„Ich will!“
„So tritt in unseren Kreis,“ rief er mit der ernstesten Miene, „und
versprich uns in die Hand (da wir den Schwur verwerfen) im Namen deiner
Liebe zum Guten, zur Wahrheit und Zukunft des Menschengeschlechts
versprich uns, niemals Verrat zu üben, niemandem unsere Namen, unsere
Schlupfwinkel, Pläne, Geheimnisse, Reden kundzugeben. Ebenso werden
auch wir deinen Namen, deinen Stand, deine Reden, Pläne und Geheimnisse
bis zum letzten Blutstropfen wahren. Wer von uns beiden und allen
anders handelt, verfällt dem Tode, den über ihn das geheime Tribunal
beschließt!“
Beschitzer schwieg.
Alle Männer gaben mir, starren Blicks, die Hand.
Ich hatte Kameraden. Das erstemal im Leben fühlte ich den Stolz der
Solidarität.
Es gab Brüder, die mich in ungeheure Ideen einweihen würden, deren
Kampf mein Kampf war, den ich nun endlich beginnen wollte.
Der Alte hob mit angeekelten Fingern meinen Säbel auf:
„Da nimm! Morgen erwarten wir dich wieder in unserer Mitte. Schon in
den nächsten Tagen werden die Aufträge des ~Zentralkomitees~
einlangen.“
Er winkte Herrn Seebär. Wir beide verließen dieses Zimmer und traten in
ein anderes, das hellerleuchtet heiser lärmte. Betäubt stand ich in der
Türe. Was waren das für Gesichter, für Gestalten, die verzerrt um den
grünen Spieltisch drängten, auf dem Roulette und Gold rollte!
Wo hatte ich diese Gesichter schon gesehen?
Der Chinese, höflich, mit unbewegtem Grinsen, hielt die Bank. Ein
Neger im weißen Flanellanzug zählte lippenwälzend Geld, das vor ihm
lag, ein Herr in gewiß geliehenem Frack saß starr da und schielte
auf seine Hände, die wie ein Haufe blutbesudelter Leichen vor ihm
lagen. Ein Matrose, der seine Seefahrts-Löhnung verspielt zu haben
schien, kroch unter den Tisch, wie um ein weggerolltes Goldstück zu
suchen, fuhr kerzengerade empor und kroch wieder unter den Tisch. Diese
Bewegung wiederholte sich hundertmal. Einen pfiffigen Kerl sah ich mit
+lues+-zerfressener Nase, der gleichmäßig spielte. Ein gieriger,
schlechtrasierter Mensch in Meßnersoutane, der eben vom Glockenläuten
gekommen zu sein schien, hatte seine Barschaft beträchtlich vermehrt.
Ein paar andere Gespenster noch spitzten blaß nach der rollenden
Scheibe, während sie ihre Farbe und Nummer riefen.
Ein Mann aber in fremdartiger Uniform beherrschte riesig den Raum.
Breitbeinig und furchtbar stand er da. Er konnte ebenso napoleonischer
Gardist, wie Kinoausrufer, Opernsergeant oder italienischer Gendarm
sein. Er hatte den ganzen Einsatz verloren. Tabaksgeifer rann von
seinem Munde, dessen Lippen eine lang schon ausgegangene Zigarette
zerpreßten.
Langsam ballten sich seine knolligen Hände zu Fäusten und fuchtelten
unter der Nase des Chinesen, der höflich achselzuckend vom Croupieren
nicht aufsah, und den verschnürten Lackel, dessen offener Mund jetzt
ein gelbes Pferdegebiß sehen ließ, gleichmütig tröstete.
Seebär zog mich bei der Hand aus diesem Raum fort. Jetzt standen wir in
einem dritten Zimmer. Es war achteckig und verriet ein hohes Turmgemach.
In der Mitte stand ein dreifußartiges Gefäß, auf dem ein Feuer mit
kleinen Kohlen glühte. In die acht Wände dieses Gewölbes waren tiefe
Nischen eingelassen und in diesen Nischen knapp übereinander sah ich je
vier Ruhebetten, auf denen Menschen starr wie in der Totenkammer lagen.
Manchmal bewegte sich einer.
Blicklos, aus Sternenwelt her, stierten ruhig mich verglaste Augen an.
