2. Eine Generalversammlung

Die Geschäftszimmer der Firma Longstreet, Owen & Co. in der

Jacksonstraße bestanden aus zwei geräumigen, hellen Gemächern mit dem

freundlichen Ausblick auf einen etwas verwilderten Garten, in welchem

Palmetten, Kaktusbirnen und Aloes in der weißen Vormittagssonne

schimmerten. Er mußte vor fünf Jahren ein prachtvolles Bild südlicher

Pflanzenüppigkeit geboten haben. Jetzt schien er sich selbst überlassen

zu sein, und seine Lianen machten ernstlich Anstalt, über das Haus

wegzukriechen, um sich dessen Straßenfront anzusehen. Im äußeren,

größeren Zimmer hausten die zwei jungen Owen, von denen der eine

Major, der andre Kapitän genannt wurde. Dies waren sichtlich keine

bloßen Ehrentitel: der Major hinkte infolge eines Schusses im Bein,

der Kapitän hatte einen tiefen Säbelhieb in der im übrigen rosigen

Wange. Das zweite, kleinere Gelaß war das Geschäftszimmer des Generals

Longstreet, den Freund und Feind im Süden mit sichtlicher Hochachtung

die rechte Hand des Generals Lee zu nennen pflegten, seitdem Longstreet

selbst nur noch eine linke hatte. Seine eigne Rechte lag auf dem

Schlachtfeld bei Chattanooga begraben. Alle drei waren jetzt ehrsame

Baumwollmakler und Generalagenten für alles mögliche, was der Süden

brauchen oder nicht brauchen konnte, auch für unsre Dampfpflüge. Ich

selbst bin ein Mann des Friedens, und als mich der junge Owen mit der

liebenswürdigen Höflichkeit des Südländers bat, ein wenig zu warten,

da sich General Beauregard und General Taylor augenblicklich bei

General Longstreet befänden, wurde es mir doch etwas schwül in dieser

kriegerischen Umgebung, trotz der Baumwollproben, die auf allen Tischen

und Gesimsen umherstanden. Doch so ist nun einmal das amerikanische

Leben. Gestern standen die drei Männer, die im Nebenzimmer das Sinken

der Baumwollpreise besprachen, an der Spitze von Armeen und schrieben

in blutigen Schriftzügen an der Geschichte der Neuen Welt. Beauregard

hatte zur Eröffnung des großen Bürgerkriegs die ersten Schüsse bei

Fort Sumter abgefeuert, Taylor war vier blutige Jahre lang der

Soldatenliebling aller Damen Louisianas gewesen, und Longstreet, eine

mächtige, echt ritterliche Gestalt, hatte bis zum bitteren Ende beim

Appomatox-Courthouse mit seiner verstümmelten Rechten an der Seite

seines großen Chefs gefochten, wobei ihm die beiden Owen als seine

persönlichen Adjutanten zur Seite standen. Der Kapitän hatte mir schon

davon erzählt, wie es ihm und den Tausenden seiner halbverhungerten

und halbverbluteten Kameraden am Abend bei der Übergabe der Armee,

die den furchtbaren Krieg beendete, zumute gewesen war, wie ihm und

allen andern eine Zentnerlast vom Herzen gefallen sei, an der sie

seit Monaten geschleppt hatten, und wie er in der nächsten halben

Stunde sein armes, halbtotes Pferd um 32000 Dollar in konföderiertem

Papiergeld verkauft und ein Paar Stiefel um 430 Dollar gekauft habe.

