Die Geschäftszimmer der Firma Longstreet, Owen & Co. in der
Jacksonstraße bestanden aus zwei geräumigen, hellen Gemächern mit dem
freundlichen Ausblick auf einen etwas verwilderten Garten, in welchem
Palmetten, Kaktusbirnen und Aloes in der weißen Vormittagssonne
schimmerten. Er mußte vor fünf Jahren ein prachtvolles Bild südlicher
Pflanzenüppigkeit geboten haben. Jetzt schien er sich selbst überlassen
zu sein, und seine Lianen machten ernstlich Anstalt, über das Haus
wegzukriechen, um sich dessen Straßenfront anzusehen. Im äußeren,
größeren Zimmer hausten die zwei jungen Owen, von denen der eine
Major, der andre Kapitän genannt wurde. Dies waren sichtlich keine
bloßen Ehrentitel: der Major hinkte infolge eines Schusses im Bein,
der Kapitän hatte einen tiefen Säbelhieb in der im übrigen rosigen
Wange. Das zweite, kleinere Gelaß war das Geschäftszimmer des Generals
Longstreet, den Freund und Feind im Süden mit sichtlicher Hochachtung
die rechte Hand des Generals Lee zu nennen pflegten, seitdem Longstreet
selbst nur noch eine linke hatte. Seine eigne Rechte lag auf dem
Schlachtfeld bei Chattanooga begraben. Alle drei waren jetzt ehrsame
Baumwollmakler und Generalagenten für alles mögliche, was der Süden
brauchen oder nicht brauchen konnte, auch für unsre Dampfpflüge. Ich
selbst bin ein Mann des Friedens, und als mich der junge Owen mit der
liebenswürdigen Höflichkeit des Südländers bat, ein wenig zu warten,
da sich General Beauregard und General Taylor augenblicklich bei
General Longstreet befänden, wurde es mir doch etwas schwül in dieser
kriegerischen Umgebung, trotz der Baumwollproben, die auf allen Tischen
und Gesimsen umherstanden. Doch so ist nun einmal das amerikanische
Leben. Gestern standen die drei Männer, die im Nebenzimmer das Sinken
der Baumwollpreise besprachen, an der Spitze von Armeen und schrieben
in blutigen Schriftzügen an der Geschichte der Neuen Welt. Beauregard
hatte zur Eröffnung des großen Bürgerkriegs die ersten Schüsse bei
Fort Sumter abgefeuert, Taylor war vier blutige Jahre lang der
Soldatenliebling aller Damen Louisianas gewesen, und Longstreet, eine
mächtige, echt ritterliche Gestalt, hatte bis zum bitteren Ende beim
Appomatox-Courthouse mit seiner verstümmelten Rechten an der Seite
seines großen Chefs gefochten, wobei ihm die beiden Owen als seine
persönlichen Adjutanten zur Seite standen. Der Kapitän hatte mir schon
davon erzählt, wie es ihm und den Tausenden seiner halbverhungerten
und halbverbluteten Kameraden am Abend bei der Übergabe der Armee,
die den furchtbaren Krieg beendete, zumute gewesen war, wie ihm und
allen andern eine Zentnerlast vom Herzen gefallen sei, an der sie
seit Monaten geschleppt hatten, und wie er in der nächsten halben
Stunde sein armes, halbtotes Pferd um 32000 Dollar in konföderiertem
Papiergeld verkauft und ein Paar Stiefel um 430 Dollar gekauft habe.