Um das Feuer schlichen Gestalten, die kleine Kohlenstücke holten, die
sie auf ihre duftenden Pfeifen mit den flachen Köpfen legten.
Alle diese Männer waren alt, zu Schatten gemergelt, alle trugen sie
feierlich schwarze Schlußröcke, deren Stoff abgeschabt und schon wie
Zunder war.
Sie alle unterschieden sich durch nichts von meinem Führer Seebär.
Waren auch sie taubstumm? -- Lautlos umwandelten sie das Feuer, holten
sich ihre Kohlen und verschwanden, jahrtausendalte Assyrer, in den
Felsengräbern der Nischen.
Von Zeit zu Zeit kam der Chinese, sah nach dem Rechten, belebte das
Feuer, räumte die Pfeifen weg, die denen entfallen waren, die schon
durch die Wonne-Landschaften schwebten, oder schob eine der Bettladen
vor, um nach dem Schlafstand eines Berauschten zu sehen, und dann glich
er dem Bäcker, der prüfend ein Brot aus dem Ofen zieht und es wieder
zurückstößt.
Hier nun erfuhr auch ich die Segnungen des Opiums, jenes göttlichen
Mohnes, dessen Landschaften süßer als die mildeste Kindheit betäuben,
dessen Barkarolen die seraphische Musik übertreffen, und dessen
Verzückungen mehr begeistern, als die Liebe und der Ruhm.
Allnächtlich nun besuchte ich das alte Haus, das steilab in den schwarz
sich wälzenden Strom gebaut war. Allnächtlich saß ich unter den
Russen, die das unkörperliche Leben von Katakombenheiligen führten.
Wir diskutierten über bedeutsame Stellen aus den Werken Proudhons,
der großen Utopisten, über Probleme aus den Werken Stirners, Bakunins
und der neueren, wie Kropotkin, Przybyszewski und J. H. Makay. Ich
studierte mit ihnen chemische und pyrotechnische Enzyklopädien -- und
manche Nacht verging, während wir komplizierte Modelle neuer Bomben und
Höllenmaschinen erdachten.
Ich fand unter diesen Menschen eine Sittenreinheit, eine
Überzeugungstreue und Liebesfähigkeit, eine Erhebung über alles
Sinnliche, eine Leidenschaft des Geistes und Todesverachtung, -- daß
ich oft zerknirscht bis zum Selbstmordgedanken war, weil soviel Tugend
und Verehrungswürdigkeit der geringeren Natur unerträglich sind.
Ach, wer vermag allzulange die Gesellschaft von Erzengeln zu teilen!
In solchen Augenblicken der Selbstverwerfung schlich ich mich wohl ins
Zimmer der Spieler und mischte meine Stimme unter die Gurgelrufe, die
der Bahn der Glückskugel folgten.
Meist hatte ich unter diesen verzerrten Gesellen, von denen jeder ein
ausreichendes Verbrechen am Gewissen haben mußte, Glück im Spiel.
Selbst behielt ich aber nur wenig von dem Gewinn und legte die größere
Hälfte in die Hände des alten Beschitzer, dem nicht wie Söhne, sondern
wie Kinder die Russen anhingen.
Oft auch gab ich mich in einer Grabkammer des Turmgewölbes dem Opium
hin.
Die glückseligen Träume des Mohnrausches sind unbestimmt und nicht
zurückzurufen. Die Erinnerung bewahrt von ihnen keine Anschauung,
nur eine ferne, süße Empfindung; ähnlich ist es, wenn wir plötzlich
glauben, das Bewußtsein einer früheren kindhaft leichten Existenz
dämmere in uns auf.
Die Bilder, die ich sah, vermag ich mir nicht mehr vorzustellen. Aber,
wenn ich schlaff, wie nach ungeheurem Blutverlust, von der Schlafmatte
stieg, bemächtigte sich regelmäßig folgende Phantasie oder Vision
meiner, als wäre sie ein abgeschwächtes Echo, ein leises Coda des
großen unverratbaren Traumthemas:
Auf einer Bühne -- nein es ist ein Kasernenhof, -- steht ein
baumlanger, wilduniformierter Kerl, (der Kinoausrufer oder
napoleonische Gardist der Spielhölle). Er schwingt eine riesige
Peitsche über ein ganzes Heer von Rekruten, die in einförmigem Rhythmus
Kniebeugen machen. Viele Gesichter sind darunter, die ich kenne. Der
chinesische Hauswirt, Beschitzer, die anderen Russen, der Matrose,
der allnächtlich sein Geld verspielt, Kameraden aus der galizischen
Garnison, aber auch Frauen -- ich sehe meine Mutter. Sie ist bloßfüßig,
doch trägt sie das neue modische Straßenkostüm.