So stand es damals um Stiefel, Pferde und Geld. -- Etwas besser war's

nun doch schon geworden. Taylor war Präsident des kleinen versumpften

Kanals, der von New Orleans nach dem Pont Chartrin führt, Beauregard

geschäftlicher Leiter einer im Bau begriffenen Bahn nach Texas,

Longstreet und seine einstigen Adjutanten Baumwollhändler. Der Major

war nicht anwesend. Er sagte mir, sein jüngerer Bruder sei auch in

kaufmännischen Dingen noch heute Longstreets rechte Hand. »Lauter

rechte Hände,« dachte ich, »und doch ist die ›große Sache‹ schief

gegangen.«

Während mein neuer Freund Lawrence sofort in lebhaftem Gespräch

mit dem jungen Owen seine Zuckertüten aus der Tasche holte, sie

auf den Tisch schüttete und ihn für die herrlichen Kristalle der

Magnoliaplantage zu begeistern suchte, öffnete sich die Tür des

Nebenzimmers, und Longstreets breites, treuherziges Soldatengesicht

winkte mir zu, einzutreten. Die beiden andern Heerführer standen

um ein Tischchen und zupften mit jener langsamen, sachverständigen

Handbewegung Baumwollflocken auseinander, die bewies, daß sie wußten,

was sie taten. Jedes Gewerbe hat gewisse zünftige Bewegungen, an denen

sich die Eingeweihten sofort erkennen: man weiß, wie der richtige

Getreidehändler das Korn von einer Hand in die andre rollen läßt, der

Zuckersieder den zähflüssigen Zucker zwischen Daumen und Zeigefinger

ausspinnt und der Gastwirt seinen Kaviar empfiehlt, indem er Daumen

und Zeigefinger zusammendrückt und mit halbgeschlossenen Augen den

Mund zuspitzt, als ob er küssen oder pfeifen wollte. So wußte ich nun

auch, daß sämtliche drei Generale aus Familien stammten, die große

Baumwollplantagen besessen hatten.

Longstreet stellte mich vor: »Herr Eyth, Ingenieur und Vertreter der

berühmten Firma John Fowler & Co. aus Leeds in England; Herr Eyth

ist im Begriff, Gentlemen, einen Ersatz für unsre Neger in Louisiana

einzuführen, so daß die farbigen Gentlemen sich in Zukunft mit größerer

Ruhe der Anfertigung unsrer neuen Konstitution widmen können.«

Beauregard, ein schweigsamer Mann mit weißen Haaren, machte ein

finsteres Gesicht und zeigte keine Lust, auf Longstreets Witzchen

einzugehen. Der kleine, elastische General Taylor dagegen lachte.

»Was hilft das Zähneknirschen, Beauregard?« sagte er munter. »Wir

sind geschlagen. Darüber ist kein Zweifel. Man muß sehen, wie man

sich daran gewöhnt. -- Waren Sie schon in unserm Abgeordnetenhaus?«

wandte er sich an mich. »Dorthin müssen Sie gehen. Alles schwarz. So

etwas hat man nicht gesehen, seit sich der Erdball um die Sonne dreht.

Mein Plantagenhufschmied, der mich seinerzeit dreizehnhundert Dollars

kostete, ist erster Schriftführer. Aber reden sollten Sie den Mann

hören! Alle sechs Wochen erhöhen die Herren in namentlicher Abstimmung

ihre Tagegelder. Bis jetzt war dies ihre einzige gesetzgeberische

Tätigkeit. Aber reden muß man sie hören. O Jerusalem!« ...

»Mittlerweile müssen wir jetzt danach sehen, wie man Maulesel

beschlägt«, meinte Longstreet, »und den Boden aufreißt, Kanalschiffe

durch die alten Swamps schleppt und Schienen im Sand von Texas begräbt.

Das ist Beauregards Spezialität. -- Sie also wollen uns pflügen helfen,

Herr Eyth?«

»Ich hoffe so, General«, antwortete ich mit erwachender Zuversicht

und fühlte mich den drei Helden des großen Bürgerkriegs mit jeder

Minute menschlich näher. »Der Dampf hat schon größere Schwierigkeiten

überwunden.«

»Sie scheinen einen guten Glauben an den Dampf zu haben«, meinte

Beauregard grimmig. »Vor fünf Jahren ging mir's ähnlich: mit dem

Pulverdampf!«

»Wenn einmal die erste Lokomotive über seine ›Texasstrandlinie‹ läuft,

wird sein Glaube wieder lebendig werden«, sagte Taylor tröstend.

»Nehmen Sie ihm ein paar hundert Aktien ab, Herr Eyth, wenn Sie den

alten Bären lachen sehen wollen. Ich habe leider mit dem größeren

Teil meines Vermögens meinen Salon tapezieren lassen: alles echte

konföderierte Tausenddollarnoten, die die Yankees für uns fabrizierten.

Das müssen Sie sich ansehen, ehe Sie uns verlassen. Verstehen Sie etwas

von Kanalschiffahrt? Ich nicht; und ein unbehagliches Gefühl ist es für

einen Soldaten und Kanaldirektor.«

Als in diesem Augenblick Major Owen eintrat, verabschiedeten sich die

Herren mir gegenüber mit allgemeinem Händeschütteln, untereinander

mit halb militärischen Grüßen und kaum bemerkbaren Blicken, die

jedoch erraten ließen, daß sich unter der Oberfläche einer zu lauten

Heiterkeit manches regte, das der Fremde nicht zu sehen brauchte.

