1. Im Süden

[Illustration]

»Passen Sie auf, Mister Eyth, wenn ich Ihnen die Geschichte noch nicht

erzählt haben sollte: Vor drei Jahren begegnete mir im Broadway in

New York ein junger Engländer, frisch und grün, wie sie die Alte Welt

manchmal noch liefert. Er hatte schon drei Wochen in der Metropole der

Neuen verbummelt und darüber nachgedacht, wie er es angreifen könne,

sein Glück zu machen, und hatte sogar mich darüber befragt, obgleich

ich damals so wenig wie jetzt danach aussah, als ob ich das Problem

gelöst hätte. Ein Bürschchen aus guter Familie, dem seine Mama tausend

Pfund in die Tasche gesteckt hatte, um ihm den Anfang zu erleichtern.

Er strahlte vor Vergnügen, als ich ihn zum zweitenmal sah. Er hatte

einen entfernten Vetter gefunden, der Amerika seit fünfundzwanzig

Jahren kannte und schon ein halber Yankee geworden sein mußte, scharf

und hell wie ein Eingeborener. Sie wollten sich assoziieren, ein

Agenturgeschäft gründen, Zucker, Baumwolle, Tabak verkaufen -- was weiß

ich! Mein Engländer hatte das Geld, der entfernte Vetter die Erfahrung.

Das mußte gehen! In fünf Jahren konnten sie Millionen verdient haben!

-- Zwei Jahre darauf begegnete ich ihm wieder, fast am gleichen Fleck;

aber er war traurig. ›Nun, wie geht's mit der Agentur?‹ frage ich. --

›Mittelmäßig‹, sagt er zögernd. -- ›Was!‹ rufe ich, ›Ihr Vetter mit der

Erfahrung und Sie mit dem Geld -- das mußte ja gehen!‹ -- ›Wir haben

uns gestern getrennt, mein Partner und ich‹, -- erklärte er seufzend.

›Jetzt hat +er+ das Geld und +ich+ die Erfahrung!‹ -- Passen Sie auf,

Mister Eyth, daß ich mit Ihnen in kurzer Zeit nicht etwas Ähnliches

erlebe. Seit dem Krieg sind wir alle zweimal so scharf geworden als vor

fünf Jahren.«

»Gehört habe ich die Geschichte schon, aber nicht von Ihnen«, sagte

ich lachend. »Doch bange machen gilt nicht. Ein Mensch, der in Ägypten

vier Jahre lang unter Mamelucken und Eunuchen gepumpt und dampfgepflügt

hat und aus dem großen Baumwollkrach vor zwei Jahren lebendig

herausgekrochen kommt, ist so grün nicht mehr wie Ihr Engländer.

Die Griechen und Armenier von Alexandrien sind keine schlechten

Lehrmeister.«

»Mag sein«, nickte der Oberst, indem er nachdenklich an seinem

zweiten Frühstücksei herumknusperte. »Ich wünsche Ihnen alles Glück

zu Ihrem Glauben und Ihrer Schlauheit und wollte nur, der nächste

Dampfer brächte auch mir einen Dampfpflug, der achttausend Golddollar

wert wäre. Ich wollte ihn geschwind genug losgeschlagen haben, unter

Kostpreis, wenn nötig.«

Wir saßen beim Frühstück an einem der grünen Tischchen im Garten

des deutschen Restaurants und Biersalons von Breitling, in der

Tschapatulastraße von New Orleans, Louisiana. Der Garten war eine

Schöpfung nach Erinnerungen Breitlings aus seiner deutschen Heimat

und bestand aus sechs Tischchen und einem alten, knorrigen, schlecht

belaubten Hickorybaum, an dem als natürlicher Festschmuck zerlumpte

Fetzen hängenden Mooses klunkerten. Der Baum stammte ersichtlich

aus der Zeit, in der der Mississippi an dieser Stelle noch wildes

Swampland anzuschwemmen pflegte, und stand jetzt trübselig zwischen

vier hohen Backsteinmauern, die ihm und uns den stets willkommenen

Schatten gaben. Die Luft war dumpf und schwül; doch war man sozusagen

im Freien. Die Mittagsglut, welche über die große Stadt hereinzog, war

morgens um acht Uhr noch nicht bis in diesen Winkel gedrungen, so daß

schon seit vierzehn Tagen, seitdem ich in der Nähe wohnte, mir diese

Frühstücksstunde zu den angenehmeren des Tags gehörte. Breitlings

Figur, die seinem Namen, sonderlich von hinten, Ehre machte, und eine

zerrissene, etwas bierbefleckte »Gartenlaube« sorgten dafür, daß man

sich halb in Deutschland fühlen konnte.