Die Peitsche saust!
Auf und nieder, auf und nieder heben und senken sich die Gestalten in
der Kniebeuge.
Der riesige Flegel krächzt kurze Kommando- und Schimpfworte weithin in
den hallenden Raum.
Da schwebt eine entzückende, immense Seifenblase vom Himmel nieder.
Es ist der geistige Planet -- („+l’etoile spirituelle+“ sage
ich vor mich hin). Auf seiner irisierenden Glasur malen sich heitere
Kontinente, blumenspeiende Vulkane, liebreizende Meere, Vegetationen
von ungeahnter Vielfalt und Zartheit.
Langsam sinkt dieser selig elfendünn gewobene Ball hinab, jetzt zittert
er über dem Haupt des Peitschenschwingers, jetzt berührt er es, wie
ein Hampelmann zerreißt die ungeschlachte Figur nach allen vier Seiten
und verschwindet. Aber auch die himmlische Seifenblase ist zersprungen
und auf die Erde, auf alle Geschöpfe, die jetzt aus der entwürdigenden
Kniebeuge emportauchen und aufrecht dastehen, fällt ein berückender
Regen, unter dessen Tropfen unbekannte Palmen, Lianen, Pinien,
Gingobäume aufwachsen und eine unerhörte Blumen- und Duftwelt sich
entfaltet.
Ich aber wandle unter Millionen schönschreitenden Geschöpfen durch
diesen maßlosen Garten mit meiner Mutter, die jetzt goldene Schuhe
trägt.
Inzwischen war aus Rußland vom geheimen Zentralkomitee die Weisung über
meine Verwendung eingetroffen. Beschitzer öffnete vor meinen Augen
den Umschlag, der aus Moskau datiert war und einen gleichgiltigen
Geschäftsbrief auf Firmenpapier enthielt.
Die Zuschrift wurde in eine Lauge geworfen, die Schreibmaschinenschrift
verschwand, ein Stempel wurde sichtbar, der eine rote Hand in einem
Flammenkreis zeigte, und folgende Ordre trat zutage:
+Geheimes und Internationales
Zentralkomitee+
+Sitz Moskau+
+~Moskau~, am 5. Mai 1913.+
+An den Leiter der Donau-Sektion.+
+Leutnant Duschek soll keinesfalls aus dem Heeresdienst
ausscheiden. Er ist, wie in einfacher Konferenz beschlossen wurde,
als Propagandist bei der Armee zu beschäftigen, zu welchem Behufe
er gebeten wird, bei möglichst vielen Truppenkörpern als Offizier
zu wirken.+
+Unterschrifts-Chiffre+
+Stempel+
Ich meldete mich bei meinem Kommando krank und erhielt einen
mehrwöchentlichen Urlaub.
Sofort begann ich meine Tätigkeit.
Am Samstag abend und Sonntags machte ich mich in Tanzsälen, Schänken,
Vergnügungspärken, Kinos, Sportplätzen und Ausflugsorten an Soldaten
heran. Ich ging nach folgendem System vor:
Zuerst prüfte ich die Gesichter. Erblickte ich eines, das unzweifelhaft
durch das dritte Jahr des Dienstes gezeichnet war und dessen Eigentümer
weder eine Charge, noch eine Richt- oder Schießauszeichnung besaß und
nicht stumpf, sondern mit jener verächtlichen Verbitterung dreinsah,
für die mein Auge sehr geschärft war, so sprach ich ihn an. --
Zuerst erschrak er (denn ich war ja ein Herr Offizier), dann wurde
er mißtrauisch, schließlich aber, halb ärgerlich, halb geschmeichelt,
faßte er Mut, denn ich erzählte ihm, ich wäre sehr arm und hätte von
meiner Leutnantsgage meine alte Mutter zu erhalten. Ich schilderte
beweglich mein Elend, daß ich gezwungen wäre, die Zigaretten meiner
Fassung zu verkaufen und kaum alle heiligen Sonntage dazu käme, selbst
eine Zigarette zu rauchen, denn ein Schuldenmacher, wie die anderen
Herren zu sein, das brächte ich nicht übers Herz.