»Galgenhumor!« sagte Longstreet, von der Tür zurückkommend, mit einem

leichten Schatten auf seinem guten, wohlwollenden Gesicht. »Taylor

hat sein ganzes, großes Vermögen endgültig verloren. Er hat zwei

Schwestern, vor fünf Jahren die ersten Damen von New Orleans, die

eine Nähschule anfangen wollen, um zu leben. Übrigens geht es uns

allen nicht viel besser. Doch es wird wieder anders kommen! Bei Gott,

schlechter kann's nicht werden! -- Ihr Schiff, der ›Wilde Westen‹, muß

jeden Augenblick hier sein, Herr Eyth. Der Major ist auf dem Zollamt,

um den Betrag des Zolls festzustellen. Er hofft, Ihren Pflug um

fünfzehnhundert Dollars hereinzubekommen. Natürlich muß er erklären,

daß die ganze Sendung aus rohem Gußeisen besteht. Das wird ihm um so

leichter, als er noch nichts davon gesehen hat und einen Dampfpflug von

einem Bienenkorb nicht unterscheiden kann, wenigstens zollamtlich. Sie

sehen, wir haben schon einiges von unsern nordischen Freunden gelernt.

Im schlimmsten Fall müßten Sie allerdings beschwören, daß die Angaben

meines Geschäftsteilhabers ihre Richtigkeit haben.«

Ich schnappte nach Luft. Jedermann kannte Longstreet als einen

Ehrenmann ohne Furcht und Tadel, und seine treuherzigen blauen Augen

sahen so kindlich in die Welt hinaus, daß ihm der größte europäische

Spitzbube aufs Wort geglaubt hätte.

»Aber, General, das geht wirklich etwas zu weit«, stotterte ich.

»Gußeisen! Seit zehn Jahren trompeten wir in Wort und Schrift in alle

Welt hinaus, daß wir den besten Stahl an Stelle jedes Stückchens

Gußeisen anwenden, das durch Stahl zu ersetzen ist. Ich habe erst

gestern einen Zeitungsartikel an den ›New Orleans Picayune‹ gesandt, in

dem ich mit Nachdruck darauf hinweise.«

»Und ist das alles, was Sie da geschrieben haben, so ganz wörtlich

zu nehmen?« fragte Longstreet, indem er mich zutraulich anblinzelte.

»Sehen Sie, lieber Herr Eyth, Sie müssen sich in unsre Sitten einleben.

Geschworen wird bei uns das Blaue vom Himmel herunter; an das müssen

Sie sich vor allen Dingen gewöhnen. Auf dem hiesigen Zollamt werden

an guten Tagen etliche fünfzig Eide geleistet. Schweinefleisch,

Baumwollballen, Stockfische, Seidenkleider, Guß- und Schmiedeeisen,

alles, was die Barre passiert, wird im Namen des allmächtigen Gottes

für das erklärt, was es meist nicht ist. Die ganze Union ist entlang

ihrer zwölftausend Meilen langen Grenze von einem Schnellfeuer von

Meineiden beschützt, die jahraus jahrein ununterbrochen, außer am

Sabbat, gen Himmel knallen. Das verlangt die Konstitution dieses

großen und erleuchteten Landes und gehört zum Segen des Schutzzolls.

Sie sehen, wir sind ein religiöses und gesetzliebendes Volk, seitdem

wir wieder zur glorreichen, unteilbaren Republik gehören und ein

Rudel Schwarzer unsre Gesetze macht. Auch uns, den alten Herren von

Louisiana, wird es nicht immer ganz leicht, im neuen Fahrwasser zu

schwimmen, das kann ich Ihnen unter der Hand versichern.«

Major Owen trat ein, ein noch junger, hübscher Mann, dem man übrigens

die Strapazen einer harten Zeit deutlich ansah, und bei dem unter

der höflich lächelnden Oberfläche häufiger als bei Longstreet der

verhaltene Grimm, die kochende Bitterkeit gegen die Verhältnisse

durchbrach, in denen wir lebten. Der kurze Gruß der beiden zeigte

deutlich die soldatischen Beziehungen der kaum vergangenen Zeit und

zugleich von seiten des jüngeren Mannes eine fast schwärmerische

Verehrung für den älteren. Man weiß in langen Friedenszeiten so viel

von der Verrohung zu erzählen, die der Krieg mit sich bringt. Mitten im

Kampf und oft genug nach demselben sieht man nicht selten auch Blüten

und Früchte andrer Art.