Auch der Oberst, den ich hier kennen gelernt hatte, trug dazu bei.

Es war ein großer, hagerer, vierzigjähriger Mann, dem man allerdings

ansah, daß er einiges erlebt hatte. Schmettkow, Herr von Schmettkow

erlaube ich mir ihn aus Rücksicht für seine Familie zu nennen. Er

erzählte gerne von seinen leichteren Jugendstreichen, die er in die

Zeit verlegte, in welcher er Rittmeister in der preußischen Garde zu

Berlin gewesen sein wollte. Dies hatte wohl seine Richtigkeit; ich

hatte wenigstens keinen Grund, daran zu zweifeln. Dagegen beobachtete

er ein tiefes Schweigen darüber, wie es kam, daß er aufgehört hatte,

es zu sein. Nach seiner eignen, etwas unzusammenhängenden Lebensskizze

befand er sich plötzlich in Amerika, den üblichen Kampf ums Dasein

fechtend, und zwar von der Pike auf; und von was für einer Pike! Der

Ausbruch des Bürgerkriegs fand ihn bei Baltimore als Buchhalter einer

Baumwollplantage, auf der Südseite der Sezessionsgrenze. Politische

Grundsätze beeinflußten ihn sichtlich wenig. Er focht mit als braver

Soldat und biederer Landsknecht, wo ihn der Zufall hingestellt

hatte, und schied als Oberst von seinem nur noch aus vierundzwanzig

Mann, meist Majoren, bestehenden Regiment, als die große Sache der

Aristokratie des Südens zusammenbrach. Bei Atlanta, im letzten Gefecht,

in dem sich das Regiment auszeichnete, hatte er einen Sergeanten der

föderierten Armee unter Sherman samt der Kompagnie, welche dieser

zufällig befehligte, beim Frühstück überrascht und gefangen genommen,

oder vielleicht richtiger gesagt: er hatte Breitlings Frühstück

gefangen genommen und diesen, der ihm sofort wieder entwischte,

hierdurch unangenehm überrascht. Die beiden Herren konnten sich über

den Hergang der Waffentat nie völlig einigen. Breitling war nach dem

Friedensschluß mit andern politischen Kräften gen Süden gewandert und

besaß nach kurzer amtlicher Tätigkeit als Steuereinnehmer genügende

Mittel, seinen Biersalon in der Tschapatulastraße zu eröffnen. Dort

überraschte ihn Oberst von Schmettkow zum zweitenmal, den ein rauhes

Schicksal ebenfalls nach Louisiana verschlug. Es war hohe Zeit, denn

der Oberst, einer der wenigen Deutschen, die auf der verlorenen Seite

des großen Bürgerkriegs gefochten hatten, war dem Versinken nahe.

Breitling hatte ein gutes, dickes Herz und zwei Töchterchen von elf und

neun Jahren, die während der Kriegsjahre in ihren Elementarkenntnissen

etwas zurückgeblieben waren. Das paßte vortrefflich. Der Oberst wurde

Haus- und Mädchenschullehrer, hatte bereits sechs höhere Töchter und

bei Breitling freie Kost gefunden. Das Dameninstitut befand sich im

Tanzsalon hinter der Bierwirtschaft. Wo der Herr Professor wohnte,

wußte niemand. Aber seine Schnurrbartspitzen hoben sich aufs neue, und

der auf »Ä« gestimmte Ton des einstigen Offiziers vom Tempelhofer Feld

klang leise und gedämpft wieder durch. Ganz war er ja auch im größten

Elend nicht verschwunden, denn er war hörbar waschecht.