Der Mann dachte sofort: „Da sieht man’s. Die großen Herren! Da haben
wir’s ja, was hinter all der Aufdraherei, Schinderei und Schreierei
steckt! Ein armer Hund, der sich schmutziger durch die Welt bringt,
als unsereins. Wenn ich wieder im Zivil bin, habe ich mein Auskommen
als Knecht, Raseur, Tischler, Maurer, Selcher usw. Und der da? Freche
Bettler sind sie alle zusammen! Mir soll dann nur einer begegnen!
Zweimal wird er mich nicht anschaun.“
Ich ging so eine Weile neben dem Gemeinen hin und sprach gehässig über
die Offiziere und Feldwebel, besonders aber betonte ich, daß sie alle
bestechlich seien und die Mannschaft um ihre Gebühren betrügen, indem
sie die besten Lebensmittel und Sorten auf die Seite zu bringen wissen.
Das gefiel dem Mann; es war seine eigene Ansicht und er fing an,
nach Beispielen und Belegen zu suchen. Plötzlich fragte ich ihn nach
seiner letzten Bestrafung. Er geriet in Feuer und Wut, erzählte irgend
ein Vergehen und brach in wilde Beschimpfungen gegen den Hauptmann
Kallivoda, den Oberleutnant Gamsstoitner, diesen Hund, aus, gegen all’
die Namen, die mein eigenes Blut empörten.
Nun war er gänzlich warm geworden. Ich erwischte den günstigen
Augenblick und bat ihn um eine Zigarette.
Halloh! Da war er ganz oben! Dem „Herrn“, dem ewig Unnahbaren eine
Zigarette schenken, das schmeichelte, das war Wohlgefühl und Triumph
über den aufgeblasenen Halbgott, der ein armer Lump, ein Stinker und
ein Nichts ist.
Ich dankte für die Zigarette. Nicht jetzt würde ich sie rauchen, --
später.
Der Mann wurde mitleidig und ich hatte ihn gewonnen.
„Das ist doch ein anderer,“ dachte er, „der hierher kommt und mit den
Leuten lebt. ~Ich~ spuck mehr auf ihn, als ~er~ auf mich.“
Und jetzt begann ich mein Werk.
Und ich war erfolgreich, denn in kurzer Zeit hatte ich zwei Burschen
zur Desertion verleitet und durch einige andere manch Tausend
aufreizender Flugblätter in den Kasernen verteilen lassen.
Die ~Gefahr~, die dieses Treiben für mich bedeutete, machte mich
glücklich und zufrieden. Ich hatte einen Lebenszweck, das wagemutige
Geheimnis erhob mich fast zur heiligen Schulterhöhe der Russen.
Aber es war noch ein anderes neues Gefühl, stärker als Haß und
Rachsucht, das mich beflügelte und tollkühn machte. --
Vor wenig Tagen hatte ich sie das erstemal gesehen. Sie war über
die Schweiz gekommen und lebte nun dasselbe geheimnisvolle, fast
unphysische Leben wie die anderen Russen.
Nun! Wie soll ich Sinaïda beschreiben? Ich selbst bin ja „erwacht“,
„gesund geworden“ und mein Gedächtnis kann kaum mehr die furchtbaren
Überschwänglichkeiten meiner Jugend wiederholen.
Sinaïda! Ihre Landsleute gingen mit ihr um, wie die Getreuen mit einer
Königin in der Verbannung umgehen. Das Geheimnis irgend einer Tat ruhte
auf ihr, das einen unüberschreitbaren Abstand erschuf. Sie sprach
fast niemals, und dennoch war der Zeiger aller Reden immer auf sie
gerichtet, ihr Blick war ein ernsthaftes Starren, das immer ein wenig
an dem vorbeireichte, den sie ansah.
Es war keine Spur von chargierter Schlamperei an ihr, ihr dunkles Haar
war keineswegs kurzgeschnitten, ihre Kleidung wohlberechnet und anmutig.