So stand es damals um Stiefel, Pferde und Geld. -- Etwas besser war's
nun doch schon geworden. Taylor war Präsident des kleinen versumpften
Kanals, der von New Orleans nach dem Pont Chartrin führt, Beauregard
geschäftlicher Leiter einer im Bau begriffenen Bahn nach Texas,
Longstreet und seine einstigen Adjutanten Baumwollhändler. Der Major
war nicht anwesend. Er sagte mir, sein jüngerer Bruder sei auch in
kaufmännischen Dingen noch heute Longstreets rechte Hand. »Lauter
rechte Hände,« dachte ich, »und doch ist die ›große Sache‹ schief
gegangen.«
Während mein neuer Freund Lawrence sofort in lebhaftem Gespräch
mit dem jungen Owen seine Zuckertüten aus der Tasche holte, sie
auf den Tisch schüttete und ihn für die herrlichen Kristalle der
Magnoliaplantage zu begeistern suchte, öffnete sich die Tür des
Nebenzimmers, und Longstreets breites, treuherziges Soldatengesicht
winkte mir zu, einzutreten. Die beiden andern Heerführer standen
um ein Tischchen und zupften mit jener langsamen, sachverständigen
Handbewegung Baumwollflocken auseinander, die bewies, daß sie wußten,
was sie taten. Jedes Gewerbe hat gewisse zünftige Bewegungen, an denen
sich die Eingeweihten sofort erkennen: man weiß, wie der richtige
Getreidehändler das Korn von einer Hand in die andre rollen läßt, der
Zuckersieder den zähflüssigen Zucker zwischen Daumen und Zeigefinger
ausspinnt und der Gastwirt seinen Kaviar empfiehlt, indem er Daumen
und Zeigefinger zusammendrückt und mit halbgeschlossenen Augen den
Mund zuspitzt, als ob er küssen oder pfeifen wollte. So wußte ich nun
auch, daß sämtliche drei Generale aus Familien stammten, die große
Baumwollplantagen besessen hatten.
Longstreet stellte mich vor: »Herr Eyth, Ingenieur und Vertreter der
berühmten Firma John Fowler & Co. aus Leeds in England; Herr Eyth
ist im Begriff, Gentlemen, einen Ersatz für unsre Neger in Louisiana
einzuführen, so daß die farbigen Gentlemen sich in Zukunft mit größerer
Ruhe der Anfertigung unsrer neuen Konstitution widmen können.«
Beauregard, ein schweigsamer Mann mit weißen Haaren, machte ein
finsteres Gesicht und zeigte keine Lust, auf Longstreets Witzchen
einzugehen. Der kleine, elastische General Taylor dagegen lachte.
»Was hilft das Zähneknirschen, Beauregard?« sagte er munter. »Wir
sind geschlagen. Darüber ist kein Zweifel. Man muß sehen, wie man
sich daran gewöhnt. -- Waren Sie schon in unserm Abgeordnetenhaus?«
wandte er sich an mich. »Dorthin müssen Sie gehen. Alles schwarz. So
etwas hat man nicht gesehen, seit sich der Erdball um die Sonne dreht.
Mein Plantagenhufschmied, der mich seinerzeit dreizehnhundert Dollars
kostete, ist erster Schriftführer. Aber reden sollten Sie den Mann
hören! Alle sechs Wochen erhöhen die Herren in namentlicher Abstimmung
ihre Tagegelder. Bis jetzt war dies ihre einzige gesetzgeberische
Tätigkeit. Aber reden muß man sie hören. O Jerusalem!« ...
»Mittlerweile müssen wir jetzt danach sehen, wie man Maulesel
beschlägt«, meinte Longstreet, »und den Boden aufreißt, Kanalschiffe
durch die alten Swamps schleppt und Schienen im Sand von Texas begräbt.
Das ist Beauregards Spezialität. -- Sie also wollen uns pflügen helfen,
Herr Eyth?«
»Ich hoffe so, General«, antwortete ich mit erwachender Zuversicht
und fühlte mich den drei Helden des großen Bürgerkriegs mit jeder
Minute menschlich näher. »Der Dampf hat schon größere Schwierigkeiten
überwunden.«
»Sie scheinen einen guten Glauben an den Dampf zu haben«, meinte
Beauregard grimmig. »Vor fünf Jahren ging mir's ähnlich: mit dem
Pulverdampf!«
»Wenn einmal die erste Lokomotive über seine ›Texasstrandlinie‹ läuft,
wird sein Glaube wieder lebendig werden«, sagte Taylor tröstend.
»Nehmen Sie ihm ein paar hundert Aktien ab, Herr Eyth, wenn Sie den
alten Bären lachen sehen wollen. Ich habe leider mit dem größeren
Teil meines Vermögens meinen Salon tapezieren lassen: alles echte
konföderierte Tausenddollarnoten, die die Yankees für uns fabrizierten.
Das müssen Sie sich ansehen, ehe Sie uns verlassen. Verstehen Sie etwas
von Kanalschiffahrt? Ich nicht; und ein unbehagliches Gefühl ist es für
einen Soldaten und Kanaldirektor.«
Als in diesem Augenblick Major Owen eintrat, verabschiedeten sich die
Herren mir gegenüber mit allgemeinem Händeschütteln, untereinander
mit halb militärischen Grüßen und kaum bemerkbaren Blicken, die
jedoch erraten ließen, daß sich unter der Oberfläche einer zu lauten
Heiterkeit manches regte, das der Fremde nicht zu sehen brauchte.