Ich selbst hatte vor zwei Wochen das Sankt Charleshotel verlassen

und war in eine Privatwohnung in der benachbarten Tschapatulastraße

übergesiedelt. Es war mir im Gasthof etwas zu unruhig geworden. Ein

Senator von Alabama hatte am Hotelschenktisch nach dem Mittagsmahl

im ruhigsten Gespräch sechs Schritte von mir einen Richter aus

Texas niedergeschossen. Man hatte zwar den toten Richter sofort auf

die benachbarte Polizeistation und den Senator, nach einem kleinen

Wortwechsel mit den Umstehenden, nach seinem Zimmer gebracht. Auch

ließ man dessen Tür von zwei nach und nach herbeigeholten Schutzleuten

zur allgemeinen Genugtuung der ängstlicheren Hotelbewohner streng

bewachen, nachdem der Senator kurz zuvor durch das Fenster abgereist

war. Da ich diesen Herrn aus Alabama persönlich nicht kannte, mit

ihm also auch nicht sympathisieren konnte, dagegen mit dem Richter,

der gleichzeitig großer Grundbesitzer war, schon mehrere Cocktails

getrunken und intime Beziehungen betreffs der Dampfkultur in Texas

angeknüpft hatte, ärgerte mich dieser Zwischenfall lebhaft und

veranlaßte, neben anderm, meinen Umzug nach der Tschapatulastraße. Auch

fand ich, daß meine augenblickliche Beschäftigung, das Warten auf den

englischen Frachtdampfer »Wild-West«, in einer Privatwohnung ebenso

wirkungsvoll gefördert werden konnte als in dem in ganz Louisiana,

wenn auch nicht wegen seiner Billigkeit, berühmten Sankt Charleshotel.

Meinen anderweitigen leiblichen Bedürfnissen genügte das Nachbarhaus,

Breitlings Restaurant und Biersalon, vollständig. Und so genoß ich

nach etlichen bewegten Reisewochen in unerwarteter Weise eine kleine,

wohlverdiente Ruhepause während meines ersten Aufenthalts in der

Crescent City, der »Mondsichelstadt«, wie der poetische Amerikaner New

Orleans zu nennen liebt, und konnte mir Land und Leute ansehen, ehe ich

mit ihnen handgemein werden sollte.

Das heutige Frühstück war der letzte Takt dieser Pause. Ich hatte schon

gestern abend einen Zettel von General Longstreet, dem Haupt der jungen

Firma Longstreet, Owen & Co., erhalten, der mich benachrichtigte, daß

der »Wilde Westen« signalisiert sei und an der Barre, der achtzig

Meilen entfernten Mündung des Mississippi, nur auf die Flut warte, um

heraufzukommen. Ich segnete meine Sterne und war schon in einem kleinen

Arbeitsfieber, ohne etwas Greifbares tun zu können; denn es war hohe

Zeit, daß ich meines Dampfpflugs habhaft wurde, wenn ausgeführt werden

sollte, was ich mit Longstreet geplant hatte.

»Nur kühl!« rief mein Oberst, indem er auf die Uhr und die zwei

internen Zöglinge seines Dameninstituts sah, die am Nachbartisch Lotto

spielten. »Und passen Sie auf! Die Geschichte mit Ihrem Obersten in

Washington -- wie heißt er?«

»Olcott, Oberst Olcott, Kongreßmitglied aus Ohio«, antwortete ich mit

Betonung, um meinen schwankenden Glauben zu stärken.

»Ich möchte vor allen Dingen wissen,« fragte sich Schmettkow

nachdenklich, »ob er schon Pulver gerochen hat, Ihr Oberst, oder nur

das riecht, das Sie mitbringen. Die Geschichte gefällt mir nur halb.«

»Aber sie kann kaum schief gehen, so wie sie jetzt eingeleitet ist«,

meinte ich zuversichtlich.

»Es kann in Washington alles schief gehen, seitdem die große Sache

schief gegangen ist«, versetzte der Oberst mit einiger Wärme. »Sie

kennen die Yankees noch nicht. Ein Kongreßmitglied in Washington!

Guter Gott! Ehe Sie sich umsehen, hat man Ihnen die Augen von Ihrem

Wassersüppchen geschöpft. Vollends ein Kongreßmann, den man Ihnen in

der Quäker-City angehängt hat, in der Sie am Sonntag in Gegenwart von

sechshunderttausend Mitmenschen verdursten können! Lieber Herr Eyth, es

mag ziemlich heiß sein in Ihrem Ägypten, aber Sie sind trotzdem grüner

geblieben, als Sie es selbst ahnen. Passen Sie mal auf!«

»Hexen können Sie hier auch nicht«, meinte ich, etwas verstimmt. »Ich

sehe wirklich nicht ein, wie --«

»Einsehen! Das ist gar nicht nötig. Das Einsehen kommt immer erst

später. Sie werden Ihr Lehrgeld bezahlen wie jeder andre. Zum Glück

haben Sie, wie es scheint, einen soliden Kassierer im Hintergrund.