So erwachsen ich auch war, die Liebe hatte ich noch nicht
kennengelernt. Die Erzählungen meiner Kameraden von ihren Abenteuern
hatten mir immer nur Ekel bis zum Brechreiz eingeflößt.
Allein, ich kannte die entsetzlichen Leidenschaften der Schwärmerei,
die seelenzersprengenden, lebenverwüstenden.
Sinaïda übte auf mich eine zwiefache Macht aus. Die wie nach einer
schrecklichen Anstrengung schneeweiße Stirne, der starre Blick, die
zarten fast ironischen Schatten um die Mundwinkel zeigten, daß diese
Frau nicht nur ~Leben~ hinter sich hatte, sondern etwas weit
Höheres, Heiligeres, eine Tat, eine Aufopferung, ein Geheimnis, von
solcher Würde, daß keiner jemals davon zu sprechen wagte. Dieses
Geheimnis, als ein unbegrenztes moralisches Übergewicht, demütigte mich
süß und schrecklich.
Und -- sie war schön, mehr noch als das, viel mehr -- Zauberei! Ihr
Gesicht zu ertragen, schien für mich fast unmöglich. Wenn ich es eine
Zeitlang anzusehen wagte, war mein Herz ausgepumpt, meine Glieder müde
wie nach einem stundenlangen Ritt.
War aber der eine Pol meiner Empfindung jene moralische Demütigung,
ein Geschöpf höherer Art, als ich es bin, vor mir zu sehen, so der
entgegengesetzte Pol viel umfaßlicher, kaum zu begreifen.
Die Schönheit Sinaïdas war eine wesenlose Entzückung, die ihrem Kleid
die süße Form gab, selbst aber Zephyr, Geist, Schwingung zu sein
schien. Und doch -- es war fast klar -- sie hatte ein Gebrechen,
wenn auch von zartester, unauffälliger Natur. Es schien, daß sich ihr
Schritt nach der einen Seite etwas neigte, kaum merklich, aber in
manchem Augenblick unverkennbar.
Dieses Unregelmäßige in dem Rhythmus ihrer Erscheinung (Hinken es zu
nennen wäre zu viel und zu profan), dieses zarte Gebrechen riß mich
hin, brachte mich um Verstand und Bewußtsein.
Der Gegensatz von ihrer Lebensüberlegenheit und Gebrechlichkeit
erzeugte in mir einen magischen Strom von solcher Macht, daß ich jede
Herrschaft über mich selbst verlor.
Und doch! Liebe wagte ich dieses Gefühl nicht zu nennen. Anbetung und
Verwirrung! Diesen unirdischen Leib, dieser überirdischen Seelenkraft
wollte ich nichts anderes sein als Knecht, Türhüter und Hund!
Dennoch! Beweisen wollte ich mich, ihr nicht nachstehen, die Glorie
eines Geheimnisses auf mein Haupt versammeln, auch ich!
Sinaïda selbst behandelte mich so, wie Frauen einen Lebensanfänger
behandeln.
Sie übersah mich.
Ich verdoppelte meine Anstrengungen in der Verhetzung der Soldaten. Es
war ein Wunder, daß man mich noch nicht angegeben und ertappt hatte.
Fast aber -- um Sinaïdas willen, -- sehnte ich eine Katastrophe herbei,
die mich vor der Welt der Ordnung zum Verbrecher erniedrigen, vor ihr
aber zum Märtyrer erhöhen sollte.
Eines Tages, als ich wieder eine Seele gefangen hatte und eifrig redend
neben einem Gefreiten ging, der mir gestand, schon selbst einmal eine
Meuterei angezettelt zu haben, wurde ich von rückwärts angerufen: „Herr
Leutnant!“
Ich zuckte automatisch zusammen.
(Dieses Zusammenzucken werde ich und keiner, der einen langen
Militärdienst geleistet hat, je überwinden können.)
Ich drehte mich um -- ich, der Revolteur, -- und blieb in
Vorschriftshaltung stehen. Der General, der mich gestellt hatte,
war mein Vater! Mit böswilligem Wohlgefallen an sich selbst,
hüftenwiegend, trat er näher. Einen Handschuh hatte er abgestreift
und trug ihn zugleich mit einer Reitgerte, die er regelmäßig gegen
den Schenkel schlug, in der Hand. Sein Auge kniff ein schwarzrandiges
Monokel, dessen absichtsvoll breite Schnur ausladend herabhing.