»Galgenhumor!« sagte Longstreet, von der Tür zurückkommend, mit einem
leichten Schatten auf seinem guten, wohlwollenden Gesicht. »Taylor
hat sein ganzes, großes Vermögen endgültig verloren. Er hat zwei
Schwestern, vor fünf Jahren die ersten Damen von New Orleans, die
eine Nähschule anfangen wollen, um zu leben. Übrigens geht es uns
allen nicht viel besser. Doch es wird wieder anders kommen! Bei Gott,
schlechter kann's nicht werden! -- Ihr Schiff, der ›Wilde Westen‹, muß
jeden Augenblick hier sein, Herr Eyth. Der Major ist auf dem Zollamt,
um den Betrag des Zolls festzustellen. Er hofft, Ihren Pflug um
fünfzehnhundert Dollars hereinzubekommen. Natürlich muß er erklären,
daß die ganze Sendung aus rohem Gußeisen besteht. Das wird ihm um so
leichter, als er noch nichts davon gesehen hat und einen Dampfpflug von
einem Bienenkorb nicht unterscheiden kann, wenigstens zollamtlich. Sie
sehen, wir haben schon einiges von unsern nordischen Freunden gelernt.
Im schlimmsten Fall müßten Sie allerdings beschwören, daß die Angaben
meines Geschäftsteilhabers ihre Richtigkeit haben.«
Ich schnappte nach Luft. Jedermann kannte Longstreet als einen
Ehrenmann ohne Furcht und Tadel, und seine treuherzigen blauen Augen
sahen so kindlich in die Welt hinaus, daß ihm der größte europäische
Spitzbube aufs Wort geglaubt hätte.
»Aber, General, das geht wirklich etwas zu weit«, stotterte ich.
»Gußeisen! Seit zehn Jahren trompeten wir in Wort und Schrift in alle
Welt hinaus, daß wir den besten Stahl an Stelle jedes Stückchens
Gußeisen anwenden, das durch Stahl zu ersetzen ist. Ich habe erst
gestern einen Zeitungsartikel an den ›New Orleans Picayune‹ gesandt, in
dem ich mit Nachdruck darauf hinweise.«
»Und ist das alles, was Sie da geschrieben haben, so ganz wörtlich
zu nehmen?« fragte Longstreet, indem er mich zutraulich anblinzelte.
»Sehen Sie, lieber Herr Eyth, Sie müssen sich in unsre Sitten einleben.
Geschworen wird bei uns das Blaue vom Himmel herunter; an das müssen
Sie sich vor allen Dingen gewöhnen. Auf dem hiesigen Zollamt werden
an guten Tagen etliche fünfzig Eide geleistet. Schweinefleisch,
Baumwollballen, Stockfische, Seidenkleider, Guß- und Schmiedeeisen,
alles, was die Barre passiert, wird im Namen des allmächtigen Gottes
für das erklärt, was es meist nicht ist. Die ganze Union ist entlang
ihrer zwölftausend Meilen langen Grenze von einem Schnellfeuer von
Meineiden beschützt, die jahraus jahrein ununterbrochen, außer am
Sabbat, gen Himmel knallen. Das verlangt die Konstitution dieses
großen und erleuchteten Landes und gehört zum Segen des Schutzzolls.
Sie sehen, wir sind ein religiöses und gesetzliebendes Volk, seitdem
wir wieder zur glorreichen, unteilbaren Republik gehören und ein
Rudel Schwarzer unsre Gesetze macht. Auch uns, den alten Herren von
Louisiana, wird es nicht immer ganz leicht, im neuen Fahrwasser zu
schwimmen, das kann ich Ihnen unter der Hand versichern.«
Major Owen trat ein, ein noch junger, hübscher Mann, dem man übrigens
die Strapazen einer harten Zeit deutlich ansah, und bei dem unter
der höflich lächelnden Oberfläche häufiger als bei Longstreet der
verhaltene Grimm, die kochende Bitterkeit gegen die Verhältnisse
durchbrach, in denen wir lebten. Der kurze Gruß der beiden zeigte
deutlich die soldatischen Beziehungen der kaum vergangenen Zeit und
zugleich von seiten des jüngeren Mannes eine fast schwärmerische
Verehrung für den älteren. Man weiß in langen Friedenszeiten so viel
von der Verrohung zu erzählen, die der Krieg mit sich bringt. Mitten im
Kampf und oft genug nach demselben sieht man nicht selten auch Blüten
und Früchte andrer Art.