Lernen Sie wenigstens +den+ benutzen! -- Übrigens gebe ich zu, um Sie

nicht zu ärgern, daß Sie die Sache nicht ganz ungeschickt angegriffen

haben. Wenn Sie so fortfahren, werde ich Ihnen auch künftig gewogen

bleiben.«

Er sagte dies im Ton gutmütiger Bevormundung, den wir bei unsern

abendlichen Schachpartien unter dem Hickorybaum gegenseitig

gebrauchten, um eine drohende Niederlage zu beschönigen. Die Sache

aber, um die es sich handelte, war die folgende:

Ich war vor zwei Monaten mit dem Auftrag der Fowlerschen Fabrik ans

Land gestiegen, unsre Dampfpflüge in Amerika einzuführen. Das war fast

die einzige Weisung, die ich mitbrachte. Man steht mit einer solchen

Aufgabe etwas zweifelnd am Strande eines neuen Weltteils; doch scheint

der Zeitpunkt, aus der Ferne gesehen, nicht ungünstig. Die Südstaaten,

die nach dem furchtbaren Krieg und nach der Befreiung der Sklaven in

irgendwelcher Weise weiterleben mußten, hatten sich irgendwie den neuen

Verhältnissen anzupassen. Für die Sklavenarbeit auf den Plantagen mußte

ein Ersatz gefunden werden. Hier konnte die Dampfkraft eingreifen und

nach der blutigen eine friedliche Revolution einleiten; wieder aufbauen

helfen, was jene zerstört hatte. Ich war nicht ohne einige Begeisterung

bei diesem Gedanken, wenn auch sehr seekrank, über den Atlantischen

Ozean gekommen und suchte so rasch als möglich Angriffspunkte für

meine Aufgabe zu finden. Leicht fand ich es nicht -- nach einigen

Wochen --, einen Weltteil zu erschließen; man mußte offenbar an die

Arbeit im kleinen und einzelnen gehen. Doch hatte die Firma Fowler

Freunde und sogar Verwandte in New York und Philadelphia, ein Haus, das

»in Blei« groß geworden war und zur alten Aristokratie der Quäkerstadt

gehörte. Hier fand ich wenigstens Ratschläge, auf die ich mich

verlassen konnte.

Eins wurde mir sofort klar: mit einem Eingangszoll von fünfundvierzig

Prozent des Maschinenwertes, der für jeden Dampfpflug viertausend

Dollar in Gold, siebentausend Dollar in Papier jener Tage

ausmachte, war die Einführung der Dampfkultur von England aus eine

augenscheinliche Unmöglichkeit. Dieses Verhältnis mußte vor allen

Dingen geändert werden. Mit einem Brief der Gebrüder Tatham, meiner

Berater in Philadelphia, ging ich nach Washington und stellte mich am

Schenktisch des Hotels Villard einem Herrn Oberst Olcott vor. Ich fand

in ihm einen klugen, energischen Mann, der im Tone biederer Offenheit

den kitzlichsten Verhandlungen den wohltuenden Schein der Ehrlichkeit

zu geben wußte. »Der Zweck heiligt die Mittel« war für ihn ein über

alle Zweifel erhabener Grundsatz. Es schien ihm völlig ausgeschlossen

zu sein, daß in unsrer Zeit noch Menschen geboren werden könnten, die

in diesem Punkt nicht völlig kapitelfest waren. Was aber die Heiligkeit

des Zwecks anbelangt, so kam es eben hauptsächlich darauf an, wieviel

dabei zu verdienen war.

