Ich drosselte mit meinen Händen wollüstig einen kalten Hals. Es war
eine Laterne. Ein Gigerl lachte, ein Arbeiter sah mir kopfschüttelnd
nach.
„Der Herr Leutnant!“ mochte er denken.
„Freimachen! Freimachen!“ flüsterte ich immer wieder vor mich hin.
Was hatte ich mit diesem fremden Greis zu schaffen, der seine Pflicht
erfüllt hat. Was habe ich mit dem Militär zu schaffen! Ich habe nichts
gelernt. O! Dennoch! Lieber verhungern!
Herunter mit diesen grünen Fetzen! Herunter mit diesen bunten
Aufschlägen und silbernen Sternen!
Tschindara! Eine Regimentsmusik zog vorbei. An der Spitze tänzelte das
Pferd eines dicken Hauptmanns.
Stramm salutierte ich.
Ich ging weiter. Sehnsucht erfaßte mich nach dem Vater meiner Kindheit,
nach dem Plagegeist meiner Knabenjahre.
Ich sah das gelbe, schneidige Gesicht mit dem aufgezwirbelten
Schnurrbart. Aber er war doch nahe gewesen, so nahe! Und ich hatte es
gefürchtet, aber so, wie man Gott fürchtet.
Werde ich je loskommen? Ist das Wahnsinn?
Ich beschloß am Abend zu Hause zu bleiben. Es ist ja gleichgültig, wo
ich wohne.
Ich gedachte meiner Mutter.
Sie hatte mir manchmal die Haare gewaschen.
Am Abend, pünktlich, erschien ich dennoch in der Wohnung des Generals.
Es war das Haus eines reichen Mannes, fast ein Palais. Vornehme
Kandelaber brannten auf der läuferbelegten Treppe. Eine Ordonnanz, die
großen Bauernhände in Zwirnhandschuhen, geleitete mich in ein Zimmer,
wo ich eine halbe Stunde warten mußte.
Der General erschien in einer rotseidenen pelzverbrämten und
reichverschnürten Haus-Litewka, seine wohlangepreßten weißen Haare
dufteten, auf seinen Fingern waren Ringe lebendig, doch sein Blick
und sein Gehaben schien nicht weichlicher geworden zu sein, nur
zurechtgeglättet und gehauter.
Einen Augenblick wich meine Abscheu der Wehmut. Noch immer war die böse
Kindheit ein großes Tor, durch das ich allabendlich heimkehrte.
„Bitte! Wir gehen zu meiner Frau,“ sagte der Vater, der in strenger
Erfüllung seiner Karriere jetzt auch schon den leicht-ungarischen
Akzent angenommen hatte, wie er zugleich das aristokratische Reiterblut
und den überlegenen strategischen Kopf kennzeichnet.
In einem der Zimmer kniete eine lange, eckige Person vor dem
Marienbild. Sie erhob sich rasch und zeigte platte Formen und in
aufgebauter Frisur hochblond gefärbtes Haar.
„Dies hier ist Karl, Fürstin“, stellte mich der General meiner neuen
Mutter vor. Ein süßliches Lächeln, Goldzähne bleckten mich an und ein
Hals zeigte, trotz Perlenschnur und Diamantkreuz, seine gelben Falten.
Mit Pomp trat die Frau auf mich zu und erwiderte meinen sehr gemessenen
Handkuß mit einem verwandtschaftlichen Kreuz, das sie mir flüchtig über
die Stirne schlug.
„Gott segne Sie, Karl Johann,“ begann sie, indem sie versuchte, die
Begrüßung zu einer Szene aufzubauschen, „es war nicht recht von Ihnen,
daß Sie uns erst jetzt die Gelegenheit geben, einander kennenzulernen.“
Sie wartete auf ein Wort von mir. Ich schwieg kalt und verstockt. Die
Krähenfüße in den Augenwinkeln der Generalin verschärften sich. Ihre
Falten wurden noch falscher als vorhin. Sie schlug einen neuen Kurs ein.
„Ihr habt mich überrascht!“ sagte sie voll Geheimnis, „ich habe mir
nämlich eben von der Muttergottes was Schönes ausgebeten!“
„Was denn, Natalie?“ fragte der General, der seiner Frau gegenüber
einen kleinlauten Eindruck machte.
„Aber du weißt doch, Charlie, der gestrige Kurssturz.....“
Sie wandte sich zu mir.
„Es handelt sich um die Aktien der Zeitung -- die christliche Welt. --
Das Unternehmen ist in Gefahr und es wäre für unsere Kreise geradezu
ein Unglück, wenn diese Zeitung einginge!“
Ich verneigte mich stumm.