Nein, es sei nichts mit den 1500 Dollars, berichtete der Major. Der
Zolldirektor, ein regelrechter Reisesackpolitiker aus dem Norden,
bestehe auf dem vollen Zoll von 4200 Dollars in Gold, wenn ich nicht
vielleicht bereit sei, andre Überredungskünste in Bewegung zu setzen.
»Wieviel?« fragte ich. Diese Form der Frage begann mir schon geläufiger
zu werden.
»Ich denke, mit 500 Dollars ließe sich der Gußeisenzoll erreichen«,
sagte der Major nachdenklich. »Das wären noch immer 2200 Dollars in
Ihre Tasche. Aber bei Jupiter! das müssen Sie selbst regeln, Herr Eyth.
Ich habe die Spitzbubengeschichte satt.«
»Und ich bin für eine solche Verhandlung noch nicht lange genug in
Ihrem großen und erleuchteten Lande gewesen!« rief ich in einer
Aufwallung moralischer Entrüstung, die beide Herren höchlich belustigte.
»Aber Sie kommen doch aus der Türkei oder aus Ägypten«, meinte
Longstreet nach einer Pause.
»Wohl wahr, und ich überlege selbst gelegentlich, worin eigentlich
der Unterschied liegt. Das tröstliche Wort Bakschisch erklärt ihn
vielleicht teilweise. Dort, einem schmunzelnden Effendi gegenüber,
hat man das Gefühl, als sei dies alles, wie es der Schöpfer gewollt
hat, als habe man es mit einer andern Gattung von Säugetieren zu tun,
die nun einmal nicht leben können, wenn sie nicht geschmiert werden.
Hier, im Verkehr mit Herren in schwarzen Sonntagshosen, mit einem
Gesicht ernst und ehrenfest und wie aus Holz geschnitzt, finde ich den
richtigen Ton noch nicht.«
»Das wird kommen, Herr Eyth,« meinte Longstreet, »ich fürchte, das
wird rasch genug kommen. Eine im Grunde aufrichtige Natur wie Sie
findet sich bei uns bald zurecht. Man muß uns nur verstehen. Sie haben
noch keinen Begriff davon, mit welcher Ehrlichkeit unsre Spitzbuben
zu Werke gehen. Lesen Sie die Verhandlungen, in denen der große Boß
des Tammanyrings, Mister Tweed, in New York seit ein paar Wochen
glänzt. Sie kommen gerade zur rechten Zeit hierher. Wir wissen das
alles schon seit fünf Jahren: für Sie ist es eine gute Anfangslektion.
Bitte, beachten Sie die Ehrlichkeit, mit der der Mann seine fünfzig
Millionen aus dem Steuerbeutel der New Yorker gestohlen hat. Keine
Intriguen wie in der alten, verrotteten Welt, aus der Sie kommen,
keine Heimlichkeiten, keine Hintertreppengemeinheiten. Alles offen und
geradeaus, was man auf beiden Seiten des Wassers ›~fair play~‹ nennt.
›Ich greife in die Stadtkasse und hole mir eine Million heraus --
ungezählt. Sie, Mister Schatzmeister, drücken die Augen zu und erhalten
hierfür dreimalhunderttausend Dollars. Abgemacht?‹ sagt der eine. --
›Abgemacht!‹ sagt der andre. Das war die Formel für alle Geschäfte des
großen Mannes, der New York bis gestern regierte. Möglich, daß er jetzt
ins Zuchthaus wandert. Alle zwölf Jahre schüttelt sich das unglaublich
faule Volk der wirklich achtbaren Leute, und das Geschmeiß fällt ab.
Wahrscheinlicher ist aber, daß er das Geschäft nach einigen Monaten
wieder aufnimmt. Ein andrer, wenn nicht er, tut es sicher.«
Ich erzählte, was ich mit Olcott in Washington vereinbart hatte.
