Der Brief des Adjutanten enthielt diesen persönlichen Befehl in
dienstlicher Fassung. --
Jetzt erst, nachdem mein Vater mir unrecht getan hatte, empfand ich
die ganze lächerliche Tragik, der ich unschuldig verfallen war. Ich
ging nach Hause und in dem Loch der Frau Koppelmann, das ich bewohnte,
befiel mich ein stundenlanges Zittern, so daß ich das Teegeschirr,
meinen Wasserkrug und den Handspiegel zerbrach, aus dem mich mein
leichenhaft spitzes Gesicht mit den übertriebenen Backenknochen
angeblickt hatte. --
Ich lag die ganze Nacht auf dem unsagbar dreckigen Fußboden
ausgestreckt. Ungeziefer kroch langsam über meine Stirne, eine große
Ratte, schwer wie eine trächtige Katze, lief über meinen Bauch. Ekel
ließ mich den Tod ersehnen. Aber ich stand nicht auf. So war es recht.
In den Abgrund gehörte ich. In die Schlangenhöhlen, in die Nester der
Ratten, in die sumpfigen, stinkigen Schlupfwinkel der verfluchten
Geschöpfe.
Gegen Morgen sah ich meinen Vater im Traum. Er trug jenen windigen
Zivilanzug, in dem er wie ein Postassistent aussah, und hatte starkes
Nasenbluten, das er durch ein vorgehaltenes Taschentuch zu stillen
suchte. „Du meinst immer?“, sagte er mit einer recht umgänglichen
Stimme, die nicht die seine war. „Du meinst, daß ich an nichts anderes
denke, als dich zu züchtigen. Weit gefehlt! Ich habe mehr Gnade -- als
Züchtigung an dir geübt. Schau nur!“
Er hielt mir ein paar Handfesseln entgegen, pfiff sich eins, wie ein
Arzt, der zu spät zu einem Kranken geholt wird und sieht, daß nicht
mehr zu helfen ist. Dann rief er noch, während sein Bild schon zu
schwanken begann:
„Habt acht, Korporal! Was sich liebt, das neckt sich!“
Er verschwand und ich begann im Gänsemarsch hinter trauertragenden
Zivilisten einherzugehen, deren gerötete Stiernacken von Ausschlag und
Furunkeln entstellt waren.
Plötzlich bemerkte ich, daß ich mich nicht selbst bewege, sondern
gedreht werde, immer schneller -- und -- da erwachte ich.
Mittags meldete ich dem Oberst mein Abgehen vom Regiment. Er schüttelte
mir um einen Grad zu kameradschaftlich die Hand, wünschte mir Glück
und versicherte, er sei überzeugt, daß die unangenehme Affäre sich
zu allgemeiner Zufriedenheit aufklären werde, zumal die allerhöchste
Stelle ein unbezweifelbares Interesse an den Tag lege. Er selbst
zweifle keinen Augenblick daran, daß der Sohn seiner Exzellenz des
Herrn Feldmarschalleutnants Duschek von Sporentritt nicht anders als
rechtlich handeln könne.
Als ich dem Oberleutnant Cibulka die Hand zum Abschied reichen wollte
und in seinem Gesicht eine hochmütige Verlegenheit bemerkte, unterließ
ich es, meinen anderen Kameraden Adieu zu sagen. Was gingen mich diese
näselnden Dummköpfe an?
Am Abend war mir schon viel leichter zumute. Ich fühlte sogar ein
Prickeln, wenn ich an die Residenz dachte, die ich nur als Kind besucht
hatte. Erst als ich im Zuge saß, ergriff mich Unruhe. Denn ich sah
ja nach langem das erstemal und unter wie peinlichen Umständen dem
Wiedersehen mit meinem Vater entgegen.
Am frühen Morgen kam ich in der Residenz an. Wie groß war selbst zu
dieser Stunde das Leben hier! Der Asphaltboden zitterte in feinem
Ausschlag wie das Deck eines Dampfers, wenn die Maschinen ihre Arbeit
aufnehmen.