„Ah, du bist es,“ höhnte er, „das hätte ich mir gleich denken können!“
Wo war mein Mut? O Sinaïda!
Stramm stand ich und trank die Worte eines Vorgesetzten.
„Bist du nicht oft genug darüber belehrt worden, daß Offizieren der
außerdienstliche Umgang mit Mannschaftspersonen untersagt ist? Hast
du nicht selbst genug Verstand, um einzusehen, wie schädlich diese
falschen und ungebührlichen Vertraulichkeiten für den allerhöchsten
Dienst sind?
Aber dich kenne ich schon!
Sieht man dich einmal, so geht es ohne Anstand nicht ab. Weißt du --
dich möchte ich unter meinen Leuten nicht haben, Gott bewahre! --
Aber stündest du unter meinem Kommando, so könnte dir der Teufel
gratulieren! Ich wollte dich aufmischen, mein Lieber!“
Er sah auf die Uhr.
„Wo steckst du, was treibst du?
Jetzt ist es erst halb fünf. Bist du schon dienstfrei, gibt’s keinen
Kurs, hast du das Recht, zu flanieren? Wenn ich das zweitemal auf
Unregelmäßigkeiten komme -- du -- mit mir wage nicht zu spaßen! Hörst
du? Ich verlange soldatische Haltung, soldatische Pflichterfüllung von
dir! Und, was ich sonst noch zu sagen habe -- -- -- na, merk’ dir’s!
Servus!“
Er fuhr mit gebogenem Zeigefinger halb gegen die Kappe, ließ mich
stehen -- und, -- Satan -- ich salutierte betreten und stramm.
„Ihm nach, ihm nach,“ -- es riß mit mir, als ich zu Bewußtsein
kam, -- „und in den Straßendreck mit dir! Mörder, Seelenverkäufer,
Menschenschinder, ungebildeter Frechling, roher Schwachkopf!“
Ich stand wie auf einem schwankenden Segelboot. Doch plötzlich fiel mir
Sinaïda ein. Kränkung und Wonne gaben einige erleichternde Tränen her.
Ich hörte mich murmeln: „Es kommt der Tag!“
Allabendlich, knapp nach dem Dunkelwerden, pilgerte ich zu meinen neuen
Freunden.
Traumhafte, stundenlange Gänge durch die Nacht, die ich entweder allein
oder in Begleitung Herrn Seebärs zurücklegte. Ob es mehr war als Spiel
und Opium, was den taubstummen Bücherrevisor in jenes mysteriöse, auch
für mich niemals übersichtliche Haus zog, das habe ich nie erfahren
können.
Diesmal empfing mich der Chinese erregt und unruhig. Er winkte
mir geheimnisvoll, zupfte mich und öffnete eine Falltüre. Seine
Blendlaterne leuchtete mir eine Seitenstiege hinab. Ich gelangte über
unwegsame Stufen in einen Keller. -- Ein riesiges, feuchtes Gewölbe,
dessen Größe gar nicht abzumessen war! Vermutlich die alten Kellereien
der Abtei auf dem Berge.
Um einen Tisch, auf dem Windlichter standen, denn es wehte hier scharf,
saßen in feierlicher Ordnung die Russen. Beschitzer präsidierte.
Sein Gesicht, vor innerer Bewegung, war noch wächserner als sonst,
ohne Falte, ja ohne jedes vergnügte Äderchen des Lebensgenusses. Ich
bemerkte die außerordentliche Schmalheit seiner Nasenwurzel, diese edle
Nase mit der schärfsten Spitze, die man sich denken kann. So spitzige
Nasen im guten und schlechten Sinn trifft man immer bei theologisch
gerichteten Menschen an.
Ihm zur Seite saß Sinaïda, die strenger als sonst über mich hinweg sah;
ihre zerbrechlichen Hände schimmerten in den schleimigen Ausstrahlungen
des Raumes.
Am unteren Ende des Tisches wartete schon ein Stuhl auf mich. Chaim
winkte mir. Ich setzte mich nieder.