»Sehr schön,« sagte Longstreet, »für einen Anfang sogar recht brav
gemacht! -- Olcott? -- Olcott? -- Ich erinnere mich des Namens. --
Major, wissen Sie, wo wir einem Olcott begegnet sind?«
»Wenn es der Artilleriehauptmann ist, der uns bei Chattanooga
gegenüberstand,« sagte Owen, »so ist es wenigstens ein braver Soldat.
Der Mann stand bei seinen zerschossenen Kanonen, bis der letzte
Artillerist am Boden lag. James Olcott. Ich ließ mir den Namen von ein
paar Gefangenen sagen, die zu seiner Batterie gehört hatten. Er selber
entwischte uns schließlich doch.«
»James Olcott!« rief ich erfreut, »das stimmt! Da glauben Sie wohl
auch, daß ich an den richtigen Mann geraten bin, der unsre Sache
ehrlich vertreten wird?«
»Was das betrifft,« meinte Longstreet gedehnt, »warten wir's ab!
Bei Chattanooga hätte ich dem Mann mein Vermögen samt Weib und Kind
anvertraut, in Washington würde ich keinen roten Cent an ihn wagen.
Für den Augenblick hilft uns Ihr Freund jedenfalls nichts. Sie müssen
sich entscheiden: entweder bleibt der Pflug unter Zollverschluß, bis
der Kongreß zu einer Entscheidung kommt -- das mag sechs Wochen dauern
oder sechs Monate oder sechs Jahre, kein Mensch kann es wissen -- oder
Sie entschließen sich, die 4200 Dollars zu zahlen. Einen dritten Ausweg
sehe ich nicht, wenn Sie dem Zolldirektor keinen Privatbesuch machen
mögen. Was wollen Sie tun?«
»Aber so viel Geld habe ich nicht hier«, bemerkte ich sorgenvoll.
»Natürlich, doch das ist einfach!« tröstete Longstreet. »Ein Wechsel
auf Ihre Freunde in London regelt die Sache in drei Minuten.«
Kapitän Owens rosiges Gesicht sah zu der sich leise öffnenden Tür
herein:
»Kann Sie Mister Lawrence sprechen, General? Der Bruder des Mister
Lawrence von der Magnoliaplantage. Es betrifft den Dampfpflug.«
»Sicherlich!« rief Longstreet fröhlich. »Wie geht es Ihnen, Mister
Lawrence?« Mister Lawrence stand nämlich schon mitten im Zimmer, den
Hut auf dem Hinterkopf, beide Hände auf dem Knotenstock, die stämmigen
Beinchen ausgespreizt wie eine kleine Kopie des Kolosses von Rhodos,
und lächelte uns der Reihe nach verständnisvoll an.
»Wie geht es Ihnen, General?« rief er eifrig. »Ich bin Mister
Lawrences Bruder von Magnoliaplantage, Plagueminegrafschaft; Sie
wissen, General? Ein guter Südländer in der Zeit der Sezession. Aber
wir müssen mit den Wölfen heulen und schließlich auch dampfpflügen,
wenn unsre farbigen Herren es wünschen. Übrigens bin ich im Ausschuß
der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana und habe Ihnen einen
Vorschlag zu machen.«
»Was, sind Sie noch nicht bankrott?« fragte Longstreet verwundert.