Der Vater zeigte seine langen Zähne. Immer jagte mir sein Lachen Angst
ein:
„Die Politik ist nichts für Soldaten, dagegen um so mehr für die
Frauen.“
Später einmal erzählte mir jemand, daß die gewesene Fürstin einen Teil
ihres Vermögens in Aktien der klerikalen Papierfabrik angelegt hatte.
Wir gingen zu Tische. Es gab ein mageres Essen, das allerdings von
einem backenbärtigen Diener aufgetragen wurde.
Das also war mein Vaterhaus!
Ich saß fremd und betreten da, wie eine bezahlte Kreatur, ein Sekretär
oder Sprachenlehrer, bestenfalls wie ein dürftiger Verwandter. -- Das
war mein Vaterhaus!
Ich legte von den Speisen kaum zwei Bissen auf meinen Teller, und die
Frau meines Vaters schien darüber nicht unerfreut zu sein.
Später kam ein jüngerer sehr geleckter Abbé und rieb ewig rot gefrorene
Hände.
Mein Vater war sehr aufmerksam gegen ihn und holte eigenhändig eine
besondere Flasche hervor.
Die Generalin im Ton einer konversierenden Hoheit sprach von Musik.
„Ich habe gehört, daß Sie so musikalisch sind, Karl!“
„Jawohl,“ meinte der Vater recht jovial, „er hat mich einmal, als
kleiner Bub, über eine Oper belehrt.“
-- Freischütz -- wußte ich sogleich und erkannte: „Keine Erniedrigung,
keine Niederlage verschwindet aus einem Herzen. Wir alle sind verlorene
Vorposten; von allen Seiten beschossen zittern wir hinter baufälligen
Deckungen. Auch er! Er hat meinen kleinen Triumph nicht vergessen.“
„Ich adoriere die Musik,“ gestand die Generalin, „Mozart, Haydn und vor
allem Liszt! Vor allem Liszt! Das war ein Mann! Mein Gott! Und dabei so
fromm! Meine Mama war sehr intim mit ihm und der Wittgenstein.“
Der Geistliche schickte sich an, schmalmäulig eine Predigt über Politik
zu halten.
„Die Zeiten wären schlecht,“ klagte er, „ein böses Ende drohe, wenn
nicht in letzter Sekunde noch eine gepanzerte Faust dazwischen führe.
Das Übel der Welt aber sei die Freimaurerei, die in ihrer neuen Form
Sozialismus heißt. Beide Weltanschauungen seien aber nichts anderes,
als wohlausgeklügelte, tiefdurchdachte Taktiken der Juden, die allesamt
nur von zwei Beweggründen beherrscht würden: Die Weltmacht, die sie
im Geheimen schon besäßen, öffentlich an sich zu reißen und Christus
wieder zu kreuzigen!
Mit dem letzteren aber ist es so bestellt! Die Juden sind die ewigen
Feinde des Heilands. Ihr Volkstum ist mehr als eine physische und
geistige Gleichartigkeit, es ist ein Geheimbund der Rache an dem
Erlöser. Den irdischen Leib Christi haben sie zur Zeit des Kaisers
Augustus getötet und in unseren Tagen bieten sie ihren Heerbann, die
unmündigen und verführten Arbeiterscharen auf, den himmlischen Leib
Christi, die Kirche zu vernichten.“
Mich ärgerten die Worte, Blicke, Gesten dieses Spitznäsigen.
Ich fragte, warum denn, wenn schon der Jude der Antichrist wäre, die
Kirche seines Kults, seiner Mythologie und Geschichte nicht entraten
könne, und ob denn diese Kirche nicht von Juden geschaffen worden sei
und allein von ihnen, mit Ausnahme der hellenischen Einflüsse, ihre
Form empfangen habe!? Ich für meinen Teil hätte unter Juden immer die
herrlichsten Menschen gefunden.
Meine Worte wirkten wie eine Kriegserklärung. Der Pfaffe verdrehte die
Augen, die Generalin bekam einen asthmatischen Hustenanfall und mein
Vater, den besonders die Worte „Mythologie“ und „hellenisch“ ärgerten,
schrie mich an: „Ein Offizier hat mit keinem Juden zu verkehren!“
Ich war gründlich abgefallen.
Das Wort „Abtreten“, von fernher schnarrte es durch meine Seele.
Man schwieg.
Endlich fragte mich die Generalin, meine Stiefmutter, kalt:
„Können Sie Bridge spielen?“
„Nein!“
Ich empfahl mich, während die drei sich zum Spieltisch setzten und
keine Miene machten, mir mehr als ein förmliches Abschiedswort zu
geben, oder für ein andermal mich in mein Vaterhaus zu bitten.