Lastwagen, Straßenbahnen, Automobile! Menschen mit scharfen,
unbeugsamen Gesichtern, die nicht gesonnen waren, sich beschimpfen
zu lassen; sie alle, Arbeiter, Marktweiber, Commis, Ladenmädeln,
Kaufleute, Studenten, sie gingen, ohne rechts und links zu schauen,
zielbewußt ihres Wegs. Soldaten sah ich fast keine, und das machte mir
die meiste Freude. All diese fünf Jahre war ich an keinem Ort gewesen,
wo ich nicht ununterbrochen hätte spähen müssen, ob mir nicht salutiert
würde, oder ob ich nicht salutieren müsse.
Hier war ich nichts, drum war ich Wer! Und hier war ein anderer auch
nichts, drum war ich doppelt Wer! -- Mit Trotz und Trumpf fühlte
ich das und mußte plötzlich stehen bleiben -- denn vor langen --
langen Jahren, ich wußte nicht wann und nicht wie, -- hatte ich diese
Empfindung schon erlebt.
Ich bezog in einem sehr wenig standesgemäßen Gasthof eines äußeren
Bezirks Quartier.
Der Portier sah mich zuerst sehr erstaunt an und war nachher überaus
katzenfreundlich.
Ich wusch, rasierte und kleidete mich streng nach der Dienstvorschrift,
denn ich kannte meinen Vater. Er stellte jeden jungen Offizier, dessen
Kappe nicht die vorgeschriebene Höhe hatte und dessen Adjustierung
nicht genau den Satzungen des Dienstbuchs +X+ entsprach.
Dann begab ich mich, ärgerlich, daß ich das feige, zaghafte Gefühl in
mir nicht zu überwinden vermochte, zum Korpskommando.
In einem Vorzimmer fragte ich nach dem General. „Seine Exzellenz sind
noch nicht hier,“ hieß es.
Ich wartete eine Stunde.
Offiziere schlugen krachend die Türen zu, schimpften mit den
Ordonnanzen, ihr Reden war immer laut und überdeutlich, als stünden sie
vor einer Front. Feldwebel eilten beflissen mit Akten und Dienststücken
hin und her, sie blieben, wenn sie etwas meldeten, in großem Abstand
vor dem Offizier stehen, auf ihrem Gesicht zeigte sich Todesfurcht,
Eifer und Zerknirschung.
Ich wartete noch eine Stunde. Meine Aufregung war kaum mehr zu
bemeistern.
Dann wandte ich mich an den diensthabenden Rittmeister und nannte
meinen Namen.
„Ah, das freut mich wirklich.“
Er war zuvorkommend, höflich und rückte mir sogar einen Stuhl zurecht.
„Bitte nimm nur Platz! Exzellenz muß gleich kommen. Er ist bloß ins
Ministerium gefahren. Wie gesagt, er wird gleich hier sein. Aber jetzt
-- du siehst, wie ich zerrissen werde -- mußt du mich entschuldigen!“
Er eilte einem höheren Offizier entgegen, mit dem er in einer Türe
verschwand.
Ich zog es vor, auf dem Gang zu bleiben, der wilder als eine Straße
von hundert Schritten hallte. Plötzlich verstummte alles, das ganze
Getriebe blieb wie angewurzelt stehen, Hände fuhren an die Hosennaht,
Hacken klappten aneinander, Köpfe erstarrten in scharfer Wendung.
Es klirrte die Stiege hinauf, das Schweigen durchbrach ein mit
erhobenen Stimmen geführtes Gespräch.
Von zwei Stabsoffizieren flankiert, die angestrengt und
ergeben ihr Ohr neigten, schritt ein General mit fabelhaft
spiegelnden Lackreitstiefeln, breiten rotstreifigen Breeches und
hellblau-goldknöpfigem Waffenrock über den Gang.
Er nahm von keinem der regungslos Versteinerten Notiz, schritt auch an
mir vorbei, ohne den Allzunichtiges nicht beachtenden Blick von meiner
Gestalt abzuwenden. Ich stand ebenso wie die anderen, herausgedrückter
Brust und zurückgeworfener Schultern da.