Ein gemeinsames Frühstück, zu dem ich mir erlaubte, ihn sofort

einzuladen, genügte, ihm das Wesen und die Vorzüge eines Fowlerschen

Dampfpflugs zu erklären, ein Mittagsmahl, ihn von der Notwendigkeit

der Einführung und Verbreitung dieses großartigen Fortschritts auf dem

Gebiet der landwirtschaftlichen Technik zu überzeugen. Mit Papieren

aller Art war ich wohl vorbereitet. Ein begeisterter Aufsatz, noch

im Manuskript, stellte fest, daß namentlich der wirtschaftliche

Wiederaufbau des Südens, dem durch die Sklavenbefreiung die Hauptquelle

von Kraft und Arbeit entzogen worden war, nur durch Fowlers Dampfpflüge

möglich sei, die in Ägypten in der Hand halbwilder Fellachin Wunder

geschaffen hätten und in Indien -- hier dichtete ich beträchtlich

-- die vertrockneten Riesenflächen entlang des Ganges in blühende

Teegärten zu verwandeln in Begriff stünden. Ist es nicht die

patriotische Pflicht einer erleuchteten Gesetzgebung, fragte ich in

einem Wald von Ausrufungszeichen, die Einführung eines derartigen

menschenbeglückenden Apparates mit allen zu Gebot stehenden Mitteln zu

fördern? jeden Schritt freudig zu begrüßen, der den von ihren Irrtümern

befreiten, aber heute daniederliegenden Bruderstaaten ihre materielle

Wohlfahrt wiedergibt und sie gleichzeitig dem Fluch einer sündhaften

Ausbeutung der Menschenkraft entzieht? Darf nicht erwartet werden, daß

die weitsichtige Vertretung des größten Volkes unsrer Zeit mit Freuden

das einzige Hindernis entfernt, das der Erreichung dieses herrlichen

Zieles Schwierigkeiten bereitet, und ohne Verzug die Abschaffung

oder wenigstens die zeitweise Aufhebung eines Prohibitivzolls auf

Dampfpflüge beschließen wird?

»Sehr gut!« sagte Olcott, als ich ihm mein Memorandum vorgelesen hatte;

»was bezahlen Sie dafür?«

Obgleich selbst nicht Amerikaner, war ich in einen patriotischen

Schwung geraten, dem ich so rasch als möglich Einhalt tun mußte, um

antworten zu können.

»Wofür?« fragte ich, ein wenig nach Luft schnappend, um Zeit zu

gewinnen.

»Nun -- für das Spezialgesetz, für die Aufhebung des Zolls auf

Dampfpflüge, sagen wir auf ein Jahr.«

»Sagen wir auf fünf Jahre«, schlug ich vor, nach Fassung ringend.

»Gut! Nehmen wir an auf fünf Jahre. Wieviel?«

Ich schwieg. So nahe hatte ich mir das Ziel nicht gedacht. Das schien

ja über alles Erwarten einfach zu sein. Aber die Frage kam mir doch mit

gar zu betäubender Wucht über den Kopf.

Olcott sah mich verwundert an. Nach einer Pause bemerkte er:

»Ihr Dampfpflug mag vortrefflich sein. Das müssen Sie am besten wissen.

Auch was Sie da auf Ihrem Papier haben, ist nicht übel. Jedenfalls

läßt sich etwas damit machen. Aber Sie glauben doch wohl selbst nicht,

daß man eine wertvolle Verordnung wie die, die Sie brauchen, durch den

Kongreß drückt ohne Schmiermaterial. Da hat man zunächst alle möglichen

Kosten: Druckkosten, Trinkkosten, Reisekosten, Konferenzkosten,

Reklamekosten -- alle möglichen Kosten, die sich nicht spezifizieren

lassen! -- Doch kommen wir zum Geschäft -- Zeit ist Geld -- Wieviel?«

So rasch ging es nun doch nicht, wie ich es voreiligerweise vermutet

hatte. Die Verhandlungen dauerten drei Tage. Ich wand und krümmte mich,

so gut ich konnte; Olcott hatte viel Geduld mit mir. Am zweiten Tag

war ich nahe daran, in einem Anfall heiligen Zorns abzureisen; er half

mir selbst meinen Koffer wieder auspacken. Ich sei furchtbar grün; das

sei kein Wunder, meinte er, mich entschuldigend, bei meiner kurzen

Anwesenheit in diesem großen und freien Lande; aber ich sei sichtlich

ehrlich. Beides würde sich wohl mit der Zeit geben; dann könne noch ein

tüchtiger Mann aus mir werden. Jedenfalls werde er meine Laufbahn mit

großer Teilnahme verfolgen. Ich habe ihm vorläufig viel Spaß gemacht.

Das einzige, was er bedaure, sei, daß ich mit ihm auf politischem

Gebiet nicht ganz übereinzustimmen scheine. Dann formulierte er den

zehnten Vorschlag eines Abkommens, das ihm die Dampfkultur Amerikas

zinspflichtig machen sollte.