»Die Landwirtschaftsgesellschaft? Noch nicht, im Gegenteil! Wir haben
bloß kein Geld. Aber hier, dieser Gentleman aus der Alten Welt hat
mir eine Idee eingegeben, aus der sich etwas machen läßt. Wir haben
unsern Ausstellungspark vor der Stadt, einen prächtigen Platz. Die
Herren Owen kennen ihn; Rennbahn, Tribüne, alles. Wir machen den
nötigen Lärm, dafür lassen Sie mich sorgen. Herr Eyth läßt dort seinen
Dampfpflug laufen, und die ganze Welt strömt zusammen, das Weltwunder
anzustaunen. Überall hört man vom Dampfpflug; kein Mensch hat das Ding
je gesehen. Das muß ziehen. Die Landwirtschaftsgesellschaft nimmt das
Eintrittsgeld; Sie, General, haben die Ehre, den Süden zum zweitenmal
zu retten; das heißt« -- Lawrence wurde sichtlich verlegen -- »das
heißt zum erstenmal, und Mister Eyth verkauft ungezählte Apparate an
die Yankees, die unsre Plantagen in Besitz genommen haben und nicht
wissen, was sie jetzt weiter tun sollen.«
»Und die Kosten?« fragte ich nicht ganz ohne Bedenken, obgleich
Lawrences Plan wie ein Lichtstrahl in das zweifelhafte Dunkel fiel,
in dem ich bis jetzt gelebt hatte. Denn auch ich wußte kaum, wie ich
weiterkommen sollte. »Es kostet ein rundes Sümmchen, Herr Lawrence, den
großen Apparat, sagen wir, eine Woche lang auf Ihrem Ausstellungsplatz
in Gang zu erhalten.«
»Ganz einfach!« sprudelte mein neuer Freund. »Die
Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana schreibt einen glänzenden
Preis für den besten Dampfpflug aus. Sie erhalten den Preis, den wir
aus den Eintrittsgeldern bezahlen. Was kostet der Rummel, wenn wir acht
Tage arbeiten?«
»Ich denke, ich sollte mindestens 500 Dollars haben, um die Kosten
zu decken«, sagte ich, mit höchst unnötiger Gewissenhaftigkeit
kopfrechnend.
»Sagen wir 750!« meinte Lawrence. »Gut! Morgen schreibt unser Komitee
einen Preis von 750 Dollars aus; dafür lassen Sie mich sorgen.«
»Sie können nichts Gescheiteres tun, als ja sagen, Herr Eyth«, sagte
Longstreet, sichtlich erstaunt über mein Zaudern. »Mister Lawrences
Bruder ist ein praktischer Mann, das sieht man auf den ersten Blick.
-- Ich gratuliere Ihnen, Herr Lawrence! Sie sind ein würdiges
Ausschußmitglied unsrer großen Landwirtschaftsgesellschaft von
Louisiana!«
»Wann kann die Prüfung losgehen, Mister Eyth?« fragte Lawrence, ohne
des Generals Komplimente zu beachten, indem er seinen Hut noch weiter
auf den Hinterkopf schob, der vor Eifer zu dampfen schien.
Das war der rasche Pulsschlag des amerikanischen Lebens, der uns
langsame Europäer manchmal fast betäubt. Ich hatte, wie es schien,
zehn Sekunden Zeit, mir alles zu überlegen. Der Pflug, in etlichen
fünfzig gewaltigen Kisten, schwamm noch wohlverpackt und unverzollt auf
dem Mississippi. Ich wußte nicht, ob der unentbehrliche Monteur und
Dampfpflüger mitgekommen war, ohne den es nahezu unmöglich war, eine
öffentliche Vorstellung mit dem neuen Apparat und einer Bemannung von
völlig unerfahrenen Heizern und Pflügern zu geben. Dann, wer weiß, in
welch unpflügbarem Zustand sich der gerühmte Ausstellungspark befand,
in dem das Experiment stattfinden sollte. Doch es war nicht mein erster
rascher Entschluß. Frisch gewagt ist halb gewonnen, und die vierzehn
Tage Wartens in der schwülen Luft des Mississippideltas hatten mich ein
wenig ungeduldig und tatendurstig gemacht.
»Haben Sie ein Wechselformular zur Hand?« fragte ich.
Major Owen reichte mir die Feder; das Papier lag bereits säuberlich
ausgeschrieben auf des Generals Schreibtisch, der es in wundersam
wackligen, nach links fallenden Schriftzügen mit seiner noch
vorhandenen Hand ausgefüllt hatte, während wir uns unterhielten. Ich
unterzeichnete das Dokument, demzufolge die Herren John Fowler & Co.
sich verpflichteten, vierzehn Tage nach Sicht dem Überbringer 4200
Dollars in Gold auszuzahlen.
Der Major verabschiedete sich mit dem kleinen Zettel, um ihn zu
versilbern. Es war keine Zeit zu verlieren. Ein Junge stand im äußeren
Bureau mit der Nachricht, daß der »Wilde Westen« soeben am Fuße der
Tschapatulastraße anlege. Der Kapitän wolle wissen, was mit den fünfzig
Maschinenkisten geschehen solle, die sofort ausgeladen werden müßten,
da der Pflug als Deckladung verschifft sei.
Und damit hatte ich ja meinen Pflug und konnte die Neue Welt fünfzehn
Zoll tief aufbrechen, wann und wo ich wollte!
[Illustration]