Nein, es sei nichts mit den 1500 Dollars, berichtete der Major. Der

Zolldirektor, ein regelrechter Reisesackpolitiker aus dem Norden,

bestehe auf dem vollen Zoll von 4200 Dollars in Gold, wenn ich nicht

vielleicht bereit sei, andre Überredungskünste in Bewegung zu setzen.

»Wieviel?« fragte ich. Diese Form der Frage begann mir schon geläufiger

zu werden.

»Ich denke, mit 500 Dollars ließe sich der Gußeisenzoll erreichen«,

sagte der Major nachdenklich. »Das wären noch immer 2200 Dollars in

Ihre Tasche. Aber bei Jupiter! das müssen Sie selbst regeln, Herr Eyth.

Ich habe die Spitzbubengeschichte satt.«

»Und ich bin für eine solche Verhandlung noch nicht lange genug in

Ihrem großen und erleuchteten Lande gewesen!« rief ich in einer

Aufwallung moralischer Entrüstung, die beide Herren höchlich belustigte.

»Aber Sie kommen doch aus der Türkei oder aus Ägypten«, meinte

Longstreet nach einer Pause.

»Wohl wahr, und ich überlege selbst gelegentlich, worin eigentlich

der Unterschied liegt. Das tröstliche Wort Bakschisch erklärt ihn

vielleicht teilweise. Dort, einem schmunzelnden Effendi gegenüber,

hat man das Gefühl, als sei dies alles, wie es der Schöpfer gewollt

hat, als habe man es mit einer andern Gattung von Säugetieren zu tun,

die nun einmal nicht leben können, wenn sie nicht geschmiert werden.

Hier, im Verkehr mit Herren in schwarzen Sonntagshosen, mit einem

Gesicht ernst und ehrenfest und wie aus Holz geschnitzt, finde ich den

richtigen Ton noch nicht.«

»Das wird kommen, Herr Eyth,« meinte Longstreet, »ich fürchte, das

wird rasch genug kommen. Eine im Grunde aufrichtige Natur wie Sie

findet sich bei uns bald zurecht. Man muß uns nur verstehen. Sie haben

noch keinen Begriff davon, mit welcher Ehrlichkeit unsre Spitzbuben

zu Werke gehen. Lesen Sie die Verhandlungen, in denen der große Boß

des Tammanyrings, Mister Tweed, in New York seit ein paar Wochen

glänzt. Sie kommen gerade zur rechten Zeit hierher. Wir wissen das

alles schon seit fünf Jahren: für Sie ist es eine gute Anfangslektion.

Bitte, beachten Sie die Ehrlichkeit, mit der der Mann seine fünfzig

Millionen aus dem Steuerbeutel der New Yorker gestohlen hat. Keine

Intriguen wie in der alten, verrotteten Welt, aus der Sie kommen,

keine Heimlichkeiten, keine Hintertreppengemeinheiten. Alles offen und

geradeaus, was man auf beiden Seiten des Wassers ›~fair play~‹ nennt.

›Ich greife in die Stadtkasse und hole mir eine Million heraus --

ungezählt. Sie, Mister Schatzmeister, drücken die Augen zu und erhalten

hierfür dreimalhunderttausend Dollars. Abgemacht?‹ sagt der eine. --

›Abgemacht!‹ sagt der andre. Das war die Formel für alle Geschäfte des

großen Mannes, der New York bis gestern regierte. Möglich, daß er jetzt

ins Zuchthaus wandert. Alle zwölf Jahre schüttelt sich das unglaublich

faule Volk der wirklich achtbaren Leute, und das Geschmeiß fällt ab.

Wahrscheinlicher ist aber, daß er das Geschäft nach einigen Monaten

wieder aufnimmt. Ein andrer, wenn nicht er, tut es sicher.«

Ich erzählte, was ich mit Olcott in Washington vereinbart hatte.