Schließlich waren wir am Ziel; wo ein Wille ist, findet sich ein

Weg. »Oberst Olcott verpflichtet sich,« lautete die geheimnisvolle

Vereinbarung, »nach Kräften dahin zu wirken, daß der Kongreß der

Vereinigten Staaten von Nordamerika innerhalb der nächsten zwölf

Monate die zollfreie Einfuhr von Dampfpflügen auf eine Reihe von

Jahren, jedoch nicht unter drei, zum Gesetz erhebt. Für die hierdurch

entstehenden Geschäftskosten und Bemühungen erhält Oberst Olcott von

der durch Herrn Eyth vertretenen Firma zunächst zur Einleitung der

erforderlichen Schritte tausend Dollar bar, sodann 7½ Prozent von

jedem unter dem Gesetz eingeführten Dampfpflug, bis die erhaltene

Summe zehntausend Dollar beträgt, und später 2½ Prozent bis zur

Wiedereinführung des gesetzlichen Normalzolls für landwirtschaftliche

Maschinen.« Damit konnten wir beide zufrieden sein. Ich oder vielmehr

Olcott hatte mich überzeugt, daß man auch in der größten der Republiken

dem Lande nicht umsonst Wohltaten erweisen kann. Ich fühlte eine

gewisse Dankbarkeit gegen den Biedermann, der mit seinem offenen

Lächeln der ganzen Verhandlung jeden bösen Schein abzustreifen gewußt

hatte und mit Eifer an die Arbeit zu gehen versprach. Wir schieden

an den Marmorstufen des Kapitols mit lebhaften Versicherungen

gegenseitiger Hochachtung. Mir jedenfalls war es um tausend Dollar

leichter zumute, was auch aus der Sache weiter werden sollte.

»Und seitdem haben Sie nichts mehr von Ihrem Oberst und Gesetzgeber

gehört?« lachte Schmettkow etwas verächtlich, nachdem ich ihm die

Geschichte zu meiner eignen Beruhigung beim dritten Male etwas

ausführlicher mitgeteilt hatte. »Na, das wird schon kommen. Mit tausend

Dollar ist mein Herr Kamerad im Norden nicht zufrieden. Ich kenne meine

Pappenheimer.«

»Wir werden ja sehen,« meinte ich etwas kleinlaut; »unter tausend

Dollar konnte ich wohl kaum erwarten, mit dieser Aufgabe durch

Washington zu kommen. So weit kennen glücklicherweise auch meine

englischen Freunde das Land. Im übrigen soll mich das alles wenig

kümmern, wenn ich in ein paar Tagen meinen Dampfpflug zwischen die

Finger bekomme. Dann sollen die Herren Amerikaner schon die Augen

aufmachen.«

»Na, na!« machte der Oberst, in dessen Seele der Stolz des werdenden

Yankees mit dem Ärger, in Amerika zu sein, in fortwährendem Kampfe lag.

Wir hatten, wie es die Unsitte des Landes will, halb deutsch, halb

englisch gesprochen und kaum bemerkt, daß sich auch am Nachbartisch

jemand niedergelassen und zu frühstücken begonnen hatte: ein älterer,

gutmütig aussehender Herr mit einem furchtbaren Knotenstock.

»Na, na!« sagte auch der neue Gast, sichtlich bestrebt, deutsch zu

sprechen, fuhr aber dann sogleich auf englisch fort: »Entschuldigen Sie

mich, Gentlemen; ich bin Mister Lawrences Bruder; Mister Lawrence,

Magnoliaplantage, Plagueminegrafschaft, Louisiana -- Sie kennen ihn?« --

Wir kannten nichts von all dem, glaubten ihm aber aufs Wort. Der Mann

hatte ein so ehrliches, zutrauliches Aussehen, nahm seinen Knotenstock,

ein wunderbares Naturerzeugnis, zwischen die Knie, stützte sein Kinn

darauf und sah uns freundlich an.

»Dampfpflüge!« fuhr er nach einer Pause fort, »Dampfpflüge -- das

interessiert mich. Wir haben in diesem großen Land Dampfpflüge in

Menge. In Vicksburg läuft einer seit drei Jahren -- in Cincinnati -- in

Chikago --«

»Mein lieber Herr!« sagte ich etwas erregt, denn er hatte mich an

einer wunden Stelle berührt, »das geht nicht! Ich bin noch nicht

lange in Ihrem großen und ruhmgekrönten Land, aber eins weiß ich: den

amerikanischen Dampfpflug, von dem mir jedermann erzählt, hat noch

niemand gesehen. Haben Sie ihn schon gesehen?«

»In Baltimore ist einer,« fuhr Herrn Lawrences Bruder ausweichend,

aber eifrig fort, »in Saint Louis hat erst vor wenig Wochen ein

außerordentlich talentvoller Milchhändler einen Pflug erfunden, der mit

dem Wind segelt. Warten Sie ein wenig; sehen Sie, hier!« -- Er zog aus

seinem geräumigen Rock ein großes, blaues Heft hervor, nachdem er sechs

kleine Tüten, die mit Zuckerproben gefüllt waren, auf den Tisch gelegt

hatte. Das blaue Heft enthielt zahllose, in kreuz und quer eingeklebte

Zeitungsausschnitte, unter denen er eifrig nach dem gewünschten

segelnden Pflug suchte.