Keiner unterbrach auch nur durch ein Zucken der Wimper das erhabene
Starren. Niemals hat mich die gesammelte Gewalt so vieler mächtigen
Seelen mehr erdrückt, als in dieser endlosen Minute des Schweigens,
das nur durch die greisen, knorrigen Atemzüge des uns zu Häupten
arbeitenden Stromes unterbrochen wurde.
Endlich setzte Beschitzer einen verbeulten Zwicker auf und entfaltete
ein Schriftstück.
Er sprach zuerst einige russische Worte. Dann rief er singend
und vibrierend: „Wer hätte das gedacht?“ Sein Akzent wurde fast
unverständlich. „In die Arme läuft er uns!“ Nach einer Pause:
„Hört, Brüder, was das Komitee mir schreibt!“ Die Stimme des Vorlesers
stockte und zitterte.
„Wir teilen Euch mit, daß der Zar am 30. Mai in W. eintreffen wird,
und zwar um 7 Uhr 35 Minuten morgens in einem Sonderzug, der als
langer Personenzug maskiert ist.
Die Ankunft erfolgt am Nordbahnhof, gerade in dem Augenblick, wo
die beiden Gegenschnellzüge ein- und abfahren, also der größte
Trubel herrscht. Für diesen Train ist das dritte Geleise, vom
Ankunftsperron gerechnet, reserviert.
Der Zar reist in Zivil, ebenso wie das gesamte Gefolge, das
etwa aus dreißig Herren der näheren Umgebung und aus hundert
Polizeiagenten besteht, denen selbstverständlich die gleiche
Anzahl schon vorausgeeilt ist.
Der Zar wird voraussichtlich einen grauen Jackettanzug mit weichem
grauen Hut tragen, den Charakter eines wohlsituierten Arztes führen
und einem Waggon zweiter Klasse entsteigen. Ferner ist es möglich,
daß der Zar eine runde Hornbrille mit breiter Fassung tragen wird.
In seiner Begleitung dürfte sich Botschafter Iswolski und Minister
Sasonow befinden.
In der äußeren Ankunftshalle wird der Kaiser, der eine kleine
Reisetasche selbst in der Hand hält, von einer Frau mit zwei
kleineren Kindern empfangen werden, die als Familie mit lauten
Worten eine innige Begrüßung zu agieren haben.
Dann begibt sich die Gruppe zu dem Autotaxameter Nr. 3720, der
sich jedoch erst anrufen läßt. Neben dem verkleideten kaiserlich
königlichen Chauffeur wird ein Mann in dürftigem Anzug sitzen, der
Chef der dortigen Staatspolizei.
Die Familie, d. h. der Zar und die Frau mit den beiden Kindern,
fahren in die Residenz von S., wo der Zar am öffentlichen Eingang
des berühmten Schloßparks das Auto verläßt, welches weiterfährt.
Der Kaiser, die kleine Reisetasche in der Hand, schreitet die große
Taxusallee hinan und begegnet bei der zweiten Wegkreuzung um 8 Uhr
20 Minuten dem jungen Erzherzog K., der sich mit ihm ins Schloß
begibt.
Es sind also zwei gute Attentatsmöglichkeiten vorhanden, von
denen allerdings die letztere, weil sie weniger Menschen in
Gefahr bringt, vorzuziehen wäre. Das erste Attentat müßte vor der
Bahnhofshalle, und zwar am besten durch Schußwaffe aus möglichster
Nähe erfolgen, das zweite vor dem Parkportal, und zwar hier am
besten durch Aufschlagbombe.
Eventuelle Veränderungen in der Disposition werden durch
chiffrierte Telegramme mitgeteilt werden.
Die streng geheime Reise des Zaren wird den mächtigen
Zeitungsherausgebern Europas verborgen bleiben. Außer den Häuptern
der dortigen Dynastie und den politischen Chefs wird niemand etwas
erfahren.
Zweck der Reise ist eine Konferenz über die durch die albanische
Frage verwirrte internationale Lage, die unter dem Präsidium des
alten Halunken stattfinden wird.“
Eine Ewigkeit lang schwieg jeder Atemzug, während Beschitzer bedächtig,
doch mit unbemeisterten Händen das Blatt zusammenfaltete. Dann hörte
ich ihn leise fragen: „Wer?“