* * *
Auf dem Heimweg erfüllte mich ein starkes glückliches Gefühl: „Mit
diesem Menschen bin ich fertig. Vater ist er nicht mehr! Nicht mehr
der Gegenstand dieser beleidigten, herabgewürdigten Knabenliebe.
Zitternde Ehrfurcht und zart gekränkte Sehnsucht -- vorbei für immer!
Wer ist der Mann? Ein gleichgültiger Vorgesetzter, dessen baldiger Tod
mich nur vergnügen sollte!“
O, wie gut kalt war mir zumute. Nicht mehr wie heute mittag werde
ich ihn im Sinnbild einer Straßenlaterne erwürgen. Jetzt ~bin~
ich frei, und jetzt werde ich mich auch frei machen von diesem
Sklavenkleid. Geduld! Nur einige Monate noch!
Ich schlief sehr gut.
Am nächsten Tag schon meldete ich mich in der Kriegsschule, deren
jüngster Zögling ich war, denn bloß dem Einfluß meines Vaters hatte ich
es zuzuschreiben, daß ich bei meiner noch zu niedrigen Charge Aufnahme
gefunden hatte.
So verging einige Zeit, in der ich mich sehr versteckt und unauffällig
hielt, am Kursus auf den Plätzen der wenig Strebsamen teilnahm, und den
Vater weder in seinem Amt noch auch in seinem Hause aufsuchte.
Einsam, dumpf und verbissen in dieser großen Stadt.
Doch halfen mir die Millionen, mich selbst leichter zu tragen. In der
Metropole nimmt jeder an moralischem Gewicht ab. Das verlorene Atom
in den schwankenden Ballungen des Körpers kann ruhig schlafen. Straße
dröhnt, Wirtshaus plärrt, der Nichtige ruht auf einem Meeresgrund. Er
ist nicht einmal Tropfen mehr, der sich nach Auflösung sehnt. Es liegt
ja nichts daran.
Wozu noch Ehrgeiz? Wozu noch Vergnügung, da doch Quintessenz aller
Vergnügung das Bewußtsein ist, stark und vorteilhaft zu wirken!
Alles ist ja so gleichgültig! O Gott, warum nur?
Manchmal schritt eine Frau mit strahlend bewußten Beinen dahin. Ein
Krampf ging durch mein Wesen.
Mir aber gelang nur eines -- Schlaf! Ich war ein Meister des Schlafs
bei Tag und Nacht.
So waren drei Monate vergangen.
Es geschah aber, daß ich in eine seltsame Gesellschaft geriet.
Ich bewohnte in meinem kleinen Hotel das Zimmer Nr. 8. Das Zimmer Nr.
9 neben mir hatte ein älterer, taubstummer Mann inne, der Herr Seebär
hieß und Bücherrevisor war.
Ich hatte es mir angewöhnt, spät am Abend von weiten Spaziergängen nach
Hause zu kommen, und da begegnete mir fast allmitternächtlich Herr
Seebär, der von seiner Arbeit heimkehrte, auf der Treppe. Er trug zu
jeder Jahreszeit einen langen schwarzen Kaiserrock von so fleckig und
brüchigem Aussehen, als wäre er schon geraume Zeit als Kleidungsstück
einer honorablen Leiche im Grabe gelegen und dann wieder durch einen
Altkleider-Tandler in den Handel gebracht worden. Um seinen Zylinder,
der von mancher Attacke unzähliger Sylvesternächte zerbeult und räudig
erschien, war ein breiter Trauerflor angebracht.
Das Gesicht Seebärs zeigte eine Farbe, grauer als Asche, sein Schritt
hatte die zögernde Erschöpfung der Herzkranken.
Es war öfters dazu gekommen, daß ich dem Taubstummen durch kleine
Dienste und Handreichungen hatte behilflich sein können. Nun, wenn wir
uns nachts auf der Treppe trafen, reichten wir einander die Hände,
und es hatte sich die Gewohnheit ausgebildet, daß Seebär in mein
Zimmer trat, Platz nahm und wir uns eine halbe Stunde noch schweigend
gegenübersaßen.
Manchmal holte ich einen Likör heraus, und wir tranken als einzige
Unterhaltung einander ernsthaft zu.
Eines Nachts zog Seebär einen Schreibblock aus der Tasche und schrieb
auf einen Zettel, den er mir reichte, mit kalligraphisch kontorgeübten
Zügen diese Worte:
„Ich sehe, daß es Ihnen nicht sehr gut geht.“ Ich schrieb nur ein Wort
zurück:
„Ja!“