»Haben Sie ihn gesehen?« fragte ich hartnäckig. »Nein? -- Nun will ich

Ihnen erzählen, wie es mir in diesem großen und erleuchteten Land damit

ging. Auf der Überfahrt von Liverpool nach Boston sagte mir die ganze

Schiffsgesellschaft, soweit sie amerikanisch war, daß es bei ihnen

von Dampfpflügen wimmeln müsse. Ein Herr aus Boston meinte, in seiner

Vaterstadt seien allein drei, wahrscheinlich in vollem Gang, denn er

erinnere sich, schon als Schuljunge davon gehört zu haben. Ich hielt

mich zwei Tage auf, um sie zu finden. Niemand wußte etwas davon. Aber

in Philadelphia sei ein blühendes Geschäft, das sie fabriziere. Ich

interessiere mich ein wenig dafür; es ist mein Handwerk. Ich gehe also

nach Philadelphia und finde mit Müh' und Not die Adresse eines Herrn

in New York, der einmal mit einem englischen Geschäft korrespondiert

habe, um sich einen kommen zu lassen. Es wurde nichts daraus wegen

des hohen Eingangszolls. Aber in Cincinnati sei ein Mister Fox; der

mache amerikanische Dampfpflüge, hauptsächlich fürs Präriepflügen,

höre ich in der Metropole der Welt. Ich gehe nach Cincinnati. Mister

Fox war tot. In einem Schuppen fand ich eine alte Straßenlokomotive,

die seiner armen Schwester gehörte und aussah, als ob sie Noah gebaut

hätte. Pflüge wolle ich sehen? Nein, das sei nicht zum Pflügen; das

sei ein Lastwagen mit Dampfbetrieb, erklärte mir die Schwester. Aber

in Chikago: dort werden für die Maisfelder von Illinois Hunderte von

Dampfpflügen gebaut. Ich war auf dem Weg nach dem Süden, aber ich ließ

mich's nicht verdrießen: ich gehe nach Chikago. Die Firma Thompson &

Smith, von der ich in Cincinnati gehört hatte, war bankrott. Einen

Dampfpflug habe sie nie gebaut. Dagegen habe allerdings Mister Thompson

einen erfunden, der zehn Morgen in drei Minuten aufbreche. Nur der

Bankrott sei ungeschickterweise dazwischen gekommen, die epochemachende

Erfindung auszuführen. Jetzt sei er in Kalifornien, um das Geschäft

fortzusetzen. Dort werde eigentlich nur noch mit amerikanischen

Dampfpflügen gearbeitet. So werde es in Louisiana wahrscheinlich auch

sein, namentlich in New Orleans, seitdem die Sklavenarbeit aufgehört

habe. Hier bin ich jetzt, Mister Lawrence,« schloß ich, ganz warm

von meinem Bericht, »und Sie schicken mich nach Vicksburg. Bei Gott,

es ist ein großes Land, Ihr Amerika! Aber die Geschichte von seinen

Dampfpflügen fängt an, etwas monoton zu werden.«

Lawrence tat, als ob er mir nicht zugehört hätte, und suchte eifrig in

seinem blauen Heft.

