
„Jeder anständige Mensch glaubt an zweierlei: an die Unsterblichkeit
des Lebens und an die Geringfügigkeit alles Individuellen. Wie kann
also der Tod furchtbar sein, da ja das Leben unsterblich und der
Bestand des gerade So und So geborenen Ich weiter nicht wünschenswert
ist?
Und dienen wir der Unsterblichkeit des Lebens, die wir mit unserer
Form zu verlieren zittern, nicht am besten, indem wir den ~passiven
Tod~ ausschalten, uns dem unsterblichen Lebensstrom der Liebe
anpassen und einem Menschen oder einer Wahrheit zu Liebe den Tod
willkürlich erleiden?