»Sehr schön,« sagte Longstreet, »für einen Anfang sogar recht brav

gemacht! -- Olcott? -- Olcott? -- Ich erinnere mich des Namens. --

Major, wissen Sie, wo wir einem Olcott begegnet sind?«

»Wenn es der Artilleriehauptmann ist, der uns bei Chattanooga

gegenüberstand,« sagte Owen, »so ist es wenigstens ein braver Soldat.

Der Mann stand bei seinen zerschossenen Kanonen, bis der letzte

Artillerist am Boden lag. James Olcott. Ich ließ mir den Namen von ein

paar Gefangenen sagen, die zu seiner Batterie gehört hatten. Er selber

entwischte uns schließlich doch.«

»James Olcott!« rief ich erfreut, »das stimmt! Da glauben Sie wohl

auch, daß ich an den richtigen Mann geraten bin, der unsre Sache

ehrlich vertreten wird?«

»Was das betrifft,« meinte Longstreet gedehnt, »warten wir's ab!

Bei Chattanooga hätte ich dem Mann mein Vermögen samt Weib und Kind

anvertraut, in Washington würde ich keinen roten Cent an ihn wagen.

Für den Augenblick hilft uns Ihr Freund jedenfalls nichts. Sie müssen

sich entscheiden: entweder bleibt der Pflug unter Zollverschluß, bis

der Kongreß zu einer Entscheidung kommt -- das mag sechs Wochen dauern

oder sechs Monate oder sechs Jahre, kein Mensch kann es wissen -- oder

Sie entschließen sich, die 4200 Dollars zu zahlen. Einen dritten Ausweg

sehe ich nicht, wenn Sie dem Zolldirektor keinen Privatbesuch machen

mögen. Was wollen Sie tun?«

»Aber so viel Geld habe ich nicht hier«, bemerkte ich sorgenvoll.

»Natürlich, doch das ist einfach!« tröstete Longstreet. »Ein Wechsel

auf Ihre Freunde in London regelt die Sache in drei Minuten.«

Kapitän Owens rosiges Gesicht sah zu der sich leise öffnenden Tür

herein:

»Kann Sie Mister Lawrence sprechen, General? Der Bruder des Mister

Lawrence von der Magnoliaplantage. Es betrifft den Dampfpflug.«

»Sicherlich!« rief Longstreet fröhlich. »Wie geht es Ihnen, Mister

Lawrence?« Mister Lawrence stand nämlich schon mitten im Zimmer, den

Hut auf dem Hinterkopf, beide Hände auf dem Knotenstock, die stämmigen

Beinchen ausgespreizt wie eine kleine Kopie des Kolosses von Rhodos,

und lächelte uns der Reihe nach verständnisvoll an.

»Wie geht es Ihnen, General?« rief er eifrig. »Ich bin Mister

Lawrences Bruder von Magnoliaplantage, Plagueminegrafschaft; Sie

wissen, General? Ein guter Südländer in der Zeit der Sezession. Aber

wir müssen mit den Wölfen heulen und schließlich auch dampfpflügen,

wenn unsre farbigen Herren es wünschen. Übrigens bin ich im Ausschuß

der Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana und habe Ihnen einen

Vorschlag zu machen.«

»Was, sind Sie noch nicht bankrott?« fragte Longstreet verwundert.