»Sehen Sie hier!« rief er triumphierend. »Vicksburg, den 2. November

1866 -- na nu! Das ist eigentlich etwas andres, aber nicht weniger

interessant, und zeigt Ihnen, was unsre Erfinder leisten. Ein Land

mit solchen geistigen Kräften ist nicht umzubringen, darauf können

Sie wetten! Hören Sie zu. ›Vicksburg, den 2. November. Wir vernehmen

mit Vergnügen, daß es einem unsrer Mitbürger, einem genialen jungen

Erfinder, Mr. Hodgekiß, nach langem Studium und kostspieligen Versuchen

gelungen ist, einen Dampfneger zu konstruieren. Derselbe kann

bereits Holz sägen, Maiskolben raspeln und Zuckerrohr kauen. In der

gegenwärtigen verzweifelten Lage unsers Südens ist diese Erfindung von

der höchsten Bedeutung. Der Neger ist gegen ein Eintrittsgeld von 50

Cents zu New York, 218 Fultonstreet, zu sehen. Der geniale Erfinder ist

nunmehr eifrig damit beschäftigt, auch ein Dampfmaultier anzufertigen,

teilt uns jedoch in der liebenswürdigsten Weise mit, daß dies eine

sehr viel schwierigere Aufgabe sei als die von ihm bereits glücklich

gelöste. Es wird dies jedermann, auch der Nicht-Techniker, begreifen,

wenn man bedenkt, daß ein Maultier gewöhnlich vier artikulierte Beine

in Bewegung setzen muß, während der Neger nur zweibeinig ist. Mr.

Hodgekiß ist übrigens noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt und im

Begriff, sich mit der reizenden Miß Evelin Sharp aus Warrenton zu

verheiraten. Er geht mit dem Plane um, auf Grund seiner Erfindungen

eine Dampfneger- und -maultier-Aktiengesellschaft mit beschränkter

Haftpflicht zu gründen, worauf wir Kapitalisten und Freunde der

Regeneration des Südens besonders aufmerksam machen.‹«

»Wieviel Aktien haben Sie genommen?« fragte Oberst von Schmettkow

Herrn Lawrence, der sich siegreich umsah.

»Vorläufig noch keine«, sagte Lawrence, ohne eine Miene zu verziehen.

»Mein Bruder befindet sich augenblicklich im Norden und will sich den

Neger erst ansehen. Das ist jetzt nicht mehr so einfach als früher. Sie

wissen, mein Bruder ist ein vortrefflicher Geschäftsmann und läßt sich

nicht leicht einseifen. Man muß sich mit den Yankees in acht nehmen.

Auch in der guten alten Zeit haben wir keine Neger gekauft, ohne sie

anzusehen. Und wenn Sie uns Ihren Dampfpflug zeigen, wer weiß, dann

läßt mein Bruder am Ende den Dampfneger fahren und läuft Ihnen nach. Es

sollte mich freuen, Mister -- Mister -- wie heißen Sie?«

Ich befriedigte seine Neugierde.

Wir schüttelten uns heftig die Hände, während ich mich zum Fortgehen

anschickte. »Mister Lawrences Bruder« gefiel mir, obgleich mir noch

nicht ganz klar war, was ich aus ihm machen sollte. Jedenfalls war

er ein lebender Beweis der Zuträglichkeit des Klimas von Louisiana,

über das man mir in der Ferne viel Böses gesagt hatte. Sein breites

Gesicht lachte harmlos, seine Äuglein blinzelten listig hinter

den roten Wangen und unter den struppigen weißen Augenbrauen. Ein

kindlicher Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten des menschlichen

Fortschritts schien der leitende Gedanke, die Poesie seines Lebens

zu sein und ihn häufig, nach Art der Poesie, in etwas nebelhafte

Regionen zu entführen. Wenn jedoch von Dollars die Rede war, hatte

er plötzlich festen Grund unter den Füßen. Er hoffte, mich wieder

zu sehen. Wenn mein Dampfpflug ankäme, wolle er der erste sein, der

seinen Ruhm in der Crescent City verkündige. Und seinen Bruder wolle er

mitbringen! »Sie wissen, wir haben dreitausend Acker Land in Zucker.

Das ist kein Kinderspiel ein Jahr nach dem Krieg, wenn alles die Arme

hängen läßt und die verfluchten Reisesäckler[1] dem Süden den letzten

Blutstropfen aussaugen. -- General Longstreet, sagten Sie? Sie gehen

zu General Longstreet? Das ist ein Mann, wie er sein soll, Mister

Eyth, unser bester Soldat und heute der ehrlichste Baumwollmakler in

ganz Louisiana. Ich werde Sie begleiten. Es ist mir eine Ehre, Sie zu

General Longstreet zu begleiten.«

»Passen Sie auf!« flüsterte mir Schmettkow zu, der sich's zur

Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, mich vor den üblichen Gefahren

des Landes zu schützen.

Dann gingen wir in die glühende Helle der Kanalstraße hinaus.

[Illustration]

Geld und Erfahrung · 第 12 / 27 题