Der General hatte die graue Kappe des hohen Militärs abgenommen. Sein
Haar war weiß, sein kurzgestutzter Schnurrbart schwarz gefärbt. Ich
erwischte ein Stück des Gesprächs:
„Das fällt nicht in mein Ressort. Der Akt muß an die Statthalterei
weiter geleitet werden....“
Die Stimme kannte ich nur zu gut. Aber dieses Gesicht?
Es war seinen Weg gegangen.
Ich lehnte mich -- meine Stirne war kalt und feucht -- müde an die Wand.
Wie ist das möglich?
Dieser Fremde dort hatte durch einen warmen Tropfen seines Leibes mich
erzeugt. Ich also war ein Tropfen, ein Teil seiner Natur. Ich war er
selbst, -- ich -- dieser fremde General, der an mir vorbeigeht, an mir,
den er als einen Tropfen einst verspritzt hatte!
„O schauerliches Geheimnis! --“
Der Rittmeister kam und führte mich in das Wartezimmer des Kommandanten:
„Exzellenz sind noch beschäftigt, einige Herren sind bei ihm. Du mußt
noch warten, bis das Referat vorbei ist.“
Ich ließ mich auf einen Sessel, der gepolsterten Türe gegenüber,
nieder. Noch einige Menschen warteten: ein eisgrauer Major, ein
Staatsbeamter und eine ältere Dame.
Unvermittelt fiel mir eine Szene ein, deren Zeuge ich auf einem Bahnhof
während meiner Reise gewesen war. Ein junger Mann, der mit gerötetem
Gesicht ungeduldig, seine beiden Koffer in der Hand, am Fenster des
Waggongangs gestanden war, bekam in dem Augenblick, da der Zug hielt,
Tränen in die Augen, sprang wie rasend das Trittbrett hinab und fiel
einem alten Herrn in die Arme, der in nicht geringerer Bewegung ihn
immer wieder ansah und immer wieder streichelte, ansah und streichelte.
Das spielte sich zu windiger Nachtzeit ab -- im wirren Schein der
Lichter einer kleinen Station.
Ich allein war verstoßen!
Gut! Ich wollte von niemandem etwas. Ich brauchte niemanden. Aber
auch hiersitzen und warten wollte ich nicht, ewig ängstlich, ewig
Sklave einer bindenden und lösenden Macht, ewig vor der Türe jener
Bataillonskanzlei, wo ich meine Schulaufgaben vorweisen mußte.
Die Polstertüre öffnete sich. Der General begleitete einen sehr
vornehmen Zivilisten zum Ausgang. Der uralte Major stand zitternd
stramm.
Ohne die Anwesenden und mich auch nur eines Blickes zu würdigen, kehrte
mein Vater wieder in sein Arbeitszimmer zurück.
Ich wartete und wartete.
Erbitterung, die Sehnsucht, nach so langer Zeit wieder gut zu wirken,
Unsicherheit eines Angeklagten, kurz hundert widersprechende Gefühle
peinigten mich und machten mich krank.
Endlich waren alle anderen abgefertigt. Der Rittmeister winkte mir.
„Bitte!“
Ich trat in den großen, plüschig aufgedonnerten Arbeitsraum.
Mein Vater saß am Schreibtisch und schrieb.
Bebend verharrte ich sehr fernab in Habtachtstellung.
Der Vater beachtete mich nicht und schrieb.
Ich räusperte mich nicht.
Mein Vater reichte dem Adjutanten ein unterfertigtes Dienststück.
Der Rittmeister entfernte sich, der General sah eine halbe Minute zum
Fenster hinaus, -- dann erhob er sich und trat mir -- o, schon ein
wenig steifbeinig -- entgegen.