»Die Landwirtschaftsgesellschaft? Noch nicht, im Gegenteil! Wir haben

bloß kein Geld. Aber hier, dieser Gentleman aus der Alten Welt hat

mir eine Idee eingegeben, aus der sich etwas machen läßt. Wir haben

unsern Ausstellungspark vor der Stadt, einen prächtigen Platz. Die

Herren Owen kennen ihn; Rennbahn, Tribüne, alles. Wir machen den

nötigen Lärm, dafür lassen Sie mich sorgen. Herr Eyth läßt dort seinen

Dampfpflug laufen, und die ganze Welt strömt zusammen, das Weltwunder

anzustaunen. Überall hört man vom Dampfpflug; kein Mensch hat das Ding

je gesehen. Das muß ziehen. Die Landwirtschaftsgesellschaft nimmt das

Eintrittsgeld; Sie, General, haben die Ehre, den Süden zum zweitenmal

zu retten; das heißt« -- Lawrence wurde sichtlich verlegen -- »das

heißt zum erstenmal, und Mister Eyth verkauft ungezählte Apparate an

die Yankees, die unsre Plantagen in Besitz genommen haben und nicht

wissen, was sie jetzt weiter tun sollen.«

»Und die Kosten?« fragte ich nicht ganz ohne Bedenken, obgleich

Lawrences Plan wie ein Lichtstrahl in das zweifelhafte Dunkel fiel,

in dem ich bis jetzt gelebt hatte. Denn auch ich wußte kaum, wie ich

weiterkommen sollte. »Es kostet ein rundes Sümmchen, Herr Lawrence, den

großen Apparat, sagen wir, eine Woche lang auf Ihrem Ausstellungsplatz

in Gang zu erhalten.«

»Ganz einfach!« sprudelte mein neuer Freund. »Die

Landwirtschaftsgesellschaft von Louisiana schreibt einen glänzenden

Preis für den besten Dampfpflug aus. Sie erhalten den Preis, den wir

aus den Eintrittsgeldern bezahlen. Was kostet der Rummel, wenn wir acht

Tage arbeiten?«

»Ich denke, ich sollte mindestens 500 Dollars haben, um die Kosten

zu decken«, sagte ich, mit höchst unnötiger Gewissenhaftigkeit

kopfrechnend.

»Sagen wir 750!« meinte Lawrence. »Gut! Morgen schreibt unser Komitee

einen Preis von 750 Dollars aus; dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Sie können nichts Gescheiteres tun, als ja sagen, Herr Eyth«, sagte

Longstreet, sichtlich erstaunt über mein Zaudern. »Mister Lawrences

Bruder ist ein praktischer Mann, das sieht man auf den ersten Blick.

-- Ich gratuliere Ihnen, Herr Lawrence! Sie sind ein würdiges

Ausschußmitglied unsrer großen Landwirtschaftsgesellschaft von

Louisiana!«

»Wann kann die Prüfung losgehen, Mister Eyth?« fragte Lawrence, ohne

des Generals Komplimente zu beachten, indem er seinen Hut noch weiter

auf den Hinterkopf schob, der vor Eifer zu dampfen schien.

Das war der rasche Pulsschlag des amerikanischen Lebens, der uns

langsame Europäer manchmal fast betäubt. Ich hatte, wie es schien,

zehn Sekunden Zeit, mir alles zu überlegen. Der Pflug, in etlichen

fünfzig gewaltigen Kisten, schwamm noch wohlverpackt und unverzollt auf

dem Mississippi. Ich wußte nicht, ob der unentbehrliche Monteur und

Dampfpflüger mitgekommen war, ohne den es nahezu unmöglich war, eine

öffentliche Vorstellung mit dem neuen Apparat und einer Bemannung von

völlig unerfahrenen Heizern und Pflügern zu geben. Dann, wer weiß, in

welch unpflügbarem Zustand sich der gerühmte Ausstellungspark befand,

in dem das Experiment stattfinden sollte. Doch es war nicht mein erster

rascher Entschluß. Frisch gewagt ist halb gewonnen, und die vierzehn

Tage Wartens in der schwülen Luft des Mississippideltas hatten mich ein

wenig ungeduldig und tatendurstig gemacht.

»Haben Sie ein Wechselformular zur Hand?« fragte ich.

Major Owen reichte mir die Feder; das Papier lag bereits säuberlich

ausgeschrieben auf des Generals Schreibtisch, der es in wundersam

wackligen, nach links fallenden Schriftzügen mit seiner noch

vorhandenen Hand ausgefüllt hatte, während wir uns unterhielten. Ich

unterzeichnete das Dokument, demzufolge die Herren John Fowler & Co.

sich verpflichteten, vierzehn Tage nach Sicht dem Überbringer 4200

Dollars in Gold auszuzahlen.

Der Major verabschiedete sich mit dem kleinen Zettel, um ihn zu

versilbern. Es war keine Zeit zu verlieren. Ein Junge stand im äußeren

Bureau mit der Nachricht, daß der »Wilde Westen« soeben am Fuße der

Tschapatulastraße anlege. Der Kapitän wolle wissen, was mit den fünfzig

Maschinenkisten geschehen solle, die sofort ausgeladen werden müßten,

da der Pflug als Deckladung verschifft sei.

Und damit hatte ich ja meinen Pflug und konnte die Neue Welt fünfzehn

Zoll tief aufbrechen, wann und wo ich wollte!

[Illustration]

Geld und Erfahrung · 第 13 / 27 题