Im Abstand der vorgeschriebenen Ehrfurcht blieb er stehn. Sein Gesicht
war nicht mehr blaß, grünlichgelb von dem verbissenen Ehrgeiz des
Vierzigjährigen wie früher, sondern zeigte schon die lila roten Wangen
eines Herrn, der in den Gesellschaften zu Hause ist, wo nur die besten
Weine serviert werden. Starr und ohne Interesse sah er mich an. Ich
fuhr in der üblichen vorschriftsmäßigen Weise zusammen und schrie:
„Exzellenz, ich melde mich gehorsamst zur Stelle.“
„Danke... bitte kommod zu stehen!“
Dann reichte er mir drei Fingerspitzen seiner Hand und meinte:
„Da bist du also!“
Er trat zum Schreibtisch und wühlte ein Staatstelegramm hervor:
„In deiner Angelegenheit hat sich zu deinem Glück herausgestellt,
daß du der Schuldige nicht bist! Jetzt eben ist das Telegramm des
Kommandanten eingetroffen.
Wie dem auch sei, ein Offizier von Ehre vermeidet es, seinen Namen
in eine Sache zu mischen, die unreinlich ist. Da gibt es fast nicht
mehr Schuld und Unschuld. Ich habe alles getan, ~meinen~ Namen in
dieser Geschichte vor einer ehrenrätlichen Untersuchung zu schützen.“
„Ich habe für die Spielschuld eines Kameraden gebürgt.“
„Dummheit! Deine alten Laster habe ich nur zu gut erkannt. Renitenz,
Indolenz und Schlaffheit.“
„Ich habe geglaubt,...“
„Ein Soldat hat nicht zu glauben!“
Ich wollte etwas erwidern. Der General verwarf es mit einer
Handbewegung. Wut und Ohnmacht würgten mich.
Er trat dicht an mich heran und musterte mich erregt.
„Du siehst nicht vorteilhaft aus,“ sagte er. „Man könnte dich für einen
richtigen Doktor, für einen Reserveoffizier oder Sanitäter halten, für
so einen, -- der über Thermometer oder Brunzflaschen gebietet. --
Sieh’ dir die jungen Leute hier an, wie sie schneidig sind und lern’
etwas von ihnen!“
„Ich habe nicht die Mittel, mich gut auszurüsten!“
„Ich habe die Mittel auch nicht gehabt und wie habe ich ausgesehen!“
Der Vater warf seine Zigarette weg und blies den Rauch durch die Nase.
„Vergiß nicht, daß du nicht für dich allein stehst, sondern auch für
~meinen~ Namen, den du trägst, verantwortlich bist. Ich habe meine
Pflichten dir gegenüber erfüllt. Jetzt kommt die Reihe an dich, mir
gegenüber deine Pflicht zu erfüllen.“ --
„Deine Pflicht hast du nicht erfüllt!“ O, ich wollte es ihm ins Gesicht
schreien. Feig aber blieb mir das Wort im Halse stecken.
Der General ging auf und ab.
„Ich tue das Menschenmöglichste für dich... Deine Konduit ist schlecht.
Sie gibt dir keine Aussichten, im Frontdienst etwas zu erreichen. --
Deine Vorgesetzten aber halten dich für intelligent. Ich richte mich
danach und habe dich für die Kriegsschule anmelden lassen.
Du kannst morgen schon im Kurs erscheinen. Glücklich schätzen sollst du
dich!“
Erschöpft und gerührt von einem solchen Aufwand an Fürsorge ließ er
sich nieder. Er fragte: „Wo wohnst du?“ Doch ehe ich noch Antwort geben
konnte, schnitt er ab: „Das ist ja gleichgültig.“
Meine Nerven ließen nach wie die Saiten einer Geige.
„Du siehst, ein General auf meinem Posten ist äußerst in Anspruch
genommen. Ich hoffe dich aber am Abend bei mir zu begrüßen. Du kannst
mit uns soupieren. Bei dieser Gelegenheit (hier wurde er unsicher,
welchen Ausdruck er wählen solle) wirst du -- deine -- meine Gattin
kennenlernen. Wir haben uns lange nicht gesehen. Warum bist du
eigentlich nie auf Urlaub gekommen? Nun, ist schon gut! Also! Servus
dieweil bis zum Abend. Danke!“ Er hob das Telephon ab, sah zur Seite
und ich war entlassen.
Ich ging, Schritt für Schritt, bewußtlos, quer über die Straße.
Plötzlich erfaßte mich ein Irrsinnsanfall.
„Ich würge ihn!
Ich würge ihn!